Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
Congo Hoango und Babekan. 4
Die schöne Seele bei Congo Hoango und Babekan - Zwischenstand 6
Toni und Gustav 7
Die „wahren“ Gefühle. 8
Die Parallelgeschichten und die Verlobung 10
Die schöne Seele’ - Fazit. 14
2
Einleitung
Die Geschichte von St. Domingo ist ein Freiheitskampf der ‚Schwarzen’ gegen die französische Kolonialmacht.
Dessalines ist der Anführer der ‚Schwarzen’. Er ist Nachfolger von Toussaint L’ Ouverture, der durch den Befehl Napoleons eingekerkert und zu Tode geschunden wurde. L’ Ouverture sitzt in demselben Gefängnis in welches auch Kleist durch die Franzosen 1807 gesperrt wurde. Unter Dessalines Führung wird St. Domingo am 1. Januar 1804 offiziell zum unabhängigen schwarzen Staat erklärt.
Mit diesem Hintergrund erscheint die Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ 1811 in der Zeitschrift „Der Freimüthige“ 1 .
Die Novelle erzählt eine Liebesgeschichte unter Extrembedingungen. Gustav, ein Schweizer, sucht Zuflucht auf dem Hof von Congo Hoango, „ein[em] fürchterliche[n] alte[n] Neger“ 2 , welcher mit Babekan, der Haushälterin und Babekans Tochter Toni dort lebt. Toni und Gustav werden sich, wie der Titel hergibt, verloben. Beide Protagonisten sterben zuletzt durch Mord und Selbstmord.
Hauptaspekt meiner Betrachtungen soll das Thema der ‚schönen Seele’ sein. Die Seele als ein Konzept von Weiblichkeits- und Schönheitsideal ist geprägt von Anmutigkeit, Edelmut, Tugendhaftigkeit und Demut. Friedrich Schiller, ein Zeitgenosse Kleists, schreibt in seiner Abhandlung „Ueber Anmuth und Würde“:
In einer schönen Seele ist es also, wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmoniren, und Grazie ist ihr Ausdruck in der Erscheinung. Nur im Dienst einer schönen Seele kann die Natur zugleich Freyheit besitzen, und ihre Form bewahren, da sie erstere unter der Herrschaft eines strengen Gemüths, letztere unter der Anarchie
der Sinnlichkeit einbüßt. 3
Inwieweit besitzt Toni bereits eine ‚schöne Seele’? Wird sie erst durch eine ethisch-moralische Leistung zu einer ‚schönen Seele’? Muss Toni sterben, weil sie eine ‚schöne Seele’ hat und sie dadurch nicht in die Welt passt, die Kleist in seiner Novelle beschreibt? Kann man bei Gustav von einer ‚schönen Seele’ sprechen? Welche Rolle in dieser Seelenkonzeption spielen dabei Babekan und Congo Hoango? Inwieweit ist der Rassenkonflikt von Bedeutung?
1 August Kuhn (1784 - 1829) ist der Verleger des „Freimüthigen“ und der Kleistschen Zeitschrift „Berliner Abendblätter.
2 Der Text wird zitiert nach: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe. Sembdner, Helmut (Hrsg.), Deutscher Taschenbuch Verlag, Bd. 2, 2000, S.160. Im folgenden werden nur noch die Seitenzahlen in der Fußnote genannt.
3 Friedrich Schiller: Werke Nationalausgabe Bd. 20: Philosophische Schriften, Weimar 1962, S. 288.
3
Congo Hoango und Babekan
Zu Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo, lebte, zu Anfange dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein fürchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango. Dieser von der Goldküste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von treuer und rechtschaffener Gemütsart schien, war von seinem Herrn, weil er ihm einst auf einer Überfahrt nach Cuba das Leben gerettet hatte, mit unendlichen Wohltaten überhäuft worden. 4
Der erste Satz der Novelle gibt Informationen über die Geschichte St. Domingos und über Congo Hoango. Dieser stammt von der Küste Afrikas und wird als „fürchterlicher alter Neger“ bezeichnet. In seiner Jugend scheint er treu und rechtschaffend zu sein. Allerdings benutzt der Erzähler in diesem Zusammenhang das Wort „scheint“, wodurch diese Charaktereigenschaften Congos relativiert werden.
Diese Relation der Eigenschaften einer ‚schönen Seele’ begründen sich im folgenden Geschehen um Congo Hoango.
Ja, als der Neger sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er [Herr Guillaume] ihn mit einem ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und krönte seine Wohltaten noch damit, dass er ihm in seinem Vermächtnis sogar ein Legat auswarf; und doch konnten alle diese Beweise von Dankbarkeit Herrn Villeneuve vor der Wut dieses grimmigen Menschen nicht schützen. 5
Keine der Wohltaten seines Herrn hindern Congo Hoango letztlich nicht daran sich am Befreiungskrieg zu beteiligen. Er wird vom Erzähler als grimmiger, wütender Mensch bezeichnet. Diesmal geschehen Charakterzuordnungen ohne den Zusatz des Verbs „scheinen“. Congo Hoango ist wütend und grimmig. Congo Hoango war, bei dem allgemeinen Taumel der Rache, der auf die unbesonnenen Schritte des Nationalkonvents in diesen Pflanzungen aufloderte, einer der ersten, der die Büchse ergriff, und, eingedenk der Tyrannei, die ihn seinem Vaterlande entrissen hatte, seinem Herrn die Kugel durch den Kopf jagte. Er steckte das Haus, worein die Gemahlin desselben mit ihren drei Kindern und den übrigen Weißen der Niederlassung sich geflüchtet hatte, in Brand, und verwüstete die ganze Pflanzung, worauf die Erben, die in Port au Prince wohnten, hätten Anspruch machen können, und zog, als sämtliche zur Besitzung gehörige Etablissements der Erde gleich gemacht waren, mit den Negern, die er versammelt und bewaffnet hatte, in der Nachbarschaft umher, um seinen Mitbrüdern in dem Kampfe gegen die Weißen beizustehen. 6
Congo Hoango wird als ein barbarischer, oft im Affekt handelnder Mann dargestellt. Sein Name lässt die Assoziation mit dem Bild eines animalischen Eingeborenen zu. Er tötet im „Taumel der Rache“ seinen ihm wohlgesonnen Herrn und deren Frau und Kinder. Congo geht in seiner affekthaften Handlung nicht auf die Wohltaten seines Herrn ein und schließt sich
4 S. 160.
5 Ebenda.
6 Ebenda.
4
seinen „Mitbrüdern“ an. „Folgerichtig erscheint der Befreiungskampf nicht als Beseitigung eines Unrechtssystems, sondern als „Rache“ für individuell erlittenes Unrecht, als vielleicht nicht völlig unmotivierte, aber blindwütige, irrationalen Affekten folgende, nicht nach individueller Schuld fragende und insofern unmenschliche und ungerechtfertigte Reaktion.“ 7 Doch bleibt die Frage, ob Congo Hoango trotz allem eine ‚schöne Seele’ hat oder überhaupt fähig ist eine solche zu bekommen?
Im Zusammenhang mit Congo Hoango wird Babekan als erstes erwähnt. Babekan ist Mulattin. Sie wird Congo Hoango von seinem alten Herrn zugeteilt, da dieser nicht mehr heiraten möchte.
Babekan lebt mit ihrer Tochter Toni auf Hoangos Hof.
[...] und weil das Hauptgebäude der Pflanzung, das er jetzt bewohnte, einsam an der Landstraße lag und sich häufig, während seiner Abwesenheit, weiße oder kreolische Flüchtlinge einfanden, welche darin Nahrung oder ein Unterkommen suchten, so unterrichtete er die Weiber, diese weißen Hunde, wie er sie nannte, mit Unterstützungen und Gefälligkeiten bis zu seiner Wiederkehr hinzuhalten. Babekan, welche in Folge einer grausamen Strafe, die sie in ihrer Jugend erhalten hatte, an der Schwindsucht litt, pflegte in solchen Fällen die junge Toni, die, wegen ihrer ins gelbliche gehenden Gesichtsfarbe, zu dieser grässlichen List besonders brauchbar war, mit ihren besten Kleidern auszuputzen; sie ermunterte dieselbe, den Fremden keine Liebkosungen zu versagen, bis auf die letzte, die ihr bei Todesstrafe verboten war: und wenn Congo Hoango mit seinem Negertrupp von den Streifereinen, die er in der Gegend gemacht hatte, wiederkehrte, war unmittelbarer Tod das Los der Armen, die sich durch diese Künste hatten täuschen lassen. 8
Congo Hoango fordert von Babekan seine Kriegspläne bei seiner Abwesenheit weiterzuführen. Babekan hingegen instrumentalisiert ihre Tochter als erotischen Lockvogel für die Flüchtlinge. Babekan schreckt dabei vor nichts zurück und führt die Pläne Congos aus. Sie übernimmt die Rolle der ‚Schwarzen’ und fügt sich in den Krieg ein, obwohl sie eine Mulattin ist. Ihr handeln und ihre Zugehörigkeit zu den Schwarzen begründet sich allerdings in einer Begebenheit aus ihrer Vergangenheit, die sie dem Schweizer Gustav später erzählt. Sein 9 ehrgeiziges und aufstrebendes Gemüt, sprach sie, gefiel sich in dem Kreis bürgerlicher Tätigkeit nicht; er mischte sich beim Ausbruch der Revolution in die öffentlichen Geschäfte, und ging im Jahr 1795 mit einer französischen Gesandschaft an den türkischen Hof, von wo er, meines Wissens, bis diesen Augenblick noch nicht zurückgekehrt ist. [...] Herr Bertrand leugnete mir, während meiner Schwangerschaft zu Paris, aus Scham vor einer jungen reichen Braut, die er heiraten wollte, die Vaterschaft zu diesem Kinde vor Gericht ab. Ich werde den Eidschwur, den er die Frechheit hatte, mir ins Gesicht zu leisten, niemals vergessen, ein Gallenfieber war die Folge davon, und bald darauf noch sechzig Peitschenhiebe, die mir Herr Villeneuve
7 Bay, Hansjörg: Als die Schwarzen die Weißen ermordeten. Nachbeben einer Erschütterung des europäischen Diskurses in Kleists „Verlobung in St. Domingo“; S.84. In: KJb 1998.
8 S. 161.
9 Die Rede ist hier von dem französischem Vater von Babekans Tochter Toni, den Babekan auf einer Reise nach Europa kennen gelernt hatte.
5
Arbeit zitieren:
Carla Pohl, 2006, Die schöne Seele bei Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Finnland - der PISA-Sieger, Deutschland nur im Mittelmaß. Ist dies (au...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit, 25 Seiten
Liebe und Misstrauen in Kleists Die Verlobung in St. Domingo
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Carla Pohl's Text Die schöne Seele bei Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Carla Pohl hat den Text Die schöne Seele bei Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo" veröffentlicht
Carla Pohl hat einen neuen Text hochgeladen
Das Erdbeben in Chili / Die Marquise von O... / Die Verlobung in St. D...
Heinrich Von Kleist, Helmut Nobis
EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle. Heinrich von Kleist: Die Verlobung...
Klassen 8 - 10
Olaf Hildebrand
The Plays of Heinrich Von Kleist: Ideals and Illusions
Sean Allan, H. B. Nisbet, Se N. Allan
0 Kommentare