Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der spezifische Sprachgebrauch
2.1. Ausdrücke aus wissenschaftlicher Fachsprache
2.2. Euphemismen
2.3. Superlative
2.4. Pathos
2.5. Fremdwörter
2.6. Neologismen
3. Schlusswort
4. Literaturverzeichnis
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur
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1. Einleitung
Viele Jahre lang herrschten die Nationalsozialisten uneingeschränkt nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen Gebieten in ganz Europa. Während dieser Zeit durchdrangen sie – auch in Form eines ganz spezifischen Sprachgebrauchs – mit ihrer Weltanschauung und Propaganda beinahe alle Lebensbereiche der Deutschen und der im Zweiten Weltkrieg besiegten Völker. Die Besatzer waren sich dessen bewusst, dass die Sprache und die Propaganda durchaus wirksame Waffen sind und dass es sinnlos war, sie gegenüber den unterworfenen Völkern und Gebieten einzusetzen (vgl. Kinne/Schwitalla 1994, S. 1). Die Manipulation und der spezifische Gebrauch der Sprache ist aber keine Erfindung der Nationalsozialisten. Sie wurde seit Jahrhunderten überall geübt, denn man erkannte schon bald, sich in einer Welt abzufinden, in der die Machtausübung auf gerade Manipulation basiert. Auch das nationalsozialistische Regime lernte rasch durch zahlreiche kleinere oder größere Tricks, das Verhalten seiner Staatsbürger zu seinen Gunsten zu ändern (vgl. Lay 1977, S. 12).
Zweifelsohne gibt es zahlreiche und umfangreiche Definitionen von Manipulation. Man könnte vielleicht, sehr allgemein definiert, sagen, Manipulation sei ein unerlaubtes Mittel, zur Beeinflussung des Menschen (als Einzelwesen oder in der Gruppe) zum Zwecke einer systematischen zielgerichteten Lenkung und Prägung des Bewusstseins, der Lebens- und Denkgewohnheiten, der Gefühlslagen (vgl. Lay 1977, S. 20f.). Es sei aber darauf hingewiesen, Manipulation ist auch eine besondere Art, Sprache zu benutzen. Diese Besonderheit besteht darin, dass durch Sprachverwendung bestimmte Ziele angestrebt werden, die dem Partner „verborgen sind, verborgen bleiben sollen oder doch bleiben können“ (Mackensen 1973, S. 208). Die Manipulation macht Sprache zum Mittel für die einen, über die anderen zu herrschen. Sie birgt jedenfalls die Möglichkeit, mit ihrer Hilfe Macht über andere zu gewinnen: das ist eine ihrer Grundfunktionen. Sicher ist die politische Einflussnahme auf Menschen notwendig, denn ohne solche manipulatorischen Einflussnahmen könnte es kaum zu einem politisch stabilen Gebilde kommen (vgl. Lay 1977, S. 167).
Die Manipulation durch Sprache ist wohl der auffälligste und vermutlich auch der häufigste Versuch, auf andere bewusst und berechnend bestimmenden Einfluss zu gewinnen. Es liegt nur an der List des Sprechers bzw. des Schreibers, ob sein Vorhaben ohne weiteres erfolgreich ist. Meist übersehen die Hörer und Leser diese List (vgl. Mackensen 1973, S. 96f.).
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Man könnte vergebens nach Wahrheit und Sinn in den vom nationalsozialistischen Regime manipulierten politischen Aussagen oder Texten suchen, denn diese werden unsichtbar und unwirklich. Das geschieht immer, wenn man versucht, das Verhalten seiner Mitmenschen zu eigenem Nutzen zu ändern. Die rücksichtlose Manipulation mit den Worten machte die Sprache zur Sache und zum bloßen Mittel und übte einen riesigen Einfluss auf das ganze damalige Schrifttum (vgl. Lay 1977, S. 389).
Das nationalsozialistische Regime war sich dessen bewusst, dass Sprache viel mehr ist, als nur ein Medium der Verständigung und die Rolle des pragmatischen Aspektes der Sprache im weltanschaulichen Kampf der Nationalsozialisten darf nicht unterschätzt werden. Hier handelte es sich um eine besondere Form der Sprachregelung, die letzten Endes der Irreführung diente. Durch eine über die gleichgeschalteten Medien teilweise bis ins Detail regulierte Wortverwendung versuchte man, eine neue nationalsozialistische Wirklichkeit zu schaffen, die wahren Absichten und die tatsächlichen Ziele und Handlungen des NS-Regimes zu verschleiern, gleichzeitig auch die Menschen in den Dienst eines Systems zu stellen, welches ihren eigenen Interessen zuwiderhandelte (vgl. Klaus 1972, S. 40; vgl. Kołtunowski 1980, S. 155).
Im Dritten Reich vollzog sich eine Durchdringung des gesamten öffentlichen und privaten Lebens und Schrifttums. Unter dem Einfluss des Nationalsozialismus vollzog sich eine außerordentlich starke und weitgehende Veränderung der deutschen Sprache, ungeachtet dessen, ob es sich um Propagandareden, Zeitungsartikel aller Art, wissenschaftliche Bücher oder private Korrespondenz handelte (vgl. Seidel/Seidel-Slotty 1961, S. 1f.).
Eines der wesentlichen, hervorzuhebenden Merkmale für den nationalsozialistischen Sprachgebrauch ist, dass er rhetorisch ist. Rhetorisch aber nicht im Sinne eines klassischen juristischen oder philosophischen Redners, sondern von Volksrednern und Demagogen. „Hitler spürte in der deutschen Sprache eine andere Musik als die von Goethe, Heine oder Mann auf. [...] Und das deutsche Volk, anstatt sich ungläubig und angeekelt abzuwenden, gab dem Gebrüll des Mannes einen massiven Widerhall“. (vgl. Steiner 1969, S. 129f.) Es werden nie verschiedene Positionen oder Rechte abwägend eingebracht, nie nach Objektivität und Wahrheit gestrebt. Es gilt, die Massen zu gewinnen, wofür jedes Mittel recht ist. Appelliert wird an den Instinkt der Angesprochenen, nicht an ihren Verstand, denn rational ist die Argumentation in keinem Moment (vgl. Hundhausen 1975, S. 187).
Es handelt sich hier also nicht um einen gepflegten auf Wissen und Verstand basierenden Stil mit ausgewogenem Aufbau, These und Antithese, sondern um eine Art Vergewalti-
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gung des Sprachgeistes in Deutschland, wobei ganz offensichtlich, zumeist mit Unterstützung der Presse, das Bewusstsein zahlreicher Bürger manipuliert wird, um sie an einen ganz bestimmten Punkt zu bringen. Das Verhalten des Volkes soll so umgestimmt werden, dass es einerseits die Machttaten des nationalsozialistischen Regimes akzeptiert oder sogar ausdrücklich fordert und andererseits im gemeinsamen Hass, in der gemeinsamen Angst zu so etwas findet wie „einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das dann ein politisches Gebilde auf sich beziehen kann“ (Lay 1977, S. 179).
Es lässt sich also folgern, dass alles, was sich zwischen Menschen abspielt, von Sprache geführt oder verführt wird. Auch die Geschichte wird von Worten gemacht, mehr denn von Männern und Taten. Die Sprache darf somit nicht als statisch bezeichnet werden, denn sie muss einer sich ständig wandelnden Lebenswirklichkeit Rechnung tragen (vgl. Lay 1977, S. 389). Sprache gab den Nationalsozialisten einen Spielraum frei, den sie für die Durchsetzung ihrer Denkweise und Ideologie sowie für die Realisierung ihrer politischen Pläne nutzen konnten. Und dieser Eingriff des nationalsozialistischen Staates in die lebendige Volkssprache hatte den Charakter eines systematischen Vorgehens (vgl. Klaus 1972, S. 131).
Selbstverständlich hatten die Nationalsozialisten ihr bestimmtes Vokabular, mit zahlreichen Sprachschöpfungen und Sprachverdrehungen, und eine bestimmte öffentliche Rhetorik, die ihr Programm zusammen mit der Gewalt und dem propagandistisch ausgerichteten Stil untermauerten. Ganz bestimmt gibt es gewisse Eigenschaften, die für alle totalitären Sprachen typisch sind, und die genaue Analyse der Sprache des Nationalsozialismus lässt eine Reihe von Merkmalen erkennen, die als charakteristisch für diese Sprache gelten können, denn der Sprachgebrauch im Dritten Reich weist mit seinen Umdeutungen und Umwertungen einige Auffälligkeiten auf, was insbesondere dem NS-Wortschatz seinen spezifischen Klang gibt (vgl. Kołtunowski 1981, S. 199ff.).
Insgesamt bestand die nationalsozialistische Vorgehensweise darin, vorhandene Ideen und Begriffe zu übernehmen, anzuknüpfen an gängige weltanschauliche Vorstellungen, alte ideologisch besetzte Wörter aufzugreifen, die Wortbedeutung aber zu ändern (vgl. Straßner 1987, S. 175).
„Das Gift ist überall. Im Trinkwasser der LTI wird es verschleppt, niemand bleibt davon verschont“. (Klemperer 1949, S. 102) Die Reichweite der offiziellen Sprache, die zahlreiche Begriffe und Gefühle schändete und vergiftete, ging also weit über die Verwendung in Reden der Parteioberen und Funktionäre in Verordnungen, Gesetzen, Presseanweisungen, Rundfunksendungen und Zeitungen hinaus. Die von den Nationalsozialisten mit mehr oder
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weniger Zwang durchgesetzten Sprachformen wurden zu einem Bestandteil der Allgemeinsprache, und infolge dessen auch der Denkstrukturen weiter Teile der deutschen Bevölkerung. Die Einzelwörter, Redewendungen, die Satzformen, die millionenfachen Wiederholungen wurden automatisch und unbewusst aufgenommen (vgl. Schmitz-Berning 1998, S. 7).
2. Der spezifische Sprachgebrauch
Zu den auffälligsten sprachlich-stilistischen Merkmalen der „Lingua Tertii Imperii“ gehörten u. a. 1 Ausdrücke aus wissenschaftlicher Fachsprache (vor allem aus den Bereichen Militär, Naturwissenschaft, Technik und Religion, die in andere Lebensbereiche übertragen wurden und somit eine andere Bedeutung erhielten), Euphemismen (also Hüllwörter, deren Hauptaufgabe war es, grausame Taten der Nationalsozialisten zu verdecken oder zu verharmlosen), Superlative, verstärktes, falsches Pathos in der Ausdrucksform, das zur Betonung des Gefühls beitragen sollte, Fremdwörter (die oft als Ersatz für deutsche Wörter gebraucht wurden, weil sie klanghafter erschienen) und Neologismen.
2.1. Ausdrücke aus wissenschaftlicher Fachsprache
Wie bereits erwähnt, haben die Nationalsozialisten bestimmten lexikalischen und stilistischen Mitteln mit ihren irreführenden Mehrdeutigkeiten und Fälschungen einen breiten Raum eingeräumt. Nicht ohne Bedeutung war hier auch die Verwendung von zahlreichen Entlehnungen aus dem fachsprachlichen Gebiet. Solche Bezeichnungen und Ausdrücke hatten vor allem die Aufgabe, die Gegner des NS-Regimes im bestimmten Stil darzustellen. Sie sollten auch ein Bedrohungsgefühl wecken, das deutsche Volk zum Kampf mit ihnen ermuntern und die Notwendigkeit ihrer völligen Vernichtung und Versklavung beweisen. Zu diesen Gegnern gehörten vor allem das Judentum, aber auch slawische Nationen, darunter Polen und natürlich andere Kriegsgegner (vgl. Klemperer 1949, S. 90). Technische, biologische bzw. medizinische Begriffe, bestimmte Wörter und Phrasen, die der Gefängnis- und Sakralsprache entstammen, waren typisch für die nationalsozialistische Ausdrucksweise. Darüber hinaus
1 Die hier genannten Beispiele für die Vergiftung der deutschen Sprache sollen hier lediglich als eine Auswahl dessen betrachtet werden, was man vom NS-Regime im Dritten Reich geschenkt bekam. Denn erst in mehreren
Kontexten, also in den sprachlichen Umgebungen, in denen ein Wort verwendet wird, lösen sich Bedeutungsver-
änderungen und –neufestlegungen aus. Und eben auf diese Weise kommt die Sprachlenkung zustande, ein Mit-
tel, das die Nationalsozialisten mit Vorliebe einsetzten.
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Radoslaw Lis, 2009, Der spezifische Sprachgebrauch im Dritten Reich anhand der Krakauer Zeitung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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