Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Devolutionsszenarien und Zivilisationskritik in The Time Machine 2
2.1. Vom Sozialdarwinismus zur biologischen Devolution 3
2.2. The Time Machine als Zivilisations- und Kolonialismussatire 8
3. Machbarkeitswahn und neues Menschenbild in The Island of Dr. Moreau 11
3.1. Evolutionssteuerung: Von der Natural Selection’ zur Vivisection’ 11
3.2. Darwinistische Ideologie und neue Anthropologie 15
4. Fazit 19
5. Bibliographie 20
1
1. Einleitung
Zu den prominentesten Beiträgen zum Dialog von Literatur und Naturwisssenschaft der viktorianischen Ära gehören H. G. Wells’ literarische Auseinandersetzungen mit den Themenkomplexen der Evolutionsbiologie und des Darwinismus. Wells’ frühe Romane hierzu lassen sich dem übergeordneten Genre der scientific romance zuordnen, was bedeutet, dass sie zwar nach dem Kenntnisstand der damaligen Zeit durchaus wissenschaftlich fundiert sind und reale zeitgenössische naturwissenschaftliche und soziale Debatten thematisieren. Dabei sind sie aber in ihrer Handlung nicht unbedingt in der Alltagsrealität verankert, sondern nehmen auf einer eher imaginativen Ebene die Form von Gedankenexperimenten an. In der vorliegenden Arbeit soll anhand der beiden frühen Texte The Time Machine (1895) und The Island of Dr. Moreau (1896) exemplarisch gezeigt werden, wie der Darwinismus auf verschiedenste Weise das Weltbild der Viktorianer und anderer westlicher Gesellschaften beeinflusste und ihre bis dato sicher geglaubte und kaum hinterfragte religiöse, anthropologische und kulturelle Selbstwahrnehmung in Frage stellte. Der Zoologe Chalmers Mitchell bezeichnete Wells in einer Rezension zu Dr. Moreau als „an author with the emotions of an artist and the intellectual imagination of a scientific investigator“ 1 , womit er die interdisziplinäre Leistung von Wells’ Arbeit auf den Punkt bringt: Beide Romane sind sowohl als (natur)wissenschaftlich fundierte Gedankenexperimente wie auch als philosophische Überlegungen und nicht zuletzt als gesellschaftspolitische Satiren lesbar und vereinen somit jene „zwei Kulturen“ von science und humanities, die heutzutage als strikt getrennt erscheinen.
Kapitel 2 dieser Arbeit widmet sich Wells’ erstem Roman The Time Machine. Hier soll das Interesse darauf gerichtet sein, wie der Roman in Form einer fiktiven Zeitreise in die ferne Zukunft und der spekulativen Darstellung einer zukünftigen Menschheitsevolution soziale Konflikte und kulturelle Stereotypen seiner Gegenwart satirisch diskutiert und kritisiert. In 2.1. soll dazu zunächst gezeigt werden, wie der Text das Klassendenken und die sozialdarwinistischen Tendenzen des viktorianischen Englands aufgreift und auf der Basis der Darwinschen Evolutionstheorie auf die Spitze treibt, indem er sie in biologische Formen übersetzt. In 2.2. soll die Perspektive auf den zeitgenössischen Imperialismus und die Wahrnehmung fremder und peripherer Kulturen durch die Viktorianer gerichtet werden. Hier soll vor allem veranschaulicht werden, wie ihr zivilisatorisches Überlegenheitsgefühl und ihre teils rassistischen
1 Zitiert in Peter Kemp, H. G. Wells and the Culminating Ape (New York: St. Martin’s Press, 1982), 206.
2
Stereotype durch die Darstellung eines zukünftigen kulturell und biologisch degenerierten Südenglands konterkariert werden.
Während der Fokus unter 2. eher auf der gesellschaftlichen Makroebene liegt, soll in Kapitel 3 mit Bezug auf den Roman The Island of Dr. Moreau untersucht werden, welche ethischen und anthropologischen Probleme darwinistische Konzepte und insbesondere ihre wissenschaftliche Anwendung auf der eher individuellen Ebene aufwerfen. Hierfür soll in 3.1. zunächst dargelegt werden, wie die Figur des Dr. Moreau als ein satirisch überzeichneter Vertreter eines ideologisierten, quasireligiösen Sozialdarwinismus sowie des technologischen Machbarkeitswahns seiner Zeit gelesen werden kann. Kapitel 3.2. widmet sich schließlich der Frage, welche Konsequenzen und Implikationen die von Moreau geschaffenen hybriden Kreaturen für das Selbstverständnis des Menschen hinsichtlich seines Wesens und seiner Verortung im evolutionären Abstammungszusammenhang haben. Abschließend sollen in Kapitel 4. die in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst und eine abschließende Beurteilung des Beitrags beider Texte zum literarischen Dialog mit dem Darwinismus versucht werden.
2. Devolutionsszenarien und Zivilisationskritik in The Time Machine
Wells’ erster Roman The Time Machine beschreibt eine fiktive Reise aus dem England des viktorianischen Zeitalters in das des Jahres 802.701, in welchem sich die Menschheit in zwei, auf ihre jeweils eigene Weise degenerierte Spezies zurückentwickelt hat. Er bildet damit die Dokumentation einer möglichen zukünftigen Entwicklungsgeschichte der Menschheit, „deren Verlauf die anthropozentrische Annahme eine stetigen Fortschritts in Frage stellt.“ 2 Damit stellt er sich bewusst gegen den vorherrschenden Zeitgeist der Viktorianer, für die die Annahme eines Fortschrittsautomatismus geradezu eine Obsession war. Für Peter Kemp ist das Ziel des Romans, „to discredit what [Wells] called ‘Bio-Optimism’ or ‘Excelsior Biology’, the hopeful belief that life must steadily improve, move ever upwards from the slime towards nobility.” 3 Trotz aller Provokation und Verunsicherung, die der Darwinismus für das Selbstverständnis des damaligen Menschen bedeutete, führte er ebenso zu neuen Formen der Selbstbestätigung und Legitimation der eigenen Position. Tatsächlich fügte sich die von Wells kritisierte „Excelsior Biology“ überaus gut in die damalige
2 Hermann Josef Schnackertz, Darwinismus und literarischer Diskurs. Der Dialog mit der
Evolutionsbiologie in der englischen und amerikanischen Literatur (München: Wilhelm Fink, 1992), 106.
3 Kemp, Culminating Ape, 12.
3
europäische Selbstwahrnehmung eines stetigen zivilisatorischen Aufstiegs und der daraus abgeleiteten Überlegenheit gegenüber anderen Kulturen und Rassen ein. „Das Zauberwort ‚Entwicklung’ kann gleichermaßen als Signatur des 19. Jahrhunderts gelten...“ 4 The Time Machine veranschaulicht dagegen, dass eine solche Fortschrittsseligkeit für kommende Jahrhunderte und Jahrtausende nicht ohne Weiteres vorausgesetzt werden kann.
2.1. Vom Sozialdarwinismus zur biologischen Devolution
Den Erzählrahmen des Romans bildet eine viktorianische Abendgesellschaft, welcher ein namentlich nicht näher genannter „Time Traveller“ monologisch von seiner Erfindung der Zeitmaschine und seiner abenteuerlichen Reise in die Zukunft berichtet. Die anfängliche Motivation für seine Zeitreise ist von Forscherdrang und Zukunftsoptimismus gekennzeichnet. So teilt er zu Beginn seiner Reise noch den anthropozentrischen Fortschrittsglauben seiner viktorianischen Zeitgenossen: „What strange developments of humanity, what wonderful advances upon our rudimentary civilisation, I thought, might not appear...“ 5 Dennoch überkommen ihn bereits unmittelbar nach seiner Ankunft erste Zweifel daran, dass die Menschheitsentwicklung über einen solch gewaltigen Zeitraum immer strikt im Sinne lediglich temporärer gegenwärtiger Moralvorstellungen verlaufen sein muss: „What if cruelty had grown into a common passion? What if [...] the race had lost its manliness, and had developed into something inhuman [...]?“ 6 Doch selbst wenn ihn solche posthumanen „Menschen“ für ein „old-world savage animal“ 7 halten und töten sollten, wäre dies eine ebenso konsequente wie ironische Fortführung der sozialdarwinistischen und rassistischkolonialen Tendenzen seiner eigenen Zeit.
Während seines Aufenthalts in der Zukunft versucht der Zeitreisendewissenschaftlich gebildet und mit den aktuellen Debatten seiner Zeit vertraut - stets, das sich ihm bietende Szenario auf Grundlage seines bisherigen Wissens zu analysieren und zu verstehen, wobei er unterschiedliche evolutionäre Konzepte miteinander zu neuen Thesen kombiniert und vorherige Fehleinschätzungen kontinuierlich revidiert.
Das evolutionäre Vokabular, das in den Verstehensversuchen des Zeitreisenden
jeweils zu individuellen Deutungsmustern verwoben wird, ist politischen,
4 Schnackertz, Darwinismus, 9.
5 H. G. Wells, The Time Machine (New York: Signet, 2002), 21.
6 Ibid, 24.
7 Ibid.
4
utopisch-mystischen und anthropologisch-ethischen Diskursen entlehnt, die
entweder direkt oder indirekt darwinistische Vorstellungen übernommen haben
und mit ihnen in metaphorisierender und analogisierender Weise operieren. 8
Bei seinen ersten Kontakten mit dem Volk der Eloi, welches unter scheinbar paradiesischen Zuständen auf der Erdoberfläche lebt, deutet der Zeitreisende ihre Gesellschaft als die Erfüllung und den Endpunkt einer soziokulturellen Evolution, die durch die Abwesenheit jeglichen Privateigentums als ein „Ende der Geschichte“ im Sinne des Marxismus erscheint: „Here […] were palace-like buildings, but the house and the cottage […] had disappeared. ‘Communism,’ said I to myself.“ 9 Auch die Gleichheit der Kleidung, das fast völlige Verschwinden von Geschlechterrollen und die Abwesenheit von Familienstrukturen bei den Eloi scheinen für eine Abschaffung aller sozialen Differenzen und Konflikte zu sprechen. Doch schon bald verleiten ihn die geringen intellektuellen Fähigkeiten der Eloi sowie ihre niedrige und offenbar abnehmenden Bevölkerungszahl zu der Schlussfolgerung, dass er hier vielmehr „humanity upon the wane“ und „the sunset of mankind“ 10 erlebt. Da die palastartigen Gebäude und die völlig gezähmte Natur auf das Wirken einer früheren Zivilisation mit gewaltigen technischen und intellektuellen Fähigkeiten schließen lassen, kommt der Zeitreisende nunmehr zu dem Schluss, Zeuge einer enormen geistig-kulturellen Degeneration zu sein.
Der Zeitreisende vertritt dabei in seinen Spekulationen eine durchaus kulturpessimistische Position, die zivilisatorischen Wohlstand und übergroße Sicherheit als Ursache von Verweichlichung und Dekadenz ansieht: „This has ever been the fate of energy in security; it takes to art and to eroticism, and then come languor and decay.“ 11 Diese Aussage lässt sich gleich zwei Denkrichtungen zuordnen. Zum einen steht sie in Inhalt und Rhetorik in der Tradition eines zivilisationsfeindlichen Kulturpessimismus, wie er damals zum Beispiel von Max Nordau formuliert wurde („first the savings are consumed, then comes bankruptcy“ 12 ) und der Zivilisation per se als mental und physisch degenerierend betrachtet. Daneben nimmt er mit seiner Verbindung „energy“ und Kultur die später von Sigmund Freud vertretene These vorweg, dass Kunst, Religion, ja die gesamte menschliche Kulturentwicklung, nichts anderes als die
8 Schnackertz, Darwinismus, 107.
9 Wells, Time Machine, 32.
10 Ibid, 34.
11 Ibid, 37.
12 Max Nordau, “Degeneration”, Literature and Science in the Nineteenth Century, ed. Laura Otis
(Oxford: OUP, 2002) 529.
Arbeit zitieren:
Stephan Ester, 2007, Der Dialog mit dem Darwinismus in H. G. Wells’ "The Time Machine" und "The Island of Dr. Moreau", München, GRIN Verlag GmbH
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