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Dokument Nr. V120831 aus dem GRIN Verlagsprogramm
Evgenij Haperskij
Vergleich von Kierkegaard und Dostojewskij unter besonderer Berücksichtigung ihrer Religionsvorstellungen
GRIN Verlag
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de/ abrufbar.
1. Auflage 2007
Copyright © 2007 GRIN Verlag http://www.grin.com/
Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt Germany
ISBN 978-3-640-30959-7
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Biografie 5
2. Religion und Glaube 11
2.1 Das christliche Paradox 19
2.2 Das Absolut 20
2.3 Das ursprüngliche Selbst 21
2.4 Der christliche Einzelne 23
2.5 Der Augenblick 25
2.6 Der Einzelne und die Gesellschaft 26
2.7 Wissenschaft und Religiosität 30
2.8 Beziehung zur Kirche 32
3. Dostojewskij, Kierkegaard und der Journalismus 36
4. Schlussbetrachtung 42
5. Bibliographie 46
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Einleitung
Die europäische Kultur ist historisch betrachtet eine christliche Kultur. Die Grundlage für die europäische Wissenschaft wurde in Klöstern gelegt, die Ausbildung der Menschen begann viele Jahrhunderte lang mit dem Lesen der Bibel, zu den wichtigsten Fakultäten an den ersten europäischen Universitäten zählte die Theologie. Die Malerei, Literatur, Musik und Philosophie waren stark beeinflusst vom Christentum. Michelangelo, Bach, Dante, Thomas von Aquin - diese berühmten Namen sind untrennbar mit dem christlichen Glauben verbunden. Doch nach vielen Jahrhunderten hat die Bedeutung des Christentums in der Aufklärung abgenommen, insbesondere nach der Französischen Revolution. Die sozialen Theorien traten an die Stelle des Christentums. Die Wissenschaft verdrängte die Religion. Die religiöse Abstraktion machte dem Konkreten und Fassbaren Platz.
Kierkegaard und Dostojewskij lebten in eben dieser Zeit, in der die Wichtigkeit der Religion schwand. Ihr Leben fiel in eine Umbruchzeit, in der die religiösen Grundsätze von Sozialen Theorien erschüttert wurden. Beide wendeten sich gegen diesen Prozess der Säkularisierung, führten einen Kampf gegen die Entchristlichung, weshalb sie auch als „Ritter des Christentums“ bezeichnet wurden. Sie waren Irrationalisten und stellten die Subjektivität und Transzendenz der Religion der objektiven Wissenschaft als überlegen gegenüber. Auch prophezeiten sie ein Wiederkommen der Bedeutung der Religion. Diese ist tatsächlich heute bemerkbar. Besonders in den USA und in Russland spielt die christliche Religion eine immer größere Rolle. Dabei wird die Religion immer mehr instrumentalisiert. Deswegen ist es wichtig, die christliche Religion zu verstehen. Kierkegaard und Dostojewskij bieten meiner Meinung nach einen guten Zugang zum Christentum in seinem Kern. Sie sind beide religiöse Existenzialisten. Im Zentrum ihrer Philosophie steht das Individuum, seine Beziehung zu sich selbst und zu Gott. Sie stellen die Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz und sehen die Ant-wort im Christentum. Und gerade weil sie den Menschen und seine Beziehung zu Gott in den Fokus ihrer philosophischen Betrachtung rücken, lässt sich das Christentum im Kern verstehen. Dabei ist ihre Philosophie sehr modern, aus dem einfachen Grund, dass die existentiellen Fragen unbeantwortet und genauso aktuell sind wie zur Lebenszeit von Kierkegaard und Dostojewskij.
Nachdem ich in dem Kurs „Ethik“ im zweiten Semester ein Referat über Kierkegaard gehalten habe, von dem ich vorher nicht viel gewusst habe, habe ich begonnen, mich für ihn nicht nur als einen Philosophen, sondern vor allem als einen religiösen Denker und Schriftsteller zu interessieren. Als ich nach diesem Kurs bei meinen Verwandten in Russland Urlaub gemacht habe, habe ich eine Fernsehsendung über Dostojewskij gesehen. In dieser Sendung wurden
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vor allem die religiösen Ansichten dieses Schriftstellers, der zurzeit in Russland sehr beliebt ist, thematisiert. Mir fiel auf, dass große Parallelen zwischen den religiösen Vorstellungen von Dostojewskij zu denen von Kierkegaard bestehen. Ihre Ansichten, besonders die religiösen, sind sehr ähnlich, dennoch habe ich in der Literatur keine Vergleiche zwischen den beiden gefunden, das mag daran liegen, dass Kierkegaard als Philosoph und Dostojewskij als Schriftsteller gelten. Und deswegen habe ich das Thema „Vergleich von Kierkegaard und Dostojewskij unter besonderer Berücksichtigung ihrer Religionsvorstellung“ für die große Hausarbeit ausgewählt. Ziel dieser Hausarbeit ist nicht die Philosophie von Kierkegaard und Dostojewskij in all ihren Nuancen zu beschreiben, sondern unter den Gesichtspunkten zu vergleichen, die mir relevant erscheinen. Für mich persönlich sind Kierkegaard und Dostojewskij nicht als abstrakte Philosophen, deren Leben und Wirken in keiner Beziehung zueinander stehen, interessant, sondern als Menschen, deren Leben und Philosophie untrennbar miteinander verwoben waren, die also ihr Werk selbst lebten.
Dabei hat dieses Thema auch eine journalistische Nähe, denn beide Denker waren nicht nur Schriftsteller oder Philosophen, sondern auch Journalisten. Sie publizierten in Zeitungen, gaben sogar eigene Zeitungen heraus, in denen sie Stellung zu aktuellen Diskussionen ihrer Zeit Stellung nahmen.
Doch das entscheidende Motiv ihrer Werke war die christliche Religion und die damit ver-bundenen Probleme der menschlichen Existenz. Deswegen werde ich Kierkegaard und Dostojewskij ausgehend von ihrer Religionsvorstellung vergleichen. Daraus ergibt sich auch die Reihenfolge der Kapitel: Nach einer kurzen Biografie werde ich die grundsätzlichen Ansichten von Kierkegaard und Dostojewskij zur Religion und zum Glauben skizzieren. Danach werde ich diese Ansichten anhand von wesentlichen Begriffen ihrer Philosophie weiter ausführen und ihre Beziehung zur Kirche verdeutlichen. In einem Kapitel werde ich die Bedeutung des Journalismus in ihrem Leben umreißen und in einer Schlussbetrachtung ihre Bedeutung für die Nachwelt und vor allem für die heutige Zeit beschreiben. Bei einem solchen Vergleich besteht die Gefahr zu viele Parallelen zu sehen, auch dort, wo keine bestehen. Tatsächlich muss ich gestehen, dass ich zu Beginn meiner Untersuchungen von einer extremen Übereinstimmung von Kierkegaard und Dostojewskij, vor allem in ihrem Religionsverständnis, ausgegangen bin. Während meiner Recherche habe ich jedoch festgestellt, dass sie sich in vielen Aspekten, so z. B. in ihrer Beziehung zur Kirche, sehr stark unterscheiden. Mein Denken über die beiden hat sich den Studien zu dieser Hausarbeit gewandelt. Deswegen hoffe ich, dass es mir gelungen ist, nicht nur die Parallelen, sondern auch die Unterschiede herauszuarbeiten.
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1. Biografie
Die äußeren Lebensumstände von Kierkegaard und Dostojewskij könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine, Kierkegaard, war niemals verheiratet und hatte keine Kinder, der andere, Dostojewskij, war zwei Mal verheiratet und hatte mehrere Kinder. Kierkegaard hatte wegen eines großen Erbes lebenslang keine Geldsorgen, Dostojewskij dagegen kämpfte immer wieder gegen finanzielle Nöte. Das Leben von Kierkegaard war arm an Ereignissen, Dostojewskijs Leben war abenteuerlich. Die Reihe der äußeren Unterschiede ließe sich beliebig fortsetzen. Die beiden haben sich niemals getroffen, haben niemals die Werke des jeweils anderen gelesen, ja ahnten nicht einmal etwas über die Existenz des anderen. Doch lässt sich eine geistige Nähe von Kierkegaard und Dostojewskij nicht abstreiten.
Die Weltsicht von beiden ist sehr autobiografisch geprägt, ist beeinflusst von ihrem Charakter und ihrem inneren Befinden. Besonders die Betrachtung der Kindheit ist entscheidend, wenn man Kierkegaard und Dostojewskij vergleicht. Kierkegaard schrieb: „Jeder Mensch [ist] wesentlich das, wozu er als Zehnjähriger geworden ist“ 1 . Auch Dostojewskij unterstrich die Bedeutung der Kindheit im Leben eines Menschen. Und gerade in der Kindheit gibt es viele Parallelen in ihrem Leben. Deswegen widme ich diesem Lebensabschnitt die größte Aufmerksamkeit bei der Beschreibung ihrer Biografie.
Sören Abbye Kierkegaard wurde am 5. Mai 1813 in Kopenhagen als siebtes und letztes Kind von Michael Pedersen Kierkegaard und Anne Sörensdatter Lund geboren. Zu diesem Zeitpunkt war sein Vater bereits 56 Jahre alt. Anne Sörensdatter Lund war die zweite Ehefrau von Michael Pedersen. Zuvor war sie ein Dienstmädchen in Kierkegaards Haus gewesen, doch nach dem Tod seiner ersten Frau, mit der er keine Kinder hatte, heiratete Michael Pedersen Anne Sörensdatter Lund. Seine Mutter erwähnte Kierkegaard niemals in seinen Werken, aber „ihr Tod im Jahr 1834 [hat] ihn sehr tief getroffen“ 2 . Sie starb, als Kierkegaard 21 Jahre alt war. Peter Christian, ein Bruder von Kierkegaard wies bei der Grabrede von Kierkegaard darauf hin, dass er in seinen Schriften viele Redewendungen seiner Mutter übernommen hat 3 . Die meisten Brüder und Schwestern von Kierkegaard starben früh, einzig Peter Christian überlebte ihn. Er studierte in Kopenhagen Theologie und promovierte 4 . Danach war er Pfarrer, später Bischof. Für kurze Zeit war er sogar Kultusminister von Dänemark. Den entscheidenden Einfluss übte der Vater auf Sören Kierkegaard aus. Deswegen muss näher auf seine Person eingegangen werden. In seiner Kindheit war der Vater ein Hirte in der
1 PURKARTHOFER, Richard: Kierkegaard. Grundwissen Philosophie. Leipzig, 2005, S. 18.
2 Ebd., S. 15.
3 Vgl. Ebd.
4 Vgl. Ebd., S. 16.
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Arbeit zitieren:
Evgenij Haperskij, 2007, Vergleich von Kierkegaard und Dostojewskij unter besonderer Berücksichtigung ihrer Religionsvorstellungen, München, GRIN Verlag GmbH
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