geht, hätten Staaten das oberste Ziel die Erhöhung der Sicherheit und damit die Steigerung der relativen Macht anderer Staaten im Staatengefüge zu verhindern. Jeder Versuch der Si‐ cherheitserhöhung eines Staates wird daher von den anderen Staaten als Bedrohung ihrer eigenen Sicherheit wahrgenommen. Die anderen Staaten werden daher ihrerseits Mass‐ nahmen ergreifen die eigene Sicherheit auch zu erhöhen, was wiederum von dem ersten Staat als Bedrohung wahrgenommen wird (Grieco 1988, Jervis 1988, Rosecrane 2001). ses Mächtespiel, in dem alle Staaten folglich in Opposition zueinander stehen, hätte zu nem Gleichgewicht des internationalen Systems geführt da:
„with each successful conquest, the aggressor presents a greater threat to the security of the remaining states because of its increasing capability and increasing confidence that it will be unopposed. Hence the defenders' collective good in blocking further encroachments increases dramatically with each round [...] At some point, the cost of resistance will be assessed as lower than the cost of allowing the aggression to succeed" (Snyder 1997 in Rosecrane 2001: 134).
Das internationale System ist demnach geprägt von einer generellen Unsicherheit. Auf‐ grund der internationalen Anarchie sorgen sich Staaten nicht nur darum, wie gut sie im Staa‐ tengefüge positioniert sind, sondern auch darum, wie gut sie im Vergleich zu anderen Staa‐ ten positioniert sind. Kooperation untereinander erweist sich daher als äusserst schwierig. Geht ein Staat mit anderen Staaten eine Kooperation ein, um seine und die der Kooperati‐ onspartner in Relation zu anderen Staaten zu erhöhen, könnte es sein, dass ersterer somit eine Überlegenheit erlangt, die die Ziele oder gar die Sicherheit seiner Kooperationspartner gefährdet. Nach Snidal (1991) müssen sich die Kooperationspartner somit fragen, wie der aus einer Partnerschaft resultierende relative Gewinn denn aufgeteilt wird und ob er nicht dazu genutzt werden könnte, die Kooperationspartner schlussendlich zu vernichten.
Das Problem der Kooperation zweier Staaten kann im Gefangenendilemma‐Modell an‐ schaulich verdeutlicht werden. Die Bezeichnung entstammt einer Anekdote, die zur Erklä‐ rung der Logik des Modells allgemein Verwendung findet: Zwei Diebe werden von der Polizei verhaftet und auf das Präsidium zur Vernehmung gebracht, wo sie beide anschliessend ge‐ trennt voneinander verhört werden. Beiden wird Straferlass angeboten, wenn sie ein Ges‐ tändnis ablegen und gegen den jeweils anderen aussagen. Denn da nur Indizienbeweise ge‐ gen die beiden Gefangenen vorliegen, wissen die Behörden, dass sie ohne Geständnis vor Gericht nur eine geringe Strafe erwirken können.
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Die Gefangenen haben nun zwei Möglichkeiten, nämlich Kooperation („cooperate“) oder Verrat („defect“). Der relative Gewinn ist für einen Gefangenen am grössten, wenn er auf den Handel eingeht und seinen Komplizen verrät, dieser aber kooperiert und nicht aussagt (DC). In diesem Fall würde der Verräter freigelassen werden, während sein Komplize die Höchststrafe erhält. Am zweitgünstigsten ist
Zeit einzusperren. Der schlechteste Fall trifft jedoch für einen Gefangen ein, wenn er koope‐ riert, also seinen Komplizen nicht verrät, dieser jedoch der Versuchung nachgibt und auf den Handel mit den Behörden eingeht (CD). Denn dann würde letzterer aus der Haft entlassen werden, während ersterer die Höchststrafe erhält (s. Abb. 1).
Das Dilemma artikuliert sich nun in der Frage, ob es die rationalere Strategie ist zu koope‐ rieren oder eher zu verraten. Wie weiter oben geschrieben, erreichen die Gefangenen das zweitbeste Resultat, wenn sie miteinander kooperieren würden. Weil jedoch keiner der bei‐ den wissen kann, ob sich der jeweils andere ebenso wohlwollend verhält, birgt die Koopera‐ tion immer die Gefahr, dass der andere der Versuchung erliegt und auf den Handel mit den Behörden eingeht. Da beide Gefangenen das Risiko mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht ein‐ gehen werden, ist das Resultat in der Regel der gegenseitige Verrat. Und das, obwohl beide Gefangenen wissen, dass gegenseitige Kooperation für beide eigentlich die bessere Option wäre. Somit bleibt als einziger Ausweg aus dem Dilemma nur der gegenseitige Verrat (Don‐ nelly 2000).
Aufgrund des vom Egoismus geprägten anarchistischen internationalen Systems, in dem es keine bindenden rechtlichen Strukturen gibt, welche die Einhaltung von interstaatlichen Vereinbarungen garantieren würden, lassen sich die internationalen Beziehungen mit dem Gefangenendilemma‐Modell vergleichen:
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„In a world of conflict and cooperation, strategic interaction, and nonbinding agreements, it is not surprising that many scholars of international relations have used noncooperative game theory as a formalism to model theories of international politics“ (Majeski & Fricks 1995: 623).
Zwei Staaten, die untereinander eine Vereinbarung aushandeln - sei es wirtschaftlicher oder militärischer Art -, sehen sich vor das Problem gestellt, ob der jeweilige Kooperationspartner diese auch wirklich einhält, oder ob er sie zugunsten der Verfolgung seiner übergeordneten Eigeninteressen schlussendlich bricht. Beide eine Vereinbarung eingehenden Staaten, stehen vor den folgenden Möglichkeiten: Ausbeutung des anderen (DC), gegenseitige Kooperation (CC), gegenseitiger Verrat (DD) und die Gefahr ausgebeutet zu werden (CD). Nach den Re‐ geln des Gefangenendilemma‐Modells ist der relative Gewinn für beide Staaten niedriger, wenn sie ihre Eigeninteressen verfolgen und die Vereinbarung brechen, als wenn sie von diesen abweichen und miteinander kooperieren. Das Dilemma bleibt auch dann noch beste‐ hen, wenn beide Staaten in einem bestimmten Bereich kooperieren würden, da sie noch weiterhin grosse Anreize hätten, in anderen Bereichen die Vereinbarung zu brechen. Der re‐ lative Gewinn wäre für beide Staaten aber höher, wenn sie miteinander kooperieren wür‐ den, weil jede Durchsetzung der Eigeninteressen die relative Positionierung des Kooperati‐ onspartners im Staatengefüge negativ verändert. Wenn aber zwingende Vereinbarungen nicht durchsetzbar sind, wird keiner der beiden Staaten kooperieren, weil beide Parteien nicht wissen, wie der jeweils andere handeln wird. Nur wenn wirklich bindende Vereinba‐ rungen beschlossen werden könnten, wäre der Anreiz zur Kooperation gross genug, weil die Kooperationspartner dann sicher sein könnten, dass der relative Gewinn für beide Parteien so am höchsten ist. In einem anarchistischen System sind zwingend bindende Vereinbarun‐ gen jedoch in der Regel nicht durchsetzbar (Jervis 1988, Snidal 1985). Wie also sind Kooperationen der Staaten untereinander dann überhaupt möglich? Die bis‐ herigen Überlegungen bezogen sich auf ein eher statisches Gefangenendilemma‐Modell, in dem die Staaten ihre Entscheidungen in der Gegenwart beschliessen und durchführen. In diesem Modell sind Kooperationen eher unwahrscheinlich, weil sich die Kooperationspart‐ ner stets der Gefahr ausgesetzt sehen, dass der jeweils andere zugunsten seiner eigenen In‐ teressen die Vereinbarungen bricht und dem Kooperierenden damit schadet. Kooperationen zwischen zwei Staaten werden jedoch wahrscheinlicher, wenn man auch eine zeitliche Kom‐ ponente und somit ein dynamischeres Modell in Betracht zieht. Das bedeutet, dass das Ge‐ fangenendilemma‐Modell nicht nur einmal, sondern mehrfach durchgespielt wird. Wenn beispielsweise bereits in der Vergangenheit Vereinbarungen beschlossen wurden, wissen
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sich die Kooperationspartner in der Gegenwart nun besser einzuschätzen, weil sie bereits früher Erfahrungen bezüglich des jeweils anderen Staates sammeln konnten. Diese Erfah‐ rungen erleichtern oder erschweren zukünftige Kooperationen, je nachdem wie sich der Ko‐ operationspartner in der Vergangenheit verhalten hat. Hat sich eine frühere Kooperation als erfolgreich erwiesen, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich beide Parteien auf eine Erneue‐ rung oder Erweiterung der Kooperation einigen werden, weil über die Zeit gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden konnte. Umgekehrt ist es wahrscheinlich, dass ein Staat seine Vereinbarung brechen wird, wenn er bereits in der Vergangenheit von seinem Kooperati‐ onspartner betrogen worden ist. Überraschenderweise spielen nach Snidal (1985) aber ver‐ gangene Erfahrungen eine eher untergeordnete Rolle. Ausschlaggebend für die Entschei‐ dung zur Kooperation oder zum Verrat wären eher die Zukunft betreffende Überlegungen ohne die Berücksichtigung vergangener Erfahrungen. Wenn die Kooperationspartner wissen, dass sie höchstwahrscheinlich auch zukünftig miteinander verhandeln werden, ist die Chan‐ ce gross, dass sich ein Staat in der Gegenwart kooperativ verhält, in der Hoffnung, dass sich der andere Staat in der Zukunft dann auch so verhalten wird. Die Entscheidung zur Koopera‐ tion wird aber nach Snidal nur dann wahrscheinlich, wenn folgende drei Bedingungen erfüllt sind:
1. Die Kooperationspartner müssen sich sicher sein, dass es noch mehrere Verhandlun‐ gen geben wird, damit der zunächst unkooperative Partner seine Entscheidung ratio‐ nal überdenken kann und sich bei der nächsten Verhandlungsrunde womöglich ko‐ operativ verhält.
2. Der relative Gewinn, der in der Zukunft erzielt werden kann, muss höher sein als der Gewinn durch unkooperatives Verhalten in der Gegenwart.
3. Der relative Gewinn, der in der Zukunft erzielt werden kann, muss höher sein als die Verluste, die durch unkooperatives Verhalten der Kooperationspartner kumuliert werden (930f).
Die Berücksichtigung eines dynamischen Gefangenendilemma‐Modells verdeutlicht, wie Ko‐ operationen der Staaten untereinander in einem anarchistischen internationalen System ermöglicht werden. Wie zuvor dargelegt, ist für Staaten in einem statischen Modell der Ver‐ rat, also die Nichteinhaltung von Vereinbarungen die rationalere Strategie. Das Dilemma manifestierte sich in der Überlegung, dass ein Staat die Entscheidung des Kooperationspart‐
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ners nicht vorhersehen kann und daher diese Strategie wählen muss, auch wenn die Koope‐ ration eigentlich höhere relative Gewinne erzielen könnte, wenn beide Parteien sich gleich verhalten würden. Ein Ausweg aus dem Dilemma konnte aufgezeigt werden, indem eine Zeitachse hinzugezogen wurde. Die Berücksichtigung der Zeit erleichtert Staaten die rationa‐ lere Entscheidung zur Kooperation, da sie erstens aus der Vergangenheit lernen konnten und zweitens - noch wichtiger - die Aussicht auf zukünftige Vereinbarungen den Spielraum für strategische Entscheidungen erhöht. Daher können auch in einem anarchistischen internati‐ onalen System ohne eine Weltregierung zwischen den Staaten Kooperationen entstehen. BIBLIOGRAPHIE
DONNELLY, Jack 2000. The realist tradition. In: Jack Donnelly. Realism and International Re‐ lations. Cambridge University Press, Cambridge, S. 6‐42
GRIECO, Joseph M. 1988. Realist Theory and the Problem of International Cooperation: Analysis with an Amended Prisoner's Dilemma Model. In: The Journal of Politics, Vol. 50, No. 3 (Aug., 1988), S. 600‐624
JERVIS, Robert 1988. Realism, Game Theory, and Cooperation. In: World Politics, Vol. 40, No. 3 (Apr., 1988), S. 317‐349
MAJESKI, Stephen J. & Shane Fricks 1995. Conflict and Cooperation in International Relations. In: The Journal of Conflict Resolution, Vol. 39, No. 4 (Dec., 1995), S. 622‐645 ROSECRANE, Richard 2001. Has Realism Become Cost‐Benefit Analysis? A Review Essay. In: International Security, Vol. 26, No. 2 (Autumn, 2001), S. 132‐154 SNIDAL, Duncan 1985. Coordination versus Prisoners' Dilemma: Implications for International Cooperation and Regimes. In: The American Political Science Review, Vol. 79, No. 4 (Dec., 1985), S. 923‐942
‐‐‐‐‐‐ 1991. Relative Gains and the Pattern of International Cooperation. In: The American Political Science Review, Vol. 85, No. 3 (Sep., 1991), S. 701‐726
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Arbeit zitieren:
BA Marc Bonenberger, 2008, Der Realismus und das Gefangenendilemma, München, GRIN Verlag GmbH
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