HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN
PHILOSOPHISCHE FAKULTÄT II
INSTITUT FÜR DEUTSCHE SPRACHE UND LINGUISTIK
SEMINARARBEIT
DAS ATTRIBUT
IN DER TRADITIONELLEN SATZGLIEDLEHRE
UND
IM RAHMEN DER VALENZTHEORIE
Verfasserin: Suzie Bartsch
Studienfächer: Germanistische Linguistik / Französisch
(Magister)
Fachsemester: 8. Fachsemester
Lehrveranstaltung: HS Syntaktische Relationen
Semester: Sommersemester 1998
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 4
1. Das Attribut in der traditionellen Satzgliedlehre 6
1.1 Syntaktische und semantische Charakterisierung 6
1.1.1 Syntaktische Gebundenheit 6
1.1.2 Prädikative Eigenschaft 6
1.1.3 Vorrang des semantischen Kriteriums 7
1.1.4 Verwirrung in der Definitions- und Terminusgebung 7
1.2 Typisierung des Bezugselements 9
1.2.1 Die ältere Auffassung 9
1.2.2 Die neuere Auffassung 10
1.3 Typisierung des Attributs 11
1.4 Zwischenfazit 15
2. Das Attribut im Rahmen der Valenztheorie 16
2.1. Formale Charakterisierung von Valenz und das Attribut 16
2.2 Semantischer und funktional-pragmatischer Valenzbegriff und das Attribut 17
3. Fazit 26
Literaturangaben 28
0. Einleitung
In dieser Seminararbeit war mein ursprüngliches Anliegen, einen Vergleich von grammatischen Modellen am Beispiel der syntaktischen Relation des Attributs zu unternehmen.
Ich wollte in dieser Arbeit das zu verwirklichen versuchen, was ich bereits für den Vortrag vorgehabt und doch nicht erreicht hatte: Es sollte hier eine Art Querschnitt durch grammatische Theorien versucht werden, und zwar mit dem Ziel, deren wichtigsten Vorzüge und Nachteile gegenüberzustellen und zu diskutieren.
Anfangen wollte ich bei der traditionellen Satzgliedlehre in ihrer moderneren Ausformung, wie sie z. B. in WÖLLSTEIN-LEISTEN [u.a.] (1997) und HELBIG/BUSCHA (1993) zu finden ist. Darauf würde ich mich mit dem Begriff des Attributs innerhalb eines valenztheoretischen Rahmens beschäftigen, wie es von ENGEL (1994) und WELKE (1988) plädiert wird. Anschließend sollten generativistische Darlegungen im Rahmen der Rektions- und Bindungstheorie - wie z. B. bei FANSELOW/FELIX (1993-2) - und funktionalistische Ansätze - wie z. B. bei GIVÓN (1984 und 1990) - diskutiert werden.
Diese Reihenfolge von theoretischen Ansätzen sollte und dürfte nicht in einem positivistischen Sinne verstanden werden. Das heißt: mit dieser Reihenfolge wollte ich keineswegs für eine ‚evolutionistische′ Ansicht zur Entwicklung von grammatischen Theorien nach dem Motto ‚von niederen zu höheren Formen′ oder ähnliches plädieren. Es sollte sich schlicht und einfach um eine halbwegs chronologische Reihenfolge handeln.
Allerdings ist es tatsächlich kaum möglich und außerdem auch nicht gerade angebracht, sich mit verschiedenen Auffassungen zu einem Phänomen zu beschäftigen, ohne dabei ideologisch vorzugehen, d.h. ohne Werturteile zu fällen und Präferenzen zu entwickeln. Leider Gottes stellt man aber in der Linguistik und in anderen Wissenschaften - ebenso wie so oft im alltäglichen Leben - häufig fest, daß in vielen Fällen eine ‚fundamentalistische′ Praxis herrscht: eine bestimmte Theorienrichtung wird gewissermaßen als die ‚einzig Richtige′ präsentiert, während alle andere fast von vornherein und nicht selten nur aufgrund deren Herkunftslagers als abwegig abgetan werden.
Ich wollte mich in dieser Arbeit für eine differenziertere Verhaltens- und Verfahrensweise aussprechen, nämlich für eine kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen grammatischen Modellen. ‚Kritisch′ bedeutet m. E. nicht nur, auf Schwachstellen bestimmter Theorien aufmerksam zu machen - was übrigens vielfach ohne genügende Sach- und Hintergrundkenntnis getrieben wird -, sondern auch deren Pluspunkte herauszustellen, denn nur so kann es erreicht werden, daß ganz oder teilweise, tatsächlich oder nur scheinbar gegensätzliche Theorien mittels sachlicher und möglichst unvoreingenommener Überlegungen sich gegenseitig befruchten und bereichern.
Die Begründung dafür ist, daß es meiner Meinung nach sehr wünschenswert ist, der erstarrten Orthodoxie entgegenzuwirken, die in der Wissenschaft - wie auch im Alltag - teilweise herrscht, indem eine ‚eklektische′ Haltung bezogen wird. Dabei denke ich keineswegs an die negativ besetzte Bedeutung des Wortes ‚Eklektismus′, wie es im deutschen Sprachgebrauch verstanden wird als einfallslose und unschöpferische "Zusammenstellung von verschiedenen Gedanken od. Stilelementen zu etwas scheinbar Neuem"1. Ich denke an die ursprünglich neutrale Bedeutung des griechischen Verbs eklegein (‚auswählen; auslesen′), und an die in einigen romanischen Sprachen positive Bedeutung des Substantivs ‚Eklektismus′ als kritische und kreative Kombination von Elementen aus unterschiedlichen Systemen zu einem differenzierten, neuartigen, ‚ökumenischen′ Gefüge.
Bezogen auf grammatische Modelle kann dieser Anspruch im Rahmen einer Hauptseminar-Arbeit selbstverständlich nicht eingelöst werden. Es sollte hier kein neuartiges Syntaxmodell vorgestellt werden. Alles, was ich versuchen wollte, war, von einem ‚synkretistischen′ Gesichtspunkt ausgehend, verschiedene Theorienrichtungen möglichst vorurteilslos aber mit kritischem Auge miteinander zu vergleichen, und zwar am Beispiel derer Auffassungen zum Attribut. Die klassiche Satzgliedlehre sollte dabei ausführlicher als die anderen Modelle behandelt werden, da sie die Grundlage bzw. Ausgangspunkt für einen Vergleich zu anderen Ansätzen bildet. Oder anders ausgedrückt: die Entwicklung vieler anderer Ansätze ergeben sich vielfach aus dem Versuch, Problemen gerechtzuwerden, die in der traditionellen Satzlehre ungelöst bleiben bzw. nicht zufriedenstellend gelöst werden. Das anzustrebende Ergebnis dieser Arbeit war, einige Punkte herauszustellen, in denen sich diese Theorien möglicherweise ergänzen können.
Es stellte sich aber schnell heraus, daß die bestrebte modellvergleichende Analyse des Attributs selbst ein zu anspruchsvolles Unterfangen für eine Seminararbeit darstellt, denn sie führt notgedrungen zu Überlegungen, Problemen und Erkenntnissen, die die Analyse des ganzen Satzes betreffen, d. h. zu zentralen Fragen der Syntax, die wiederum sehr umfassende Antworten verlangen.
Aus diesem Grunde beschränkt sich die vorliegende Analyse des Attributs auf das Satzgliedmodell - weiterhin verstanden als Ausgangspunkt zum Modellvergleich - und das Valenzmodell (allerdings mit einigen Verweisen auf funktionale Ansätze), denn schon diese beiden Modelle liefern eine ganze Menge an interessanten Reflexionen, Fragen und gegenseitigen Ergänzungsmöglichkeiten.
Die vorliegende Arbeit soll darum nicht als abgeschlossenes Ganzes verstanden werden, sondern eher als eine mehr oder minder systematisch angelegte Sammlung von Überlegungen, die ein Teil eines größeren Vorhabens darstellen, das hier unvollendet bleiben muß.
1. Das Attribut in der traditionellen Satzgliedlehre
1.1 Syntaktische und semantische Charakterisierung
1.1.1 Syntaktische Gebundenheit
[...]
1 WAHRIG, Gerhard: Deutsches Wörterbuch - mit einem "Lexikon der deutschen Sprachleh-re".- Gütersloh; München: Bertelsmann, 1986.
Quote paper:
Suzie Bartsch, 1998, Das Attribut in der traditionellen Satzgliedlehre und im Rahmen der Valenztheorie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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