Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Coolness
4
2.1 Was ist Coolness? 4
2.2 Konzepte von Coolness 6
3 Raymond Chandlers The Big Sleep
8
3.1 Hardboiled Fiction 8
3.2 Kurzüberblick und historische Einordnung des Romans 10
3.3 Philip Marlowe als cooler Detektiv 11
3.3.1 Sprache 12
3.3.2 Aussehen und Stil 15
3.3.3 Männlichkeit und Ehrenkodex 18
3.3.4 Philip Marlowe als Ritter 21
4 Auswertung und Ausblick 24
Abbildungsverzeichnis
Humphrey Bogart im Film The Big Sleep 15
1 Einleitung
’You son of a bitch,’ she said calmly, without moving. I laughed in her face. ’Don’t think I’m an icicle,’ I said. ’I’m not blind or without senses. I have warm blood like the next guy...’ 1
Was ist cool ? Kälte? Kontrolle? Distanz? Ist der hartgesottene Detektiv, in dessen Inneren doch warmes Blut fließt, ein cooler Charakter? Wenn ja, was macht ihn cool trotz der Tatsache, dass er zu Emotionen fähig ist?
Dieser Frage soll in der vorliegenden Hausarbeit nachgegangen werden. Um sie zu beantworten, muss zunächst geklärt werden, was der Begriff Coolness für Implikationen und Konzepte mit sich bringt und wie er zu verschiedenen Zeiten gesehen werden kann.
Darauf aufbauend wird Coolness in hardboiled Kriminalromanen der 1930er Jahre an dem Beispiel von Raymond Chandlers Roman The Big Sleep untersucht und wobei der hartgesottene Protagonist Philip Marlowe im Mittelpunkt stehen wird. Es soll gezeigt werden, dass der einsame, hartgesottene Detektiv aus den hardboiled Geschichten der 30er als Beispiel für ein Konzept von Coolness gesehen werden kann, obwohl er sich von anderen Konzepten von Coolness absetzt. Philip Marlowe ist cool, weil er sich von den anderen Figuren in der Geschichte unterscheidet und er als einziger in einer korrupten Welt seinen Prinzipien treu ist. Er besitzt einen Ehrenkodex, der ihn fast als Ritter der Großstadt erscheinen lässt. Dennoch muss sich auch der hartgesottene Detektiv den Umständen, in denen er lebt, anpassen um im Spiel von Kriminalität und Korruption nicht unterzugehen.
1 Raymond Chandler: The Big Sleep. Penguin Books. London: 2005. S. 164.
3
Seine Coolness drückt sich in unterschiedlichen Aspekten seiner Figur aus, die im Laufe dieser Arbeit beschrieben werden. Dazu gehören seine Sprache, sein Auftreten, seine Männlichkeit und der bereits erwähnte Ehrenkodex. Im Vorfeld wird zum besseren Verständnis und um eine Grundlage für die Analyse von Philip Marlowes Figur zu schaffen, der Begriff der Coolness näher beleuchtet.
2 Coolness
2.1 Was ist Coolness?
Coolness ist ein Begriff, der in der heutigen Zeit überproportional und ohne nachzudenken benutzt wird. Es ist ein Ausdruck, der expressiv und zumeist positiv konnotiert Gefallen oder Zustimmung ausdrücken kann. Angewendet wird er auf eine bestimmte Einstellung, ein gewisses Verhalten, einen Stil oder Aussehen und ist dabei stark subjektiv. Wenn heutzutage etwas cool ist, dann ist es positiv, modern und auf Höhe der Zeit. Es gibt aber auch die Assoziation zu Kälte oder Kontrolle und Selbstbeherrschung. Der Begriff hat also keine einheitliche Bedeutung und wurde gerade durch die positive Verwendung stark verallgemeinert. Um zu sehen, welche Bedeutung Coolness in unterschiedlichen Zeiten hatte, muss man ihn in seiner his-torischen Entwicklung betrachten.
Laut Andreas Sommer 2 ist mit Coolness eine "...habitualisierte Technik des Sich-Entziehens gemeint" 3 . Außerdem komme der “Idealtypus des Coolen, [...] nicht aus ohne innere Gebrochenheit und Zwiespalt..." 4 , was bedeutet, dass hinter der Fassa-
de von Kälte Wärme oder gar Überhitzung verborgen wird. Geschichtlich gesehen benennt Sommer antike, christliche und schließlich neuzeitliche Distanzierungsstrategien, um eine Genealogie der Coolness zu zeichnen.
In der Antike kann man bis zu Aristoteles zurückgehen, der die theoretische Le-bensform des Unbewegten Bewegers als das vollendete Glück beschreibt. Dieser ist autark, souverän und nur auf sich selbst angewiesen. Er ist für sich der einzig würdige Gegenstand seines Denkens und somit ewig unverrückbar, kalt und gleichgültig. Diese Theorie der Coolness ist dabei nicht an eine bestimmte ethnische Gruppe oder ein Geschlecht gebunden, sondern unabhängig davon, was sich im Laufe der Geschichte des Begriffes ändert. 5
Für eine Gruppe in der Antike war der Rückzug in die Innerlichkeit besonders wich- 2 AndreasUrs Sommer: Coolness. Zur Geschichte der Distanz In: Zeitschrift für Ideengeschichte. Ausgabe: 1 (Frühj. 2007). S. 30-44.
3 ebd. S.31
4 ebd. S.32
5 Vgl. Andreas Sommer. S. 33.
4
tig für ihre Philosophie. Gemeint sind die Epikureer. Dieser Rückzug war eine coole Technik, um Leiden zu verringern. Als Ataraxie, also Unerschütterlichkeit, wurde das erstrebte innere Gleichgewicht bezeichnet. Dies wurde durch den bereits erwähnten Rückzug und auch durch Vermeidungsstrategien, also einer speziellen Form von Distanz erreicht 6 .
Eine andere Art von Distanz wurde im Christentum praktiziert. Der christliche Gott kann zwar zornig sein, hat aber seine Affekte, wenn man überhaupt in diesem Zusammenhang davon sprechen kann, vollständig unter Kontrolle. Als Anhänger des Christentums kann man sich diesem Gott komplett unterwerfen und sich somit cool aus der Welt zurückziehen 7 . In der Neuzeit ist dies so nicht mehr ohne weiteres
möglich, obwohl laut Sommer ”das Individuum zusehends genötigt [scheint], Techniken der Distanznahme zu entwickeln...” 8 . Durch den Kapitalismus ist ein flexibler
Charakter gefragt, der sich gekonnt distanzieren muss. Das führt wiederum zum heutigen Begriff von Coolness zurück, über den Sommer sagt, dass er nur eine Hülle für unverbindlichen Genuss sei. Der moderne Mensch möchte, dass alles möglichst innovativ ist und hat sich zu einem “verkappten Kompromissler” 9 entwickelt, der
sich nur noch distanzieren kann, ohne ein inneres Feuer zu besitzen. Neben der Distanzierung gibt es jedoch noch andere Charakteristika von Coolness. Dazu gehören eine gewisse Gelassenheit und ein selbstbewusstes Auftreten, die sich in bestimmten angelernten Symbolen, Körperbewegungen, Posen, Gesichtsausdrücken und Artikulationsweisen ausdrücken, welche einen bestimmten sozialen Wert innerhalb einer Gesellschaftsgruppe einnehmen und diese bestimmen 10 .
Coolness war eine Einstellung oder Gesinnung, die besonders bei Minoritäten, wie beispielsweise Sklaven, Gefangenen oder politisch Verfolgten zu finden war, die ihren Widerstand hinter der Maske von Coolness verstecken und sich somit von der Autorität distanzieren konnten, ohne diese direkt konfrontieren zu müssen. Anschließend wurde genau diese Einstellung oder Art zu leben von Künstlern und Intellektuellen aufgegriffen, was geholfen hat, die Coolness in die populäre Kultur zu transportieren. Sie wird heute von der Werbung und großen Unternehmen dazu benutzt, um Marken unter dem Label von kultureller Innovation zu verkaufen. Zudem wird sie von der Jugend idealisiert und kann durchaus als Schutzschild gegen rassistische Unterdrückung fungieren, vor allem bei Afroamerikanern in den USA. Man kann Coolness mit dieser Reichweite und Einwirkung in verschiedene soziale Gruppen sogar als glo-
6 Vgl.ebd. S. 35f.
7 Vgl. ebd. S. 40.
8 ebd. S. 42.
9 ebd. S. 44.
10 Vg. Marcel Danesi: Cool - The Signs and Meanings of Adolescence, University of Toronto Press: 1994.
5
bales Phänomen bezeichnen 11 . Etymologisch gesehen ist cool ein universelles Wort
aus dem Bereich des amerikanischen Slangs, das besonders junge Leute bevorzugt gebrauchen. Das Wort wurde von Afroamerikanern in Florida schon 1935 genutzt und ist wahrscheinlich aus einem mandikanischen Wort für gone out abgeleitet 12 .
2.2 Konzepte von Coolness
Wenn man von Coolness-Konzepten spricht, darf man die bereits erwähnte Gruppe der Afroamerikaner nicht vernachlässigen. Nicht nur dass, wie bereits erwähnt, das Wort cool aus ihrem Sprachgebrauch übernommen wurde 13 , sie prägten auch die
Vorstellung von Coolness in den 1940ern durch die afroamerikanische Jazz-Szene mit ihren populären Musikern und angesagten Jazzclubs. In den späten 40ern entstand in New York City ein ganz eigener Musikstil, der so genannte Cool Jazz. Jazzmusiker aus Kalifornien und afroamerikanische Bebop- Musikerbeeinflussten den Cool Jazz gleichermaßen. Dieser Musikstil mied die aggressiven Tempi und abstrakten Harmonien des Bebop und wurde vor allem von Jazzgrößen wie Miles Davis (Birth of the Cool, 1957 ), Chet Baker und Stan Getz bekannt gemacht und hat durch seinen speziellen Stil nicht nur die amerikanische Jazzszene stark beeinflusst. Die Jazzclubs und der bestimmte coole Stil, der von den Musikern gelebt wurde, hatte Auswirkungen auf andere Afroamerikaner, die diesen aufgriffen und umdeuteten. Ende der 1950er und Mitte der 60er während der Bürgerrechtsbewegung in den USA prägten besonders afroamerikanische Männer einen eigenen coolen Stil, der ihnen als Abgrenzung von der weißen Mehrheit, Schutz vor Rassismus und als Mittel von Kontrolle, Macht, Stabilität und Selbstbewusstsein diente 14 . Der historische Hintergrund ist hier die Sklaverei. Sklaven aus Afrika wur-
den in Nordamerika unterdrückt und mussten einen Weg des Widerstands finden. Eine Möglichkeit war, Gegnern oder Unterdrückern einen Eindruck von Kontrolle und Selbstbeherrschung zu vermitteln, um die eigenen Schwächen zu verbergen und keine Angriffsfläche zu bieten. Diese Verhaltenscodes spiegelten sich dann auch in den 1950er Jahren wider, als Afroamerikaner Distanz übten, den Schein von Un-verwundbarkeit vermittelten und Selbstkontrolle als emotionalen Schild gegen den
11 Vgl. Nick Southgate: Coolhunting With Aristotle Welcome to the hunt. Cogent. In: www.accountplanning.net/Central/Downloads/coolhunting.pdf [2003]
12 Vgl. Clarence Major (Hrsg.): From Juba to Jive: A Dictionary of African-American Slang. New York: 1994.
Ronald http://www.utp.edu.co/
14.08.2007]
14 Vgl. George Elliot Clarke: Cool Politics. Style of Honour in Malcom X and Miles Davis In: Jouvert: A Journal of Post-Colonial Studies. Ausgabe: 2.1. 1998.
6
weißen Rassismus stellten. Das Ergebnis war die Entwicklung einer Subkultur, die selbstbewusst Respekt einforderte und sich von anderen durch bestimmte Eigenheiten wie Sprache und Stil abgrenzte und sich dadurch identifizierte. Dieser Stil beeinflusste wiederum in den 1950ern auch die Beatnicks, die mit den Afroamerikanern Aspekte der Sprache und einen gewissen Nonkonformismus und Außenseitertum gemeinsam hatten.
Zeitlich und räumlich wieder zurückblickend kann man in Europa von der aristokratischen Coolness oder Sprezzatura in der Renaissance sprechen. Damit ist die Kunst gemeint, schwierige Handlungen einfach und elegant erscheinen zu lassen 15 . Gefühle
wurden auch hier hinter der Maske der Lässigkeit versteckt, um den Eindruck von Kontrolle, Unverwundbarkeit und Überlegenheit zu vermitteln. Mitte des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts kam dann in Europa das Phänomen des Dandy auf 16 . Vom Kleidungsstil her verabscheut der Dandy alles Grelle und
Übertriebene. Snobistisch kultiviert er seinen eleganten Stil und auch sein Auftreten. Kontrolle (sowohl emotional als auch körperlich), eine gewisse Kälte und formvollendetes Verhalten charakterisieren seinen Stil. Der Dandy ist selbstdiszipliniert und wirkt durch sein Auftreten überheblich, überlegen und unverwundbar. Er distanziert sich als unabhängiger Einzelgänger von der konformen Masse, die er dennoch als Spiegel benötigt, um bewundert zu werden. Zudem lebt der Dandy nach seinen eigenen Regeln und reklamiert damit moralische Autonomie. Sein ganzes narzisstisches Verhalten ist eine künstliche elegante Pose, mit der Souveränität ausgedrückt wird und die ihn selbstgewählt zum Außenseiter macht 17 . Der Stil des Dandys wurde
in Europa besonders von den Bohemiens aufgegriffen, die dessen Künstlichkeit zur Kunst ausweiteten.
Im Laufe der Geschichte gab es verschiedene Konzepte von Coolness. Was bei Aristoteles als gruppenunabhängiges Konzept des Unbewegten Bewegers begonnen hat, zieht sich sowohl durch die europäische Renaissance und den Fin de Siècle als auch durch amerikanische Subkulturen. Wie diese Konzepte die Literatur beeinflusst haben und welche Art von Literatur sich hierfür besonders eignete, wird im Folgenden dargestellt.
15 Ihren Ursprung hat die Sprezzatura bei Castigliones Libro del Cortegiano (ca.1528), also dem Buch vom Hofmann. Hier wird sie als eine Art von Lässigkeit beschrieben, die eine Eigenschaft
des perfekten Höflings sein sollte.
16 Laut Friedrich Kluges Etymologischen Lexikon sind Dandys “junge Leute, die in auffälliger Bekleidung Kirche oder Jahrmarkt besuchen.”
17 Vgl. Günter Erbe: Dandys - Virtuosen der Lebenskunst. 2002.
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Arbeit zitieren:
Susanne Brehme, 2008, Coolness in Raymond Chandler's "The Big Sleep", München, GRIN Verlag GmbH
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