Die Umsetzung handlungsorientierter Didaktik im Rollenspiel
Eingereicht von
Sebastian Kunerth
Studiengang / Fachsemester:
Wirtschaftspädagogik II / 7. Fachsemester
Ort, Abgabedatum:
Großenhain, 10.09.2002
2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die genetische Erkenntnistheorie als Grundlage der Handlungsorientierung 4
2.1 Die Grundintention der genetischen Erkenntnistheorie Piagets 4
2.2 Denken als aktiver Interaktionsprozeß 5
2.3 Die zentrale Bedeutung der Handlung für die Erkenntnis 5
3. Die Grundsätze der handlungsorientierten Didaktik und deren
Verwirklichung im Rollenspiel Anspruchsgruppen 6
3.1 Definition wichtiger Begriffe der handlungsorientierten Didaktik Aeblis 6
3.1.1 Der Unterschied zwischen Tätigkeit und Handlung 6
3.1.2 Die Dimensionen von Tätigkeiten im Unterricht 7
3.2 Die lerntheoretischen Grundannahmen Aeblis 7
3.2.1 Pragmatismus 7
3.2.2 Konstruktivismus 8
3.2.3 Das reflexive Subjekt 9
4. Die Auswirkungen handlungsorientierter Didaktik auf den Unterricht 11
4.1 Vom stofforientierten zum kompetenzorientierten Unterricht 11
4.2. Die Kompetenzorientierung im Rollenspiel Anspruchsgruppen 11
4.3 Handlungskompetenz als Ziel handlungsorientierten Unterrichts
und die Folgen für die Unterrichtsgestaltung 12
4.4 Die Auswirkungen auf die Unterrichtsinhalte: Das Bereitstellen von
Handlungs - und Erfahrungsmöglichkeiten 13
4.4.1 Die Ebene der sozial - kommunikativen und inhaltlichen
Erfahrungen 13
4.4.2 Die Ebene der individuellen Erfahrungen der Schüler 14
4.4.3 Die Ebene des Reflexions- und Systematisierungsniveaus 16
5. Ergebnisse und Perspektiven 16
Literaturverzeichnis 18
3
1. Einleitung
Gegenwärtig ist eine intensive Diskussion um Reformansätze im deutschen Bildungswesen im Gange. Nach Auffassung von Dubs geht es darum, den überwiegend darbietenden, atomisierenden und zum Teil lebensfremden Unterricht zu überwinden. 1 Dieser führt oft zu einer nicht anwendungsbereiten Ansammlung von Faktenwissen. Mit neuen Unterrichtskonzepten soll gewährleistet werden, daß sich die Lernenden besser an veränderliche Umwelt- und Lebensbedingungen anpassen können. Dies wird in der post-modernen Zeit zur unabdingbaren Grundanforderung an jeden einzelnen. Das Wissen muß so vermittelt werden, daß es jederzeit in verschiedenen Kontexten anwendbar ist. Diese Anforderungen sollen im Konzept des handlungsorientierten Unterrichts, welches im Fokus der Diskussion um die Reformbemühungen steht, verwirklicht werden. Eine mögliche handlungsorientierte Aktionsform im Unterricht ist das Rollenspiel.
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist das von Juliane Böhm und Jens Siemon entwickelte Rollenspiel Anspruchsgruppen innerhalb des Modellunternehmens A&S GmbH. Es soll untersucht werden, inwieweit die Grundsätze des handlungsorientierten Lehrens und Lernens in diesem Rollenspiel berücksichtigt werden. Weiterhin wird am Beispiel des Rollenspiels gezeigt, wie sich die handlungstheoretischen Grundlagen auf die konkrete Unterrichtssituation auswirken. Dabei soll deutlich werden, welch gravierende Veränderungen eine umfassende Umsetzung handlungstheoretischer Konzepte im Unterricht bewirken können. Die Fokussierung der Arbeit auf diese Problembereiche resultiert aus zwei Erkenntnissen: Erstens ist es für ein Rollenspiel, welches sich noch in der Entwicklungsphase befindet, besonders wichtig, laufend die Umsetzung der theoretischen Grundlagen zu kontrollieren. Zweitens ist es unerläßlich, einen Schwerpunkt der Analyse auf die praktische Umsetzung zu legen. Der Erkenntnisfortschritt der hand-lungsorientierten Didaktik bliebe ohne praktische Umsetzung wirkungslos.
Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: Den Ausgangspunkt bildet eine Darstellung der Schwerpunkte der genetischen Erkenntnistheorie Piagets als erkenntnistheoretische Grundlage des Konzepts der Handlungsorientierung. Diese müssen zuerst betrachtet werden, weil sich daraus weitreichende Konsequenzen für die abzuleitenden lerntheoretischen Konzepte ergeben. Es folgt eine Betrachtung der lerntheoretischen Grundannahmen Aeblis, welche auf der genetischen Erkenntnistheorie aufbauen und für die
1 Vgl. Dubs, Mehr Klarheit für die Unterrichtspraxis, 2001, S. 1.
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Handlungsorientierung von zentraler Bedeutung sind. Es wird analysiert, in welcher Weise sie im Rollenspiel Anspruchsgruppen berücksichtigt werden. Ziel der Arbeit ist es, ausgehend von Aeblis handlungstheoretischen Erkenntnissen, Verbesserungsvorschläge für das Rollenspiel zu generieren. Abschließend wird vor dem lerntheoretischen Hintergrund auf die praktischen Implikationen des Konzeptes hinsichtlich der Unterrichtsgestaltung eingegangen.
Der Begriff der Handlungsorientierung, soll basierend auf Aebli, dergestalt verstanden werden, daß sich Denken, Wissen und Können aus dem praktischen Handeln und der Wahrnehmung heraus entwickeln und daß Denken und Wissen sich wiederum im praktischen Handeln zu bewähren haben. 2
2. Grundlagen der genetischen Erkenntnistheorie als Basis der Handlungsorientierung
2.1 Die Grundintention der genetischen Erkenntnistheorie Piagets
Eine Analyse handlungsorientierter Lernkonzepte kann ohne die Betrachtung der er-kenntnistheoretischen Grundlagen nicht erfolgreich sein. Basis der Handlungsorientierung ist die genetische Erkenntnistheorie Piagets. Die Theorie versucht die Genese der Erkenntnis nachzuvollziehen und zu erklären. „Die genetische Erkenntnistheorie versucht, Erkennen, insbesondere wissenschaftliches Erkennen, durch seine Geschichte, seine Soziogenese und vor allem die psychologischen Ursprünge der Begriffe und Operationen, auf denen es beruht, zu erklären.“ 3 Es wird deutlich, daß ein grundlegender Perspektivenwechsel stattfindet. Im Gegensatz zu früheren Erkenntnistheorien, welche den Erkenntnisstand analysierten, tritt die Analyse des Erkenntnisprozesses in den Vor-dergrund. Anstelle einer statischen Betrachtung tritt eine dynamische Sichtweise. Erst dadurch kann die Handlung, als ebenfalls dynamischer Prozeß, ins Blickfeld der er-kenntnistheoretischen Forschung geraten.
2 Vgl. Aebli, Das Ordnen des Tuns, 1980, S. 13 ff.
3 Piaget, Genetische Erkenntnistheorie, 1981, S. 7.
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2.2 Denken als aktiver Interaktionsprozeß
Durch die prozedurale Sichtweise der genetischen Erkenntnistheorie müssen epistemologische Begriffe neu definiert werden: „Erkennen heißt, Realität an Transformationssysteme zu assimilieren. Erkennen heißt, Realität zu transformieren, um zu verstehen, wie ein bestimmter Zustand zustande kommt.“ 4 An der Kennzeichnung der Erkenntnis als Transformationsvorgang wird eine Grundaussage der Theorie Piagets deutlich: Die Transformation der Realität erfordert ein aktiv tätiges Subjekt. Denken wird als aktives Erkennen aufgefaßt. 5 Durch diesen Gesichtspunkt befindet sich die genetische Erkennt-nistheorie „im Gegensatz zur Abbildtheorie der Erkenntnis, die Erkenntnis als ein passiv empfangenes Abbild der Realität auffaßt.“ 6 Das aktive Subjekt interagiert mit seiner Umwelt. Ist ein Problem aus der Umwelt nicht mit den bestehenden kognitiven Strukturen zu bewältigen, muß sich der Organismus anpassen. Anpassung kann nach Piaget auf zweierlei Art und Weise erfolgen: Einmal kann das Individuum seine Wahrnehmung an die vorhandenen Strukturen anpassen, was als Assimilation bezeichnet wird. Zum anderen können die Strukturen selbst verändert werden. Dies bezeichnet Piaget als Akkommodation. 7 Im Verlauf dieses Erkenntnisprozesses werden die kognitiven Strukturen des Subjektes und die Realität immer adäquater.
2.3 Die zentrale Bedeutung der Handlung für die Erkenntnis
Als wesentliche Aussagen der genetischen Erkenntnistheorie wurden bisher die Aktivität des Subjektes beim Erkenntnisvorgang und die Interaktivität von Subjekt und Umwelt hervorgehoben. Es wurde weiterhin gezeigt, wie die kognitiven Strukturen des Subjektes und die wahrgenommene Realität immer adäquater werden. Darauf aufbauend wird in diesem Abschnitt der Zusammenhang von Erkenntnis und Handlung verdeutlicht.
Piaget postuliert, daß am Ausgangspunkt kindlicher Erkenntnis kein Subjekt, welches sich der eigenen Existenz und Aktivität bewußt ist, existiert. Ebensowenig existieren Objekte, die als solche wahrgenommen werden. 8 Die Frage ist: Wo hat, wenn dem so
4 Piaget, Genetische Erkenntnistheorie, 1981, S. 22.
5 Vgl. Piaget, Genetische Erkenntnistheorie, 1981, S. 97.
6 Piaget, Genetische Erkenntnistheorie, 1981, S. 22.
7 Vgl. Piaget, Genetische Erkenntnistheorie, 1981, S. 96 f.
Arbeit zitieren:
Sebastian Kunerth, 2002, Die Umsetzung der handlungsorientierten Didaktik im Rollenspiel Anspruchsgruppen von Juliane Böhm und Jens Siemon, München, GRIN Verlag GmbH
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