Inhaltsverzeichnis
Einleitung S.3
DasGovernanceHVerst ändnis:HilfezurSelbsthilfe S.5
3. UrsachenundFolgenderÜberurbanisierung S.7
DefinitionvonFavelas -EineStadtinderStadt S.9
5. RegiereninFavelas S.14
5. 1. KlientelismusundMisstrauengegendenStaat S.14
5. 2. RegierendurchCommunity S.15
DasFavelaHBairroHProgrammS.16
6. 1. DasBauhausDessauinderJacarezinho S.17
6. 2. BewertungdesFavelaHBairroHProgramms S.18
DasKIBRAHProjekt S.19
7. 1. DieKIBRAHMethode S.20
7. 2. DasProjektinderRocinha S.21
7. 3. DasProjektinSantaTeresa S.21
7. 4. BewertungdesProjekts S.22
Zusammenfassung S.23
Literaturverzeichnis S.24
AbbildungsHundTabellenverzeichnis
Tabelle1: MegastädtederErde,Stand2008 S.8
Abbildung1 : FavelainRiointypischerHanglage S.11
Abbildung2 : unterschiedlicheBausubstanzeinerFavelainRio S.13
Abbildung3 : celulaurbanainderJacarezinho S.18
Abbildung4 : Dr.LehmannmitKindernbeimZahnputztraining S.20
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Einleitung
Spätestens seit Mike Davis´ Planet der Slums wissen wir, dass heutzutage erstmals in der Geschichte der Menschheit mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben. Der Verstädterungsprozess hat dabei eine kaum vorstellbare Eigendynamik gewonnen, die anhand einiger Zahlen vielleicht besser zu greifen ist: Heute leben etwa 3,2 Milliarden Menschen weltweit in Städten. Das sind mehr Menschen, als 1960 auf der ganzen Erde gelebt haben (Vgl. Davis 2007 S. 7). Von 1950 bis Anfang der 1990er Jahre wuchs die städtischeBevölkerungindenEntwicklungsHundSchwellenländernumjährlichetwa3-4%, vonca.350Millionenaufca.1,3Milliarden,währendsieumdieJahrtausendwendebereits beietwa2Milliardenlag(Vgl.Dietz1998S.1).Indennächsten30Jahren,sodiePrognosen der UN, wird sich die Stadtbevölkerung in den Entwicklungsländern von 2 auf 4 Milliarden Menschen verdoppeln, so dass dann insgesamt etwa 2/3 der Weltbevölkerung in Städten lebenwird(Vgl.Cramer/Schmitz2004S.12).Währendes1950weltweit85Städtemiteiner BevölkerungvonübereinerMillionMenschengab,sowarenesimJahr2000ca.400undbis 2015 wird diese Zahl wohl auf etwa 550 weiter ansteigen (Vgl. Davis 2007 S. 7). Die Stadtbevölkerung von China, Indien und Brasilien entspricht schon heute der GesamteinwohnerzahlvonEuropaundNordamerika(Vgl.ebd.S.8).
Die Liste mit diesen beeindruckenden und gleichzeitig erschreckenden Zahlen ließe sich beliebig fortsetzen, jedoch wird es hier dabei belassen, darauf hinzuweisen, dass dieses explosive Wachstum vor allem ein Problem der EntwicklungsH und Schwellenländer ist, währenddieIndustrienationendieseProzesseimGroßenundGanzenabgeschlossenhaben und nur noch ein kleines Bevölkerungswachstum (sofern überhaupt noch) und auch nur einengeringenWechselzwischenStadtHundLandbevölkerungzuverzeichnenhaben. Die städtische Bevölkerung der Entwicklungsländer wächst jedoch rasant und um ein Vielfaches schneller als die Landbevölkerung. Außerdem ist dieses Wachstum mit nichts in der bisherigen Weltgeschichte zu vergleichen. Zwar wuchs auch im Europa der Industrialisierung die Stadtbevölkerung rasant an, aber die Dynamik, die dieses Wachstum heutzutagebesitzt,wurdeim18.und19.Jahrhundertnieerreicht.FolgendiesesWachstums sindnebenvielenandereneineVergrößerungderArmutindenbetroffenenStädtensowie ein unkontrolliertes und kaum kontrollierbares Wachstum dieser Metropolen. Besonders stark betroffen von dieser Entwicklung sind die sogenannten Megastädte mit einer Bevölkerung von mehr als 8 Millionen und die Hyperstädte mit mehr als 20 Millionen
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Einwohnern (Vgl. ebd.). Ein großer Teil der Bevölkerung dieser Städte lebt in sogenannten MarginalH oder informellen Siedlungen. Diese Siedlungen und die Art und Weise wie sie regiert werden bzw. wie sie sich selbst verwalten, werden im Folgenden im Zentrum der Betrachtungstehen.
Im speziellen Interesse stehen dabei die Favelas von Rio de Janeiro, in denen etwa ein FünftelbiseinDrittelderStadtbevölkerunglebt(Vgl.Lanz2007S.191).WelcheProjektegibt esindenFavelasinRio?WersinddiebeteiligtenAkteureundwiesiehtdieUmsetzungder Projekteaus.DerdabeiverfolgteAnsatzisteinerseitsakteurszentriert,dasheißterschaut aufdiebeteiligtenAkteure,aufihreZielsetzungenundihreMöglichkeiten.Andererseitsist er aber auch projektbezogen. Es wird also analysiert, wie diese Akteure in den entsprechendenProjektenihreMitteleinsetzenundinwieweitdieseProjektedazutaugen, etwasamStatusquozuändern.
GrundlagefürdieBetrachtungistdabeiderGovernanceHAnsatz,derineinemerstenKapitel vorgestellt und auf die Fragestellung im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe angepasst wird. Anschließend wird kurz der Verstädterungstrend mit der Tendenz zur Überurbanisierung, wieerbereitsangesprochenwurde,weitervertieft.IneinemweiterenKapitelwirdaufdie Favelas von Rio de Janeiro im Allgemeinen eingegangen, bevor dann der Frage nachgegangen wird, wie ein Regieren in den Favelas überhaupt möglich ist. Anschließend wird das FavelaHBairroHProgramm vorgestellt, in welchem versucht wird, durch Sanierungsmaßnahmen die Favelas aufzuwerten und in reguläre Wohnsiedlungen zu verwandeln.DabeistehtbesondersdasProjektdesBauhausesDessauimVordergrund.Ein Projekt ganz anderer Natur steht danach im Mittelpunkt der Betrachtung. Die Kinderzahnhilfe Brasilien, ein Projekt deutscher Zahnärzte, welches den Favelados eine zahnmedizinische Versorgung ermöglicht, wird vorgestellt und auf seine Wirksamkeit hin überprüft.AbschließendwerdendieErgebnissezusammengefasst.
Für das GovernanceHVerständnis dieser Arbeit waren maßgeblich der Artikel von Mayntz (2004) sowie im Hinblick auf das Selbsthilfekonzept die Dissertation von Dietz (1998), die auch im Weiteren als wichtige Grundlage für das Verständnis der Favelas gedient hat. Ebenfalls essentiell für die Definition von Favelas war die Dissertation von Pfeiffer (1987). DerArtikelvonLanz(2007)warbesondersfürdieArtundWeise,wiedasRegiereninden Favelasfunktioniert,eineStütze.WeitereArbeitenvonDietz(2001;2002)sowiedasWerk vonBlumundNeitzke(2004)dientenzurHerausarbeitungdesFavelaHBairroHProgramms.
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DasGovernanceHVerständnis:HilfezurSelbsthilfe
InderForschungexistierteineganzeReiheunterschiedlicherGovernanceHBegriffe.Welchen dieserBegriffsverständnissemanletztendlichseinenUntersuchungenzuGrundelegt,hängt davon ab, in welchem Umfeld diese Analysen angesiedelt sind. Betrachtungen über GovernanceHStruktureninwestlichenIndustrienationenhabeneinganzanderesVerständnis als Untersuchungen in postkommunistischen oder postkolonialen Staaten. Einfluss hat ebenfalls,obessichbeiderBetrachtungumeinenweakoderfailedstatehandeltoderob manesmiteinemstarkenStaatzutunhat.BetrachtetmandenBegriffganzallgemein,so kann man mit Mayntz zu dem Schluss kommen, dass Governance Herrschaftsstrukturen ohneübergeordneteInstanzenbeschreibtundsomitalle
„nebeneinander bestehenden Formen der kollektiven Regelung gesellschaftlicher Sachverhalte: von der institutionalisierten zivilgesellschaftlichen Selbstregelung über verschiedene Formen des Zusammenwirkens staatlicher und privater Akteure bis hin zu hoheitlichemHandelnstaatlicherAkteure“(zit.Mayntz2004).
Der Staat erscheint hier nicht als einheitlicher Akteur, sondern als ein durch Hierarchien miteinander verbundenes Geflecht von Behörden, Ämtern und Beamten, eben staatlichen Akteuren.DieserGovernanceHBegriffbesitztbeiMayntzdarüberhinauseineDoppelnatur,da sich die Formen der kollektiven Regelung sowohl auf die regelnden Strukturen an sich als auchaufdieProzessederRegelungbeziehen.
Eine engere Begriffsvariante sieht Governance hingegen als Gegenmodell zum klassischen Government, bei dem der Staat als unitarischer Akteur hierarchisch steuert. In diesem Verständnis wird Governance als Mitwirkung zivilgesellschaftlicher Akteure am politischen und gesellschaftlichen Gestaltungsprozess verstanden. In diesem normativen Verständnis entwickelte sich dann der Begriff good Governance, den Weltbank und Industriestaaten häufig als maßgeblich für ihre Kreditvergabe ansehen. Good Governance beschreibt dabei eine effiziente, rechtsstaatliche und bürgernahe Verwaltungspraxis als Voraussetzung für stabilesWirtschaftswachstum(Vgl.ebd.).
Im Rahmen dieser Arbeit wird ein Mittelweg zwischen beiden GovernanceHVerständnissen gegangen. Governance soll hier verstanden werden als eine Möglichkeit, wie sich die BetroffenenindenElendsviertelnvonRiodeJaneirohelfenkönnen,auchohnezwingende Regelung seitens des Staates. Der Staat kann also, muss aber nicht in die Projekte
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miteinbezogen sein. Die gesellschaftliche Mitwirkung an der Lösung oder zumindest MinderungderProblemeistdabeiallerdingsnichtzwingendinFormvongoodGovernance zuverstehen.GoodGovernancebezeichnetdenverantwortungsvollenUmgangdesStaates mit öffentlichen Ressourcen und politischer Macht und dem Zusammenwirken von Staat, Markt und zivilgesellschaftlichen Akteuren zur Schaffung von Rahmenbedingungen, die die Entwicklung fördern können (Vgl. Coly/Breckner 2004 S. 3). In den Favelas von Rio kann allerdings nicht von good Governance die Rede sein, da der Staat organisatorisch und fachlich häufig nicht in der Lage ist, den vielfachen Problemen in den Favelas wie Wohnungsnot, Infrastrukturausbau oder ausufernder Kriminalität zu begegnen, sondern lokale zivilgesellschaftliche Akteure und/oder Nichtregierungsorganisationen (NROs) in dieses Vakuum vorrücken. Es handelt sich also teilweise nicht um bewusst gesteuerte Prozesse oder den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen seitens der Regierung, sondernumProzesse,dieausderGesellschaftherausentstehen.Amehestenlässtsichgood Governance noch im später vorgestellten FavelaHBairroHProgramm erkennen, in dem der Staat, in diesem Fall die städtische Wohnungsbaubehörde, versucht, Rahmenbedingungen für eine positive Entwicklung zu schaffen. Häufig werden jedoch durch die vorgestellten KonzeptekeinerichtigenRahmenbedingungengeschaffen,sonderndieProjekte,umdiees geht,laborierenimKleinen,ohnewirklichdasGrundproblemlösenzukönnen. DieserzweiteAnsatzlässtsichamehestenfassendurchdenBegriffHilfezurSelbsthilfe.Der Begriff der Selbsthilfe hat sich seit der HABITATHKonferenz von Vancouver 1976 langsam durchgesetzt und betont die Selbsthilfepotentiale der Bewohner von marginalisierten Stadtteilen.VordergründigbezeichnetederBegriffdiePotentialezumWohnungsbaudurch die Slumbewohner selbst (Vgl. Dietz 1998 S. 3). Die Weltbank unterstützte diesen Ansatz anfangsmitKrediten.AllerdingshabensichihreKreditvergaberichtlinien-affordability,also Erreichbarkeit des Projekts, cost recovery, die Refinanzierung des Projekts durch die Zielgruppe selbst und replicability, die Wiederholbarkeit des Projekts - als zu unrealistisch erwiesen,sodasssiesichinden1980erJahrenausdiesemEngagementzurückzog.Dasich dieVerstädterungstendenzenjedochweiterhinverstärktenunddamitdieProblemeinden ElendsviertelnderEntwicklungsländerebenso,wurdeimJahre1986vonderWeltbankdas Urban Management Programme (UMP) geschaffen. Die Betonung lag dabei auf Dezentralisierung, der Stärkung der Gemeindeverwaltung, der Verbesserung der Infrastruktur, dem Umweltschutz und der Reduzierung städtischer Armut. Fast gleichzeitig
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wurdedieEnablingHStrategieseitensderVereintenNationenempfohlen.Dabeibestehtdie Aufgabe staatlicher Akteure darin, den Zugang der Betroffenen zu benötigten Ressourcen sicherzustellen und sie somit zu eigenständiger Quartiersentwicklung zu befähigen. Diese AbkehrvonstaatlicherFremdversorgunghinzurFörderungvonlokalenIdeenundInitiativen markiert den Übergang zu Selbsthilfekonzepten und Bürgerbeteiligungen. Anstelle zentral verwalteter und standardisierter Projekte mit beschränkten Partizipationsmöglichkeiten traten dezentrale, partizipatorische Vorhaben, die auch von Privatpersonen oder NROs vertretenwerdenkonnten(Vgl.Dietz1998S.4f).SomithatsichauchhierderAkteurskreis imSinnedesGovernanceHVerständnisseserweitert.DiesererweiterteGovernanceHBegriffim GeistederSelbsthilfeliegtdieserArbeitzuGrunde.DieHauptakteurebeiEntwicklungenin den informellen Siedlungen sind nicht zwingend staatlich, sondern häufig die Bewohner selbst.DiesesPotential,welchesindiesenSiedlungenbesteht,mussdanngenutztwerden, um eine umweltgerechte und halbwegs lebenswerte Umgebung zu schaffen, an die sich weitereEntwicklunganschließenkann. UrsachenundFolgenderÜberurbanisierung
BereitsangesprochenwurdedasAusmaßderVerstädterungstendenzenindenEntwicklungsH und Schwellenländern. Die wesentlichen Ursachen für diese Tendenzen sind - kurz zusammengefasst - die vermeintlichen Standortvorteile von Städten, damit verbunden die LandHStadtHMigration, internes Bevölkerungswachstum und die Konzentration staatlicher AusgabenaufdieStädte(Vgl.Dietz1998S.1).LautCramer/SchmitzhatdasEigenwachstum der Städte mittlerweile größeren Einfluss auf die Gesamtbevölkerungszahl als die Zuwanderung(2004S.12).
DasenormeWachstumdieserStädtebirgtmehrereGefahrenundProbleme.Währendsich in den Industriestaaten die Städte langsamer entwickelt haben und somit heute komplexe undmeistausgewogeneSozialsystemedarstellen,konzentriertsichdasStädtewachstumin den weniger industrialisierten Staaten häufig auf wenige Kernräume, den schon angesprochenenMegastädten(Vgl.Cramer/Schmitz2004S.13).Davongibtesderzeitetwa 26 auf der Erde. Ein Blick in Tabelle 1 dieser Arbeit zeigt, dass sich die meisten dieser Megacities in wenig entwickelten Ländern, vor allem im asiatischen Raum befinden, währendesindenIndustriestaatennureineHandvollvonihnengibt.
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Arbeit zitieren:
Toni Börner, 2008, Governance-Strukturen in den Favelas von Rio de Janeiro, München, GRIN Verlag GmbH
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Geowissenschaften / Geographie - Phys. Geogr., Geomorphologie, Umweltforschung
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