Inhaltsverzeichnis:
1. Vorwort. S.3
2. Gentrification als Phänomen postmoderner Stadttransformation. S.4
3. Die Ausgangslage in Berlin-Prenzlauer Berg 1990. S.6
4. Der Bezirk Prenzlauer Berg heute. S.7
5. Probleme der Stadterneuerung unter veränderten Rahmenbedingungen. S.9
6. Städtebauliches Instrumentarium. S.11
7. Die Sanierungspraxis. S.14
7.1 Die Eigentümer. S.14
7.2 Die Verwaltung. S.16
7.3 Der Sanierungsträger. S.18
8. Fazit. S.18
9. Literatur. S.20
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1. Vorwort:
Der Fall der Berliner Mauer und der Kollaps des sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems 1989/90 stellte das bedeutendste Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte dar. Besonders im Epizentrum dieses historischen Bruchs, in Berlin, wurde plötzlich auf lokaler Ebene sichtbar, wie unterschiedliche politische Vorgaben zu unterschiedlichen stadträumlichen Entwicklungen führten, die im Zuge der Wiedervereinigung zu enormen Problemen aber auch Chancen führten.
Ganz im Sinne der sozialistischen Doktrin versuchte das SED-Regime auf allen Ebenen, das politische System als höchste Stufe zivilisatorischer Entwicklung zu glorifizieren, sowie den Menschen zu entindividualisieren und zu proletariatisieren. Diese Uniformierungstendenz der Bevölkerung fand insbesondere im Städtebau seinen Ausdruck, indem an den Stadträndern riesige Wohnsiedlungen in industrieller Fertigbauweise entstanden sind, die den Menschen standardisierte Annehmlichkeit boten und es außerdem der Staatsführung besser erlaubte, die Bevölkerung zu kontrollieren. Diese enorme Bautätigkeit ging zu Lasten der gründerzeitlichen Innenstadtgebiete, die aufgrund ihrer Entstehung während der Blütezeit des Industriekapitalismus als Ausdruck bourgeoiser Ausbeutung der Arbeiterbevölkerung standen, und dementsprechend nicht den Utopien der herrschenden Klasse in der DDR entsprachen. Der BRD wurde als Rechtsnachfolger der DDR quasi über Nacht die gewaltige Aufgabe zuteil, die ostdeutsche stadtstrukturelle Realität bezüglich der Wohnraumsituation und der urbanen Infrastrukturausstattung an den Gegebenheiten und Bedürfnissen der gesamtdeutschen Bevölkerung anzupassen, wobei ein besonderer Augenmerk auf die Entwicklung der verfallenen Innenstädte gelegt werden musste. Aus der Vielzahl der Publikationen die in der Folgezeit über innenstädtische Entwicklungsprozesse veröffentlicht worden sind sticht das Schlagwort der „Gentrification“ besonders augenscheinlich hervor. Deshalb widmet sich diese Arbeit im Folgenden den urbanen Transformationsprozessen in den städtischen Altbauquartieren nach der politischen Wende, mit besonderer Berücksichtigung des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg, der in der Literatur besonders häufig mit dem Attribut des „gentrifizierten Stadtteils“ bedacht wird. Zunächst werde ich einen kurzen Überblick über den Stand der Gentrification-Forschung geben, anschließend werde ich die ökonomischen und politischen Problemlagen zusammenfassen unter besonderer Berücksichtigung des Wandels der Stadterneuerungspolitik der 90er Jahre, um anschließend die Entwicklungen aus heutiger Sicht, 18 Jahre nach der Wiedervereinigung, kritisch zu betrachten.
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2. Gentrification als Phänomen postmoderner Stadttransformation
Der Begriff der Gentrification wurde erstmals von der britischen Soziologin Ruth Glass 1964 1 verwendet und beschreibt einen Prozess des Wandels der Sozialstruktur in innenstadtnahen Altbaugebieten. Theoretisch basiert dieser Prozess auf einem Invasions-Sukzessions-Zyklus, der aus den humanökologischen Stadtentwicklungsmodellen der Chicagoer Schule hervorgeht. Das Neue an diesem Zyklus im Gegensatz zu den traditionellen Modellen liegt in der Richtung der Sukzession. Während die klassischen Zyklen von einer Sukzession statushöherer Bevölkerungsgruppen innenstadtnaher Gebiete durch statusniedrigere Haushalte beschreiben, was die starken Sub- und Exurbanisierungstendenzen amerikanischer und europäischer Großstädte zur Folge hatte, beschreibt Gentrification eine Verdrängung statusniedrigerer Haushalte durch Bevölkerungsgruppen mit höherem Einkommen, höherem Bildungsstatus und höherem sozialen Status. Laut Theorie findet diese Art der Verdrängung in Wohngebieten statt, die durch die Merkmale Nähe zum Stadtzentrum, Bausubstanz der Jahrhundertwende vom 19./20. Jahrhundert in schlechtem Zustand, niedrige Bodenpreise und Mieten und statusniedrige Bewohner gekennzeichnet sind.
Der Invasions-Sukzessions-Zyklus ist gekennzeichnet durch mehrere Phasen, die durch die Dominanz bestimmter Bevölkerungsgruppen oder sozialer Milieus 2 gekennzeichnet sind. Die Initialphase wird gebildet durch einen Zuzug sogenannter Pioniere, die gekennzeichnet sind durch Bildung von Haushalten mit höchstens 2 Personen, einem niedrigen Einkommen und dem Wunsch nach räumlicher Nähe zu kulturellen und öffentlichen Angeboten. Sie werden angezogen von niedrigen Mieten und individuellem Gestaltungsspielraum. Die zweite Phase kann charakterisiert werden durch das Auftreten von „Gentrifiern“. Dies sind Personen, die einen höheren Bildungsabschluss und ein höheres Gehalt aufweisen und i.d.R. der Altersgruppe der 25-40jährigen zugerechnet werden. Sie fühlen sich angezogen von der alternativen Lebensweise die durch die kulturelle Schöpfungskraft der jungen Pioniere bedingt ist. Mit verstärktem Auftreten der Gentrifier beginnt ein Viertel sich zu wandeln, indem die Modernisierungstätigkeit und das Spekulationsvolumen steigen. Zusätzlich beginnt auch die gastronomische und gewerbliche Infrastruktur, sich auf die Nachfrage der neuen Bevölkerungsgruppe einzustellen. Dazu trägt zusehends eine Medienberichterstattung bei, die von Geheimtipps und subkulturellen Szenen erzählt. Durch eine steigende Nachfrage nach
1 Glass, R. (1964). London: aspects of change. London
2 Der hier verwendete Milieu-Begriff grenzt sich von der historischen Konnotation ab und übernimmt die Bedeutung der postmodernen Lebensstilforschung bzw. der Sozialstrukturforschung, wie sie von verschiedenen Marktforschungsinstituten, allen voran des Sinus-Sociovisions-Instituts aufgestellt wurde. Siehe auch http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,466865,00.html
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Wohnraum und die einsetzende Modernisierung kommt es zu einer ersten Welle der Verdrängung der alteingesessen Bevölkerung, die sich auf dem Wohnungsmarkt finanziell nicht mehr behaupten kann.
Während der dritten Phase werden die Veränderungen, die zu einem sich selbst tragenden Prozess geworden sind, schließlich von allen wahrgenommen, und es beginnt eine zweite Sukzessionswelle, hervorgerufen einerseits durch ein Gefühl des überfremdet Werdens seitens der Pioniere von der zahlenmäßig ansteigenden Gruppe der Gentrifier, andererseits durch steigende Mietpreise, die für die Gruppe der Pioniere nicht mehr zu bezahlen sind. In einer abschließenden Phase hat sich das Viertel zu einem gehobenen Wohnstandort gewandelt, sodass es zunehmend attraktiv wird für Familien mit Kindern. Mietwohnungen werden in Eigentumswohnungen umgewandelt und der soziale Wandel zieht einen grundlegenden Wandel der öffentlichen Infrastruktur mit sich. Da dieses Modell eine zweifache Verdrängung beschreibt, kann man also von einem doppelten Invasions-Sukzessions-Zyklus sprechen. Als „fruchtbarster Erklärungsansatz“ 3 dienen die zwei angebotsorientierten Marktmodelle des „rent gap“ 4 und des „value gap“, die jedoch aufgrund ihrer theoretischen Ähnlichkeit zusammengefasst werden können. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass sich die rent gap-Theorie mit den Grundstückswerten und die value gap-Theorie mit den Wohnungspreisen beschäftigt. Beide „[...]erklären die Aufwertung eines Wohngebietes durch den steigenden Wert der Grundstücke [bzw. der Wohngebäude] Sie geh[en] davon aus, dass ein Grundstück [eine Wohnung] vor der Gentrification einen Wert hat, der unter dem zu Erzielenden liegt. Rent Gap [Value Gap] ist die Differenz zwischen der potentiellen und der tatsächlichen Bodenrente eines Grundstücks [einer Immobilie].“ 5
Diesem angebotsorientiertem Ansatz stehen nachfrageseitige Theorien gegenüber, die eher von den Bedürfnissen der Gentrifier selber als Erklärungsmuster ausgehen. Begründet wird diese veränderte Nachfrage im Allgemeinen durch eine veränderte Arbeitsplatzstruktur in der postfordistischen Produktionsweise, in der die Industriearbeitsplätze der „blue collar workers“ durch dienstleistungsorientierte Arbeitsplätze für „white collar workers“ ersetzt worden sind. „I see gentrification not as an inevitable consequence of the prior existence of a rent gap, but primarily as a result of the continuing economic transformation of major Western cities from manufacturing centres to centres of business services and the creative and cultural industries,
3 Laut der Einschätzung von Friedrichs, S.64
4 Die rent gap-Theorie wurde von Neil Smith in 1979 vorgestellt. Er sah darin die entgegengesetzte Richtung der Kapitalakkumulation zur nach dem 2. Weltkrieg vorherrschenden Suburbanisierungstendenz begründet, als die niedrigen Bodenpreise an der Peripherie das städtische Kapital anzogen.
5 Friedrichs, S. 64f
5
with consequent changes in occupational structure, income distribution, gender relations, the housing market, and cultural tastes.” 6
Kritisiert wird das Phasenkonzept vor allem aufgrund der methodischen Probleme bei der Abtrennung zwischen Pionier und Gentrifier. Beispielsweise fällt ein Pionierhaushalt automatisch aus dieser Gruppe, sobald ein Kind dazustößt. Außerdem belegen empirische Studien teilweise, dass sich diese Phasen zeitlich überlappen, und dass viele Wegzüge nicht unbedingt durch Verdrängungseffekte zu erklären sind.
Zusammenfassend erkennt Holm, dass die internationale Gentrificationforschung, bisher kein endgültiges Modell aufzustellen vermochte, wohl auch, weil es national unterschiedliche Rahmenbedingungen gibt, die unterschiedliche Prozesse hervorrufen und es somit bisher nicht gelungen ist, eine einheitliche und umfassende Definition zu entwickeln. Der kleinste gemeinsame Nenner eines Verständnisses des Wandels lässt die Ursachen außen vor und wird von ihm wie folgt formuliert: „Als Gentrification wird ein baulich ökonomischer Aufwertungsprozess beschrieben, durch den Haushalte mit höheren Einkommen, BewohnerInnen mit geringen Einkommen aus der Nachbarschaft verdrängen und die wesentlichen Merkmale und Stimmungen der Nachbarschaft verändern.“ 7
3. Die Ausgangslage in Berlin-Prenzlauer Berg 1990
Der Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist Teil des gründerzeitlichen Altbaugürtels, der im Westteil der Stadt Wedding, Tiergarten, Schöneberg Kreuzberg und das nördliche Neukölln, sowie im Osten außerdem Friedrichshain umfasst. Auf den ehemaligen landwirtschaftlich genutzten Flächen, deren Flurgrenzen die Grundlage für das heutige Straßennetz bilden, sind zunächst ab den 1830er Jahren relativ wild, ab 1862 weitestgehend dem Hobrechtschen Bebauungsplan folgend, systematisch Siedlungs- und Industriebauten entstanden. Durch eine enorme Freisetzung privaten Kapitals während der Gründerjahre nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurde der gesamte Bezirk mit Wohnbauten des Mietskasernetyps bebaut. Dieser vier- bis fünfstöckige Bau, war charakteristisch für das Berlin des späten 19. Jahrhunderts. Er umfasste das Vorderhaus, das in der Regel Wohnungen größeren Zuschnittes und teilweise eine prächtige Fassade besaß und die Seiten- und Hinterhäuser, die sich um einen kleinen Innenhof drängten und geprägt waren durch wesentlich kleinere Wohnungen, eine schlechte sanitäre Ausstattung und ungesunde Licht-und Luftverhältnisse. Neben der Siedlungsentwicklung wurden große städtische
6 Hamnett S.333
7 Holm, S.72
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Arbeit zitieren:
Sebastian Schlebusch, 2008, Stadterneuerung Prenzlauer Berg, München, GRIN Verlag GmbH
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