Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II. Houellebecq: Leben, Werk, Inszenierung 3
III. Elementarteilchen 5
3.1. Analyse: Inhalt, Merkmale, Tektonik 5
3.2. Interpretation: Gesellschaftliche Wandlungen 9
3.3. Rezeption: Leselust und Provokation 13
IV. Fazit 16
V. Literaturverzeichnis 18
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I. Einleitung
In den letzten Jahren ist viel über Literatur-Pop und das Schreiben in der Postmoderne diskutiert worden. Ob es um die Verarbeitung populärer Objekte der Massengesellschaft ging oder um Tabubrüche, die zum guten Ton eines ganzen Autorenkreises avancierten: Man hinterfragte aufs neue die ethisch-moralischen Schranken der Gesellschaft, die Welt der totalen materiellen Verfügung und die exzessive Genusssucht des Westens. Insbesondere in Frankreich schrieben zahlreiche Autoren über diese ‚aus dem Ruder laufende Gesellschaft’: Amélie Nothomb, Frédéric Beigbeder oder Virginie Despentes zählen somit zu den Vertretern einer Autorenschaft, die Provokation und ihre mediale Inszenierung gleichsam kultivieren. Ihr bekanntester Repräsentant ist jedoch Michel Houellebecq, dessen Romane über die Grenzen Frankreichs hinweg für Debatten und Kontroversen sorgten. Besonders sein Buch Elementarteilchen 1 fand große Resonanz, in dem er ein Zeitalter der metaphysischen Wandlung beschrieb, dessen Errungenschaft - die Genmanipulationdie menschlichen Beziehungen und schließlich den Menschen selbst verändert. Im Erscheinungsjahr 1998 löste der Roman ein immenses Presseecho aus, das von der Attestierung großer Ambitionen bis hin zum Pornographie-Vorwurf reichte 2 . Elementarteilchen erreichte im Jahr 2000 eine Auflagenstärke von 400.000 Exemplaren, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden. Im gleichen Jahr inszenierte man den Roman an der Berliner Volksbühne und im Jahr 2006 folgte eine Verfilmung mit deutscher Starbesetzung 3 .
Wie ist dieses ‚Phänomen Houellebecq’ zu fassen? Was macht Elementarteilchen für den Leser so interessant? Wie wird hier Leselust erzeugt? Neben der Textanalyse und Ausführungen zum Autor und seinem Werk, folgt die Interpretation und schließlich die Thematisierung von Houellebecqs subtilen Mitteln zur Erzeugung von Leselust. Im Fazit werden die Einzelergebnisse zusammengetragen und anschließend bewertet. Die französischen Zitate der Quellen- bzw. Sekundärliteratur werden in deutscher Übersetzung wiedergegeben.
1 Houellebecq, Michel: Elementarteilchen. Köln: List 2003.
2 Jähner, Harald: Das Ich als Bankier der Sexualität. In: Steinfeld, Thomas (Hg.): Das Phänomen Houellebecq.
Köln: Du Mont 2001, S. 157
3 Fust, Boris: Beim Balzen geht es um Ego und Macht. http://zuender.zeit.de/2006/06/moritz?task=drucken
(Abfragedatum: 11.02.2006). Vgl. hierzu auch: Körte, Peter: Der Elementarteilchenbeschleuniger.
http://www.faz.net/s/Rub8A25A66CA9514B9892E0074EDE4E5A... (Abfragedatum: 11.02.2006).
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II. Houellebecq: Leben, Werk, Inszenierung
Michel Houellebecq wird am 26. Februar 1958 auf La Réunion im Indischen Ozean geboren 4 . Er ist das Kind eines Bergführers und einer Anästhesistin, die ihn mit sechs Jahren bei der Großmutter abgeben, um sich in der Hippie-Bewegung zu verwirklichen. Die Großmutter wird zur wichtigsten Bezugsperson. Er geht in Crécyla-Chapelle zur Schule und besucht als Internatsschüler das Gymnasium in Meaux. Während der Vorbereitungskurse für die Grande Ecoles stirbt die Großmutter. Der zwanzigjährige Houellebecq beginnt Gedichte zu schreiben und frequentiert fortan Literaturzirkel. Den Namen der Großmutter ‚Houellebecq’ verwendet er seitdem als Pseudonym 5 . Er studiert Agrarwissenschaft in Paris und erwirbt 1980 ein Diplom als Landwirtschaftsingenieur. Im gleichen Jahr heiratet er und sein Sohn Étienne wird geboren. Es folgt eine Zeit des persönlichen Umbruchs und der Neuorientierung. Nach der Scheidung von seiner Frau Marie-Pierre wird Michel Houellebecq arbeitslos und muss aufgrund von Depressionen psychiatrisch behandelt werden. Doch schon wenige Monate später verdient er sein Geld als Computerfachmann und Sekretär in der Assemblée Nationale. 1985 freundet er sich mit Michel Bulteau an, der die Nouvelle Revue de Paris leitet und der ihn in seinen literarischen Ambitionen bestärkt. Houellebecq publiziert seine erste literaturkritische Studie mit dem Titel H.P. Lovecraft, contre le monde, contre la vie (1991) und bekommt für seinen ersten Gedichtband La poursuite bonheur (1992) den Tristan-Tzara-Preis 6 . Durch zahlreiche lyrische und essayistische Beiträge etabliert sich Houellebecq als feste Größe in der Literaturszene Frankreichs. Den Durchbruch markiert der provokative Roman Extension du domaine le la lutte (1994), der unter dem Titel Ausweitung der Kampfzone auch in Deutschland bekannt wird: Dieser Roman, der mehr einer Versuchsanordnung als einer Erzählung gleicht, zeigt Houellebecqs Nähe zur Popkultur auf. Die (sexuellen) Kampfszenen münden im sukzessiven Rückzug und Wahnsinn des desillusionierten Ich-Erzählers, der am Ende der Geschichte nur noch konstatieren kann: „Das Lebensziel ist verfehlt. Es ist zwei Uhr nachmittags.“ 7 Houellebecqs nüchterner Stil, mit dem er wie ein Pathologe das Absurde der
4 Noguez, Dominique: Houellebecq, en fait. Paris: Flammarion 2003, S. 25
5 Levy, Michelle: Biographie. http://www.houellebecq.info/deutsch.php (Abfragedatum: 17.03.2006).
Vgl. hierzu auch: Noguez, Dominique: Ebd., S. 27
6 Levy, Michelle: Ebd.
7 Houellebecq, Michel: Ausweitung der Kampfzone. Reinbek: Rowohlt 2000, S. 170
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Gesellschaft seziert, wird zu seinem Markenzeichen. Er öffnet sich zunehmend den Medien und der Berichterstattung.
Den bisherigen Höhepunkt seiner Arbeit feiert er schließlich 1998 mit dem Roman Les particules élémentaires (Elementarteilchen), in welchem er konsequent Kritik an der modernen Gesellschaft übt und soziale Phänomene anhand empirischer Schlüsse erfasst: Die öffentliche Aufmerksamkeit zieht das Buch gerade in Rahmen der Gen-Debatte und der Rede Peter Sloterdijks auf sich 8 . Houellebecq reizt die Medien und lässt keine Gelegenheit aus, die Kontroversen weiter zu befeuern. So antwortet er in einem Zeit-Interview auf die Frage, ob man mit der Gentechnik bald das Altern unterbinden könne: „Ja, vielleicht. […] Aber im Moment scheint die beste Lösung, dass man die Leute ab einem bestimmten Alter einfach tötet.“ 9 Im selben Jahr heiratet er erneut Marie-Pierre, er wird mit dem ‚Grand Prix National des Lettres Jeunes Talents’ für sein Gesamtwerk ausgezeichnet und erhält für Elementarteilchen den renommierten ‚Prix Novembre’. 10 Michel Houellebecq tritt nun regelmäßig in Talkshows auf und entdeckt für sich weitere künstlerische Ausdrucks-formen: So erscheint ein Bildband mit eigenen Fotographien unter dem Titel Lanzarote (2000) und er liest seine Texte zu Jamsessions einer Rockband, die durch Frankreich tourt. Insbesondere junge Leute zählen zu seinem Publikum, für die er eine Kultfigur darstellt. Sein bisheriges Werk wird durch die Romane Platforme (2001) und La possibilité d’ une ile (2005) abgerundet: Auch hier wird provoziert und polarisiert. Erneut werden die bekannten Vorwürfe laut und das Medieninteresse ist groß, doch der Autor gibt sich allmählich reserviert und nimmt die ‚Möglichkeit einer Insel’ wahr. Er lebt heute in Dublin.
Houellebecq gehört selbst zu den Inszenierungen der Literaturszene. Bei ihm wird das Bedürfnis nach Nähe zum ‚Menschen hinter dem Text’ befriedigt, indem das ‚künstlerische Ich’ (Erzähler) und das ‚produzierende Ich’ (Autor) als Einheit zusammengeführt werden. Vor allem kann man das an der Modellierung seiner Romanfiguren und Erzählerinstanzen erkennen. So nutzt er in seinen Büchern die Ambivalenz des Namens ‚Michel’ und wechselt bewusst zwischen Ich- und Er-
8 Gampert,Christian: Das neue Humane. Sloterdijk in Karlsruhe. http://www.freitag.de/2000/20/00201302.htm
(Abfragedatum: 17.03.2006).
9 Steines, Susanne: Man muss den Tod abschaffen. Ein Zeit-Gespräch mit Michel Houellebecq. In: Steinfeld,
Thomas (Hg.): Das Phänomen Houellebecq. Köln: Du Mont 2001, S. 104
10 Noguez, Dominique: Ebd., S. 31
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Erzählern 11 , wodurch eine Grauzone zwischen Fiktion und Selbstdarstellung entsteht. Demnach bediene er sich, so Rita Schober, der seit den 1990er Jahren beliebten Präsentationsform der ‚Autofiction’. 12 Obwohl Houellebecq die strikte Trennung zwischen Erzähler und Autor aufhebt, sind seine Texte nur ein Teil der Gesamtinszenierung seines ‚produzierenden Ichs’: Diskussionsrunden, Interviews, Lesereisen und Internetseiten bilden ein System der medialen Darstellung und verweisen auf den Autor. Die Provokationen sind in diesem Zusammenhang wiederum ein Teil der postmodernen Kulturindustrie, in welcher der ‚Hype’ von Büchern und Autoren als eine Versicherung des Mediums selbst gilt. Der Autor nimmt am Diskurs teil und wird Auslöser von Diskursen. Houellebecq steht nicht zuletzt durch sein äußeres Erscheinungsbild (‚Blässe’, ‚nikotingelbe Finger’) für den Typ des von der Gesellschaft gebeutelten Verlierers, wodurch seine Person erneut an die Romanfiguren erinnert. Die literaturwissenschaftliche Analyse kann daher sein Autoren-Ego nicht außer Acht lassen. Später soll dies bei der Erzeugung von Leselust vertieft werden, denn: „Der Autor will den Fan.“ 13
III. Elementarteilchen
3.1. Analyse: Inhalt, Merkmale, Tektonik
Der Roman erzählt die Geschichte der Halbbrüder Michel und Bruno, die zwei gegensätzliche Charaktere repräsentieren. Der scheue Wissenschaftler Michel steht dem extrovertierten Bruno gegenüber. Die Figuren bilden das Gerüst des Romans. Die Geschichte ist in eine Rahmenerzählung mit Prolog und Epilog eingebettet, die dem Leser als authentischer Tatsachenbericht präsentiert wird: Der namenlose Er-Erzähler der Rahmenerzählung ist ein Mensch aus der Zukunft, der in der Retrospektive, also nach den metaphysischen Wandlungen der Welt 14 , auf die Geschichte der Brüder auktorial Bezug nimmt. Der Erzählung wird das Utopische vorweggenommen, indem das berichtete Zeitalter aus Sicht der Zukunft bereits beendet ist. Im Sinne dieser vielschichtigen Zeitstruktur umfasst die Erzählte Zeit 50
11 Houellebecq, Michel: Plattform. Reinbek: Rowohlt 2003, S. 22 Vgl. hierzu auch: Elementarteilchen, S. 7
12 Schober, Rita: Auf dem Prüfstand. Zola - Houellebecq - Klemperer. Berlin: Walter Frey 2003, S. 281
13 Steinfeld, Thomas: Einleitung. In: Ders. (Hg.): Das Phänomen Houellebecq. Köln: Du Mont 2001, S. 10
14 Houellebecq, Michel: Elementarteilchen, S. 7/8
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Arbeit zitieren:
Christoph Hermes, 2006, Leselust und Provokation in Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“, München, GRIN Verlag GmbH
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