II
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Thema und Ziel der Arbeit 1
1.2 Rechtfertigung der gewählten Thematik 2
1.3 Methodik der Arbeit 3
2 Kurzer Forschungsüberblick 4
2.1 Die gesetzeskritische Position 5
2.2 Die halachakritische Position 6
2.3 Die gemäßigte gesetzeskritische Position 8
3 Einführende Schritte 10
3.1 Einleitungsfragen 10
3.1.1 Die Verfasserschaft 10
3.1.2 Die Abfassungszeit 14
3.1.3 Die Empfänger: Hörer der Bergpredigt 15
3.2 Kontexteinordnung und Kontextabgrenzung 17
3.2.1 Die Kontexteinordnung 17
3.2.2 Die Kontextabgrenzung 18
4 19
-HVX6WHOOXQJ XP HVHW Ä0W-
4.1 Textanalyse V. 17 19
4.1.1 'LH(LQOHLWXQJVIRUPHOÄ0HLQHWQLFKW 19
4.1.2 'LH5HODWLRQ ZLVFKHQÄGDV HVHW RGHUGLH3URSKHWHQ 20
4.1.3 'LH5HODWLRQ ZLVFKHQÄDXIO VHQRGHUHUI OOHQ 22
4.2 Textanalyse V. 18 24
4.3 Textanalyse V. 19 28
4.3.1 'LH5HODWLRQ ZLVFKHQÄNOHLQHQXQGJUR HQ HERWHQ 28
4.3.2 'LHYHUPLHGHQH)UDJHÄ XVVWR XQJRGHU9HUKHL XQJ 29
4.4 Textanalyse V. 20 31
4.4.1 Das Verständnis von der besseren Gerechtigkeit 31
4.4.2 Die bessere Gerechtigkeit: Keine Vermischung mit der Werksgerechtigkeit 33
4.5 Zusammenfassung von V 17-20 35
III
5 Das Verständnis vom 6. Gebot im AT und bei den Rabbinern 37 5.1 37 'DV*HERWÄ'XVROOVWQLFKWPRUGHQ³LP$7
5.1.1 Der Gebrauch der Wurzel im 6. Gebot 37
5.1.2 Der Gebrauch der Wurzel in Num 35 und Dt 19,1-13 38
5.1.3 Sonstiger Gebrauch der Wurzel 39
5.1.4 Exkurs: Gen 9,6 40
5.2 41 'DV*HERWÄ'XVROOVWQLFKWPRUGHQ³EHLGHQ5DEELQHUQ
5.3 Fazit: Das Verständnis des AT und der Rabbiner von 43
6 Jesu Verwendung des 6. Gebots 45 6.1 Jesus stellt Zorn und Beschimpfung mit Mord auf eine Stufe 45
6.1.1 Textanalyse V. 21-22 45
6.1.1.1 Die Diskussion um F!! 2 ú"6!$. " 46
6.1.1.2 Die Kritik an der Halacha 47
6.1.1.3 Exkurs: Die Halacha 49
6.1.1.4 Exkurs: Jesu Verwendung der antithetischen Form 50
6.1.1.5 Textaussage V. 21-22 53
6.1.2 Die Lehre des AT über zürnen und schimpfen 59
6.1.2.1 BegriffVGHILQLWLRQXQGGHU*HEUDXFKGHVÄ=RUQ³ 59
6.1.2.2 'LH%HVFKLPSIXQJÄ&³XQGÄ(4,³ 61
6.1.2.3 Der Appell an den zürnenden Menschen 63
6.1.3 Die Lehre der Rabbiner über zürnen und schimpfen 64
6.1.4 Fazit der V. 21-22 65
6.2 Jesus appelliert zum Frieden V. 23-24 67
6.2.1 Textanalyse V. 23-24 67
6.2.1.1 Die Opfergabe 67
6.2.1.2 Die Schuldfrage 69
6.2.1.3 Die Opferunterbrechung 70
6.2.2 Die Lehre über die Opfergaben im AT in Bezug auf Mt 5,23-24 71
6.2.2.1 Lev 5,20-26 und Num 5,5-10 71
6.2.2.2 Die Herzenshaltung für die Opferhandlung 72
6.2.3 Die Lehre der Rabbiner 74
6.2.3.1 Die Unterbrechung einer Opfergabe 74
IV
6.2.3.2 Die Versöhnung 75
6.2.4 Fazit der V. 23-24 76
6.3 Die Relevanz des Friedens V. 25-26 77
6.3.1 Textanalyse V. 25-26 77
6.3.2 Die Aussagen des AT im Bezug der Dringlichkeit zur Versöhnung 82
6.3.3 Exkurs: Kurze Darstellung der rabbinischen Auffassung vom Scheol 83
6.3.4 Fazit der V. 25-26 86 7 Schlussbetrachtung 87 7.1 Ergebnis: Die Kritik an die rabbinischen Traditionen 87
7.2 Die Intention der Antithese 87 Literaturverzeichnis 89
V
Abstrakt
Die vorliegende Masterarbeit, deren Thema Der Umgang Jesu mit dem 6. Gebot: Eine exegetische UntersucKXQJGHUHUVWHQ$QWLWKHVHÄ0W,21-³LQ%H]XJDXIGLH StellungnahPH-HVX]XP*HVHW]Ä0W17-³ lautet, geht folgenden Fragen nach: Wie verwendet Jesus das Gesetz des Alten Testaments in den Antithesen? Wendet Jesus sich gegen das Gesetz des Alten Testaments oder gegen die rabbinischen Traditionen? Doch bevor die beideQ3HULNRSHQÄ0W-³XQGÄ0W-³H[HJHWLVFKXQWHUVXFKW werden, bietet der Abschnitt 2 einen kurzen Forschungsüberblick und der Abschnitt 3 nimmt Stellung zu den Einleitungsfragen des Matthäusevangeliums. ,P$EVFKQLWWZLUGGLHHUVWH3HULNRSHÄ0W 5,17-³DQDO\VLHUWLQGHUJesus als
der Messias, der die grundlegende Offenbarung Gottes erfüllt, auftritt und der seine generell positive Haltung zum gesamten Alten Testament bestätigt. Das Wort Gottes hat die feste Gültigkeit, denn das, was Gott verheißen hat, das wird auch sicherlich in Erfüllung gehen. Dabei findet eine Aspektverschiebung statt, denn das praktische Befolgen des Gesetzes tritt gleichberechtigt neben den Aspekt des Lehrens. Und die bessere Gerechtigkeit der Jünger, die in den Antithesen V. 21-48 veranschaulicht wird, wird in einen Kontrast zur Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäern gestellt. In den beiden weiteren Hauptabschnitten wird die Verwendung des 6. Gebot durch Jesus analysiert. Um seine Verwendungsart des 6. Gebots herauszustellen, wird das Verständnis des Alten Testaments, das Verständnis der Rabbiner und das Verständnis von -HVXVEH]JOLFKGHUHUVWHQ$QWLWKHVHXQWHUVXFKW'DGLH$QWLWKHVHÄ0W-³LQGUHL7HLOH zerfällt, werden sie auch nach ihrer Struktur behandelt. In den jeweiligen Teilabschnitten wird zuerst die Aussage Jesu, danach das Verständnis des Alten Testaments und schließlich das Verständnis der Rabbiner analysiert. Zum Schluss werden die einzelnen Ergebnisse miteinander verglichen, um Schlussfolgerungen ziehen zu können.
1
1 Einleitung
1.1 Thema und Ziel der Arbeit
Das Thema der vorliegenden Masterarbeit ist: Der Umgang Jesu mit dem 6. Gebot: Eine exegetische UntersucKXQJGHUHUVWHQ$QWLWKHVHÄ0W,21-³LQ%H]XJDXI die StellXQJQDKPH-HVX]XP*HVHW]Ä0W 5,17-³ 1
Angeregt für die Thematik wurde ich nicht zuletzt durch die Vorlesungsfächer zum Alten Testament. Dabei wuchs bei mir das Interesse über Jesu Umgang mit dem Alten Testament. Da die generelle Verwendung des Alten Testaments für eine Masterarbeit zu umfangreich ist, soll nur der spezielle Umgang mit dem 6. Gebot des Alten Testaments innerhalb der ersten Antithese untersucht werden. Die Arbeit soll nicht einen allgemeinen Umgang mit dem Alten Testament darstellen, sondern nur den einen Aspekt innerhalb der ersten Antithese erläutern.
Das Verständnis dieser Textpassage ist für das Verständnis des Alten Testaments nicht unbedeutend. Denn nicht zuletzt ist es der Herr selbst, der in dieser Textpassage eine klare Position zum Gesetz bezieht. Die entscheidenden Fragen, die sich ergeben, sind: Wie klar ist uns heute die Position Jesu zum Gesetz? Wie verwendet Jesus das Gesetz des Alten Testaments in den Antithesen? Wendet Jesus sich gegen das Gesetz des Alten Testaments? Diesen Fragen stellt sich die vorliegende Arbeit. Mit einem Satz sei das Resultat der Arbeit vorgegriffen. Nach meiner Untersuchung komme ich zu der Schlussfolgerung, dass Jesus sich nicht gegen das alttestamentliche Gesetz wendet, sondern gegen die rabbinischen Traditionen.
1 'DV9HUERWÄ'XVROOVWQLFKWPRUGHQ³ZLUGMHQDFKGHU$UWGHU=lKOXQJDOVRGHU*HERWDXIJHIKUW
Um von vornherein ein Missverständnis diesbezüglich auszuschließen, wird in der gesamten Arbeit das
9HUERWÄ'XVROOVWQLFKWPRUGHQ³DOV*HERWEH]HLFKQHW
2
1.2 Rechtfertigung der gewählten Thematik
Die Unmenge von Literatur, die im Verlauf der Kirchengeschichte über die Antithesen in Mt 5,21-48, geschrieben wurde, ist ein Indiz für den ständigen Ä'LVNXVVLRQV-6SUHQJVWRII³GLHGLHVHLQVLFKWUDJHQ0LW5HFKWNDQQGLH)UDJHJHVWHllt werden, warum dieses Thema von mir für die Abschlussarbeit gewählt wurde? Doch nicht nur meine persönlichen Gründe sprechen für die Beschäftigung mit dieser Thematik, schon 1897 urteilte H. J. Holtzmann begründet, wenn er schreibt:
Nirgends in der evangelischen Literatur wird die Gesetzesfrage so prinzipiell aufgeworfen und so
unmißverständlich im Sinne der Unverbrüchlichkeit des Gesetzes beantwortet wie 5,17. 18,
nirgends wird so unmißverständlich wie 5,19 die Geltung des Menschen im Himmelreich von dem
Lehren und Tun des Gesetzes abhängig gemacht. 2
Der Abschnitt hat immer wieder neue Diskussionen ausgelöst. I. Broer schrieb im Jahr 1979, dass die gegenwärtige Forschung noch weit von einem Konsens entfernt ist. 3 Und U. Luz bewertet den Text als den schwierigsten im Evangelium. 4 Auf ein Standardwerk bezüglich der Thematik von W. D. Davies The Setting of the Sermon on the Mount sei außerdem hingewiesen. Mir ist bewusst, dass die vorliegende Arbeit nur ein bescheidener Versuch dessen ist, was in der Kirchengeschichte nicht selten diskutiert wurde.
2 Heinrich J. Holtzmann, Lehrbuch der Neutestamentlichen Theologie, Bd. 1 (Freiburg; Leipzig:
Akademische Verlagshandlung, 1897), S. 426.
3 Ingo Broer, Freiheit vom Gesetz und Radikalisierung des Gesetzes, in: Herbert Haag u. a. (Hgg.),
Stuttgarter Bibelstudien (Stuttgart: Katholisches Bibelwerk GmbH, 1980), S. 10.
4 Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, in: Joachim Gnilka u. a. (Hgg.), Evangelisch Katholischer
Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 1, Tb. 1 (Zürich: Benziger, 5 2002), S. 308.
3
1.3 Methodik der Arbeit
Bevor die eigentliche Thematik behandelt wird, sollen zwei Abschnitte vorausgeschickt werden. Der Abschnitt 2 skizziert einen kurzen Forschungsüberblick, der allgemeinen Forschungsergebnisse nach. Der Abschnitt 3 nimmt zu den Einleitungsfragen des Matthäusevangeliums Stellung. Danach im 4. Abschnitt wird die Passage Mt 5,17-20 analysiert, die in der neutestamentlichen Wissenschaft unter dem 1DPHQÄ-HVX6WHOOXQJ]XP*HVHW]³EHNDQQWLVW 5 Für eine richtige Interpretation der Antithesen ist die Textstelle Mt 5,17-20 unverzichtbar. 6 Um die Verwendungsart des 6. Gebot des Dekalogs von Jesus analysieren zu können, ist es notwendig zu wissen, was das Verständnis des Alten Testaments, das Verständnis der Rabbiner und das Verständnis von Jesus darüber ist. Deshalb untersucht der 5. Abschnitt zuerst das Verständnis des Alten Testaments und das von den Rabbinern. Danach untersucht der 6. Abschnitt die so genannte erste Antithese Jesu in Mt 5,21-26. Da die erste Antithese in drei Teile zerfällt, werden sie auch nach ihrer Struktur behandelt. 7 In den jeweiligen Teilabschnitten wird zuerst die Aussage Jesu, danach das Verständnis des Alten Testaments und schließlich das Verständnis der Rabbiner analysiert. Zum Schluss werden die einzelnen Ergebnisse miteinander verglichen, um Schlussfolgerungen ziehen zu können. 8
5 So lautet in der Regel die Überschrift des Textes, z. B. bei E. Klostermann, E. Schweizer und A. Sand.
6 Laut G. Eichholz haben die V. 17-20 eine Schlüsselfunktion für das Verständnis der Antithesen. Georg
Eichholz, Auslegung der Bergpredigt (Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 5 1982), S. 61.
7 U. Luz weist auf die Struktur hin. Das Wort '4 in V. 22 und 26 macht eine lockere Klammer um die
ganze Antithese. Für V. 21-24 steht das Leitwort 6 !'17- zentral und in V. 25f. wird von der 2. Person
Plural in die 2. Singular umgeschlagen. Luz, 5 2002, S. 334.
8 Der Gebrauch der Bibelzitate und Apokryphen in der Arbeit beschränkt sich hauptsächlich auf die
Lutherübersetzung von 1984 und wenn eine andere Übersetzung erforderlich ist, um spezielle Unterschiede
hervorzuheben, dann wird explizit darauf hingewiesen. Der griechischer Text wird nach Novum
Testamentum Graece. 27 1993, in der Nachfolge von Eberhard Nestle und Erwin Nestle gemeinsam
verantwortet von Barbara Aland u. Kurt Aland (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft) zitiert. Der Gebrauch
der Abkürzungen erfolgt nach S. M. Schwertner, Abkürzungsverzeichnis, in: Gerhard Krause u. a. (Hgg.),
Theologische Realenzyklopädie (Berlin; New York: Walter de Gruyter, 1976).
4
2 Kurzer Forschungsüberblick
Eine Unmenge an Literatur, die auf dem Gebiet der Bergpredigt geschrieben wurde, stellt ihre Relevanz im Christentum heraus. Unter anderem wurde auch speziell über die Antithesen in der jüngsten Vergangenheit viel diskutiert. 9 Im Folgenden soll der gegenwärtige Diskurs bezüglich der Antithesen nachskizziert werden. Dabei beschränkt sich der Überblick auf die Position der einzelnen Exegeten in punkto: sind die Antithesen gesetzeskritisch oder halachakritisch? Allerdings lässt sich die Diskussion nicht exakt in gesetzeskritisch oder halachakritisch einteilen. Nicht wenige Theologen teilen nur eine gemäßigte gesetzeskritische Position. Zum Einen sprechen sie sich für eine Wiederherstellung der wahren Bedeutung des Gesetzes aus und zum Anderen für die Veränderung des Gesetzes.
Die Gründe für die Argumente der jeweiligen Standpunkte werden im Abschnitt 6.1.1 detaillierter behandelt. Zunächst sollen nur die verschiedenen Ergebnisse präsentiert werden.
9 *HRUJ6WUHFNHUÄ'LH$Qtithesen der Bergpredigt (Mt 5,21-SDU³LQ(GXDUG/RKVH+JZeitschrift
für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche, Bd. 69 (Berlin: Walter de
Gruyter, 1978), S. 36-72. Ulrich /X]Ä'LH(UIOOXQJGes Gesetzes bei Matthäus (Mt 5,17-³LQ
Eberhard Jüngel (Hg.), Zeitschrift für Theologie und Kirche, Bd. 75 (Tübingen: Mohr Siebeck, 1978), S.
398-435. &KULVWLDQ'LHW]IHOELQJHUÄ'LH$QWLWKHVHQGHU%HUJSUHGLJWLP9HUVWlQGQLVGHV0DWWKlXV³LQ
Eduard Lohse (Hg.), Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche,
Bd. 70 (Berlin; New York: Walter de Gruyter, 1979), S. 1-0DQIUHG:HLVHÄ0W21f.-ein Zeugnis
VDNUDOHU5HFKWVSUHFKXQJLQGHU8UJHPHLQGH³LQ+DQV/LHW]PDQQXQG:DOWHU(OWHVWHU+JJZeitschrift
für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche, Bd. 49 (Berlin: Walter de
Gruyter, 1958), S. 116-1.RQUDG.|KOHUÄ=X0W³LQ(UZLQ3UHXVFKHQ+JZeitschrift für die
neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche, Bd. 19 (Berlin: Alfred Töpelmann,
1919/1920), S. 91-:HUQHU*HRUJ.PPHOÄJesus und der jüdische TraditionsgedankH³LQ(UZLQ
Preuschen (Begr.); Hans Lietzmann u. a. (Hgg.), Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die
Kunde der älteren Kirche, Bd. 33 (Berlin: Alfred Töpelmann Verlag, 1934), S. 105-130.
5
2.1 Die gesetzeskritische Position
Die gesetzeskritische Position postuliert, dass Jesus das Gesetz des Alten Testaments verschärft, indem er es radikalisiert. R. Bultmann stellte die Hypothese auf, dass die 1., 2. und 4. Antithese das Gesetz radikalisieren und die 3., 5. und 6. das Gesetz aufheben. 10 Da er nach dem traditions- redaktionsgeschichtlichen Ansatz arbeitet, ist die zweite Gruppe der Antithesen sekundär vom Redaktor eingefügt worden. 11 Das drückt er wie folgt aus:
Die Tradition sammelt Herrenworte, prägt sie um in der Form, vermehrt sie durch Zusätze und
bildet sie weiter; sie sammelt ebenso anders-jüdisches-Sprachgut, indem sie es durch Anpassung
für die Aufnahme in den Schatz der christlichen Unterweisung geeignet macht, und sie produziert
neue Worte aus dem Bewußtsein des neuen Besitzes, die sie unbefangen Jesus selbst in den Mund
12 legt.
Diese Ansicht wird seit R. Bultmann von vielen Theologen, die von ihm beeinflusst worden sind, übernommen. E. Lohse sieht somit in der 1., 2. und 4. Antithese eine Radikalisierung des Gesetzes. Das Gebot wird nach seiner Auffassung ungemein verschärft. 13 G. Strecker sieht ebenfalls die Radikalisierung des alttestamentlichen Verbots in den Antithesen als eine Sinnesänderung. 14 Schon mit dem zweiten Satz in der Einführung seines exegetischen Kommentars zu der Bergpredigt stellt G. Strecker die
10 Rudolf Bultmann, Die Geschichte der synoptischen Tradition (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht,
5 1961), S. 143f.
11 Das traditions- redaktionsgeschichtliche System geht davon aus, dass vor der schriftlichen Fassung der
Überlieferung auf jeden Fall eine mündliche Überlieferung anzunehmen sei. Danach wurde diese von
einem Redaktor aufgrund theologischer Überzeugung zusammengestellt. R. Bultmann geht einen Schritt
weiter und sucht durch die Entmythologisierung des Textes nach einem Kern im Text. Wilhelm Michaelis,
Einleitung in das Neue Testament (Bern: BEG Verlag, 1946), S. 75; auch Werner Georg Kümmel,
Einleitung in das Neue Testament (Heidelberg: Quelle & Meyer, 14 1965), S. 19; auch $UPLQ'%DXPÄ'HU
SynoSWLVFKH9HUJOHLFK³LQ+HLQ]-Werner Neudorfer und Eckhard J, Schnabel (Hgg.), Das Studium des
Neuen Testaments, Bd. 1 (Wuppertal; Gießen: R. Brockhaus; Brunnen Verlag, 1999), S. 269.
12 Bultmann, S. 156.
13 (GXDUG/RKVHÄ,FKDEHUVDJHHXFK³LQ(GXDUG/RKVHXD+JJDer Ruf Jesu und die Antwort der
Gemeinde (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1970), S. 197.
14 Georg Strecker, Die Bergpredigt. Ein exegetischer Kommentar (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht,
1984), S. 68.
6
Ergebnisse der historisch- kritischen Erforschung als grundlegende Voraussetzung für die Interpretation dar. Den Ergebnissen nach hat Jesus die Bergpredigt nicht gehalten, sondern es ist nur ein literarisches Werk des Evangelisten Matthäus. 15 G. Eichholz lehnt sich an das Verständnis von R. Hummel, dass die Antithesen sich gegen die Tora richten. 16 F. Hahn charakterisiert die Antithesen eindeutig als Radikalisierung und als Abschaffung der Gebote des Alten Testaments. 17 Auch J. Gnilka warnt vor dem Missverständnis, die Antithesen als Wiederherstellung des ursprünglichen Gesetzessinnes zu sehen, der durch die jüdische Torakasuistik verstellt wurde. 18
2.2 Die halachakritische Position
Unter der halachakritischen Position zählt man das Verständnis, dass die $QWLWKHVHQQLFKWGDV*HVHW]NULWLVLHUHQVRQGHUQGLHMGLVFKH*HVHW]HVWUDGLWLRQÄGLH +DODFKD³ 19 Das bedeutet, dass das Gesetz wieder seine ursprünglich wahre Bedeutung EHNRPPW:*UXQGPDQQGUFNWVLFKIROJHQGGD]XDXVÄ(VZLUGDOVRQLFKW*RWWHV Gebot, das den Alten gesagt ist, aufgehoben, sondern es wird die Tradition darüber in
15 Strecker, 1984, S. 9. Für G. Strecker ist das Markusevangelium das älteste der neutestamentlichen
Evangelien, das erst um das Jahr 70 geschrieben wurde. An das Markusevangelium lehnen sich sowohl
Matthäus als auch Lukas für ihre Darstellung an.
16 Eichholz, S. 72. Wenn man die Methode untersucht, nach denen die Exegeten arbeiten, so sind die
Ergebnisse nicht überraschend. Zu nennen ist hier die Beschwerde von J. Jeremias. Er klagt, dass
zahlreiche Autoren sich nicht die Mühe machen um die Hypothese von R. Bultmann, dass die 1., 2. und 4.
Antithese ursprünglich und die 3., 5. und 6. Antithese sekundär sind, zu überprüfen, sondern ihm einfach
folgen. J. Jeremias zeigt auf, dass die Aufteilung von R. Bultmann nicht so eindeutig ist wie es
angenommen wird. Er postuliert, dass die 4. Antithese die Tora nicht verschärft, sondern aufhebt und die 6.
Antithese hebt die Tora nicht auf, sondern verschärft sie. Joachim Jeremias, Neutestamentliche Theologie
(Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, 2 1971), S. 240f.
17 Nach der Ansicht von F. Hahn muss man die Radikalisierung in engstem Zusammenhang mit der
Gesetzeskritik VHKHQ)HUGLQDQG+DKQÄ0W17-$QPHUNXQJHQ]XP(UIOOXQJVJHGDQNHQEHL0DWWKlXV³LQ
Ulrich Luz und Hans Weder (Hgg.), Die Mitte des Neuen Testaments (Göttingen: Vandenhoeck &
Ruprecht, 1983), S. 45. 53.
18 Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium, in: Joachim Gnilka u. a. (Hgg.), Herders Theologischer
Kommentar zum Neuen Testament (ungekürzte Sonderausgabe, Freiburg: Herder Verlag, 2000 [ 3 1993]), S.
158.
19 Weitere Ausführung siehe in Abschnitt 6.1.1.3 Exkurs: Die Halacha.
7
Frage gestellt und es wird in seiner wahren BHGHXWXQJDXIJHULFKWHW³ 20 H-W. Kuhn argumentiert, dass Jesus sich nicht über das Gesetz erhoben, sondern vielmehr die Tora ihrem Sinn nach aufgerichtet hat. 21 Auch D. Flusser plädiert für das Verständnis, dass Jesus den wahren Sinn des Gesetzes wieder herstellen will. 22 E. J. Schnabel spricht sich DXFKJHJHQGLH5DGLNDOLVLHUXQJGHV*HVHW]HVDXVÄ-HVXVVHW]WVHLQH/HKUHQLFKWDOV >>Antithesen<< gegen die Anordnungen des mosaischen Gesetzes, sondern setzt sie von zeitgenössischen Fehldeutungen ab und stellt ihre wahre, von Gott ursprünglich LQWHQGLHUWH%HGHXWXQJKHUDXV³ 23 H. Frankemölle beschwert sich über die heutige allgemein falsche vorherrschende Meinung, die sowohl unter den katholischen als auch unter den evangelischen Christen weit verbreitet ist, dass Matthäus sich mit den Antithesen gegen die Heilige Schrift und damit gegen den offenbarten Willen Gottes ZHQGHW(UNODJWGDVVGLHhEHUVFKULIWHQGLHVHU7H[WSDVVDJHPLWÄ$QWLWKHVHQ³GLHYRQ den Übersetzern positioniert werden, implizieren, dass die antijüdische Lesart bis auf Jesus zurückzuführen sei. 24 C. Dietzfelbinger protestiert gegen die Behauptung, dass Jesus das Gesetz verschärft oder einschränkt. Er plädiert für das Verständnis, dass Jesus sich mit der antithetischen Form nicht gegen die Tora stellt, sondern gegen das Verständnis der Tora im Pharisäismus. 25 Auch C. Burchard kritisiert die verbreitete, einmütige Auffassung, dass die Antithesen nach der geläufigen Unterscheidung zwischen Verschärfen und Aufheben die alttestamentlichen Gebote verändern. Er betont, dass die
20 Walter Grundmann, Das Evangelium nach Matthäus, in: Jens Herzer u. a. (Hgg.), Theologischer
Handkommentar zum Neuen Testament (Berlin: Evangelischer Verlagsanstalt, 7 1990), S. 155.
21 Heinz-:ROIJDQJ.XKQÄ'DV/LHEHVJHERW-HVXDOV7RUDund als Evangelium: Zur Feindesliebe und zur
FKULVWOLFKHQXQGMGLVFKHQ$XVOHJXQJGHU%HUJSUHGLJW³LQ+XEHUW)UDNHP|OOHXQG.DUO.HUWHOJH+JJ
Vom Urchristentum zu Jesus (Freiburg; Basel; Wien: Herder, 1989), S. 217.
22 David Flusser, Entdeckung im Neuen Testament, Bd. 1 (Neukirchen: Neukirchener Verlag, 2 1992), S. 26.
23 (FNKDUG-6FKQDEHOÄ'LH9HUZHQGXQJGHV$OWHQ7HVWDPHQWVLP1HXHQ7HVWDPHQW³LQ+HLQ]-Werner
Neudorfer und Eckhard J. Schnabel (Hgg.), Das Studium des Neuen Testaments, Bd. 2 (Wuppertal; Gießen:
R. Brockhaus; Brunnen Verlag, 2000), S. 211.
24 Hubert Frankemölle, Jüdische Wurzeln christlicher Theologie, in: Frank-Lothar Hossfeld und Helmut
Meklein (Hgg.), Bonner biblische Beiträge, Bd. 116 (Bodenheim: Philo, 1998), S. 312.
25 Dietzfelbinger, 1979, S. 3.
8
Antithesen nicht gegen alttestamentliche Gebote gesetzt sind, sondern gegen das Ä$XIO|VHQ³GHU*HERWH 26
2.3 Die gemäßigte gesetzeskritische Position
Bei der gemäßigten gesetzeskritischen Position sind beide Ansichten gleichzeitig vertreten, sowohl die gesetzeskritische als auch die halachakritische Position. 27 Aus den Worten von W. Trillings wird die Schwierigkeit der Thematik deutlich. So spricht er sich zum Einen gegen eine neue Auslegung des Gesetzes aus und plädiert für die Wiederherstellung des wahren Verständnisses vom AT. 28 Zum Anderen gibt er zu verstehen, dass die Antithese das frühere Gottesreden in Jesus überbietet. Allerdings lässt er seine konkrete Position offen. 29 I. Broer, ein Fachmann im Gebiet der Bergpredigt bemerkt zuerst in seinem Buch Freiheit vom Gesetz und Radikalisierung des Gesetzes auf S. 71, dass Jesus keinen Gebrauch seiner Vollmacht macht, um die Tora völlig neu ohne Anknüpfung an das AT auszulegen, sondern im Gegenteil: er bestätigt das Gesetz. So hat das Gesetz seine Autorität von Jesus. Doch im nächsten Abschnitt auf der S. 77 behauptet er, dass die Antithesen als Radikalisierung und Modifizierung des alttestamentlichen Gesetzes zu betrachten sind. 30 :6FKUDJHNULWLVLHUWGLH$QQDKPHÄ7RUDYHUVFKlUIXQJ³DOV
26 &KULVWRSK%XUFKDUGÄ9HUVXFKGDV7KHPDGHU%HUJSUHGLJW]XILQGHQ³LQ*HRUJ6WUHFNHU+JJesus
Christus in Historie und Theologie: Neutestamentliche Festschrift für Hans Conzelmann zum 60.
Geburtstag (Tübingen: Mohr Siebeck, 1975), S. 422ff.
27 Eine klare detailliert Position der einzelnen Theologen zu den Antithesen würde den Rahmen dieser
Arbeit bei Weitem sprengen.
28 Wolfgang Trilling, Christusverkündigung in den synoptischen Evangelien (München: Kösel, 1969), S.
91.
29 Ebd., S. 97.
30 Broer, S. 77.
9
eine nicht ganz treffende Kategorie. 31 (UVHOEVWSRVWXOLHUWIROJHQGÄ'DVÃ,FKDEHUVDJH HXFKµ-HVXLVWGDEHLIU0DWWKlXVGHU(LQVSUXFKGHV0HVVLDVJHJHQHLQHYHUIHKOWH Auslegung des Sinai-*HVHW]HVQLFKWDEHUJHJHQGDV*HVHW]VHOEVW³ 32 Zum Anderen ist er sich seiner Aussage gar nicht sicher, wenn er in einem Artikel der Theologischen Realenzyklopädie schreibt:
Jedenfalls geht Jesu souveräne Freiheit über die Zitierung, Intensivierung und Überbietung der
Tora hinaus und trifft nicht nur eine verfehlte Toraauslegung und -praxis, sondern auch die Tora
selbst. Inwieweit Jesus dabei die Tora selbst gegen die Tora ausgespielt und gegen den Buchstaben
33 der Tora ihre eigentliche Intention freigelegt hat, ist nicht sicher.
31 Wolfgang Schrage, Ethik des Neuen Testaments, in: Gerhard Friedrich (Hg.), Grundrisse zum Neuen
Testament: Das Neue Testament Deutsch, Bd. 4 (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 4 1982), S. 61.
32 Ebd., S. 141.
33 Wolfgang 6FKUDJHÄ(WKLN,91HXHV7HVWDPHQW³LQ*HUKDUG.UDXVHX a. (Hgg.), Theologische
Realenzyklopädie, Bd. 10 (Berlin; New York: Walter de Gruyter, 1982), S. 439.
10
3 Einführende Schritte
3.1 Einleitungsfragen
Mit den Antithesen präsentiert das Matthäusevangelium die Stellung Jesu zum Gesetz, deshalb sind die Einleitungsfragen von hoher Relevanz. Berichtet uns der Jünger Jesu Matthäus oder ein Pseudo-Matthäus über Jesus? Ist das Evangelium ein Bericht des Augenzeugen oder eine Schrift, die aus gemeinde-dogmatischen Gründen entstand? Im Rahmen der Masterarbeit können nicht alle Probleme der Einleitungsfragen des Matthäusevangeliums, die in der neutestamentlichen Wissenschaft diskutiert werden, abgehandelt werden. Daher begrenzt sich die Ausführung auf einige Indizien im Bezug auf die Verfasserschaft (3.1.1); die Abfassungszeit (3.1.2); und die Empfänger (3.1.3).
3.1.1 Die Verfasserschaft
Die Verfasserschaft des Matthäusevangelium ist in der Wissenschaft seit F. Schleiermacher umstritten. 34 Das älteste Indiz für die Verfasserschaft des Evangeliums von Matthäus liefert Papias von Hieropolis (130). Eusebius (340) hat in seiner Kirchengeschichte einige wichtige Aussagen von Papias zitiert. Er berichtet über Matthäus, dass er die Aussprüche des Herrn in hebräischer Sprache niedergeschrieben hat und jeder Übersetzer gab es nach seinen eigenen Vermögen wieder. 35 F. Schleiermacher SRVWXOLHUWHDXIJUXQGGLHVHU$XVVDJHGDVV3DSLDVPLWGHU:HQGXQJÄGLH$XVVSUFKHGHV +HUUQ³GLH0DWWKlXVLQKHEräischer Sprache niedergeschrieben hat, nur kurze oder
34 Erich Mauerhofer, Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments (Nürnberg: VTR, 3 2004), S. 55.
35 Eusebius, Kirchengeschichte, (Hg. Eduard Schwartz), Bd. III, 39,16 (Berlin: Akademie, 5 1952). Eusebius
von Caesarea, Kirchengeschichte, (Hg. Heinrich Kraft), (München: Kösel, 1967), S. 191.
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längere Aussprüche des Herrn zu verstehen sind. 36 Das bedeutet, dass unter der Wendung Ä2 ).³Logien oder Aussprüche) nicht das gesamte Matthäusevangelium zu verstehen ist, sondern nur einzelne Wortsammlungen vom Jesusjünger Matthäus. Damit legte F. Schleiermacher die Grundlage für die Zweiquellenhypothese 37 , die durch H. J. Holtzmann als Wissenschaft begründet wurde. 38
Da die Zweiquellenhypothese bis heute als bewiesene Tatsache 39 vorausgesetzt wird, bauen auch die jüngeren Exegeten auf dieses Grundprinzip. 40 So widerspricht E. Lohse der Autorschaft des Jesusjüngers Matthäus. 41 $XFK8/X]VFKUHLEWÄ:LUNHQQHQ den Verfasser [vom Matthäusevangelium@QLFKW³ 42 Zu dem geht U. Schnelle von der Hypothese aus und argumentiert, dass der Verfasser vom Matthäusevangelium nicht der Jesusjünger Matthäus sei. 43
)ROJHQGH,QGL]LHQVFKZlFKHQGLHÄ4³+\SRWKHVH0LW2 ). kann nicht eindeutig ausgesagt werden, wie F. Schleiermacher behauptet, dass es einzelne Aussprüche sind. Wenn das der Fall wäre, dann müssten diese Aussprüche von anderen Schriftstellern des Altertums bekannt gewesen sein, wie Irenäus, Origenes, Eusebius,
36 )ULHGULFK6FKOHLHUPDFKHUÄhEHUGLH=HXJQLVVHGHV3DSLDVYRQEHLGHQHUVWHQ(YDQJHOLHQ³LQCarl
Christian Ullmann u. a. (Hgg.), Theologische Studien und Kritiken (Hamburg: Friedrich Perthes, 1832), S.
738.
37 Unter der Zweiquellenhypothese versteht man, dass das Markusevangelium zeitlich als erstes
Evangelium verfasst wurde und das Gerüst für das Matthäusevangelium und Lukasevangelium bildet. Da
das Markusevangelium zum größten Teil aus Erzählstoff besteht, brauchen das Matthäusevangelium und
Lukasevangelium noch eine Redequelle. Die Redequelle wird oft Logien-4XHOOHPLWGHP=HLFKHQÄ4³
genannt. Dem folgt, dass das Matthäusevangelium und Lukasevangelium aus der Quelle des
Markusevangelium XQG4XHOOHÄ4³JHVFK|SIWKDEHQ0DXHUKRIHUEinleitung, S. 184.
38 H. J. Holtzmann wurde kurze Zeit später der Begründer der Zweiquellenhypothese. Mauerhofer, S. 199;
auch W. Michaelis, S. 76.
39 Hans-Herbert Stoldt, Geschichte und Kritik der Markushypothese (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht,
1977), S. 29
40 Willi Marxsen, Einleitung in das Neue Testament (Gütersloh: Mohn, 4 1978), S. 106.
41 Eduard Lohse, Die Entstehung des Neuen Testaments (Stuttgart: W. Kohlhammer, 1972), S. 90. Er folgt
der historisch-kritischen Hypothese, dass das Matthäusevangelium sich an das Markusevangelium und ÄQ³.
und an Sondergut anlehnt.
42 Luz, 5 2002, S. 104f. Obwohl Luz zugibt, dass der Evangeliumtitel sehr alt sein muss, sieht er dennoch die
Stellen Mt 9,9 und 10,3 als sekundär und damit ist die Wahrscheinlichkeit für ihn höher, dass nicht der
Jesusjünger Matthäus der Verfasser ist.
43 Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 6 2007), S. 262.
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Epiphanes und Hieronimus. Keiner von den kirchlichen Schriftstellern, die sich mit nichtkanonischen Evangelienverfassern auseinander setzen, haben jemals etwas von einem Buch mit der Überschrift ÄGLH$XVVSUFKH³ (/ '7%) gesagt. 44 Da aber niemand diese Aussprüche erwähnt, ist die Hypothese von F. Schleiermacher anzuzweifeln. (2). Papias sagt nicht, dass der Verfasser, der bekannten Logien der Apostel Matthäus sei. Vielmehr sagt er lediglich über ihn, dass er hebräisch geschrieben habe. (3). Um unter dem Ausdruck 2 ). QXUGLHÄ$XVVSUFKHGHV+HUUQ³GLHYRQ0DWWKlXVJHVFKULHEHQ wurden, zu verstehen, fehlt jegliche Näherbestimmung des Objekts, welche dann die Matthäus-Werke von anderen Werken unterscheiden würde. 45 (4). Die Überschrift des fünfbändigen Werkes von Papias lautet: Ä$XVOHJXQJGHV+HUUHQZRUWHV³'DULQEH]LHKWHU sich auf alle vier Evangelien. 46 Dabei versteht er im Markusevangelium, dass Markus entsprechend der Verkündigung des Petrus aufgezeichnet hat, XQWHUGHU:HQGXQJÄGHV +HUUQ:RUW³ GLHÄ:RUWHXQG7DWHQ³-HVX:HQQGDV:RUW). im Markusevangelium Ä:RUWXQG7DW³GHV+HUUQEHGHXWHWZDUXPVROOGDQQGDVQLFKWDXFKEHL0DWWKlXVGHU)DOO sein? 47 (5). Auch der Kirchenvater Origenes (185-254) bestätigt, laut Eusebius die Autorschaft vom Jesusjünger Matthäus und dass er das erste Evangelium verfasst habe. 48 Die zweite Hypothese der Zweiquellenhypothese postuliert, dass das Markusevangelium 49 zeitlich vor dem Matthäusevangelium und Lukasevangelium anzusetzen ist. 50 Daraus folgt, dass der Verfasser vom Matthäusevangelium sich an das
44 Theodor Zahn, Einleitung in das Neue Testament, 2 Bde. (Nachdruck, Wuppertal; Zürich: R. Brockhaus
Verlag, 1994 [ 3 1906/1907]), S. 261.
45 Ebd., S. 193.260.
46 Eusebius, 5 1952, Bd. III, 39,16; Eusebius von Caesarea, 1967, S. 191.
47 Mauerhofer, S. 56.
48 Eusebius, 5 1952, Bd. VI, 25,4; Eusebius von Caesarea, 1967, S. 299.
49 Denn nach der Regel, dass eine kürzere Fassung älter ist als eine längere, muss das Markusevangelium
als ältestes Evangelium gelten. Stoldt, S. 122f.
50 W. G. Kümmel führt eine Liste von Exegeten an, die sich der Hypothese angeschlossen haben. Kümmel,
14 1965, S. 20.
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Markusevangelium anlehnt. 51 Weiter wird argumentiert: Weil es unwahrscheinlich ist, dass ein Augenzeuge wie Matthäus sich an einen Nichtaugenzeugen wie Markus anlehnen würde, kann der Verfasser des Matthäusevangeliums nicht der Jesusjünger sein. Auch diese Hypothese ist nicht haltbar. E. Linnemann, die eine sorgfältige Analyse der Synoptiker unternahm, kommt zu folgendem Schluss: die literarische Abhängigkeit der Synoptiker ist eine unbeweisbare Behauptung. Nach einer präzisen Untersuchung der Wortvorkommnisse hat sich herausgestellt, dass die Ergebnisse die Abhängigkeit des Matthäusevangeliums vom Markusevangelium widerlegen anstatt sie zu untermauern. 52
Infolgedessen gibt es keine zwingenden Gründe um die altkirchlichen Zeugnisse von Papias oder Origines anzuzweifeln und den gebotenen Hypothesen der historischkritischen Exegese zu folgen. Denn die historisch- kritische Methode verwendet subjektiv Einzelbeispiele um ihre These zu stützen und blendet bewusst zu ihren Gunsten die Bibelstellen aus, die ihrer Hypothese widersprechen. 53 Demzufolge kann man auch heute noch davon ausgehen, dass der Jesusjünger Matthäus der Verfasser (Mt 9,9; 10,3) des Matthäusevangelium war.
Ein weiterer Anhaltspunkt für die Verfasserschaft des Matthäusevangeliums bietet das Evangelium selbst. Das Matthäusevangelium berichtet als Einziges unter den Synoptikern in 17,24-27 von der Zahlung der Tempelsteuer. In der Erzählung kommen Begriffe wie Tempeldrachme, Zoll, Steuer und Stater 54 vor. Durch die Frage, die Jesus 3HWUXVVWHOOWÄ9RQZHPQHKmen die Könige auf Erden Zoll oder Steuern: von ihren .LQGHUQRGHUYRQGHQ)UHPGHQ"³, stellt sich einerseits heraus, dass Jesus über die
51 Ebd., S. 32.
52 Eta Linnemann, Gibt es ein synoptisches Problem? (Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 2 1995), S. 139.
53 Ebd., S. 12.
54 Ä6WDWHU³ZDUHLQHSilbermünze, die einen Wert von vier Drachmen hatte. Walter Bauer, Griechisch-
deutsches Wörterbuch: zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. (Hgg.
Kurt Aland und Barbara Aland), (Berlin; New York: Walter de Gruyter 6 1988), Sp. 1527.
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Steuerfreiheit der Königssöhne informiert war 55 und anderseits, dass die ausführliche Erwähnung die Handschrift des Verfassers erkennen lassen könnte, der sich im Zoll- und Steuerwesen hervorragend ausgekannt haben musste. Die sorgfältige Wahl der Wörter des Verfassers, um die Begebenheit zu schildern, spricht für ein weiteres Anzeichen der Verfasserschaft. Der Verfasser nennt die Kassierer, die die Tempelsteuer einnehmen, nicht ÄZöllner³ (/!'9)#-), sondern umschreibt sie mit den :RUWHQÄGLHGHQ 7HPSHOJURVFKHQHLQQHKPHQ³+c/ ,2('()+)/!-). Um diese Differenzierung zu beachten, muss der Verfasser den Unterschied zwischen einem Zöllner der für die Regierung arbeitet und einem Zöllner der das Geld für den Tempel einsammelt, kennen. 56
3.1.2 Die Abfassungszeit
In Bezug auf die Abfassungszeit des Evangeliums wird hauptsächlich über die Datierungen vor 70 n. Chr. und nach 70 n. Chr. diskutiert. Die Datierungsdebatte ist auf der theologischen Ebene von hoher Relevanz. Wenn die Abfassungszeit vor 70. n. Chr. angesetzt wird, dann ist die prophetische Aussage Jesu über die Zerstörung Jerusalems durch die Römer in Erfüllung gegangen. Deshalb suchen nicht wenige Exegeten 57 nach Argumenten, um ihr GRJPDWLVFKHV9RUXUWHLOGDVVÄ9RUDXVVDJHQ³QLFKWP|JOLFKVHLHQ]X verteidigen. 58 Auch P. Stuhlmacher ist der Überzeugung 59 , dass das Matthäusevangelium
55 Theodor Zahn, Das Evangelium des Matthäus, in: Theodor Zahn (Hg.), Kommentar zum Neuen
Testament (Leipzig: A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung Dr. Werner Scholl, 4 1922), S. 580.
56 :HUQHU*0DU[Ä0RQH\0DWWHUVLQ0DWWKHZ´LQDallas Theological Seminary, Bibliotheca Sacra,
Volume 136 (Dallas Theological Seminary, 1979; 2002), 136:156.
57 E. Mauerhofer stellt die Argumente von E. Schweizer, E. Lohse, B. H. J. Holtzmann, W. G. Kümmel u.
a. denen von T. Zahn, G. Hörster und den Kirchenvätern wie Epiphanes, Chrysostemus, Augustinus u. a.
gegenüber. Mauerhofer, S. 81ff.
58 Mit Recht kritisiert E. 0DXHUKRIHULKUH6WHOOXQJ]XU3URSKHWLHÄYDWLFLQLDH[HYHQWX³0DXHUKRIHU6
59 Peter Stuhlmacher, Biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 2 (Göttingen: Vandenhoeck &
Ruprecht, 1999), S. 159.
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erst nach der Zerstörung Jerusalems verfasst wurde. 60 Doch auch seine Argumente sind nicht überzeugend. Vielmehr lässt sich die Datierung, wie J. Nolland 61 und E. Mauerhofer vorschlagen, auf die Zeit von 40 bis 63 v. Chr. festlegen. 62 Da die historischkritische Forschung die Abfassungszeit nach 70. n. Chr. datiert, wird allgemein Syrien als Ort der Abfassung gesehen. 63 E. Mauerhofer, der die Abfassungszeit vor 70. n. Chr. datiert, sieht Palästina als Ort der Abfassung. 64 Da der Akzent des Matthäusevangelium auf die Verarbeitung des Alten Testaments liegt, sind die gläubigen Juden als erster Empfängerkreis anzusehen, die sich infolge der Verfolgung (Apg 8,1) in die Gebiete von Galiläa und Samarien zerstreuten. 65
3.1.3 Die Empfänger: Hörer der Bergpredigt
Da nun geklärt ist, dass der Jesusjünger Matthäus der Verfasser des Matthäusevangeliums ist und als authentischer Augenzeuge das Evangelium hinterließ, kann jetzt auch die Frage gestellt werden: An welche Menschengruppe richtet sich die Bergpredigt? Wer waren die Zuhörer der Bergpredigt? Um diese Fragen zu beantworten,
60 Er führt zwei Argumente an, dass die Abschlussredaktion erst nach 70 n. Chr. stattfinden musste. (1)
Matthäus führt klare Hinweise auf, die die Zerstörung durch Römer anzeigen; (2) Die Hauptgegner Jesu,
Schriftgelehrte und Pharisäer, sind erst in der Antike nach 70 n. Chr. zu einer Führungsschicht geworden.
Er folgt hier den allgemeinen Ergebnissen der historisch- kritischen Exegese. Seine Argumente sind nicht
SODXVLEHOZHLOZHQQPDQQLFKWYRQGHUÄYDWLFLQLDH[HYHQWX³DXVJHKWGDQQKDWGHU-HVXVMQJHUGDV
Matthäusevangelium geschrieben, und (2) der Einfluss der Pharisäer vor 70. n. Chr.
61 J. Nolland führt plausiblere Argumente für die Datierung vor 70. n. Chr. auf , z. B, dass beim
Matthäusevangelium nichts vom jüdischen Nationalismus aufzufinden ist, was aber sicherlich Niederschlag
gefunden hätte, wenn es erst nach der Zerstörung verfasst worden wäre. John Nolland, The Gospel of
Matthew, in: Howard Marschall und Donald A. Hagner (Hgg.), The New International Greek Testament
Commentary (Michigan: William B. Eerdmans Publishing Company, 2005), S. 16.
62 Über die Entstehung des Matthäusevangelium werden in der Regel-wie ich das beobachtet habe-die
Ergebnisse der historisch- kritischen Forschung als wissenschaftlicher Konsens weiter verarbeitet. Wie
schon anhand der Ergebnisse, die E. Linnemann herausgearbeitet hat, ersichtlich wurde, zeigen die
Hypothesen einen Mangel auf. Siehe zu weiteren Ausführungen bei E. Linnemann.
63 Schnelle, S. 264.
64 Mauerhofer, S. 81.
65 Ebd., S. 76. 79f.
16
müssen die Stellen aus Mt 4,25-5,1 und 7,28f. herangezogen werden. 66 Mt berichtet über die Anziehungskraft Jesu, mit der er eine große Volksmenge an sich zog. Demnach lässt VLFKEHREDFKWHQGDVVGLH=XK|UHU-HVXÄ1DFKIROJHU³ZDUHQ'HQQVLHZDUHQEHUHLWLKUH Freizeit für die Nachfolge Jesu zu investieren. Überwiegend stellte sich die Nachfolgerschar aus Israeliten 67 zusammen, die aus den Gebieten Galiläa, Dekopolis, Jerusalem, Judäa und von jenseits des Jordans stammten. Der Hinweis aus Mt 5,1, dass Jesus auf einen Berg ging, nachdem er das Volk sah, lässt die Interpretation zu, dass Jesus sich hier von der großen Menge trennen wollte. 68 Dabei stellen sich mit Berechtigung die Fragen: Wer waren nun die Zuhörer? Waren das nur die Jünger? Der Text macht hier in 5,1 keine spezifische Charakterisierung. Aber in Verbindung mit 7,28 lässt sich Erkenntnis über die Zuhörerschaft erlangen. 69 Entsprechend Mt 5,1 und 7,28 ist die logische Schlussfolgerung, dass das Volk mit den Jüngern bei der Bergpredigt anwesend war. 70 Für den Adressatenkreis ist die Gruppe anzunehmen, die zwar nicht das Wanderleben Jesu teilte, sich jedoch für Jesus als Autorität entschieden hatte. 71
Schlussfolgernd lassen sich drei Wesensmerkmale der Hörer erkennen. (1). Das Volk, das Jesus bei der Wanderung durch die Gebiete Israels nachfolgte, musste sich für alle Reisestrapazen entscheiden. Hier ist im Grunde von der Seite der Nachfolger eine subjektive Entscheidung zu erwarten. (2). Wenn man der These von A. Schlatter folgt, so
66 *HUKDUG/RKILQNÄ:HPJLOWGLH%HUJSUHGLJW"³LQ.DUO.HUWHOJH+JEthik im Neuen Testament
(Freiburg: Herder, 1984), S. 152.
67 Luz bemerkt hier die Wortwahl von Matthäus. Der Autor benutzt v$ , das an die Israeliten denken
lässt. Luz, 5 2002, S. 246.
68 Für diese Überlegung fügt A. Schlatter die Parallele aus Mt 8,18 an, die dann auch über den Sinn des
Satzes entscheidet. Adolf Schlatter, Der Evangelist Matthäus, (Stuttgart: Calwer Verlag, 1959), S. 128.
69 Luz, 5 2002, S. 266.
70 1LFKW]XYHUZHUIHQLVWGHU*HGDQNHGHQ$6FKODWWHUDOV*UXQGIUGLH$EVRQGHUXQJDQIKUWÄ,QGHP
Jesus dorthin geht, bewirkt er unter denen, die ihn suchten, eine Scheidung und nötigt die, die bei ihm
bleiben wollteQ]XHLQHP(QWVFKOXVV³6FKODWWHU6f. M. E. ist das genau die richtige Zuhörerschaft,
die auch bereit ist Jesu Rede anzunehmen.
71 :LOKHOP(JJHUÄ+DQGOXQJVRULHQWLHUWH Auslegung der Antithesen Mt 5,21-³LQ.DUO.HUWHOJH+J
Ethik im Neuen Testament (Freiburg; Basel; Wien: Herder, 1984), S. 140.
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Andreas Schellenberg, 2008, Der Umgang Jesu mit dem 6. Gebot, München, GRIN Verlag GmbH
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