I
Inhalt
1. Gewerkschaften in der Krise 1
2. Erosion des Flächentarifvertrages 2
2.1 Jüngste Entwicklungen 3
2.2 Ziele und taktisches Vorgehen 4
3. Mitgliederschwund 6
3.1 Jüngste Entwicklungen 6
3.2 Motive für eine (Nicht-) Mitgliedschaft 8
3.3 Einfluss von Betriebsräten auf die Mitgliedschaft 10
3.4 Ausweg aus der Mitgliederkrise 11
4. Reorganisation der Gewerkschaften 13
4.1 Änderungsbedarf bisheriger Modelle 13
4.2 Neue Strategien 14
II
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Gewerkschaftsdichte in Europa und den USA 6
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Tarifbindung in Deutschland 1998 und 2006 5
1
1. Gewerkschaften in der Krise
Gewerkschaften sind gemäß einer Definition von 1894 Vereinigungen von Arbeitern mit dem Ziel, die Konditionen des Arbeitslebens ihrer Mitglieder zu verbessern oder mindestens zu erhalten (vgl. Eaton 2000). Ihre ursprünglichen Ziele bestanden darin, Löhne und Arbeitsbedingungen durch kollektive Verhandlungen zu beeinflussen. Die Bedingungen, unter denen Gewerkschaften arbeiten, und somit auch die Ziele, die sie verfolgen, haben sich seit dem jedoch in großem Umfang geändert. Diesen Veränderungen liegen mehrere Ursachen zugrunde. Durch die rapide Abnahme von Transport- und Kommunikationskosten sowie die steigende Offenheit ausländischer Märkte nahm der globale Handel stark zu (vgl. Funk 2005). Diese Globalisierung führte vor allem in den Industrien, in denen die Gewerkschaften traditionell sehr stark waren, zu einer Intensivierung des Wettbewerbs, z.B. im Bereich Textilien, Stahl- und Metallbau sowie Schiffbau (vgl. Koch-Baumgarten 2006). Weiterhin nimmt die Arbeit im tertiären Sektor ständig zu, während die Beschäftigung im sekundären Sektor, in dem die Gewerkschaften verankert sind, zurückgeht. Diese Entwicklung ist u.a. auf Veränderungen in Produktionstechnologien sowie den Trend zum Outsourcing und damit zur Verkleinerung von Firmen zurückzuführen. Auch die Individualisierung der Lebensstile, die u.a. durch die zunehmende Beschäftigung von Frauen ausgelöst wurde, stellt für die Gewerkschaften ein Problem dar. Durch die Umstellung von Massenproduktion auf kundenspezifische Produkte wurden flexible Produktionssysteme und Arbeitszeiten geschaffen, welche zu einer Zunahme der atypischen Beschäftigung führten (vgl. Funk 2005). Diese strukturellen Veränderungen in der Ökonomie, zu denen auch die Alterung der Gesellschaft zählt, stellen eine Herausforderung für die Gewerkschaften dar, da sie zu großen internen Problemen führen können.
Diese Veränderungen hatten weitreichende Folgen für die Gewerkschaften. Sie führten zu Mitgliederverlusten und damit verbunden zu einer sinkenden Mobilisierungs-Kapazität sowie zu steigender Heterogenität der Erwerbsbevölkerung und somit auch der Mitglieder. Des Weiteren führten sie zu sinkender Effektivität
2
kollektiver Verhandlungen (vgl. Annesley 2006). Die flexiblere Arbeitsgestaltung bedroht in hohem Maße die Gültigkeit von Flächentarifverträgen, da sich immer mehr Firmen diesen entziehen. Die Gewerkschaften befinden sich somit momentan in einer dreifachen Krise. Sie verlieren an gesellschaftlicher und politischer Akzeptanz, sodass ihre Handlungsmacht heute stark von den Mitgliedern abhängt. Der Mitgliederschwund verstärkt diese Legitimitätskrise zusätzlich und verursacht auch eine Finanzkrise durch die geringeren Einnahmen (vgl. Aust/Holst 2006).
In dieser Arbeit werden die Erosion des Flächentarifvertrages und der Mitgliederschwund sowie mögliche Strategien zur Revitalisierung behandelt. Dabei wird insbesondere auf das deutsche System der industriellen Beziehungen eingegangen. Charakteristisch für dieses ist das duale System der Interessenvertretung, bei welchem Betriebs- und Tarifpolitik getrennt werden. Die Gewerkschaften schließen auf überbetrieblicher Ebene mit Arbeitgeberverbänden oder auch einzelnen Arbeitgebern Tarifverträge ab. In den Betrieben vertreten Betriebsräte die Interessen der Arbeitnehmer und verhandeln detaillierte Arbeitsbedingungen mit dem Management. Weiterhin überwachen sie die Einhaltung der geschlossenen Tarifverträge. Sie sind an das Wohl des Betriebes gebunden und formal von den Gewerkschaften unabhängig. Gewerkschaften sind somit auf die Kooperation der Betriebsräte angewiesen, um auf betrieblicher Ebene Einfluss ausüben zu können (vgl. Aust/Holst 2006). Auf die internationalen Entwicklungen von Gewerkschaften wird im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingegangen.
2. Erosion des Flächentarifvertrages
Ein Flächentarifvertrag stellt gleiche Bedingungen für die Beschäftigten einer oder mehrer Branchen in einer Region her. An den Flächentarifvertrag sind jedoch nur die Arbeitgeber gebunden, die Mitglied in dem zuständigen Arbeitgeberverband sind, mit dem der Vertrag ausgehandelt wurde. Die Bedeutung des Flächentarifvertrages nimmt zunehmend ab. Auf die Gründe dafür und die Reaktionen der Gewerkschaften wir in diesem Kapitel genauer eingegangen.
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2.1 Jüngste Entwicklungen
In den letzten Jahren hat vermehrt eine so genannte wilde Dezentralisierung stattgefunden, d.h. einzelne Unternehmen sind aus den Arbeitgeberverbänden ausgetreten und somit nicht mehr an die Flächentarifverträge gebunden, unterlaufen stillschweigend die Tarifverträge oder trennen einzelne Unternehmensbereiche ab um so formell die Branche zu wechseln und sich dem ursprünglichen Tarifstandard zu entziehen (vgl. Müller-Jentsch 2007). Dieses Phänomen tritt besonders bei klein-und mittelständischen Unternehmen auf, welche sich die Flächentarifverträge aufgrund von Kostennachteilen oft nicht leisten können und diese deshalb abbrechen. Bei kleinen Unternehmen gibt es nur selten Betriebsräte, über welche die Gewerkschaften Einfluss ausüben könnten. Ferner liegen diese Unternehmen nicht im Fokus von Gewerkschaften, da sie über zu wenig Mitarbeiter verfügen und sich Arbeitskämpfe deshalb nicht lohnen würden. Der Trend zur wilden Dezentralisierung ist ferner auch bei jüngeren und exportierenden Unternehmen zu beobachten. Die Belegschaft und eventuell vorhandene Betriebsräte werden hierbei oft mit der Drohung eines Arbeitsplatzabbaus unter Druck gesetzt. Sie sollen durch den Verzicht auf tarifvertragliche Leistungen zur Kostenentlastung des Unternehmens beitragen um als „Gegenleistung“ ein höheres Maß an Arbeitsplatzsicherheit zu erhalten. Zu den Motiven für den Verbandsaustritt zählen außerdem auch die Unzufriedenheit mit der Tarifpolitik und den Arbeitgeberverbänden (vgl. Mückenberger 1995). Neben den Verbandsaustritten ist auch das Nichteintreten neu gegründeter Unternehmen ein Problem. Diese haben nur wenige gemeinsam Interessen mit älteren und größeren Firmen und deshalb kaum einen Nutzen aus dem Beitritt zum Arbeitgeberverband (vgl. Kochan 2004).
Die Krise des Flächentarifvertrages ist in den neuen Bundesländern und in Metall-, Bau- und Druckindustrie am offensichtlichsten. In den neuen Bundesländern konzentrieren sich Unternehmen mehr auf kurzfristige Ziele da sie mehr um ihre Existenz zu kämpfen haben. Deshalb fühlen sich Betriebsräte eher für die Sicherung von Arbeitsplätzen als für die Verteidigung von Tarifnormen verantwortlich. In den neuen Bundesländern ist die Unterschreitung von Tarifnormen längst keine
Arbeit zitieren:
Mandy Rudolph, 2008, Aktivitäten und Einflüsse von Gewerkschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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