Danksagung
Mein herzlicher Dank gilt den vielen Menschen, die am Gelingen dieser Diplomarbeit beteiligt waren.
Der allererste Dank geht an Frau Prof. Gabriele Faust sowie Herr Prof. Hans-Günther Roßbach für die Betreuung und Gutachtung über diesen langen Zeitraum. Karina Greb und Sebastian Poloczek danke ich für deren stetige Unterstützung, bei inhaltlichen wie methodischen Fragen. Mein Dank gilt außerdem Dr. Thomas Bäumer, mit dessen Engagement mir die statistische Welt näher gebracht wurde und der mich jederzeit bereitwillig im empirischen Teil unterstützt hat. Zudem danke ich meinem Vater, dessen andauernde Unterstützung mir während der Studienzeit einen großen Rückhalt gab. Nicht zuletzt danke ich Franziska William, Christiane Große und Ale- xandra Rudolph, die mich auf so vielen Wegen begleitet haben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
I. Theoretischer Hintergrund
1. Fähigkeitsselbstkonzept als Komponente vom Selbstkonzept. 3
1.1 Zum Selbstkonzeptbegriff. 3
1.1.1 Historische Einordnung. 4
1.1.2 Versuch einer Definition. 6
1.2 Strukturelle Aspekte des Selbstkonzepts 9
1.3 Komponenten des Selbstkonzepts 12
1.4 Zusammenfassung 13
2. Forschungsgegenstand Fähigkeitsselbstkonzept. 14
2.1 Präzisierung des fähigkeitsbezogenen Selbstkonzeptbegriffes. 14
2.2 Struktur des Fähigkeitsselbstkonzeptes 15
2.3 Genese von Fähigkeitsselbstkonzepten 17
2.4 Bedeutung der Fähigkeitsselbstkonzepte für die Schulleistung 22
2.4.1 Fähigkeitsselbstkonzepte und Schulleistung. 22
2.4.2 Fähigkeitsselbstkonzepte von Kindern im Anfangsunterricht 24
2.5 Determinanten von Fähigkeitsselbstkonzepten 27
2.5.1 Helmkes Modell zentraler Determinanten 27
2.5.2 Quellen akademischer Selbstkonzepte. 30
2.6 Zusammenfassung 33
3. Bewertung durch signifikant Andere. 34
3.1 Begriffsklärung 34
3.1.1 Signifikant Andere 34
3.1.2 Bewertung 35
3.2 Übernahme von Bewertungen signifikant Anderer 36
3.2.1 Erklärungsansatz aus Sicht des symbolischen Interaktionismus 36
3.2.2 Erklärungsansatz aus kognitionstheoretischer Sicht 38
3.3 Bewertung signifikant Anderer als Quelle. 39
3.4 Zusammenfassung 41
4. Aktueller Forschungsstand zum Zusammenhang von Fähigkeits-
selbstkonzepten und Fähigkeitseinschätzungen der Eltern 43
5. Fragestellung und Hypothesengenerierung. 48
5.1 Ziele der Untersuchung. 48
5.2 Hypothesenableitung 48
5.3 Zusätzliche Fragestellungen 50
5.3.1 Einfluss von Drittvariablen 50
5.3.2 Einfluss des Geschlechtes 51
II. Empirische Analyse
6. Überblick über die Studie „Persönlichkeits- und -Lernentwicklung
in sächsischen Grundschulen“ (PERLE) 53
7. Untersuchungsbeschreibung. 56
7.1 Stichprobenbeschreibung. 56
7.2 Untersuchungsablauf 57
7.3 Untersuchungsinstrumente. 59
7.3.1 Fähigkeitsselbstkonzepterhebung 59
7.3.2 Elterliche Fähigkeitseinschätzung der Kinder 61
7.4 Statistische Testverfahren 61
8. Ergebnisse. 64
8.1 Deskriptive Ergebnisse 64
8.1.1 Deskriptive Ergebnisse der Fähigkeitsselbstkonzepterhebung 65
8.1.2 Deskriptive Ergebnisse der Erhebung zur Elterneinschätzung 66
8.2 Ergebnisse der Hypothesenüberprüfung. 68
8.3 Überprüfung der zusätzlichen Fragestellungen 70
8.3.1 Überprüfung des Einflusses von Drittvariablen. 70
8.3.2 Überprüfung des Einflusses des Geschlechts. 71
9. Diskussion 75
9.1 Limitationen. 75
9.2 Diskussion der Deskriptivstatistiken 77
9.3 Diskussion der Ergebnisse der Hypothesenüberprüfung 78
9.4 Diskussion der Ergebnisse der zusätzlichen Fragestellungen. 80
9.4.1 Einfluss von Drittvariablen 80
9.4.2 Einfluss des Geschlechts. 81
9. 5 Zusammenfassung 83
Literaturverzeichnis 85
I. Theoretischer Hintergrund
In diesem Teil der Arbeit soll der theoretische Hintergrund für das Verständnis der Untersuchungsfrage geklärt werden. So wird im ersten Kapitel auf das Fähigkeitsselbstkonzept als Komponente vom Selbstkonzept eingegangen. Dem folgend wird
in Kapitel zwei das Fähigkeitsselbstkonzept 1 präzisiert und es werden wesentliche Determinanten des Konstruktes aufgezeigt. Daraufhin werden in Kapitel drei Einschätzungen signifikant Anderer als Quelle akademischer Selbstkonzepte dargelegt und abschließend der aktuelle Forschungsstand zum Zusammenhang von Fähigkeitsselbstkonzepten und elterlichen Fähigkeitseinschätzungen ihrer Kinder resümiert.
1. Fähigkeitsselbstkonzept als Komponente vom Selbstkonzept
Im folgenden Kapitel wird auf das Konstrukt Selbstkonzept Bezug genommen, da sich der Forschungsgegenstand ‚Fähigkeitsselbstkonzept’ als Ausschnitt des globalen Selbstkonzeptes begreifen lässt. Aufgrund dessen ist es für das theoretische Verständnis von Belang, sich vorab mit dem Selbstkonzept auseinanderzusetzen. Nach allgemeinen Erläuterungen zum Selbstkonzeptbegriff und dessen historische Entwicklung, wird ein Versuch einer Definition vorgenommen. Daraufhin wird mit Hilfe des hierarchischen, multidimensionalen Modell von Shavelson et al. (1976) die Struktur des Selbstkonzeptes genauer betrachtet. Abschließend werden die Komponenten des globalen Selbstkonzeptes dargestellt, um dem eigentlichen Forschungs-gegenstand Fähigkeitsselbstkonzept näher zu kommen.
1.1 Zum Selbstkonzeptbegriff
Das Selbst stand schon weit vor den Anfängen der Psychologie im Interesse des Menschen und besitzt auch heute einen großen Stellenwert in der Wissenschaft.
„Das Selbst ist ein Thema mit Konjunktur, vielleicht sogar mit Dauerkonjunktur in der psychologischen Forschung. Es scheint geradezu ein Konzept par excellence für eine Wissenschaft zu sein, die die Psyche des Menschen zum Gegenstand hat.“
1 In der vorliegenden Arbeit werden Fähigkeitsselbstkonzepte, akademische Selbstkonzepte sowie schulische Selbstkonzepte als Synonyme verwendet und es wird nicht auf den englischen Begriff „academic self-concept“, wie ursprünglich bezeichnet (vgl. Shavelson et al. 1976), zurückgegriffen.
Aufgrund der langen Tradition und der daraus resultierenden Unübersichtlichkeit gibt es in der psychologischen Forschung kaum ein Gebiet, in dem eine einführende Begriffsbestimmung so notwendig ist wie in der Selbstkonzeptforschung. Demgemäß besteht in der Wissenschaft eine große Begriffsvielfalt. ‚Selbstkonzept’ wird in anderen Konzeptionen synonym zu Begriffen wie Selbst, Selbstwertgefühl, Selbsteinschätzung, Identität oder Persönlichkeit verwendet. Diese unterschiedlichen Begriffe spiegeln dabei jeweils unterschiedlich akzentuierte theoretische Standpunkte wider
und bearbeiten unterschiedliche Teilaspekte (vgl. Krupitschka 1990, S. 10f.). 2 Der Terminus ‚Selbstkonzept’ war, angesichts dessen Mehrdeutigkeit und nur schwer eingrenzbaren Bedeutungen, lange Zeit in der Psychologie ein umstrittener Begriff, welcher sich aber in den letzten 20 Jahren in der Wissenschaft etabliert hat. Diese Ambiguität lässt sich aus der historischen Entwicklung erklären, welche einem Definitionsversuch vorangestellt werden soll.
1.1.1 Historische Einordnung
Die Frage nach dem Selbst hat Philosophen über Jahrhunderte hinweg beschäftigt. Bereits Aristoteles entwickelte die fundamentale Unterscheidung zwischen körperlichen und seelischen menschlichen Merkmalen (vgl. Flashar 2004, S. 213ff.). Diese kann bei einer weit gefassten Betrachtung als ein erster vorwissenschaftlicher Erklärungsversuch angesehen werden. Weitere nennenswerte Philosophen, die sich mit dem Selbst auseinandergesetzt haben, sind unter anderen Descartes, Berkeley, Hobbes und Hume. Den tatsächlichen Ausgangpunkt für die Selbstkonzeptforschung stellt allerdings William James mit seinem Werk „The Principles of Psychology“ (1890) dar. Darin postuliert er den Glauben an ein aktives, handelndes Selbst und gibt eine umfassende und auch heute noch beeindruckende Darstellung von der Natur des Selbst (vgl. James 1892/1984). Nach James` Auffassung bildet das Selbst „die Gesamtheit der Sätze, die sich auf die sie äußernde Person beziehen.“ (Greve 1989, S. 10). James unterscheidet dabei das Selbst in ein „Selbst als zum Bewusstsein kommendes“ („Me“) und ein „Selbst als Bewusstsein habendes“ („I“) (vgl. James 1892/1984). Noch heute ist diese Unterscheidung Kernpunkt vieler psychologischer Ansätze. Cooley (1902), beeinflusst von James´ Entwurf, entwickelte die soziologi-
2 Inder vorliegenden Arbeit werden die Begriffe „Selbstkonzept“ und „Selbst“ synonym verwendet, wenngleich in anderen theoretischen Fassungen zwischen beiden Begriffen unterschieden wird (vgl. Markus 1977).
sche Konzeption des Spiegel-Selbst („Looking-glass self“), nach dem das Selbstgefühl davon abhängt, was wir glauben, dass Andere uns sehen. Erst dadurch ist es dem Individuum möglich, sich selbst zum Objekt der eigenen Wahrnehmung zu machen und Identität zu entwickeln (vgl. Cooley 1902/1970). Auch George Mead griff die Unterscheidung von James in seinem Werk „Mind, Self, and Society“ (1934) auf und wies auf den reflexiven Charakter des Selbst hin, d.h., die Fähigkeit des Menschen, Objekt und Subjekt gleichzeitig zu sein (vgl. Mead 1934/1968). Er formte außerdem Cooley`s Ansatz des sozialen Selbst weiter aus, indem er die Anderen konkretisierte und den Begriff ‚significant others’ prägte. Allport, als ein Vertreter der frühen Persönlichkeitspsychologie, entwickelte eine umfassende Theorie des Selbst (1961), die auch heute noch zu den wichtigsten systematischen Ordnungsversuchen zählt. In seinem Werk entwickelte er einen neuen Begriff: das ‚Proprium’, welches Allport als höchstes zentrales Konstrukt betrachtet (vgl. Allport 1961/1973). Folgt man seinem Ansatz, stellt es die einzige Perspektive dar, das Verhalten eines Individuums zu verstehen. In der früheren Vergangenheit sind vor allem die Arbeiten von Hazel Markus (1977) und die Konzeption von Sigrun-Heide Filipp (1979) hervorzuheben. Markus spricht von ‚Selbst-Schemata’, welche eine kognitive Generalisierung über die eigene Person darstellen (vgl. Markus 1977, S. 63ff.). Diese ‚Selbst-Schemata’ organisieren und leiten die Verarbeitung von Informationen, die sich auf die eigene Person beziehen. Filipp`s Ansatz stellt einen zeitigen Beitrag der Forschung zum Selbstkonzept und Informationsverarbeitungsparadigma dar. Sie konzipierte das Selbstkonzept als Wissensstruktur hinsichtlich der eigenen Person und machte fünf Quellen der selbstbezogenen Informationen aus. Ihre Arbeiten untersuchten insbesondere den Prozess der Aufnahme und die Verarbeitung selbstbezogener Informationen (vgl. Filipp 1979, S. 129ff.). Von entscheidender Bedeutung ist auch die Arbeit von Richard Shavelson und Mitarbeitern (1976). Das Shavelson Modell, welches von einem multidimensionalen und hierarchischen Selbstkonzept ausgeht (vgl. Shavelson et al. 1976), prägte insbesondere die Selbstkonzeptforschung in der pädagogischen Psychologie. Da dieser Ansatz das Fundament dieser Untersuchung darstellt, wird er in Kapitel 1.2.2 ausführlich erörtert und soll hier nur erwähnt bleiben.
Die dargestellten Arbeiten haben die Selbstkonzeptforschung des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt und stellen wichtige Anknüpfungspunkte für moderne Konzeptionen dar. Im folgenden Kapitel soll nun, auf Grundlage dieser Ansätze, der Versuch einer Definition gewagt werden.
1.1.2 Versuch einer Definition
Wie im vorangegangenen Kapitel erkennbar wurde, ist das Selbstkonzept ein vielfältig untersuchtes Konstrukt und auch in der Gegenwart bestehen viele verschiedene, methodisch und inhaltlich oftmals divergierende Ansätze. Darüber hinaus sind an der wissenschaftlichen Diskussion über das Selbstkonzept mehrere differente akademische Disziplinen beteiligt, was den Konsens einer allgemeingültig anerkannten Definition erschwert. Dementsprechend ist man in der Wissenschaft von einer einheitlichen, integrativen Theorie zu Aufbau, Struktur und Funktion von Selbstkonzepten noch sehr weit entfernt und es besteht eine Vielfalt an Definitionen. Es soll an dieser Stelle allerdings nicht die Vielzahl der Konzeptionalisierungen in ihrer Heterogenität dargestellt werden. Stattdessen wird ersatzweise auf eine von Filipp entwickelte Ka-tegorisierung zurückgegriffen (vgl. Filipp 1980, S. 106ff.): Die erste Kategorie beinhaltet Ansätze, die „Selbstkonzepte als die individuellen Formen der kognitiven Ausgestaltung des Person-Umwelt Bezuges“ (Filipp 1980, S. 106) ansehen. Vertreter dieser Kategorie heben die Erkenntnis des Individuums hervor, dass die Person als distinktive Entität, also als von der Umwelt abgehoben, existiert. Ansätze der zweiten Kategorie benennen das Selbst als Gesamtheit aller Sichtweisen, die eine Person von sich selbst geformt hat, d. h. sie definieren das Selbstkonzept als kognitive Repräsentation des Selbst. Im Zentrum des Interesses steht hier, mittels welcher Attribute, Merkmale, Kategorien sich eine Person definiert. Schließlich dominiert eine Forschungstradition, welche „Selbstkonzepte ausschließlich unter dem Gesichtspunkt einer affektiv-evaluativen Färbung betrachtet. Darin werden Selbstkonzepte begrifflich gleichgesetzt mit ‚Selbstwertgefühl’ oder ‚Selbstakzentuierung’ … und zur Umschreibung der globalen Selbstwertschätzung einer Person verwendet.“ (Filipp 1980, S. 107). Allerdings anzumerken, dass innerhalb jeder Kategorie ein weites Spektrum an Theorien zu finden ist, weshalb diese Einteilung nur als grobe Kategorisierung angesehen werden darf.
In der vorliegenden Arbeit werden Selbstkonzepte, wie in der Tradition der zweiten Kategorie, als kognitive Repräsentation des Selbst verstanden. Das Selbstkonzept wird dabei als hypothetisches Konstrukt aufgefasst, d.h. als eine Bezeichnung eines komplexen psychischen Sachverhaltes (vgl. Neubauer 1976, S. 12) und ist als „Gesamtheit der (mehr oder minder stabilen) Sichtweisen, die eine Person von sich ge-formt hat“ (Filipp 1978, S. 107) anzusehen. Das Selbstkonzept wird damit als Ganz- heit derjenigen Merkmale gesehen, die das Individuum als zu sich gehörig betrachtet.
„Unter dem Selbstkonzept kann man demnach die Gesamtheit der auf die eigene Person bezogenen Beurteilungen verstehen. Beurteilt werden kann an der eigenen Person im Grunde alles: körperliche und psychische Merkmale aller Art, im einfach beschreibenden, aber auch im bewertenden Sinne, Merkmale aus der Vergangenheit, an die man sich erinnert, oder Merkmale, die man sich gegenwärtig zuschreibt, oder Merkmale, die man sich wünscht, nach denen man strebt, oder von denen man erwartet, sie in Zukunft zu besitzen.“ (Mummendey 1990, S. 55)
Aufgrund der unüberschaubaren Menge an Überzeugungen bildet das Selbstkonzept ein komplexes System von selbst-bezogenen Inhalten (vgl. Greve 2000, S. 18) und es besteht Bedarf, diese Vielzahl der Inhalte systematisch zu ordnen. Greve entwickelte dazu eine dreidimensionale Taxonomie anhand eines Würfelmodells. Dieses Modell besteht aus einer zeitlichen Perspektive, einer Dimension die zwischen realistischem und möglichem Selbst unterscheidet und einer evaluativen Ebene. Die zeitliche Perspektive beinhaltet nicht nur die aktuelle Person, sondern auch die Vergangenheit und Zukunftsaussichten („So bin ich, so war ich, so werde ich sein.“), welche die Identität mitbestimmen. Daran anknüpfend unterscheidet Greve in der zweiten Dimension zwischen dem realen und dem möglichen Selbst und betont in der dritten Dimension, dass der deskriptiven Ebene immer eine evaluative Ebene gegenübersteht. Damit beschränkt sich das Selbstkonzept nicht nur auf eine kognitive Ebene, sondern beinhaltet auch affektive Komponenten (vgl. Abb. 1.1).
Abb. 1.1: Dreigliedrige Taxonomie nach Greve (Greve 2000, S.20)
Mit dieser Einordnung ist jedoch noch nichts darüber gesagt, inwiefern die einzelnen Zellen des Würfels strukturiert sind und wie sich diese Strukturen verändern und entwickeln (vgl. Greve 2000, S. 19ff.). Diese Überlegungen führen zur Frage nach den Strukturen und den dazugehörigen Prozessen des Selbstkonzepts, die auf diesen Inhalten operieren. Auch hier besteht Uneinigkeit unter den Wissenschaftlern.
„Wenn es derzeit überhaupt einen Konsens unter den Selbst-Psychologen gibt, dann besteht er in der Überzeugung, dass selbst-relevante Informationen nicht einfach übernommen und integriert werden, sondern systematisch verarbeitet.“ (Greve 2000, S. 21)
Des Weiteren besteht in der Wissenschaft Unstimmigkeit über die Kontinuität des Selbst. Die traditionelle Selbstkonzeptforschung besagt, dass trotz lebenslanger Entwicklungen, permanenten Veränderungen, wechselnder sozialer Zusammenhänge und Lebensumstände ein einheitliches, stabiles, überdauerndes Selbst existiert, das dem Individuum personale Kontinuität und Identität vermittelt. Dies konnte jedoch in empirischen Untersuchungen nicht ausreichend bestätigt werden. In der neueren Selbstkonzeptforschung spricht man von einem dynamischen Selbstkonzept (vgl. Markus/Wurf 1986, S. 299ff.). Danach ist das Selbst zum einen strukturell multipel, d.h. es besteht aus mehreren kontextgebundenen Substrukturen, und zum anderen prozedural flexibel, d.h. es kann immer nur auf eine Teilmenge der Substrukturen zugegriffen werden (vgl. Hannover 1997, S. 55f.). In Anbetracht dieser Annahmen ist in der aktuellen Selbstkonzeptforschung unumstritten, dass das Selbstkonzept Ergebnis aus zahlreichen sozialen Erfahrungen ist und nicht, wie zunächst angenommen, als unabhängige Einheit besteht. Grundlage bildet dabei die soziale Umwelt und wird in der Auseinandersetzung mit dieser weiterentwickelt (vgl. Neubauer 1976, S. 16ff.). Konsens besteht darüber, dass das Selbstkonzept die Wahrnehmungen und Erwartungen des Individuums beeinflusst und damit das Verhalten moderiert, interpretiert, reguliert, vermittelt und organisiert (vgl. Schneidergruber 1990, S. 34). Diese beiden Annahmen, dass die soziale Umwelt die entscheidende Komponente in der Selbstkonzeptentwicklung darstellt und dass das Selbstkonzept Wahrnehmung, Erwartungen und Verhalten beeinflusst, bilden den Ausgangspunkt für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit und werden in Kapitel zwei in Bezug auf das Fähigkeitsselbstkonzept näher erörtert.
1.2 Strukturelle Aspekte des Selbstkonzepts
Die theoretischen Annahmen über die Struktur des Selbstkonzepts sind vielfältig (vgl. Filipp 1979; Markus 1977; Shavelson et al. 1976; Epstein 1979; Kihlstrom/ Cantor 1984). Dabei steht die Fragestellung im Vordergrund, in welcher Form dieses System strukturiert und organisiert ist. In der Vergangenheit wurde das Selbst als eine globale Einheit, d.h. als zentrale Region der Persönlichkeit beschrieben. In neueren Auffassungen wird stattdessen übereinstimmend von einem System von Teilkonzepten des Selbst ausgegangen. Es kann also nicht mehr von „dem“ globalen Selbst gesprochen werden.
„What began as an apparently singular, static, lump-like entity has become a multidimensional, multifaceted dynamic structure that is systematically implicated in all aspects of social information processing.” (Markus/Wurf 1986, S. 301)
Die gegenwärtig aktuellen Systematiken betonen die Vielzahl verschiedener, eng verknüpfter, aber abzugrenzenden Bereiche, welche sich in Bezug auf ihren Inhalt, ihrer Bewertung und ihres Zeitbezuges unterscheiden können. Konsens besteht, dass „die einzelnen Selbstaspekte nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern ein organisiertes Ganzes bilden“ (Baldering 1992, S. 8). Die Organisation dieser Fülle von Teilkonzepten wird jedoch je nach Perspektive unterschiedlich dargestellt. Holder unterscheidet dabei zwischen verschiedenen Modellen: Der ersten Kategorie ordnet er Modelle zu, die das Selbstkonzept als Knoten innerhalb eines assoziativen Netzwerkes ansehen, wie Kihlstrom & Cantor (1984). In der Zweiten unterscheidet er Modelle, die das Selbstkonzept als hierarchische kategoriale Struktur auffassen, wie Epsteins´ Entwurf einer integrativen Persönlichkeitstheorie (1979) oder das von Shavelson et al. entwickelte hierarchische, multidimensionale Selbstkonzeptmodell (1976). Der dritten und letzten Kategorie ordnet er Modelle zu, die das Selbstkonzept als System von Selbstschemata verstehen, wie Markus` Modell der Selbstschemata (1977) (vgl. Holder 2005, S. 33ff.). Durchgesetzt haben sich in jüngster Zeit all jene Modelle, welche eine hierarchische Ordnung der Selbstkognitionen postulieren und werden auch in der vorliegenden Arbeit ihre Anwendung finden. Aufgrund dessen wird das Shavelsonmodell mit seiner Multidimensionalität und Hierarchie (vgl. Shavelson 1976) im Folgenden genauer abgebildet.
Das Selbstkonzeptmodell nach Shavelson et al.
Ein Modell, welches insbesondere in der pädagogischen Forschung Einfluss gewann und die Differenziertheit des Konstruktes auf verschiedenen Ebenen mit einbezieht, wurde von Shavelson, Hubner und Stanton (1976) entwickelt. Da in diesem Modell auch eine inhaltliche Struktur von Selbstkonzepten betrachtet wird, stellt es ein wesentliches Fundament dieser Arbeit dar. Shavelson und seine Mitarbeiter gehen grundlegend davon aus, dass das Selbstkonzept organisiert ist, damit eine Person die Vielzahl der Informationen, die sie über sich erhält, klassifizieren und mit Hilfe verschiedener Kategorien zueinander in Beziehung setzen - und somit die Vielfältigkeit der Erfahrungen reduzieren kann (vgl. Shavelson/Bolus 1982). Aufgrund der Vielzahl von Kategorien kann es als multidimensional betrachtet werden. Des Weiteren geht das Shavelsonmodell von einer hierarchischen Struktur des Selbstkonzepts aus (vgl. Abb. 1.2).
Abb. 1.2: Selbstkonzeptmodell nach Shavelson et al. (Shavelson et al. 1976, S. 413)
Auf der untersten Ebene finden Evaluationen des eigenen Verhaltens in spezifischen Situationen statt. Bei wiederholter Erfassung können sich diese als stabil erweisen und somit die nächste Ebene konstituieren. Damit verbinden sich mehrere solcher Bewertungsreaktionen und bilden verschiedene Unterbereiche („subareas“) des Selbstkonzepts, wie Englisch („english“), Mathematik („math“) und Geschichte („history“), den sozialpsychologischen Bereichen die Kameraden („peers“) und be-
deutsame Andere („significant others“) oder den körperbezogenen Bereichen wie körperliche Fähigkeiten („physical ability“). Diese bringen wiederum die dritte Ebene hervor, welche aus dem Fähigkeitsselbstkonzept („academic self-concept“), dem sozialen Selbst („social self“), emotionalem Selbst („emotional self“) und dem physischen Selbst („physical self“) besteht. Die drei letztgenannten Komponenten werden als „non-academic self-concept“ zusammengefasst. Das „academic self-concept“ und das „non-academic self-concept“ bilden zusammen das generelle Selbstkonzept („general self-concept“), welches die globalen Vorstellungen einer Person über sich selbst beinhaltet (vgl. Shavelson et al. 1976).
So kommt zum Beispiel ein Schulkind aufgrund guter Leistungen zu dem Schluss, „dass es gut in Mathematik“ sei. Wenn es auch in anderen Schulfächern gute Leistungen erbringt, wird es vermutlich daraus schließen, dass es „gut in der Schule“ sei, was die Annahme der hierarchischen Struktur verdeutlicht.
Shavelson et al. postulieren, dass das generelle Selbstkonzept stabil ist, die dem generellen Selbstkonzept untergeordneten Selbstkonzepte aufgrund einer erhöhten Situationsabhängigkeit weniger stabil sind. D. h., es wird angenommen, dass sich durch Erfahrungen zuerst die spezifischen Selbstkonzeptfacetten verändern und die hierarchisch höheren Selbstkonzepte, bestehend aus mehreren spezifischen Selbstkonzeptfacetten, eine breitere Informationsbasis benötigen, um sich zu ändern. Des Weiteren gehen Shavelson und Mitarbeiter davon aus, dass das Selbstkonzept im Verlauf der Entwicklung differenzierter wird. Jüngere Kinder besitzen ihrer Meinung nach ein globales, relativ undifferenziertes Selbstkonzept, welches von Situation zu Situation variiert und sich erst mit zunehmendem Alter weiter ausdifferenziert. Darüber hinaus wird in dem Modell davon ausgegangen, dass das Selbstkonzept eine deskriptive und eine evaluative Dimension besitzt, d.h., dass Individuen sowohl in der Lage sind, sich zu beschreiben („Ich bin fröhlich“), wie auch zu bewerten („Ich bin ein guter Schüler“) (vgl. Shavelson/Bolus 1982). Schlussendlich betonen Shavelson et al., dass das Konstrukt von anderen Konstrukten abgrenzbar ist.
Die multidimensionale Struktur des Modells wurde hinreichend untersucht und konnte mehrfach empirisch bestätigt werden (vgl. Shavelson et al.1976; Shavelson/Bolus 1982; Marsh 1990; Marsh, Relich/Smith 1983; Byrne 1986; Marsh/Shavelson 1985). Für diesen Ansatz mit differenzierten Selbstkonzepten spricht, dass beispielsweise eine Person in einem Bereich, wie zum Beispiel in der sportlichen Leistungsfähig-
keit, ein gutes Selbstkonzept haben kann, in einem anderen Bereich hingegen, wie zum Beispiel mathematischer Leistungsfähigkeit, ein schlechtes Selbstkonzept besitzen kann. Ein globales Selbstkonzept würde die unterschiedlichen Selbstkonzepte der verschiedenen Domänen nicht adäquat beschreiben. Die Forschung brachte allerdings Befunde, die die hierarchische Struktur des Modells nicht vollständig bestätigen konnten. Aufgrund dessen wurden verschiedene Teilbereiche des ursprünglichen Modells revidiert und detaillierter ausgestaltet (vgl. Marsh/Shavelson 1985). Dieses überarbeitete Modell soll, inhaltlich begründet, jedoch erst in Kapitel 2.2 dargestellt werden.
Dessen ungeachtet enthält das Shavelsonmodell Facetten, die bis heute forschungsleitend sind und es gilt mit seiner multidimensionalen Struktur in der heutigen Wissenschaft als etabliert. Die Multidimensionalität ermöglicht, dass einzelne Facetten des generellen Selbstkonzepts als separate Konstrukte gemessen werden können. Insbesondere das Fähigkeitsselbstkonzept wurde und wird aus entwicklungspsychologischer und pädagogischer Perspektive ausgiebig untersucht, wie es auch Anliegen dieser Arbeit ist.
1.3 Komponenten des Selbstkonzepts
Eine allgemeingültig anerkannte Unterteilung des Selbstkonzepts in Subkonzepte ist aufgrund der Vielfalt der Strukturierungsversuche wie auch der Annahme, dass sich die Person als Ganzes erlebt und die Grenzen fließend sind, nicht existent. In der Wissenschaft sind verschiedene Klassifizierungen bekannt (vgl. Samuels 1977; Felger-Pärsch 1995; Eggert/Reichenbach/Bode 2003; Shavelson et al. 1976). In vorliegender Arbeit wird auf Grundlage des in Kapitel 1.2.2 vorgestellten Modells nach Shavelson et al. (1976) das Selbstkonzept in folgende Teilbereiche (vgl. Abb. 1.2) eingeteilt: das Fähigkeitsselbstkonzept, das soziale Selbstkonzept, das emotionale Selbstkonzept und das physische Selbstkonzept. Das soziale Selbstkonzept umfasst die Gesamtheit der kognitiven und affektiven Repräsentationen, die die sozialen Beziehungen reflektieren („Ich habe viele Freunde“). Wie in Abbildung 1.2 erkennbar, beinhaltet es die Beziehungen zu Gleichaltrigen und bedeutsamen Anderen. Unter dem emotionalen Selbstkonzept verstehen Shavelson und seine Mitarbeiter jene mentalen Repräsentationen, die das Erleben und den Umgang mit Gefühlen widerspie- geln („Ich bin schnell traurig“). In einem physischen Selbstkonzept, auch Körper-
selbstkonzept genannt, sind diejenigen Repräsentationen vereinigt, die sich auf den eigenen Körper beziehen („Ich bin schön“). Das Fähigkeitsselbstkonzept repräsen-tiert die Selbstwahrnehmung eigener Fähigkeiten („Ich bin ein schlaues Kerlchen“). 3 Alle Subkonzepte werden im Shavelson Modell weiter ausdifferenziert (vgl. Marsh/Shavelson 1985; Marsh 1990; Marsh/Byrne/Shavelson 1988).
Folgt man dem Shavelsonmodell, bestehen diese vier Subkonzepte separat, wenngleich nicht ganz unabhängig voneinander und bilden das generelle Selbstkonzept („general self-concept“) (vgl. Shavelson et al. 1976). Dieser Strukturierungsversuch macht es möglich, die einzelnen Konstrukte isoliert voneinander zu untersuchen und ist im Hinblick auf die vorliegende Arbeit von entscheidender Relevanz.
1.4 Zusammenfassung
Da sich das Fähigkeitsselbstkonzept als Ausschnitt des globalen Selbstkonzeptes begreifen lässt, wurde in diesem Kapitel das Selbstkonzept näher erläutert. Es konnte aufgezeigt werden, dass es ein vielfältig untersuchter und nur schwer eingrenzbarer Forschungsgegenstand ist. In vorliegender Arbeit wird das Selbstkonzept als „Gesamtheit der Sichtweisen, die eine Person von sich selbst geformt hat“ (Filipp 1978, S. 107) angesehen und als kognitive Repräsentation verstanden (vgl. Filipp 1979, S. 129). Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass das Selbstkonzept in Interaktion mit der sozialen Umwelt entsteht und die Wahrnehmung, Erwartungen und das Verhalten des Individuums nachhaltig beeinflusst (vgl. Mummendey 1990). Aufgrund der Vielzahl der Definitionsansätze besteht auch bei den strukturellen Annahmen Pluralität. In jüngster Gegenwart haben sich jedoch all jene Modelle durchgesetzt, die eine hierarchische Ordnung postulieren. In Anbetracht dessen nimmt das Selbstkonzeptmodell von Shavelson et al. (1976) einen besonderen Stellenwert für diese Untersuchung ein. Darauf Bezug nehmend unterteilen Shavelson et al. das generelle Selbstkonzept in vier Subkonzepte, wobei das Fähigkeitsselbstkonzept in der vorliegenden Arbeit untersucht werden soll.
3 Da das Fähigkeitsselbstkonzept in dieser Arbeit Untersuchungsgegenstand ist, wird das Konstrukt im folgenden Kapitel detaillierter dargestellt und hier auf eine ausführlichere Darstellung verzichtet.
Arbeit zitieren:
Louise Steinert, 2008, Fähigkeitsselbstkonzepte von Kindern im Anfangsunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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