Gliederung
1. Der Verzicht auf 'Nichts' 3
2. Cage und die Poetik. 4
3. „Silence“ 5
3.1 Autor und Herausgeber. 6
3.2 Widmung 6
3.3 Die Stille in der deutschsprachige Ausgabe 7
3.4 Das Vorwort. 8
4. Vortrag über nichts 9
4.1 Form und Aufbau 9
4.2 „Inhalte“ 11
4.2.1 Erste Einheit: Es gibt nichts zu sagen. 11
4.2.2 Zweite Einheit: Von der Struktur. 12
4.2.3 Dritte Einheit: Das Material. 13
4.2.4 Vierte Einheit: Der Weg ins Nirgendwo. 15
4.2.5 Fünfte Einheit: --?--. 16
4.3 Höreindruck. 17
5. Die subjektive Erfahrung des 'Nichts' 19
6. Literaturverzeichnis. 21
2
1. Der Verzicht auf 'Nichts'
„Für mich ist Stille im wesentlichen das Aufgeben jeglicher Absicht.“ 1 So spricht John Cage in einem Interview über die bildenden Künste bezüglich seiner Erwartungen gegenüber Film, Musik und Dichtung. Der Verzicht auf Absicht bedeutet Verzicht auf Erwartung, Verzicht auf Spekulation, Verzicht auf Ergebnis, gar Verzicht auf Inhalt?
Was ist also diese Stille? Oft kommt die Frage auf, ob überhaupt möglich sei, als Mensch nichts zu denken, völlige Leere zu empfinden, 'Stille' zu sein. Der Buddhismus lehrt in seiner spirituellen Praxis der Meditation diesen Zustand als bewusstseinserweiternde Übung. Zu beachten ist hierbei dass das lateinische Wort 'meditatio' neben 'zur Mitte ausrichten' auch mit 'das Nachdenken über etwas' übersetzt werden kann. 2 Jedoch soll gerade durch die Meditation jenes Enden des alltäglichen bewussten Denkens erreicht werden. Gibt es demnach also zweierlei Auffassungen des Wortes 'Nachdenken'? Zum einen das bewusste Nachdenken über von sich selbst aus betrachtete Dinge, Geschehnisse, Emotionen und dem gegenüber das Nachdenken zur Mitte gerichtet, ins tiefste Innerste hinein, vielleicht vorbewusst oder gar unbewusst? Demnach besäße der Verzicht auf Absichten in der Stille dennoch einen Inhalt, einen sogar bedeutenden Inhalt, den der eigenen Mitte, über das Wesen der Dinge, was auch immer das bedeuten mag. Cage, der sich selbst ausführlich mit dem Zen- Buddhismus beschäftigt ha t , bekräftigt im bereits erwähnten Interview eben jenes, hier allerdings bezüglich der bildenden Kunst 'Film': „Meiner Ansicht nach ist eine Diskussion über das Wesen der Stille in den drei verschiedenen Kunstformen, von denen eine der Film ist, bestimmt interessant. Sie könnte uns Aufschluss darüber geben, was das Wesen des Films ausmacht.“ 3 Bei Betrachtung des Vortrags 'lecture on nothing' von John Cage tut sich eine Parallele auf. Zwar geht es hier nicht direkt um die 'Stille' 4 , dennoch lässt schon der Titel vermuten, dass es in diesem Vortrag wohl um Nichts gehe. Wie soll man sich das vorstellen? Gibt es doch eine Vielzahl an Worten, Syntax und Interpunktionen, und doch drehe sich der Inhalt um Nichts? Es wird versucht im Laufe dieser Arbeit eine Antwort darauf zu finden, ob es, neben dem versuchten Gleichsetzen von Poetik und Musik bei Cage, der Betrachtung über das Nachdenken gleich zu tun, auch zweierlei Möglichkeiten des Verständnisses von/ vom 'Nichts' gibt, worum es demnach Cage in seinem Vortrag geht bzw. er darin überhaupt einer Intention folgt.
1 Kostelanetz, Conversing with John Cage, S. 137.
2 Pons, S. 158.
3 Kostelanetz, Conversing with John Cage, S. 136.
4 Zu beachten sei S. 31 von 'Silence', dt Ausgabe, worauf im weiteren Verlauf eingegangen werden wird.
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2. Cage und die Poetik
Neben dem umfassenden musikalischen Werk Cages finden sich zahlreiche theoretische Äußerungen seinerseits, die grob zweigliedrig sortiert werden können. Einmal gibt es Vorträge (lectures) und Schriften (writings), welche aufgrund gewisser Anlässe geschrieben und gehalten, später überarbeitet und veröffentlicht wurden, zweitens Gespräche mit Wissenschaftlern oder Journalisten, die mehrheitlich erhalten oder aufgezeichnet sind. 5 Anhand dieser Vorträge, Gespräche und Essays versucht die Wissenschaft die Intentionen Cages nachvollziehen zu können. So wird er schließlich nicht nur im Bereich der Musik, sondern der allgemeinen Künste als bedeutender Neuerer angesehen, der der zeitgenössischen Welt einen großen Beitrag leistete. Bis zum Ende der 60er Jahre werden Cages Texte überwiegend als diskursiv betrachtet, was beinhaltet, dass die musikalische Syntax und die lineare Sprachverbindung weitestgehend aufgelöst, die essayistische Dimension überschritten werden soll und dennoch die auf Syntax beruhende Sprache rahmengebend bestehen bleibe. 6 Fragt man sich bei moderner Musik oft, ob es nicht von Nöten sei, beim Hören die Partitur zu verfolgen, um im abstrakten Durcheinander Eingang zu finden, so stellt sich auch im Bereich der Vorträge Cages die Frage nach der Vortragsart. Die Vorträge seien, nach Bohrmann, definitiv der Oralität in Form eines Mono- oder Dialogs verpflichtet, woraufhin dann die Verschriftlichung folgt. Der Bezug zur Oralität eröffne sich erst in und mit der schriftlichen Form. 7 Demnach können die Vorträge Cages keinesfalls auf die Stimme verzichten. Nach dem über vierzig minütigen Hören des 'Vortrag über Nichts' teilt man die Auffassung von Hans Rudolf Zeller, dass die Sprache nur noch als Material erscheint, die einzelnen Bedeutungen der Worte immer unklarer und bedeutungsloser erscheinen, ein Gemurmel aus differenzierten Lauten aus der Ferne erklingt (ähnlich der Wahrnehmung von Gesprächen während des Einschlafens), was etwas ganz anderes aus dem Text hervorlockt, als erwartet. Somit „[...]werden ihre [die der Sprache] materiellen Produktivkräfte frei, [und] manifestieren sich plastisch die Arbeitsvorgänge des Artikulierens zwischen den normativ vorgegebenen Lautmodellen [...]“ 8 .
Die Gebundenheit der Vorträge an Aussprache und Hören, an Cages Neudefinition von Musik, dass allein die Anwesenheit von Menschen benötigt wird, um von Musik zu sprechen 9 , lässt die logische Schlussfolgerung zu, dass die Vorträge ein Adressat besitzen. Jegliche lecture ist an jemanden (wenn auch unbenannt) gerichtet und gilt als „Antwort auf eine (nie gestellte)
5 Bormann, S. 95.
6 Köhler, S. 255.
7 Bormann, S.95.
8 Zeller, S. 7.
9 Kostelanetz, John Cage, S. 146.
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Frage des a/Anderen“ 10 . Vergleichbar wäre dies zu erklären anhand des Stückes „4'33“ von Cage, bei dem in besagter Zeit nichts geschieht, außer die Befolgung der musikalischen Aussage 'Tacet'. Das Stück sei hierbei an das Publikum adressiert, welches durch Husten, Stöhnen oder ähnliches selbst diese musikalische Pause füllt und somit 'Musik' entsteht. 11 Was später folgend am Beispiel der 'lecture on nothing' gezeigt werden wird, ist das auffällige Hervorstechen von Lücken, Sprüngen und Wiederholungen in den Texten von John Cage. Diese Eigenheiten können zum einen als rhetorische Mittel verstanden werden, aber auch als Folgeerscheinungen der Transformation des Mündlichen ins Schriftliche. 12
3. „Silence“
Der Vortrag 'lecture on nothing' ist in einer Sammlung von Cage- Texten mit dem Namen „Silence“ zu finden. Im Folgenden wird grob auf diese Essaysammlung eingegangen. Cages erste Sammlung eigener Texte, „Silence“, mit dem Untertitel „Lectures and Writings by John Cage“, erschien 1961. Die originale, englische Ausgabe beinhaltet eine Vielzahl weiterer Texte, woraufhin sich natürlich die Frage stellt, welche Kriterien und Prinzipien den Aufbau dieses Buches bestimmen. In einem Interview antwortet Cage persönlich auf diese Frage: „I am not at all responsible for that choice. It is simply a result. I gave the people at Wesleyan University everything, absolutely everything I had written. The choice was made outside of my presence and my responsibility. So was the order of the pieces.“ 13 . Diese Aussage ist wichtig, um später der Frage bezüglich der Autorenschaft und des Herausgebers nachzugehen. Weiterhin fällt beim Durchblättern des Buches und bei Betrachtung dieser nun also beliebigen Anordnung der Texte Cages die Gestaltung der Form ins Auge, die schon rein optisch betrachtet, als 'komponiert' benannt werden kann. So auch bei 'lecture on nothing' und 'lecture on something'.
Inhaltlich beschreibt beispielsweise Kostelanetz die Vorträge als bloße Wiedergabe von Situationsbeschreibungen, spontane Meinungen zu Urteilen und Einsichten und sagt gar, dass Cage zusammenhängend über nichts fasele, 14 was wir anhand des 'Vortrag[s] über Nichts' versuchen werden, persönlich zu beurteilen.
10 Bormann, S. 95.
11 Kostelanetz, John Cage, S. 148.
12 Bormann, S. 99.
13 Bormann, S. 99.
14 Kostelanetz, John Cage, S. 146.
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3.1 Autor und Herausgeber
Im unter Punkt drei wiedergegebenen Zitat erklärt John Cage, dass er am Aufbau des Buches nicht beteiligt war. Da das Buch also ohne seine Anwesenheit und Verantwortung entstanden ist, könnte als Schlussfolgerung gelten, dass ihm einzig die Rolle des Autors zufällt, nicht die des Herausgebers. Diese Aussage kann jedoch nicht so einfach getroffen werden. Auch die Herausgeberposition lässt sich nicht leicht bestimmen. Bei intensiver Suche in 'Silence' fällt auf, dass jeglicher Hinweis auf einen Herausgeber fehlt. Wiederum in einem Interview gibt Cage den Namen schließlich preis: „His name was Bill T. Bueno. He's no longer living.“ 15 Warum also findet sich dieser Name weder auf der Titelseite, noch im Kleingedruckten von 'Silence', wenn es ihn doch gibt? Es wird nicht auf Undankbarkeit oder Nachlässigkeit von der Seite Cages her gründen, wohl eher darin, dass Cage Schreiben als Lesen versteht, worin es abgesehen von den Regeln der Rechtschreibung keine Fehler geben kann, die durch eine Kontrollinstanz verbessert werden hätten müssen. 16 „He didn't change anything that I wrote.“ 17
Die von Cage so sehr geliebte Unbestimmtheit 18 findet also auch hier schon bei der sonst so einfachen Tatsache des Herausgebers und Autors seine Anwendung. Beides bleibt unauffindbar und nicht eindeutig definiert.
3.2 Widmung
Wie bereits erwähnt besitzen die Texte Cages ein Adressat, ein meist indirektes gerichtet sein an eine Person, eine Personengruppe, das Publikum oder ähnliches. Im Original befindet sich zwischen dem doppelseitigen Titelblatt und dem Inhaltsverzeichnis in 'Silence' eine einzelne Seite mit dem Satz: „To whom it may concern.“. Im angloamerikanischen steht diese Formel am Anfang eines Briefes oder verschiedenen Bekanntmachungen, deren Adressat noch nicht bekannt oder zu zahlreich ist. Übersetzt könnte diese Floskel bedeuten: An die, die es betreffen könnte. Wieder lässt sich ganz deutlich die Unbestimmtheit dieser Aussage erkennen. An wen ist dieses Buch nun gerichtet? Kann hierbei überhaupt von einer Widmung gesprochen werden oder nicht?
Die Allgemeinheit der 'Widmung' lässt keinerlei persönliche Zuwendung des Autors erkennen, man könne sagen, ist jeder gemeint, ist keiner gemeint. 19 Meines Erachtens nach würde dieser Interpretation entsprechend jedoch keine Seite dafür verschwendet sein. Der Irrealis des 'may'
15 Bormann S. 101.
16 Bormann, S. 101.
17 ebd.
18 siehe Bormann, S. 66- 71.
19 Bormann, S. 107.
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Viktoria Stöbe, Lydia Görlitz, 2007, John Cage - Vortrag über Nichts?, München, GRIN Verlag GmbH
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