Freie Universität Berlin
Ostasiatisches Seminar
Sinologie
Einführung in Methoden der Dokumentation, Recherche und wissenschaftlichen
Übersetzung am Beispiel chinesischer Alltagstechniken (WiSe 2006/07)
Übersetzung des Textes ,,Wenige zhong shangxue"
(Der Schulbesuch während der Kulturrevolution)
Anna Meyer zu Venne
2
Inhaltsverzeichnis
I.
Einleitung
II.
Übersetzungstabelle
III.
Originaltext
IV.
Kulturrevolution
IV. 1. Die Hundert- Blumen- Bewegung
IV. 2. Der Große Sprung nach vorn
IV. 3. Die Große Proletarische Kulturrevolution
IV. 4. ,,von den Massen lernen" die ,,aufs- Land- Bewegung"
V.
Lao Zhaopian
V. 1. Die Shandong Verlagsgruppe
V. 2. Die Entstehung von Lao Zhaopian
V. 3. Die Zeitschrift
VI.
Quellenverzeichnis
3
I.
Einleitung
Der Schulbesuch während der Kulturrevolution, gab es den überhaupt? Hatte Mao nicht
alle Schüler und Studenten aufs Land geschickt, um von den Bauern zu lernen? So einfach
war das dann wohl doch nicht.
In dem Bericht ,,Schulbesuch während der Kulturevolution" von Gao Guannong wird
autobiographisch ein Beispiel von Schulbesuch jener Zeit geschildert.
Nach dem chinesischen Originaltext und meiner Übersetzung habe ich die
Kulturrevolution kurz dargestellt, um den Text in einen geschichtlichen Rahmen
einzugliedern. Im Anschluss daran habe ich die Zeitschrift Lao Zhaopian vorgestellt.
Ich verwende in dieser Arbeit für die Umschrift chinesischer Namen, das in der VR China
offiziell anerkannte, Hanyu Pinying. Aus Rücksicht auf die chinesische Schreibweise
stehen die chinesischen Nachnamen vor dem Vornamen.
II.
Übersetzungstabelle
1.
Der Schulbesuch
während der ,,Kulturrevolution"
Ð shangxue zur Schule
gehen, Schulbesuch
2.
Dieses Foto aus dem Jahr 1976 zeigt
mich (3. Reihe, 3.von links) zur Zeit des
Oberstufenabschlusses mit meinen
Lehrern und meinen Mitschülern auf einem
Gruppenbild.
v heyingzhao
Gruppenbild
3.
Jedes Mal wenn ich die Widmung
,,Korrespondenz Fachklasse" auf dem Foto sehe,
dann muss ich immer an diese merkwürdigen
Jahre und Monate meiner Oberstufenzeit denken.
Ä meidang jedes Mal
Y
ß
tongxun
Korrespondenz,
Nachrichtenwesen
53 tizi Widmung
/ guguai wunderbar,
merkwürdig
4.
Die Schüler unseres Jahrgangs besuchten
áÌ*B½ women na yi
4
die Oberstufe auf Empfehlung hin.
jie
unsere
Stufe,
unser
Jahrgang
wi tuijian empfehlen
5.
In meiner Erinnerung erhielten wir in den
zwei Jahren offiziell nur ein einziges Mal,
nämlich zur Einschulung, ein Buch.
Die Mathematik-, Physik- und Chemielehrbücher,
die in den folgenden Halbjahren benutzt wurden,
musste sich jeder von den Schülern der
vorherigen Abiturjahrgänge ausleihen.
T zhengshi offiziell,
formell, förmlich, amtlich
6.
Zu jener Zeit erhielten wir sogar noch ein
Englischlehrbuch. Doch es wurde kein einziges Mal
benutzt. Der Grund dafür war, dass es in der Schule
überhaupt keinen Fremdsprachenlehrer gab.
7.
Zu Beginn des ersten Jahres konnte man den
Unterricht noch mehr oder weniger als regulär
bezeichnen. Allerdings entsprach er absolut nicht
dem Prinzip ,,Früh aufstehen, spät schlafen gehen",
dem Stress, dem heutige Mittelschüler ausgesetzt
sind.
» ¬ sihu anscheinend,
dem Anschein nach
' jue absolut
Å f jinzhang aufgeregt,
nervös, unruhig
8.
Außen den paar Themen aus den Lehrbüchern gab es
außerhalb des Unterrichts überhaupt keine
Lehrmaterialien, es fand auch kein Abend-
Selbststudium statt.
1
Ð wanzixue Die
Schüler in China lernen
abends zusammen in einem
großen Unterrichtsraum, in
dem jeder Schüler einen
Schreibtischplatz hat. Dies
geschieht meist in aller
Stille.
9.
Wenn Klausuren geschrieben wurden, konnten
größtenteils Büchern benutzt werden, auch war es
7 kaijuan mit offenen
5
erlaubt, sich mit den Mitschülern zu beraten.
Büchern
10.
Manchmal, wenn die guten Schüler den
Prüfungsbogen fertig ausgefüllt hatten, kamen die
schlechten Schüler zu ihnen, um ihre Ergebnisse
abzuschreiben.
k
shijuan
Prüfungsbogen
Ò chao abschreiben
11.
Meist hatten die guten Schüler keine Geduld, so
lange zu warten. Daher verließen sie das
Klassenzimmer und schlugen den schlechten
Schülern vor, ruhig bis zum Schluss von ihren
Arbeiten abzuschreiben und danach die
Prüfungsbögen zusammen abzugeben.
õ » zhufu ermahnen,
einschärfen, raten
12.
Oft passierte dann das: Ein Prüfungsbogen von
Zhang San wurde an Li Si weitergegeben, Li Si gab
ihn dann an Wang Wu weiter. Nachdem er so reihum
gegangen war, erhielt die ganze Klasse über 10
Punkte (manchmal waren es noch mehr). Der
Aufsichtslehrer bekam dann die untereinander
ausgetauschten Prüfungsbögen mit den richtigen und
falschen Antworten nun durcheinander gemischt.
ªª wangwang oft, häufig
BÁ yizhi identisch
SI jiankao überwachen,
beaufsichtigen
13.
Der Lehrer konnte daher gar nichts machen, und die
Schüler hatten ein ruhiges Gewissen.
íV1 wukenaihe
nichts
machen
können,
ratlos, machtlos
½Ø¤ xinanlide etwas
in aller Seelenruhe für
selbstverständlich
halten,
ein
ruhiges
Gewissen
haben
14.
Es dauerte nicht lange, da engagierte ich mich bei der
Propagandagruppe der Schule.
Æ
.
xuanchuan
propagieren,
Propaganda
6
machen, für etwas agieren
15.
Oft, wenn die anderen Schüler Unterricht hatten,
wurden wir von der Organisation zum Einüben des
Programms geholt.
pailian üben, einüben
16.
Wenn wir genug geübt hatten, gingen wir zu Fuß in
mehr als zehn Meilen entfernte Dörfer, um dort
aufzutreten.
17.
Nach jedem Auftritt bekamen wir alle von der
Truppeneinheit oder einer Dorfgrundschule kostenlos
zu essen. Normalerweise gab es ein salziges
gebackenes Fladenbrot (Guobing), Gemüseeintopf
mit Fleisch, manchmal auch die gebratenen, als
,,Topfkleber" (Guotie) bezeichneten Maultaschen,
Reis oder Nudeln mit einer Eiersuppe.
v daduibu größere
Truppeneinheit
Q f guobing salzig,
gebackenes Fladenbrot
É ao gekocht
Q L guotie gebratene
Maultaschen
18.
Das war für uns Dorfkinder, die mit getrockneten
Melonen, gebratenem Fladenbrot und Maismehlbrei
aufgewachsen waren, ein rares Festessen.
( Ä guagan getrocknete
Melone
Xf qianbing gebratenem
Fladenbrot
ÖÜ yumi Mais
j E Y 0 nongjiahaizi
Dorfkinder
Å meican sehr gutes
Essen, Festessen
19.
Wenn wir zur Schule zurückgeeilt waren, war es
schon fast Mitternacht.
20.
Die Schule hatte ein ungeschriebenes Gesetz, das
lautete: Die Schüler, die mit Auftritten betraut sind,
müssen am nächsten Tag nicht an der ersten
Unterrichtsstunde teilnehmen.
îÓ bu chengwen
ungeschrieben, nicht auf
Papier niedergeschrieben
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