abwesend anwesenden Vaters in
3.1 Der Wortlaut Seite 8-9
3.2 Die Implikation: der abwesend anwesende Vater Seite 10-13
3.3 Exkurs 1: Mutter-(Vater)Mord/DAS OMEN Seite 14-24
3.4 Exkurs 2: Leibfeindschaft Seite 25-29
1. Einleitung und Fragestellung
Die folgenden Gedanken gelten der diskreten Präsenz des Vaters in einer gewaltsamen, aus ödipalen und zugleich prä-ödipalen Elementen bestehenden Urszenen-Phantasie, die ROSINE JOZEF PERELBERG bei gewalttätigen Patienten aufgedeckt und im Rahmen einer psychoanalytischen Theorie der Gewalt formuliert hat. 1 Demnach agieren die Betroffenen als gewalttätiges Verhalten eine „Kern-Phantasie“ (core phantasy) aus, die Perelberg für den Ursprung der Gewalttätigkeit hält und die in etwa die gewaltsame Selbsterzeugung des Betroffenen mit der Mutter zum Inhalt hat, also eine Art prä-ödipal verschärfter Ödipus-Komplex ist. Mit diesem Konstrukt der Kern-Phantasie untermauert Perelberg GLASSERs Gedanken eines „Kern-Komplexes“ 2 und erweitert die darin ausgeführte Paradoxie (widersprüchliches Verhalten und Empfinden als Ausdruck der Sehnsucht nach und Angst vor der prä-ödipalen Mutter), um die analoge Paradoxie gegenüber dem Vater, der für die Betroffenen zumindest emotionell, wenn nicht auch räumlich abwesend (war) 3 . Denn auf den zweiten
1 Perelberg, Rosine Jozef: A core phantasy in violence; in Psychoanalytic Under-
standing of Violence and Suicide, edited by Rosine Jozef Perelberg; London, Rout-
ledge 1999
2 Perelberg, Rosine Jozef; Seite 104
4
Blick bemerkt man die diskrete Präsenz des abwesend anwesenden Vaters in den Aktionen der Patienten und daher auch in der Kern-Phantasie. Die Kern-Phantasie schließt den Vater explizit aus und implizit ein. Das ist nicht Perelbergs explizite Theorie, sondern es wird impliziert, wenn man z.B. an FREUDs Analyse des WOLFSMANNs denkt. 4 Diesem Aspekt der Perelbergschen Theorie soll im folgenden nachgegangen werden.
3 Ebd.
Über die analoge Phantasie beim WOLFSMANN bemerkt FREUD:“Er wünschte sich 4
in den Mutterleib zurück, nicht um dann einfach wiedergeboren zu werden, son-
dern um dort beim Koitus vom Vater getroffen zu werden, von ihm die Befriedi-
gung zu bekommen, ihm ein Kind zu gebären.“
Freud, Sigmund; Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. In: Freud, Sigmund;
Studienausgabe, Bd. VIII. Zwei Kinderneurosen, Frankfurt/Main, Fischer, 1982
5
2. Gewalt und Triangulierung
Nach Perelberg ist Gewalt das Resultat einer ausgebliebenen Triangulierung, einer Nicht-Identifizierung mit dem Vater: „Both these patients feel unable to enter a three-dimensional world …. „ 5 Gewalt habe dabei eine defensiv-offensive Doppelfunktion. Zum einen schütze sie (als Gegengewalt) vor der (antizipierten) Überwältigung durch ein „kombiniertes Objekt“ bzw. die „phallische Frau“ 6 , zum anderen agiere der Betroffene als Gewalt die, aus der unterbliebenen Triangulierung resultierenden Dilemmate von
Auf letztere, die Kern-Phantasie nach Perelberg, ist der Betroffene zurück-geworfen, wenn es ihm wegen der fehlenden Identifizierung mit dem Vater nicht gelingt, einer fortan als obsessiv erfahrene Bindung an die Mutter zu entkommen. Die Dyade selbst erscheint dem Betroffenen dann als von Sexualität und Gewalt durchmischt, als ein Sadomaso-Szenario, der zugleich des Betroffenen eigenen Ursprungsmythos repräsentiert, seine Selbsterzeugung durch Gewalt. Die verfehlte Triade, also die Nicht-Identifikationmit-dem-Vater und die daraus resultierende Unmöglichkeit, sich selbst und die Mutter aus der (imaginär eingenommenen) Position eines Dritten zu beobachten, läßt dann auch die Dyade, die Identifikation-mit-der-Mutter scheitern. Die Mutter wird nicht entsexualisiert, sondern bleibt libidonöses Objekt im prä-ödipalen Sinne, welches allerdings zugleich mit destruktiven Anteilen aufgeladen wird. Das Ergebnis ist ein Objekt der unendlichen Liebe und des abgrundtiefen Hasses, mit dem der Betroffene verbunden bleibt,
5 Perelberg, Rosine Jozef, Seite 107
6 Ebd. S. 99, Fußnote
6
weil es für ihn kein Unterscheidungskriterium, sozusagen kein „Außerhalb“ gibt, das in allen möglichen Situationen durch die Objekte der Außenwelt repräsentiert wird. Das heißt: die prä-ödipale, libidinös-destruktive Mutter steht für den Betroffenen „hinter“ der Außenwelt, will ihn, anläßlich positiver Kontakte mit beliebigen Objekten, verschlingen und, anläßlich negativer Kontakte, vernichten. In beiden Fällen reagiert der Betroffene mit Gewalt um sich zum einen gegen Angriffe durch Gegenangriffe zu wehren, und um sich zum anderen gegen positive Kontakte, die er selbst herbeigeführt hat, die er aber sodann als Drohung, verschlungen und vernichtet zu werden auffasst, zu verteidigen, obgleich er sich nach Verschmelzung sehnt. Letztlich, meint Perelberg, ist es die Kern-Phantasie, die sich jene paradoxen und selbstwidersprüchlichen Verhaltensweisen bis zur Gewaltaktion hinaufschrauben läßt. Insofern schließt sich Perelbergs Argumentation, wie sie ausdrücklich betont, an GLASSER an, der genau diese Paradoxien des Verhaltens und Empfindens als „Kern-Komplex“ (core complex) konzipiert hatte 7 .
Nach Glasser agiert der vom Kern-Komplex Belastete beides: die Sehnsucht nach Vereinigung und die Angst vor Auslöschung und Vernichtung. Perversion und Gewalt sind nach Glasser Versuche, sich der prä-ödipalen Mutter zu nähern und sich zugleich von ihr zu distanzieren. Perelberg geht aber nun insofern über Glasser hinaus, als sie zum einen analoge, wenn auch nicht so offensichtliche, paradoxe Verhaltensweisen und Phantasien auf den (vom Betroffenen als abwesend anwesend erfahrenen) Vater bezieht und indem sie weiterhin Glassers „Kern-Komplex“ mit ihrer Theorie der „Kern-Phantasie“ unterlegt.
Mit Perelbergs „Kern-Phantasie“ haben wir es also zugleich mit einem doppelten Glasserschen „Kern-Komplex“, einer doppelten Paradoxie zu tun, nämlich dem selbstwidersprüchlichen Verhalten zum einen gegenüber der über-präsenten Mutter und zum anderen gegenüber dem unter-präsenten (als abwesend anwesenden) Vater. Beide Elternteile und potentiellen Über-
7 Ebd. S. 104
7
Ich-Anteile sind demnach durch die Paradoxie von Sehnsucht und Angst verseucht, einem Dilemma, aus dem der Betroffene letztlich nur gewaltsam herauszukommen meint.
Für den Therapeuten stellt sich dann die schier unlösbare Aufgabe, an keinerlei elterliche bzw. Über-Ich-Funktionen anknüpfen zu können. Faktisch zeigte sich dies in den analytischen Sitzungen als eine Vielfalt von Abwehr-und Verleugnungsstrategien, denen nur mit der speziellen Technik der kurzen, sofortigen und häufigen Situations- Affekt- und Phantasiedeutung bei- zukommen war.
Arbeit zitieren:
Jose Franco-Pereira, 2000, Die diskrete Präsenz des abwesend anwesenden Vaters in PERELBERGs Konzept der Core Phantasy, München, GRIN Verlag GmbH
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