Wo kommt der Begriff des funktionalen Analphabetismus her
und wie wird er verwendet?
Diskussion „funktionaler Analphabetismus“ - historische Entwicklung und Definition
Um den Begriff des funktionalen Analphabetismus (auch Illetrismus genannt) zu verstehen, muss man sich zunächst die verschiedenen „Formen“ von Analphabetismus anschauen. Laut des Bundesverbandes Alphabetisierung e. V. wird zunächst zwischen primärem und sekundärem Analphabetismus unterschieden (Der Funktionale Analphabetismus wird dem sekundären Analphabetismus zugeordnet): Die Unterschiede liegen in der Herkunft des Analphabetismus:
Primärer Analphabetismus zeichnet sich dadurch aus, dass die Menschen über keine oder unzureichende Schriftsprachkenntnisse verfügen. Sie kennen keine Buchstaben und verfügen über keine Lese- und Schreibfähigkeiten. Sie haben aus den verschiedensten Gründen (Behinderung, keine Schulpflicht) keine Schule besucht und waren des Alphabets noch nie mächtig.
Von sekundärem Analphabetismus spricht man seit den 70er Jahren, wenn die Fähigkeiten zum schriftlichen Umgang mit Sprache wieder verlernt wurden. Eine der Hauptursachen könnte die zunehmende Ablösung der Schrift- und Printmedien durch das Telefon und die Bildschirmmedien sein 1 .
Von totalem Analphabetismus wird gesprochen, wenn keinerlei (Buchstaben-) Kenntnisse vorhanden sind 2 .
Mit dem Begriff des funktionalen Analphabetismus wird eine historisch-gesellschaftliche Komponente miteinbezogen. Es muss berücksichtigt werden, in welchem Kontext der Gesellschaft und in welchem Maße eine Person Schriftsprachlichkeit beherrscht. Hier muss allerdings angemerkt werden, dass einige Autoren bemängeln, dass die historisch und auch inhaltlich unterschiedlichen Definitionen des Begriffs des „funktionalen Analphabetismus“ kann man sehr deutlich an einem kurzen Überblick verschiedener Begriffserklärungen erkennen:
„A person is illiterate who cannot with understanding both read and write a short simple statement on his every day life“ 3 (UNESCO 1956).
1 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Analphabetismus 25.02.2008
2 vgl. http://elib.suub.uni-bremen.de/publications/ELibD890_Nickel-Analphabetismus.pdf 05.11.2007
2
Zu dieser Zeit war der Begriff des funktionalen Analphabetismus noch nicht bekannt. Einige Jahre später wurde die Definition erweitert:
„A person is functionally literate when he has acquired the knowledge and skills in reading and writing which enable him to engage effectively in all those activities in which literacy is normally assumed in his culture and group“ 4 .
10 Jahre später wurde die Definition der UNESCO wiederum revidiert und ergänzt: „A person is functionally illiterate, who cannot engage in all those activities in which literacy is required for effective functioning of his group and community and also for enabling him to use reading and writing and calculation for his own and the community`s development” 5 . 1985 formulierte Döbert folgende Begriffserklärung:
„Als funktionale Analphabeten werden diejenigen bezeichnet, die aufgrund unzureichender Beherrschung der Schriftsprache und/oder aufgrund der Vermeidung schriftsprachlicher Eigenaktivität nicht in der Lage sind, Schriftsprache für sich im Alltag zu nutzen“ 6 . Eine letzte, etwas modernere Definition stammt von Romberg (1993): „Den funktionalen Analphabeten sind auch jene Menschen zuzuordnen, die die erworbene Schriftsprachkompetenz nicht in schriftsprachlichem Handeln im Alltag umsetzen und dadurch ebenfalls Schriftsprache nicht für sich nutzen können“ 7 .
Wie sich erkennen lässt, ist der Begriff „funktionaler Analphabetismus“ ein relativer Begriff. Ob eine Person als Analphabet gilt, hängt nicht nur von seinen individuellen Lese- und Schreibkompetenzen ab, sondern auch von der jeweils bevorzugten Definition. Zudem muss berücksichtigt werden, welcher Grad an Schriftsprachbeherrschung innerhalb der konkreten Gesellschaft, in der diese Person lebt, erwartet wird.
Wenn individuelle Kenntnisse niedriger sind, als die, die von der Gesellschaft, in der die Person lebt, erwartet werden und auch erforderlich sind, spricht man von funktionalem Analphabetismus.
Es lässt sich ein Zusammenhang zwischen notwendigem und erwartetem Grad an Schriftsprachbeherrschung feststellen. Wer also Schriftsprachkenntnisse hat, weil er eine Schule besucht hat, aber die Funktion und den Sinn von Schrift in seinem Alltag nicht sinnvoll verwenden kann, wird als funktionaler Analphabet bezeichnet 8 .
3 Romberg, 1993, S. 25.
4 Romberg, 1993, S. 25.
5 ebd..
6 Döbert, 2000, S. 5.
7 Romberg, 1993, S. 26.
8 vgl. http://elib.suub.uni-bremen.de/publications/ELibD890_Nickel-Analphabetismus.pdf 05.11.2007
3
Der Begriff des funktionalen Analphabetismus trägt der Relation zwischen dem vorhandenen und dem notwendigen beziehungsweise erwartetem Grad von Schriftsprachbeherrschung in seinem historisch- gesellschaftlichen Bezug Rechnung 9 . Die Betroffenen verfügen nicht über ein Mindestmaß an Lese- und Schreibkenntnissen, die zur Bewältigung ihres Alltags in beruflicher und privater Hinsicht in ihrer Gesellschaft verlangt werden 10 . Der Begriff des funktionalen Analphabetismus hat sich erst nach und nach entwickelt und wurde von der Bundesregierung jahrzehntelang verharmlost, ignoriert und sogar geleugnet. In der ersten Phase wurde im Jahre 1912 eine Umfrage im Deutschen Reichsheer, der „Erhebung zum Analphabetismus in Deutschland“ durchgeführt. Diese hatte ergeben, dass nur 0,01-0,02 % der Bevölkerung Analphabeten sind. Daher ging man davon aus, dass das Problem des Analphabetismus mit der Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht grundsätzlich gelöst war. Es herrschte „Vertrauen in die gleichsam automatische Alphabetisierungsfunktion der Schule“ 11 . Allerdings ist hierbei zu erwähnen, dass bei dieser Erhebung jeder als alphabetisiert galt, der seinen Namen (zum Beispiel unter eine Heiratsurkunde) schreiben konnte. Die Lesefähigkeit und das Leseverständnis wurden völlig außer acht gelassen. Aussagekräftige Tests gab es nicht. Das genannte Vertrauen in die automatische Alphabetisierungsfunktion der Schule geriet erst in den vergangenen 20 Jahren ins Wanken, als man die ersten „funktionalen Analphabeten“ entdeckte 12 .
In einer zweiten Phase wurde zwar zugestanden, dass es Erwachsene mit unzureichenden Lese- und Schreibkenntnissen gebe, aber diese hätten ihre Kompetenzen nach der Schulzeit einfach wieder verlernt. Erst später wurde eingeräumt, dass manche Kinder schon während ihrer Schulzeit keine ausreichenden Kenntnisse vorweisen. Trotz dieser Tatsachen wurde nicht adäquat reagiert und beispielsweise eine Studie in Auftrag gegeben. Erste Berichte über „funktionale Analphabeten“ kamen Anfang der 70er Jahre aus Justizvollzugsanstalten, wo es aufgrund mangelnder Möglichkeiten des Rückzugs nicht unentdeckt blieb, wenn ein Häftling nicht lesen oder schreiben konnte 13 .
Ende der 70er Jahre kam es dazu, dass durch den Einsatz neuerer Technologien und Rationalisierungsmaßnahmen die Arbeitsplätze im Bereich des Sektors Hilfsarbeiter oder Angelernte starke Einbußen in der Beschäftigtenzahl zu verzeichnen hatten. Dadurch fielen
9 vgl. Feyerabend, 2006, S. 10.
10 vgl. www.schwarz-auf-weiss.org/analphabetismus-neu.htm 15.10.2007
11 vgl. Feyerabend, 2006, S. 6.
12 vgl. Giese/Gläss, 1989, S. 18 in Feyerabend, 2006, S. 7.
13 vgl. Feyerabend, 2006, S. 7.
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Arbeit zitieren:
Katharina Keil, 2008, Funktionaler Analphabetismus, München, GRIN Verlag GmbH
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