Inhaltsverzeichnis
Abstract 0
Einleitung 1
1 Kulturgeschichte des Strickens 4
1.1 Die Anfänge liegen im Dunkeln 4
1.2 Erste gesicherte Funde 6
1.3 Stricken als Erwerbstätigkeit 8
1.4 Unterricht im Stricken 12
1.5 Stricken als Freizeitaktivität 14
1.6 Aktuelle Tendenzen 18
2 Methodische Herangehensweise 25
2.1 Online-Umfrage 25
2.1.1 Theoretische Überlegungen 25
2.1.2 Erhebung der Daten 27
2.1.3 Auswertung 29
2.1.3.1 Stricker 30
2.1.3.2 Gemeinsame Stricker 31
2.1.3.3 Sich treffende Stricker 32
2.1.3.4 Stricktrend und Internet 34
2.2 Problemzentrierte Interviews 38
2.2.1 Theoretische Überlegungen 38
2.2.2 Erhebung der Daten 41
2.2.3 Auswertung 43
2.2.3.1 Fall 1: Sara: „Ich stricke, also bin ich“ 44
2.2.3.2 Fall 2: Emma: „( ) wenn die gruselig sind, geh ich da eben nich mehr
hin “ 52
2.2.3.3 Fall 3: Wanda: „So begeistert is mein Mann nich vom Hobby, ne?“ 59
2.2.3.4 Fall 4: Jana: „( ) da geh ich auf jeden Fall auch wieder hin. Und sonst
isses mit Stricktreffen eigentlich nich so“ 68
2.2.3.5 Fall 5: Sina: „Jetzt bin ich mal dran“ 73
2.2.3.6 Kontrastierender Fallvergleich 77
3 Diskussion…………………….….………………………………………………………81 Zusammenfassung…………………………………………………………………………...91 Literaturverzeichnis…………………………………………………………………………93 Anhang……………………………………………………………………………………….98 Teil 1: Abbildungen………………………………………………………………………98 Teil 2: Online-Umfrage…………………………………………………………………105 Teil 3: Problemzentrierte Interviews……………………………………………………108
Abstract
The thesis “Knitting in the 21 st Century. An Investigation of Needlework in Groups” is concerned with the current (media) phenomenon of knitting in public. On the one hand, its aim is to show who belongs to knitting circles. On the other hand, its focus is to discuss whether knitting in groups is an oppositional tendency towards individualisation and/or serves as social support for the individual. Therefore theoretical concepts by authors who concentrate their research on individualisation and everyday conduct of life are taken into consideration. The discussion itself is based on methodical results that are examined via an online survey and problem-centred interviews.
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Einleitung
„Sandra couldn’t sleep, but for once it wasn’t sadness that kept her awake. It was sheer
excitement, the old research juices flowing, the lure of the library and the Internet. Already she had
filled half a drawer of the filing cabinet. She hadn’t anticipated that there would be so much
contemporary knitting. The trend might have started as a marketing ploy by the wool industry, but
it had certainly taken off; that kind of thing was successful only if people were ready for it. The
new yoga, they called it, the new community: the peaceful clacking of needles creating a heartbeat,
a rhythm of rest, a meditative oasis in the midst of a frantic lifestyle. A whole new range of fabrics
was being created from an amazing variety of exotic textures and colors. The knitting itself was
simple, even Sandra could see that, but the choice of yarns was mind-boggling. In the beginning
the exhibition was for garments from 1900 to 2000. But the new wave of interest in the last few
years certainly deserved attention.“ 1
Der letzte Zitatsatz deckt sich mit der Beobachtung, dass seit einigen Jahren wieder mehr gestrickt wird - zumindest wird dies seitens der Medien suggeriert. Empirisch belegt ist die Tatsache, dass es Stricktreffs beziehungsweise Strickcafés gibt. 2 Die ersten wurden in den USA gegründet (vgl. 1.6) und auch in Deutschland sind sie vorhanden, zum Beispiel in Berlin, Leipzig und München. In diesem Zusammenhang gibt es rund um das Thema Stricken und Stricktreffs/-cafés auch immer mehr Internetseiten, Fernsehbeiträge, Romane oder Veranstaltungen, wie den so genannten Sockenkrieg und den Welttag des Strickens. Vor dem eben Skizzierten ist interessant zu erfahren, wer im Allgemeinen die Menschen sind, die überhaupt stricken, sowie im Speziellen, wer die Menschen sind, die gemeinsam stricken und warum sie das tun. Von Relevanz sind diesbezüglich die folgenden Fragen: Welches Geschlecht haben (gemeinsame) Stricker? Welcher Altersgruppe sind sie zugehörig? Leben sie in Großstädten? Welchen Bildungsabschluss haben sie? Hatten sie Handarbeitsunterricht in der Schule, in dessen Rahmen ihnen das Stricken vermittelt wurde? Welche Intention verfolgen sie, wenn sie im Beisein anderer stricken?
Aus diesen aufgeworfenen Fragen ergibt sich folgende Leitfrage, die es zu untersuchen gilt: Ist das gemeinsame Stricken ein Ausdruck von Individualisierung und/oder Social Support? Diese richtungweisende Frage findet als Hypothese formuliert so ihren Ausdruck: Das
1 Bartlett, Anne (2005): Knitting. Boston, New York: Houghton Mifflin Company, S. 175 f.
2 Beispielsweise wurde die Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung (für Deutschland)“ vom 18. April
2008 mit einem Titelfoto aufgemacht, auf dem ein Paar strickender Hände zu sehen ist. Die Bildüberschrift
lautet: „Eins schwarz, eins grün, rot fallengelassen“ und die Bildunterschrift: „Der erste Pullover - Stricken
ist wieder modern: In New York werden in Cafés Strickkurse angeboten. Die Grünen wussten das schon
immer - als noch nicht an schwarz-grüne Koalitionen zu denken war, raubten sie dem konservativen
Bürgertum eines seiner liebsten Alltagsmythen: das Stricken. Im Stricken steckt seither die schwarz-grüne
Masche. In Hamburg ist nun der erste Pullover fertig geworden. Unser Bild zeigt das Werk einer Delegierten
auf dem Bundesparteitag der Grünen 2005. Damals wurde die Partei 25 Jahre alt - in Berliner Kaufhäusern
war grüne Wolle ausverkauft.“ Mit dem Verweis auf Seite 2 der Ausgabe folgen dann mehrere Artikel zur
politischen Koalitionssituation von Schwarz-Grün in Hamburg.
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gemeinsame Stricken zeugt von einer gegenläufigen Tendenz zur Individualisierung und dient dem Individuum als Social Support. Daher gilt es insbesondere zu untersuchen, wie sich der zeitliche Anteil am Stricken für den Einzelnen gestaltet sowie welche Bedeutung und Erwartung er dem Stricken (in der Gruppe 3 ) beimisst.
Vor diesem Hintergrund werden Schriften von Autoren zitiert, die sich mit dem Theoriekonzept der Alltäglichen Lebensführung auseinandergesetzt haben. Zu erwähnen sind hier generell Karin Jurczyk und Maria S. Rerrich als Herausgeberinnen des Sammelbandes „Die Arbeit des Alltags. Beiträge zu einer Soziologie der alltäglichen Lebensführung“ (1993) sowie G. Günther Voß und Margit Weihrich als Herausgeber von „tagaus - tagein. Neue Beiträge zur Soziologie Alltäglicher Lebensführung“ (2001) sowie „tag für tag. Alltag als Problem - Lebensführung als Lösung? Neue Beiträge zur Soziologie Alltäglicher Lebensführung 2“ (2002). Zum Terminus „Individualisierung“ werden vorrangig Schriften zum modernen Individualisierungsbegriff bemüht. Das Hauptaugenmerk gilt dem Werk Ulrich Becks, der sich bereits in „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ (1986) zum Verhältnis von Individualisierung und Vergemeinschaftung geäußert hat. Wie der Begriff „Social Support“ zu verstehen ist, wird ebenfalls definiert. Um dem Erkenntnisgewinn näherzukommen, finden Methoden quantitativer und qualitativer Forschung Anwendung: Zum Ersten werden mittels einer Online-Umfrage Daten erhoben. Dabei besteht für die Teilnehmer bei einigen Fragen die Möglichkeit, offene Antworten geben zu können, aus denen möglicherweise Diskussionspunkte ableitbar sind. Zum Zweiten werden problemzentrierte Interviews mit Personen durchgeführt, die sich zum gemeinsamen Stricken treffen. Die Ergebnisse der Auswertung beider Methoden sollen im Rahmen der theoretischen Diskussion berücksichtigt und interpretiert werden. Bevor die methodische Vorgehensweise beschrieben wird und die Resultate vorgestellt werden, wird ein Überblick zur Kulturgeschichte des Strickens gegeben.
Somit ergibt sich für die vorliegende Arbeit der folgende Aufbau: Nach dieser Einleitung folgt im ersten Kapitel der kulturgeschichtliche Überblick zum Stricken. In Kapitel zwei werden das methodische Vorgehen beschrieben und dessen Ergebnisse benannt. Diese wiederum finden Berücksichtigung in der Diskussion der Hypothese, was im dritten Kapitel
3 Die in der soziologischen Forschung verwendeten Definitionen des Begriffs „Gruppe“ sind zahlreich und
teils divergent. George C. Homans versteht darunter „eine Reihe von Personen, die in einer bestimmten
Zeitspanne häufig miteinander Umgang haben und deren Anzahl so gering ist, dass jede Person mit der
anderen in Verbindung treten kann und zwar nicht nur mittelbar, sondern von Angesicht zu Angesicht“;
Homans: Theorie der sozialen Gruppe, S. 29. Vgl. zur Geschichte des soziologischen Gruppenbegriffs auch
Tegethoff: Soziale Gruppen und Individualisierung, S. 29 ff.
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geschehen wird. In der Zusammenfassung wird einerseits resümiert und andererseits wird ein Ausblick auf weitere Forschungsmöglichkeiten gegeben.
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1 Kulturgeschichte des Strickens
„Bäuerin (erscheint unter der Türe, sieht heraus): ,Ah, ös seids scho hoam?‘ (Verschwindet
wieder.)
Natzl: ,No, is dir leichter, hizt kannst wieder Strümpf stricken.‘
Hans: ,Hehe, du aber a und der Voda a. Hehe.‘
Bäuerin (kommt mit drei Gestricken, angefangene Strümpfe und große Wollknäuel daran, gibt
jedem eines): ,Da schauts dazu - mir bleibt koan Zeit, und dö Kloan verreißen so viel, daß ich froh
sein muß, sie verrichten ihner Sach!‘ (Ab.)“ 4
Im Rahmen der folgenden Arbeit soll der Fokus auf das Handstricken gerichtet sein. Dieses wird im aktuellen „Maschen-Lexikon“ so definiert: „Handstricken (hand-knitted), Ursprung der Strickerei, aus der sich die gewerbliche Herstellung von Maschenwaren entwickelt hat. Durch Verschlingung des Fadens mit sich selbst entsteht auf der Handstricknadel ein Rechts/Links-Gestrick (→ Rechts/Links).“ 5
Wissenschaftliche Literatur zur Geschichte des Strickens gibt es nur in geringer Zahl. Besondere Bedeutung kann nach wie vor der im Jahr 1987 veröffentlichten Monografie „A History of Hand Knitting“ Richard Rutts beigemessen werden. Einleitend verweist er dort auf die Literatur zum Thema Stricken der Jahre 1615 bis 1979. Eine neuere Arbeit wurde von Sylvia Greiner unter dem Titel „Kulturphänomen Stricken“ (2002) verfasst. Sie ist es im Übrigen, die mit Nachdruck darauf hinweist, dass lange Zeit von der Annahme ausgegangen wurde, das Alter der Stricktechnik sei mit Sicherheit nachweisbar. 6
1.1 Die Anfänge liegen im Dunkeln
Wann und wo die Anfänge des Strickens liegen, kann bis dato nicht mit sicherer Kenntnis gesagt werden: „Wahrscheinlich ist das Prinzip des Strickens beim Knoten von Netzen erfunden worden.“ 7 Rutt hat mehrere, von anderen Autoren als älteste Fundstücke deklarierte, Strickarbeiten als Nalbinding enttarnt. Zu dieser Technik, die mit einer Nadel ausgeführt wird, schreibt er:
„Nalbinding can produce a true knitted structure, but by a different method of manufacture. We have evidence of nalbinding much older than our evidence for knitting; and we know that knitting was at an earlier point used to make footwear, in the cultural region where nalbinding was earlier
4 Anzengruber, Ludwig (1874): Der G’wissenswurm. Bauernkomödie mit Gesang in drei Akten, Zweiter Akt,
Zwölfte Szene. Siehe http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=68&kapitel=24&cHash=ca93e5cabbgwiss212#
gb_found (25.05.2008).
5 Holthaus: Maschen-Lexikon, S. 115.
6 Siehe Greiner: Kulturphänomen Stricken, S. 5. Zur Geschichte des Strickens in den USA: Wills: The Close-
Knit Circle, S. 15 ff.
7 Holthaus: A. a. O., S. 115.
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used for the same purpose. To say that knitting developed from nalbinding, probably in Egypt, is conjectural, but reasonable. It is not reasonable to attribute knitting to Arabs or Arabia.“ 8 Zu solchen Enttarnungen zählen beispielsweise Ober- und Unterbekleidung, datiert auf das Jahr 256 n. Chr. und gefunden bei Ausgrabungen im antiken Dura-Europos im heutigen Syrien, sowie eine Kindersocke aus einem koptischen Grab, die zum Inventar des Museums für Spätantike und Byzantinische Kunst in Berlin gehört.
Die Sprangtechnik kann ebenfalls leicht mit dem Stricken verwechselt werden: „Mit dem bloßen Auge erkennt man bei den fertigen Maschengeweben keine unterschiedliche Herstellungsart. Diese wäre nur beim Auftrennen des Textilfundes zu sehen, was bei den alten und seltenen Funden ja kaum in Frage kommt.“ 9
Problematisch ist auch die genaue Datierung gefundener Textilfragmente: Diese befinden sich teils in einem stark verfilzten Zustand, was die Bestimmung der Herstellungstechnik erschwert. Hinzu kommt das Phänomen der Verschleißung: Es sind zumeist nur solche Stücke gut erhalten, denen eine besonders schonende Behandlung zuteil wurde, da sie als kostbar galten. 10
Europa kommt als Ursprungsregion „kaum in Frage. (…) Vermutlich kam es aus den östlichen Regionen über Handelsbeziehungen nach Italien, oder evtl. auch durch koptische Missionare nach Spanien und Italien“ 11 . Wie bereits erwähnt, hegt Rutt die Mutmaßung, dass das Stricken in Ägypten aus dem Nalbinding entstanden ist.
Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive bieten sich ebenfalls keine Anhaltspunkte zur Herkunftsbestimmung des Strickens: Bis zur Renaissance fehlt eine eindeutige Bezeichnung für das Wort „stricken“. Im Altenglischen beispielsweise wurden verschiedenen Techniken, wie Weben, Knüpfen und Stricken, mit dem gleichen Wort bezeichnet: „cnyttan/to cnotta“. 12 Im Deutschen setzt der „gemeinsprachliche gebrauch des wortes“ Stricken im Mittelhochdeutschen ein und nahm „seit dem 16. jh. erheblich zu“, hatte jedoch weiterhin andere Konnotationen, wie „Binden“ und „Knüpfen“. 13
8 Rutt: A History of Hand Knitting, S. 23; vgl. auch S. 8 f. sowie zum Folgenden S. 31.
9 Greiner: A. a. O., S. 10.
10 Vgl. ebd., S. 8 f.
11 Ebd., S. 9.
12 Vgl. Rutt: A. a. O., S. 5.
13 Grimm, Jacob und Wilhelm (1854-1960): Deutsches Wörterbuch, Leipzig: S. Hirzel, Band 19, Sp. 1575 und
1580; vgl. http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemmode=lemmasearch&
mode=hierarchy&textsize=600&onlist=&word=stricken&lemid=GS50598&query_start=1&totalhits=0&text
word=&locpattern=&textpattern=&lemmapattern=&verspattern=#GS50598L0 (27.05.08).
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1.2 Erste gesicherte Funde
„Erst ab dem Mittelalter ist das Stricken gesichert nachzuweisen.“ 14 So gelten als die frühesten erhaltenen und mit Sicherheit nachweisbaren Fundstücke „Socken aus dem islamischen Ägypten. Ein eventuell früher zu datierender Fund aus dem 9. Jahrhundert ist verloren gegangen“ 15 . Zu weiteren gesicherten Fundstücken zählen unter anderem ein Paar seidener Handschuhe, mit dem Papst Innozenz IV. im Jahr 1254 anlässlich seiner Beerdigung bekleidet wurde 16 , gestrickte Kissen, die es in Nordspanien seit 1270 gibt 17 , sowie aus weißem Leinengarn hergestellte Strümpfe aus der Schweiz des 12. und 13. Jahrhunderts: „Ihre Ausführung zeigt jedoch ein so hohes Können, daß sie am Ende einer Entwicklung stehen müssen - über den Beginn des Strickens sagen sie nichts aus.“ 18 Die so genannten Altarhandschuhe, wie Papst Innozenz sie trug, sind „damals vorwiegend in Spanien, das für derartige Arbeiten bekannt war, mit feinen Nadeln und sehr feinem Garn aus Seide und Goldfäden hergestellt“ 19 worden und waren mitunter darüber hinaus bestickt. Strickhandschuhe galten vom 15. Jahrhundert an auch als „notwendiges Attribut der reichen Adligen“. Rundgestrickte Reliquienbeutel und Börsen aus Seide sind in der Westschweiz gefunden und auf das 14. Jahrhundert datiert worden.
Ein Gemälde von Meister Bertram aus Minden (um 1340-1414/15), entstanden um das Jahr 1390, belegt, dass das Stricken seitdem bereits in Deutschland bekannt war: Auf dem linken Seitenflügel des Buxtehuder Altarbildes „Besuch der Engel“ ist eine sitzende Madonna abgebildet, die mithilfe vierer Nadeln ein Hemd strickt und vor sich auf der Balustrade einen Korb mit mehreren Wollknäueln unterschiedlicher Farbe stehen hat. 20 „Angeblich ist Meister Bertram auf einer Reise durch Italien zu dieser Darstellung der Strickkunst angeregt worden.“ 21 Eines der bedeutendsten deutschen Fundstücke ist das Fragment einer Mütze aus dem Lübeck des 15. Jahrhunderts. 22 Zur Sammlung des Heimatmuseums Neuburg (Donau) zählt eine Strickweste, datiert auf das 16. Jahrhundert, die dem Pfalzgrafen Ottheinrich gehört haben soll 23 ; sie stamme allerdings aus Italien. 24
14 Greiner: A. a. O., S. 10.
15 Ebd.; vgl. Rutt: A. a. O., S. 32 f.
16 Stradal/Brommer: Mit Nadel und Faden, S. 144.
17 Rutt: A. a. O., S. 39 ff.
18 Gierl, Alte Strickkunst, S. 16.
19 Dazu und zum Folgenden: Stradal/Brommer: A. a. O., S. 144 f.; vgl. auch Rutt: A. a. O., S. 56 ff.
20 Siehe Anhang, S. 98.
21 Ebd., S. 146; zu weiteren Darstellungen strickender Madonnen: Rutt: A. a. O., S. 44 ff.
22 Ebd., S. 149.
23 So Gierl: A. a. O., S. 189.
24 Vgl. Stradal/Brommer: A. a. O., S. 151.
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In Frankreich wurden im Gegensatz zu den „erlesen gearbeiteten Handschuhe(n, M. B.)“ 25 , die in Spanien hergestellt wurden, „vor allem Strümpfe aus Leinengarnen, Baumwolle und später, um die Mitte des 16. Jahrhunderts, aus Seide“ angefertigt. Aber auch Kopfbedeckungen wurden hier erzeugt, indem die groben Gestricke anschließend gewalkt wurden, so dass ihnen ihre eigentliche Gewebestruktur und damit die Technik ihrer Entstehung nicht mehr anzusehen war. 26
Laut Rutt scheinen Mützen die ersten Stricksachen gewesen zu sein, die in England angefertigt wurden: So sind dort „cap-knitters“ seit dem 15. Jahrhundert als Beruf erwähnt. 27 Gestrickte Strümpfe fanden hier erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Verbreitung, die von Spanien ausging. Bis dahin wurde sämtliche Beinbekleidung ausschließlich von Hosenschneidern angefertigt. 28
Aufschwung erfuhr das Stricken durch die Mode der Strumpfhosen: In Spanien waren bis über das Knie reichende, enganliegende Hosen populär, unter denen die Strümpfe gut sichtbar waren. Sie wurden „Tricots“ genannt nach dem spanischen (und auch portugiesischem) Wort „tricotar“ beziehungsweise dem französischen „tricoter“ für „stricken“. 29 Im Übrigen besaßen zunächst „nur Herren Strümpfe, da unter den langen Röcken der Damen keine notwendig waren. Um 1586 kamen dann gestrickte Strümpfe für Damen auf“ 30 . Stradal und Brommer schreiben:
„In den deutschsprachigen Ländern waren es vor allem die Klöster und Ordensgemeinschaften, die das Stricken eifrig pflegten und ihre Fertigkeiten an die Bevölkerung weitergaben. Doch ihr Stil stand im krassen Gegensatz zu den feinen Seidenstrickereien der südlichen Länder wie Spanien und Italien (…).“ 31
Häusliches Stricken als Erwerbsunterhalt ist zum Beispiel für das niedersächsische Sontra im
16. Jahrhundert belegt, wo Frauen und Mädchen „allweg wüllen Garn- und Strickstock“ 32 bei sich trugen, um Hosen zu fertigen, die dann an Händler verkauft wurden.
25 Dazu und zum Folgenden: Ebd., S. 149.
26 Siehe http://www.deutsches-strumpfmuseum.de/technik/01handgestrickt/handstrick.htm (20.06.08).
27 Rutt: A. a. O., S. 58 ff.
28 Vgl. Greiner: A. a. O., S. 11.
29 Vgl. ebd., S. 12. Im Spanischen ist das Verb „tricotar“ heute weniger geläufig, stattdessen werden die
Wendungen „hacer punto“ oder „hacer lavor de punto“ verwendet; im Portugiesischen ist es nach wie vor
gebräuchlich. Zur Herkunftsgeschichte des Wortes „tricotar“ siehe http://etimologias.dechile.net/?tricotar
(04.08.08).
30 Ebd.
31 Stradal/Brommer: A. a. O., S. 151; vgl. Anhang S. 99.
32 Dietz, zit. nach Greiner: A. a. O., S. 19.
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1.3 Stricken als Erwerbstätigkeit
In der oben bereits gegebenen Definition zum Handstricken aus dem „Maschen-Lexikon“ heißt es weiter: „Das Strickgewerbe (Herstellung handgestrickter Strümpfe) kam über Italien auch nach Deutschland und wurde von der Zunft der Stricker ausgeübt.“ Zeitlich liegen die Anfänge im Mittelalter: „Damals schlossen sich genossenschaftliche Gilden zusammen, deren Bestreben es war, gemeinsam größere Garnmengen einzukaufen, um die Ware miteinander färben und danach billiger verkaufen zu können.“ 33 Ähnlich anderer Handwerke erfolgte auch für das Stricken die Gründung von Zünften. Die erste Strickergilde wurde am 16. August 1527 in Paris gegründet. In einer Straßburger Zunftordnung aus dem Jahr 1535 wird erwähnt, dass Stricker Hosen ursprünglich in zwei Teilen anfertigten - der Ausdruck „ein Paar Hosen“ hat sich bis heute im Sprachgebrauch erhalten. 34 Die erste Zunft deutscher Stricker wurde Ende des 16. Jahrhunderts in Berlin gegründet. Johann Heinrich Zedler (1706-1751) schrieb im Jahr 1744 in seinem Universallexikon: „Strumpfstricker oder Paretmacher (…) sind ein geschenktes Handwerck, welches gute Ordnungen hat, und in Böhmen, Ungarn, Mähren, Österreich und Sachsen, sonderlich aber in der Oberlausitz, am stärcksten getrieben wird. Sie verfertigen unterschiedene Sorten feiner Strümpfe, welche den Englischen nichts nachgeben, und werden solche in grosser Menge nach Wien, Linz, Kremnitz, ins Reich, wie auch nach Preußen und Archangel verführet, (…).“ 35 Um in eine Strickerzunft aufgenommen zu werden, waren hohe Anforderungen zu erfüllen: Ein junger Mann musste bis zu sieben Jahre in die Lehre gehen - davon drei Jahre bei einem Meister und drei Jahre auf Wanderschaft. In seinem letzten Lehrjahr musste er dann - je nach Gildensatzung - sein Meisterstück anfertigen. Dies war im 17. Jahrhundert zumeist ein Wandteppich. 36 Der älteste deutsche Strickteppich, Exponat des Neißer Kunst- und Altertumsvereins, wird dem Meister Balthasar Böhme zugeschrieben: In der Mitte sind sechs weiße Lilien als Wappen der Stadt Neiße und des Fürstentums Neiße, die Initialen „B. B.“ und die Jahreszahl 1667 zu sehen.
Die Verfasserin hat in der Sonderausstellung „100 Meisterzeichnungen aus der Graphischen Sammlung der Universität Erlangen-Nürnberg“ des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg eine Radierung aus dem Jahr 1679 entdeckt, aus der folgender Versausschnitt
33 Dazu und zum Folgenden: Stradal/Brommer: A. a. O., S. 150 ff.; vgl. Greiner: A. a. O., S. 51 ff.
34 Vgl. Hampel: Stricken und Wirken bis zum Jahre 1700, S. 14.
35 Zedler, Johann Heinrich (1774): Grosses vollständiges Universal-Lexikon Aller Wissenschaften und Künste,
Band 40, S. 556; siehe http://mdz10.bib-bvb.de/~zedler/zedler2007/blaettern/einzelseite.html?id=364872&
bandnummer=40&seitenzahl=0556&supplement=0&dateiformat=1 (21.06.08).
36 Dazu und zum Folgenden: Stradal/Brommer: A. a. O., S. 155 ff., vgl. Hampel: A. a. O., S. 20 sowie Greiner:
A. a. O., S. 53 ff.
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stammt: „Diana machet blaß / nachdem sie Ihn erquicket / Und manches hohes Bild mit Ihrem Garn bestricket /“ 37 , was - neben den heute noch erhaltenen Stücken - ebenfalls darauf hindeutet, dass Strickteppiche vor allem in adligen Kreisen eine beliebte Form der Wanddekoration waren. 38
Was den Verkauf gestrickter Waren anbelangt, konkurrierten in Zünften organisierte mit den in ländlichen Regionen tätigen Strickern sowie mit Hausierern und Soldaten. Im Zuge dessen „wurden auch Regeln dafür erlassen, wann und wo die ländlichen Stricker ihre selbstgefertigten Waren ausschließlich verkaufen durften. (…) Strickende Soldaten waren wohl keine Einzelfälle, da sonst kaum explizite Verbote zum Vergeben von Strick-Aufträgen“ 39 erlassen worden wären. Carl Spitzweg (1808-1885) hat strickende Soldaten auf Ölgemälden dargestellt, wenn auch vor dem Konflikt der ungewollten Kriegsteilnahme Bayerns unter König Ludwig II. (1845-1886). 40
In England erreichte das Stricken unter der Regentschaft von Königin Elisabeth I. (1533-1603) ab dem Jahr 1558 einen Höhepunkt: Sie erließ Gesetze, „um den Verbrauch von Handstrickwaren stärker zu fördern. 1565 wurde verfügt, daß ,niemand mehr Mützen oder ähnliche Dinge aus Filz herstellen lassen durfte, ausgenommen Hüte.‘ Auch sollten keine Mützen aus Wollstoff, sondern nur noch gestrickte erlaubt sein“ 41 . Durch ein anderes Gesetz wurde beispielsweise verlangt, „daß ,jede Person über 7 Jahre am Sabbath oder an Feiertagen eine gestrickte Wollmütze tragen muß, welche in England hergestellt ist‘“ 42 . Im Jahr 1589 wurde in England die erste Strickmaschine, auch Kulierstuhl genannt, durch William Lee erfunden. Seine Innovation, mit der in der Minute 500 Maschen mehr gestrickt werden konnten als per Hand, präsentierte er Königin Elisabeth, um ein Patent zu erhalten: „Als sie jedoch ein Paar der noch grob gestrickten Strümpfe zu Gesicht bekam, war sie von dem Ergebnis enttäuscht und verweigerte die Anerkennung.“ 43 Auch im zweiten Versuch 1598 mit einer verbesserten Maschine, die 1.500 Maschen pro Minute ermöglichte, erhielt er kein Patent, „weil sie befürchtete, die neue Erfindung könnte zahlreiche Heimstricker brotlos machen“ 44 . Laut Rutt ist dieser überlieferte Bericht „probably fictitious, but it is clear that he
37 Johann Meyer, nach Ferdinand Neuberger (1625-1682/83): „Allegorie auf die Gründung der Kunstkammer
des Markgrafen Johann Friedrich von Brandenburg-Ansbach“, 1679, Radierung, Germanisches
Nationalmuseum, Inventurnummer: HB 19 825.
38 Vgl. auch Rutt: A. a. O., S. 90 ff.
39 Greiner: A. a. O., S. 59; vgl. Hampel: A. a. O., S. 21.
40 Dazu näher: Stradal/Brommer: A. a. O., S. 189; siehe Anhang, S. 101.
41 Stradal/Brommer: A. a. O. S. 160 f.; vgl. auch Rutt: A. a. O., S. 67 f.
42 Ebd., S. 161.
43 Ebd., S. 162.
44 Ebd.
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was unsuccessful in promoting his frame because it threatened the livelihood of the poor handknitters“ 45 . Lee ging daraufhin nach Frankreich, wo er unter dem Privileg des Königs Heinrich IV. (1553-1610) und dessen Finanzministers, Herzog von Sully (1560-1641), in Rouen zusammen mit seinem Bruder eine Strickerwerkstatt eröffnete. Aber nach dem Tod Heinrichs und der Flucht Sullys entzog ihm die Witwe des Königs als Regentin ihre Gunst. Lees Geschichte um seine Erfindung der Strickmaschine beziehungsweise den so genannten Wirkstuhl wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts so zusammengefasst: „Es wird berichtet, dass der Erfinder desselben vor den Handstrickern nach Frankreich fliehen musste und nach mehrjähriger Tätigkeit in Paris starb.“ 46 Einige seiner Arbeiter kehrten zurück nach England und siedelten sich mit ihrem Handwerk in Nottinghamshire an. „Aber erst im 18. Jahrhundert wurde die Erfindung des Pfarrers die Grundlage eines wichtigen Industriezweiges in England.“ 47
Der Vorgang, eine Masche mechanisch herzustellen, wurde nach der Erfindung der Strickmaschine als „wirken“ bezeichnet: „Sie erschien sinnvoller und hatte einen besseren Klang, verstand man darunter doch vor allem die Herstellung von feineren Gestricken gegenüber den Handstrickarbeiten.“ 48 In Brandenburg-Preußen sowie in Sachsen und Württemberg ließen sich im Zuge der Aufhebung des Ediktes von Nantes durch König Ludwig XIV. (1638-1715) im Jahr 1685 auch hugenottische Strumpfwirker nieder. Sie trugen dazu bei, dass Einheimische das Maschinenstricken erlernten und sich diese Form des Strickens verbreitete. Durch die Erfindung neuer Maschinen in den folgenden Jahrhunderten, wie beispielsweise des Kettenstuhls oder des Rundstuhls 49 , nahm der Einfluss des gewerblichen Handstrickens immer mehr ab.
Über das 18. Jahrhundert hinaus konnte sich das Handstrickgewerbe in einigen englischen Gegenden erhalten; „vor allem in den etwas abgelegenen Gebieten Yorkshire, Nordwales, Schottland und Irland strickte man auch nach der Erfindung der Wirkmaschine wie zu alten Zeiten“ 50 . Gerade in den dortigen Küstengebieten entwickelten sich im Laufe der Zeit regional verschiedene, traditionelle Strickmuster, die bis heute erhalten geblieben sind, wie zum Beispiel die Shetlandmuster auf den Shetland-Inseln und die Aranmuster auf den Aran-
45 Rutt:A. a. O., S. 76.
46 Heiden: Die Textilkunst des Altertums bis zur Neuzeit, S. 25.
47 Stradal/Brommer: A. a. O., S. 163. Rutt bezweifelt auch, dass Lee überhaupt Geistlicher war: „In spite of the
legend, he was almost certainly not a priest.“ Vgl. Rutt: A. a. O., S. 76 f.
48 Stradal/Brommer: A. a. O., S. 163.
49 Dazu: Hampel: Stricken und Wirken als Kunstarbeit, S. 26 ff. Vgl. auch Heiden: Die Textilkunst des
Altertums bis zur Neuzeit, S. 26 f. sowie Döpfner: Maschen: Wirken und Stricken, S. 15 u. 18 f.
50 Stradal/Brommer: A. a. O., S. 164.
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Inseln im Westen Irlands. 51 Auch in anderen europäischen Staaten war ab zirka 1850 „die textile Hausindustrie nicht mehr konkurrenzfähig. Vereinzelt ernährte man sich jedoch noch später mit dem gewerblich ausgeübten Stricken“ 52 . Wo das Stricken „dem Erwerb diente, wurde (es, M. B.) von Männern und Frauen gleichermaßen ausgeführt“ 53 . Letztere waren „wohl nur in den ersten Jahrzehnten nach Entstehung der Strickerzünfte (…) zugelassen. Dieses Phänomen folgte einer allgemeinen Entwicklungstendenz, nach der Frauen zunehmend aus den Zünften ausgeschlossen wurden.“ 54 Zu gewerblichen Zwecken wurden jedoch nicht nur Zünfte, sondern auch Verlage gegründet. 55 Die gestrickten Waren erhielten die Verleger von Familien ländlicher Regionen, die sich mit diesem Nebengewerbe etwas zu ihrem Lebensunterhalt dazuverdienten. Gestrickt wurde „insbesondere in Gegenden mit Viehzucht (…), denn bei Hütediensten läßt sich zum Teil gut stricken. In Gegenden mit Ackerbau kamen textile Arbeiten lediglich in der einzig ruhigen Jahreszeit, dem Winter, in Betracht“ 56 . Darüber hinaus konnte die überschüssige Wolle in Form von Strickwaren günstig abgesetzt werden, woran in einigen Orten nahezu die gesamte Einwohnerschaft beteiligt war, wie der Bericht eines Hauptmannes aus Münster über den Niederstift Münster gegen Ende des 18. Jahrhunderts verdeutlicht: „Die viele Wolle, die der Landmann von diesen Schafen (grobwollige Heidschnucken) zieht, hat Anlass gegeben, sie zu Strümpfen zu verstricken. Alles strickt hier, was nur Hände hat, Bauer und Bäuerin, Kinder, Knechte und Mägde. Vom fünften Jahre des Lebens an bis ins höchste Alter. So wie die Ackerarbeit freie Muße gibt, sitzt alles beim Feuer oder im Schatten und strickt. Der Knecht strickt beim Mistwagen unterwegs, wenn er zum Acker, zur Wiese oder sonst über Land geht; so die Magd, so alle Hausgenossen; der Schäfer den ganzen Tag hinter den Schafen, und selten findet man hier den Landmann, auch auf größeren Reisen, ohne Strickzeug. (…)“ 57 Dass bis etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts im Gebiet östlich der Oder Schafhirten gestrickt haben, hat die Verfasserin während eines Telefonats mit einer im Jahr 1924 in Frankfurt (Oder) geborenen Deutschen erfahren, deren Urgroßvater und Großvater Schäfer waren: Diese berichtete, dass ihre Großmutter väterlicherseits im Stricken von ihrem Mann, dem Großvater der Oderstädterin, unterrichtet wurde. Auch konnte sich die 84-Jährige an „Gemälde und Aquarelle“ erinnern, auf denen „alte Schäfer mit langem Bart und Umhang
51 Vgl. Rutt: A. a. O., S. 162 ff.
52 Greiner: A. a. O., S. 30.
53 Döpfner: A. a. O., S. 16.
54 Greiner: A. a. O., S. 60.
55 Dazu ausführlich: Ebd., S. 19 ff.
56 Ebd., S. 22.
57 Hauptmann Flensburg, zit. nach Greiner: A. a. O., S. 23; vgl. Anhang, S. 102.
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zum Schutz gegen schlechtes Wetter und mit Strickzeug in der Hand“ abgebildet gewesen sind. 58
In diesem Zusammenhang sind auch die so genannten Spinnstubenabende zu erwähnen, an denen sich in der kalten Jahreszeit auf dem Lande Frauen in privatem Kreise zum Spinnen und Stricken trafen:
„Diese winterlichen Zusammenkünfte begannen um St. Kathrein bzw. Martini und endeten mit Maria Lichtmeß, zu der der Haushalt wieder auf die bevorstehende Feldarbeit vorbereitet wurde. (…) Da Arbeit im geselligen Kreis mehr Spaß machte und man dadurch kostbares Heizmaterial und Öl zur Beleuchtung sparen konnte, wurde diese jeweils abwechselnd in einer anderen Bauernstube abgehalten. (…) Die Lichtstuben stellten neben den Kirchweihfesten einen wichtigen ,dörflichen Heiratsmarkt‘ dar. Es waren Stätten, an denen dörfliche Neuigkeiten ausgetauscht und Volkslieder und Erzählstoffe tradiert wurden. Zu fortgeschrittener Stunde wurde oftmals noch zu Mundharmonikaklängen getanzt. (…) Lichtenstuben (bedeuteten, M. B.) die ,kleine Freiheit‘. Sie boten neben den Festen die einzige Abwechslung und Zeit zu Geselligkeit und Muße im strengen Arbeitsalltag. Die textilen Arbeiten waren sicherlich zugleich Legitimation für das Zusammenkommen.“ 59
Des Weiteren diente „hausindustrielles Stricken“, wie Greiner es nennt, nicht nur als Nebenerwerb oder neuer Erwerbszweig nach dem Niedergang anderer Zweige, sondern auch der Beschäftigung ärmerer Bevölkerungsschichten: „Von staatlichen Behörden, privaten und halbamtlichen bürgerlichen Vereinen und Repräsentanten der Kirchen wurden zu Beginn des
19. Jahrhunderts Programme zur Armenbeschäftigung und Arbeitserziehung entwickelt.“ 60 So wurden für Kinder Industrieschulen gegründet, in denen Strickwaren für Verleger entstanden, und für hilfsbedürftige Erwachsene Anstalten, in denen Textilarbeiten zu gewerblichen Zwecken angefertigt wurden.
1.4 Unterricht im Stricken
Sigrid Döpfner hat die Geschichte des Strickunterrichts 1990 mit den folgenden Worten zusammengefasst:
„Handstricken hat bis vor kurzem einen Teil der institutionellen Erziehung von Frauen ausgemacht. Von den Industrieschulen, die oft ganz dem Zweck dienten, Fingerfertigkeit für die Anpassung an die neu aufkommende Fabrikarbeit einzuüben, über die Volksschulen und Gymnasien bis hin zu den Gesamtschulen hat Stricken im Handarbeitsunterricht immer eine wichtige Rolle gespielt. Heute lernen auch Jungen diese Technik kennen.“ 61
58 Die wörtlichen Zitate stammen aus der Mitschrift während des Telefonates, das am 22.08.08 geführt wurde.
59 Greiner: A. a. O., S. 47 f.
60 Ebd., S. 24; vgl. Historisches Museum Hannover: Langes Fädchen - faules Mädchen, S. 41 f.
61 Döpfner: Maschen: Wirken und Stricken, S. 16 f.
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Erste Klosterschulen, in denen Benediktinerinnen „Töchter des Adels im Spinnen, Weben, Sticken und im Nähen von Kleidungsstücken unterwiesen“, entstanden bereits im 8. Jahrhundert; dann „wurde diesen Fertigkeiten noch das Häkeln und das Stricken hinzugefügt“ 62 . Die Handarbeiten standen im Mittelpunkt des Unterrichts - neben lateinischer Sprache und Psaltern. Er sollte nicht nur auf ein Leben im Kloster vorbereiten, sondern auch auf ein Leben als Ehe- und Hausfrau. Im Gegensatz zu Mädchen des Adels wurden den Geschlechtsgenossinnen unterer Schichten Handarbeitstechniken zu Hause beigebracht: „Die lernten alle Tätigkeiten von der Mutter, indem sie zuschauten und dann einzelne Arbeitschritte und Techniken näher erklärt bekamen. In dieser Form wurden die Fertigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben.“ 63
Zur Gründung erster öffentlicher und auch privater Strick- und Spinnschulen kam es im 16. Jahrhundert. „Im Zuge der Reformation entstand das sogenannte Hausmutterideal, das das Jungfräulichkeitsideal des Mittelalters verdrängte und eine Wertschätzung der Ehe hervorbrachte.“ 64 Somit wurde die Vorstellung vorherrschend, dass adelige und bürgerliche Frauen „handarbeiteten, um das Haus zu verschönern und um die Kleidung auszuschmücken“, und zwar in „ihrer freien Zeit“. 65 Später entstanden Hauswirtschaftsschulen, in denen die Mädchen dazu befähigt werden sollten, selbstständig einen Haushalt zu leiten und zu bewirtschaften. „Während der Handarbeitsunterricht in der höheren Töchterschule also eine sehr bedeutende Rolle spielte, wurde er erst im 19. Jahrhundert in den Volksschulen eingeführt, die in der Regel von den Mädchen der unteren Schichten besucht wurden (…).“ 66
Die bereits am Ende des vorherigen Unterkapitels erwähnten Industrieschulen entstanden im Zuge der einsetzenden Industrialisierung und sollten der Armenfürsorge dienlich sein: Die dort vermittelten Fertigkeiten und Werte sollten die Kinder soweit vorbereiten, dass sie „später ihren Unterhalt in den entsprechenden Manufakturen oder Fabriken verdienen konnten“ 67 . Allerdings verlagerte sich der Fokus „sehr schnell in Richtung der reinen wirtschaftlichen Funktion, und in vielen Gebieten Deutschlands kam es dazu, daß die Schule
62 Historisches Museum Hannover: A. a. O., S. 7.
63 Ebd., S. 8.; vgl. Greiner: A. a. O., S. 40 ff.
64 Ebd., S. 9; vgl. dazu und zum Folgenden auch Greiner: A. a. O., S. 66 ff.
65 Ebd.
66 Ebd., S. 12.
67 Ebd.; vgl. Anhang, S. 103.
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mit der Wirtschaft zusammenarbeitete und die von den Verlegern in Auftrag gegebenen Arbeiten verrichtete“ 68 .
In den Volksschulen wurde der Handarbeitsunterricht am 15. Oktober 1872 obligatorisch eingeführt, so dass wöchentlich wenigstens zwei Stunden Handarbeiten gelehrt wurden ab der Mittelstufe, also ab dem achten Lebensjahr.
Im 20. Jahrhundert änderte sich die Einstellung gegenüber dem Handarbeitsunterricht: Nicht mehr die Vermittlung sittlicher und gesellschaftlicher Werte stand im Vordergrund, sondern der Versuch „im Rahmen der Kunsterziehung (…) die Geschmacksbildung stärker zu betonen“ 69 . In der Zeit des Nationalsozialismus wurde diese Entwicklung unterbrochen, denn die „sittlichen Aspekte der Ordnung, Sparsamkeit und des Fleißes rückten wieder in den Vordergrund und wurden zu einem wichtigen Mittel der nationalsozialistischen Propaganda“ 70 .
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde versucht, die zu Beginn des Jahrhunderts eingeschlagene Richtung weiterzuverfolgen: „Inhaltlich variiert der Handarbeitsunterricht bis in die Gegenwart hinein von hauswirtschaftlich-technischer über kunsthandwerkliche, über nützliche oder schmückende Haushaltswaren- oder Bekleidungsherstellung“ 71 , so dass im Zuge dessen auch unterschiedliche Bezeichnungen des Faches, wie „Handarbeiten“ oder „Textiles Werken“, gebräuchlich wurden. Heutzutage werden nicht mehr in allen Bundesländern Handarbeiten als eigenständiges Fach unterrichtet und wenn, dann können sie Pflicht-, Wahlpflicht- oder Wahlfach sein.
1.5 Stricken als Freizeitaktivität
Wird der Begriff „Freizeit“ als erwerbsfreie Zeit verstanden, die mit sinnvoller Beschäftigung gefüllt wird, so kann der Beginn „der Handarbeiten als Freizeitbeschäftigung (…) auf die mittelalterlichen Frauenklöster“ zurückgeführt werden. 72 Die eigentliche Aufgabe der Nonnen war der Chordienst; die Ausführung von Handarbeiten diente dem Ausfüllen der Zeit zwischen den täglichen Chorgebeten. Später gaben sie ihr Wissen, wie oben bereits genannt, an Töchter aus adligen Kreisen weiter. Somit wurde auch das Stricken als Freizeitbeschäftigung zunächst durch Frauen des Adels und des Bürgertums ausgeübt:
68 Ebd., S. 13.
69 Ebd., S. 16.
70 Ebd., S. 17
71 Ebd.
72 Ebd., S. 58.
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„Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Stricken zum bürgerlichen Zeitvertreib und zur Beschäftigung der Damenwelt. Der maschinengestrickte Strumpf hatte zwar längst seinen Siegeszug angetreten, aber die Handstrickkunst erfreute sich nach wie vor großer Bedeutung.“ 73 Für Familienmitglieder wurden wärmende Stricksachen aus Wolle angefertigt, wie Mützen, Handschuhe, Muffs, Schals und Schultertücher.
„Modezeitschriften spiegelten die unterschiedliche Wertschätzung des Strickens deutlich wider. Einerseits wurde es in manchen Gegenden hoch gelobt, andererseits manchmal verächtlich behandelt.“ 74 Stradal und Brommer zitieren aus dem „Journal des Luxus und der Moden“ aus dem Jahr 1799:
„,Die Engländerinnen pflegen nicht zu stricken. Nur der Fächer ersetzt die Beschäftigung der Bewegung. Aber jeder wird mir doch zugeben, daß so lange das Strumpftragen noch nicht durchgängig für unnütz gehalten wird, es weit nützlicher ist, wenn 600 Frauenzimmer in einer Stadt nur im Jahre 600 Strümpfe für sich, für die ihrigen oder arme hilflose Menschen durch eine leichte Bewegung hervorbringen, als wenn sie vermittels einer Million Fächerwehungen die Luft in schnellen Umkreis gebracht hätten.‘“ 75
Privat wurde zumeist mit „Wolle oder, wenn man geübt war, mit Seide“ gestrickt. Zwischen 1770 und 1780 kam das so genannte Weißstricken auf: Diese feine Spitzenstrickerei wurde mit sehr dünnen Drahtnadeln und feiner Baumwolle oder Leinenfäden ausgeführt. Großer Beliebtheit erfreute sich das Weißstricken in „Ländern, die keine eigene, traditionelle Spitzenherstellung besaßen (…). Dazu zählten Skandinavien, England und einige deutschsprachige Gebiete.“ 76 Zur gleichen Zeit kam die Perlstrickerei auf, die ihren Höhepunkt um 1850 erreichte. Sie „war so recht geeignet für die Biedermeierzeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Man lebte in häuslicher Zurückgezogenheit, so dass fast alle Frauen und Mädchen ausreichend Zeit und Muße hatten, sich mit Handarbeiten zu beschäftigen (…).“ 77 Das eigene Zuhause wurde mit „einer Fülle selbstgearbeiteten Beiwerks ausgeschmückt. Die Kunst des Strickens, die meistens weniger beliebt als das Sticken war, wurde durch diese Häuslichkeit beträchtlich aufgewertet“ 78 . Ein Zitat aus der „Allgemeinen Musterzeitung“ von 1853 beweist, dass schon damals Trends (öffentlich) gemacht wurden: „Wir teilen hier unseren Leserinnen eine neue Art von Arbeit mit, die da, wo sie bis jetzt bekannt geworden ist, ungemein gefällt. Es werden Armbänder mit gewöhnlicher sächsischer Wolle gestrickt sowie mit Perlen aus schwarzem Schmelz oder aus geschliffenem Kristall von einer
73 Stradal/Brommer: A. a. O., S. 169.; vgl. dazu und zum Folgenden auch Greiner: A. a. O., S. 95 ff.
74 Ebd.
75 Ebd.
76 Ebd., S. 173; vgl. Anhang S. 100.
77 Ebd., S. 179.
78 Ebd.
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Farbe, die zu jeder Wolle paßt, verziert. (…) Auch einen Wäschebeutel strickt die Frau des Hauses, in welchen man die getragenen Ärmel, Kragen und Morgenhauben steckt, welche vermöge der Spitze oder Stickereien, aus denen sie bestehen, vor der Wäsche der Ausbesserung bedürfen.“ 79
Mit der Wende zum 19. Jahrhundert wurden die ersten Strickbücher publiziert, wie zum Beispiel die „Miniaturbändchen“ von Johann Friedrich Netto (1756-1810) aus Leipzig, „die so klein waren, dass die Dame sie in ihrem ,Ridikül‘ (einem kleinen Handtäschchen) mittragen konnte“ 80 . Dass sich Bücher zum Thema Stricken an Frauen richteten, wird zum Beispiel an diesem Zitat aus einem Vorwort, erschienen 1800, deutlich: „Die gewöhnliche Beschäftigung der Damen der Gesellschaft, das Stricken, kann zugleich eine angenehme für sie werden, wenn sie etwas mehr als das Alltägliche von dieser Kunst verstehen und gute Muster zum Nachahmen vor sich haben. Allein nur wenige Damen haben das Glück, bei ihrem Unterricht mehr als das Gewöhnliche zu erlernen, und zwar aus dem natürlichen Grunde, weil die Lehrerinnen sollten etwas mehr verstehen. (…) Die Leserinnen sehen also, daß ich mich nicht unberufener Weise zum Lehrer in einer Kunst aufgeworfen habe, die gewöhnlich nur von ihrem Geschlecht ausgeübt wird und dem unserigen in der Regel unbekannt bleibt. - Um diesem Werk einen noch höheren Wert von Brauchbarkeit zu geben, vereinigte sich Herr Lehmann (der die Strumpfwirkerei versteht und sein Fach künstlermäßig betreibt) mit mir, welcher die Muster in den ersten 11 Kapiteln entworfen und gestochen hat.“ 81 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren Mode- und Frauenzeitschriften nicht mehr wegzudenken. Sie waren vordergründig für „die wohlhabende Bürgerin, die Zeit und Muße für die angeblich schönen Seiten des Lebens hatte“ gedacht, denn „Frauen, deren Tage mit harter Arbeit ausgefüllt waren, konnten sich müßige Tändeleien nicht leisten“. 82 Darin waren auch Strickanleitungen für Dinge zu finden, die aus heutiger Sicht unnütz(er) erscheinen, wie für Eier- und Kaffeewärmer, Kaffeefilter, Flaschenhüllen, Lampenfüße und -schirme, Hosenträger, Pferdedecken und -zügel, Sesselschoner, Puppensachen und Bälle. Aber nicht nur Frauen des Adels und des Bürgertums strickten, sondern auch Frauen bäuerlicher Herkunft, wie zum Beispiel im Alpenraum, wo die gezüchteten Schafe gleich die notwendige Wolle lieferten, die nach dem Spinnen verstrickt werden konnte. Hergestellt wurden vor allem Gelenkschützer für Hände und Waden. Beeinflusst durch den Biedermeier kamen zweifarbige Ringelstrümpfe in Mode. 83
79 Zit. nach: Ebd., S. 181 f.
80 Ebd., S. 183.
81 Netto/Lehmann, zit. nach ebd., S. 184.
82 Ebd., S. 188. Zur Entwicklung der Zeitschriftensituation in England vgl. Rutt: A. a. O., S. 135 ff.
83 Ebd., S. 190.
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In Kriegs- und Notzeiten wurde das Stricken für die weibliche Bevölkerung zu einer Pflicht; in Großbritannien wurde es während des Ersten Weltkrieges sogar als „national mania“ 84 angesehen:
„Nicht nur bei der Strickkunst, sondern auch bei der Handarbeit allgemein wechselten zu bestimmten Zeiten bezahlte Arbeit und Liebhaberei. Besonders deutlich wird dies bei der Herstellung von Hauben und Mützen in allen erdenklichen Formen: Die Nachthauben des 19. Jahrhunderts strickte man mit wahrer Begeisterung, die Schneehauben dagegen, die während des Ersten Weltkriegs 1914-1918 von Schulkindern für die Soldaten an der Front gestrickt werden mußten, wurden (…) weder für Geld noch aus Freude an der Arbeit hergestellt.“ 85 Einerseits strickten Frauen in Zeiten des Krieges, um ihren Gatten und Söhnen wärmende Kleidung anzufertigen, andererseits brachten sie ihnen gegenüber auf diese Weise Zuneigung und Verbundenheit zum Ausdruck. 86 Durch Vereine und Kommunen wurden Strick- und Nähstuben eingerichtet; auch in kirchlichen Stricktreffs wurde für Frontsoldaten gearbeitet. Spezialgeschäfte für Handarbeiten entstanden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts „aufgrund der großen Nachfrage“ 87 . Diese Entwicklung wurde durch die beiden Weltkriege unterbrochen. „Erst Ende der 1950er Jahre erlebte das Handarbeiten als Freizeitbeschäftigung wieder einen Aufschwung. Dies lässt sich auch an der Zahl der Handarbeitgeschäfte ablesen.“ 88 Diese Anzahl verringerte sich in den sechziger Jahren - Handarbeiten haftete der „Ruf des Hausbackenen“ an - und stieg „erst, als die Strickwelle das Image der Handarbeiten verbesserte“ 89 . Diese setzte etwa zwanzig Jahre später ein:
„Von Handarbeitstechniken, die im Trend liegen, lässt Frau oder Mann sich gern anstecken. Da gab es Anfang der achtziger Jahre einen wahren Strick-Boom, der die Handarbeitsbranche unglaublich beeinflusste: die Woll-Läden schossen wie Pilze aus dem Boden. Allein in Hannover und Umgebung gab es ca. 500 Geschäfte, die Handstrickgarne verkauften.“ 90 Stradal und Brommer beschreiben diese Situation auf Gesamtdeutschland bezogen im Jahr 1990 so:
„In den letzten Jahren widmet sich besonders die Jugend dem Stricken. Unzählige selbstgefertigte Bekleidungsstücke sind das Ergebnis derartiger Bemühungen. Auch kann man feststellen, dass die Fähigkeit zu stricken nicht nur auf fleißige weibliche Hände beschränkt bleibt. Ein Blick in gesellige Runden im Freundeskreis oder die Hörsäle der bundesdeutschen Universitäten bestätigt, daß auch männliche Wesen recht gut mit Stricknadeln umgehen können - und daß sie sogar Spaß
84 Rutt: A. a. O., S. 139.
85 Stradal/Brommer: A. a. O., S. 191.
86 Vgl. Greiner: A. a. O., S. 115 ff.; Döpfner: A. a. O., S. 16.
87 Historisches Museum Hannover: A. a. O., S. 69.
88 Ebd., S. 70; vgl. auch Döpfner: A. a. O., S. 16.
89 Ebd., S. 70.
90 Ebd., S. 71; Rutt stellt die Lage für Großbritannien dar: Rutt: A. a. O., S. 153 ff.
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daran zu haben scheinen. Ihren Vätern und Urgroßvätern wäre dies früher bestimmt nicht eingefallen - höchstens nur in Notzeiten. Im Zuge der Rückbesinnung auf natürliche Lebensweisen wächst auch das Bestreben, Kunstfertigkeiten der Vergangenheit wieder zu erlernen und auf die Gegenwart zu übertragen. Neben zahlreichen praktischen Strickarbeiten finden sich daher heute auch wieder Arbeiten, die dem Zeitgeist vergangener Jahrhunderte mit viel Geduld und Liebe nachempfunden sind.“ 91
In den neunziger Jahren wurden erneut zahlreiche Handarbeitsgeschäfte und Wollläden geschlossen; auch die Auflagen entsprechender Zeitschriften sanken oder deren Produktion wurde gänzlich eingestellt. 92 Mit Beginn der Wende zum 21. Jahrhundert zeichnet sich erneut ein anderes Bild.
1.6 Aktuelle Tendenzen
„Knitting is more popular than ever“, befindet Kerry Wills und unterstreicht ihre Ansicht mit Daten des Craft Yarn Council of America (CYCA). Im Jahr 2004 hatte es untersuchen lassen, wie verbreitet Handarbeiten in den USA sind mit dem Resultat, dass jede dritte US-Amerikanerin - das sind 53 Millionen Frauen -, stricken oder häkeln kann. Dieser Fakt überraschte derart, dass vom Zweijahresrhythmus abgewichen und bereits ein Jahr später eine weitere, genauere Untersuchung durchgeführt wurde:
„The first survey showed that women aged twenty-five to thirty-four led the knitting and crocheting renaissance. The second survey (…) showed that knitting and crocheting among those young women increased by 150 percent between 2002 and 2004—more than in any other category. About 6.5 million—that’s one in every three women aged twenty-five to thirty-four— started knitting or crocheting in those two years.“ 93
Zum Vergleich: In der Gruppe der Bis-18-Jährigen stieg der Anteil der Strickerinnen und Häklerinnen von acht auf 16 Prozent und in der Gruppe der 55-bis-64-Jährigen stieg der Anteil um 74 Prozent - „but that trend didn’t get the same media attention as the upswing in young knitters“. Als Gründe für diese neue Strickbegeisterung macht Wills zwei Gründe aus: „the do-it-yourself (DIY) movement and third-wave feminism. (…) it is the convergence of the goals of these two ideologies that made knitting so attractive for the young, progressive women who fueled the urban knitting circle trend in the middle to late 1990s.“ 94
91 Stradal/Brommer: A. a. O., S. 194.
92 Vgl. http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1999/1116/none/0018/index.html (15.
07.08). Zur Auflagenentwicklung der Zeitschrift „Brigitte“: http://www.guj.de/downloads/aktuell/brigitte50/
Markenfamilie_Handout.pdf (15.07.08).
93 Auch zum Folgenden: Wills: A. a. O., S. 29.
94 Ebd., S. 30.
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Ausgangspunkt für das Medieninteresse scheint aber vor allem die Tatsache zu sein, dass auch in der Öffentlichkeit gestrickt wird. In den USA war es Debbie Stoller, die das erste öffentliche Stricktreffen in New York initiierte:
„I had a mission. It was time to ,take back the knit.‘ (…) I also wanted to do everything in my power to raise knitting’s visibility and value in the culture. I began to knit in public. I organized the first New York City Stitch ’n Bitch group as an open forum where women or men interested in learning to knit could mingle and share their knowledge. (…) I wrote about it, with no shame or ironic edge, in BUST (US-amerikanisches, feministisches Frauenmagazin, M. B.). I firmly believe that knitting—a centuries-old craft that women had perfected—deserved to be as respected and honored as any other craft, and I wanted to make sure that I got its props.“ 95 Stoller listet in ihrem „Handbuch“ die Namen prominenter - realer und fiktionaler -Hollywood-Persönlichkeiten, die stricken. In West Hollywood wurde ein „Knit Café“ eröffnet; im ersten Strickcafé an der Ostküste mit dem Namen „Knit New York“ wurden im Dezember 2003 zum ersten Mal Gäste willkommen geheißen. 96 In diversen Zeitungsartikeln zum Thema Stricken werden auch immer wieder strickende Prominente 97 erwähnt und/oder in neueren wird Stricken fast immer als „das neue Yoga“, was - zumindest für den März dieses Jahres - an einer Pressemitteilung der Deutschen Presseagentur (dpa) liegen könnte, bezeichnet. 98
Dieses Image könnte der Grund dafür sein, dass mittlerweile Reisen unter dem Motto „Knitting and Yoga Adventures“ 99 angeboten werden. Radikaler formuliert wurde es in einer Online-Bewerbung für das Buch „Stricken für Dummies“: „Yoga ist out - Der Strickboom aus den USA hat nun auch Deutschland erreicht.“ 100
Von den Vereinigten Staaten von Amerika aus verbreitete sich das öffentliche Stricken in Europa zunächst auf den britischen Inseln 101 : „In Großbritannien ist das Stricken in Cafés, Gesprächsgruppen und sogar U-Bahn-Treffs das neue Trendhobby schlechthin.“ 102 Das war im Jahr 2006. In einem Pressetext der Initiative Handarbeit zweieinhalb Jahre zuvor wurde schon verlautbart:
95 Stoller: Stitch ’n Bitch, S. 9. Vgl. auch http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/390625 (24.02.08).
96 Siehe http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=4918&CategoryID=61 beziehungsweise http://www.3sat.
de/3sat.php?http://www.3sat.de/tips/mode/70712/index.html und http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung
/archiv/.bin/dump.fcgi/2004/0216/vermischtes/0022/index.html (18.03.08).
97 Vgl. http://steiermark.orf.at/magazin/immergutdrauf/freizeit/stories/90474 (19.07.08) und http://news.bbc.co.
uk/1/hi/northern_ireland/4204871.stm (24.03.08).
98 Zum Beispiel http://www.derwesten.de/nachrichten/nachrichten/panorama/2008/3/4/news-28045002/detail.
html oder http://www.monstersandcritics.de/artikel/200810/article_64953.php/Randmasche-statt-Lotossitz-
Stricken-ist-das-neue-Yoga (29.06.08).
99 Vgl. http://www.knittingandyogaadventures.com (19.07.08).
100 Zitiert aus http://www.weltbild.de/index.html?b=11902723&wea=8002820 (19.07.08).
101 Vgl. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,390500,00.html (23.03.08).
102 Siehe http://www.n-tv.de/711975.html (29.03.08).
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