Im Januar
Kirschbäume blühen im Januar
und milde Winter wehn seit Neujahr
wie viele Winter wollte ich schon
mit Dir einen Schneemann bauen, mein Sohn? mit Deinem Schlitten seh ich Dich nun im Regen stehn
hast im Leben noch nie
Schnee gesehn
Habe selbst fast vergessen, was Eisblumen sind die ich an die Scheiben hauchte als Kind habe seitdem nur immer durch Fenster geschaut die niemals beschlagen, ob es friert oder taut dass alles Neue das Alte verdrängt
hab ich immer gewusst
und doch spüre ich auch
den Verlust
Sommer und Winter, der Tag und die Nacht der Wind und der Regen, von Menschen gemacht
es scheint sich die Erde wie im Fieber zu drehn Eisberge schmelzen, neue Wüsten entstehn für meine Kinder wünschte ich mir schon eine wärmere Welt
hab sie mir nur nicht so
vorgestellt
(Petersen/Wader)
Kurzfassung
Der Klimawandel stellt für den Wintertourismus in den Alpen eine zunehmende Herausforderung dar. Die vorliegende Arbeit untersucht mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf den Wintertourismus. Es wird diskutiert, inwiefern die technische Beschneiung als Instrument einer möglichen Risikovorsorge in Bayern geeignet ist. Anschließend erfolgt eine empirische Untersuchung über die Veränderungen der Nachfrage von Winterurlaubern durch den Klimawandel. Auf den gewonnenen
Anpassungsstrategien und Vermeidungsstrategien beleuchtet. Resultierende Chancen und Risiken des Klimawandels für den Wintertourismus werden anhand einer Modellregion aufgezeigt. Politische Maßnahmen der Landespolitik Bayerns und Reaktionsmöglichkeiten stehen abschließend zur Diskussion.
Schlagwörter: Klimawandel, Alpenraum, Wintertourismus, Bayern, Auswirkungen, Anpassungsstrategien, Vermeidungsstrategien, Berchtesgadener Land, politische Reaktionsmöglichkeiten
Abstract
This paper focuses the impacts of climate change on winter tourism. It is intended to show if artificial snowmaking can be a suggestive adaptation measure for the Bavarian Alpine Space. Subsequently, the movement in demand of winter tourists will be examined by an empirical study executed in the course of this paper. Based on the findings further adaptation strategies, as well as prevention strategies, will be demonstrated. Resulting opportunities and threats of climate change for winter tourism will be pointed out with use of a model region. Finally this paper will discuss and exhibit political reaction measures.
Keywords: climate change, Alpine Space, winter tourism, Bavaria, impacts,
adaptations strategies, prevention strategies, political reaction measures
Inhaltsverzeichnis IV
Inhaltsverzeichnis
Kurzfassung II
Abstract II
Inhaltsverzeichnis IV
Abbildungsverzeichnis VIII
Tabellenverzeichnis XI
Abkürzungsverzeichnis XIII
Vorwort XIV
1 Einleitung 15
1.1 Problemstellung 15
1.2 Zielsetzung 15
2 Klimawandel im Alpenraum 18
2.1 Klimawandel und Wintertourismus in den Alpen 26
2.2 Klimawandel und Sommertourismus in den Alpen 30
3 Technische Beschneiung als Instrument der Risikovorsorge in
Bayern 32
3.1 Ausbau der technischen Beschneiung in Bayern 33
3.2 Kosten und Ressourcenverbrauch der technischen Beschneiung 36
3.2.1 Anschaffungs- und Betriebskosten 38
3.2.2 Wasserwirtschaft 38
3.2.3 Energieverbrauch 40
3.3 Investitionsrisiken 41
3.4 Genehmigungspraxis in Bayern 45
3.5 Ökologische Auswirkungen 46
3.5.1 Flora und Fauna 46
3.5.2 Landschaftsbild 48
3.6 Ökonomische Auswirkungen 48
Inhaltsverzeichnis V
3.6.1 Die Bedeutung der technischen Beschneiung für die Nachfrage 49
3.6.2 Wertschöpfung durch die technische Beschneiung 52
3.7 Fazit 55
4 Veränderung der Nachfrage durch den Klimawandel 57
4.1 Befragung zum Thema Winterurlaub in den Alpen 58
4.1.1 Zielsetzung 58
4.1.2 Methode 60
4.1.3 Stichprobenumfang 60
4.1.4 Ergebnisse der Umfrage 61
4.2 Weitere Einflussfaktoren auf die Nachfrage des Wintertourismus in
Bayern 75
5 Mögliche Anpassungsstrategien an den Klimawandel 78
5.1 Mögliche kurzfristige Angebotsanpassung 79
5.1.1 Schneeabhängige Alternativangebote 80
5.1.1.1 Schneeabhängige Angebote für Wintersportler 80
5.1.1.2 Schneeabhängige Angebote für Nichtwintersportler 86
5.1.2 Schneeunabhängige Alternativangebote 87
5.1.2.1 Schneeunabhängige Angebote für Wintersportler 87
5.1.2.2 Schneeunabhängige Angebote für Nichtwintersportler 88
5.1.3 Themenberge 89
5.1.4 Kurzfristige Angebotserstellung 90
5.1.5 Kongress- und Seminartourismus 91
5.2 Mögliche langfristige Angebotsanpassung 91
5.2.1 Erschließungen von hochgelegenen Gebieten 91
5.2.2 Regionales Finanzierungsmodell für Seilbahnbetriebe 93
5.2.3 Kooperationsformen von Seilbahnbetrieben 93
5.2.4 Vier-Jahreszeiten Tourismus 95
5.2.5 Erneuerung des Leitbildes 97
5.2.6 Qualitativer Ausbau und Polarisierung von Bergbahnen 98
5.2.7 Investitionsprüfung 99
5.2.8 Erweiterung des bayerischen Alpenraums als Gesundheits- und
Wellnessdestination 100
5.3 Fazit 105
6 Konzeptentwicklung eines mobilen und klimafreundlichen
Tourismus 107
6.1.1 Akzeptanz klimaschonender Verhaltensweisen im Urlaub 108
6.1.2 Anreise und Sanfte Mobilität 112
Inhaltsverzeichnis VI
6.1.3 Energieeffizienz in der Hotellerie 117
6.1.4 Klimaneutraler Urlaub 121
7 Modellregion Berchtesgadener Land 125
7.1 Touristische Organisationsstruktur 125
7.2 Räumliche und zeitliche Verteilung des Tourismus im Landkreis 126
7.3 Touristisches Angebot im Winter 130
7.3.1 Wintersport und Wandern 131
7.3.2 Kultur und Tradition 137
7.3.3 Wellness 142
7.3.4 Hotellerie 144
7.4 Stärken Schwächen- und Chancen Risiken-Analyse 145
8 Politische Reaktionsmöglichkeiten Bayerns 153
8.1 Förderpolitik 154
8.1.1 Beratungsstellen 154
8.1.2 Förderkredite und Bankwesen 154
8.1.3 Förderung eines Qualitätsausbaus der bayerischen Hotellerie 157
8.1.4 Förderprogramme für Seilbahnbetriebe 158
8.1.5 Hinterfragung der Förderung von technischer Beschneiung 160
8.1.6 Förderung von Umstrukturierungsmaßnahmen 161
8.1.7 Tourismusorganisationen 164
8.2 Einhaltung der Alpenkonvention 165
8.2.1 Förderkriterien 165
8.2.2 Raumplanung und nachhaltige Entwicklung 166
8.3 Naturgefahren und Tourismus 167
9 Zusammenfassung und Ausblick 168
Anhang A: Änderungsantrag des Wirtschaftsausschusses des
Bayerischen Landtags 171
Anhang B: Online-Umfrage 172
Anhang C: Alternative Winterprodukte 178
C1: Schneeabhängige alternative Winterprodukte 178
C2: Schneeunabhängige alternative Winterprodukte 184
Anhang :D Kriterien der Alpine Pearls im Überblick 190
Inhaltsverzeichnis VII
Anhang F: Maßnahmen zur Energieeinsparung in der Hotellerie 191
F 1: Organisatorische Maßnahmen 191
F 2: Technische Maßnahmen 192
F 3: Einsatz von erneuerbaren Energien und Förderprogramme 194
Anhang G: Weitere Entlastungen für die Hotellerie 196
Literaturverzeichnis 198
Abbildungsverzeichnis VIII
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Lufttemperatur im Alpenraum und auf der Nordhemisphäre
(Abweichungen vom Mittel des 20 Jahrhunderts) 20
Abbildung 2: Entwicklung der globalen Mitteltemperatur seit Ende des 20
Jahrhunderts und im 21 Jahrhundert in Abhängigkeit
von den sechs SRES-Emissionsszenarien 22
Abbildung 3: 2035 Veränderung der durchschnittlichen Jahrestemperaturen
bezogen auf die Klimaperiode 1961 1990 gemittelt
über 30 Jahre Szenario A1B 24
Abbildung 4: 2055 Veränderung der durchschnittlichen Jahrestemperaturen
bezogen auf die Klimaperiode 1961 1990 gemittelt
über 30 Jahre Szenario A1B 24
Abbildung 5: Prozentsatz der natürlich schneesicheren Skigebiete in den
europäischen Alpen im Hinblick auf momentane und
zukünftige klimatische Bedingungen 27
Abbildung 6: Anzahl der natürlich schneesicheren Skigebiete in Österreich
und Deutschland (Bayern) im Hinblick auf momentane
und zukünftige klimatische Bedingungen 28
Abbildung 7: Entwicklung beschneite Fläche in den Bayerischen Alpen 33
Abbildung 8: Bedeutung von Naturschnee für Winterurlauber 52
Abbildung 9: Häufigkeit eines Winterurlaubs in den Alpen 62
Abbildung 10: Winterurlaubsziele 63
Abbildung 11: Wichtigste Aktivitäten in einem Winterurlaub 64
Abbildung 12: Unverzichtbarkeit von Winteraktivitäten 66
Abbildung 13: Erwartungen an einen Winterurlaub 67
Abbildung 14: Wichtigkeit von Schnee im Tal 68
Abbildungsverzeichnis IX
Abbildung 15: Beweggründe für den Wechsel eines Winterurlaubsortes 70
Abbildung 16: Reaktion der Verbraucher auf Schneeunsicherheit 71
Abbildung 17: Akzeptanz von Preiserhöhungen für Schneesicherheit 72
Abbildung 18: Offene Wünsche eines Winterurlaubs 74
Abbildung 19: Urlaubsmotive unter Einfluss des demographischen und
gesellschaftlichen Wandels 75
Abbildung 20: Wahrnehmung und Reaktion auf eine Klimaänderung 79
Abbildung 21 Themenberge 89
Abbildung 22: Erwartungen an einen Gesundheits- und Wellnessurlaub
(Unterschied allgemein versus alpin) 103
Abbildung 23: Verhaltensoptionen der Reisenden 2006 bei Klimawandel 109
Abbildung 24: Alpine Pearls 113
Abbildung 25: Elektrofahrrad movelo 115
Abbildung 26: Aufteilung des Energieverbrauchs auf Verwendungszwecke
in der Hotelbranche 119
Abbildung 27: Zustimmung der deutschen Bevölkerung zum Energiesparen 121
Abbildung 28: Zahlungsbereitschaft für klimaneutralen Urlaub 124
Abbildung 29: Organigramm der Tourismusorganisation 126
Abbildung 30: Anzahl der Übernachtungen der drei
Fremdenverkehrsverbände in Betrieben mit neun oder
mehr Betten (1990 2005) 128
Abbildung 31: Anzahl der Übernachtungen der drei
Fremdenverkehrsverbände 2006 (in Betrieben mit neun
oder mehr Betten) 129
Abbildung 32: Produktmarken des Berchtesgadener Land 130
Abbildung 33: Advent-Flyer 138
Abbildungsverzeichnis X
Abbildung 34: Schatzkammer 141
Abbildung 35: Was fehlte den Befragten die ihren letzten Winterurlaub in
einen der fünf Regionen gemacht haben (Vergleich der
häufigsten Nennung) 147
Abbildung 36: Was fehlte den Befragten die ihren letzten Winterurlaub in
einen der fünf Regionen gemacht haben 149
Abbildung 37: Airboard 178
Abbildung 38: Snow-Tube 178
Abbildung 39: Snowscooter 179
Abbildung 40: Snowbike 179
Abbildung 41: Skifox 180
Abbildung 42: Snowkiten 180
Abbildung 43: Snowswinger 181
Abbildung 44: Hammerheadsled 181
Abbildung 45: Sno Limo 183
Abbildung 46: Suite in einem Igludorf 183
Abbildung 47: Stanley Rider 185
Abbildung 48: Mountain Board 185
Abbildung 49: Mountainroller 185
Abbildung 50: Fisser Flieger 186
Abbildung 51: Grasski 187
Abbildung 52: Arena Coaster 187
Abbildung 53: vigilius mountain resort 194
Tabellenverzeichnis XI
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Derzeitige und künftige natürliche Schneesicherheit der
Alpinskigebiete in Deutschland und Österreich 30
Tabelle 2: Ausbau der technischen Beschneiung bayerischer Landkreise (in
Hektar) 34
Tabelle 3: Technische Beschneiung in den Alpen der Wintersaison
2006/2007......................................................................... 35
Tabelle 4: Verteilung des Stichprobenumfangs der Umfrage 61
Tabelle 5: Charakterisierung der Umfragebeteiligten 61
Tabelle 6: Airboard Snowtube 82
Tabelle 7: Skirider Snowscooter 82
Tabelle 8: Snowbike Skifox 83
Tabelle 9: Snowkiten Barefoot Boarding 83
Tabelle 10: Snowswinger Klappschlitten Hammerheadsled 84
Tabelle 11: Igludörfer im Alpenraum 87
Tabelle 12: Akzeptanz von touristischen Verhaltensoptionen nach
Zielgruppen (Basis: Urlaubsreisende 2006 100 ) 110
Tabelle 13: Skigebiete im Berchtesgadener Land 132
Tabelle 14: Langlaufgebiete im Berchtesgadener Land 133
Tabelle 15: Rodelbahnen im Berchtesgadener Land 134
Tabelle 16: Klassifizierte Hotels im Berchtesgadener Land (ab vier Sternen) 145
Tabelle 17: SWOT-Analyse A 150
Tabelle 18: SWOT-Analyse B 151
Tabelle 19: SWOT-Analyse C ......................................................................... 152
Abkürzungsverzeichnis XIII
Abkürzungsverzeichnis
BayWG Bayerischen Wassergesetzes
BayNatSchG Bayerisches Naturschutzgesetz
BayVwVfG Bayerisches Verwaltungsverfahrensgesetz
BGLT Berchtesgadener Land Tourismus GmbH
CIPRA Commission Internationale pour la Protection des Alpes
ClimChAlp Climate change, impacts and adaptation strategies in the
Alpine Space
DEHOGA Deutscher Hotel- und Gaststättenverband
dB Dezibel
F.U.R Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen
HISTALP Historical instrumental climatological surface time series of
the Greater Alpine Region
IPCC International Panel on Climate Change
km Kilometer
KWh Kilowattstunde
OECD Organisation for Economic Cooperation and Development
Pkw Personenkraftwagen
PRUDENCE Prediction of Regional scenarios and Uncertainties for
Defining EuropeaN Climate change risks and Effects
REMO Regionales Klimamodell
SWOT-Analyse Strenghts, Weaknesses, Opportunities, Threats-Analyse
WTO World Tourism Organization
UNESCO United Nations Educational, Scientific and Cultural
Organization
Vorwort
Ich bedanke mich zunächst einmal bei Herrn Prof. Dr. Bausch für die Bereitstellung dieser interessanten und lehrreichen Diplomarbeit sowie für die Möglichkeit an dem EU-Projekt ClimChAlp mitgearbeitet haben zu können.
Bei Frau Vogel, Herrn Tyrkas, Herrn Probst, Dr. Ballnus und Frau Streitel möchte ich mich für die Unterstützung und Hilfsbereitschaft, während meiner Tätigkeit im Alpenforschungsinstitut, bedanken. Durch die Zusammenarbeit konnte ich viele neue Erkenntnisse gewinnen und bei der Erstellung meiner Arbeit davon profitieren.
Darüber hinaus gilt mein Dank den Tourismusverantwortlichen von Garmisch-Partenkirchen, Grainau, Bad Hindelang, Oberstaufen und des Berchtesgadener Landes, die es ermöglicht haben die erstellte Umfrage auf deren Internetseiten durchzuführen. Im Speziellen möchte ich mich bei Frau Deml und ihren Mitarbeitern von der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH bedanken, die mich mit den nötigen Informationen für die Modellregion versorgt haben.
München, im Februar 2008
1
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
Der Klimawandel ist zum Gegenstand aktueller Debatten auf globaler, nationaler und regionaler Ebene geworden. Seit dem extrem schneearmen Winter 2006/20007 in den Alpen sind der Klimawandel und dessen Auswirkungen auf den alpinen Wintertourismus zunehmend in der Diskussion. Entstehende Risiken werden speziell für den Wintertourismus in Bayern gesehen und dessen sichere Zukunft bereits in Frage gestellt. Eine besondere Herausforderung ist es, geeignete Anpassungsstrategien für den bayerischen Wintertourismus zu finden. Der Ausbau der technischen Beschneiung wird kontrovers diskutiert und scheint als Maßnahme nur bedingt geeignet zu sein, um dem Klimawandel zu trotzen. Demzufolge muss diese Maßnahme evaluiert und weitere Anpassungsstrategien konzipiert und umgesetzt werden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, inwiefern Wahrnehmung und Anpassungsprozesse der Verbraucher eine Rolle spielen werden. Fernerhin stellt sich die Frage, welche Vermeidungsstrategien an den Klimawandel getroffen werden können, das heißt wie eine Verminderung des anthropogenen CO 2 (Kohlendioxid) Ausstoßes durch die Tourismuswirtschaft im Alpenraum möglich ist. Darüber hinaus sind Handlungsmöglichkeiten auf politischer Ebene denkbar. Welche Handlungsfelder diesbezüglich bestehen, welche Kriterien dabei einzuhalten sind und wie die bestehenden politischen Maßnahmen für die Tourismuswirtschaft zu bewerten sind, gilt es zu untersuchen.
1.2 Zielsetzung
Die vorliegende Arbeit enthält neun Kapitel, die einer Unterteilung auf der Ebene des Alpenraums, Bayerns und der regionalen Ebene einer bayerischen Modellregion entsprechen.
1
Im Hinblick auf die obige Problemstellung lassen sich die Ziele für diese Arbeit in den folgenden Kapiteln wie folgt formulieren:
Das zweite Kapitel beschreibt den Klimawandel im Alpenraum anhand von Vergangenheitswerten und verschiedenen Klimamodellen für zukünftige Temperatur- und Niederschlagsveränderungen. Es werden Prognosen für den Winter- und Sommertourismus analysiert. Schwerpunktmäßig wird dabei auf die Anzahl von natürlich schneesicheren Skigebieten in Deutschland (Bayern) und anderer Alpenstaaten eingegangen, unter gegenwärtigen und künftigen Klimabedingungen.
Im dritten Kapitel wird diskutiert, ob technische Beschneiung vor dem Hinter-grund des Klimawandels als Instrument einer möglichen Risikovorsorge in Bayern geeignet ist. Neben weiteren Themen diesbezüglich, werden ökologische und ökonomische Auswirkungen aufgezeigt.
Das vierte Kapitel untersucht Veränderungen der Nachfrage von Winterurlaubern durch den Klimawandel. Dies erfolgt mit Hilfe einer im Rahmen der Arbeit durchgeführten Verbraucherbefragung. Neben dem Klimawandel werden anschließend weitere denkbare Einflussfaktoren auf die Nachfrage des bayerischen Wintertourismus beleuchtet.
Das fünfte Kapitel zeigt auf, welche Anpassungsstrategien im Winter den Tourismusverantwortlichen zur Verfügung stehen, um auf die klimatischen Veränderungen zu reagieren. Neben kurzfristigen Angebotsanpassungen werden langfristig ausgerichtete Maßnahmen dargelegt.
Im sechsten Kapitel werden Vermeidungsstrategien erörtert, die Maßnahmen aufzeigen, in wie weit der Tourismus selbst klimaschädliche Einflüsse vermeiden kann. Dazu werden auch Konzepte für einen mobilen und klimafreundlichen Tourismus anhand von Beispielen aus der Praxis aufgezeigt.
1
Das siebte Kapitel beschäftigt sich mit der Modellregion Berchtesgadener Land. Die Organisationsstruktur und räumliche sowie zeitliche Verteilung des Tourismus der Region wird dargestellt und eine Bestandsaufnahme des touristischen Winterangebots vorgenommen. Anschließend wird eine Stärken/Schwächen-und Chancen/Risiken-Analyse vor dem Hintergrund des Klimawandels durchgeführt.
Das achte Kapitel zeigt, wie politische Entscheidungsträger auf Auswirkungen des Klimawandels für den Wintertourismus in Bayern reagieren können. Es wird über Maßnahmen diskutiert, welche förderlich für die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit bayerischer Winterurlaubsorte sein können und welche Kriterien dabei einzuhalten sind.
Im letzten Kapitel werden erarbeitete Ergebnisse und Erkenntnisse aus den vorhergehenden Kapiteln zusammenfassend dargestellt und ein Ausblick auf die Zukunft des bayerischen Wintertourismus gegeben.
2 Klimawandel im Alpenraum 18
2 Klimawandel im Alpenraum
Der Klimawandel ist zum Gegenstand zahlreicher politischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten im Alpenraum geworden. Die Jahre 1994, 2000, 2002 und vor allem 2003 waren die heißesten, die in den Alpen seit 500 Jahren verzeichnet wurden. Aufgrund dieser warmen Jahre und des extrem schneearmen Winters 2006/2007, sind der Klimawandel und dessen Auswirkungen auf den alpinen Wintertourismus zu einem wichtigen Thema geworden. Ein solcher Extremwinter kann noch nicht als Beweis für den Klimawandel gesehen werden, jedoch wird eine außergewöhnliche Häufung von solch speziellen Wetterlagen von Klimaforschern als Folge der Klimaerwärmung vermutet. Falls die Prognosen der Klimaszenarien eintreffen, kann der Winter 2006/2007 einen Vorgeschmack liefern, welche Bedingungen in ein paar Jahrzehnten in den Alpen Normalität werden könnten. 1 Es ist mit einer zunehmenden Verringerung der Schneedecke in niedrigen Lagen, einem Abschmelzen der Gletscher und Permafrostgebiete in höheren Lagen sowie Veränderungen der Temperatur- und Niederschlagsextreme zu rechnen. 2 Eine direkte Anhäufung von Naturrisiken, wie Überschwemmungen, Bergstürze, Murenabgänge und Schäden an Gebäuden und Infrastruktur sind damit verbunden. 3
Um einen Einblick der Klimaänderung in den Alpen zu bekommen, wird zunächst auf Fakten der klimatologischen Vergangenheit des Alpenraums eingegangen. „Die Alpen gehören zu den klimatologisch bestdokumentierten und untersuchten Gebieten der Erde“ 4 . Aufgrund der interessanten geografischen Lage und der seit circa 1750 systematisch mit Messgeräten
1 Vgl. Disch et al. (2007) S. 67.
2 Vgl. Abegg et al. (2007), S. 11ff.
3 Vgl. Gspan (2007), S. 22.
4 Schöner (2006), S. 6.
2 Klimawandel im Alpenraum 19
erfassten Klimakenngrößen, nehmen die Alpen in der Klimaforschung einen ganz besonderen Stellenwert ein.
Aus der graphischen Darstellung der HISTALPPDatenbank (Historical instrumental climatological surface time series of the Greater Alpine Region) der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien wird der Temperaturanstieg im Alpenraum im Vergleich mit dem Temperaturanstieg für die gesamte Nordhemisphäre der Erde der letzten 250 Jahre dargestellt (vgl. Abbildung 1). Es wird deutlich, dass die Temperaturerhöhung in den Alpen viel ausgeprägter ist als die auf hemisphärischer Skala. Ein markanter Temperaturanstieg seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit einer warmen Periode um 1950 und einem besonders starken Temperaturanstieg seit Beginn 1980 sind entscheidende Erkenntnisse und zeigen einen zunehmend rasanten Temperaturanstieg in den Alpen in den letzten Jahrzehnten. 5
5 Vgl. Schöner (2006), S. 11.
2 Klimawandel im Alpenraum 20
Abbildung 1: Lufttemperatur im Alpenraum und auf der Nordhemisphäre (Abweichungen vom Mittel des 20. Jahrhunderts) 6
Die Temperatur in den Alpen ist in den letzten 120 Jahren um 1,6 °C bis 2 °C angestiegen, im Vergleich zum globalen Mittel von 0,6 °C. Das bedeutet, dass der Alpenraum einen somit mehr als doppelt so starken Temperaturanstieg wie im globalen Mittel aufweist. So können die Alpen laut Prof. Dr. Seiler „auch als ein gut funktionierendes Klimafrühwarnsystem betrachtet werden, in dem auch die Folgen des Klimawandels verstärkt auftreten“ 7 . Die Gründe, warum der Alpenraum besonders sensibel auf den Klimawandel reagiert, sind auf die Topographie und die verminderte Reflektion durch geringer werdende Schneee und Eisbedeckung zurückzuführen. Die Hanglagen stellen eine größere Heizfläche für die den Boden umgebenden Luftmassen bereit. Eine verminderte
6 Quelle: http://www.zamg.ac.at/zamg2/na_pro/wrapper/jpegs.php3?filename=Bilder=Fachbe reiche/Wetter_u_Klimainformation/Ressort-HP/titelbild.gif (Datum des Zugriffs: 10. Juni
2007).
7 Seiler (2006), S. 29.
2 Klimawandel im Alpenraum 21
Reflexion der Sonnenstrahlung führt zu einer stärkeren Absorption und damit zu einem stärkeren Temperaturanstieg. 8
Einen Blick in die Zukunft der weltweiten Temperaturentwicklung gibt der Report des International Panel on Climate Change (IPCC). Die Zusammenfassung des Berichts vom Februar 2007 gibt geschätzte globale Temperaturerhöhungen bis in das Jahr 2090 - 2099 (in Relation zu den Werten von 1980 bis 1999) an. Die Schätzwerte gehen von einer Erhöhung der Lufttemperatur von 1,1 bis 2,9 °C (B1, elementares Szenario) und 2,4 bis 6,4 °C (A1FI, umfassendes Szenario) aus. 9 Diese Szenarien beziehen sich auf die unterschiedlichen Entwicklungen des weiteren Anstiegs der anthropogenen Emissionen von Treibhausgasen, Bevölkerungswachstum, ökonomische und soziale Entwicklung, technologische Veränderung, Ressourcenverbrauch und Umweltmanagement. Es wurden 40 Szenarien in vier Hauptgruppen A1, A2, B1 und B2 unterteilt. Das A1 Szenario geht von einem starken Weltwirtschaftswachstum, einer zunehmenden Weltbevölkerung bis Mitte des 21. Jahrhunderts, einer schnellen Einführung neuer und effizienter Technologien und einer zunehmenden globalen Welt aus. Es werden drei Gruppen in diesem A1 Szenario klassifiziert, die sich in ihrer technologischen Schwerpunktsetzung bei der Nutzung von Energiequellen unterscheiden: Fossile Brennstoffe (A1FI), nicht fossile Energiequellen (A1T) und einer ausgewogenen Mischung von fossilen und nichttfossilen Energieträgern, dem Szenario A1B. 10 Dieses Szenario A1B wird als das am wahrscheinlichsten zutreffende Szenario gesehen und liegt im mittleren Wertebereich der sogenannten Special Report on Emission Scenarios (SRES) wie in Abbildung 2 zu erkennen ist.
8 Vgl. Kromp-Kolb (2006), S. 105.
9 Vgl. IPCC (2007), S. 13.
10 Vgl. IPCC (2007), S. 18.
2 Klimawandel im Alpenraum 22
Abbildung 2: Entwicklung der globalen Mitteltemperatur seit Ende des 20.
Jahrhunderts und im 21. Jahrhundert in Abhängigkeit von den sechs SRES-
Emissionsszenarien 11
Das EU-Projekt ClimChAlp (Interreg III B Alpenraumprogramm) untersucht Aus-
wirkungen des Klimawandels in den Alpen und soll Reaktionsmöglichkeiten auf-
zeigen. 12 Das ClimChAlp-Arbeitspaket 7 beschäftigt sich speziell mit den Folgen
des Klimawandels für die Raumentwicklung und Schlüsselbereiche der
Wirtschaft (Tourismus) im Alpenraum. Am Arbeitspaket 7 sind 8 Partner
beteiligt. Die Projektaktivitäten finden hauptsächlich in Modellregionen statt. In
11 Quelle: Spekat et al. (2007), Anhang A, Seite V.
12 Vor dem Hintergrund dieses Klimawandels haben 22 Partner aus allen Alpenländern unter Federführung des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz das strategische Projekt „ClimChAlp“ initiiert. ClimChAlp (Laufzeit: 2006-
2008) wird im Rahmen des INTERREG III B Alpenraumprogramms von der Europäischen Union gefördert. Im Mittelpunkt des Projekts stehen die Themen Naturgefahren, Raumentwicklung und Wirtschaft. Für diese Bereiche sollen geeignete Anpassungs- und Managementstrategien entwickelt werden. Für die Leitung des Arbeitspaketes 7 des Projektes ist das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie, Abteilung Landesentwicklung, verantwortlich. Mit der Durchführung der Modellregionsstudie des Arbeitspaketes 7 in Bayern wurde das Alpenforschungsinstitut beauftragt. (Quelle: Alpenforschungsinstitut 2007).
2 Klimawandel im Alpenraum 23
Bayern hat sich hierfür der Landkreis Berchtesgadener Land zur Verfügung gestellt und wird im Rahmen der Arbeit noch ausführlicher behandelt (Vgl. Kapitel 7). Im Folgenden soll auf modellierte Temperaturr und Niederschlagsveränderungen für den bayerischen Alpenraum eingegangen werden, mit speziellem Fokus auf die Modellregion Berchtesgadener Land.
Mit dem regionalen Klimamodell REMO des MaxxPlanckkInstitut für Meteorologie in Hamburg (MPI-M) konnten erstmalig Klimaszenarien für mögliche Klimaänderungen in Deutschland bis zum Jahr 2100 auf einem 10 km x 10 km Gitter berechnet und für regionale Untersuchungen verwendet werden. Die Basis der hierfür erarbeiteten Daten ist das A1B Szenario des IPCC. 13 Bis zum Jahr 2035 ist für den bayerischen Alpenraum und den südlichen Teil der Modellregion Berchtesgadener Land ein Anstieg der Temperatur von 1 °C bis 1,5 °C zu erwarten. Im Norden des Berchtesgadener Landes sind es 0,5 °C bis 1 °C (vgl. Markierung in Abbildung 3). Prognosen für Temperaturänderungen speziell im Winter sind nahezu identisch. Ein deutlicher Temperaturanstieg der durchschnittlichen Jahrestemperaturen von 2 °C bis 3 °C bis 2055 (vgl. Abbildung 4) und 3,5 °C bis 4,5 °C für das Jahr 2085 wurden für den bayerischen Alpenraum errechnet.
13 Vgl. http://www.mpimet.mpg.de/wissenschaft/ueberblick/atmosphaere-im-erdsystem/ regionale-klimamodellierung/remo-uba.html (Datum des Zugriffs: 14. Juli 2007).
2 Klimawandel im Alpenraum 24
Abbildung 3: 2035, Veränderung der durchschnittlichen Jahrestemperaturen bezogen auf die Klimaperiode 1961-1990, gemittelt über 30 Jahre, Szenario A1B 14
Abbildung 4: 2055, Veränderung der durchschnittlichen Jahrestemperaturen bezogen auf die Klimaperiode 1961 – 1990, gemittelt über 30 Jahre, Szenario A1B 15
14 Quelle: Alpenforschungsinstitut GmbH (2007a), S. 16, eigene Darstellung.
15 Quelle: ebd., S. 17, eigene Darstellung.
2 Klimawandel im Alpenraum 25
Die Veränderung der durchschnittlichen Niederschläge ist regional abhängig. Im Winter werden sich Niederschläge in den bayerischen SüdOst-Alpen und dem Berchtesgadener Land für den Zeitraum 2025 bis 2085 auf ein Plus von 7 % bis 20 % belaufen (bezogen auf die Klimanormalperiode 1961 – 1990). Hier sei jedoch erwähnt, dass aufgrund der steigenden Temperaturen die Niederschläge zunehmend weniger in Form von Schnee fallen werden. Die Prognosen für die Sommerniederschläge der
Unterschiede im bayerischen Alpenraum auf (+10 % bis -6 %). Bis 2045 wurde für die Region Berchtesgadener Land eine Zunahme von 2 % bis 10 % und im Wettersteingebirge und den Bayerischen Voralpen eine Abnahme von bis zu 10 % modelliert. Ab dem Jahr 2065 wird allerdings ein Rückgang der sommerlichen Niederschläge im gesamten bayerischen Alpenraum von 15 % bis 25 % und bis 2085 bis zu 30 % erwartet (im Wettersteingebirge und im Allgäu sogar bis zu 40 %). 16
Um einen Datenvergleich aufzuzeigen, werden an dieser Stelle Ergebnisse des EU Projektes „PRUDENCE“ (Prediction of Regional scenarios and Uncertainties for Defining EuropeaN Climate change risks and Effects) dargestellt. Dieses hat verschiedene regionale Klimamodelle verwendet, um Szenarien für den Zeitraum 2071 bis 2100 für Europa zu liefern. Es wurde ein Temperaturanstieg von ca. 4 °C für den Alpenraum berechnet. 17 Das Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Forschungszentrums in Karlsruhe hat einen Temperaturanstieg bis zu 2 °C am Alpennordrand (bis 1 °C für die globale Mitteltemperatur) innerhalb der nächsten 30 bis 40 Jahre modelliert und kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie die REMO Klimamodelle. So zeigt sich auch bei diesem Modell, dass die Temperaturzunahme in den Alpen wesentlich deutlicher ausfällt als die Zunahme der globalen Mitteltemperatur. Die stärksten Temperaturerhöhungen für Bayern werden für die Sommermonate und die frühen Wintermonate Dezember und Januar prognostiziert. 18
16 Vgl. Alpenforschungsinstitut (2007a), S. 26ff.
17 Vgl. Schöner (2006), S. 21.
18 Vgl. http://imk-ifu.fzk.de/de/pdf/imk-ifu_jb2003.pdf, S. 8 (Datum des Zugriffs: 23. Juni 2007).
2 Klimawandel im Alpenraum 26
2.1 Klimawandel und Wintertourismus in den Alpen
Der Tourismus ist ein wichtiges Standbein der Wirtschaft im Alpenraum. Über 50 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr werden durch den Tourismus erzeugt und 12 % der Arbeitsplätze dabei generiert. 19 Laut Veröffentlichungen der Welttourismusorganisation (WTO) zählt der Klimawandel zu den größten Bedrohungen der Wintertourismusdestinationen im europäischen Alpenraum. Der Wintertourismus in den Alpen ist noch untrennbar mit Skisport verbunden, daher sind ausreichende Schneeverhältnisse Grundvoraussetzung für viele Regionen. Wo die Schneesicherheit stark abnimmt, wird die Nachfrage nach Skifahren in vielen Regionen zurückgehen. 20 „Nahezu alle Skigebiete in Deutschland und rund 70 % der Skiregionen in Österreich müssen durch den Klimawandel um die Schneesicherheit fürchten und damit um die wirtschaftliche Grundlage des Wintertourismus“ 21 . Zu diesem Ergebnis kamen die in Paris 2006 veröffentlichten Berechnungen der Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD), in denen zum ersten Mal systematisch für die gesamte Alpenregion die Auswirkungen des Klimawandels auf den Skitourismus untersucht wurden. Neunzig Prozent (609 von 666) der mittelgroßen und großen Skiregionen in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz gelten derzeit als natürlich schneesicher. Laut der Studie ist natürliche Schneesicherheit gegeben, wenn im Durchschnitt für mindestens 100 Tage im Jahr eine ausreichende Schneedecke von 30 Zentimeter in der mittleren Lage des Skigebiets besteht. Zehn Prozent der 666 Skigebiete gelten schon heute nicht mehr als schneesicher. Bei einem weiteren Temperaturanstieg wird sich die Zahl der schneesicheren Skigebiete deutlich reduzieren. Ein Anstieg der durchschnittlichen Jahrestemperatur um 1 °C hätte zur Folge, dass lediglich 500 (75 %) der 666 Skiregionen Schneesicherheit gewährleisten können (bei 2 °C 400 Skiregionen und bei 4 °C lediglich 200 Skiregionen).
19 Vgl. Disch et al. (2007), S. 67.
20 Vgl. CIPRA (2006), S. 136.
21 http://www.oecd.org/dataoecd/31/46/37940495.pdf, S. 1 (Datum des Zugriffs: 18. Juni 2005).
2 Klimawandel im Alpenraum 27
Deutschland wäre am stärksten betroffen, wo eine Erwärmung um 1 °C zu einer Abnahme der Zahl der schneesicheren Skigebiete um 60 % führen würde (im Vergleich zu ihrer derzeitigen Zahl). In Österreich wären es 25 %, wo rund die Hälfte des Tourismusgeschäftes auf den Wintertourismus fällt. Eine Erwärmung um 4 °C hätte zur Folge, dass in Deutschland noch ein Skigebiet, das auf der Zugspitze, schneesicher wäre. Die Schweiz ist demgegenüber am wenigsten bedroht. Eine Erwärmung um 1 °C würde dort die Abnahme der Zahl der natürlich schneesicheren Skigebiete um 10 % bedeuten, und bei einer Erwärmung um 4 °C um 50 % (im Vergleich zur derzeitigen Zahl). 22
Abbildung 5: Prozentsatz der natürlich schneesicheren Skigebiete in den europäischen Alpen im Hinblick auf momentane und zukünftige klimatische Bedingungen 23
22 Vgl. Abegg et al. (2007), S. 32ff.
23 Quelle: OECD (2006), S. 2.
2 Klimawandel im Alpenraum 28
Signifikant ist der Unterschied zwischen der prozentualen Abnahme der schneesicheren Skiregionen Deutschlands im Vergleich zu der Abnahme in den anderen Alpenländern (Frankreich, Italien, Schweiz und Österreich). Dies zeigt sich bei einem Anstieg der Lufttemperaturen zwischen 1 °C und 4 °C (vgl. Abbildung 5). Betrachtet man die Prognosen für die einzelnen Regionen in Bayern und in Österreich, so wird deutlich, dass Oberbayern und das Allgäu den stärksten Rückgang in der Anzahl schneesicherer Skiregionen aufweisen werden (vgl. Abbildung 6). Bei einer Temperaturerhöhung von lediglich 1 °C verringert sich die Anzahl in Oberbayern von 18 auf acht Skigebiete (bei 2 °C auf 3) und im Allgäu von neun auf drei (bei 2 °C auf zwei) Skigebiete, die natürliche Schneesicherheit bieten können.
Abbildung 6: Anzahl der natürlich schneesicheren Skigebiete in Österreich und Deutschland (Bayern) im Hinblick auf momentane und zukünftige klimatische
2 Klimawandel im Alpenraum 29
Bedingungen 24
Dies ist auf die Höhenlage der Gebiete zurückzuführen, da ein entscheidendes Kriterium der Schneebedeckung in den Alpen die Höhenlage ist. Gebiete unter 2.000 Meter werden stark von einem weiteren Temperaturanstieg hinsichtlich ihrer Schneesicherheit beeinflusst. Hingegen könnten Skigebiete in Höhen von deutlich über 2.000 Meter sogar vom Klimawandel profitieren, da die prognostizierten höheren Niederschläge in dieser Höhe in Form von Schnee fallen würden. 25 Die natürliche Schneesicherheitsgrenze ist in kälteren Regionen im Vergleich zu wärmeren Regionen bereits in niedrigeren Höhenlagen erreicht. Diese schwankt aufgrund der klimatischen Unterschiede im Alpenraum. In Bayern liegt die natürliche Schneesicherheitsgrenze in Oberbayern bei 1.050 Meter und Schwaben bei 1.200 Meter, welche auf 1.200 bzw. 1.350 Meter bei einer Erwärmung von 1 °C steigt (auf 1.350 bzw. 1.500 Meter bei 2 °C und auf 1.650 bzw. 1.800 Meter bei 4 °C Erwärmung). Lediglich drei Skigebiete, Garmisch-Partenkirchen mit 2.830, Oberstdorf mit 2.224 und Mittenwald mit 2.200 Metern als höchstem Punkt, liegen über 2.000 Höhenmeter. 26
Vergleicht man die REMO Klimaszenarien mit den Ergebnissen der OECD Studie, so ergeben sich für die kommenden Jahrzehnte folgende Prognosen für deutsche und österreichische Skigebiete:
24 Quelle: OECD (2006), S. 6.
25 Vgl. Kromp-Kolb (2006), S. 106.
26 Vgl. Doering et al. (2007), S. 6.
2 Klimawandel im Alpenraum 30
Tabelle 1: Derzeitige und künftige natürliche Schneesicherheit der Alpinskigebiete in Deutschland und Österreich
Über 90 % der bayerischen Skigebiete liegen deutlich unter 2.000 Meter und es bestehen wenige Möglichkeiten um auf höhere Lagen auszuweichen. Zusammenfassend ist zu sagen, dass Bayerns Wintersporttourismus am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sein wird. 27 Ein Aus- und Umbau der Angebotsstruktur, ein qualitativer Ausbau von rentablen Gebieten und eine nachhaltige Umsetzung von möglichen Anpassungsstrategien (vgl. Kapitel 5.1 und 5.2) sind für die Wettbewerbsfähigkeit des bayerischen Wintertourismus und seiner Skigebiete daher unabdingbar.
2.2 Klimawandel und Sommertourismus in den Alpen
Im Jahresdurchschnitt wird die Niederschlagsmenge im Sommer des nördlichen Alpenrandes für das Jahr 2040 bis zu 15 % abnehmen. 28 Zu diesem Ergebnis kam das Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Forschungszentrums in Karlsruhe. Der Unterschied der Niederschlagsmodellierung zu den REMO/ECHAM5 Daten lässt sich aufgrund der unterschiedlich bezogenen Klimanormalperioden vermuten (A1B Szenarien: 1961-1990, im Vergleich hierzu: 1991-2000). Die Abnahme der relativen Sommerniederschlagsmenge in den Bayerischen Alpen wurde bis zum Jahr 2100 auf 20 % bis 50 %
27 Vgl. Abegg et al. (2007), S. 31ff.
28 Vgl. http://imk-ifu.fzk.de/de/pdf/imk-ifu_jb2003.pdf, S. 9, Abb. 3 (Datum des Zugriffs: 21. Juni
2007).
2 Klimawandel im Alpenraum 31
modelliert. 29 Die Niederschläge werden in zunehmendem Umfang in Form von konvektiven Prozessen erfolgen, das heißt durch Gewitter mit extrem hohen Niederschlagsmengen. Das bedeutet, dass die Tage mit Niederschlag im Sommer abnehmen, jedoch die Niederschlagsmengen extrem zunehmen werden. 30 Im Bezug auf den Sommertourismus wird sich dies durch einen Rückgang der Regentage positiv auswirken. Ein Temperaturanstieg von bis zu 2 °C im Sommer für 2031 bis 2039 wurde für den bayerischen Alpenraum in Karlsruhe modelliert. Der Alpenraum lag bisher deutlich unter den von Touristen nachgefragten Optimaltemperaturen im Sommer (22 °C bis 24 °C monatlicher Durchschnittstemperatur). Durch den Klimawandel werden damit favorisierte Werte erreicht und dadurch eine Attraktivitätssteigerung für Sommerurlauber vorausgesagt. Die Bedingungen für den Badetourismus in Mittelmeergebieten und Großstädten könnten sich aufgrund der hohen Sommertemperaturen verschlechtern. Die Folge kann sein, dass diese Regionen weniger und die Alpen wiederum als nahe Urlaubsregion verstärkt nachgefragt werden. 31 Eine steigende Nachfrage nach der „Sommerfrische“ in den Alpen könnte somit als eine Chance des Klimawandels gesehen werden.
29 Vgl. http://www.mpimet.mpg.de/fileadmin/staff/pfeifersusanne/REMO_UBA/aktualisiert/gro ss/A1B_2071-2100-1961-1990_seask_260_30_Jahre_3_gross.jpg (Datum des Zugriffs: 14. Juli 2007).
30 Vgl. http://imk-ifu.fzk.de/de/pdf/imk-ifu_jb2003.pdf, S. 9 (Datum des Zugriffs: 21. Juni 2007).
31 Vgl. CIPRA (2006), S. 136.
3 Technische Beschneiung als Instrument der Risikovorsorge in Bayern 32
3 Technische Beschneiung als Instrument der
Risikovorsorge in Bayern
Die Schneeabhängigkeit des alpinen Wintertourismus hat sich in den letzten Jahrzehnten beträchtlich vergrößert. Dementsprechend stellt der Klimawandel ein hohes Risiko für den Wintersport dar. Die damit verbundenen Temperaturveränderungen, der dargestellte Rückgang der Schneedeckenhöhe und die Folgen auf die Schneesicherheit der Skidestinationen haben unmittelbare Auswirkungen auf den Winter- und Skitourismus. Skigebiete, die den Wintersportlern ein hohes Maß an Schneesicherheit bieten können, werden vermutlich weiterhin von der Nachfragesituation profitieren können. Um diese Schneesicherheit gewährleisten zu können, ist neben der Höhenlage der Gebiete ein entscheidendes Kriterium der Einsatz von Beschneiungsanlagen. Der Klimawandel wird so verstärkend als Argument für den Einsatz von Schneekanonen benutzt. 32 Im konkreten Entscheidungsprozess für den Einsatz oder den Ausbau technischer Beschneiung sollten, neben den folgenden aufgeführten ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten, stets die unterschiedlichen regionalen (lokalen) Auswirkungen des Klimawandels auf einzelne Wintersportregionen berücksichtigt werden. Pauschale Urteile in der Klimadiskussion, wie für niedrig gelegene Skigebiete gelte bereits das „Aus“, sind kritisch zu hinterfragen. Lokale Fakten wie das Kleinklima, Relief und Exposition müssen bei diesen Behauptungen stets berücksichtigt werden. Es kann sein, dass so die Voraussetzungen für die Beschneiung durch enge Talräume in tiefen Lagen oft besser als über 1.000 Meter Höhe ist. Zudem müssen niedrig gelegene Wintersportorte bei günstigen kleinräumigen Verhältnissen nicht unbedingt unter Schneemangel leiden. 33
32 Vgl. Lardelli et al. (2007), S. 31.
33 Vgl. alpMedia Newsletter vom 22. November 2007, Nr. 23/2007.
3 Technische Beschneiung als Instrument der Risikovorsorge in Bayern 33
Von Umweltschutz- und Tourismuskreisen werden neben den Auswirkungen auf die Umwelt auch die Finanzierungs- und Instandhaltungskosten technischer Beschneiung vielfach kontrovers beurteilt. Vor allem in Bayern, wo eine im Vergleich besonders starke Abnahme der Schneesicherheit von Skigebieten (vgl. Kapitel 2.1) prognostiziert wird, wird das Thema Beschneiung an Bedeutung gewinnen. So ergibt sich die Frage, ob die technische Beschneiung in Bayern als Anpassungsmaßnahme und Risikovorsorge vor dem Hintergrund des Klimawandels sinnvoll genutzt werden kann und welche Auswirkungen und Risiken damit verbunden sind. Im Folgenden soll dies anhand des bayerischen Alpenraums kritisch beleuchtet werden.
3.1 Ausbau der technischen Beschneiung in Bayern
Durch den Ausbau von Schneekanonen wurde seit 1992 die künstlich beschneite Fläche in den bayerischen Alpen verzehnfacht. Während sich die Fläche 1998 noch auf 172,19 Hektar belief, waren es 2006 415,18 Hektar die beschneit wurden, laut Angaben des Bund Naturschutz in Bayern e.V. Nach Auskunft des Bayerischen Umweltministeriums vom 30.01.2007 werden rund 430 Hektar beschneit. 34
Abbildung 7: Entwicklung beschneite Fläche in den Bayerischen Alpen 35
34 Vgl. Doering et al. (2007), S. 8.
35 Quelle: ebd., S. 8.
3 Technische Beschneiung als Instrument der Risikovorsorge in Bayern 34
Der Wert der beschneiten Fläche von 2006 entspricht 17 % der gesamt angegebenen 2.400 Hektar Pistenfläche in Bayern. Die größte beschneibare Fläche weist das Oberallgäu (173,7 ha) auf, gefolgt von den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen (65,2 ha), Ostallgäu (34,1 ha), Traunstein (33,6 ha) und Rosenheim (30,5 ha), die mehr als 30 Hektar Fläche ihrer Pisten beschneien können. Das Berchtesgadener Land beschneit 27,3 Hektar, ein relativ geringer Wert im Vergleich zu den anderen Landkreisen sowie ein geringes prozentuales Wachstum von 32,2 % im Vergleich zum Wert von 1998 (vgl. Tabelle 2).
Tabelle 2: Ausbau der technischen Beschneiung bayerischer Landkreise (in Hektar) 36
Der Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte e.V. führt hierzu andere Zahlen auf. Die Gesamtpistenfläche in Bayern beträgt laut Angaben des Ver-bandes 3.700 Hektar, von denen 13 % (480 ha) beschneit werden (vgl. Tabelle 3).
36 Quelle: Doering et al. (2007), S. 8, eigene Darstellung.
3 Technische Beschneiung als Instrument der Risikovorsorge in Bayern 35
Tabelle 3: Technische Beschneiung in den Alpen der Wintersaison 2006/2007 37
Es ist ein deutlicher Aufwärtstrend im Ausbau von Beschneiungsanlagen der aufgelisteten Landkreise zu erkennen. Laut Prof. Dr. Ulrike Pröbstl von der Universität für Bodenkultur in Wien sind vier dominante Motive für die stark zunehmende Ausbreitung der Schneekanonen in den Alpen verantwortlich: 38
• Die Sicherung der touristischen Auslastung (d.h. die Tourismusbranche insgesamt)
• die Sicherung der Einkommen der Seilbahngesellschaften
• die Sicherung des Images von Austragungsorten internationaler Skiwettkämpfe
• die Sicherung der Rahmenbedingungen für Training und Ausübung des Spitzensports
Weitere folgende Motive sind vor dem Hintergrund von schneearmen Wintern und einem zunehmenden Konkurrenzdruck zu nennen: 39
• Sicherstellung von Talabfahrten und Pistenverbindungen
• Konkurrenzvorteil eines frühen Saisonstarts gegenüber anderen Skigebieten
37 Quelle: http://www.seilbahnen.de/de/58ba3ff3-1fae-ba77-0bbe-a82bc9aafe5c.html (Datum des Zugriffs: 28. August 2007), eigene Darstellung.
38 Hahn (2004), S. 2.
39 Vgl. Lardelli et al. (2007), S. 25.
3 Technische Beschneiung als Instrument der Risikovorsorge in Bayern 36
• Beibehaltung der Konkurrenzfähigkeit aufgrund gesteigerter Ansprüche der Touristen und Adaption an Wintersportgeräte wie Carving-Ski und Snowborad
• Einsatz als Marketinginstrument zur Imagebildung der Skiregionen im internationalen und nationalen Wettbewerb
Vor dem Hintergrund der steigenden Schneefallgrenze und der niedrigen Lage bayerischer Skigebiete (vgl. Kapitel 2.1), dem Wunsch der Saisonverlängerung sowie der starken Konkurrenz durch benachbarte Seilbahnbetreiber anderer Alpenländer ist in Bayern eine hohe Investitionsbereitschaft für Beschneiungsanlagen zu erkennen. Damit sind allerdings enorme Investitions-und Betriebskosten der Anlagen verbunden, auf die im Folgenden weiter eingegangen werden soll.
3.2 Kosten und Ressourcenverbrauch der technischen Beschneiung
Um Schnee künstlich herzustellen benötigt man Wasser, Luft und Energie. Es werden feinste Wassertröpfchen in die kalte Winterluft gesprüht, bei dem ein Teil des Wassers verdunstet und der Umgebung Wärme entzieht. Der andere Teil gefriert und fällt in Form von kleinen Eiskristallen und Eisklumpen als Kunstschnee zu Boden. „Dies funktioniert erst effizient bei Lufttemperaturen von minus 4 °C abwärts, weniger als 80 % Luftfeuchtigkeit und einer Wassertemperatur von maximal 2 °C. Steigt die Lufttemperatur über minus 3 °C so wird das Beschneien im Allgemeinen unwirtschaftlich“ 40 . Der deutsche Skiverband gibt hierzu ähnliche Angaben an (Lufttemperatur kälter als minus 2 °C, Luftfeuchtigkeit weniger als 80 %, Wassertemperatur kälter als +2 °C). 41 Durch Schneezusätze, wie beispielsweise SNOWMAX der Firma York kann laut Angaben des Herstellers bei minus 3 °C noch wirtschaftlich beschneit werden,
40 Hahn. (2004), S. 3.
41 Vgl. http://www.ski-online.de/2024-e_13420,r_3115.htm (Datum des Zugriffs: 22. August
2007).
3 Technische Beschneiung als Instrument der Risikovorsorge in Bayern 37
bei sehr niedriger Luftfeuchtigkeit noch bei 0 °C. Hier werden dem Wasser Bakterien zugesetzt, welche als Eiskeime für einen schnelleren Kristallisationsprozess dienen. Dadurch wird die Produktion von Kunstschnee mit geringerem Wasser- und Energiebedarf ermöglicht, wodurch geringere Kosten entstehen. 42 Aufgrund fehlender Langzeitstudien der möglichen Folgen für Mensch und Umwelt sind solche Zusätze in Deutschland (auch in Italien und Österreich) verboten. Jedoch nehmen Forderungen nach einer Lockerung der Gesetzgebung für den Einsatz solcher Zusätze von Seiten der Tourismusver-antwortlichen zu. Bereits zum Einsatz kommen solche Schneezusätze in der Schweiz, Frankreich und in Nordamerika. 43
Mit Druckluftkanonen, so genannten Hochdruckanlagen, oder mit Propellerkanonen, so genannten Niederdruckanlagen, wird heute Kunstschnee hergestellt. Weniger Energie verbrauchen tendenziell Niederdruck-Systeme, sie sind zudem leiser als Hochdrucksysteme. Die Kältetechnik und die Kryotechnik sind die nichtkommerziellen Verfahren für die Schneeherstellung. Hier wird durch Kühlkompressoren Eis produziert und zu Korngröße gemahlen beziehungsweise mit flüssigem Stickstoff Wasser gefroren. 44 Die Firma IDE Technologies hat ein Verfahren entwickelt, dass die Schneeproduktion bei Plusgraden möglich macht (bis zu +35 °C). Bei dieser Technologie handelt es sich um eine stationäre Eis-Schneemaschine und wird bis heute lediglich für die Kühlung von Goldminen in Südafrika benutzt. Somit bestehen keine Erfahrungswerte für Skigebiete in den Alpen. Für einen großflächigen Einsatz auf Skipisten scheint diese Schneeproduktion jedoch völlig ungeeignet zu sein. Der Schnee kann bei diesem Verfahren nicht an verschiedenen Stationen auf einer Piste produziert werden wie das bei Schneekanonen möglich ist, sondern müsste von der dafür nötigen Anlage für weitere Entfernungen abtransportiert werden. Von einer „Beschneiung“ kann demzufolge nicht die Rede sein.
42 Vgl. Doering et al. (2007), S. 17.
43 Vgl. http://www.ski-online.de/2024-e_13420,r_3115.htm (Datum des Zugriffs: 22. August
2007).
44 Vgl. Hahn (2004), S. 3f.
3 Technische Beschneiung als Instrument der Risikovorsorge in Bayern 38
Einsatzmöglichkeiten bietet diese Technologie für Schneeevents in Großstädten oder in Talregionen. Der Energieverbrauch für die Produktion eines Kubikmeters Schnee ist relativ hoch (6,7 kWh) im Vergleich zu dem Energieverbrauch von Schneekanonen (Vgl. Kapitel 3.2.3). 45
3.2.1 Anschaffungs- und Betriebskosten
Beschneiungsanlagen bestehen aus folgenden Elementen: Wassererfassung und teilweise Wasserspeicher, Pumpen, Stationsgebäude, Kompressoren (bei Hochdruckanlagen), Energieversorgungsanlagen und Erdkabel, Steuerung, Kühlanlage, kleine
Schneekanonen und Zapfstellen entsprechen lediglich 5 % bis 20 % der gesamten Investitionskosten. Die Kosten für einen Kubikmeter Schnee belaufen sich auf ungefähr drei bis fünf Euro. Für einen Hektar beschneibare Piste muss mit Investitionskosten von rund 140.000 Euro gerechnet werden. Nach einer Schweizer Faustregel sind für einen Kilometer beschneibare Piste Investitionen von 650.000 Euro zu veranschlagen. Im Kanton Wallis betragen die Betriebskosten durchschnittlich 33.000 Euro pro Kilometer. Der Unterschied, ob es sich um einen schneearmen oder normalen Winter gehandelt hat, betrug lediglich 2.000 €. Dies zeigt, dass die anfallenden Fixkosten für den Betrieb der Anlagen in schneereichen Wintern fast ebenso hoch sind. Für die gesamten beschneibaren Pisten in den Alpen (23.800 Hektar) beträgt das Investitionsvolumen für Beschneiungsanlagen mehr als drei Milliarden Euro. 46
3.2.2 Wasserwirtschaft
Eines der Hauptprobleme für die künstliche Beschneiung ist der enorme Wasserverbrauch und die damit verbundenen Kosten. Für 1 Kubikmeter Schnee werden 200 bis 500 Liter Wasser benötigt. Um einen Hektar mit einer Grundbeschneiung von 30 cm Schneehöhe zu beschneien, werden 600.000 bis
45 Vgl. http://www.ide-snowmaker.com (Datum des Zugriffs: 28. Januar 2008).
46 Vgl. Hahn (2004), S. 2ff.
3 Technische Beschneiung als Instrument der Risikovorsorge in Bayern 39
1,5 Millionen Liter (1.500 Kubikmeter) Wasser verbraucht. 47 So müssen bei weiterem Ausbau von Beschneiungsanlagen zunehmend mehr Speicherseen angelegt werden.
Im Jahr 2000 wurde der erste Speicherteich in Garmisch-Partenkirchen (in 1.250 Metern Höhe) mit einem Fassungsvermögen von 42.000 Kubikmeter gebaut. Dieser Speicherteich sammelt im Lauf des Sommers langsam das Wasser aus Regenfällen und Schneeschmelze. Wenn unter entsprechenden klimatischen Voraussetzungen mit Volllast beschneit werden kann, ist der Teich nach zwei Tagen nahezu leer. Dann wird Wasser vom Tal herauf gepumpt. Die weitere Vergrößerung der Beschneiungsflächen machte den Bau eines weiteren Speicherteichs (in 1.350 Metern Höhe, Fassungsvermögen von 62.000 Kubikmeter) notwendig. Für diesen Teich wird das Wasser vom Tal in den unteren See gepumpt und von dort dann weiter in den neuen Teich. Die Horn-und die Kochelbergabfahrt werden von hier aus bis ins Tal hinab beschneit. Eine Vollbeschneiung benötigt circa 170.000 Kubikmeter Wasser.
Es ist davon auszugehen, dass durch die Klimaerwärmung der Bau eines weiteren Sees notwendig wird, aufgrund der immer kürzer werdenden Beschneiungszeit, in der die Temperaturen niedrig genug sind. Für den Transport des Wassers vom Tal in die Speicherseen wird Energie benötigt. So wird durch den Wassertransport die Energiebilanz der Schneekanonen weiter belastet. 48 Durch den Transport wird das Wasser erwärmt und muss deswegen vor der Beschneiung nochmals abgekühlt werden. Zudem spielt die Herkunft des Wassers eine wichtige Rolle. Wird das Wasser aus Bächen und Flüssen abgezapft, ist dieses vergleichsweise nährstoffreich. Dieses Wasser, das auf nährstoffärmere Böden in Hochlagen über die Schneeerzeugung ausgebracht wird, kann zur Veränderung der Vegetation führen. Durch die damit verbundene Düngung von Pflanzenarten, die sonst selten in den Höhenlagen vorkommen, können angepasste, seltene Arten verdrängt werden.
47 Vgl. Lardelli (2007), S. 96.
48 Vgl. Doering et al. (2007), S. 17.
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Diplom Betriebswirt (FH) Stephan Meier, 2008, Auswirkungen des Klimawandels auf den alpinen Wintertourismus und mögliche Anpassungsstrategien, Munich, GRIN Publishing GmbH
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