1 EINLEITUNG 3
2 POST-THEORIE VS. GRAND THEORY - EINE ABGRENZUNG 4
2.1 Postrukturalismus: Theorie und Methode 5
2.1.1 Psychoanalyse 6
2.1.2 Feminismus 7
2.2 Kognitivistische Filmanalyse 8
3 FIGHT CLUB ZWISCHEN POSITIVISMUS UND HERMENEUTIK 11
3.1 Was leistet die kognitivistische Filmanalyse nach Bordwell? 12
3.1.1 Bordwell angewandt auf Fight Club 13
3.2 Warum Psychoanalyse und Feminismus helfen können 18
3.2.1 Blickstrukturen 18
3.3.2 Kritik an Patriarchat und Kapitalismus 19
3.2.3 Eine neue Männlichkeit/Weiblichkeit? 23
3.2.3.1 Marla Singer als Heldin der Geschichte 23
3.2.3.2 Bob als Zwischenstadium 25
4 FAZIT UND AUSBLICK 26
VERWENDETE LITERATUR 29
ABBILDUNGEN 30
ANHANG 31
Tabellarische Gegenüberstellung: Post-Theory vs. Grand-Theories 31
Sequenzprotokoll 32
Erklärung 36
2
1 Einleitung
„Oberflächenrausch“, so überschreibt Jens Eder 1 seinen Essayband über das postmoderne/klassische Kino der 90er, das ist „die Inszenierung von Oberflächen, das Design von Texturen. Licht und Schatten, Glanz und Stumpfheit, Haut und Membran.“ FIGHT CLUB (David Fincher, 1999) ist in vielerlei Hinsicht der ultimative Oberflächenrausch zum Ende des Millenniums. Aber was verbirgt sich hinter den körperlichen (Haut und Körper) und ideologischen (Männlichkeit, Kapitalismus) Fassaden, die in diesem Film so systematisch zerstört werden? Und wie kann dieser Oberflächenrausch und seine Zerschlagung gedeutet werden? Dieser Frage möchte ich mich von zwei wissenschaftlichen Positionen annähern, die sich in ihrer Methodik diametral gegenüberstehen: Kognitivismus und Poststrukturalismus. In einem ersten Teil der Arbeit soll es mir um einen kurzen Vergleich der beiden Forschungsrichtungen gehen. Basierend auf einer tabellarischen Gegenüberstellung (siehe Anhang) von Methode, Herangehensweise und geistesgeschichtlichem Hintergrund möchte ich in einem zweiten Teil die herausgearbeitete theoretische Folie über den Film legen. FIGHT CLUB bietet auf der rein denotativen Ebene für eine kognitivistische Analyse ein Reihe von Zugängen und interessanten Fragestellungen, deren konnotative Hintergründe dann für eine poststrukturalistische (hier: psychoanalytisch-feministisch) Betrachtung Ansatzpunkt für eine vertiefende Analyse sein können. Für eine kognitivistische Herangehensweise bietet sich vor allem die Narrationstheorie von BORDWELL an, die ich schlaglichtartig zur Verdeutlichung der Arbeitsweise auf den Film anwenden werde. Demgegenüber gestellt werde ich den poststrukturalistischen Zugang zum Film am Beispiel einer feministischen Analyse herausarbeiten, um in einem abschließenden Teil zu einer Bewertung der beiden grundsätzlich verschiedenen Zugänge in Bezug auf Nützlichkeit, Anwendbarkeit und Erkenntnisgewinn zu kommen. Ob der von BORDWELL eingeleitete cognitive turn in den Filmwissenschaften tatsächlich einen konstruktiven Beitrag zum Verständnis von Filmen leistet und ob die von den Kognitivisten vorgetragene Kritik an den Grand Theories berechtigt ist, stelle ich im Weiteren zur Diskussion.
Für die psychoanalytisch-feministische Analyse Fight Clubs werde ich mich an der These orientieren, dass der Film sich zwar vordergründig als >Männerfilm< darstellt, eigentlich aber einen Abgesang auf Männlichkeit, Patriarchat und damit unweigerlich auf ein kapitalistisches und frauenfeindliches System darstellt und seine eigentliche Heldin in der Figur Marla Singers findet. Da ich den Film als bekannt voraus setzen kann, verzichte ich auf eine Inhaltsangabe im Fließtext und verweise auf das Sequenzprotokoll im Anhang.
1 Jens Eder (Hrsg.), 2002: Oberflächenrausch. Postmoderne und Postklassik im Kino der 90er Jahre. Münster:Lit.
3
2 Post-Theorie vs. Grand Theory - eine Abgrenzung
Der in den Filmwissenschaften seit den 80ern schwelende Streit zwischen einer kognitivistisch orientierten Forschung auf der einen und (post-)strukturalistischen Zugängen auf der anderen Seite erlebte mit der Veröffentlichung von Post-Theory (1996) 2 einen vorläufigen Höhepunkt. Es geht den Herausgeber David Bordwell, Noel Carroll und den anderen Autoren um die gewichtige Frage, was Filmanalyse und -wissenschaft leisten kann und soll und was sich in den Augen der Kognitivisten seit den 60ern mit dem semiotic turn in den Geisteswissenschaften grundlegend falsch entwickelt hat. Dabei kritisieren sie an den von ihnen abwertend als Grand Theories 3 bezeichneten Zugängen zuvorderst eine dogmatische, theoriegeleitete Grundhaltung und eine, die ästhetisch-formalen Besonderheiten der Untersuchungsgegenstände vernachlässigende, letztlich unwissenschaftliche Herangehensweise. Post-Theory - so der ironisch-programmatische Titel dieses filmtheoretischen Sammelbandes - ist als direkter Angriff auf die Grand Theory mit ihren Methoden (psychoanalytisch-, feministisch-, marxistisch-strukturalistische Analyse von Kultur und Gesellschaft) zu lesen.
Weder der Poststrukturalismus noch der Kognitivismus stellen in den Filmwissenschaften homogene Gedankengebäude bereit - sie bieten lediglich Zugänge für Interpretation, Analyse und Verständnis filmischer Texte und stehen beide für eine bestimmte Art und Weise des Theoretisierens und Nachdenkens über Filme. Da die kognitivistische Filmwissenschaft sich zeitlich nach den poststrukturalistischen Zugängen entwickelt hat und sich explizit als deren Kritik versteht, werde ich erst die seit den 60ern praktizierte poststrukturalistische Schule umreißen, und dann in Abgrenzung dazu auf den von Bordwell federführend eingeleiteten cognitive turn eingehen. Dabei soll es mir nicht um die detaillierte Beschreibung einer geistesgeschichtlichen Entwicklung zweier Theorien bzw. wissenschaftlicher Schulen gehen. Vielmehr möchte ich knapp darstellen, wie verschieden das beiderseitige Verständnis von filmischer Analyse ist und wie unterschiedlich mögliche Ergebnisse einer Analyse in Bezug auf Erkenntnisgewinn und kritische Distanz zum filmischen Gegenstand sein können.
2 David Bordwell/ Noel Carrol 1996: Post-Theory. Reconstructing Film Studies. Wisconsin University Press.
3 Die Veröffentlichung von Post-Theory bedeutete insofern eine Entschärfung der Polemik, da die frühere Bezeichnung SLAB durch Grand Theories ersetzt wurde. Das Akronym SLAB stand für Saussure, Lacan, Althusser und Barthes - die Väter und Hauptvertreter der verschiedenen poststrukturalistischen Analysemethoden, die zwar nicht explizit für und über den Film gearbeitet haben, deren Arbeiten auf den Gebieten der Sprachwissenschaft (Saussure), Psychoanalyse (Lacan), Marxismus (Althusser), (Post-)Strukturalismus (Barthes) aber maßgeblich auf die Geisteswissenschaften im angloamerikanischen und französischen Raum seit den 60ern wirkten. Das Lautbild SLAB ist sicherlich nicht zufällig homonym zum englischen slap, was soviel wie Ohrfeige bedeutet.
4
2.1 Postrukturalismus: Theorie und Methode
Unter die sogenannten poststrukturalistischen Ansätze fallen wissenschaftliche Theorien und Schulen, die sich nach dem semiotic turn in den Geisteswissenschaften entwickelt haben und sowohl im angloamerikanischen wie auch im französischen Geistesleben schnell populär und einflussreich wurden. Dabei kann die Betrachtung z.B. eines Films von einer psychoanalytischen, feministischen oder einer marxistischen Fragestellung geleitet sein. Poststrukturalismus bezeichnet also einen Oberbegriff für eine Gruppe theoretischer Diskurse, die ein objektives Wissen über die Welt und den Menschen anzweifeln und die Vorstellung eines sich selbst bewussten Subjekts in Frage stellen. 4 Ebenso wird eine verbindliche Interpretation von Texten abgelehnt, der Autor/Regisseur als alleiniger Sinngeber entmystifiziert und die Vieldeutigkeit von filmischen/sprachlichen Texten betont.
Geistesgeschichtlich kann der Poststrukturalismus als eine durchaus kritische Modifikation des Strukturalismus aufgefasst werden. Kennzeichnend für beide Ansätze ist die Betonung der Zeichenhaftigkeit von gesellschaftlichen und kulturellen Phänomenen, Texten oder konventionalisierten Verhaltensweisen. Der Strukturalismus geht auf Arbeiten des Schweizer Linguisten Ferdinand de Saussure zurück, der mit den Begriffen langue und parole die sprachliche Zeichen von den ihnen zugewiesenen Bedeutungen entkoppelte und das Verhältnis zwischen z.B. dem Lautbild >Stuhl< und der uns als Stuhl bekannten Sitzgelegenheit als ein arbiträres bezeichnete. Der Wert sprachlicher Zeichen entstehe „nicht aus seiner Bezogenheit zur Wirklichkeit, sondern primär aus seiner Stellung im Relationsgefüge des Sprachsystem“. 5 Es sind die Unterschiede zu Zeichen eines sprachlichen Paradigmas, die Bedeutung synchron konstituieren. Derrida radikalisierte das Verhältnis zwischen Zeichen und festgeschriebenen Bedeutung später mit der Einführung des Kunstwortes Différance und sprach den Zeichen und Texten ein (hermeneutisches) Sinnzentrum und eine verbindliche Bedeutung ab.
Während es den Strukturalisten aber in erster Linie um eine „formale Analyse der Diskurse als symbolischer Ordnungssysteme“ ging 6 , so bedeutete der Poststrukturalismus eine Verschiebung zu Fragen, die ideologische Funktion und die Veränderbarkeit von eben diesen Strukturen betreffend. Dabei machten sich die Poststrukturalisten eine von Jacques Derrida entwickelte Methode zu Nutze, mit deren Hilfe sie Widersprüche in Texten aufspüren und mit den postulierten Absichten konfrontieren konnten 7 - die Dekonstruktion. „Deconstruction is
4 Vgl. Jonathan Culler, 2002: Literaturtheorie. Eine kurze Einführung. Stuttgart: Reclam, S.182.
5 Ansgar Nünning 2004 (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Stuttgart: Metzler, S.260f.
6 Lena Lindhoff: Einführung in die feministische Literaturtheorie. Stuttgart: Metzler, S.73.
7 Vgl. Stefan Münker/Alexander Roesler 2000: Poststrukturalismus. Stuutgart: Metzler, S.141.
5
not (…) a theory but a strategy“ 8 , eine Technik des nicht nur linearen Lesens, die in deutlicher Abgrenzung zur hermeneutischen Tradition der autorzentrierten, oftmals werkimmanenten, den verbindlichen Textsinn suchenden Interpretation steht. Um den (post-)strukturalistischen Ansatz zu verdeutlichen, möchte ich kurz auf Psychoanalyse und Feminismus und ihre Relevanz für die Filmwissenschaft eingehen.
2.1.1 Psychoanalyse
Die Psychoanalyse betrachtet das menschliche Bewusstsein nur als die Oberschicht von Identität, während die Faktoren, die das Denken und Handeln weitgehend bestimmen, im Verborgenen, im Unterbewussten schlummern. Setzt man diese Sichtweise in Analogie zum Kino, dann können die auf der Leinwand zu sehenden Bilder zwar auf einer denotativen Ebene als Geschichten gelesen werden, die aber zum einen vom Autor/Regisseur intendierte, tiefere Bedeutungsschichten verdecken, zum anderen aber in jedem Fall ein kollektives Unbewusstes beherbergen. Dabei bedienen sich Filmschaffende dieser kultureller Stereotypen und Strukturen eher unbewusst 9 , indem sie Wirklichkeit vorgeblich abbilden und eine bestimmte Ordnung (z.B. der Geschlechter) präferieren, die bei unkritischer Rezeption vom Publikum übernommen wird, weil es diese dargestellte Ordnung für die Wirklichkeit hält.
Zentrale Frage für eine psychoanalytische Lesweise ist, ob Filme - unabhängig von den Inhalten - Strukturen abbilden, ein bestimmtes (ideologisches, geschlechterspezifisches) Bewusstsein erzeugen oder transportieren. 10 Im Mittelpunkt des Interesses stehen nicht die dargestellten Inhalte, sondern die vom Hollywoodkino standardisierten Codes und Erzählstrukturen, die filmisches Verstehen strukturieren und leiten. „Es soll gezeigt werden“, schreibt Laura Mulvey, „wie das Unbewusste der patriarchalischen Gesellschaft die Filmform strukturiert hat.“ 11
Während Feministinnen Theorie und Praxis der freudschen Psychoanalyse zwar „aufgrund ihrer unabweisbar sexistischen Grundannahmen“ 12 ablehnten, so wurde gerade in der noch jungen Disziplin der (feministischen) Filmwissenschaft das begriffliche Instrumentarium der Psychoanalyse (Projektion, Voyeurismus, Kastrationsangst, etc.) auf das Dispositiv des Kinos übertragen und für die Dekonstruktion der im Kinoapparat und in Hollywoodfilmen vorherr-
8 Elsaesser,Thomas/ Buckland, Warren 2002: Studying Contemporary American Film. A guide to movie analysis. New York: Oxford University Press, S.129.
9 Aber auch die bewusste Verwendung von Stereotypen (z.B. Feier des Mannes/Patriarchat und seiner Stärke) aus einem konservativ-reaktionärem Interesse ist denkbar.
10 Hermann Kappelhoff, 2003: Kino und Psychoanalyse. In: Felix, Jürgen: Moderne Film Theorie. Mainz: Bender, S.132.
11 Mulvey, Laura (1973): Visuelle Lust und narratives Kino. In: Gislind Nabakowski u.a. (Hrsg.) (1980) Frauen in der Kunst. Bd. 1, Frankfurt am Main, S.30.
12 Culler, S.184.
6
schenden Macht- und Geschlechterkonstellationen nutzbar gemacht. Das Kino mit seiner Apparatur wurde in Analogie 13 zu psychoanalytischen Begrifflichkeiten gesetzt und als Vermittler für unbewusstes Begehren verstanden - eine Methode, die Bordwell und Carroll als besonders unwissenschaftlich deklassierten.
2.1.2 Feminismus
Der Feminismus hat keine eigenen Begrifflichkeiten wie die Psychoanalyse oder der Marxismus. Aus einem „emanzipatorischen Impuls“ 14 , der schon im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die männliche Dominanz in allen Lebens- und Arbeitsbereichen spürbar war, hat sich in den 1970er Jahren eine transdisziplinäre Sichtweise auf die Welt in den Sozial- und Kulturwissenschaften entwickelt, die ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern nicht nur auf der Ebene der Tatsachen verortete, sondern in den zugrundeliegenden Strukturen vermutete. Manifeste kulturelle Produkte (Filme, Literatur, Witze, erzählte Geschichten etc.) und die ihnen zugrunde liegenden sprachlichen Strukturen waren tendenziell auf männliche Bedürfnisse und Wünsche zugeschnitten und repräsentierten die auf der Oberfläche virulenten Muster der Unterdrückung und Ungleichheit. Im Gegensatz zu den sichtbaren und für Frauen 15 spürbaren Diskriminierungen waren diese latent und wurden und werden von Frauen und Männern unbewusst bedient, benutzt und erduldet. Während es im alltäglichen Sprachgebrauch nur feine Nuancen waren, die ein Übergewicht männlicher Dominanz zum Vorschein brachten, so sah Laura Mulvey in ihrem wegweisenden Essay Visual Pleasure and Narrative Cinema (1975) die Frauen z.B. im klassischern Hollywoodkino in einer ungleich prekäreren Situation: Vermittelt durch Blickstrukturen, die Männer zum aktiven Subjekt des Blickes machten und Frauen zu begehrens-, hassens- und bemitleidenswerten Objekten degradierten, waren sie im und durch den identifikatorischen Prozess der Kinosituation gezwungen, sich in einem gleichsam masochistischen Akt diesem Blick zu unterwerfen, oder - ohne es zu merken - sich mit den durchweg männlichen Helden zu identifizieren und damit ihr Sosein als Frau zu verleugnen.
Eine feministische Analyse versucht nun, diese Blick- und Machtstrukturen zu dekonstruieren, indem sie sich z.B. psychoanalytischer Termini bedient, mit konventionellen Interpretationsmustern bricht und feststehende Begriffe in Frage stellt. „Einen Begriff in Frage zu stellen
13 z.B. Kamera=Voyeur, Zuschauer=Voyeur, Projektion von Bildern/Wünschen, Träumen, Begierden
14 Vladimir Biti, 2001: Literatur- und Kulturtheorie. Ein Handbuch gegenwärtiger Begriffe. Reinbek: Rowohlt, S.221
15 seit den frühen 80ern lag der Focus der feministischen Theorie nicht mehr ausschließlich auf dem Geschlechterdiskurs, sondern wurde im Rahmen der der Queer-Theories und der postcolonial studies auf die Diskriminierung anderer Randgruppen in westlichen Gesellschaften angewandt und ausgeweitet.
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Arbeit zitieren:
Alexander Thiele, 2005, Vergleichende Gegenüberstellung kognitivistischer und psychoanalytisch-feministischer Analysemethoden am Beispiel von David Finchers 'Fight Club', München, GRIN Verlag GmbH
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