1 EINLEITUNG. 1
2 DIE ANFÄNGE DER ADENAUER-ÄRA 4
2.1 Die politische Elite 5
2.2 Politische und wirtschaftliche Ereignisse bis 1952 7
2.3 Die junge BRD, Intellektuelle und die Entwicklung der Gesellschaft. 12
3 DAS DEUTSCHLANDBILD IN DAS TREIBHAUS. 14
3.1 Die politische Elite aus der Sicht des Abgeordneten Keetenheuve 15
3.2 Die Darstellung politischer und wirtschaftlicher Ereignisse in Das Treibhaus 22
3.3 Die Gesellschaftskritik in Das Treibhaus 24
4 SCHLUSS. 27
5 LITERATUR 30
5.1 Internet 31
1 Einleitung
Es hat eingeschlagen in Bonn. Es gab einen Krach und etliches Geknatter, und es stank eine Weile nach Schwefel. Die Leute in Bonn sprachen miteinander darüber, einer sagte es dem anderen, und der eine oder andere ging hin in die nächste Buchhandlung und kaufte sich: Wolfgang Koeppen, Das Treibhaus. 1 Wolfgang Koeppens Roman Das Treibhaus war wohl einer der am kontroversesten diskutierte Romane der Nachkriegszeit und wurde häufig als „Schlüsselroman“ ausgelegt. Die aggressive Kritik Koeppens sprang den meisten Literaturkritikern ins Gesicht; dem Rezensenten von Stimmen der Zeit ging sein „politisches Pamphlet […] so auf die Nerven, dass er nur noch angeekelt das Buch aus der Hand legt[e]“ 2 , einem Anderen ist sogar die Wand zu schade, um das Buch nach den ersten Seiten gegen selbige zu werfen 3 und Klaus Harpprecht schlägt in Christ und Welt vor, freiwillig auf neue deutsche Literatur zu verzichten: „Wir finden uns lieber für einige Jahrzehnte damit ab, das Feld junger deutscher Literatur unbewohnt anstatt es als Rummelplatz dürftigen Hochstaplertums mißbraucht zu sehen.“ 4 Fritz René Allemann diffamiert in seiner Kritik schließlich die gesamte Literatur der Moderne, wenn er Koeppen vorwirft, dieser würde „joycisch, döblinisch in inneren Monologen drauf los [..] assoziieren“ 5 . Mancher Rezensent scheint derart erbost, dass er nicht einmal den Namen des Autors korrekt wiedergeben kann: „Der Schritt vom verbitterten Chronisten zum zeitkritischen Schriftsteller ist Walter [Hervorhebung durch d. Verf.] Koeppen nicht gelungen.“ 6 Koeppen selbst wurde als wirrer Toiletten-Schmierer abgetan 7 , der von bodenlosem Hass gegen die junge BRD zerfressen sei, 8 sodass Karl-Heinz Götze resümiert: „Das sich mit dem soldatischen Haß auf die laschen Zweifler und Träumer das „geh’ doch ’rüber“, das alle Kritik an gesellschaftlichen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland allemal zu hören bekam.“ 9
1 Ernst von Salomon: Gewitter in der Bundeshauptstadt, in: Über Wolfgang Koeppen. Hg. v. Ulrich Greiner. Frankfurt a. M. 1976, S. 50.
2 Anonym (C. F.): Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus, in: National-Zeitung (8.5.1954), zit. n.: Dietrich Erlach: Wolfgang Koeppen als zeitkritischer Erzähler. Uppsala 1973 (= Studia Germanistica Upsaliensis, Band 11). S. 200.
3 Vgl. Anonym (WiPl): Treibhaus - Bundeshaus, in: Stuttgarter Nachrichten (7.11.1953), zit. n.: Erlach, a. a. O., S. 200.
4 Klaus Harpprecht: Die Treibhausblüte, in: Christ und Welt (17.12.1953), zit. n.: Erlach, a. a. O., S. 200.
5 Fritz René Allemann: Treibhaus Bonn im Zerrspiegel, in: Über Wolfgang Koeppen. Hg. v. Ulrich Greiner. Frankfurt a. M. 1976, S. 62.
6 Peter Holz: ohne Titel, in: Welt der Arbeit (24.12.1953), zit. n.: Karl-Heinz Götze: Wolfgang Koeppen »Das Treibhaus«. 1985 München, S. 126.
7 Vgl. H. Becher S. J.: Koeppen, Wolfgang: Das Treibhaus, in: Stimmen der Zeit, Heft 9 (1954), S. 234, zit. n.: Erlach, a. a. O., S. 200.
8 Vgl. Anonym (W.): Treibhaus Bonn, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, zit. n.: Erhard Schütz: Ein Dilettant in der geschriebenen Geschichte. Was an Wolfgang Koeppens Roman »Das Treibhaus« modern ist, in: Wolfgang Koeppen. Hg. v. Eckart Oehlenschläger. Frankfurt a. M. 1987, S. 278.
9 Karl-Heinz Götze: Wolfgang Koeppen »Das Treibhaus«. München 1985, S. 127.
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Friedhelm Luft schreibt, es handele sich um ein Werk, „das unserem bißchen Staatssubstanz schadet“ 10 . Die Welt der Arbeit steigert diesen Vorwurf und sieht in Koeppens Kritik die „Sehnsucht nach einem alles in Ordnung bringenden Führer“ 11 . Damit wird ein „altbekannter, schon gegen die gesellschaftskritischen Schriftsteller der Weimarer Republik erhobener Vorwurf erkennbar, nach dem die Kritik der Litertaten die Demokratie untergraben und ihren Untergang herbeigeführt haben soll. 12
So entstand ein verzerrtes, einseitiges Bild vom Treibhaus als rein politisches Werk, das zwar entgegen Koeppens einleitendem Kommentar durchaus ein Roman mit politischen Ambitionen ist, sich jedoch treffender als politischer Bericht eines scheiternden Charakters definieren lässt. Das hält auch der Autor selbst fest:
Ja, aber in dem Treibhaus ist nicht diese Stadt des Treibhauses, also Bonn, das Thema des Romans, sondern es ist der des einsame Abgeordnete Keetenheuve, der scheitert, es ist der Roman eines Scheiterns, des Scheiterns eines Einsamen, der sich in die Arena begibt, in die Politik. 13 Allein aus dem politischen Handlungsstrang lässt sich Keetenheuves Selbstmord nicht plausibel erklären. „Der Roman erzählt von einer politischen Niederlage, und er erzählt von einem persönlichen Verlust. Beides zusammen lässt Keetenheuve scheitern, beides zusammen aber lässt auch überhaupt erst ein Bild seiner Persönlichkeit entstehen.“ 14 Keetenheuve versteht sich als Literat, Pazifist, Dilettant, Existenzialist, Außenseiter und ist psychisch labil. All diese Gesichtspunkte verschwanden meist hinter den immanenten Ähnlichkeiten der Figuren des Romans mit den Politikern der frühen Bundesrepublik; fast scheint es, als seien die meisten Rezensenten, die das Buch kurz nach seinem erscheinen besprachen, nicht mehr in der Lage gewesen, diese Aspekte wahrzunehmen. Vermutlich bot Koeppens kryptischer, mit mythologischen und literarischen Anspielungen gespickter Text zudem eine ideale Angriffsfläche: Eine gewisse intellektuell-elitäre und distanzierte Haltung des Autors zu seiner Umwelt lässt sich nicht leugnen, was gepaart mit einer tendenziösen Auseinandersetzung mit dem Text die ungestümen Reaktionen erklärt. Koeppen hat mit dem Buch die Grenze der damals tolerierbaren Kritik überschritten, so dass selbst die wenigen wohlwollenden Kritiken sich in irgendeiner Form daran stören. Man vermisst trotz einer uneingeschränkten Empfehlung für Tauben im Gras bei Das Treibhaus den „Raum der Stille, Besinnung und Einsamkeit, der unverkrampften Tätigkeit und des
10 Walter Karsch: Verpasste Gelegenheit, in: Der Tagespiegel, 24.1.1954, zit. n.: Schütz, a. a. O., S. 278.
11 Holz, a. a. O., S. 126.
12 Dietrich Erlach: Wolfgang Koeppen als zeitkritischer Erzähler. Uppsala 1973 (= Studia Germanistica Upsaliensis, Band 11), S. 201f.
13 Horst Krüger: Selbstanzeige, in: Wolfgang Koeppen. Einer der schreibt. Gespräche und Interviews. Hg. v. Hans-Ulrich Treichel. Frankfurt a. M. 1995, S. 35.
14 Ebd., S. 30.
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heiteren Genusses“ 15 der doch nicht über Nacht aus dem Geiste der Republik entfernt worden sein könne, man reibt sich an der „Wollust des Ekels“, einer „forcierten Verruchtheit“ und einem „gelegentlichen Abgleiten in die Perversion“ 16 , obwohl es sich um „eine Klasse Literatur [handelt], wie sie nur selten erreicht wird“ 17 , besonders in Hinblick auf die formale Virtuosität. Dieter Erlach macht daran Koeppens Sonderstellung fest: „Koeppens Roman paßte nicht mehr in eine Tendenz der westdeutschen Literatur, die sich seit Anfang der fünfziger Jahre immer stärker abzeichnet“ 18 .
Es lässt sich festhalten, dass „man durch die Besprechung wenig über das besprochene Buch und viel über das Land erfuhr, in dem es geschrieben und gelesen wurde“. 19 So bleibt es dabei, dass die Rezeption unmittelbar nach der Veröffentlichung nur bei kleinen Magazinen ausschließlich positiv war. Koeppen erhielt erst in den 1960ern die verdienten Preise: 1961 den „Förderpreis für Literatur“ der Stadt München, 1962 den Georg-Büchner-Preis, 1965 den Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Künste, 1967 den Immermann-Preis der Stadt Düsseldorf und den Dichterpreis der Stiftung zur Förderung des Schrifttums, 1971 den Gryphius-Preis, 1974 wurde er erster Stadtschreiber von Bergen-Enkheim und 1978 erhielt er das Schiller-Stipendium. Es scheint nicht vermessen zu behaupten Wolfgang Koeppen wäre in dieser Phase mit Auszeichnungen überschüttet worden. Marcel Reich-Ranicki machte 1963 in Der gierige Zeuge auf die bis Anfang der 1960er unterschätzte Relevanz der drei Nachkriegsromane Koeppens aufmerksam und als Goverts 1969 eine Sonderausgabe der Nachkriegstrilogie herausbrachte, begann Koeppens Rehabilitierung. Horst Krüger von der Zeit bezeichnete die Romane als „einen unbestrittenen fast legendären Gipfel der Nachkriegsprosa“ 20 oder „große Literatur“ 21 und stellte Koeppen neben Kurt Tucholsky und Thomas Mann 22 . Man spricht den Autor von dem Vorwurf frei, Deutschland übel nachgeredet zu haben: „Der Autor Koeppen, dessen Beschwörungsformeln selten Anklang fanden, ist, seit sich seine Befürchtungen bewahrheitet haben, unversehens auch als Stilist legitimiert“. 23
15 Horst Rüdiger: Wespennest im Treibhaus, in: Über Wolfgang Koeppen. Hg. v. Ulrich Greiner. Frankfurt a. M. 1976, S. 57.
16 Karl Korn: Satire und Elegie deutscher Provinzialität, in: Über Wolfgang Koeppen. Hg. v. Ulrich Greiner. Frankfurt a. M. 1976, S. 48f.
17 Ebd., S. 47.
18 Erlach, a. a. O., S. 203.
19 Götze, a. a. O., S. 130.
20 Horst Krüger: „Tauben im Gras“/ „Das Treibhaus“/ „Der Tod in Rom“, in: Die Zeit (11.4.1969), zit. n.: Erlach, a. a. O., S. 213.
21 Anonym: Koeppen Heute, in: Publik (12.5.1969), zit. n.: Erlach, a. a. O., S. 213.
22 Ebd..
23 Anonym: Koeppen Heute, in: Publik (12.5.1969), zit. n.: Götze, a. a. O., S. 130.
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Goetze sieht die späte, fast ausschließlich positive Kritik auch kritisch; er argwöhnt das „verspätete Lob der Nachkriegsromane Koeppens ist gerade Ausdruck der Tatsache, dass die Entscheidungen alle gefallen waren und dass keine Gefahr bestand, dass sie revidiert würden.“ 24 Erlach weist auf die Tatsache hin, dass die Kritik nun die Entpolitisierung der Romane vorantreibt: Jost Nolte beschreibt Koeppens Visionen als „Schreckensbild“ 25 und „Beschreibung einer Resignation“ 26 und beraubt sie mit der daraus folgenden „wertvollen Allgemeingültigkeit“ 27 der „nach wie vor zutreffende[n] Zeitkritik, allerdings auf elegantere Art, als die empörten Rezensionen der fünfziger Jahre es taten.“ 28 Die Verfilmung von Das Treibhaus 1987 von Peter Goedel unter Mitarbeit von Wolfgang Koeppen, der das Geschehen in die 1980er und damit eine Konfliktphase des Kalten Krieges 29 versetzte, betonte wiederum den politischen Aspekt.
In einem ersten Teil der Arbeit werden die politischen Umstände der Bonner Republik bis 1953 untersucht um diese dann in einem zweiten Kapitel mit den Eindrücken des Angeordneten Keetenheuve in das Treibhaus zu kontrastieren. An dieser Stelle stellt sich dann die Frage: Ist Koeppen wirklich der sensible Seismograph oder gar der Prophet gewesen, für den man ihn mittlerweile hält? Oder ist Das Treibhaus ein „deutsches Märchen“, wie der Autor selbst behauptet?
Da sich die von Koeppen aufgedeckten latenten Prozesse oftmals erst in der jüngsten Vergangenheit manifestiert haben, lässt sich die eine oder andere „Zeitreise“ nicht vermeiden. Durch einen synchronen Vergleich mit der westdeutschen Nachkriegsliteratur wird die Sonderstellung Wolfgang Koeppens verdeutlicht.
2 Die Anfänge der Adenauer-Ära
Von Relevanz für dieses Kapitel sind die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse die entweder im Treibhaus angesprochen oder eng damit verknüpft sind. Dazu zählen die Personen des Buches, die zum Teil frappierende Ähnlichkeit mit Personen der politischen Szene der Ära Adenauer aufweisen, sowie die Schilderung Bonns und der Umgebung. Mit dem Charakter Keetenheuve spielt Koeppen auf das Spannungsfeld Politik und Intellektualität
24 Götze, a. a. O., S. 133.
25 Jost Nolte: Revision im Fall Koeppen, in: Welt der Literatur (8.5.1969), zit. n.: Erlach, a. a. O., S. 213.
26 Ebd..
27 Erlach, a. a. O., S. 214.
28 Ebd..
29 Der Film stellt eine Debatte im Bundestag über den Nato-Doppelbeschluss in den Mittelpunkt. Durch diesen wurde 1979 die Stationierung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa zur Wiederherstellung des „Gleichgewichts des Schreckens“ festegelegt und die Sowjetische Invasion in Afghanistan führte zu einer Unterstützung des Widerstands islamischen Mudjahedin.
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an. Er greift die Geschichte der Oppositionspartei und deren Entwicklung auf, verarbeitet die Historie des Liberalismus, geht auf die Doppelmoral der Regierungspartei ein, kritisiert die Ausschussarbeit und die parlamentarische Arbeit, sowie die Macht der Geheimdienste. Im Zentrum der Erzählung steht die Debatte über die Europäische Verteidigungsgesellschaft, also die de facto Wiederbewaffnung der BRD, woran sich eine Diskussion über Pazifismus anschließt. Das Thema der Wiederbewaffnung ist dabei eng mit dem Wunsch nach Wiedervereinigung verknüpft. Allgegenwärtig ist das Thema Restauration, dass deutlich alle anderen Themen überlagert.
Seine Gesellschaftskritik zielt auf die Werbeindustrie und Konsum, die Künstlichkeit der Gesellschaft & Familie, Politikverdrossenheit sowie Erziehung. Der Roman ist also gespickt mit konkreten politischen und historischen Anspielungen und einer Gesellschaftskritik, die ihrer Zeit weit voraus war; so ist es nahe liegend die konkreten politischen Umstände zu resümieren und anhand dieser Fakten Koeppens Darstellung der Tatsachen Revue passieren zu lassen.
2.1 Die politische Elite 30
Am 15. September 1949 wurde Konrad Adenauer mit 202 von 402 Stimmen zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Der begeisterte Rosenzüchter 31 hatte diese von der Deutschen Partei und der FDP mitgetragene Koalition in einem inoffiziellen Treffen am 21. August in seinem Rhöndorfer Haus möglich gemacht, da er dort von 20 führenden CDU/CSU-Persönlichkeiten „grünes Licht“ für diese kleine Koalition bekam 32 .
Es stellte sich von Anfang an heraus, daß Adenauer die Richtlinien der Politik souverän bestimmte. Er war die unangefochtene Führungspersönlichkeit der neuen Regierung. Ihm gelang es, aus dem politischen System der Bundesrepublik eine sogenannte Kanzlerdemokratie zu formen. 33 Diese Kanzlerdemokratie
war machtorientiert, sie suchte und gewann die Unterstützung jener politischen und sozialen Kräfte, ohne die seine Politik nicht durchzusetzen gewesen wäre. [… Sie] war die Konzentration der Macht im Amt des Bundeskanzlers. Sie war der erfolgreiche Versuch, die übrigen Machtträger der Politik und der Gesellschaft so weit wie nötig einzubeziehen, um mit ihrer Hilfe die politische Führung stark zu machen. 34 So richtete er für jedes Ministerium eine „gespiegelte“ Koordinierungsstelle ein, die er mithilfe seines Personalreferenten Hans Globke, der während der NS-Zeit einen juristischen
30 Die historischen Informationen der folgenden drei Unterkapitel werden Kurt Sontheimer: Die Adenauer-Ära. Grundlegung der Bundesrepublik. Hg. v. Martin Broszat, Wolfgang Benz et al. München 1996 (= Deutsche Geschichte der neuesten Zeit vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart), entnommen und nur durch Seitenzahlen gekennzeichnet. Informationen aus anderen Quellen werden wie üblich zitiert.
31 Vgl. Klaus Dreher: Treibhaus Bonn - Schaubühne Berlin: deutsche Befindlichkeiten. Stuttgart 1999, S. 108.
32 S. 27.
33 S. 28.
34 S. 173f.
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Kommentar die anti-jüdischen Gesetze verteidigt hatte 35 , mit loyalen Mitarbeitern besetzte, die die Ministerien betreuten und so faktisch kontrollierten. 36 Ebenso umstritten war der heimliche Aufbau des Auswärtigen Amtes (anfänglich noch „Organisationsbüro für die konsularisch-wirtschaftlichen Vertretungen im Ausland“) ab 1950 und des Bundesministeriums der Verteidigung (unter Theodor Blank wurde das Amt noch „Beauftragter des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“ umschrieben).
Die Presse war für Adenauer immer ein notwendiges Übel, was die „Spiegel-Affäre“ im Oktober 1962 besonders deutlich machte: Sie
offenbarte nämlich, daß die Regierung auch in rechtsstaatlicher Hinsicht nicht gerade »pingelig« war. Sie scheut sich nicht, ihre Machtmittel einzusetzen, um ein ärgerliches und einflussreiches Organ der öffentlichen Meinung zu verfolgen und in seiner Wirkung auf die öffentliche Meinungsbildung zu beeinträchtigen. 37
Am 12. September war die Wahl Theodor Heuss’ (FDP) zum Bundespräsidenten vorausgegangen. Er repräsentiert
als Bundespräsident die politische und geistige Einheit der der Bundesrepublik. Er wollte über den Parteien stehen und eine ausgleichende Kraft im politischen Leben sein. Dazu war er von seinen Anlagen und von seinem Lebenskauf prädestiniert: Er war Journalist, Schriftsteller, Intellektueller, mit vielfältigen Kontakten zu seinesgleichen 38 .
Er nahm diese vermittelnde Rolle durchaus ernst, was ihm den Ruf einbrachte, ein „der Tagespolitik eher entrückte[r] Bundespräsident“ 39 zu sein. Dass er dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatte, welches Hitler an die Macht brachte, wurde ihm immer wieder vorgehalten.
Der Oppositionsführer Kurt Schumacher war eine autoritäre und charismatische Führungsfigur. 40 Er selbst wurde während des Dritten Reichs als SPD-Politiker in einem KZ interniert und engagierte sich gleich nach dem Krieg für seine Partei. Er stand für eine klare Abgrenzung der SPD zur KPD und für eine Politik, deren eindeutiges Primat die Wiedervereinigung war. „Die SPD-Opposition stilisierte sich unter dem beherrschenden Einfluss Schumachers zur wahren Hüterin der nationalen Interessen Deutschlands und damit für eine aktive Wiedervereinigungspolitik.“ 41 Im Gegensatz zum kühlen Adenauer war er ein leidenschaftlicher und faszinierender Redner. 42
35 Vgl. Dreher, a. a. O., S. 118.
36 Ebd., S. 119f.
37 S. 63.
38 S. 13.
39 S. 14.
40 S. 10.
41 S. 166.
42 Vgl. S. 12.
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Adenauer wirkte durch Einfachheit, Nüchternheit, betonte Bürgerlichkeit; auch seinen scharfen, zum teil demagogischen Parlaments- und Wahlreden fehlten rhetorischer Aufwand, ganz im Gegensatz auch zur leidenschaftlichen Rhetorik seines Kontrahenten Kurt Schumacher 43 .
Carlo Schmid repräsentierte die intellektuelle Seite der SPD; so war er als Übersetzer tätig und übertrug Baudelaires „Fleures du Mal“ 44 und machte immer wieder durch geistreiche Bemerkungen auf sich aufmerksam. Neben Heuss war er einer der wenigen Politiker, die das Interesse und die Öffnung der politischen Elite für die Künste voranzutreiben versuchte: „Der Kunst zugetane Politiker wie Theodor Heuss und Carlo Schmid setzten deutliche Zeichen für ein weltoffenes Kunstverständnis.“ 45
Reinhard Gehlen wurde von den Amerikanern 1946 als Leiter der „Organisation Gehlen“ eingesetzt, die als Geheimdienst für die USA und BRD zu verstehen war. 46 1956 ging daraus der Bundesnachrichtendienst hervor, dessen Leiter Gehlen bis 1968 war. Er war während des Zweiten Weltkriegs Chef der „Abteilung Fremde Heere Ost" und somit auch Chef der Ostspionage. Trotz mäßigen Erfolgs wurde er 1944 zum Generalmajor befördert. Es wird angenommen, dass er sich der Ansicht des Russlandkenners Heinz Herre - welcher forderte, Slawen nicht als Untermenschen, sondern als Menschen einzustufen - nur aus Opportunismus anschloss. Dafür spricht auch, dass Gehlen kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs belastendes Material verschwinden ließ. Während seiner Zeit als Geheimdienstleiter stellte er zudem verstärkt Personen ein, die NS-belastet waren.
2.2 Politische und wirtschaftliche Ereignisse bis 1952
Der Streit um die Ernennung Bonns zur Hauptstadt der BRD begann eigentlich schon vor deren Gründung. Ebenso zur Debatte stand Frankfurt a. M., welches auch eine bessere Infrastruktur geboten hätte. 47 Der Entscheidung für Bonn war ein gewieftes Taktieren und Intrigieren vorausgegangen. So wurde z. B. das Informationsmaterial, auf dessen Grundlage der parlamentarische Rat entscheiden sollte, durch die CDU manipuliert 48 und eine gefälschte Pressemeldung über eine verfrühte Siegesfeier der SPD für Frankfurt durch CDU- 43 KarlDietrich Bracher: Die Kanzlerdemokratie, in: Die zweite Republik. Hg. v. Richard Löwenthal, Hans-Peter Schwarz. Stuttgart 1974, S. 190, zit. n.: Sontheimer, a. a. O., S. 174.
44 Josef Quack: Wolfgang Koeppen. Erzähler der Zeit. Würzburg 1997, S. 149.
45 S. 150.
46 Anonym: Reinhard Gehlen, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Gehlen.
47 Noch im September 1949 kam ein Bericht zu dem Schluss, dass der Ausbau Frankfurts zum Regierungssitz 25 Millionen Mark gekostet hätte, in Bonn hingegen rechnete man mit 120 Millionen.
48 Ebd., S. 65.
7
Parteimitglieder in Umlauf gebracht 49 . Der „Ärger über das Verfahren mit dem Bonn zur Hauptstadt gemacht wurde, blieb ebenfalls haften. […] Es störte die Oberschicht und Intellektuelle, dass sich der rheinisch-katholische Konservative Adenauer mit seinen restaurativen Tendenzen so rasch durchsetzte.“ 50
Oft wurde kritisiert, dass die Abgeordneten zum Großteil in einem separaten Regierungsviertel lebten, was viele zu einem Vergleich mit einem Getto anregte. Im Feuilleton wurde darüber rege diskutiert; Walter Henkel unkte es werde „wohl kaum ein echtes hauptstädtische Gefühl aufkommen“ 51 , in der FAZ monierte man den kulturellen Missstand 52 und oft war von Provinzialität, Enge und Provisorium die Rede. So kam es, dass die meisten Amtsträger nur für die Parlamentsarbeit zwischen Dienstag und Freitag anreisten, sich zwischendurch innerhalb des vier Quadratkilometer großen Bundesbezirks vergnügten und danach wieder in ihre Heimatorte entschwanden.
Ein ganzes Bündel von Themen wird durch Walter Dirks Begriff „Restauration“ geprägt. Dirks stellte eine gesamtgesellschaftliche Rückwärtsgewandtheit fest, die nicht unwidersprochen blieb. Das von Adenauer eingesetzte politische Personal war hinsichtlich dieses Aspekts z. T. offenkundig belastet, aber auch die Verwaltung und andere zentrale Bereiche, wie Justiz und Bildungsinstitutionen, waren betroffen. Wegen Deutschlands neuer Rolle als Frontstatt des Kalten Krieges, zeigten Amerikaner und andere Besatzungsmächte kein wirkliches Interesse an einer umfassenden Entnazifizierung. In den Verfahren nach 1948 wurden manche Nationalsozialisten, die im Dritten Reich »große Tiere« gewesen waren, rücksichtsvoller behandelt als vorher die kleinen Mitläufer. […] [H]öchstens 3 Prozent der vor die Spruchkammern geladenen ehemaligen Nationalsozialisten wurden in diesen Verfahren als Hauptbeschuldigte oder Belastete eingestuft. 53
Zwar ist es kaum möglich ein funktionierendes Gemeinwesen zu installieren, ohne gewisse Kontinuitäten zu erzeugen; doch es war offensichtlich, dass die Entnazifizierung hinter neuen Zielen zurückstehen musste.
Trotz einer insgesamt positiven Entwicklung gibt es zahlreiche Gegenbeispiele, die zeigen, dass eine große Zahl ehemaliger Nazis oder bekennende Sympathisanten zu Würdenträgern der BRD wurden: Hans Filbinger, nach Ralf Hochhuth einer der „furchtbaren Juristen“, die an Urteilen über Wehrkraftzersetzung mitwirkten, der später Ministerpräsident Baden-Württembergs wurde 54 oder die bereits erwähnten Hans Globke und Reinhard Gehlen. Albert
49 Ebd., S. 68ff.
50 Ebd., S. 129.
51 Ebd., S. 126.
52 Vgl. Ebd., S. 127.
53 S. 175.
54 Anonym: Hans Filbinger, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Filbinger.
8
Norden, ehemaliger Geschichtsprofessor an der Berliner Humboldt-Universität und später bei der SED für Propaganda zuständig und in der Kommission zur Aufarbeitung der Nazi- und Kriegsverbrechen, schreibt in seinem „Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik. Staat, Wirtschaft, Verwaltung, Armee, Justiz, Wissenschaft“ über die Verwicklungen von 1800 Politikern und führenden Beamten der BRD in den Nationalsozialismus. 55 In einer Rezension von Götz Aly wird das Buch zwar als SED-Propaganda entlarvt, es weist nach diesem allerdings eine Fehlerquote von weniger als einem Prozent auf.
Wenn die neonazistischen Tendenzen nicht zu auffallend waren und man über entsprechende Kontakte verfügte, stand einer Karriere in der Verwaltung, Legislative, Exekutive oder Judikative meistens nichts im Weg. Besonders schleppend ging die Auseinandersetzung der nationalsozialistischen Vergangenheit in Justizkreisen voran: „Noch am ehesten finden sich Zeichen für eine bemerkenswerte Kontinuität zwischen Nazizeit und Nachkriegszeit in der deutschen Justiz.“ 56 In den ersten beiden Amtsperioden Adenauers verhielt sich deutsche Justiz außerordentlich zurückhaltend bei der Verfolgung so genannter Justizverbrechen, wie z. B. „Rassenschande“ oder „Wehrkraftzersetzung“, mit der Argumentation, die damals gefällten Urteile hätten der rechtlichen Norm entsprochen und wären somit legal gewesen. 57 Es war auch ganz im Sinne der neuen Rolle der Bundesrepublik, dass man sich lieber der Verfolgung von Kommunisten zuwendete, als das militärische Fundament einer möglichen deutschen Armee durch strikte Überprüfungen zu dezimieren. 58
Die neue Rolle begann Anfang 1950, begünstigt durch den Korea-Krieg: Die „Gewährung der politischen Gleichberechtigung gegen Übernahme eines Beitrags zur westlichen Verteidigung.“ 59 Die „Zentrale für Heimatdienst“, wie das „Bundesministerium für Verteidigung“ der Verschleierung halber bis 1955 hieß, zog dafür am 6. Oktober 1950 in Himmerod nahezu die gesamte Militärelite (d. h. viele Offiziere) des Ostfeldzugs zu Planungsgesprächen die „neue Wehrmacht“ betreffend heran. „Alte Sprachfiguren wie Wehrwille, Wehrkraft und wahres Soldatentum wurden bemüht. Das war der Preis, der für die Bereitschaft der Hitler-Generäle zur Mitarbeit gezahlt werden sollte.“ 60 Die am 5. Mai
55 Anonym: Braunbuch, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Braunbuch.
56 S. 178.
57 Vgl. S. 179.
58 Vgl. S. 179f.
59 Detlef Bald: Adenauers Geheimnis. Vor 50 Jahren entstand die Bundeswehr. Sie wurde zunächst von Generälen entworfen, die bis zum Kriegsende hitlertreu waren. Dieses Erbe wirkt bis heute nach, in: Die Zeit, Nr. 23 (2.6.2005), S. 6.
60 Ebd..
9
1955 in Kraft getretenen Pariser Verträge regelten den NATO-Eintritt der BRD 61 , was zugleich die offizielle Einführung der Bundeswehr und damit der Wiederbewaffnung war. Gleichzeitig wurde damit das Besatzungsstatut aufgelöst und die BRD erlangte dadurch ihre volle Souveränität zurück.
Dieser Entscheidung waren hitzige Debatten vorausgegangen; dabei wurde auch die Frage der Wiedervereinigung - besonders von der SPD - eng an die Wiederbewaffnung gekoppelt. Die SPD sah in der möglichen Wiederbewaffnung die Zementierung des Status Quo. Sie war jedoch nicht prinzipiell dagegen:
Obwohl auch die SPD-Opposition von der Notwendigkeit einer militärischen Sicherheit für die Bundesrepublik überzeugt war, hielt sie Adenauers Vorgehen, dieses Problem durch einen westdeutschen militärischen Beitrag im Rahmen einer europäischen oder nordatlantischen Streitmacht lösen zu wollen, für falsch und gefährlich. 62
So kämpfte sie entschlossen gegen eine Europäische Verteidigungsgesellschaft (EVG) und später in der zweiten Amtszeit Adenauers gegen den NATO-Beitritt. Als Alternative wird immer wieder auf die Stalin-Note vom 10. März 1951 verwiesen 63 , in der Deutschland die Wiedervereinigung im Gegenzug für Neutralität anbot. Daran hatten die westlichen Alliierten natürlich kein Interesse und übten entsprechend Druck auf die Regierung aus. Kurt Sontheimer macht jedoch auf die Tatsache aufmerksam, dass die Kompetenzen einer westdeutschen Regierung unter der Besatzung deutlich eingeschränkt waren und politische Entscheidungen maßgeblich durch die USA, GB und Frankreich geprägt waren, weshalb politische Standpunkte, welche den Besatzungsinteressen diametral gegenüber standen, kaum durchsetzbar gewesen wären. 64
Adenauer selbst dürfte auch wenig Interesse an einer Wiedervereinigung gehabt haben, denn nach einer solchen wäre ein klarer Linksruck zu erwarten gewesen. 65 Dass der Kanzler deshalb einer Wiedervereinigung jedoch im Wege gestanden hat, darf als böswillige Unterstellung eingeschätzt werden.
Die Vorstellung eines unbewaffneten und neutralen Deutschlands war zum damaligen Zeitpunkt jedoch keine Utopie, sondern eine - wenn auch wenig wahrscheinliche - reale Option: In der Debatte um Wiederbewaffnung und Wiedervereinigung „tat sich eine Gruppe von Pazifisten und Neutralisten besonders hervor, deren prominenteste Mitglieder der
61 Dabei waren deutsche Truppen der alliierten Kommandostruktur unterstellt.
62 S. 43.
63 Vgl. S. 160.
64 Vgl. S. 54.
65 Vgl. Götze, a. a. O., S. 22.
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protestantische Bischof Martin Niemöller und der ehemalige Innenminister Gustav Heinemann waren.“ 66
Zum Begriff der Restauration gehört auch die Entnazifizierung; diese wurde von den Alliierten mit unterschiedlicher Vehemenz vorangetrieben. Die Amerikaner waren anfangs noch sehr engagiert und versuchten mit 545 Spruchkammern - Laiengerichte die unter Aufsicht der US-Militärbehörden tagten - und einem 131 Fragen umfassender Bogen zu verhindern, dass sich ehemalige Nazis im System niederließen. 67 Jedoch geriet mit dem Beginn des kalten Kriegs und der neuen Rolle der BRD, das Interesse an einer gründlichen Entnazifizierung zunehmend in den Hintergrund, so dass in Schnellverfahren häufig „Persilscheine“ ausgestellt wurden.
In der sowjetisch besetzten Zone ging man wesentlich drastischer gegen Altnazis vor - bei weitem jedoch nicht so effektiv, wie die Propaganda suggerierte, in der britischen und französischen Besatzungszone beschränkte man sich von Anfang an auf die Eliten. In der Konsequenz setzten sich die Deutschen nur sehr eingeschränkt mit ihrer Vergangenheit auseinander: Immerhin unterstützten 32 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung 1952 bei der Befragung durch ein demoskopisches Institut die Ansicht, dass Hitler von einigen Fehlern abgesehen einer der größten Staatsführer des Jahrhunderts sei. 68 Im Mittelpunkt stand der wirtschaftliche Aufschwung: Der Koreaboom „verlieh der wirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik ab 1951 den notwendigen Schub, […] für den eine durchschnittliche Wachstumsrate von fast 8 Prozent pro Jahr während der ganzen fünfziger Jahre charakteristisch war.“ 69 Durch das am 18. März 1953 verabschiedete Gesetz zur Verpflichtung, Entschädigungen und Wiedergutmachungen für die Opfer der Nationalsozialisten zu leisten „wurde die moralische Legitimität der Bundesrepublik erwirkt und ihre besondere Verpflichtung gegenüber dem Staat Israel herausgestellt.“ 70 Dass es ernst gemeinte Bemühungen gab, sich der Historie anzunehmen und die gewonnenen Erkenntnisse in die Bevölkerung zu tragen, zeigte auch die Einrichtung der „Bundeszentrale für Heimatdienst“ in Bonn, sowie ähnlicher Einrichtungen auf Landesebene (welche heute „Bundeszentrale für politische Bildung“ bzw. „Landeszentrale für politische Bildung“ heißen), sowie die Einführung von „Sozial-“ oder „Gemeinschaftskunde“ als Schulfach. 71
66 S. 169.
67 Vgl. Anonym: Entnazifizierung, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Entnazifizierung.
68 Vgl. Götze, a. a. O., S. 54.
69 S. 39.
70 S. 45.
71 Vgl. S. 186.
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Fakt ist, dass zumindest allzu offensichtliche restaurative Strukturen nicht geduldet wurden. Obwohl zwar noch große Teile der Bevölkerung sich trotz Hitler eine starke Führungspersönlichkeit wünschten, konnte sich keine neonazistische Strömung etablieren bzw. diese wurde aktiv durch das System verhindert: Am 4. Mai 1951 wurde die Sozialistische Reichspartei verboten.
2.3 Die junge BRD, Intellektuelle und die Entwicklung der Gesellschaft
Adorno kam 1959 zu der Feststellung: "Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie" und kritisierte damit eben jene Haltung der BRD, die zwar die Symptome in Form von deutlich erkennbarem Revisionismus bekämpfte, die latente Geisteshaltung jedoch nicht diskutierte. Die Intellektuellen, sowohl konservativ als auch links „stande[n] der Gründung und dem Aufbau der Bundesrepublik unter Adenauer skeptisch und kritisch gegenüber.“ 72 Dolf Sternberger hielt fest, dass es nicht gelungen sei die „Politik geistig zu erhellen“ 73 , für Hans Werner Richter, Gründer der Gruppe 47, „vollzog sich in der Bundesrepublik unter Adenauers Führung nicht die notwendige Erneuerung Deutschlands, sondern »die Wiederherstellung des alten«.“ 74
In der 1960 von Wolfgang Weyrauch veröffentlichten Anthologie „Ich lebe in der Bundesrepublik“ kamen 15 bekannte deutsche Autoren zu dem Befund, dass die „Regierungszeit Adenauers als eine Zeit der Erstarrung, der fragwürdigen Kontinuitäten, als Entwerfung des Geistes unter die Imperative der sich entfalteten Wohlstandsgesellschaft mit ihrem Materialismus und Egoismus“ 75 bezeichnet werden konnte. Martin Walser hingegen kritisierte die Außenseiterposition der Intellektuellen, die es diesen einfach mache zu kritisieren, weil sie nicht an der Gesellschaft teilnehmen würden. 76 Erst Anfang der 1960er, als einige Autoren die SPD aktiv unterstützten, erkannte die CDU/ CSU, dass man möglicherweise etwas versäumt hatte. Das Nebeneinander von Intellektuellen, Politik und Gesellschaft war zum einen der geistigen Elite selbst zuzuschreiben, andererseits forcierte auch Adenauers Vorgehen, dass diese drei Positionen weiter auseinander trieben, denn er „fühlte sich über [die intellektuelle] Kritik erhaben und ignorierte sie.“ 77 Er legte mehr Wert auf die Zustimmung und Integration des zahlreich vorhandenen Bürgers, als auf
72 S. 136.
73 Ebd..
74 S. 137.
75 Ebd..
76 S. 138.
77 S. 140.
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die der Gebildeten; deren Meinung wich bei allen „großen Themen“ - Wiederbewaffnung, Wiedervereinigung, restaurativen Tendenzen, Kommunismus, Moralvorstellungen, Kanzlerdemokratie, Konsumgesellschaft - gänzlich von seiner Linie ab. Sontheimer irrt jedoch, wenn er behauptet, vielen Intellektuellen würde „das Verständnis für die konkreten Aufgaben und Probleme der praktischen Politik“ 78 fehlen. Dem widerspricht deren äußerst differenzierte Kritik und der konzeptionelle Ansatz nicht Öl sondern Sand im Getriebe der Welt zu sein 79 . Er merkt argwöhnisch an, dass sämtliche Schriftsteller der Nachkriegsjahre der Emigration und inneren Emigration entstammten und stellt damit eine Verbindung zur restaurativen Tendenz her, scheint aber zu vergessen, dass sich z. B. „Trümmerliteratur“/ „Kahlschlagliteratur“ konzeptionell von frühere Literatur unterscheiden und eine Kontinuität der Emigrierten höchstens zwischen der Weimarer Republik und der jungen BRD bestand.
Bis Mitte der 1950er setzten sich die Romane tendenziell kritisch mit den Kriegserlebnissen persönlich Betroffener auseinander, z.B. 1945 Theodor Plieviers „Stalingrad“, 1952 Peter Bamms „Unsichtbare Flagge“ oder 1955 Josef Martin Bauers „So weit die Füße tragen“ 80 ; eine weitere Gruppe von Autoren schuf eine primär unpolitische und weniger gesellschaftskritische Prosa: Elisabeth Langgässer, Marie Luise Kaschnitz, Alfred Andersch und Wolfgang Borchert standen v. a. für einen autopoetischen Ästhetizismus. Ab Anfang der 1950er begann eine Distanzierung zum Kriegsgeschehen, was in einer weniger differenzierten Darstellung mündet: Ernst von Salomons „Der Fragebogen“ von 1951 reduziert den Krieg auf einen Unglücksfall und Gerd Kaiser schildert den Untergang der deutschen Luftwaffe 1953 in „Die sterbende Jagd“ „eher in elegischen als in kritischen Tönen und zeigt Züge einer Heroisierung des Kriegsgeschehen“ 81 . Nur wenige Autoren setzen sich ähnlich intensiv und kritisch mit dem Nachkriegsdeutschland auseinander, z. B. Arno Schmidt mit „Brand’s Haide“ von 1951. 82
Schon früh immanent politisch war Heinrich Böll, z. B. 1950 mit „Wanderer, kommst du nach Spa...“, jedoch weniger tagespolitisch und nicht mit dem scharfen Ton eines Wolfgang Koeppen. Die Rezeptionsgeschichte für seinen 1953 veröffentlichten Roman „Und sag kein einziges Wort“ verläuft antagonistisch zu der von Koeppen: Während die Rezeption unmittelbar nach dem Erscheinen positiv gestimmt ist, sind spätere Kritiken eher
78 S. 141.
79 Vgl. S. 146.
80 Vgl. Peter J. Brenner: Neue Deutsche Literaturgeschichte. Von »Ackermann« zu Günter Grass. Tübingen 1996, S. 278.
81 Ebd. S. 281.
82 Vgl. Brenner, a. a. O., S. 290.
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durchwachsen. Heinrich Bölls Romane entwickelten eine zunehmend deutlich tagespolitische Ausrichtung, z. B. in „Billard um halb zehn“ 1959, dass auch eine Verbindung zwischen dem dritten Reich und der bundesrepublikanischen Gesellschaft zieht, „Ansichten eines Clowns“ 1963 und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ 1974. Böll solidarisiert sich in den 1970ern ideologisch mit den RAF-Terroristen, was zu einer hitzigen Debatte und einer konservativen Hetzkampagne gegen ihn eskalierte 83 .
Erst die „zweite Generation“ Romane der jungen BRD, darunter Günter Grass 1959 mit „Die Blechtrommel“, Martin Walser 1957 mit „Ehen in Philippsburg“ und 1960 „Halbzeit“ oder Uwe Johnson ebenenfalls 1959 mit „Mutmaßungen über Jakob“ schufen eine deutlich politische und gesellschaftskritische Literatur, auf die Koeppen bereits 1951 mit „Tauben im Gras“ und besonders 1953 mit das das Treibhaus vorgriff.
Die Sonderstellung Koeppens ist sicherlich bedingt durch Koeppens starke Vorliebe für moderne Literatur im Stile von Kafka, Döblin, Proust und vieler anderer Expressionisten und sein frühes Interesse für amerikanische Literatur von Joyce und Faulkner: Brenner sieht in Koeppens Nachkriegstrilogie „den entscheidenden Beitrag zur Modernisierung der westdeutschen Literatur“ 84 .
3 Das Deutschlandbild in Das Treibhaus
Abseits aller „Verschleierungsversuche“ Koeppens durch mangelnde Präzision bezüglich fehlender Namen und Daten wird das Treibhaus von Erlach als realistischer Roman eingestuft. Zahlreiche Orte, Personen und Geschehnisse weisen eine aufdringliche Ähnlichkeit mit der politischen Welt der Adenauer-BRD auf. Zu Recht wird jedoch von vielen Autoren auf den durch den Charakter Keetenheuve gefilterten Blick hingewiesen 85 . Das tut der Kritik Koeppens jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil: „Was aber seinen Werken ihren Wahrheitsgehalt und ihr überzeugendes Ethos gibt, ist nicht allein die Entschiedenheit seiner Kritik, sondern [das] Bewußtsein des Unterschieds zwischen absolutem moralischem Anspruch und menschlicher Unzulänglichkeit.“ 86
83 Vgl. Anonym: Heinrich Böll, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Böll.
84 Ebd., S. 289.
85 Der Roman wird z. B. durch Jürgen H. Petersen unter der Kategorie „Werteverlust und Subjektivierung“ eingeordnet (Vgl. Hilda Schauer: Denkformen und Wertesysteme in Wolfgang Koeppens Nachkriegstrilogie. Wien 2004, S. 107.).
86 Ebd..
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3.1 Die politische Elite aus der Sicht des Abgeordneten Keetenheuve
Dem politisch interessierten Leser muss es ein Leichtes gewesen sein, die Anspielungen auf die politische Elite Anfang der 1950er und den Standort zu verstehen. Die Hauptstadt Bonn wird immer wieder genannt, Keetenheuve durchquert während der Fahrt zu Frost-Forestier mehrere Rheindörfer 87 und das „Regierungsgetto“ 88 ist eindeutig als Teil der Bonner Realität zu identifizieren; der Bonner Regierungsbezirk isoliert die Abgeordneten vom restlichen Teil der Stadt und lädt dazu ein, auch die Freizeit dort zu verbringen. Allein die Unterbringung der Abgeordneten zeigt deren Entfremdung vom Rest der Bevölkerung, was durch die Fahrt durch die organische Umwelt der umliegenden Orte noch verstärkt wird.
Konrad Adenauer ist anhand der Beschreibung Keetenheuves auszumachen, z. B. „Der Kanzler und seine Rosen versanken im Abendschatten“ 89 und „Sie fuhren an der Rückseite des Präsidentensitzes, an der Front der Kanzlervilla“ 90 . Darin sieht „die Literaturkritik“ 91 eine „deutliche Anspielung auf den Rosenliebhaber Adenauer“ 92 und die „Kanzlervilla“ wird als Palais Schaumburg - was der damalige Amtssitz des Kanzlers war - identifiziert. In seiner Schlussvision fabuliert Keetenheuve „Der große Staatsmann warf eine Rose in den Rauch der Zukunft“ 93 ; dem lässt sich beiordnen, dass Adenauer im April 1953 die Ehrendoktorwürde der Georgetown-University, Washington in Anerkennung seines Ranges als Staatsmann verliehen bekam. 94 Koeppen geht jedoch über die bloße Verzierung mit Hinweisen hinaus und verbindet den Kanzler im Treibhaus durch seine gärtnerische Tätigkeit assoziativ mit der Metapher vom Treibhaus. Was im Treibhaus der Gärtner ist, war Adenauer in der deutschen Politik: Er entscheidet de facto als „Diktator auf Zeit“ 95 Bonn der Nachkriegszeit.
Durch des Kanzlers Vorliebe wird auch eine Querverbindung zum Präsidenten gezogen: „Musäus, der Butler des Präsidenten, Musäus, der sich für den Präsidenten hielt, stand auf
87 Vgl. Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus. Stuttgart 1976, S. 88. Verweise auf den Roman werden im Folgenden nur noch durch Seitenangaben in der Fußnote gekennzeichnet.
88 S. 150.
89 S. 179.
90 S. 51.
91 Lothar Veit: Einsam in der Menge. Der Schriftsteller in Wolfgang Koeppens Nachkriegsromanen. Marburg, 2002, S. 50.
92 Ebd..
93 S. 187.
94 Vgl. Stefan Matuschek: Bonn allegorisch und die Aktualität der fünfziger Jahre. Koeppens Roman Das Treibhaus, in: Der Deutschunterricht, Heft 5 (1998), S. 94.
95 Vgl. S. 158.
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der rosenumrankten Terrasse des Präsidentenpalais“ 96 . Damit wird wieder auf das Bild des omnipotenten Kanzlers hingewiesen. Die immer wieder eingeflochtenen Musäus- Passagen 97 erzählen parabelhaft die Geschichte des deutschen Liberalismus und verweisen auf die Person Theodor Heuss. Sie greifen die Rolle der freiheitlichen Partei als Anwälte des Liberalismus in der Kaiserzeit, die Anbiederung an Hindenburg während der Weimarer Republik, die versuchte Neutralität im Dritten Reich und den Verrat der Ideale zugunsten des wirtschaftlichen Erfolgs und der Machtbeteiligung auf. 98
Wie auch Heuss ist Musäus äußerst gebildet (es heißt z. B. „[…] der gute Musäus. Er las zuviel Goethe […]“ 99 ), er residiert in einem Palais, was eine erneute Anspielung auf die Villa Hammerschmidt ist, dem Amtsitz des Bundespräsidenten bis 1994. Musäus unterstützt Hitler („den Braunauer“) nicht 100 . Er wird vom „führenden Staatsmann“ beeinflusst („…der Posten war zu gut, und Küche und Keller waren zu wohl bestellt, Musäus aß ein Ripple, trank ein Fläschchen und nährte und beschwichtigte so sein seelisches Unbehagen.“ 101 ), sodass er nicht mehr in der Lage ist, die Interessen des Volks zu vertreten und nur noch alles abnickt, was ihn letztendlich scheitern lässt. Die Konsequenzen aus diesem Handeln sind Teil von Keetenheuves Schlussvision und spielen auf Heuss’ Rolle bei der Machtergreifung Hitlers: Die Staatsmänner zweier Weltkriege schritten mit Orden bedeckt zu Musäus hin, und Musäus unterschrieb bleich die Verträge, die sie ihm vorlegten. Die Generale zweier Weltkriege kamen mit Orden übersät im Stechschritt herbei; sie stellten sich vor Musäus auf, zogen ihre Säbel, salutierten und forderten Pensionen. Musäus gewährte bleich die Pensionen, und die Generale packten ihn, führten ihn auf den Schindanger und überlieferten ihn dem Henker. 102
Adenauers dominante Rolle in der Kanzlerdemokratie wird immer wieder aufgegriffen. Dabei wird der Präsident zunehmend von sich selbst und dem Volk entfremdet: Musäus, der Butler des Präsidenten, Musäus, der sich für den Präsidenten hielt, stand auf der rosenumrankten Terrasse des Präsidentenpalais, und auch er sah die Polizisten, die ihre Absperriegel bis zu ihm vorgeschoben hatten, [und] [d]a dachte Musäus, daß er, der Präsident, gefangen sei, und die Polizei ließ dichte undurchdringliche Rosenhecken um das Palais wachsen, […] der Präsident konnte nicht entweichen, konnte nicht zum Volk fliehen, und das Volk konnte nicht zum Präsidenten kommen. 103 Der Vertreter des Volkes muss durch Polizei vor diesem geschützt werden, was Keetenheuve paradox erscheint und schließlich umranken ihn Rosenhenken, was als Symbol für die Macht des Kanzlers zu verstehen ist, der es dem Präsidenten unmöglich macht, die Wünsche des Volkes noch wahrzunehmen.
96 S. 171.
97 Der Name geht auf Johann Karl August Musäus zurück, welcher im 18. Jahrhundert lebte und sich mit noch vor den Brüdern Grimm mit Volksmärchen beschäftigte.
98 Vgl. Erlach, a. a. O., S. 145.
99 S. 114.
100 Vgl. S. 154.
101 S. 115.
102 S. 188f.
103 S. 171f.
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Wenn er schließlich nur noch den Präsidenten spielt statt dieser zu sein ist die Selbstentfremdung vollkommen: „Musäus sah dem Präsidenten ähnlich. Er war so alt wie der Präsident, er sah so aus wie der Präsident, und er hielt sich für den Präsidenten.“ 104
Knurrewahn, der Oppositionsführer in Koeppens Roman, hat mit Kurt Schumacher viel gemeinsam. Knurrewahn ist von starkem Charakter („Auch Knurrewahn wollte der Welt seinen Willen nicht geradezu aufzwingen, aber er hielt ich für den Mann, sie zum Guten zu lenken.“ 105 ), er wird ebenenfalls von Nazis in einem KZ interniert 106 und der Herzsteckschuss - das „nationales Herzleiden“ 107 - Knurrewahns symbolisiert die Absage der SPD an die Internationale 1914 und das Verhalten der Partei in der Wiedervereinigungsfrage 108 , in der sie sich zur nationalen Kraft aufschwingt. So vermeidet Koeppen auch hier ein reines Porträt, indem er eine allgemeine historische Komponente hinzufügt.
In der Figur Frost-Forestier „hat man gewöhnlich ein Abbild des Geheimdienstchefs Gehlen sehen wollen; andere vermuteten eine Ähnlichkeit mit Hans Globke“ 109 . Er fungiert als Gegenpart zu Keetenheuve und wird in seinem Büro des amerikanischen Hohen Kommissariats als Herrscher über Maschinen, als Mensch-Maschine vorgestellt („Frost- Forestier,der Matjesmotor, die Specktunkenhochleistungsmaschine. Das Denkelektron. Zweitonbändermann. Stahlgymnast. Männlich. Ruhiges Membrum.“ 110 ) und steht dadurch im Kontrast zum unsteten und organischen Keetenheuve 111 :
Leise nur war das Zwitschern zu hören, das Jubelsingen, das Erwachen der Vögel draußen im Park, und was sich im Saal ereignete, war der Arbeitsbeginn in einer Fabrik, die Ankurbelung eines Fließbandes, ein Ablauf ausgeklügelter wohlberechneter Bewegungen, rationell und präzise, und Frost-Forestier war das Werk, das in Gang gesetzt wurde. Er eiferte den elektronischen Gehirnen nach. 112 Er symbolisiert Keetenheuves argwöhnische Haltung gegenüber Technik. Diese Furcht wurzelt im Missbrauch besonders der modernen Kommunikationstechnologien durch die Nazis, wodurch hier eine Verbindung zur Restauration gezogen wird. Der bürokratische Motor läuft nach Keetenheuve also weiter wie schon im Dritten Reich, als die pedantische Nazibürokratie z. B. jedes Detail über Vernichtung und Hinterlassenschaft von ermordeten Juden aufzeichnete. Frost-Forestier „hat keinen [offiziellen - d. Verf.] Titel, die riesige
104 S. 114.
105 S. 75.
106 Vgl. S. 76.
107 S. 161.
108 Vgl. Erlach, a. a. O., S. 146.
109 Quack, a. a. O., S. 149f.
110 S. 87.
111 Vgl. Veit, a. a. O., S. 48.
112 S. 27.
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Institution, der er vorsteht, ist in der Verfassung nicht vorgesehen,“ er ist „die Figur hinter den Kulissen, die niemals ausgewechselt wird und ihren Platz niemals verlässt.“ 113 Der ehemalige General aus dem Oberheereskommando ist es schließlich auch, der Keetenheuve die vom Nachrichtenchef Dana zugespielte Nachricht aus dem „Conseil Superieur des Forces Armees“ entwendet, in der französische und britische Generäle kundtun, dass der Beitritt zur Europäischen Verteidigungsgesellschaft faktisch die Trennung Deutschlands besiegele. 114 Besonders brisant ist dabei, dass Frost-Forestier zum Verschwörer gegen Keetenheuve wird; so bringen ihn letztendlich genau jene Kräfte zu Fall, die er beständig kritisiert.
Es ist nicht weiter verwunderlich und z. T. profund - wenn man das Engagement vieler ehemaliger Nazis einbezieht -, dass die Intellektuellen in der Realität der jungen BRD solche sinistren Machenschaften hinter dem clandestinen Aufbau der „Organisation Gehlen“ oder der deutschen Armee vermuteten.
Nähere Betrachtung findet der christlich-konservative Politiker Korodin, den die Sekundärliteratur bisher nicht zugeordnet hat. Es wird weniger seine Persönlichkeit, als der Wertehorizont einer politischen Strömung beschrieben wird. Korodin wird als einziger Charakter mit einer gewissen Anerkennung geschildert: „[M]anchmal schien es Keetenheuve, als ob Korodin, sein Gegner, ihn am Ende noch besser verstand als die Fraktion, mit der er sich verbunden hatte.“ 115 Wie auch Keetenheuve wird er als intellektuell und belesen dargestellt (Bernanos und Bloy werden im Text genannt 116 ).
Mit der „Kasteiung“ 117 durch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und die Spenden an Arbeiterpriester, die er bei der Steuer absetzen kann, offenbart Keetenheuve dessen Doppelmoral, denn „Korodin gehörten Anteile an den Gruben. Die Arbeiter förderten die Kohle zutage, und auf geheimnisvolle Weise verwandelte ihre Anstrengung Korodins Bankkonto. Die Arbeiter fuhren in den Schacht, und Korodin las seinen neuen Saldo.“ 118 Letztlich ist er bei aller christlichen Moral nur auf seinen Eigennutz und kapitale Interessen aus und reiht sich damit in die Gemengelage von Geld, Macht und Egoismus ein, die laut Koeppen den Politbetrieb kennzeichnet und die in der Adenauer-Ära als „rheinischkatholischer Klüngel“ bezeichnet wurde.
113 Götze, a. a. O., S. 56.
114 Vgl. S. 70.
115 S. 26.
116 Vgl. S. 47.
117 S. 46.
118 S. 106.
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Eine Reihe weiterer Abgeordneter wird gänzlich ohne persönliche Eigenschaften, sondern nur in ihrer Funktion dargestellt: Die Abgeordneten von Keetenheuves Partei Heineweg und Bierbohm, der Nazi Dörflich, sowie die konservativen Abgeordneten Sedesaum und Pierhelm. Heineweg und Bierbohm solidarisieren sich im Wohnungsbauausschuss mit den konservativen Kollegen und machen sich laut Keetenheuve dadurch zu Komplizen bei der Manipulation der Bevölkerung. „Heineweg und Bierbohm waren’s (sic!) zufrieden. Sie stimmten den Vorschlägen der Sachverständigen bei“. 119 1950 hatten fast alle Parteien dem ersten Wohnungsbaugesetz zugestimmt 120 und auch im Roman beschließen beide Parteien einträchtig das dünnwandige Eigenheim, dass „die private Sphäre des Menschen [verletzt], weswegen ein zufrieden stellendes Privatleben nicht möglich ist.“ 121 Hiermit greift Koeppen die Distanz zwischen Politikern, Volk und Intellektuellen auf: Politiker die gegen das Interesse des Volks handeln und Intellektuelle, die diese Vorgänge wahrnehmen, aber von der politischen Elite nicht gehört werden, sich aber auch nicht mit dem Volk solidarisieren wollen.
Heinweg und Bierbohm stehen für den zunehmenden Werteverlust der Partei und eine pragmatische Bürokratisierung. „Heineweg und Bierbohm und die anderen Routiniers der Ausschüsse, die Verfahrenshasen, die Geschäftsordnungshengste blickten schon wieder vorwurfsvoll auf Keetenheuve.“ 122 Die SPD-Biedermänner sind auch mit sprechenden Namen ausgestattet: „Heine weg!“ steht für die Kulturfeindlichkeit der BRD - Heinespolitisches Engagement, sein widerborstiges Intellektuelles Selbsthelfertum, […] das alles war den Westdeutschen suspekt. Bis in die 60er Jahre gab es keine westdeutsche Heine-Ausgabe, kein namhaftes Heine-Buch eines westdeutschen Forschers, keine Heine-Text in den Schulbüchern. „Heine weg“ war die Parole - und die sozialdemokratischen Abgeordneten wollten nichts dagegen [unternehmen - d. Verf.] 123 - und„Bier-bohm“ für bierselige Stammtischpolitik.
Sedesaum wird als „Froschmensch“ 124 und „Berufschrist“ 125 beschrieben und seine Rede während der EVG-Debatte auf die Phrase „Christ und Vaterland“ 126 reduziert. Pierhelm - von der man nur nebenher erfährt, dass sie eine Frau ist - lauscht gerne der eigenen Stimme in einem Radiobeitrag zum Thema „Wir Hausfrauen und der Sicherheitspakt“ 127 . Ihr Redebeitrag in der EVG-Debatte handelt ausschließlich von „Sicherheit, Sicherheit,
119 S. 107.
120 Eine Bruder“Vgl. Götze, a. a. O., S. 74.
121 Schauer, a. a. O., S. 136.
122 S. 159.
123 Götze, a. a. O., S. 52.
124 S. 152.
125 S. 153.
126 S. 170.
127 S. 152.
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Sicherheit“ 128 . Diese beiden „kleinen Gefolgsleute der braven staatserhaltenden Gesinnung und des montanunionistisch eifersüchtigen Klüngels“ 129 bei Koeppen spielen auf „die typischen Vertreter des Milieuchristentums [an], denen kapitalistische Wirtschaft, bürgerlicher Staat und Kirche als eine gottgewollte Einheit erscheinen. Nichts anderes ist in ihren Augen daher zu tun, als den Autoritäten dieser Dreifaltigkeit zu folgen“ 130 Der Neonazi Dörflich, der sich mit Themen wie Erbfeind, deutsche Grundsatztreue und Kriegsverbrechen der Alliierten zu profilieren versucht 131 , wird wegen einer Korruptionsaffäre aus seiner Fraktion ausgeschlossen und eröffnet den Milchladen im Regierungsgetto. Koeppen fragt in einem Wortspiel ob „Dörflich sich mit Kuhmilch weißwaschen“ 132 wolle. Aus seiner Tätigkeit an der Peripherie des politischen Geschehens lässt sich ablesen, dass ein staatstragender manifester Nazismus nicht geduldet wurde.
Keetenheuve selbst verkörpert wie Carlo Schmid den Konflikt zwischen Politik und Intellekt. Er ist äußerst kultiviert 133 , übersetzt „Le beau navire“ von Baudelaires, zitiert Gedichte von E. E. Cummings und kennt sich mit der modernen Architektur Corbusiers aus. Einher mit dieser Intellektualität geht ein übersensibles Sensorium, welches durch den Tod seiner Frau zusätzlich geschärft ist. „Er ist ein Träumer, lebt im Konjunktiv. „Phantasie“ und „Vorstellung“ sind seine Fähigkeiten, Eigenschaften, die dem Schriftsteller eher zugeschrieben werden, als dem Politiker.“ 134 Keetenheuve ist jedoch kein Versager - wie Schauer vermutet - er fühlt sich als Versager. Dies ist auch auf sein pathologisches Streben nach Individualität zurückzuführen, dass ihn zunehmend isoliert, er wird zum „Ausländer des Gefühls“ 135 und fühlt sich in der eigenen Fraktion deplaziert.
Doch leistet er im Rahmen des Möglichen seinen Beitrag zum politischen System; er versucht seinen Standpunkt sowohl im Wohnungsbauausschuss, als auch in der EVG-Debatte durchzusetzen, scheitert daran aber nicht wegen mangelnder Fähigkeiten als Politiker, sondern aufgrund der anders liegenden Interessen der Mehrheiten: „Die Verhältnisse hatten ihn besiegt, nicht die Gegner.“ 136 Dass er trotz dieser Einsicht die finale Entscheidung trifft, scheint umso unverständlicher, lässt sich aber dadurch erklären, dass er kompromisslos den von ihm eingeschlagenen Weg weitergehen möchte und mit der von ihm prognostizierten
128 S. 170.
129 S. 156.
130 Erlach, a. a. O., S. 143.
131 Vgl. S. 170.
132 S. 154.
133 Besonders stark erkennbar an den zahlreichen Verweisen auf die germanische und griechische Mythologie.
134 Götze, a. a. O., S. 10f.
135 S. 127.
136 Quack, a. a. O., S. 155.
20
Zukunft nicht leben kann: „Sie werden auf einer Lafette beerdigt werden, aber Ihrem Ehrensarg werden Millionen Leichen folgen, die nicht einmal mehr billigstes Tannenholz deckt, die verbrennen, wo sie gerade stehen, die dort von der Erde begraben werden, wo die Erde aufreißt.“ 137 Schon im Laufe des Romans entwickelt Keetenheuve eine Todessehnsucht, die an den zahlreichen Metaphern und Anspielungen zu erkennen ist; er sieht sich als dem Tod geweihter Hamlet oder als der zur Erfolglosigkeit verdammter Kämpfer gegen Windmühlen Don Quijote 138 .
Keetenheuves kompromissloser Pazifismus („Keetenheuve war für reinen Pazifismus, für ein endgültiges Die-Waffen-Nieder!“ 139 ) wird mit den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs begründet, welche aber durch die stetige Mythologisierung als „unabänderliche und zeitlose Phänomene“ 140 charakterisiert werden. Ferner führt er die Tatsache an, dass mit der Wiederbewaffnung die ehemalige militärische Elite wieder zu Macht gelangen wird. Angesichts vieler Nazigeneräle, die im Zuge der Gründung der BRD wieder ihre gewohnten Positionen einnehmen konnten ist diese Einstellung verständlich: „Und auch in der Situation des kalten Krieges ist Keetenheuves Furcht durchaus rational begründet. Es hatte sich tatsächlich ein neuer Militarismus herausgebildet“. 141
Eine solche historisch-empirische und ethisch-normative Utopie 142 , die er auch international verwirklicht sehen will, offenbart Keetenheuves enorme Ansprüche an sich selbst, die Fraktion, die Regierung und seine Mitbürger. Entgegen seiner Geschichte (die Flucht aus Deutschland und kein aktiver Kampf gegen die Nazis) und Einstellung verlangt er von sich zu kämpfen, was misslingt. Besonders anschaulich wird dieses Scheitern an seiner Beziehung zu Elke:
Elkes Jugend verspricht Formbarkeit, sie verspricht vor allem auch widerstands- und widerspruchslose sexuelle Verfügbarkeit […]. Die Beziehungen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die er für den politischen Raum fordert, vermag er im privaten Raum nicht auszuhalten. 143 Er ist ein zutiefst gespaltener Charakter, was auch die Rollen offenbaren, die er immer wieder annimmt: „Keetenheuve Schulmeister, Keetenheuve Mädchenräuber, Keetenheuve Drachen aus der Sage, Keetenheuve Possehl Witwer, Keetenheuve Moralist und Lüstling, Keetenheuve Abgeordneter, Keetenheuve Ritter der Menschenrechte, Keetenheuve Mörder“ 144 ; Richard L.
137 S. 170.
138 Vgl. S. 8.
139 S. 81.
140 Erlach, a. a. O., S. 173.
141 Quack, a. a. O., S. 163.
142 Vgl. Ebd., S. 164.
143 Götze, a. a. O., S. 37.
144 S. 21.
21
Gunn zählt insgesamt 77 verschiedene Rollen im Verlauf des gesamten Romans. 145 Dass sich dieser extreme Entwurfscharakter und die extreme Zerissenheit auch auf seine politische Tätigkeit auswirken, erklärt sich von selbst; seine politische Tätigkeit und die damit verbundenen klaren Vorstellungen stehen diesem unbeständigen und vielfältigen Charakter zwar diametral gegenüber, werden aber auch durch das moralische Verständnis aufs engste damit verknüpft.
Öffentliche und private Person kollidieren so mit einander und werden - katalysiert durch individuelles Unglück - entzweit, was letztlich ein Scheitern begünstigt. 146 So ist sein Versagen aus der Summe der Faktoren heraus nicht überraschend: „Der Roman beginnt auf der Strecke und deutet an, daß da wohl auch jemand auf der Strecke bleiben wird.“ 147
3.2 Die Darstellung politischer und wirtschaftlicher Ereignisse in Das Treibhaus Mittelpunkt des Romans ist die Debatte zur EVG. Keetenheuves Beitrag wird im Treibhaus nicht erwähnt, aber die bissigen Kommentare über die anderen Redner und die Vorstellung seiner Ansichten im Verlauf des Buchs machen klar, dass er trotz der fehlenden Möglichkeit seine „Bombe platzen“ zu lassen, unnachgiebig die Fahne des Pazifismus hoch hält. Zwar hat Koeppen die Debatte, welche eigentlich am 19. März 1953 stattfand, in den Sommer
verschoben, Erlach lobt jedoch die für Zeitgenossen klar erkennbare historische Einordnung und das trotz einer Tendenz der zeitgenössischen Literatur ins imaginär-utopische auszuweichen: „Der Leser fand in ihnen [Koeppens Romanen - d. Verf.] seine unmittelbare Wirklichkeit wieder.“ 148
Koeppen analysiert die Positionen der Parteien in der an die Problematik der Wiedervereinigung gekoppelten Wiederbewaffnungsfrage äußerst präzise. Knurrwahn widersetzt sich der Wiederbewaffnung, weil dadurch die Wiedervereinigung gefährdet wäre: Knurrewahn wollte der Befreier und Einiger des zerrissenen Vaterlandes werden […] und er vergaß darüber den alten Traum, die Internationale. […] Nach seiner Meinung war die Partei in der ersten deutschen Republik nicht national genug aufgetreten […]. Diesmal wollte sich Knurrewahn den nationalen Wind nicht aus dem Segel nehmen lassen. Er war für ein Heer, […] er war für Generale, aber sie sollten sozial und demokratisch sein. 149
Dies entspricht der Haltung der SPD unter Kurt Schumacher. Das durch Keetenheuve entstehende Bild des Kanzlers ist eine realitätsgetreue Darstellung der CDU/CSU-Position:
145 Richard L. Gunn: Art and War in Wolfgang Koeppen’s Postwar Trilogy. Bern 1983 (= Europäische Hochschulschriften, Reihe I, Deutsche Sprache und Literatur, Band 712), S. 88.
146 Vgl. Götze S. 33.
147 Götze, a. a. O., S. 8.
148 Erlach, a. a. O., S. 68.
149 S. 76f.
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Das alte Spiel. Die Bundesrepublik spielte mit. Man korrespondierte mit den Amerikanern in Washington und rieb sich an den Amerikanern in Mannheim. Der Kanzler saß an manchem runden Tisch. Gleichberechtigt? Gleichberechtigt. Was lag hinter ihm? Verteidigungslinien, Flüsse. Verteidigung am Rhein. Verteidigung an der Elbe. Verteidigung an der Oder. Angriff über die Weichsel. Und noch? Ein Krieg. 150
Das Grundkonzept Adenauers Politik war die Überzeugung,
die Bundesrepublik müsse in den westlichen Block wirtschaftlich und militärisch eingefügt werden, sie müsse die Wirtschaftsordnung der kapitalistischen Industriestaaten erhalten, also mit den sozialistischen Überlegungen der ersten Nachkriegsjahre ebenso Schluß machen wie mit der juristischen Verfolgung der Wirtschaftsführer, die noch in den Nürnberger Prozessen als aktive Mitschuldige am Nationalsozialismus verurteilt wurden waren. 151
Diese Einschätzung geht nahtlos in die treffliche Beobachtung Koeppens zur Restauration über. Keetenheuve träumt auf der Zugfahrt nach Bonn: „Vier Hügel waren der Ort, auf den Hügeln der katholische Dom, die protestantische Kirche, das Kriegerdenkmal aus unfruchtbarem Granit, das Gewerkschaftshaus lieblos und schnell errichtet aus rohem Holz. […] Sie waren Vergangenheit, Staub der Geschichte“ 152 . Er nennt die gesellschaftlichen Gruppen, die an der Gestaltung des öffentlichen Lebens beteiligt sind: Die Kirche, das Militär, die Gewerkschaften und später die Wirtschaft - besonders hervorgehoben wird der „montanunionistisch eifersüchtige Klüngel“ 153 , der sich fragt, ob der Führer doch keine Fehlinvestition gewesen sei 154 .
Angesichts der problemlosen Reinstallation der Militärelite in der Bundeswehr und das Nachdenken der deutschen Politik über Atomwaffen für die BRD Ende der 1950er, muss man zu dem Schluss gelangen, dass „in retrospect, Koeppens suspicion of the military was well founded.“ 155
An dieser Stelle seine nur einige Unternehmer aus der Zeit des Dritten Reiches und Nazigrößen genannt, welche sich - z. T. trotz Verurteilungen wegen Verbrechen während der Hitler-Herrschaft - mühelos wieder etablieren konnten: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Fritz Thyssen, Werner von Siemens oder der SS-Obersturmbannführer und Leiter des Leuna-Werks in Auschwitz, der bald wieder in den Aufsichtsräten bedeutender Unternehmen saß. 156 „Daß 1952 […] die ehemaligen wie zukünftigen Besitzer der Montan-und Chemieindustrie wieder uneingeschränkt über ihren Besitz verfügen konnten, gehört zu
150 S. 21f.
151 Götze, a. a. O., S. 15f.
152 S. 23.
153 Vgl. S. 156.
154 Vgl. S. 91.
155 Gunn, a. a. O., S. 85.
156 Vgl. Götze, a. a. O., S. 69f.
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den einfachen Wahrheiten, deren Darstellung Koeppen nicht entschlagen möchte.“ 157 Für Keetenheuve ist alles wieder beim Alten.
Die konsumkritische Haltung Keetenheuves, der die Fixierung der BRD auf den wirtschaftlichen Aspekt anprangert, wird von Quack als „prognostisch zutreffend“ 158 charakterisiert. Dies ist umso bemerkenswerter, da das deutsche Wirtschaftswunder erst 1952 wirklich in Schwung kam. Der Korea-Boom war ein erster vorsichtiger Indikator, den Koeppens sensibles Sensorium unmittelbar wahrgenommen hat. Die politische Elite ordnet er dabei den „Oberen 10.000“ zu: Der Kanzler als „Bankier“ 159 , der angeblich christlich-moralische Korodin als Ausbeuter der Arbeiter 160 und sämtliche Akteure des Finanzausschusses, die sich als Finanzjongleure gerieren 161 : Die BRD als „Paradies der Reichen und einer Hölle der Armen“ 162 , wie es erst in den 1980ern hieß.
3.3 Die Gesellschaftskritik in Das Treibhaus
An der Schnittstelle zwischen gesellschaftlicher und politischer Kritik liegt Keetenheuves Reduktion der Politiker auf Schauspieler. Der Kanzler spricht „müde und sicher wie ein Schauspieler“ 163 , auch Knurrewahn sieht aus „wie ein Schauspieler“ 164 und schließlich wird die Grenze zwischen Politik und Film verwischt: „Der Kanzler-Schauspieler wirkte auch als Regisseur.“ 165 Dabei erfolgte der offizielle Start des deutschen Fernsehens erst am 1. November 1954 und der der Bild-Zeitung erst am 24. Juni 1952 - zweier entscheidender Massenmedien die auch das Gesicht der Politik entscheidend verändern sollten. Etwa 20 Jahre später untermauerte Helmut Schmidt dieses Faktum, als er sich als „Staatsschauspieler“ bezeichnete und fast 50 Jahre später wird Gerhard Schröder zum „Medienkanzler“.
Der Keetenheuve wohl gesonnene Nachrichtenchef Philip Dana wird als „ein lieber Gott der wahren Gerüchte, erhaben über Flut und Ebbe amtlicher Verlautbarungen“ 166 beschrieben. Durch die Formulierung prangert Koeppen schon damals die Hybris der Medien an. Er wird mit einiger Sympathie charakterisiert, verfügt jedoch über enorme Macht; die geplante
157 Ebd., S. 70.
158 Quack, a. a. O., S. 161.
159 S. 167.
160 Vgl. S. 106.
161 Vgl. S. 101f.
162 Kurt Klotzbach: Der Weg zur Staatspartei. Programmatik, praktische Politik und Organisation der deutschen Sozialdemokratie 1945 bis 1965. Berlin 1982, S. 241, zit. n.: Sontheimer, a. a. O., S. 40.
163 S. 165.
164 S. 168.
165 S. 165.
166 S. 68.
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Übernahme von Pro7/ Sat1 durch die Springergruppe im Sommer 2005 verleiht dieser Darstellung medialer Macht neue Relevanz.
Es sind jedoch weniger die Begrifflichkeiten entscheidend, sondern die Darstellung der Politiker als „Superstars“, welche letztlich von den Inhalten ablenkt: „Für Koeppen wird eine unreflektierte Mediensprache zum Instrument der Entmündigung des Menschen.“ 167
Dabei sieht Koeppen die Bevölkerung allerdings nicht nur in der Opferrolle. In den Fußballfans sieht er willige Unterstützer Hitlers:
Der Sport versöhnt die Völker. Zwanzigtausend starren auf einen Ball. Es ist höchst langweilig. Aber dann holt das Teleobjektiv der Filmkamera einzelne Gesichter aus den Zwanzigtausend heraus: erschreckende Gesichter, verkrampfte Kinnladen, Hassverzerrte Münder, Mordgier im Blick. Wollt ihr den totalen Krieg? ja ja ja 168 ,
Die Besucher des Parlaments bezeichnen dieses als „Quasselbude“ und werden von Keetenheuve als demokratieunfähige „Bierbanknationalisten“ eingeschätzt, die sich „mit Wollust von einem Diktator knechten“ 169 ließen und nur ihren „Kaiser Wilhelm wiederhaben“ 170 wollen.
Als Verführer der Massen sieht er eher die Medien und da besonders das Kino, das für ihn Manipulation und Kommerz bedeutet; damit rückt er seine Kritik in die Nähe der von Adorno/ Horkheimer formulierten „Kulturindustrie“ und der damit verbundenen „Warenästhetik“.
Keetenheuve, der jegliche moderne Technik nach dem Missbrauch durch die Nazis negativ konotiert, bemängelt mit seiner kritischen Haltung auch den im Dritten Reich gepflegten Anti-Intellektualismus, der durch den Nutzen von Medien als bloßes Unterhaltungsinstrument eine Renaissance erlebt. Seine sarkastische Beschreibung der Nachrichten - DerPräsident besuchte die Ausstellung. Ein Kind begrüßte ihn. Unser Führer liebt die Kinder. Ein Minister reiste ab. Er wurde zum Zug gebracht. Ein Minister kam an. Er wurde abgeholt. Miß Loisach wurde gewählt. Bikini auf der Alm. Netter Hintern. Großer Atombombenpilz über der Wüste von Nevada 171 - entspricht nicht dem Bild einer Gesellschaft, welche angeblich „die Nase voll“ vom Krieg hatte. Die „Einheit von lüstern unterfütterter Harmlosigkeit und drohendem Weltkrieg, den das heutige Bewußtsein retrospektiv als typisch für die Fünfziger Jahre erachtet, bestimmt
167 Kafitz, a. a. O., S. 77.
168 S. 123f.
169 S. 54.
170 S. 149.
171 S. 123
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schon Koeppens das Treibhaus.“ 172 Es ist kein Zufall, dass Koeppen seinen Protagonisten ausgerechnet im Kino seine Selbsteinschätzung als „Ausländer des Gefühls“ 173 treffen lässt. Götze weist darauf hin, dass gerade der „deutsche Film ein dankbares Exempel für Koeppens Kontinuitätsthese“ 174 abgab, denn die Produktionsfirmen und Darsteller aus der Nazizeit blieben weitestgehend erhalten.
Diese Kontinuität veranschaulicht der Autor auch im Pressebereich, denn der während der Nazi-Herrschaft aufgrund seines Opportunismus zu Ruhm gelangte Journalist Mergentheim macht Keetenheuve auf die Tatsache aufmerksam, dass es unverfänglicher sei, den Widerstand aus dem Lebenslauf zu streichen. 175
Das Kino weckt „konfektionierte Träume“ 176 und zieht damit die Verbindung zur „idealen Familie“ der 1950er-Jahre, die Keetenheuve nur in einem Schaufenster entdecken kann 177 . „Die Familie ist [bei Koeppen - d. Verf.] eine Institution auf Konvention und Zwang errichtet, das sogenannte Familienglück ist eine reine Illusion.“ 178
Die Werbung bemächtigt sich in der Jona-Episode kultureller Werte - in diesem Fall des biblischen Mythos vom Propheten Jona, um Produkte besser vermarkten zu können. 179 Ein Plakat leuchtete, von Scheinwerfern angestrahlt, ein erleuchtetes Zelt war am Rheinufer errichtet, es stank nach Schlick, Verwesung und künstlicher Erhaltung eines Leichnams. Jonas den Walfisch muß man gesehen haben! Kinder belagerten das Zelt. Sie schwenkten Papierfahnen, und auf den Fahnen stand: Eßt Busses vitaminreiche reine Walfettmargarine. 180
Dabei rückt die für Demagogie besonders anfällige Bevölkerungsgruppe in den Fokus: die Jugend. Sie wird von Keetenheuve als illusionslos, angepasst und politisch desinteressiert beschrieben:
Schulkinder hockten am runden Tisch, […] Jungen, die schon Beamtengesichter hatten, verstohlen rauchten, auch sie waren fleißig, wie der Kanzler, hatten Bücher aufgeschlagen, lernten, strebten (wie der Kanzler?), eine Jugend verbissenen Gesichts, was für vernünftig galt, was dem Vorankommen diente, steuerte ihr Herz, sie dachten an den Stundenplan und nicht an die Sterne. 181
Jugendlich nehmen in seinem Roman weitestgehend die Rolle von Werkzeugen ein; Lena und Elke werden von Keetenheuve zur Befriedigung seines schlechten Gewissens und seiner Lust benutzt, ebenso der Bäckerjunge, der mit Frost-Forestier in der Schlussvision zugange ist, wie auch vermutlich der Priester in der Weinstube sexuelle Absichten mit dem Mädchen hat. So
172 Götze, a. a. O., S. 75.
173 S. 127.
174 Götze, a. a. O., S. 76.
175 S. 66.
176 Vgl. S. 125
177 Vgl. S. S. 132.
178 Vgl. Erlach, a. a. o., S. 153.
179 Vgl. Quack, a. a. O., S. 174.
180 S. 177.
181 S. 42.
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kommt der Protagonist zu dem Schluss: „Es war merkwürdig, wie leicht zu allen Zeiten der Geschichte die Ältesten bereit waren, die Jugend dem Moloch zu opfern.“ 182
4 Schluss
War Koeppen die „Kassandra“ 183 , die er seinem Protagonisten Keetenheuve andichtete?man muss differenzieren: Schon früh setzt er sich mit dem Phänomen des in der in der Wissenschaft wesentlich später konkretisierten Begriffs der „Kanzlerdemokratie“ auseinander,. Er liefert mit der Betrachtung einzelner Personen die Standpunkte der drei beteiligten Parteien: Die sich immer den Machtverhältnissen anbiedernde FDP in den Musäus-Episoden, die Doppelmoral der CDU/ CSU symbolisiert durch die Abgeordneten Korodin, Sedesaum und Pierhelm und deren Fixierung auf den Kanzler, die Demoralisierung - versinnbildlicht an der Person des Parteivorsitzenden Knurrewahn - und die Bürokratisierung - verursacht durch die Abgeordneten Bierbohm und Heineweg - der SPD. Koeppen ging es nicht darum historisch korrekte Portraits bestimmter Politiker oder eine exakte Reproduktion der Geschichte zu kreieren; er schuf eine Ähnlichkeit, die seine Kritik ermöglichte und ihr durch den poetischen Charakter besondere Dynamik verlieh. Koeppen erkannte auch die oftmals widersprüchlichen Positionen der Parteien in der Frage der Wiederbewaffnung und Wiedervereinigung und machte auf zahlreiche gesellschaftliche Missstände aufmerksam, die erst viele Jahre später in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wurden. Nicht selten kam es vor, dass dabei eine Sicht der Dinge entstand, die Koeppen schon Jahre vorher propagierte.
Seine genauen Beobachtungen zur Medienlandschaft sind im dritten Jahrtausend nach wie vor aktuell: Die fußballbegeisterten, aber vergnügungssüchtigen und lenkbaren Massen fanden sich in der unmittelbaren Zukunft nach dem Erscheinen des Roman bei der Zulassung Deutschlands zu den olympischen Spielen 1952 und dem „Wunder von Bern“ 1954 wieder. Koeppens Vorstellung einer „Omnibusreisegesellschaft“ 184 auf den Obersalzberg wurde Realität, denn „die ausflugsheitere touristische Neugier auf Hitlers Wohnsitz gehört[e] tatsächlich schon 1953 zum bundesrepublikanischen Reisevergnügen.“ 185 In Keetenheuves Vision heißt es weiter: „Er gewann mit einem deutschen Wagen das Tausend-Meilen-Rennen in Atlanta. Er erfand die Mondrakete und rüstete, da er sich bedroht fühlte, gegen die
182 S. 173.
183 S. 26.
184 S. 187.
185 Matuschek, a. a. O., S. 95.
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Planeten auf.“ 186 1953 waren Porschefahrzeuge die Favoriten beim Panamerikarennen und im selben Jahr wird die Mondrakete theoretische Wirklichkeit und das Dank eines „Überpiefkes“ 187 - Wernher von Braun, der schon unter den Nazis an Raketentechnik (im Rahmen des V-Waffen-Projekts) forschte. Und selbst der letzte Teil seiner Vision sollte sich mit der Strategic Defense Initiative (kurz: SDI) unter Ronald Reagan bewahrheiten, die die Stationierung von atomaren Raketen im Weltraum vorsah und deshalb auch ironisch als „Star-Wars“-Programm bezeichnet wurde. 188
Ebenso erweist sich seine Annahme über einen starken Zusammenhang von Kapitalismus und Militarismus als richtig. Die Westdeutsche Armee kaufte bereits 1956 von der französischen Firma Hispano Suiza 10680 Schützenpanzer im Gesamtwert von damals 2,78 Milliarden DM, obwohl diese bisher nur auf dem Papier existierten 189 und auch heute kann die Regierung der BRD ihren Haushalt mit den verkauften Lizenzen des G3-Sturmgewehrs aufbessern. Koeppen setzt diese scharfen Beobachtungen jedoch bewusst in einen ablehnenden Kontext, welcher kombiniert mit Keetenheuves psychischer Konstitution zu dessen Freitod führt. Dabei ist dieses Ende aufgrund des vielschichtigen Charakters Keetenheuves nicht weiter verwunderlich. Mit seinem „antinormalen“ 190 bzw. „antibürgerlichen“ 191 und absurdistischen Lebensentwurf steht er der Mehrheit der Gesellschaft und v. a. der politischen Elite diametral gegenüber. Keetenheuve ist sich dieser Situation durchaus bewusst, denn er „war geschlagen als er anfing.“ So ist auch sein politischer Blick durch dieses Damokles-Schwert beeinflusst. Die aus der negativen Abstraktion resultierende Ansicht, dass sich hieraus ein „Viertes Reich“ entwickeln muss, ist dabei eine äußerst individuelle und keine allgemeingesellschaftliche Auffassung:
Natürlich warten sie auf ihren Führer, auf die Nummer Eins, auf den, der sich positiv mit ihnen konfrontiert und sie erst zur gewaltigen Ziffer macht, zum Volk, zum neuen Golem des Mischbegriffs ein Volk, ein Reich, ein Führer, ein totaler Haß, eine totale Explosion, ein totaler Untergang. Keetenheuve war der Masse negativ entgegengestellt. Er war allein. Das war die Position des Führers. Keetenheuve Führer. Aber Keetenheuve konnte die Menge nicht berücken. Er setzte die Masse nicht in Bewegung. Er entzündete sie nicht. 192 .
So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Keetenheuve das Experiment BRD als misslungen bilanziert 193 und Kurt Sontheimer mit den nahezu gleichen Worten die Transformation von
186 S. 187.
187 Vgl. Ebd..
188 Anonym: Strategic Defense Initiative, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Strategic_Defense_Initiative.
189 Vgl. Götze, a. a. O., S. 30.
190 Vgl. Veit, a. a. O., S. 41.
191 Vgl. Erlach, a. a. O., S. 131.
192 S. 124f.
193 Götze, a. a. O., S. 56.
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der Diktatur des Dritten Reiches zur Demokratie der BRD als „im wesentlichen geglückt“ 194 einschätzt.
Das historisch nachgewiesene mangelnde Interesse der Politik für die Intellektuellen, besonders der CDU/ CSU, belastete deren Verhältnis. Koeppen und die intellektuelle Auslese hatten nach der Nazi-Herrschaft dessen ungeachtet enorme Ansprüche an die BRD. Die negative erste Rezeptionswelle lässt sich mit der deutlich formulierten Kritik Koeppens und dessen mythologischer und zugleich moderner Stilistik erklären, welche eine Distanzierung zur konservativen und staatstreuen Mehrheit implizierten. Daneben übersahen viele kritische Stimmen, dass es sich bei Koeppens Kritik um ein Stilmittel handelte - negative Abstraktion. Eine differenzierte Sicht auf den vielschichtigen Roman konnte erst 20 Jahre später beginnen, als man sich von Koeppens „Ohrfeige“ erholt hatte und sich viele der Hypothesen als richtig erwiesen. Deren Gültigkeit dauert bisweilen bis heute an.
Generell ist die Frage zu stellen, ob es die Aufgabe des Romans ist auf die gestellten Fragen auch Antworten zu gebe? Dass die Zeitkritik diesen Anspruch an das Treibhaus richtete, lässt sich damit erklären, dass der Roman als historischer Schlüsselroman und nicht als politischpoetischer Hybrid gelesen wurde.
Letztlich ist festzustellen: Wolfgang Koeppen hat mit seinem Roman die politischen und gesellschaftlichen Lebensbereiche zutreffend analysiert, lässt seinen eigenwilligen und hochpoetischen Protagonisten Keetenheuve daraus seine eigenen Schlüsse ziehen. Gefangen in seiner im privaten und im politischen gescheiterten Existenz, in historischem und mythologischem Fatalismus und in gelebten Existenzialismus stürzt er sich aus Perspektivlosigkeit schließlich in den Rhein.
Der Autor selbst legt nahe, dass eine Verbindung von Politik und Gefühl zwar dieses Schicksal begünstigt, dafür aber tiefere Einblicke in die Gesellschaft erst ermöglicht: Aber das war ein ungewisses Zukunftsbild, das vielleicht, wenn sich die heutigen Krisen weiterentwickeln, eintreten könnte, und die Häuser unbeheizt sein werden, weil die Ölheizung nicht mehr wärmt. Ich möchte aber sagen, dass dies Prophetische nicht aus einem politischen Kalkül gekommen ist, sondern ein Gefühl war, eine Ahnung. 195
194 Sontheimer, a. a. O., S. 185.
195 Claus Hebell: Warum nicht in den Rhein?, in: Wolfgang Koeppen. Einer der schreibt. Gespräche und Interviews. Hg. v. Hans-Ulrich Treichel. Frankfurt a. M. 1995, S. 135.
29
5 Literatur
• Allemann, Fritz René: Treibhaus Bonn im Zerrspiegel, in: Über Wolfgang Koeppen. Hg. v. Ulrich Greiner. Frankfurt a. M. 1976, S. 60-64.
• Bald, Detlef: Adenauers Geheimnis. Vor 50 Jahren entstand die Bundeswehr. Sie wurde zunächst von Generälen entworfen, die bis zum Kriegsende hitlertreu waren. Dieses Erbe wirkt bis heute nach, in: Die Zeit, Nr. 23 (2.6.2005), S. 6. • Brenner, Peter J.: Neue Deutsche Literaturgeschichte. Vom »Ackermann« zu Günter Grass. Tübingen 1996, S. 269-299.
• Dreher, Klaus: Treibhaus Bonn - Schaubühne Berlin: deutsche Befindlichkeiten. Stuttgart 1999.
• Erlach, Dietrich: Wolfgang Koeppen als zeitkritischer Erzähler. Uppsala 1973 (= Studia Germanistica Upsaliensis, Band 11).
• Götze, Karl-Heinz: Wolfgang Koeppen »Das Treibhaus«. München 1985. • Gunn, Richard L.: Art and War in Wolfgang Koeppen’s Postwar Trilogy. Bern 1983 (= Europäische Hochschulschriften, Reihe I, Deutsche Sprache und Literatur, Band 712). • Hebell, Claus: Warum nicht in den Rhein?, in: Wolfgang Koeppen. Einer der schreibt. Gespräche und Interviews. Hg. v. Hans-Ulrich Treichel. Frankfurt a. M. 1995, S. 134-140. • Kafitz, Dieter: Ästhetischer Realismus. Zur Kunstauffassung Wolfgang Koeppens, in: Wolfgang Koeppen. Hg. v. Eckart Oehlenschläger. Frankfurt a. M. 1987, S. 75-88. • Koeppen, Wolfgang: Das Treibhaus. Stuttgart 1976.
• Korn, Karl: Satire und Elegie deutscher Provinzialität, in: Über Wolfgang Koeppen. Hg. v. Ulrich Greiner. Frankfurt a. M. 1976, S. 45-49.
• Krüger, Horst: Selbstanzeige, in: Wolfgang Koeppen. Einer der schreibt. Gespräche und Interviews. Hg. v. Hans-Ulrich Treichel. Frankfurt a. M. 1995, S. 30-40. • Matuschek, Stefan: Bonn allegorisch und die Aktualität der fünfziger Jahre. Koeppens Roman Das Treibhaus, in: Der Deutschunterricht, Heft 5 (1998), S. 92-96. • Quack, Josef: Wolfgang Koeppen. Erzähler der Zeit. Würzburg 1997, S. 147-187. • Rüdiger, Horst: Wespennest im Treibhaus, in: Über Wolfgang Koeppen. Hg. v. Ulrich Greiner. Frankfurt a. M. 1976, S. 54-59.
• Schauer, Hilda: Denkformen und Wertesysteme in Wolfgang Koeppens Nachkriegstrilogie. Wien, 2004, S. 106-162.
• Schütz, Erhard: Ein Dilettant in der geschriebenen Geschichte. Was an Wolfgang Koeppens Roman »Das Treibhaus« modern ist, in: Wolfgang Koeppen. Hg. v. Eckart Oehlenschläger. Frankfurt a. M. 1987, S. 275-288.
• Salomon, Ernst von: Gewitter in der Bundeshauptstadt, in: Über Wolfgang Koeppen. Hg. v. Ulrich Greiner. Frankfurt a. M. 1976, S. 50-54.
• Sontheimer, Kurt: Die Adenauer-Ära. Grundlegung der Bundesrepublik. Hg. v. Martin Broszat, Wolfgang Benz et al. München 1996 (= Deutsche Geschichte der neuesten Zeit vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart).
• Veit, Lothar: Einsam in der Menge. Der Schriftsteller in Wolfgang Koeppens Nachkriegsromanen. Marburg, 2002, S. 35-65.
30
5.1 Internet
• Anonym: Reinhard Gehlen, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Gehlen. • Anonym: Hans Filbinger, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Filbinger. • Anonym: Braunbuch, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Braunbuch. • Anonym: Heinrich Böll, im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Böll. • Anonym: Strategic Defense Initiative (SDI), im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/ Strategic_Defense_Initiative.
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Philip Baum, 2005, Das Deutschlandbild in Wolfgang Koeppens „Das Treibhaus“, München, GRIN Verlag GmbH
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