Inhaltsverzeichnis Seite
1 Einleitung 1
2 Kriterien und Definitionen von Entwicklungsländern 1
2.1 Kriterien 1
2.2 Definitionen 3
2.2.1 Bruttosozialprodukt 3
2.2.2 Human Development Index 3
2.2.3 Human Poverty Index 4
3 Erklärung des Begriffs Armut 4
3.1 Einseitige Wirtschaftsstruktur 5
3.2 Instabilität der Rohstoffpreise 6
3.3 Protektionismus 7
3.4 Terms of Trade 7
3.5 Teufelskreise der Armut 8
4 Theorien der Unterentwicklung 10
4.1 Modernisierungstheorien 10
4.2 Dependenztheorien 12
4.3 Geodeterminismus 13
5 Schlussbemerkung 14
6 Glossar 16
7
Quellenverzeichnis 17
8
Thesenpapier 20
2
1 Einleitung
Entwicklungsländer - mehr als drei Viertel der Staaten dieser Erde zählen dazu. In der Regel spricht man nicht mehr von unterentwickelten oder rückständigen Ländern, jedoch ist das Problem der Unterentwicklung in Form von Armut unübersehbar. Der Begriff „Teufelskreis der Armut“ soll zum Ausdruck bringen, dass in Entwicklungsländern „zerstörende Kräfte am Werke sind, die den Armutszustand zementieren.“ 1 Das Ziel dieser Facharbeit ist es, den Versuch anzustellen, den „Teufelskreis der Armut“ anhand der Situation und der Ursachen von Unterentwicklung zu begründen.
2 Kriterien und Definitionen von Entwicklungsländern
2.1 Kriterien
Entwicklungsländer sind eine nicht einheitlich definierte Gruppe von Ländern, deren Entwicklungsstand im Vergleich zu den Industrieländern gering ist. 2 Der Begriff „Entwicklungsländer“ ist sicherlich sprachlich sehr problematisch. Kritiker weisen darauf hin, dass der Begriff vorbelastet sei und zu Fehlschlüssen verleite. Er unterstelle in unangemessener Weise, dass die Länder sich tatsächlich entwickeln. Dabei sei doch gerade die Frage wie sie sich entwickeln klärungsbedürftig, zumal die sich wirtschaftlich am stärksten entwickelnden Länder häufig die Industrieländer und nicht die Entwicklungsländer sind. Insofern ist der Begriff „less developed countries“ (weniger entwickelte Länder; LDC) angemessener. 3
1 Nohlen, S.39
2 vgl. Brock Haus. Band 4, S. 112
3 vgl. Informationen zur politischen Bildung: Entwicklungsländer, S.6-7
3
Kriterien für die Zuordnung sind vor allem ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen (PKE), eine geringe Arbeitsproduktivität, eine hohe Arbeitslosen- und Analphabetenquote, eine mangelhafte Infrastruktur, ein hoher Anteil der Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse und die Abhängigkeit von Rohstoffexporten und somit vom Preisniveau des Weltmarktes. Von der OECD (s. Glossar) sind rund 140 Staaten als Entwicklungsländer eingestuft worden, in denen ca. 3/4 der Weltbevölkerung leben, die aber nur 1/5 der Weltwirtschaftsleistung einbringen. 1970 führte die UN (s. Glossar) die Bezeichnung „Less developed countries“ ein. Kriterien für die Ein-ordnung in die Gruppe der „Least developed countries“ (am wenigsten entwickelte Länder; LLDC) sind ein Bruttoinlandsprodukt (BIP), (s. 2.2.1) je Einwohner unter 335$, ein Anteil der Industrieproduktion am BIP von höchstens 10% und eine Analphabetenrate von mehr als 80% der Bevölkerung über 15 Jahre. 1 „Gegenwärtig gehören 47 Länder mit über 500 Millionen Menschen zur Gruppe der LLDC.“ 2 Nach 1973 definierte die UN die Kategorie der „Most seriously affected countries“ (am schwerwiegendsten betroffene Länder; MSAC). Als Kriterien für diese Gruppe gelten ein niedriges PKE, eine hohe Verschuldung durch einen Preisanstieg bei wichtigen Importen und geringe Exporterlöse. Die Grenzen zwischen LLDC und MSAC sind fließend. Ein Teil der Entwicklungsländer zählt zu OPEC (s. Glossar), diese Staaten sind in der Lage durch Erlöse aus den Erdölexporten ihre Industrialisierung zum Teil selbst zu finanzieren oder zählen bereits zu den Schwellenländern. (s. Glossar) 3
1 vgl. Brock Haus. Band 4, S.112
2 GEOS, S.34
3 vgl. Brock Haus. Band 4, S.112
4
2.2 Definitionen
2.2.1 Bruttosozialprodukt
Das Bruttosozialprodukt (BSP) ist ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem Jahr, ausgedrückt in Geldwerten. Es umfasst den Wert der Sachgüter und Dienstleistungen, die über einen Markt abgesetzt werden. Dazu gehört nicht die Produktion ausländischer Unternehmen im Inland, wohl aber die Erträge inländischer Unternehmen im Ausland. Das BSP ist ein Indikator (s. Glossar) der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes, das heißt es wird herangezogen als ökonomische Messziffer zur Beschreibung des sozioökonomischen Entwicklungsstandes einer Region. Das BIP ist der Gesamtwert aller in einem Jahr im Inland produzierten Sachgüter und Dienstleistungen. Es wir oftmals zur Hilfe herangezogen, da die Aussagen über das BSP pro Kopf der Bevölkerung mit mehreren Unsicherheitsfaktoren belastet ist: den Wechselkursen, Schätzungen bei Bevölkerungsstatistiken, der Subsistenzwirtschaft. 1
2.2.2 Human Development Index
Der Human Development Index (HDI) ist der Index der menschlichen Entwicklung. Er ist ein relativer Indikator, der mit Hilfe statistischer Verfahren versucht, verschiedene Komponenten für den wirtschaftlich-sozialen Fortschritt in einem Land zusammenzufassen. Der HDI berücksichtigt:
• die Lebensdauer (die Lebenserwartung bei der Geburt)
• das Bildungsniveau (die Analphabetisierungsrate Erwachsener und die Anzahl besuchter Schuljahre)
1 vgl. GEOS, S.14
5
• das Einkommen (Pro-Kopf BSP)
Die Mittelwerte der Bereiche pro Land werden standardisiert und zusammengefasst. Dabei ergibt sich ein Wert zwischen 0 und 1. Je näher der Wert bei Null liegt, desto niedriger ist der Entwicklungsstand. Der HDI wurde von der UNDP (United Nations Development Programme) entwickelt und wird neuerdings durch den Human Poverty Index (HPI) ergänzt. 1
2.2.3 Human Poverty Index (HPI)
Der HPI ist ein Indikator zur Messung von Armut. Diese versteht er als Entbehrung der Lebensqualität, die sich auf verschiedene Lebensbereiche erstrecken kann. Der HPI misst die Entbehrung in drei Schlüsselbereichen des menschlichen Lebens:
• die Lebenserwartung (Prozentsatz der Menschen, deren
Lebenserwartung 40 Jahre nicht übersteigt)
• die Bildung (Prozentsatz der erwachsenen Analphabeten)
• angemessener Lebensstandard (Zugang zu Gesundheitsdiensten sowie zu sauberem Wasser und Prozentsatz der unterernährten Kinder unter fünf Jahren) 2
3 Erklärung des Begriffs Armut
Armut bedeutet rational gesehen einen Mangel an lebensnotwendigen Gütern (Nahrung, Kleidung, Wohnraum) und Dienstleistungen (Bildung und Gesundheit). Auf der anderen Seite aber bedeutet Armut auch die
1 vgl. Nohlen, S.92; GEOS, S.31; Brock Haus. Band 6, S.330
2 vgl. Brock Haus. Band 6, S.331
6
unzureichende Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse. (in der Reihenfolge nach Maslow: Physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse, Selbstachtung ges. Wertschätzung, Selbstverwirklichung) Die einfachste und gängigste Gleichung von Unterentwicklung in Form von Armut lautet:
Unterentwicklung = Hunger + Krankheit + Unwissenheit (Analphabetismus) „Was Armut wirklich ist, machen nur die Lebensverhältnisse der Menschen deutlich. Gegenüber dem Wohlstandsgefälle in der Welt, dem Abstand zwischen der Ersten Welt und der Dritten Welt („relative Armut“), hat man den Begriff der „absoluten Armut“ geprägt“ 1 , den der ehemalige Präsident der Weltbank Robert McNamara in seiner berühmten Nairobi-Rede von 1973 mit dem „Zustand solch entwürdigender Lebensbedingungen wie Krankheit, Analphabetismus, Unterernährung und Verwahrlosung“ umschrieben hatte, dass die Opfer dieser Armut nicht einmal die grundlegensten menschlichen Existenzbedürfnisse befriedigen können. 2
3.1 Einseitige Wirtschaftsstruktur
Die Exportpalette (Export = Ausfuhr) der meisten Entwicklungsländer ist sehr einseitig zusammengesetzt, mit hohem Anteil mineralischer und agrarischer Rohstoffe und wenigen Halb- und Fertigwaren, insbesondere wenigen Industrieerzeugnissen. Bei vielen Entwicklungsländern stammt ein großer Teil der Exporterlöse sogar nur aus dem Verkauf eines Produktes. Daraus folgt eine extreme Empfindlichkeit gegenüber Nachfrageschwankungen bei diesen Produkten und ihrer Preisentwicklung auf dem Weltmarkt. Ein weiteres großes Problem ist, dass die Produktionsstruktur zu stark an die Märkte der Industrieländer orientiert ist und der Handel vor allem mit den westlichen
1 Die Dritte Welt, S.9
2 vgl. Nohlen, S.31-32
7
Industrieländern betrieben wird. Infolgedessen entsteht eine starke Abhängigkeit von der westlichen Wirtschaftsentwicklung. Häufig existiere ein kleiner, moderner, leistungsfähiger Exportsektor, der aber als Fremdkörper in der überwiegend traditionellen Wirtschaft wirke. Zudem sei gerade der moderne Sektor meist von multinationalen Konzernen beherrscht und werde damit direkt von deren Zentralen in den Industrieländern gesteuert. 1 Daran wird deutlich, dass die außenwirtschaftliche Abhängigkeit und Verwundbarkeit weiterhin die Achillesferse der meisten Entwicklungsländer ist. 2
3.2 Instabilität der Rohstoffpreise
Für viele Entwicklungsländer sind die Rohstoffexporte lebensnotwendig, weil sie den überwiegenden Beitrag zum Staatshaushalt leisten. Ist ein Land vom Preisverfall betroffen, so versucht es durch eine größere Exportmenge die gleichen Erlöse zu erzielen wie vorher, was den Preisverfall beschleunigt. Ursachen für den Preisverfall sind zum Beispiel:
• „das gebremste Industriewachstum in der westlichen Welt und somit eine geringere Nachfrage an Rohstoffen
• die vermehrte Förderung einiger Rohstoffe, was ein größeres Angebot zur Folge hat
• die Entwicklung rohstoffsparender Techniken
• die Wiederverwendung gebrauchter Rohstoffe (z.B. Naturkautschuk -Buna oder Baumwolle - synthetische Fasern)
• bei einigen Agrarrohstoffen drücken die durch staatliche Preisgarantie entstandenen Überschüsse aus den Industrieländern auf die Weltmarktpreise“ 3
1 vgl. Informationen zur politischen Bildung: Entwicklungsländer, S.9
2 vgl Nohlen, S.46
3 vgl. Die Dritte Welt, S.134
8
3.3 Protektionismus
Protektionismus bedeutet eine nationale Wirtschaftspolitik, die versucht die inländischen Produzenten und somit die eigene Wirtschaft vor Importen (=Einfuhren) bzw. ausländischer Konkurrenz zu schützen und außerdem die eigene Exportfähigkeit zu fördern. Bei den Maßnahmen des Protektionismus handelt es sich um folgende:
• „Importe werden erschwert, z.B. durch Zölle, mengenmäßige Beschränkung (Kontingentierung), Verwaltungsauflagen usw. Das Ziel ist die Verringerung der Abhängigkeit vom Ausland, insbesondere aber der Schutz der eigenen Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz.
• Exporte werden gefördert, z.B. durch Subventionen (Unterstützungsleistungen des Staates) an exportierende
Wirtschaftszweige. Das Ziel ist z.B. die Erhaltung von Arbeitsplätzen in der Exportindustrie.“ 1
„Die nichttarifären Handelshemmnisse (Mengenbeschränkung, Exportsubventionen, Einfuhrabschöpfungen, Ausfuhrerstattungen, Importquoten, Antidumping-Verfahren) kosten die Entwicklungsländer mehr, als ihnen alle Kompensationszahlungen in Form von Entwicklungshilfe zurückbringen“ 2
3.4 Terms of Trade
„Die Terms of Trade (ToT) sind das in gleichen Währungseinheiten ausgedrückte Austauschverhältnis von Exporten und Importen eines Landes.“ 3 Sie geben also im Regelfall der Entwicklungsländer das Verhältnis zwischen den Preisen für exportierte Rohstoffe und importierte Fertigprodukte an. 4
1 vgl. Sozialwissenschaftliche Aspekte, S.291
2 Nohlen, S.51
3 Informationen zur politischen Bildung: Entwicklungsländer, S.10
4 vgl. Nohlen, S.48
9
„Die Mehrzahl der Länder in der Dritten Welt kann nur in geringerem Umfang - einige von ihnen auch gar nicht - am Handel mit Fertigwaren teilnehmen; sie sind meist Rohstoffexporteure. Da sich die Preise der Fertigwaren, insbesondere technologisch hochentwickelter Industrieprodukte, schneller nach oben entwickeln als die - sieht man vom Rohöl ab - der meisten Rohstoffe, entsteht im Verhältnis beider Austauschpreise - den ToT - ein Gefälle zum Nachteil der Entwicklungsländer.“ 1 „Die ToT spiegeln die internationale Wettbewerbsposition eines Landes wider und lassen Rückschlüsse auf den Lebens-standard der Bevölkerung zu. Je günstiger die ToT, umso mehr kann dieses Land exportieren. Je mehr ein Land exportiert, um so mehr muss es zunächst produzieren, d.h. umso mehr Arbeitskräfte benötigt es, umso geringer ist die Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig verdient es durch den Export so viele ausländische Zahlungsmittel, dass es sehr viel importieren kann.“ 2 Das Theorem des „ungleichen Tausches“ ist nicht mit dem ToT-Konzept identisch, spiegelt aber das Verhältnis zwischen Rohstoffen, Fertigwaren und dem Arbeitswert anschaulich wider: „Die Industrieländer wenden aufgrund überdurchschnittlicher Arbeitsproduktivität weniger Arbeit für die exportierten Waren auf als die Entwicklungsländer mit ihrer unterdurchschnittlichen Arbeitsproduktivität und erhalten über den Tausch der Güter mehr Arbeitsquanten als sie selbst aufwenden.“ 3
3.5 Teufelskreise der Armut
Viele der bisher genannten Merkmale beeinflussen sich gegenseitig so, dass sie sich ring- bzw. kettenförmig verstärken. „Der Begriff Teufelskreis soll verdeutlichen, daß es sich um negative Verstärkerkreise handelt, aus denen nur schwer auszubrechen ist. Das heißt selbstverständlich nicht, wie auch bisherige Er- 1 SozialwissenschaftlicheAspekte, S.498
2 Sozialwissenschaftliche Aspekte, S.300
3 Nohlen, S.49-50
10
fahrungen belegen, daß es unmöglich ist. Schließlich lassen sich Teufelskreise logisch auch umdrehen und als positive Verstärkerkreise deuten, wenn es gelingt, einen der im Teufelskreis angenommenen Wirkungsfaktoren positiv zu verändern.“ 1 Solche circuli vitiosi (Teufelskreise) wurden in zahlreichen Anordnungen und Variationen konstruiert um eine Vielzahl der ökonomischen und nichtökonomischen Faktoren in einen kausalen Wirkungs- und Erklärungszusammenhang zu bringen. Es wird eine Konstante als Kausalfaktor gesetzt und dieser eine Reihe von abhängigen und voneinander ableitbaren Variablen oder Folgeproblemen zugeordnet. „Der folgende Basis-Teufelskreis soll die zirkuläre Blockierung der Kapitalbildung in Entwicklungsländer aufzeigen: niedriges Einkommen → niedrige Sparquote → niedrige Investition → niedrige Produktivität → niedriges Einkommen. Die Exportstruktur wird in folgender Anordnung zur Ursache: geringer Entwicklungsstand → hoher Primärgüteranteil an den Exporten → Devisenknappheit/Verschlechterung der terms of trade/Exporterlös- schwankungen/unzureichendeWachstumsübertragungseffekte → geringer Entwicklungsstand.
Wählt man die Unterernährung, die natürlich ursächlich auf das geringe Einkommen zurückgeführt werden kann, als Ausgangspunkt, kann folgende Kausalkette gebildet werden:
Unterernährung → hohe Krankheitsanfälligkeit → geringe Leistungsfähigkeit → niedrige Produktivität → geringes Einkommen → Unterernährung. Am Ende steht der einfache Zirkelschluß, der weiteres Nachdenken zu erübrigen scheint: Ein Land ist arm, weil es arm ist.“ 2
1 Informationen zur politischen Bildung, S.17
2 Nohlen, S.39-40
11
4 Theorien der Unterentwicklung
„Die Entwicklungstheorien klären meist nur Teilaspekte. (...) Entwicklungs-theorien sind Erklärungsmuster einer außerordentlich komplizierten Wirklichkeit, die sich von den Voraussetzungen und den kulturellen Gegebenheiten her regional und qualitativ unterscheidet. Sie decken verschiedene Merkmale der Unterentwicklung auf und legen damit Strukturen frei. So ist im Ansatz auch keine der Theorien im strengen Sinne widerlegt. Allerdings sind eingleisige, ideologisch definierte Aussagen sicher keine ausreichende Medizin für das Grundübel.“ 1
4.1 Modernisierungstheorien
Die Sogenannten Modernisierungstheorien sind die Theorien des sozioökonomischen Fortschritts. Die Ursachen der Unterentwicklung sind grundsätzlich in den Entwicklungsländern selbst zu suchen, die sich in einem Stadium befinden, das die Industrieländer längst durchlaufen haben, etwa am Anfang der Industriellen Revolution. Interne Hemmnisse gelten als ver-antwortlich für den niedrigen sozioökonomischen Entwicklungsstand. Kennzeichnend sind die einseitige, traditionsverhaftete statische, im wesentlichen auf Agrarwirtschaft und bergbauliche Produktion ausgerichtete Wirtschaftsstruktur, das soziale Gefüge einer traditionalen Gesellschaft, in der Großfamilie, Sippe oder Stamm noch die Grundpfeiler des Zusammenlebens sind und sich erst langsam entwickelnde moderne, auf Rationalität und Arbeitsteilung basierende Sozialformen. 1 Eine von Forschern angestellte Diagnose von Unterentwicklung ergab ein vielseitiges Krankheitsbild, das sie
1 vgl. Die Dritte Welt, S.36
12
den Strukturmerkmalen der „modernen Gesellschaften“ gegenüberstellten. Diese waren zum Beispiel:
• Ein Mangel an Rationalisierung und Säkularisierung (s. Glossar), an sozialer Mobilität und kultureller Dynamik, mit anderen Worten: Gefangenheit im „Ewiggestrigen“;
• die geringe Leistungsmotivation und mangelndes individuelles Besitz-und Gewinnstreben - mit der vor allem von D.C. McClelland (1966) begründeten Folge, dass sich nur schwer ein innovationsgeneigtes Unternehmertum entwickeln kann;
• eine geringe institutionelle Regelung und Bändigung der sozialen und politischen Konflikte;
• eine geringe politische Partizipation (Teilhaben) der Bevölkerung sowie geringe Legitimation der politischen Systeme mit der Folge politischer Instabilität;
• eine geringe Autorität und Steuerungsfähigkeit des häufig korrupten „schwachen Staates“ 1
Die Kritik an den Modernisierungstheorien bezieht sich nicht auf die Be-handlung dieser inneren Strukturprobleme, sondern hauptsächlich auf die Vernachlässigung oder Beschönigung „externer Faktoren“. 2 Sicher ist den Kritikern auch zuzustimmen, dass sich gesellschaftliche und politische Leit-vorstellungen der westlichen Industrieländer wie etwa das parlamentarischdemokratische System oder die soziale Marktwirtschaft nicht einfach auf die Entwicklungsländer übertragen lassen. Doch da sich Entwicklung hier gewissermaßen als Wiederholung des Prozesses vollzieht, der in den Industrieländern stattgefunden hat, kann deren heutiger Entwicklungsgrad auch als Maßstab dafür dienen, in welche Richtung und mit welchen Mitteln die Entwicklung voranzutreiben ist. 3
1 vgl. Nohlen, S.34
2 vgl. Nohlen, S.35
3 vgl. Die Dritte Welt, S.36-37
13
4.2 Dependenztheorien
„Die Ursachen der Unterentwicklung dürfen nicht in den betroffenen Ländern gesucht werden, sondern sie haben ihren Ursprung in den Industriestaaten und in dem Weltwirtschaftssystem, das bestimmt wird durch ein strukturelles Übergewicht der kapitalistischen Industriestaaten.“ 1 „Während die Modernisie-rungstheorien „exogene Faktoren“ als Entwicklung stimulierende Impulse begriffen, (...) bildeten sie für die Dependenztheoretiker (...) die entscheidende Ursache für das Entstehen und Fortwirken von Unterentwicklung. Der depen-denztheoretische Kontrapunkt zu den Modernisierungstheorien lautet: Die Dritte Welt blieb nicht aufgrund von Ressourcen- oder Kapitalknappheit, der „Bevölkerungsexplosion“, klimatischer oder ökologischer Benachteiligung, kultureller Rückständigkeit oder gar von Arbeitsunlust der „Primitiven“ unterentwickelt, sondern wurde vom Imperialismus zur entwicklungsunfähigen „Peripherie“ [Randgebiet] gemacht. Entwicklungsländer wurden auf die Weise zu „unterentwickelt gehaltenen Ländern“, zum billigen Rohstoffreservoir und mit Gewalt geöffneten Absatzmarkt für die industrielle Massenproduktion, die auch den „industriellen Kindesmord“ einschloß. Entwicklung und Unterentwicklung seien also Resultate einer gemeinsamen Geschichte: des sich in Europa entfaltenden Kapitalismus und seiner verschiedenen Etappen und Formen des Imperialismus.“ 2 Das Ergebnis der Außensteuerung sei die Entwicklung nach außen, d.h. Produktion für den Weltmarkt und nicht für die Bedürfnisse des eigenen Landes, woraus eine Blockierung der eigenen Entwicklungsdynamik resultiert. 3 Vor allem an dieser Konstruktion von verallgemeinerten Modellen setzte die Kritik an. Die Schwellenländer, die nach dependenztheoretischer Logik alles falsch machten und dennoch das an-
1 DieDritte Welt, S.37
2 Nohlen, S.46
3 vgl. Fundamente: Dritte Welt. Entwicklungsräume in den Tropen: Klett, S.133
14
gebliche Gesetz von dependencia = Unterentwicklung durchbrechen konnten, wurden zu Zeugen des dependenztheoretischen Irrtums.“ 1
4.3 Geodeterminismus
Zum Geodeterminismus zählen die Klima- und Ökologietheorien (Rassen-theorien). „...erst im letzten Jahrzehnt wurde das Problem der Umweltzerstörung als ein zentrales Entwicklungsproblem erkannt. (...) Es fällt nicht schwer, die ökologische Benachteiligung einzelner Regionen (Wasserknappheit, geringe Sorptionsfähigkeit der tropischen Böden bei Regenfülle, Bodenerosion, Versandung und Versalzung der Böden etc.) nachzuweisen. (...) Der Beitrag von Hans-Jürgen Harborth zeigt, daß der globalen Unweltkatastrophe nur durch eine „Revision des oligarchischen [s. Glossar] Produktions-, Konsumtions- und Lebensstils der Ersten Welt“ und gleichzeitig durch eine Überwindung der Massenarmut in der Dritten Welt, die allein das Bevölkerungswachstum und die armutsbedingte Umweltzerstörung eindämmen kann, begegnet werden kann. (...) Sozialanthropologisch [s.Glossar] erweiterte Klimatheorien untersuchten den Einfluß von Natur und Umwelt auf das menschliche Verhalten und Formen der Gesellschaftsbildung. (...) Klima-theorien geraten dann in gefährliche Nähe zu rassistischen Deutungen, wenn sie vorschnelle Folgerungen aus einzelnen sozialgeographischen Tatbeständen ziehen:
• daß die meisten Industrieländer in den gemäßigten Klimazonen und die meisten Entwicklungsländer in den tropischen und subtropischen Zonen liegen;
• daß die Dritte Welt weitergehend identisch mit der sogenannten „farbigen Welt“ ist;
1 Nohlen, S.47
15
• daß zudem in den industrialisierten Enklaven [ein fremdstaatl. Gebiet im eigenen Staatsgebiet] oder erfolgreichen Agarwirtschaften auf der südlichen Halbkugel Weiße am Ruder sind.
Edgar Salin (1959) unterschied die „Sprungfähigkeit“ seiner vier Entwicklungszonen nach dem Grad des Arbeitswillens der Bevölkerung, wobei er besonders in den „Zonen gleichbleibenden Agrikulturstandes [Ackerbau]“ neben einem Mangel an Bodenschätzen und Eigenkapital auch einen Mangel an Arbeitswillen feststellte. (...) Arbeit hat in den verschiedenen Kulturen unterschiedliche Wertbegründungen und wird nicht überall zum Selbstzweck erhoben. Aber daraus kann nicht verallgemeinernd gefolgert werden, daß die Massenarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung selbstverschuldete Folgen von Faulheit seien. (...) Teilweise erweist sich weniger Arbeit nur als vernünftiger Selbstschutz vor Überausbeutung (z.B. in Pachtverhältnissen mit Abgaben-oder Arbeitszwang) oder als verinnerlichte Reaktion auf die Struktur und Kultur der Unterdrückung (vgl. Bosse 1979).“ 1
5 Schlussbemerkung
Entwicklungsländer - so viele Faktoren wirken auf das Entwicklungshemmnis dieser ein. Die einseitige Wirtschaftsstruktur, die Instabilität der Rohstoffe, der Protektionismus und die Terms of Trade. Die Produktionsstruktur der Entwicklungsländer ist viel zu stark an den Märkten der Industrieländer orientiert, beim Preisverfall der Rohstoffe sind sie auf Grund ihrer Einseitigkeit der Exportpalette sehr abhängig von der westlichen Welt. Die wenigen Möglichkeiten, welche die Entwicklungsländer haben, werden dann auch noch durch wirtschaftsschützende Maßnahmen der Industrieländer vermindert. Ein weiterer Nachteil ist der ungleiche Tausch zwischen den geringwertigen Rohstoffen und den teuren Fertigwaren zwischen Industrie- und
1 Nohlen, S.38-39
16
Entwicklungsländern. Wo genau liegen die Ursachen der Unterentwicklung? Einerseits sollte bei den Entwicklungsländern selbst, ihren internen Hemmnissen, welche zu dem geringen Entwicklungsstand maßgeblich beitragen angefangen werden, jedoch wäre nur dies zu einfach. Hinzu kommen noch die exogenen Faktoren, demnach liegen die Ursachen der Unterentwicklung in den Industrieländern und ihrem Wirtschaftssystem. Entwicklung und Unterentwicklung sind Resultate einer gemeinsamen Geschichte, wobei die Entwicklungsländer zu kurz kamen. Sie wurden von den Industrieländern seit der Kolonialzeit benutzt. Und das Ergebnis dieser Steuerung von außen ist die fehlende Entwicklungsdynamik. Die letzte nennenswerte Benachteiligung liegt in der Ökologie. Unweltzerstörung und Klima wirken zu all dem noch hemmend auf die Entwicklung. Diese Theorien sollen alle den richtigen Weg weisen, den Weg der „Verwestlichung“, jedoch muss man den Kritikern mit Sicherheit zustimmen, dass sich gesellschaftliche und politische Leitvorstellungen der Industrieländer in der Realität nicht einfach auf Entwicklungsländer übertragen lassen.
Entwicklungsländer - Teufelskreis der Armut? Mir begründet sich der Teufelskreis der Armut anhand der genannten Punkte eindeutig. Er zeigt, dass die Nachteile der Entwicklungsländer alle so miteinander verbunden sind, dass es fast unmöglich ist aus ihm auszubrechen. Und somit bin ich durch die intensive Beschäftigung mit diesem Thema zu dem Schluss gekommen, dass viele Entwicklungsländer es nur dann schaffen aus diesem Teufelskreis auszubrechen, wenn die Industrieländer ihnen die Möglichkeit dazu geben. Sollte dies nicht geschehen, werden sie wahrscheinlich für lange Zeit „gefangen“ bleiben.
17
6 Glossar
Anthropologie: Wissenschaft vom Menschen und seiner Entwicklung
Indikator: statistische Messgröße, weist auf etwas hin, was er nicht selbst oder nur partiell selbst ist, er „indiziert“ mehr Aspekte eines komplexen Zusammenhangs, als er selbst als Maßeinheit messen kann 1
OECD: Organization for Economic Cooperation and Development (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) Organisation der westlichen Industrieländer 2
Oligarchie: Herrschaft einer kleinen Gruppe
OPEC: Organization of Petroleum Exporting Countries (Organisation Erdöl exportierender Länder)
Rationalisierung: zweckmäßige und wirtschaftliche Gestaltung
Säkularisierung: Verweltlichung; Loslösung aus den Bindungen der Kirche
Schwellenländer: Bezeichnung für Staaten der Dritten Welt, die aufgrund ihrer Eigendynamik auf der Schwelle zum Industriestaat stehen 3
UN: United Nations (Vereinte Nationen) unfassendste internat. zwischenstaatl. Organisation zur Sicherung des Weltfriedens und zur Förderung friedl. zwischenstaatl. Beziehungen und internat. Zusammenarbeit 4
1 Nohlen, S.77
2 vgl. Brock Haus. Band 10, S.211
3 vgl. Brock Haus. Band 12, S.409
4 vgl. Brock Haus. Band 14, S.298
18
7 Quellenverzeichnis
1 Nohlen, Dieter (Hrsg.); Nuscheler, Franz: Handbuch der Dritten Welt: Grundprobleme, Theorien, Strategien. Band 1: Verlag J.H.W. Dietz Nachf., 1993, S.31-32, S.34, S.35, S.38-39, S.39-40, S.46, S.47, S.48, S.49-50, S.51, S.77, S.92 2 Stucken, R.: Der „Circulus vitiosus“ der Armut in Entwicklungsländern, 1966 in Besters/Boesch, 1986 zit. in Nohlen, Dieter; Nuscheler, Franz: Handbuch der Dritten Welt. Band 1: Verlag J.H.W. Dietz Nachf., S.39 3 Sozialwissenschaftliche Aspekte: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik: Verlag Klett, S.291, S.300, S.498 4 Friese, Heinz W. (Hrsg.); Kaulfuß, Wolfgang (Hrsg.); Richter, Dieter (Hrsg.); Saupe, Gabriele (Hrsg.): GEOS. Wirtschaftsräume und Siedlungen: Volk und Wissen Verlag, S.14, S.31, S.34 5 Storkebaum, Werner: Die Dritte Welt: Entwicklungsländer in der Krise: Verlag Westermann, S.36, S.36-37, S.37, S.134 6 Grupp, Claus, D.: Dritte Welt im Wandel, 1988, S.39f. zit. in Storkebaum, Werner: Die Dritte Welt: Entwicklungsländer in der Krise: Verlag Westermann, S.9 7 Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung: Entwicklungsländer. 252München: Franzis’ print & media, 1996, S.6-7, S.9, S.10, S.17 8 Der Brock Haus in 15 Bänden: F.A. Brockhaus GmbH Band 4 S.112; Band 6 S.330, S.331; Band 10 S.211; Band 12 S.409; Band 14 S.298
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Thesenpapier
zu 2 Kriterien und Definitionen von Entwicklungsländern: Entwicklungsländer sind im Vergleich zu den Industrieländern unterentwickelt. Der Grad der Unterentwicklung lässt sich anhand des BSP, BIP, HDI und des HPI bestimmen, welche auch gleichzeitig Merkmale für die Unterteilung der Entwicklungsländer sind.
Zu 3 Erklärung des Begriffs Armut: Armut ist auf das Individuum bezogen, ein nahezu unmenschlicher Zustand.
Zu 3.1 Einseitige Wirtschaftsstruktur: Entwicklungsländer haben eine einseitige Wirtschaftsstruktur uns sind abhängig von den Industrieländern.
Zu 3.2 Instabilität der Rohstoffpreise: Der Preisverfall ist das Resultat der Aktivitäten der Industrieländer.
Zu 3.3 Protektionismus: Die Industrieländer erschweren mit ihrem Wirtschaftsschutz den Entwicklungsländern ihre Entwicklung.
Zu 3.4 Terms of Trade: Die Terms of Trade sind ein Gefälle zum Nachteil der Entwicklungsländer.
Zu 3.5 Teufelskreis der Armut: Die Teufelskreise der Armut ziehen mit einem negativen Anfangspunkt gleich eine ganze Kette mit sich.
Zu 4 Theorien der Unterentwicklung:
• die Ursachen sind endogene Faktoren
• die Ursachen sind exogene Faktoren
• die Ursachen liegen an den Problemen mit der Natur
20
Arbeit zitieren:
Lars Marquardt, 2003, Entwicklungsländer - Teufelskreis der Armut?, München, GRIN Verlag GmbH
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