Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 5
1.1. Problemstellung. 6
1.2. Herangehensweise und Methoden. 7
1.2.1. Das Internet und andere Medien 8
1.2.2. Die Stadt 10
2. Beantwortung der Frage 10
2.1. Die Kulturhauptstadt 11
2.1.1. Eine kurze Geschichte der Kulturhauptstadt 11
2.1.2. Der Vergabe-Modus 12
2.1.3. Kulturhauptstadt und Finanzen 13
2.1.4. EU und Kultur 13
2.2. Chronologie der Auswahl von Linz 15
2.2.1. Die Berichterstattung der OÖN. 17
2.2.2. Bewerbungsunterlagen 18
2.3. Festivalisierung der Stadtpolitik. 19
2.3.1. Stadtentwicklungsgeschichte nach Häußermann und Siebel 20
2.3.2. Der Einsatz von Festivals und positive Aspekte 24
2.3.3. Negative Aspekte 26
2.3.4. Die Idee der Festivalisierung. 28
2.4. In der Berichterstattung genannte Gründe 29
3. Ein Blick auf Linz 32
3.1. Ein Blick auf die Stadtgeschichte. 33
3.1.1. Die Zeit vor 1938 33
3.1.1.1. Entstehung der Linzer Industrie 34
3.1.1.2. Die industrielle Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 34
3.1.2. Linz im Nationalsozialismus. 36
3.1.2.1. Reichswerke und Führerstadt 36
3.1.2.2. „Hitropolis“ 37
3.1.2.3. Lage von Linz als Standortkriterium für die NS-Industrie. 41
3.1.2.4. Mauthausen 42
3.1.2.5. NS Wohnbau 43
2
3.1.3. Linz in der Zweiten Republik. 46
3.1.3.1. Entstehung der VÖEST. 46
3.1.3.2. Prägende Bürgermeister? 47
3.1.3.2.1. Ernst Koref (1945-1962) 48
3.1.3.2.2. Edmund Aigner und Theodor Grill (1962-1969) 49
3.1.3.2.3. Franz Hillinger (1969-1984) 50
3.1.3.2.4. Das Ende des Wachstums 51
3.1.3.2.5. Hugo Schanovsky (1984-1988) 51
3.1.3.2.6. Franz Dobusch (seit 1988) 52
3.1.3.3. Besonderheiten der Linzer Politik. 53
3.1.4. Eine andere Geschichte von Linz/Linz in den 1970ern 54
3.1.4.1. Das trostlose Linz und was sich daraus entwickelte 54
3.1.4.2. Einzelinitiativen in der Bildenden Kunst 58
3.1.4.3. „Von Eela Craig zur Ars Electronica gibt es eine direkte Linie“ 59
3.1.4.4. Aus Rockhaus wird Posthof 60
3.1.4.5. Berlin, Kopenhagen, Seattle. 65
3.1.5. Die Ära Dobusch 68
3.1.5.1. Vereinnahmung und Sanierung 68
3.1.5.2. Image ist alles. 74
3.1.5.3. Inszenierung 79
3.1.5.4.Bautätigkeit 82
3.1.5.5. Musterstadt 85
3.1.5.6. In Linz beginnt’s 87
3.2. Ein Blick von oben 91
3.2.1. Die Donau, der rechte Winkel und die Morphologie 92
3.2.2. Groß-Linz 94
3.2.3. Grünes Linz 96
3.3. Ein Blick von innen. 101
3.3.1. Zuschreibungen durch die lokale Presse 101
3.3.2. Material der Stadt Linz. 106
3.3.3. In der Stadt 108
3.4. Ein Blick von außen 110
3.4.1. Reiseführer 112
3.5. Ein kritischer Blick. 115
3
4. Linz und die Kulturhauptstadt. 120
4.1. Erwartungen 120
5. Zusammenfassung 122
6. Abbildungsverzeichnis 126
7. Literaturverzeichnis. 127
8. Pressequellen 132
9. Quellen aus dem Internet. 139
4
1. Einleitung
09, Linz 2009, „Linz Zweitausend-Nein“ 1 . Linz, eine Stadt wird von einem Thema beherrscht: Linz 2009, Kulturhauptstadt Europas. Das nahende Ereignis wirft schon Jahre zuvor seinen Schatten voraus und betrifft verschiedenste Bereiche des Linzer Stadtlebens. Die lokale Berichterstattung setzt das Stadtleben weitläufig in Zusammenhang mit diesem Großereignis. PolitikerInnen verweisen auf ihre Erfolge, die es der Stadt ermöglichen, sich ein Jahr lang im europäischen Rampenlicht zu präsentieren. ProtagonistInnen der städtischen Kultureinrichtungen melden sich zum Thema zu Wort, manche kritisieren, die Wirtschaft diskutiert über Kultur und an allen Stellen der Stadt wird gebaut. In Linz gibt es das Ars Electronica Festival, damit rechtfertigt die Stadt ein Kulturstadtimage. In Linz gibt es die Stahlindustrie, Linz ist auch Industriestadt und war es einst ausschließlich. Warum erstrahlt die Stadt an der Donau dann aber im Jahr 2009 als Europäische Kulturhauptstadt? Kulturhauptstadt, Fußball Europameisterschaft, Biennale, olympische Spiele oder ein neues Kunstmuseum. Groß angelegte Unterhaltungsformate prägen nicht nur in Linz die Stadtpolitik. Diese Veranstaltungen haben sich schon lange zu einem Instrumentarium in der kommunalen Verwaltung entwickelt. Die StadtpolitikerInnen erkannten in einer Zeit, als die Städte erstmals in der Geschichte des Siedlungswesens in die Krise geraten waren, dass eine Möglichkeit, der Stadtentwicklung neue Impulse zu geben, darin bestand, jene emanzipativen Kräfte und Entwürfe, die in den 1970er von einer globalen Aufbruchsstimmung stimuliert überall aufkamen, aufzugreifen und ihre praxisgeprüften Konzepte professionalisiert in die Stadtpolitik aufzunehmen. Aus kleinen Straßenfesten und selbstorganisierten Strukturen wurde die Idee der Festivalisierung entwickelt. Kunstfestivals, Sportereignisse, usw. wurden ab diesem Zeitpunkt hinsichtlich ihres Stadtentwicklungspotenzials veranstaltet. In Linz wurde und wird diese Form der Stadtpolitik vom seit zwanzig Jahren regierenden Bürgermeister Franz Dobusch praktiziert. Progressive Strömungen einer alternativen Kulturszene waren und sind auch in Linz ein Pool für frische Gedanken, die von der Kommunalverwaltung vereinnahmt werden können.
Die Kulturhauptstadt ist ein Festival, stadtstrategische Ziele werden mit seinem Einsatz verfolgt. Welcher Art diese Ziele sind und welche Gründe es noch gibt, warum Linz auserkoren wurde, ab dem 1.Jänner 2009 gemeinsam mit dem litauischen Vilnius, für ein Jahr lang Hauptstadt der Kultur von Europa zu sein, soll mit dieser Diplomarbeit ergründet werden. Eine stadtsoziologische Bestandsaufnahme der Historie, des Stadtraums und
1 Eine kulturhauptstadtkritische Initiative, vgl.: versorgerin ‚0076, Dezember 2007
5
gegenwärtigen Ambitionen soll aus verschiedenen Perspektiven erblicken, warum Linz 2009 Kulturhauptstadt wird und wer die „Stahlstadtkinder“ sind.
1.1. Problemstellung
Linz trägt im Jahr 2009 den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“. Dies ist ein Status, den die Europäische Union (EU) jährlich an eine oder mehrere Städte vergibt. Eine Hauptstadt bezeichnet für gewöhnlich das Zentrum einer Region, entweder das Politische, das Wirtschaftliche oder, wie in diesem Fall ganz explizit erwähnt, das Kulturelle. Das Gebiet, das mit diesem Titel eine temporäre Hauptstadt erhält, ist hier Europa, oder besser gesagt, die Mitgliedstaaten der EU. Der Inhaber dieser Hauptstadtwürde wird also bestimmt, für ein Jahr das kulturelle Zentrum der 27 Mitgliedsstaaten zu sein. Diese Annahme kann angesichts der ständigen Kulturmetropolen, die sich in diesem Gebiet befinden, jedoch nicht ganz stimmen. Denn wie soll eine auf Zeit auserkorene Stadt die etablierten Kulturstädte Europas, wie Paris, Florenz, London, Barcelona, Prag usw., jemals in den Schatten stellen. Als kulturelles Zentrum, dessen Bedeutung nicht zuletzt durch die heraushebende Beifügung „Hauptstadt“ suggeriert wird, müsste sie dies aber.
Wir müssen also davon ausgehen, dass eine Europäische Kulturhauptstadt nicht wort-wörtlich als eine Hauptstadt zu verstehen ist, die als erste Stadt einer Region die anderen Städte überflügelt, sondern, dass andere Maßstäbe angelegt werden. Davon, dass diese Bezeichnung aber nicht gänzlich sinnentleert gemeint ist, ist aber auszugehen und daher muss sie auf eine kontinentale kulturelle Bedeutung des Namensträgers hinweisen.
Linz wäre vor nicht all zu langer Zeit wohl in nur geringem Ausmaß mit Kultur in Verbindung gebracht worden. Die Stadt an der Donau stand eher für Industrie, Stahl und Chemie. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Linz eine wenig bedeutende Kleinstadt in der bäuerlichen Provinz. Seitdem hat sich auf verschiedenen Ebenen ein beispielloser Wandel vollzogen. Linz steht heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, anders da als vor dreißig, sechzig oder neunzig Jahren - ein Wandel, der sich nicht zuletzt auch darin manifestiert, dass sich die oberösterreichische Landshauptstadt nun auf das Jahr 2009 vorbereitet, um als Europäische Kulturhauptstadt einen kulturell bedeutenden Ort für ein fast 500 Millionen Einwohner fassendes Gebiet darzustellen.
Trotzdem sich viel verändert hat, kann man in manchen Aspekten eine gewisse Kontinuität attestieren. So haften der Stadt trotz kultureller Meilensteine und High-Tech Ambitionen
6
immer noch bäuerliche sowie industrielle Züge an und wirken, sowohl nach innen, wie auch nach außen. Dass das Kulturhauptstadtjahr jedenfalls von enormer Bedeutung für die Stadt und ihre Einwohner ist, wird zumindest durch Berichterstattungen unterschiedlichster Provenienz vermittelt. Verweise auf das Großereignis finden sich nicht zuletzt im Zusammenhang mit einer regen Bautätigkeit.
In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, warum Linz Kulturhauptstadt wird, warum zahlreiche und intensive Investitionen und Anstrengungen unternommen werden und welche Ziele damit verfolgt werden. Dabei wird das Großereignis als Festival im Sinne von Häußermann und Siebel 2 eingestuft, um anhand des bearbeiteten Datenmaterials zu zeigen, dass Linz mit diesem Event spezifische stadtpolitische Ziele verfolgt. Welcher Art diese Ziele sind und welchen stadtspezifischen Grundlagen sie entspringen, soll durch eine kritische Bestandsaufnahme der Stadt Linz, in ihrer aktuellen Situation und in ihrer Geschichte, ergründet werden.
1.2. Herangehensweise und Methoden
Um der Forschungsfrage auf den Grund zu kommen, und um sich ein Bild von der Stadt zu machen, stehen der Untersuchung die verschiedensten Materialien zur Verfügung. Neben Literatur zu stadtsoziologischen Themen, auf deren Basis die Erkenntnisse über Linz interpretiert werden sollen, werden in dieser Arbeit besonders Materialien aus den Printmedien und dem Internet herangezogen. Auch in Funk (auch freie Radios, FRO 3 ) und Fernsehen wird über Linz und das Großereignis berichtet, allerdings weisen die zwei erstgenannten Medien eine viel größere Zahl von Artikeln und Berichten auf. In einem Interview, das im Rahmen einer Lehrveranstaltung des Instituts für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Linzer Johannes Kepler Universität mit der Leiterin der Abteilung Städtische Kulturentwicklung, Gerda Forstner, durchgeführt wurde, verweist diese darauf, „dass im Moment der Hauptteil an Kommunikation mit dem potenziellen Publikum über die Printmedien erfolgt. Auch dem Internet kann eine große Bedeutung beigemessen werden.“ 4
2 vgl.: Häußermann, Siebel, 1993
3 Die Abkürzung FRO bedeutet Freies Radio Oberösterreich
4 Auer et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.105
7
1.2.1. Das Internet und andere Medien
Die Bedeutung des Internets wird also auch von der Stadt anerkannt. In der Tat finden sich, wie weiter unten kurz ausgeführt, themenrelevante Internetauftritte diverser Anbieter. Die Kulturhauptstadt 2009 wird aber nicht nur auf speziellen Seiten thematisiert, sondern auch in der Online Berichterstattung österreichischer Medien. Da die meisten Vertreter bei ihren Artikeln, Berichten und Interviews hier die Möglichkeit gewähren, als registrierteR NutzerIn Kommentare abzugeben, würde sich die Miteinbeziehung selbiger in die Ergründung der Forschungsfrage anbieten. Aufgrund des großen Ausmaßes und der wissenschaftlich schwer durchzuführenden Einordnung dieser Quellen wird in dieser Arbeit aber darauf verzichtet. Bei der Suche im Internet nach relevanten Spuren für eine Bestandsaufnahme der Stadt Linz bezüglich ihrer kulturellen Ambitionen fällt auf, dass es zwar eine große Anzahl an Internetauftritten und Erwähnungen auf verschiedensten Seiten gibt 5 , in einschlägigen Seiten sozialer Netzwerke innerhalb des so genannten Web 2.0 ist die Kulturhauptstadt 2009, die Stadt der neuen Medien, wie sie sich selbst gerne darstellt, aber eher spärlich bis gar nicht zu finden. Dies eröffnet „TrittbrettfahrerInnen“ mit humoristischer und/oder kritischer oder auch anderer Motivation (z.B.: ein Videoprojekt einer Schulklasse oder private Aufnahmen) die Möglichkeit, diese Plätze zu besetzen. Auf dem Videoportal „youtube“ (www.youtube.com), wo nach Registrierung einE jedeR kurze Videos hoch laden kann, werden für den Suchbegriff „Linz Kulturhauptstadt“ 16 Treffer angezeigt 6 . Die Linz 09 GmbH hat hier offensichtlich keine Videos veröffentlicht. Dafür finden sich Beiträge, die sich direkt auf das Kulturhauptstadtjahr beziehen, dieses aber sicher nicht im Sinne der Intendanz oder der Stadt Linz bewerben. Darunter ein bizarres Musikvideo mit dem Titel „get funky Kulturhauptstadt 09“ 7 oder eine Kameraeinstellung mit Blick von der Nibelungenbrücke in Richtung Osten, die eine halbe Minute lang die in grauen Nebel gehüllten Kulissen der beiden Donauufer zeigt. Die Überschrift „linz 2009 european capital of culture“ 8 , sowie einige Schlüsselwörter mit denen das Video versehen ist, und die da in Auszügen lauten „nazi concentration camp kz mauthausen“ erhärten den Verdacht, dass der Urheber dieses Beitrags eher ein düsteres Bild von der Stadt Linz zeichnen wollte.
Im sozialen Netzwerk „myspace“ (www.myspace.com) bringt die Suche nach dem Begriff „Linz Kulturhauptstadt“ 179 Treffer. Neben den vielen Einträgen von Linzer MusikerInnen
5 Vgl.: www.google.at, Google Suche „Linz Kulturhauptstadt“: ungefähr 113.000 Treffer, 3.09.08
6 vgl.: www.youtube.com, 3.09.2008
7 vgl.: http://www.youtube.com/watch?v=0yEJE2rJ6X0, 3.09.2008
8 vgl.: http://www.youtube.com/watch?v=fR92AMGzjRc, 3.09.2008
8
und NutzerInnen - hier finden sich auch wieder kritisch humoristische
„TrittbrettfahrerInnen“ 9 - zeigt das Suchergebnis an erster Stelle ein Video eines Nutzers mit dem Synonym (Nickname 10 , Avatar 11 ) „Hubert von Goisern“, das von der Schifftour des oberösterreichischen Künstlers handelt. Der Name des Videobeitrags lautet „Linz Europa Tour - Hubert von Goisern“. Die Art der Präsentation und der dazu gehörige Text lassen darauf schließen, dass das Video vom offiziellen Umfeld des zum Botschafter von Linz 09 erklärten Hubert von Goisern hoch geladen wurde.
Ansonsten gibt es eine Menge offizieller Informationen im Internet. Bei den Printmedien erbringen hier die Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) die meiste Berichterstattung. Artikel, die in dieser Arbeit zitiert werden, wurden hauptsächlich aus dem Online Archiv der OÖN (http://www.nachrichten.at) entnommen. Eine weitere Quelle, neben einigen
Exemplaren aus Papier, ist die Online Ausgabe des Standards (http://derstandard.at). Ebenso wichtige Quellen für Informationen zu Linz und zum Thema Kulturhauptstadt sind offizielle und private Internet Seiten. Die Seite der Stadt Linz (http://www.linz.at) stellt das offizielle Stadt-Portal ins World Wide Web dar. Neben der offizielle Homepage der Linz09 GmbH. (http://www.linz09.at) gibt es auch noch eine inoffizielle Seite (http://www.linz09.info), die die Meinung einer privaten Vereinigung namens „business & culture“ mit dem Herausgeber und leitenden Redakteur Dr. Conrad Lienhardt vertritt. Zu den veröffentlichten Artikeln können Benutzer problemlos und ohne Anmeldung ihr Meinung „posten“. Es existierte noch dazu ein privater „Webblog“ (http://kulturhauptstadtlinz.at/), eine Art Internet Tagebuch, eines Linzers namens Jürgen R. Plasser, der mit seiner Seite eine „Kritische Betrachtung von Linz und dessen Werdung zur Kulturhauptstadt 2009“ 12 veröffentlichte. Im September 2008 war diese Seite aber nicht mehr aufrufbar.
Aktualität und Herkunft sind wohl die wichtigsten Kriterien für Online Quellen. 13 Weitere dem Internet entnommene Informationen sind entsprechend gekennzeichnet.
Selbstverständlich sind auch die Publikationen der Stadt Linz hier von Bedeutung. So werden neben den Online Veröffentlichungen auch Prospekte, Zeitschriften, Linz Bücher, sowie die
9 vgl.: http://www.myspace.com/perestaltik, 8.09.2008
10 vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Nickname, 8.09.2008
11 vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Avatar_(Internet), 8.09.2008
12 http://kulturhauptstadtlinz.at/about/ 22.02.2008
13 http://www.vts.intute.ac.uk/acl/tutorial?sid=1075793&op=preview&manifestid=203&itemid=12809. 22.02.2008
9
aktuellen Erscheinungen des Linz Buchs und das erste Programmbuch Linz 09 1/3 in die Untersuchungen miteinbezogen.
1.2.2. Die Stadt
Neben diesen Schreibtischtätigkeiten gelangen Informationen über das zu erforschende Feld Linz auch auf andere methodische Art in diese Bestandsaufnahme. Robert Ezra Park, der Begründer der Chicagoer Stadtsoziologie vertrat die Ansicht, dass den StudentInnen vor allem die Kunst des „Sehens“ vermittelt werden sollte. Sie sollten lernen, mit bloßem Auge ihr Forschungsobjekt zu erkennen. 14 Es ging ihm darum, die Forschung vom Schreibtisch und von den technischen Utensilien zu lösen, und die Augen auf das „wirkliche Leben“ zu richten indem in das Forschungsfeld hineingegangen wird. Sein Ursprung und sein Ideal sind dabei die Figur des Reporters und des Detektiven. 15 Durch Zufall, dem „Beobachten von Belanglosigkeiten“ 16 , dabei durchaus Spaß und Müßiggang zulassend, erlangt der Forscher Erkenntnisse. „Lässt sich ein romantischeres Bild vom Stadtforscher zeichnen?“ 17
Des Weiteren ist das Forschungsfeld die Stadt Linz die Heimatstadt des Autors, und als solche ein viel beobachtetes und bekanntes Gebiet. Diese Vertrautheit birgt vielleicht eine Gefahr, in Form einer fehlenden Distanz, für die wissenschaftliche Bearbeitung, doch bietet diese Nähe auch die Chance von oftmaligen ethnologischen Streifzügen.
2. Beantwortung der Frage
Durch verschiedene Erklärungsversuche soll der Frage, warum sich die Stadt Linz im Jahr 2009 als europäische Kulturhauptstadt präsentieren wird, nachgegangen werden. Zunächst erscheint es sinnvoll, das Konzept Europäische Kulturhauptstadt näher zu betrachten und den formalen Weg der Stadt Linz nachzuzeichnen. Danach werden einschlägige Theorien der Stadtsoziologie, insbesondere die von Häußermann und Siebel beschriebene Festivalisierung der Stadtpolitik, bemüht, um die Motivation einer Stadtverwaltung zu ergründen, sich auf die Ausrichtung einer solchen Veranstaltung einzulassen. Mit Blicken aus verschiedenen Perspektiven wird dann die spezielle Situation und Entwicklung von Linz betrachtet und auf
14 vgl.: Lindner, 1990, S.10
15 vgl.: Lindner in: Brandner Luger, Mörth 1994, S.17f
16 vgl.: Lindner in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.64
17 Lindner in: Brandner, Luger, Mörth 1994, S.64
10
erklärende Tatbestände untersucht, sowie mit der Theorie der Stadtsoziologie verglichen und kritisch analysiert.
2.1. Die Kulturhauptstadt
2.1.1. Eine kurze Geschichte der Kulturhauptstadt
Melina Mercouri, bekannt auch durch ihre Hauptrolle im amerikanischen Spielfilm „Topkapi“ 18 , wo sie an der Seite von Maximilian Schell und Peter Ustinov einen Einbruch in das Topkapi Museum in Istanbul plant und durchführt, war griechische Kulturministerin, als im Jahr 1985 in Athen das erste europäische Kulturhauptstadtjahr, das auf ihren Vorschlag hin begründet worden war, ausgetragen wurde. Ab diesem Zeitpunkt sollte jedes Jahr eine europäische Stadt (später auch mehrere) diesen Titel tragen, „mit dem Ziel, das kulturelle Erbe Europas zu würdigen, den kulturellen Austausch zwischen den europäischen Ländern zu intensivieren und zur Annäherung der europäischen Völker beizutragen.“ 19 Nachdem mit Athen eine der Wiegen der europäischen Kultur den Namen tragen durfte, folgten weitere renommierte Kulturmetropolen: Florenz, Amsterdam, Berlin und Paris. Woraufhin im Jahr 1990 Glasgow, eine Stadt ohne diesen Status, den Titel zugesprochen bekam. Bis zehn Jahre später zum ersten Mal nicht nur eine Stadt Kulturhauptstadt war, kamen zwischen 1991 und 1999 bis auf zwei Ausnahmen (Thessaloniki (1997) und Weimar (1999)) „richtige“, also Hauptstädte von Nationalstaaten zum Zug. Dabei handelte es sich durchwegs um Städte, die mit Bedacht auf kulturelle Aspekte ausgewählt geworden zu sein schienen. Madrid (1992), Lissabon (1994) oder Weimar (1999), die Stadt Goethes. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde auch der europäische Kulturmonat eingeführt. Neben Linz im Jahre 1998 wurden folgende Städte dafür ausgewählt: Krakau (1992), Graz (1993), Budapest (1994), Nicosia (1995), St. Petersburg (1996), Ljubljana (1997), Valletta (auch 1998) und Plovdiv (1999). 20 Die Vergabe des Titels Kulturhauptstadt an Avignon, Bergen, Bologna, Brüssel, Krakau, Helsinki, Prag, Reykjavik und Santiago de Compostela im Jahre 2000 erscheint, bei allem Respekt für die Genannten, ein wenig als eine „Inflation“ des Begriffs. Prag oder Brüssel sind allemal große Kulturstätten, aber die ganz großen Namen hatten bereits die Ehre. Zunehmend kamen auch teils kleinere und teils mit Kultur weniger assoziierte Städte zum Zug. 2004 teilten sich die Industriestadt Lille und die Hafenstadt Genua den Titel.
18 Vgl. http://www.imdb.com/title/tt0058672/ 4.03.2008
19 Barriere in: http://www.eurosduvillage.com/Europaische-Kulturhauptstadte, 20.10.2008
20 Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.29
11
Als erstmals 2003 eine österreichische Stadt den Platz einnehmen sollte war es nicht Wien, sondern, „wer hätte das gedacht“ 21 , Graz. Die Unterstellung der „Inflation“ des Begriffs bezieht sich auf die mit der Kulturhauptstadt einhergehende Anerkennung und Ehre, die im neuen Jahrtausend nicht mehr so hoch angesehen zu sein schien, dass die österreichische Kulturmetropole der zweitgrößten Stadt des Landes den Vorzug ließ. Für Wien stellt eine Europäische Kulturhauptstadt nicht eine Stellung dar, die unbedingt erlangt werden muss. Wien strebt andere Ehren an, wie zum Beispiel eine Expo.
Da die Europäische Kulturhauptstadt nicht jedes Jahr Paris heißen kann, ist der Ausdruck „Inflation“ unverschämt und unbegründet. Nicht zuletzt ist auch der Charakter der Veranstaltung darauf angewiesen, ein möglichst breites europäisches Spektrum mit einzubeziehen, um eben die Aufgabe, der Herausstellung der europäischen Vielfalt im Sinne der Integration und des Zusammenwachsens, erfüllen zu können.
Die Städte ihrerseits erwarten sich ebenfalls etwas von dem einjährigen Titel. Besonders solche, die aus ihrer Regionalbedeutung herausbrechen und in weitere internationale Kreise vordringen wollen. Ganz im Sinne der noch zu behandelnden Thesen von Häußermann und Siebel wird das Instrumentarium Europäische Kulturhauptstadt von verantwortlichen und zuständigen Akteuren/Akteurinnen als Mittel zur Beeinflussung der Stadtentwicklung gesehen.
„Spätestens seit Glasgow 1990 ‚[...] dient der Titel als ein Instrument für Stadterneuerung, Imagewandel und Etablierung auf einer europäischen Kulturlandkarte.’“ 22
2.1.2. Der Vergabe-Modus
Der Modus der Vergabe hat sich im Laufe der Jahre etwas verändert. So werden seit dem Jahr 2000 mehr als eine Kulturhauptstadt pro Jahr benannt. Es ist ebenso ein Bestreben, jedes Jahr eine Kulturhauptstadt aus den neuen östlichen Mitgliedsstaaten zu präsentieren. Die Austragungsländer wurden über Jahre hinaus bestimmt, die Entscheidung für eine Stadt findet also in einem nationalen Auswahlverfahren statt. So gab es etwa in Deutschland einen starken Wettkampf unter den Bewerberstädten für die Austragung des Kulturhauptstadtjahres 2010.
21 Vgl.: Motto
http://www.graz03.at/servlet/sls/Tornado/web/2003/design/E9C5613DD9C9DB98C1256CA5005BD90B 4.3.2008
22 Mettler in: Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.30
12
Essen mitsamt dem Ruhrgebiet konnte sich letztendlich durchsetzen. Für das Jahr 2009 verlief die Entscheidung etwas anders, wie wir später sehen werden. Die Ernennung erfolgt durch den Europäischen Rat: „Vier Jahre vor Beginn legt jeder betreffende Mitgliedstaat der EU, unter Berücksichtigung der von der Jury ausgesprochenen Empfehlungen, die Bewerbung einer Stadt vor. Der Europäische Rat ernennt zwei Städte offiziell zur ‚Kulturhauptstadt Europas’.“ 23
Die genannte ExpertInnen-Jury setzt sich aus Personen zusammen, die von den europäischen Behörden sowie den betreffenden Mitgliedsstaaten bestellt werden. Sie prüft die Bewerbungen und gibt eine Stellungnahme ab.
2.1.3. Kulturhauptstadt und Finanzen
Einer auserwählten Stadt wird von der EU in erster Linie die Ehre, den Namen Kulturhauptstadt zu tragen, verliehen, die Finanzierung obliegt der geehrten Stadt, ihrer Region und ihrem Mitgliedsstaat. Es werden zwar auch Zuschüsse für eine Kulturhauptstadt im Rahmen des EU-Programms „KULTUR“ (2007-2013) gewährt, diese können jedoch nur für Projekte und nicht für Bauvorhaben oder andere Investitionen verwendet werden. 24 Für Linz 09 wird das Budget zu je einem Drittel von Stadt, Land und Bund erbracht. Aus EU Töpfen wird nur ein kleiner Teil beigesteuert. 64 Millionen Euro sind für das Projekt Kulturhauptstadt veranschlagt, je 20 Millionen steuern die Körperschaften bei, Sponsoren beteiligen sich mit 2 Millionen, der Ticketverkauf soll 1,4 Millionen einbringen, und der kleine Beitrag der EU beläuft sich auf 0,5 Millionen Euro, dieser, den OÖN zufolge „mickrige“ Betrag, wird zudem erst 2010 überwiesen. 25
2.1.4. EU und Kultur
Zunächst noch ein Blick auf die formalen Grundlagen dieser Großveranstaltung: Dass die Europäische Union großen Wert auf die kulturelle Entwicklung in Europa legt, ist nicht zuletzt in den Verträgen von Maastricht und Amsterdam festgehalten. Der Union geht es um die Bewahrung und Entfaltung europäischer Kulturen, um Vielfalt und Offenheit. Diese kulturellen Werte sollen die Basis für eine solidarische Gesellschaft bilden. 26
23 Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.28
24 vgl.: Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.26
25 vgl. : OÖN, 9.01.2007
26 vgl.: Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.24
13
Der Artikel 151 des Vertrags von Amsterdam geht genau auf die Bestrebungen der EU in diesem Bereich ein und birgt in sich die Rechtsgrundlage für die Kulturförderung durch die Abhaltung eines Kulturhauptstadtjahres. Der Beschluss 1419/1999/EG, der mit 2003 in Kraft trat. 27 , definiert das Projekt Kulturhauptstadt und umreißt in Artikel 3 Zielvorgaben bzw. Evaluierungskriterien:
„Artikel 3
Die Benennung beinhaltet ein Kulturprojekt von europäischer Dimension, das sich im wesentlichen auf die kulturelle Zusammenarbeit gemäß den in Artikel 151 des Vertrags vorgesehenen Zielen und Maßnahmen stützt.
Bei der Benennung wird angegeben, wie die benannte Stadt folgende Ziele zu erreichen gedenkt:
- Herausstellen der den Europäern gemeinsamen künstlerischen Strömungen und Stile, zu denen die benannte Stadt Anregungen gegeben oder einen wesentlichen Beitrag geleistet hat; - Förderung von Veranstaltungen mit Kulturschaffenden aus anderen Städten der Mitgliedstaaten, die zu einer dauerhaften kulturellen Zusammenarbeit führen, und Förderung ihrer Mobilität innerhalb der Europäischen Union;
- Unterstützung und Förderung des kreativen Schaffens als wesentlicher Bestandteil jeder Kulturpolitik;
- Mobilisierung und Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten an dem Projekt und damit Gewährleistung der sozialen Wirkung der Aktion und ihrer Kontinuität über das Jahr der Veranstaltungen hinaus;
- Förderung des Empfangs von Bürgern aus der Union und der größtmöglichen Bekanntmachung der geplanten Veranstaltungen mit Hilfe aller multimedialen Mittel; - Förderung des Dialogs zwischen den europäischen Kulturkreisen und denen anderer Teile der Welt und in diesem Sinne Betonung der Öffnung gegenüber anderen und des Verständnisses für andere, die grundlegende kulturelle Werte darstellen; - Herausstellung des historischen Erbes und der Stadtarchitektur sowie der Lebensqualität in der Stadt.“ 28
27 Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.29
28 vgl.: http://eur-
lex.europa.eu/smartapi/cgi/sga_doc?smartapi!celexplus!prod!CELEXnumdoc&numdoc=399D1419&lg=de, 30.05.2008
14
Ob Linz diesen Zielvorgaben entsprechen kann und in welcher Weise es diese Punkte erfüllen könnte, darauf wird später noch eingegangen werden, hier soll zunächst der Weg von Linz bis zur Zusage vor allem anhand der Berichterstattung der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) nachgezeichnet werden:
2.2. Chronologie der Auswahl von Linz
Im August 2000 schreiben die OÖN:
„Die europäisch erstellte Bilanz des Europa-Kulturmonats in Linz 1997 war durchwegs positiv und macht Mut für Größeres:“ 29
Der Artikel berichtet, dass Linz erste Schritte unternommen habe, sich für die Funktion einer Kulturhauptstadt Europas zu bewerben.
Da das Jahr 2009 einer österreichischen Stadt vorbehalten ist, sprechen die OÖN im März 2001 von einem „unklaren innerösterreichischen Konkurrenz-Szenario“ 30 . Der Artikel berichtet zudem, dass in Linz schon erste Arbeitsschritte in Richtung Leitthemen, Marketing Konzept und Gewinnung von Unterstützern der Linz Bewerbung unternommen wurden. Zu Beginn des Jahres 2004 wird in Beiträgen über kulturelle Belange oder das Thema Kulturhauptstadt selbst die Situation der Mitbewerber-Städte beschrieben und Stadtpolitiker zu den Chancen für Linz zitiert:
„’Sehr gelassen’ sieht Dobusch laut Austria Presseagentur die mögliche Bewerbung Salzburgs zur Europäischen Kulturhauptstadt 2009. Salzburg werde nach dem Mozartjahr 2006 ‚zu wenig Zeit haben, um für Linz ein ernsthafter Gegner zu sein’. Dasselbe gelte für Klagenfurt, das eine Kandidatur überlegt.“ 31
„Die Konkurrenz aus dem eigenen Land fürchten die Linzer nicht: ‚Wir sind in dieser Frage in der Zielgeraden, während Salzburg noch nicht einmal am Start steht.’ [Anm.: wird der Linzer Kulturdirektor Siegbert Janko zitiert] Das Fragezeichen hinter einer möglichen Klagenfurter Bewerbung wird ebenfalls sehr groß gesehen.“ 32
29 OÖN, 24.8.2000
30 OÖN, 7.3.2001
31 OÖN, 6.2.2004
32 OÖN, 10.2.2004
15
Im Mai 2004 kann vermeldet werden:
„Europäische Kulturhauptstadt 2009. St. Pölten, Krems, Klagenfurt, Salzburg, Linz. So sah die Liste der möglichen Bewerber noch vor knapp einem Jahr aus. Die Liste ist geschrumpft. St. Pölten weg, Krems weg. Klagenfurt weg. Salzburg drückt sich seit Monaten um eine klare Entscheidung“ 33
Die bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich als Interessenten in Erscheinung getretenen niederösterreichischen Städte waren also schon aus dem Rennen bevor ein Wettkampf richtig losging. Klagenfurt und Salzburg konzentrierten sich wahrscheinlich schon auf die Fußball Europameisterschaft 2008. Dass Linz die wohl hungrigste Stadt Österreichs in Hinblick auf die Austragung des Kulturjahrs war und auch die größten Chancen zu haben schien, schildert auch der Bericht der OÖN vom 11.6.2004:
„Linz scharrt dafür ja bereits emsig in den Startlöchern, da sich [...] nun nach St. Pölten und Klagenfurt höchstwahrscheinlich auch Salzburg aus der Bewerbung für 2009 zurückziehen wird.“ 34
Im Juli wird die Bewerbungsmappe „Linz 2009“ 35 präsentiert und im September der Bundesregierung übergeben. 36 Am 13.9.2004 kann das Blatt über die Übergabe der Bewerbungsunterlagen für die europäische Kulturhauptstadt 2009 durch die oberösterreichischen Delegation, bestehend aus Bürgermeister Franz Dobusch, Kulturreferent und Vizebürgermeister Erich Watzl und Landeshauptmann Josef Pühringer, an Kunststaatssekretär Franz Morak berichten. 37 Vier Tage später meldet die Zeitung, dass Linz als einzige Bewerberin ins Rennen geht. 38 Im März 2005 beschließt der Linzer Gemeinderat die Gründung der „Linz 2009 - Kulturhauptstadt Europas OrganisationsGmbH“, deren Budget mit einem voraussichtlichen Wert zwischen 60 bis 65 Millionen Euro genannt wird. 39 „Ich werde wohl als Vorsitzender des kürzesten Hearings in die Geschichte der EU-Kulturhauptstadt-Jury eingehen“ 40 , so wird Charlie Hennessy, Opernchef von Cork, in den OÖN nach dem Hearing vorm EU Parlament am 14.4.2005 zitiert. Die einzige Bewerberin konnte sich vor der ExpertInnenjury gut präsentieren. Im November desselben Jahres schließlich konnte die größte Tageszeitung Oberösterreichs verkünden: „Wie zu erwarten, haben gestern in Brüssel die 25 EU-Kulturminister Linz [...] zur Kulturhauptstadt 2009
33 OÖN, 26.5.2004
34 OÖN, 11.6.2004
35 vgl.: Janko, 2004
36 vgl.: OÖN, 2.7.2004
37 vgl.: OÖN, 13.9.2004
38 vgl. OÖN, 17.9.2004
39 vgl. OÖN, 11.3.2005
40 OÖN, 16.4.2005
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gekürt.“ 41 Der Beschluss 2005/815/EG des Rates der Europäischen Union vom 14.11.2005 erklärt Linz und Vilnius zu „Kulturhauptstädten Europas 2009“ 42
2.2.1. Die Berichterstattung der OÖN
Die Berichterstattung der Oberösterreichischen Nachrichten zum Thema Kulturhauptstadt zeigt sich seit dem Jahr 2001 sehr umfangreich. Das Online Archiv der Zeitung unter www.nachrichten.at bringt bei der Suche 43 nach dem Begriff „Kulturhauptstadt“ in den Jahren
2001 bis 2008 1216 Treffer, also 1216 Artikel, die das Wort „Kulturhauptstadt“ beinhalten. Dass damit zwangsläufig die Bestrebungen von Linz gemeint sind, ist nicht gesagt. Zumal Graz im Jahr 2003 diesen Titel trug und die OÖN natürlich darüber berichteten, sei es mit oder ohne Linz Bezug. Bei der Eingabe der Begriffe „Kulturhauptstadt Linz“ finden sich im selben Zeitraum 1084 Artikel. Dies sagt ebenso wenig über die Qualität des Berichts bezogen auf das Thema Linz 09 aus, es zeigt uns lediglich die quantitative Häufigkeit von Artikeln auf, in denen diese Worte vorgekommen sind. Die qualitativ für diese Arbeit interessantesten Artikel wurden durch Spezifizierung der Suchbegriffe bzw. des Zeitraums und durch die Beobachtung der Ausgaben während der Forschungszeit gefunden.
Die OÖN begrenzen sich nicht nur auf Berichterstattung und Kommentare, sondern zeichnen sich durch eine gewisse Anteilnahme am Ereignis aus. Die Zeitung scheint sich für das Gelingen des Projekts mitverantwortlich zu fühlen. Zumindest werden breite Information, Miteinbindung und Animation der LeserInnen angestrebt. Neben Berichten und durchaus auch kritischen Kommentaren kommen in Interviews ExpertInnen zu Wort, die um Rat, Lob und Kritik gebeten werden. Auffallend sind zudem bestimmte Serien, die im Bezug zum Kulturhauptstadtjahr standen und stehen und seit Beginn 2007 zu beobachten sind. Eine Reihe stellte Linzer Straßennamen vor, eine weitere stellte sich die Frage: „Ist Linz schön?“ 44 Zudem wurden Informations- und Diskussionsveranstaltungen zum Thema durchgeführt. In der Berichterstattung der OÖN über Linz 09 werden auch die Erwartungen bestimmter Personen auf das große Jahr artikuliert. Erwartungen an das Projekt, an das Linz 09 Team,
41 OÖN, 15.11.2005
42 http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2005:305:0036:0036:DE:PDF, 4.06.2008
43 Archiv Suche auf www.nachrichten.at am 2.06.2008
44 Die gleiche Frage war auch der Titel eines Projekts von Linz 09, Postkarten, die ausgestattet mit den Antwortmöglichkeiten: Ja - Nein - Kommt darauf an, zum Abstimmen einluden konnten postalisch retourniert werden. Im Internet könnten multimediale Beiträge unter http://www.linz09.at/schoen/ umkompliziert hochgeladen werden. Das Projekt scheint beendet, der Pfad ist nicht mehr betretbar (Forbidden You don't have permission to access /schoen/ on this server. 2.06.2008)
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aber auch Erwartungen an Linz selbst. Darüber hinaus wird auch gerne einmal erläutert, was es mit einer Kulturhauptstadt auf sich hat bzw. wie andere Städte damit umgegangen sind und welche Erfahrungen sie gesammelt haben.
Aber nicht nur die OÖN machen die Kulturhauptstadt zu einem Dauerbrenner, auch andere Zeitungen mischen mit spezieller Berichterstattung oder Veranstaltungen mit. Die Online Version des Standards (http://derstandard.at/) sammelt relevante Berichte in der Rubrik „Linz 2009“, eine Unterrubrik von „Kulturhauptstädte Europas“. Am 17.4.2008 wurde seitens der OÖ-Kronen Zeitung zu einer Diskussionsveranstaltung ins sogenannte „Krone Forum“ im Hauptquartier des Blattes in der Khevenhüllerstraße geladen. Der Titel dieser gut besuchten Podiumsdiskussion lautete „Wer freut sich noch auf Linz 09?“ und zeigte somit eine gewisse Stimmungslage in der Stadt gegenüber den Entwicklungen rund um das Großprojekt zu diesem Zeitpunkt auf. Mitdiskutant und Intendant der Linz 09 GmbH Martin Heller musste im Rahmen der Erörterungen einräumen, dass es dem Konzept für die Abhaltung eines Kulturhauptstadtjahres von Linz anzumerken war, dass die Stadt die einzige Bewerberin war. Dies ist nach der Betrachtung des Weges von Linz zur Erreichung dieses Titel eine eindeutige Erklärung und für unsere Forschungsfrage ein erste konkrete, wenngleich eher oberflächliche Antwort. Linz ist im Jahr 2009 Europäische Kulturhauptstadt, weil es diese Einrichtung gibt, die Stadt sich dafür beworben hat und als einzige Bewerberin den Zuschlag erhalten hat (müssen). Dass es Linz anzumerken war, die einzige Interessentin zu sein, klingt nicht schmeichelhaft und scheint auf eine falsche Herangehensweise zu schließen. Ein Blick auf die Bewerbungsunterlagen soll zeigen, was damit gemeint sein kann.
2.2.2. Bewerbungsunterlagen
Die Publikation „Linz 2009“, herausgegeben vom Linzer Kulturdirektor Siegbert Janko, stellt die offizielle Bewerbung der Stadt Linz für das Kulturhauptstadtjahr 2009 dar. Ganz im Gegensatz zur Definition des Vizeintendanten Ulrich Fuchs, der eine Kulturhauptstadt eher als „Stipendium für etwas zu Entwickelndes“ 45 sieht, denn als „Auszeichnung für etwas Geleistetes“ 46 , wird in der schlecht gebundenen Veröffentlichung 47 in erster Linie auf bestehende Kultureinrichtungen verwiesen, dazu ein spezieller Charakter der Stadt bemüht und damit die Reife der Stadt für den Titel der Kulturhauptstadt behauptet. Die
45 OÖN, 15.5.2006
46 OÖN, 15.5.2006
47 nach zweimaligem Umblättern lösten sich die Seiten vom Einband.
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wandlungsreiche Geschichte der Stadt („Von der Stahlstadt zur Kulturstadt“ 48 ), eine Beschreibung, was Linz „ist“ bzw. sein soll („Linz ist Klang und Wolke“ 49 , „Linz ist Stahl und Strom“ 50 oder „Linz ist Stifter und Anstifter“ 51 ) und eine 20seitige Aufzählung Linzer Kulturinstitutionen sind die Kernpunkte der Bewerbung von Linz. Es finden sich keinerlei Zielsetzungen oder Vorhaben, die mit 2009 in Angriff genommen werden sollen. Zudem fällt auf, dass sich unter den angeführten Kultureinrichtungen auch eine große Anzahl an Kulturinitiativen befindet, die sich der so genannten Freien Szene zurechnen, darunter z.B der KV „Biosphäre 3“ 52 , der einst Konzerte in der KAPU veranstaltete, aber schon lange nicht mehr existent ist. Diese Freie Szene wird im Laufe dieser Arbeit noch öfters zum Thema, auch im Zusammenhang mit der Entwicklungsgeschichte der Stadt, und damit auch näher beschrieben. Neben den Linzer VertreterInnen der Freien Szene wurden in der Bewerbungspublikation auch viele Kultureinrichtungen aus ganz Oberösterreich rekrutiert, um eine „blendende Visitenkarte“ 53 vorweisen zu können.
Die Kritik, dass diesem Konzept die exklusive, ja alleinige Bewerbung anzumerken war, scheint auf den Umstand anspielen zu wollen, dass nur mit Bestehendem geworben und der Titel „Kulturhauptstadt“ als Belohnung missverstanden wurde. Pläne und Ziele, auch im Hinblick auf die Vorgaben der EU in Artikel 3 (vgl. Kapitel 2.1.4.), die es wahrscheinlich zu konkretisieren gegolten hätte, wenn es eine Konkurrenz gegeben hätte, seien nicht in das Konzept miteingebracht worden.
2.3. Festivalisierung der Stadtpolitik 54
Im vorigen Kapitel wurde dargestellt, wie der Titel „Kulturhauptstadt“ an Linz verliehen wurde, und damit der einfachste Grund für die Beantwortung der Forschungsfrage genannt. Um die Motivation der Stadt Linz ergründen zu können, sich den enormen Investitionen für eine Großveranstaltung wie denen des Kulturhauptstadtjahrs auszusetzen, wenden wir uns nun einer Theorie der Stadtsoziologie zu.
Dass Städte sich gerne mit Großveranstaltungen wie einem Kulturhauptstadtjahr, oder Kunstfestivals, Sportveranstaltungen usw. präsentieren, dieses Phänomen ist nicht neu, und wurde bereits 1993 von den Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel
48 Janko, 2004, S.21
49 Janko, 2004, S.29
50 Janko, 2004, S.30
51 Janko, 2004, S.37
52 Janko, 2004, S.73
53 OÖN, 2.07.2004
54 vgl.: Häußermann, Siebel, 1993
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beschrieben. In ihrer Aufsatzsammlung „Festivalisierung der Stadtpolitik“ zeigen die Autoren, wie Stadtverwaltungen zur Erreichung bestimmter Ziele in der Stadtpolitik Großveranstaltungen einsetzen. Durch die Analyse einiger Fallbeispiele verschiedener Autoren weisen sie auf Vorteile und Nachteile aber auch Gründe für die Notwendigkeit dieses Trends in der Stadtpolitik hin.
Mit „Festivalisierung der Stadtpolitik“ ist die temporäre Inszenierung eines großen Projekts seitens einer Stadtverwaltung zum Zwecke der positiven Beeinflussung der Stadtentwicklung gemeint. Seien es die Spiele in der antiken Arena, die Olympischen Spiele, sowohl der Antike als auch der Moderne oder Weltausstellungen - der Drang der Mächtigen sich in pompöser Weise zu inszenieren begleitet die Menschheitsgeschichte seit jeher. Art und Weise, das Spektakel einzusetzen haben sich aber seit den 1970er Jahren verändert. Neu ist der Einsatz für stadtpolitische Ziele. Insofern soll die Theorie der „Festivalisierung“ erklären helfen, warum sich Linz aus eigenen Stücken darum bemüht hat, den Titel „Kulturhauptstadt“ zu erreichen, das Spektakel, das Festival Kulturhauptstadtjahr durchzuführen. Warum sich überhaupt eine Notwendigkeit für den Einsatz von Vergnügungsveranstaltungen in der Stadtpolitik ergeben hat, erklärt ein Blick auf die historische Entwicklung der Städte, hier im Besonderen auf die deutscher bzw. mitteleuropäischer Städte. Die blühenden Städte des Mittelalters, der Renaissance und des Barock oder die schnell gewachsenen Städte Nordamerikas, die das wohl rasanteste Wachstum bis dato markieren - für sie alle war das Spektakel, das Festival eine Draufgabe, eine Belohnung für die erarbeitete Entwicklung. Ein Ritterturnier hatte gewiss noch andere Aufgaben als die des puren Gaudiums, es handelte sich dabei vielleicht um Spiele der Macht, aber sicher nicht um ein Werkzeug zur Stadtentwicklung. Weltausstellungen Ende des 19. Jahrhunderts dienten der Präsentation und der Festigung des Fortschrittsglaubens, ihr Zweck war aber auch nicht ein stadtplanerischer. Die Städte damals mussten sich nicht Sorgen um Wachstum machen. Die Stadt an sich stand für Wachstum und oftmals Reichtum.
2.3.1. Stadtentwicklungsgeschichte nach Häußermann und Siebel
Hartmut Häußermann und Walter Siebel 55 beschreiben die Entwicklung deutscher Städte (alte Bundesrepublik) seit dem Zweiten Weltkrieg. Für Österreich können diese Entwicklungsmuster aufgrund ähnlicher Verhältnisse (Zweiter Weltkrieg) als ebenfalls
55 vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.10ff
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zutreffend angesehen werden. Sie beschreiben die zeitgenössischen Trends und gehen dabei nicht auf lokale Besonderheiten ein.
Die Autoren sprechen von drei Stadtentwicklungsphasen: - Erste Phase: extensive Urbanisierung - Zweite Phase: intensive Urbanisierung - Dritte Phase: Desurbanisierung
Extensive Urbanisierung
Eine erste Phase, die sich zeitlich um das Jahr 1960 ansiedeln lässt, wird mit „Extensiver Urbanisierung“ 56 oder „Phase der Stadterweiterung“ 57 beschrieben. In der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders expandierten die Städte ins Umland. Der wirtschaftliche Aufschwung forcierte die Bautätigkeit und verlangte nach neuem Raum. „Aufgabe der Stadtpolitik und -planung in dieser Zeit war es in erster Linie, die räumlichen und organisatorischen Voraussetzungen für diesen Urbanisierungs- und Wachstumsprozess zu schaffen.“ 58 Der Ausbau des Verkehrsystems und das Bereitstellen von Bauland wurden von den Stadtverwaltungen vorangetrieben. Die zunehmende Motorisierung der Bevölkerung und der optimistische Fortschritts- und Wachstumsglaube brachte das „Leitbild der autogerechten Stadt“ hervor.
Intensive Urbanisierung
Eine zweite Phase, als „Intensive Urbanisierung“ 59 oder „Phase des Stadtumbaus“ 60 betitelt, zeichnete sich durch das Ziel der Wachstumssteuerung aus. Das Hauptaugenmerk lag auf der inneren Entwicklung der Stadt, so setzte man auf den Ausbau der sozialen Infrastruktur, die Sanierung alter Bausubstanz (Gentrifizierung) und auch auf den Ausbau öffentlicher Verkehrssysteme. Durch den Zeitgeist beeinflusst (1970er Jahre) hatte die Überwindung von Ungleichheiten eine große Bedeutung. Ebenso wurden wachstumskritische Stimmen laut und soziale Gerechtigkeit galt als hochgeschätzter Wert. Es entwickelte sich das Leitbild der sozialen bzw. nachhaltigen Stadt. Somit war der Abbau städtischer (sozialer und räumlicher)
56 vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S. 11
57 vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S.13
58 Häußermann, Siebel, 1993, S.11
59 vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S.11
60 vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S.13
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Ungleichheiten oder zumindest die Erweckung des Anscheins der Ausräumung derselben ein Anliegen der Stadtpolitik.
Desurbanisierung
Ab Mitte der 1970er Jahre setzte nach Häußermann und Siebel eine dritte Phase ein, die von den Stadtforschern als „Desurbanisierung“ 61 bezeichnet wird. Sie zeichnet sich durch einen radikalen Wandel aus. Weltmarktkrise und die Verschärfung des internationalen Wettbewerbs lösen in den Städten eine Strukturkrise aus: Wenig Investitionen, Abnahme der Arbeitsplätze, Anstieg der Armut. Die Stadtkassen leiden zum Teil bis heute darunter.
„Da bis dahin Stadtentwicklung identisch mit Wachstum war, gab es hierfür weder Konzepte noch Instrumente - und sie wurden auch nicht entwickelt, denn mit einer anderen Perspektive als der des Wachstums konnte und wollte sich niemand anfreunden. Also mussten Strategien entwickelt werden für ein Wachstum unter den Bedingungen der Stagnation.“ 62
Die Stadtpolitik musste also von nun an dafür Sorge tragen, dass sich Wachstum einstellte. Die Strategie des „City-Marketing“ 63 etwa versucht lokales Wachstum zu produzieren, indem die Stadt nach außen als einzigartig, besuchenswert und vor allem existierend präsentiert wird.
„Sich international bemerkbar zu machen, sich weithin sichtbar als zukunftsträchtigen Standort anzubieten und damit externe Investitionen anlocken zu wollen, ist eine der herausragenden Strategien.“ 64
Der Konkurrenzkampf der Städte um finanzkräftige Investoren war zwar schon zuvor auch gegeben, die Voraussetzungen haben sich aber geändert. Durch die Verschärfung des internationalen Wettbewerbs, die Mobilität der Kapitalströme, die Öffnung von Handelsbarrieren und nicht zuletzt durch die fortgeschrittenen Technologien wurde der Einzugsbereich von konkurrierenden Städten immens vergrößert.
61 vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.12
62 Häußermann, Siebel, 1993, S.12f
63 Häußermann, Siebel, 1993, S.12
64 Häußermann, Siebel, 1993, S.13
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„Nun tritt Stuttgart mit Mailand, Hannover mit Barcelona, Hamburg mit Rotterdam und Köln mit Lyon unmittelbar in Konkurrenz um deutsche, japanische amerikanische und andere internationale Investoren.“ 65
Standortfaktoren der alten Schule, wie Verkehrsinfrastruktur, Rohstoffe und Arbeitskräfte sind nicht mehr die entscheidenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ansiedlungspolitik. Diese Vorzüge können mittlerweile fast alle Städte vorweisen. Dienstleistungsbetriebe sind meist auch nicht darauf angewiesen. Unternehmen treffen heute ihre Wahl für einen Standort in Hinblick auf das Kulturangebot, die Freizeitmöglichkeiten sowie das lokale Bildungsniveau und -angebot. Diese Faktoren werden im Gegensatz zu den harten Standortfaktoren (z.B. Infrastruktur) weiche Standortfaktoren genannt. Besonders Kultur wird in diesem Zusammenhang als das zentrale Element genannt: „Kultur als Motor der Stadtentwicklung“ 66 , oder:
„Gefragtes Mittel zum Zweck der Attraktivitätssteigerung von Standorten ist Kultur.“ 67 Gleichzeitig zu den Anforderungen des Standortwettbewerbs wird die Arbeit einer Stadtverwaltung (City Management) noch zusätzlich erschwert. Der Spielraum der städtischen Behörden ist aufgrund der Deregulierung des Wirtschaftens und der geringeren Verfügbarkeit an Grundstücken und Finanzmitteln kleiner geworden. Darüber hinaus hat eine Stadtverwaltung heute das Problem, dass sie ihre Arbeit immer wieder gegenüber seiner Bevölkerung legitimieren muss. „Normale“ Verwaltungstätigkeit ist schwer präsentierbar und somit nicht so leicht erfolgreich zu verkaufen. Ein Beispiel dafür ist die Sozialarbeit. Erfolge sind hier nicht so sichtbar oder markant wie etwa eine neue Autobahn. Ein neues Seniorinnenzentrum lässt sich zwar schon herzeigen, aber die tägliche Pflegearbeit darin ist weniger greifbar. Zu den Problemen einer Stadt gehören heute neben dieser „’Unsichtbarkeit’ von politischen Erfolgen“ aber auch noch ein „qualitativer Wandel der Erwartungen gegenüber der Politik“ und ein „Strukturwandel sozialer Ungleichheit“. Häußermann und Siebel sprechen hier von einer „Krise regulativer Politik“. 68 Ein weiteres Problem für die Stadtpolitik, der dadurch ebenso Aufmerksamkeit entzogen wird, ist die mangelnde Identifikation der Bewohner mit ihrer Stadt. Angesichts einer Entwicklung, die Städte in unüberschaubare Agglomerationen ausufern lässt, verlieren die Kernstädte an Bedeutungdie Kernstadt geht im Siedlungsbrei unter, schreiben Häußermann und Siebel 69 , und sprechen
65 Häußermann, Siebel, 1993, S.13
66 Fuchs in: Xing, 2006, S.42f
67 Laister, 2004, S.29
68 vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.24
69 Häußermann, Siebel, 1993, S.15
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damit das Problem der verlorenen Identifikationsmöglichkeit mit seinem Wohnort oder einem Stadtkern an. 70
2.3.2. Der Einsatz von Festivals und positive Aspekte
Die Lösung für all diese Probleme scheint für die Stadtverwaltung der Einsatz des Festivals. Im Agglomerationsmeer werden „Inseln“ beleuchtet, die den Bewohnern eine Identifikation ermöglichen. Die Medien werden durch kurze, außergewöhnliche Aktionen bestens bedient und greifen diese auch auf. Die Festivalisierung bedeutet zudem für Städte, die nicht gerade zur Riege der Weltmetropolen, wie New York, London oder Paris gehören, dass sie zumindest kurzfristig weltweit oder europaweit in Erscheinung treten können.
„Sevilla, Hannover oder Duisburg müssen dagegen alle Kräfte zusammenraffen, um für die Dauer einer Messe so hoch zu springen, dass der japanische Investor sie wenigstens einmal zu Gesicht bekommt: (...) [eine] Strategie der Schwächeren, denen die internationale Konkurrenz besondere Anstrengungen abverlangt, die sie nur ein Fest lang durchhalten können.“ 71
Die Politik der Stadt wird sichtbar. Sie kann sich der Bevölkerung als handlungsfähig präsentieren und damit zeigen, dass die Stadtregierung nicht umsonst an ihrem Platz ist. 72 Für die Personen, die in der städtischen Verwaltung beschäftigt sind bedeutet der Einsatz von Großereignissen einen gewissen Motivationsschub. Die neue Aufgabe, die Vorbereitung und Umsetzung des Projekts, bringt neuen Antrieb. Häußermann und Siebel bezeichnen diesen Effekt als „Eigendoping“: Für die BeamtInnen in den Ämtern bedeutet ein terminlich festgesetztes Ereignis die Ablenkung von der alltäglichen Verwaltungsarbeit, die städtische Regulierungsmaßnahmen oft gegen den Widerstand betroffener Bewohner durchzusetzen hat. Eine frustrierende Arbeit, in die ein Termin, auf den hingearbeitet werden muss, frischen Wind bringt. Häußermann und Siebel sprechen hier von „Zeitdruck und Ausnahmezustand“, die als kraftvolle Mobilisatoren gepriesen werden. 73
70 Berufsbeziehungen spielen sich in unterschiedlichen, nicht verflochtenen, Kreisen mit rollenreduzierten Beisammensein ab. Es gibt wenig, was eine oder einen an eine bestimmte Gemeinde emotional bindet.
71 Häußermann, Siebel, 1993, S.15
72 Die Notwendigkeit aufzufallen scheint auch schon in kleineren Gemeinden gegeben zu sein, wie die ORF Meldung vom 15.03.2008 (http://ooe.orf.at/stories/263899/) zeigt: Die Gemeinde Attersee nennt sich von nun an Attersee am Attersee, die Gemeinde fühle sich zu wenig wahrgenommen, jetzt wolle man stärker auffallen, so der Bürgermeister laut ORF
73 Häußermann, Siebel, 1993, S.22
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„Sie bieten heilsamen Zeitdruck und glamouröse Ziele, die das Heer der Bürokratie aus dem resignierten Trott der Routinen herausreißen.“ 74 Außerdem bringt der Glanz, der von solchen Events ausgeht, sogar sich gegensätzlich gegenüberstehende politische Akteure dazu, im Sinne des nahenden schillernden Ereignisses gemeinsam die Kräfte zu mobilisieren, um Projekte umzusetzen.
Für ein kommunales Regierungsteam bedeutet der Einsatz von Großereignissen einen durchwegs adäquaten Politikstil angesichts krisenhafter Voraussetzungen in der Stadtpolitik.
Häußermann und Siebel entwickeln eine These für diesen Typus der Politik, den sie als „Festivalisierung der Politik“ 75 titulieren:
„Unsere zentrale These ist, dass die Festivalisierung der Politik die Inszenierung von Gemeinsinn und Identifikation mit politischen Institutionen darstellt - eine Form politischer Repräsentation, die sich aus sozialstrukturellen Veränderungen, aus veränderten Konfliktlinien in der Gesellschaft und aus den wachsenden Schwierigkeiten regulativer Politik ergibt.“ 76
Die Autoren fragen schließlich: „Festivalisierung der Politik als Inszenierung der eigenen Daseinsberechtigung?“ 77
Das angekündigte Großprojekt wird meist mit Versprechungen von Erfolg und Aufschwung angepriesen. Die positiven Effekte für eine Stadtregierung wurden dargelegt, aber die Frage, ob die versprochenen Auswirkungen, die der ganzen Stadt und deren Bevölkerung nutzen, wirklich einsetzen, bleibt noch offen. Können Festivals wirklich eine angekündigte positive Änderung einer problematischen Situation herbeiführen?
Ob ein inszeniertes Großereignis zum erhofften Erfolg führt, kann meistens nicht genau evaluiert werden. Welche Effekte welchen Ursachen entspringen ist schwer feststellbar. Häußermann und Siebel kommen zu dem Schluss: „Eine eindeutige Kosten-Nutzen-Rechnung ist (...) nicht möglich; die direkten ökonomischen Effekte sind selektiv oder widersprüchlich, die indirekten Wirkungen nicht abschätzbar oder lediglich diffuse Hoffnungen.“ 78
74 Häußermann, Siebel, 1993, S.21f
75 vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.19
76 Häußermann, Siebel, 1993, S.23
77 Häußermann, Siebel, 1993, S.28f
78 Häußermann, Siebel, 1993, S.19
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Eigentlich gibt es nur zwei Beispiele, die als Erfolg einer Großveranstaltung für die Stadtentwicklung gewertet werden, wobei dabei auch eine gewisse Mythologisierung der Ereignisse mitschwingt: In München werden die Olympischen Spiele 1972, in Barcelona die Olympischen Spiele 1992 als die Initialzündungen für die darauf folgende rasante Entwicklung der Städte gesehen. Ein Aspekt dürfte hier allerdings gewichtigen Einfluss genommen haben. Für beide Länder, Deutschland und Spanien bedeuten diese Ereignisse jeweils eine gewisse Rehabilitierung nach den zuvor überwundenen faschistischen Systemen (Deutschland bis 1945 und Spanien bis 1975). 79
2.3.3. Negative Aspekte
Neben den Auswirkungen des Einsatzes von Festivals auf die Stadtpolitik und ihren Stil, der durchaus als problematisch angesehen wird, gibt es einige weitere negative Aspekte, die der Politik durch große Projekte generell anhaften.
Die großen Summen, die dafür ausgegeben werden stammen aus öffentlicher Hand und müssen anderen Projekte, anderen städtischen Aufgabenbereichen entzogen werden, um aufbringbar zu sein. „Große Projekte sind Subventionsumlenkungsmaschinen.“ 80 Neben einer generellen Preissteigerung, die während der Veranstaltungstage über eine Stadt hereinbricht, sind Randgruppen der Gesellschaft in keiner Weise Nutznießer eines Großprojekts, ihnen wird im Gegenteil noch mehr Aufmerksamkeit entzogen und sie werden noch mehr an den Rand gedrängt. „Festivalisierung ist auch das organisierte Wegsehen von sozialen, schwer lösbaren und wenig spektakuläre Erfolge versprechenden Problemen.“ 81 Die vielgepriesene Heraushebung und Stärkung der lokalen Identität durch ein Kulturfestival oder einer Fußballeuropameisterschaft kann zudem oft gar nicht erbracht werden. Die reisenden Organisationskomitees können ihre Zelte praktisch überall, unabhängig von lokalen Eigenheiten, aufschlagen. „Dieselben international tätigen Star-Architekten - (...) - bauen überall ihre Sportarenen und Kongreßzentren, in denen überall derselbe Querschnitt durch die Weltkultur geboten wird. Das öffnet zwar jeder Stadt die Pfründe des Tourismus und die Chance zur Image Politur, aber die lokale Identität verschwindet dabei.“ 82
79 vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S.18
80 Häußermann, Siebel, 1993, S.16
81 Häußermann, Siebel, 1993, S. 28
82 Häußermann, Siebel, 1993, S.29
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Die Veränderungen in der Erwartungshaltung gegenüber der Politik werden als Triebkraft für die Festivalisierung gesehen. Gemeint ist damit eine gewisse Politikverdrossenheit, die nur durch starke Reize und laute Signale einer Regierung überwunden werden kann. Dieser Politikstil verschärft aber die Lage und verändert das Demokratieverständnis hinsichtlich der Vorstellung von der Politik der repräsentativen Inszenierungen. Häußermann und Siebel sprechen hier von einem elitären Demokratiemodell. 83 Denn es ist offensichtlich, dass die Großveranstaltungen immer von oben bestimmt werden. Die Idee, ein solches Projekt anzugehen, kommt meist aus einem Kreis führender Köpfe aus Politik und Wirtschaft. „Noch nie hat es eine soziale Bewegung gegeben, die eine Stadtregierung von unten zur Bewerbung um ein großes Ereignis gedrängt hätte.“ 84
Unter Ausschluss eines demokratischen Entscheidungsprozesses wird die Idee bis zur Präsentationsreife geheim vorangetrieben und dann versucht „durch eine Kombination aus elitärem Korporatismus und Populismus“ 85 , Begeisterung für das Projekt in der Masse zu erzeugen.
„Das ist die fatale Paradoxie der Festivalisierung der Politik: sie erscheint notwendig angesichts der Erosion der kollektiven Basis einer demokratischen Politik - und zugleich befördert sie eben diese Erosion.“ 86
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Trend zur Festivalisierung der Stadtpolitik eine Reaktion auf externe und interne Sachverhalte ist, denen eine Stadtverwaltung ausgesetzt ist. Von der Konkurrenzstellung zu anderen Städten bis zum Verhältnis zur eigenen Stadtbevölkerung.
Durch große Projekte macht eine Stadt auf sich aufmerksam, um finanzkräftiges Publikum anzulocken. Sie zeigt damit den EinwohnerInnen, dass die Stadtregierung handlungsfähig ist und zu Recht diese Stellung einnimmt. Ob die erhofften Effekte, die ein Festival erzeugen soll, eintreten, lässt sich allerdings oft schwer evaluieren. Dafür werden unvorteilhafte Auswirkungen und ein zweifelhafter Charakter dieses Politikstils festgestellt. Neben einer Preissteigerung, dem Umlenken von öffentlichen Geldern, die aufgrund des Großprojekts bei anderen städtischen Aufgaben fehlen, zeichnet sich die Politik durch große Projekte durch ein elitäres Demokratieverständnis aus. Randgruppen werden ausgeschlossen und die von oben bestimmte Party animiert zum Wegsehen.
83 vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.29
84 Häußermann, Siebel, 1993, S.30
85 Häußermann, Siebel, 1993, S.30
86 Häußermann, Siebel, 1993, S.30
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2.3.4. Die Idee der Festivalisierung
Bevor wir einen genauen Blick auf die Stadt Linz werfen, und deren Bestrebungen um das Kulturhauptstadtjahr mit den Thesen der Stadtsoziologie vergleichen, wollen wir uns noch die Frage stellen, wie die Kommunalpolitiker überhaupt auf die Idee gekommen sind, den Weg dieses Politiktyps einzuschlagen, um damit einen gerade auch für Linz bedeutenden Aspekt anzusprechen.
Heiner Zametzer beschreibt in seinem Aufsatz „Achtung Kultur! Vorsicht Kultur!“, aus der Sammlung „Kulturerlebnis Stadt“ 87 mit Verweis auf Walter Siebel ebenfalls den „Trend zur Festivalisierung“. Er skizziert die für die Städte krisenhaften 1970er Jahre („von der Profitopolis zur Nekropolis“ 88 ) und verweist auf Menschen, die einer Stadtpolitik der Mietervertreibung, des Abrisses und des Betons Widerstand leisteten.
„Die Kapitalisierung von Grund und Boden, die rigorose Ausweitung von gewerblichen Nutzflächen in den Wohngebieten hatte zu einer Mietervertreibung geführt, die zu einem sozialpolitischen Flächenbrand werden drohte. Die Menschen, die sich entschlossen dagegen wehrten, hatten Ende der Sechziger mit ihren Aktionen gelernt, dass sich Selbstbewusstsein lohnt. Sie gingen auf die Straße und mobilisierten die Künstler für ihre Anliegen. Es gab einen unterschwelligen Trotz, der immer wieder zeigen wollte, dass die Menschen ihren Lebensraum nicht aufzugeben gedachten.“ 89
Der bunte Widerstand gegen eine falsche Politik hatte oftmals Erfolg, die grundsätzliche Idee Aktion, Kunst und Politik zu verbinden wurde von den Kommunen aufgegriffen. Die Festivalidee wurde entwickelt. In Händen der Verwaltung wurden Straßenfeste und Ähnliches jetzt allerdings professioneller und größer aufgezogen. Der Erfolg stellte sich schnell ein: „Hier hatte die Verwaltung plötzlich eine Möglichkeit, innovativ und produktiv zu werden, einen Teil der verlorengegangenen Glaubwürdigkeit zurückzuerobern. Sie schuf die dazu notwendigen Infrastrukturen und brachte Finanzmittel auf.“ 90
Im Wettkampf der Städte um das attraktivere Festival explodierten im Laufe der Zeit die Kosten. „Irgendwann war dann die Frage virulent: ‚Wem gilt der ganze Aufwand? Wieder
87 vgl.: Brandner, Luger, Mörth, 1994
88 Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.122
89 Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.122
90 Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.123
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den Eliten?’“ 91 gibt der Autor zu bedenken und verweist auch auf eine gewisse Vereinnahmung der Kunst durch die Politik: „Bühne und Erfolg verführen jedoch Politik und Verwaltung immer wieder schnell dazu, die von anderen geschaffene ästhetische Leistung für sich in Anspruch zu nehmen, zu instrumentalisieren, sich mit Künstlern zu umgeben, sich die eigene Politik zu ästhetisieren.“ 92
Für unsere Forschungsfrage, warum eine der beiden Kulturhauptstädte 2009 Linz heißt, ist die Theorie der Festivalisierung der Stadtpolitik zentral. Linz nimmt die Anstrengungen, die mit dieser Veranstaltung verbunden sind, auf sich, weil es sich dadurch konkrete Effekte auf die Stadtentwicklung erhofft. Stadtpolitische Ziele sollen mithilfe des Festivals Kulturhauptstadt erreicht werden. Welcher Art diese Ziele sind und welchen Umständen sie entspringen, wird noch untersucht werden. An dieser Stelle sei aber noch darauf hingewiesen, dass besonders die von Heiner Zametzer beschriebene Entdeckung der Festivalidee in progressiven und rebellischen Gesellschaftsschichten und ihre stadtpolitische Verwertung auch auf Linz zutreffen. Die Übernahme von Ideen und Potenzial aus alternativen Strömungen scheint in Linz geradezu gängige Praxis zu sein.
2.4. In der Berichterstattung genannte Gründe
„Linz ist 2009 Kulturhauptstadt. Damit wird ein weiteres Kapitel in einer bemerkenswerten Entwicklungsgeschichte der Stadt geschrieben, die einst klar vom Stahl dominiert wurde.“ 93
So kommentieren die OÖN das bevorstehende Ereignis. Durch Eingabe entsprechender Suchbegriffe im Online Archiv der OÖN (http://www.nachrichten.at/archiv) konnten einschlägige Artikel gefunden werden. Zur Ergründung der Forschungsfrage wurden in diesen Berichten Textabschnitte und Zitate herausgehoben, die Angaben darüber machen, welche Gründe es dafür gibt, dass Linz Kulturhauptstadt 2009 wird. Neben dieser oben angeführten ersten Einschätzung zitieren die OÖN dazu in erster Linie die verantwortlichen Politiker von Stadt und Land. Diese äußern ihre Vorstellung darüber, warum Linz Kulturhauptstadt Europas wird, wie folgt:
91 Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.123
92 Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.125
93 OÖN, 11.5.2007
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„Man wolle sich „nachhaltig als moderne, offene, zukunftsorientierte Stadt präsentieren“.“ 94 Wird etwa Bürgermeister Franz Dobusch zitiert.
„Dem schloss sich Pühringer an: ‚Linz und Oberösterreich stellen berechtigt den Antrag, Kulturhauptstadt 2009 zu werden. Wir verdienen uns diesen Titel, sehr geehrter Herr Staatssekretär’, hieß es an Moraks Adresse.“ 95
„Janko: Für 2009 hat Österreich das Vorschlagsrecht. Linz ist zu diesem Zeitpunkt einfach reif dafür,“ 96 „Dyk [Anm.: Reinhard Dyk war bis 2001 für die Linzer Kulturpolitik verantwortlich]: Ein wesentlicher Baustein auf dem Weg war sicher der ‚Kulturmonat’, die ‚Kulturhauptstadt’ wäre der nächste logische Schritt.“ 97
Auch aus den Bewerbungsunterlagen zitieren die OÖN, um daraus eine Qualifizierung von Linz als Kulturhauptstadt herauszulesen:
„wo in den Bewerbungsunterlagen für die Europäische Kulturhauptstadt 2009 zu lesen ist: ‚Linz ist für die Kandidatur als Kulturhauptstadt Europas insbesondere wegen der ausgeprägten Zukunftsorientierung der Stadt qualifiziert.’“ 98
Sowohl Bürgermeister Franz Dobusch als auch der für Kultur zuständige Vizebürgermeister Erich Watzl werden mit ihren Bekräftigungen, dass es auch Wunsch der Linzer Bevölkerung ist, den Titel zu erlangen und zu tragen, in der Berichterstattung erwähnt: „’Ja, das stimmt!’ - bestätigt der Linzer Bürgermeister Dobusch auf die Anfrage der OÖN: ‚die Linzer Bevölkerung steht mit einer sensationellen Zustimmung hinter der Kulturhauptstadt 2009.’“ 99
„In 500 Telefoninterviews hat der Linzer Kulturstadtrat Erich Watzl (VP) von market erheben lassen, wie die Linzer die Bewerbung ihrer Heimatstadt zur Europäischen Kulturhauptstadt 2009 bewerten. Demnach halten 82 Prozent der Befragten diese Idee für positiv, 16 Prozent stehen der Bewerbung ablehnend gegenüber.“ 100
94 OÖN, 13.09.2004
95 OÖN, 13.09.2004
96 OÖN, 13.06.2002
97 OÖN, 13.06.2002
98 OÖN, 7.09.2004
99 OÖN, 8.06.2005
100 OÖN, 21.10.2004
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Dieses von den Politikern gezeichnete Bild einer unterschätzten Stadt, die sich nach den Jahren der Transformation einer großen Öffentlichkeit als vollwertige moderne Stadt präsentieren will, wird im Interview mit Intendant Martin Heller noch tiefer analysiert:
„Schließlich verstehe ich die Beweggründe der Stadt viel besser, warum ihr die Kulturhauptstadt als Titel so wichtig ist. Denn damit verbindet sich ein grundlegendes Problem der Stadt: Sie will nach außen kundtun, dass ihre Entwicklung sie an einen ganz anderen Punkt gebracht hat als dahin, wo viele die Stadt nach wie vor vermuten.“ 101 „Dieses Imageproblem von Linz schließt eine Art innere Kränkung ein - dass viele den Erfolg zwar wahrnehmen, aber ihn nicht wahrhaben wollen.“ 102
„Heller: Für die strategischen Köpfe hinter der Bewerbung stand sicher im Vordergrund, bei dieser Gelegenheit die realen Fortschritte, die Linz verbuchen kann, auch nach außen hin zu kommunizieren zum Nutzen der Stadt. Da geht es sehr wohl um ein Stück Anerkennung.“ 103
Im Interview mit Vizeintendant Ulrich Fuchs verweist dieser aber wiederum auf die alleinige Bewerbung der oberösterreichischen Landeshauptstadt:
„Was Linz einbrachte, war bloß eine Beschreibung dessen, was es bereits gibt. Das hatte damit zu tun, dass es keine ernsthafte Konkurrenz gab und Linz relativ unangefochten durchs Ziel rennen konnte.“ 104
Häußermann und Siebel schreiben in ihrer Theorie der Fesitivalisieurng das Bestreben, ein Festival in der Stadt auszurichten, den Eliten einer Kommune zu (vgl.: Kapitel 2.3.3.). „Von unten“ sei eine Stadtregierung noch nie gedrängt worden, solch eine Veranstaltung zu organisieren, heißt es da. Nun wird angesichts der Berichte über die Bewerbung von Linz ersichtlich, dass es sich bei den handelnden Personen eben um führende PolitkerInnen der Stadt und der Region handelt, wie es in dieser stadtsoziologischen Theorie aus den 1990er Jahren betont wird. Der Bürgermeister und sein Stellvertreter berufen sich dabei auf eine überzeugende Mehrheit der Stadtbevölkerung, die den Wunsch, ein Kulturhauptstadtjahr abzuhalten, mitträgt. Der Umfang der Öffentlichkeitsarbeit in der Berichterstattung der Medien, sowie durch Werbekampagnen, der in Linz für das Projekt 2009 eingesetzt wurde, entspricht ebenso der Einschätzung der beiden Stadtsoziologen, dass die Massen durchaus
101 Heller in: OÖN, 28.08.2007
102 Heller in: OÖN, 28.8.2007
103 Heller in: OÖN, 28.8.2007
104 Fuchs in: OÖN, 15.5.2006
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gewonnen werden können. Für die Beantwortung unserer Forschungsfrage bedeuten diese Beobachtungen jedenfalls, dass Linz deswegen Kulturhauptstadt wird, weil sich führende Köpfe der Stadt dazu entschlossen haben, und sie für diese Idee in der Bevölkerung eine Mehrheit gefunden haben.
3. Ein Blick auf Linz
Ein Blick ist die visuelle Wahrnehmung von Objekten. Im Inhaltsverzeichnis dieser Arbeit hat sich ausgehend aus der von Robert Park praktizierten Stadtsoziologie, einen Blick von oben auf das zu beobachtende Feld zu werfen (vgl. Kapitel 1.2.2.), das Wort „Blick“ als roter Faden aufgedrängt, da ebenfalls ein Blick auf Linz geworfen wird. Mit mehreren Blicken wollen wir die Stadt Linz erkunden und die tiefere Bedeutung in dem Wunsch nach europäischen Ehren durch ein Kulturhauptstadtjahr ergründen.
Der Blick auf Linz geschieht in dieser Arbeit zugegebener Maßen in den meisten Fällen als Blick auf geschriebene Wörter. Die Artikel der OÖN werden visuell wahrgenommen indem sie einfach gelesen werden. Dazu gehörende und andere Bilder werden erblickt, gesehen und betrachtet also, und zwar sowohl in Papierform als auch auf dem Bildschirm. Die multimedialen Möglichkeiten des Internets bieten auch bewegte Bilder, so wie das Fernsehen. Es gibt eine Vielzahl von Materialen, die einen Blick auf Linz eröffnen. Der Blick auf Linz findet von verschiedenen Seiten statt. Die Einteilung der Kapitel in dieser Arbeit versucht hier eine gewisse Differenzierung vorzunehmen. Im Grunde wird aber nicht nur Linz an sich erblickt und betrachtet, sondern die Blicke selbst, die auf Linz gerichtet sind, werden erblickt und besehen. Es wird quasi ein Metablick auf Linz geworfen.
Das Blicken beschränkt sich hier aber nicht nur auf die visuelle Tätigkeit, sondern das Hören wird ebenfalls zugelassen. Dies betrifft etwaige Fernsehsendungen bzw. Videos aus dem Internet sowie Radiosendungen oder einfach nur Stadtgeräusche.
Ein Blick auf Linz beinhaltet zuerst den Blick auf die Geschichte der Stadt. Dieser Blick findet natürlich verzerrt durch die Augen anderer statt. Aber wir ersehen zumindest wer die Geschichte erzählt und können daraus wiederum etwas erblicken. Die weitere Einteilung in „Blick von oben“, „von innen“ und „von außen“ bezeichnet jeweils den Blickwinkel, von dem aus Linz betrachtet wird.
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3.1. Ein Blick auf die Stadtgeschichte
Über die Geschichte der oberösterreichischen Landeshauptstadt gibt es viele Mythen, Geschichtsbilder sozusagen. In Linz steht die größte Kirche Österreichs, der Mariendom, der durch eine List der Linzer - es wurde an beiden Seiten gleichzeitig zu bauen begonnendiesen Status erlangte und dem Stephansdom zu Wien diesen Rang ablief. Die Wiener konnten nur mehr insofern intervenieren, dass der Turm einen Meter niedriger als der des Stephansdoms errichtet wurde. Neben der größten ist auch die älteste Kirche Österreichs in Linz zu finden: Die Martinskirche auf dem Römerberg, gleich neben dem Schloss, das Kaiser Friedrich III. ausbauen ließ, weil er hier zeitweise residierte und Linz somit auch zu einer kurzfristigen Residenzstadt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation machte. Eine der wohl bekanntesten Geschichten über Linz bezieht sich auf Adolf Hitler, der hier seine Jugendjahre verbrachte, und diese Stadt als seine Heimatstadt empfand. 105 Hier ging er ins Realgymnasium Fadingerstraße (zur gleichen Zeit wie Ludwig Wittgenstein), maturierte aber nicht. Hier ließ er nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich die Schwerindustrie aufziehen, träumte von einem gigantischen Umbau seiner Lieblingsstadt und errichtete dafür in der Nähe das Konzentrationslager Mauthausen, das sich mit seinen vielen Nebenlagern über das ganze Land ausstreckte.
Aktuellere Geschichtsbilder zeigen die Stadt des Wandels, die Stadt die von der bäuerlichen Provinzstadt zur Industriestadt verwandelt wurde und dieses Image wiederum abzulegen im Begriff ist, um sich als Kulturstadt zu präsentieren. Die Mythen „Labor der Zukunft“ oder „Medienhauptstadt“ weisen den Weg ins 21. Jahrhundert.
3.1.1. Die Zeit vor 1938
Dass mit dem Spatenstich für die Hermann-Göring-Werke am 13.Mai 1938 106 Linz über Nacht zur Industriestadt transformiert wurde, wird heute von Historikern so nicht mehr gesehen. Sehr wohl gab es davor schon Industriebetriebe, die in ihrer Größe den Anforderungen der Region und der Stadt entsprachen.
105 vgl.: Laister, 2004, S.64
106 vgl.: Laister, 2004, S.66
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Der Mythos von der Industrialisierung durch die Nationalsozialisten wird im Buch „Die Linzer Industrie im 20. Jahrhundert“ des Linzer Statistikers und Historikers Otto Lackinger stark in Zweifel gezogen.
3.1.1.1. Entstehung der Linzer Industrie
Als ersten industriellen Meilenstein in der Geschichte der heutigen Landeshauptstadt ist die im Jahr 1672 107 gegründete Wollzeugfabrik zu nennen. 1726 108 wurde diese Fabrik durch einen schlossähnlichen Bau erweitert. Dieser Industriebau war aus heutiger Sicht deshalb so bemerkenswert, weil er im Baustil des Barock errichtet worden war. Nur wenige Produktionsstätten wurden in dieser Bauepoche gestaltet, daher wäre dieser Bau, würde er heute noch stehen, sicherlich eine Sensation und ein Wahrzeichen der Stadt. Die Wollzeugfabrik wurde 1850 geschlossen und noch im selben Jahr wurde in Teilen der nun freien Räumlichkeiten eine Tabakfabrik eröffnet, die in der Konjunkturphase der 1920er Jahre neu erbaut wurde. Dieser Bau von Peter Behrens, der von der Architektur der Bauhaus Bewegung um Walter Gropius geprägt ist, gilt heute als historisch wertvolles Erbe dieser Industriebauphase der 1920er und 1930er Jahre. 109
3.1.1.2. Die industrielle Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Linz als provinzielle Bauernstadt, der im riesigen Reich der Habsburger Monarchie keine wirkliche industrielle Bedeutung zukam. Die Industriezentren der k.u.k. Monarchie waren rund um die Reichshauptstadt Wien sowie in Tschechien und Schlesien platziert. Das Land ob der Enns galt als Obstgarten Österreichs und Linz war die von ihrem bäuerlichen Umfeld geprägte Kleinstadt. Die industriell viel bedeutendere Stadt in Oberösterreich war damals Steyr. Dennoch entstanden auch in der Donaustadt zu dieser Zeit industriell produzierende Betriebe. 1902 verfügte Linz auf seinem Stadtgebiet über 45 Industriebetriebe. Innerhalb der heutigen Stadtgrenzen befanden sich damals 71 Industriebetriebe mit 5.295 Beschäftigten. Die Linzer Betriebe deckten fast alle Branchen der Industrieproduktion ab, wobei die Bekleidungs-, sowie die Nahrungsmittel- und Genussmittelindustrie die meisten Beschäftigten aufzuweisen hatten. Darunter fielen die
107 vgl.: Laister, 2004, S.42
108 vgl.: Laister, 2004, S.48
109 vgl.: Laister, 2004, S.49f
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Großbetriebe Tabakfabrik, Franck-Fabrik (nach der heute die Franckstraße benannt ist), zwei Großbrauereien, sowie die in Kleinmünchen ansässige Textil-Industrie. 110 Bis zum Ersten Weltkrieg wuchs die Linzer Wirtschaft langsam weiter (die Zahl der Industriebeschäftigten stieg bis zum Jahr 1914 auf ungefähr 7.000 an), erfuhr aber durch den Kriegsausbruch eine Entwicklungsunterbrechung. Das Ende der k.u.k. Monarchie bedeutete für die Linzer Betriebe nach dem Krieg eine massive Änderung der volkswirtschaftlichen Vorzeichen. Der durch Zölle geschützte riesige Binnenmarkt des einstigen Kaiserreichs war zerbrochen, die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt erfuhr nun eine Abhängigkeit vom Weltmarkt. Die Linzer Industrie überstand aber die Kriegsjahre ohne größere Änderung der Gesamtstruktur. 111 Die Wirtschaft lag nach dem Ersten Weltkrieg am Boden. Die Beschäftigungszahl der Linzer Industriebetriebe fiel auf ca. 3.500 im Jahr 1919, es gab Hunger und Rebellion, aber der Wirtschaftsaufschwung in der Ersten Republik brachte die Industriebeschäftigung bis zum Jahr 1929 wieder auf das Vorkriegsniveau (1929: 7.947). 112 „Dieser Wiederanstieg kennzeichnet das erste Jahrzehnt der Zwischenkriegszeit als eine bemerkenswerte Wachstumsperiode der Linzer Industrie. Besonders erwähnenswert daran ist, dass dieser Aufschwung ohne nennenswerte nationale und internationale Direkthilfe für einzelne Betriebe erfolgte (im Gegensatz zu den Wiederaufbaujahren 1945).“ 113 Die Textil-, sowie die Nahrungs- und Genussmittel-Industrie waren auch noch 1929 die Betriebe in Linz, die die meisten Industriebeschäftigten aufzuweisen hatten. Neu waren Betriebe in den Sektoren Maschinen-, Fahrzeug- und chemische Industrie. 114 Als die Weltwirtschaftskrise einzusetzen und sich auch auf Oberösterreich auszuwirken begann, verfügte Linz mit fast 8.000 Industrie-Arbeitnehmern bereits über mehr Beschäftigte in industriellen Betrieben als Steyr. Die weltweite Krise brachte Oberösterreich und Linz Betriebsschließungen und Massenarbeitslosigkeit. Darin sieht der Autor Otto Lackinger u.a. den Grund für den Mythos der Linzer Industrialisierung erst ab 1938: „Die schwer angeschlagene, angeblich weitgehend bedeutungslose Linzer Industrie wurde ab 1938 von der NS-Propaganda so erfolgreich der nun einsetzenden großindustriellen Entwicklung gegenübergestellt, dass die Behauptung vom ‚Beginn der Linzer Industrialisierung im Jahre 1938’ nahezu zur Kernaussage aller wirtschaftlichen Betrachtungen von Linz sowohl in der NS-Zeit als auch noch lange Zeit danach wurde.“ 115
110 Lackinger, 2007, S.16f
111 Lackinger, 2007, S.33f
112 Lackinger, 2007, S.57
113 Lackinger, 2007, S.57
114 Lackinger, 2007, S.73
115 Lackinger, 2007, S.7
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Die Gründung der Hermann Göring Werke brachte Linz schließlich die auch schon zuvor angedachte Etablierung eines Stahlwerkes. Der Grund für die Errichtung an diesem Standort lag in der guten verkehrstechnischen Lage der Stadt Linz. Vor allem die Donau war als wichtiger Verkehrsweg ausschlaggebend.
Der Statistiker und Historiker Otto Lackinger betont die bereits davor vorhandene Industrialisierung der Stadt, erkennt aber auch die Schaffung dieses Hüttenwerks als „entscheidenden Impuls“ für die „weitere Entwicklung der Industrie in Linz“ 116 an.
3.1.2. Linz im Nationalsozialismus
3.1.2.1. Reichswerke und Führerstadt
Die Einsicht, dass Linz nicht über Nacht von der idyllischen Bauernstadt in eine Stadt der Schwerindustrie transformiert wurde, sondern auch davor eine regionale industrielle Bedeutung aufzuweisen hatte, soll aber nicht über die Dimensionen des Wandels unter den neuen Machthabern hinwegtäuschen. Die RWHG (Reichswerke Hermann Göring) waren darauf angelegt, die deutsche Rüstungsindustrie mit hochwertigem Stahl zu versorgen. Geplant war ebenso, und dies war ein persönliches Anliegen Adolf Hitlers, dass die neue Stahlindustrie als Grundlage für eine enorme Erweiterung der Stadt Linz fungieren sollte. Was 1938 geschah, war ein Linz unangemessener Entwicklungsschub, der das Ende des natürlichen Wachstums bedeutete. Ab März 1938 erlebte Linz eine Neudefinition. Der wiedergekehrte und zum Diktator des nationalsozialistischen Deutschen Reiches aufgestiegene „Sohn“ der Stadt, Adolf Hitler, wählte Linz aus, um als eine Speerspitze des neuen Großdeutschland zu erstrahlen und gemeinsam mit Berlin, Hamburg, Nürnberg und München den Reigen der fünf „Führerstädte“ zu bilden. Fünf „Führerstädte“ gab es im Deutschen Reich, die die nationalsozialistische Macht repräsentieren sollten und mit entsprechenden Ehrentiteln bedacht wurden 117 :
• Berlin, als „Reichshauptstadt“ • Nürnberg, als „Stadt der Reichsparteitage“ • München, als „Hauptstadt der Bewegung“ • Hamburg, als Handelsmetropole und „Tor zur Welt“ und
116 Lackinger, 2007, S.102
117 vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Stadt-Ehrentitel_der_NS-Zeit, 15.10.2008
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• Linz, als „Heimatstadt“ sowie „Patenstadt“ und Alterssitz „des Führers“
Als Stadt an der Donau sollte Linz das deutsche Budapest, ja sogar noch schöner, werden, Wien in den Schatten stellen und zu einer europäischen Kulturmetropole heranwachsen. Eine nationalsozialistische Kulturmetropole, die Reichskulturhauptstadt?
„Hitlers erklärtes Ziel war es, Linz zur ‚nationalsozialistischen Musterstadt’ auszubauen, die als Gegenmodell zur von ihm als negativ und bedrohlich erfahrenen Vielvölkermetropole Wien seine persönliche Handschrift tragen sollte.“ 118
3.1.2.2. „Hitropolis“ 119
Obwohl Hitler in Braunau geboren wurde, dann in Leonding lebte und erst in seiner Jugend in Linz ansässig war, bezeichnete er die Donaustadt als seine Heimatstadt. In der beschaulichen Stadt lernte der junge Adolf Hitler die Musik Richard Wagners und Anton Bruckners kennen und schätzen, die nahe Umgebung der Stadt bot ihm die Möglichkeit sich seiner Leidenschaft, dem Malen und Zeichnen, zu widmen, und seine Begeisterung für Architektur wurde in Linz geweckt. Das Landesmuseum hatte es ihm angetan und ebenso sehr bewunderte er den Landhaushof. Es waren scheinbar die glücklichsten Jahre 120 , die er erleben durfte, und das idealisierte Bild seiner Jugendstadt begleitete ihn sein ganzes Leben bis zu den Stunden, in denen er im Berliner Bunker, dem Wahnsinn verfallen, noch immer vom Ausbau von Linz träumte. 121 Es war also eine Herzensangelegenheit Hitlers, seine von ihm so bezeichnete Heimatstadt um- und auszubauen. Deswegen wurden die bedeutendsten Architekten und Stadtplaner des Dritten Reichs, Albert Speer, Hermann Giesler und Roderich Fick, um nur die wichtigsten zu nennen, mit der Planung des neuen Linz beauftragt. Ein von Hermann Giesler erbautes Modell der monumentalen Donauuferverbauung veranschaulichte die gigantischen Pläne. Fotos davon und von anderen Modellen, sowie gezeichnete Pläne können uns heute Auskunft über die Vorhaben der nationalsozialistischen Architekten für Linz geben. Die monumentale und pompöse Bauweise glich der im ganzen Reich angestrebten Architektur. Der wohl wichtigste Bauherr des Dritten Reichs Albert Speer denunzierte später die nationalsozialistische Architektur als „Spiel mit Bauklötzen“ 122 .
118 Laister, 2004, S.65
119 vgl.: Sarlay in : Klinkhardt, Biermann, 1990, S.189f
120 Laister, 2004, S.64
121 Sarlay in: http://www.linz09.info/ec/architektur/sarlay-60115.html, 7.08.2008
122 Sarlay in: http://www.linz09.info/ec/architektur/sarlay-60315.html, 7.08.2008
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Die auf Plänen und Modellen festgehaltenen Visionen der nationalsozialistischen Architekten betrafen in Linz vor allem die beiden Donauufer und den Süden der Innenstadt. Für die monumentale Donauuferverbauung waren auf der Linzer Seite, neben dem anstatt des alten Schlosses vorgesehenen Alterssitz des Führers, diverse Verwaltungsgebäude, wie etwa das Oberfinanzpräsidium oder die Generaldirektion der Hermann Göringwerke, sowie ein Einkaufszentrum und Behördenbüros im so genannten „Basar“ geplant. Hotelkomplexe sollten ebenfalls entstehen und Linz auch in den Rang einer Fremdenverkehrsstadt erheben. Ein riesiges „Führerhotel“ sollte an der Stelle, wo das Hotel Weinziger zu dieser Zeit stand und heute ein Versicherungsgebäude steht, realisiert werden und an die als einziges von diesen Projekten verwirklichten Brückenkopfgebäude anschließen. Neben einer geplanten Stahlhängebrücke war das KdF (Kraft durch Freude) Hotel mit über 2.000 Betten vorgesehen. Ebenso auf der Linzer Seite sollte, wie im fortgeschrittensten Planungsstadium gedacht, die Technische Hochschule mit einer 450 Meter langen Front entstehen. Die Eisenbahnbrücke sollte durch die „Bismarckbrücke“, einer Granitbogenkonstruktion, ersetzt werden. 123 Auf der Urfahraner Seite waren hoch über der Donau, oberhalb der Urfahr-Wände, eine „Adolf-Hitler-Schule“, die als nationalpolitische Erziehungsanstalt fungieren sollte, Gästehäuser der Industrie, und - im Anschluss an die Nibelungenbrücke, die nach Plänen von Hitler persönlich auch wirklich gebaut worden war - ein neues Rathaus geplant. Richtung stromabwärts waren folgende Gebäude vorgesehen: Ein repräsentatives Stadthaus, ein daran anschließender vierzehnstöckiger Rathausturm mit Uhrenspiel für die Kreisleitung der NSDAP, die monumentale Gauanlage, bestehend aus Gebäuden für den Reichsstatthalter, die Gauleitung, einer Gaufesthalle für über 30.000 Besucher, sowie ein von diesen Komplexen umschlossener Aufmarschplatz für 100.000 Personen. Daneben ein Glockenturm mit 162 Metern, den Adolf Hitler als letzte Ruhestätte für seine Eltern vorgesehen hatte. Vorbei an einer Gaufesthalle, und den Einrichtungen eines großen Ausstellungsgeländes mit Hallen, Pavillons und Gärten, sowie einem Bankgebäude und Bauten des Wehrkreiskommandos und einer Pionierschule, wäre man zum auf Höhe der gleichnamigen Brücke gelegenen Bismarckdenkmal gelangt, ein dem römischen Pantheon nachempfundener Rundbau mit einer 50 Meter durchmessenden Kuppel. 124
123 Sarlay, linz09.info, Teil 2
124 Sarlay, linz09.info, Teil 2
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Abb.1: Der Glockenturm auf der Urfahraner Seite, 3D Computeranimation ZDF
Abb.2: Kulturachse „In den Lauben“, Blick vom Bahnhofsplatz nach Norden, 3D Computeranimation ZDF
Südlich der Linzer Innenstadt sollte durch eine Verlegung der Westbahn Platz für das neue europäische Kulturzentrum geschaffen werden. Auf der Blumau war das Opernhaus geplant, das Hitler nach Angaben Albert Speers besonders wichtig war. Rund um den neuen Opernplatz sollten noch ein Führermuseum, ein Bibliotheksbau, ein Operettenhaus, ein Künstlerhaus mit Freiausstellungsgelände sowie ein Uraufführungskino entstehen. Zwischen Oper und Bibliothek sollte der Verkehr durch einen Triumphbogen geführt werden. Das Führermuseum westlich der Oper war als Heimstätte für die im Rahmen des so genannten „Sonderauftrag Linz“ in ganz Europa gestohlenen Kunstschätze gedacht. Am angrenzenden Brucknerplatz sollten die nach Bayreuther Vorbild vorgesehenen Brucknerfestspiele ein Zuhause im eigenen Konzerthaus finden. 125 Vom Opernplatz erstreckt sich auf den Plänen die 60 Meter breite Prachtstraße „In den Lauben“. Beiderseits des etwa 800 Meter langen Boulevards sollten in den zwölf fünfgeschossigen Gebäudeblöcken zehn Meter breite
125 Sarlay in: http://www.linz09.info/ec/architektur/sarlay-60115.html, 7.08.2008
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Laubengänge vornehmen Geschäften Platz und Schaufenster bieten. In den Blöcken nahe des Opernplatzes sollten sich in den Lauben auch ein Operncaferestaurant, ein Künstlercafe, Varieté, Kinos, Restaurants, eine Markthalle und ein naturwissenschaftliches und volkskundliches Museum einquartieren. In der Mitte der in Anlehnung an die Berliner Straße „Unter den Linden“ benannten Achse sollte ein Schauspielhaus entstehen, am südlichen Ende jedoch war der neue Hauptbahnhof vorgesehen. Dieser wäre auf Höhe des heutigen Bulgariplatzes an die neue Streckenführung der Westbahn angeschlossen gewesen. Die Achsenstraße wäre zudem mit einer U-Bahn untertunnelt worden. 126 Dieses Kulturzentrum hätte durch umliegende Adaptierungen von Straßenzügen und Plätzen seine Einbettung in die Linzer Stadtarchitektur finden sollen. Für die Neugestaltung der Gegend wurde auch an Grünanlagen gedacht. Der alte, und auch heute noch bestehende, Volksgarten hätte entlang der westlich des Boulevards gelegenen Prachtbauten sein größeres Pendant bekommen. Der neue Volkspark war viel größer geplant; auf 300.000 m² sollten sternenförmige Promenaden auf eine Rondeauanlage zusteuern; die Hänge der Sophienguthöhe hätten ähnlich der Schönbrunner Gloriettenanlage gestaltet werden sollen. 127
Abb.3: Montage aus aktuellem Satellitenbild und NS Pläne nach Fick, ohne Pläne für Urfahr,
Abb.3 zeigt die Dimensionen der nationalsozialistischen Pläne auf der Linzer Seite. Durch Einstellung des Maßstabs und Ausrichtung der Skizze über einem aus dem Internet kopierten
126 Sarlay in: http://www.linz09.info/ec/architektur/sarlay-60115.html, 7.08.2008
127 Sarlay in: http://www.linz09.info/ec/architektur/sarlay-60115.html, 7.08.2008
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Satellitenbild von Linz mittels eines Graphikprogramms können wir uns einen Eindruck über die Dimensionen der angestrebten Veränderungen machen. Die Donauuferverbauung wird hier zwar nicht vollständig berücksichtigt, dafür können die Ausmaße des „neuen europäischen Kulturzentrums“ an der Blumau nachvollzogen werden.
3.1.2.3. Lage von Linz als Standortkriterium für die NS-Industrie
Die Standortwahl für die als Grundlage für die Errichtung dieser neuen Donaumetropole geplante Stahl- und Rüstungsindustrie fiel primär deswegen auf Linz, weil die geographische Lage der damaligen Gauhauptstadt eine optimale Verkehrsanbindung bedeutete. Grund war also nicht ausschließlich Hitlers persönliche Vorliebe. An der Krümmung der Donau gelegen, die der Stadt den Namen (Lentos) und eine frühe Besiedelung bescherte, konnte Linz Anschluss an wichtige Wirtschaftsrouten und eine zentrale Lage zwischen München und Wien, Prag und Triest aufweisen. Genau auf diesen Verbindungsstrecken waren große Verkehrsvorhaben geplant, von denen die Reichsautobahn München-Salzburg-Linz-Wien auch in Angriff genommen wurde.
Die neuen Machthaber in der Stadt - die Vorrangrolle von Linz bewirkte, dass Befehle für städtebauliche Maßnahmen direkt aus Berlin kamen - planten die Region Linz/Steyr zu einem der größten deutschen Rüstungsstandorte auszubauen 128 . Die Hermann-Göring-Werke Linz wurden östlich der Stadt an der Donau anstelle des Ortes St. Peter errichtet. Teile der Bevölkerung von St. Peter wurden brutal ausgesiedelt wobei viele erst am Tag ihrer Delogierung von ihrem "Umzug“ erfuhren.
Die Stickstoffwerke Ostmark und die neuen Hafenanlagen für den Warenumschlag und den Industriebetrieb legten gemeinsam mit den Stahlwerken die Grundlage für die weitere Entwicklung der Stadt Linz.
Der Umbau von Linz, quasi über Nacht, von der beschaulichen Provinzstadt zur Industrie-und Großstadt vollzog sich einerseits durch die neuen Industrieanlagen, andererseits aber auch durch die nun benötigten und in großer Zahl erbauten Wohnanlagen, die einfach ins freie Umland hinein gebaut wurden und dort neue Stadtteile bildeten. Ferner wurden 1938 Umlandgebiete wie St.Magdalena und Ebelsberg eingemeindet. Die Eingemeindung von Traun und Leonding wurde vorbereitet aber nicht durchgeführt. Zudem veränderten die neuen Verkehrswege das Wesen der einstigen Kleinstadt.
128 Sarlay in: http://www.linz09.info/ec/architektur/sarlay-60115.html, 7.08.2008
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Die Gründe, warum sich Linz innerhalb der relativ kurzen Zeit von sieben Jahren, in denen die Stadt den nationalsozialistischen Herrschern ergeben war und ihr Schicksal in deren Händen lag, so schnell zu einem großen Industriezentrum entwickeln konnte, fasst der amerikanische Historiker Evan Burr Bukey folgendermaßen zusammen:
„Lang vor dem ‚Anschluß’ wollten bereits österreichische Wirtschaftsleute und Unternehmer einen Eisen-, Stahl- und Kokereikomplex an der Donau errichten, waren aber am Kapitalmangel und am Widerstand der traditionellen Fabrikanten des Landes gescheitert. Nach der Okkupation Österreichs durch Deutschland änderte sich die Lage schlagartig. Plötzlich gingen die Aufwertung des österreichischen Schillings, der Arbeitskräftemangel im Altreich und die Erfordernisse der deutschen Kriegsmaschinerie eine Verbindung ein, die eine Politik rascher wirtschaftlicher Mobilmachung diktierte.“ 129
3.1.2.4. Mauthausen
Durch diese Umstände in der eindeutig auf Krieg ausgerichteten deutschen Wirtschaft also und durch den Einsatz von Zwangsarbeitern und billigen Fremdarbeitern konnten die enormen Strukturveränderungen in Linz durchgeführt werden. Die Betroffenen kamen vor allem aus Tschechien und Italien, aber es wurden auch Kriegsgefangene aus Polen, Frankreich, Belgien und Holland eingesetzt. Aufgrund des auch schon vor dem Anschluss chronischen Wohnungsmangels in der Stadt wurden die Fremdarbeiter, die deswegen in großer Zahl benötigt wurden, weil die Einheimischen in die Wehrmacht eingezogen wurden, in Barackensiedlungen gehalten. Im ganzen Stadtgebiet gab es Lager, deren Bewacher auf die strikte Einhaltung der Trennung zwischen den Zwangsarbeitern und der einheimischen Bevölkerung achteten. 130
Für den Wirtschaftsaufschwung der Region mitverantwortlich war auch die Ausbeutung der Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen. Für die Bauarbeiten in Linz wurden große Mengen an Gestein benötigt:
„Wegen der hohen Qualität des Granits in den Mauthausener Steinbrüchen, zwanzig Kilometer östlich von Linz, legte Himmler hier ein Konzentrationslager fest, das als Lieferant von Baumaterial dienen sollte.“ 131
129 Bukey, 1993, S.291
130 vgl.: Bukey 1993, S.296
131 Bukey, 1993, S.297
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„In Linz existierten drei Nebenlager mit über 6.000 Häftlingen, die die Sklavenarbeit für Hitlers Stadterneuerungsprojekt, für die Hermann-Göring-Werke und zivile Luftschutzbauten verrichteten.“ 132
„Mit der systematischen Ansiedelung von Rüstungsproduktionen in den Großräumen Linz und Wien entstand zugleich ein neuer Typ von Außenlagern, in welchen die Häftlinge in erster Linie zum Aufbau von Produktionsstätten und später in der Produktion selbst eingesetzt wurden.“ 133
Bei der Gewinnung des Gesteins kamen viele Inhaftierte aufgrund der schweren Arbeitsbedingungen und der sadistischen Behandlung der Aufseher auf grausame Art und Weise um. Durch ihre Sklavenarbeit profitierten nicht nur die Bauindustrie, deren monomentale Bauweise auf jede Menge Gestein angewiesen war, sondern auch die neuen Industriebetriebe, wo die Gefangenen des KZ Mauthausen unter unwürdigen Verhältnissen eingesetzt wurden.
„Das KZ Mauthausen war das einzige Konzentrationslager der Kategorie 3, was „Vernichtung durch Arbeit“ bedeutete.“ 134
„105.000 Menschen wurden ermordet oder sind an den unmenschlichen Lebensbedingungen zugrunde gegangen. Sie wurden auf vielerlei Weise systematisch ermordet: Vernichtung durch Arbeit, Hunger, Folter, Erschießung, Vergasung u.v.m.“ 135
3.1.2.5. NS Wohnbau
„Der Wohnbau wird von Anfang an rasant vorangetrieben. Wegen der Vorteile von Großbaustellen und der Durchführung der Bauarbeiten durch öffentliche Stellen und Genossenschaften werden die neuen Wohnsiedlungen ausschließlich ins freie Umland gebaut. Von 1938-1944 werden 10.873 Wohnungen fertig gestellt, weitere 1.200 befinden sich im
132 Bukey,1993, S.298
133 http://www.mauthausen-memorial.at/db/admin/de/index_main.php?cbereich=2&cthema=324, 7.8.2008
134 http://www.dioezese-linz.or.at/redaktion/index.php?action_new=Lesen&Article_ID=43414, 7.8.2008
135 http://www.doew.at/thema/mauth/mauth.html, 7.8.2008
43
Bau, die Errichtung von 981 bereits geplanten Wohnungen wird noch vor Kriegsende eingestellt.“ 136
Folgende Wohnbauprojekte wurden realisiert:
Linz Süd: Spallerhof, Bindermichl, Keferfeld, Kleinmünchen
Linz Mitte: Makartstraße, Wankmüllerhof, Froschberg, Gugl, Roseggerstraße, Kantstraße, Lederergasse, Kaplanhofstraße Linz Nord: Karlhofsiedlung, Hartmaiersiedlung, Führersiedlung (Gründberg), Rothenhofsiedlung, Rudolfstraße/Hauptstraße
Abb.4: Wohnbau der Nationalsozialisten in Linzer Erweiterungsgebieten
136 Sarlay in: http://www.linz09.info/ec/architektur/sarlay-60115.html, 7.08.2008
44
Die damals auf der grünen Wiese errichteten Wohnbauten sind heute komplett von städtischem Gebiet umgeben. Abb. 4 zeigt die Gebiete, in denen von den Nationalsozialisten Siedlungen gebaut wurden. Dadurch lässt sich zum einen ersehen, welche Fläche das Linzer Stadtgebiet vor dem Jahr 1938 einnahm. Durch die orange Farbe markiert beschreiben die ab dieser Zeit vorgenommen Wohnprojekte zum anderen die Erweiterungsgebiete, die sich einer Ellipse annähernd rund um das alte Linz erstrecken.
Die Architektur der Nationalsozialisten wurde von deren Ideologie beeinflusst. So war es beispielsweise ein Ziel, in den Wohnsiedlungen so viel Infrastruktur mit einzubeziehen, dass ein Verlassen der Anlage nur selten nötig wurde. Der Ausbau der dafür nötigen Bauten wurde allerdings höchstens annähernd erreicht. Die Bauweise wurde zudem an der regionalen Tradition der Vierkanthöfe angelehnt. Dies sollte der Eigenart der Lokalbevölkerung entgegenkommen und ihrem Wesen entsprechen. 137 Tatsächlich sind diese Gebäude heute noch beliebte Wohnstätten und werden von vielen LinzerInnen „Hitlerhäuser“ genannt, ohne dass dabei der verbrecherische Kontext ihrer Errichtung thematisiert werden würde.
Die gesamten NS-Bautätigkeit in Linz veränderte das Antlitz der Stadt. Die Installation von für eine nationalsozialistische Metropole benötigten Einrichtungen wurde im Ansatz durchgeführt und brachte somit für die weitere Entwicklung der Stadt enorme Probleme mit sich. Nicht nur der Torso der Industrie, sondern auch die Wohnbauprojekte sowie die damit einhergegangene Verkehrsplanung stehen somit für das unnatürliche Wachstum, dem Linz ausgesetzt war. Dieses unorganische Wachstum, das durch die Vorgänge nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt wurde, belastete die Linzer Stadtentwicklung bis heute. Ein Beispiel dafür ist die problematische Verkehrssituation auf der und um die Nibelungenbrücke. „Was zwischen 1939 und 1951 geschah, bezeichnet der Soziologe als ‚monokulturell’ und damit unnatürlich.“ 138 Wird Josef Lins von der Universität Linz sinngemäß in der Zeitung „Der Standard“ zitiert. Diese Voraussetzungen waren der Grund für eine teils problematische Weiterentwicklung und haben die Stadt bis heute gravierend geprägt. Für die zentrale Frage dieser Arbeit, warum Linz Kulturhauptstadt sein wird, bedeutet dieser Abschnitt der Linzer Entwicklungsgeschichte, dass damit die Grundlage für das spätere schlechte Image gelegt wurde. Ein Image, das, wie wir später noch sehen werden, mit Hilfe strategischen Einsatzes von Kultur und dem Kulturhauptstadtjahr verbessert werden soll. Die Bedeutung des in den Plänen Adolf Hitlers immanenten Größenwahns soll nicht näher diskutiert werden.
137 vgl.: Fitz, Heller, 2008, S.78
138 Der Standard, 5./6.8.2006
45
3.1.3. Linz in der Zweiten Republik
Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Linz eine schwer angeschlagene Stadt. Bombenschäden an Wohnhäusern und Industrieanlagen und der einsetzende Flüchtlingsstrom von befreiten Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen brachten eine enorme Wohnungsnot mit sich. Energieversorgung und Infrastruktur waren ebenfalls schwer in Mitleidenschaft gezogen worden und funktionierten nur marginal.
Zunächst belagerten amerikanische Truppen die ganze Stadt, bis im Juli 1945 sowjetische Truppen Urfahr besetzten, da das Zonenabkommen der Besatzungsmächte die oberösterreichischen Gebiete nördlich der Donau den Sowjets zugestand. Linz wurde zur geteilten Stadt und die Nibelungenbrücke zur Grenze zwischen den zwei neuen Supermächten. Auf beiden Seiten der Brücke wurden Grenzposten eingerichtet.
3.1.3.1. Entstehung der VÖEST
Die Industrieanlagen, die den Krieg überstanden hatten, wurden als „Deutsches Eigentum“ deklariert und anfangs blieb ungewiss, was damit geschehen sollte. Ein Abtransport der Kriegsbeute kam für die Amerikaner nicht in Frage, da die Maschinen der amerikanischen Produktionsweise zu unähnlich waren, und der Transport und Schulung der amerikanischen Arbeiter sich nicht gerechnet hätten. Es gab auch Ideen von österreichischer Seite, den Standort Linz abzumontieren, um die steirischen Anlagen damit auszubauen. Dazu kam es aber nicht. Die amerikanische Militärregierung schloss die Linzer Eisen- und Stahlbetriebe im Juli 1945 zu einem Werk zusammen, und mit dem Namen „Vereinigte Österreichische Eisen-und Stahlwerke AG“ trat im Oktober 1945 erstmals die Abkürzung VÖEST in Erscheinung. Ein Jahr später, im Juli 1946, wurden die oberösterreichischen Industriebetriebe, die bis zu diesem Zeitpunkt als Deutsches Eigentum von den Amerikanern beschlagnahmt gewesen waren, an die österreichische Bundesregierung überantwortet. Die bedeutendsten Betriebe wurden umgehend verstaatlicht, was an der Stabilisierung des Landes interessierte amerikanische Besatzungsmacht auch tolerierte. Mit der Wirtschaftshilfe des Marshallplans ab 1948 konnte die VÖEST zu einem konkurrenzfähig produzierenden Betrieb aufgebaut werden. Durch diese Entscheidungen wurde der Grundstein für die großindustrielle Entwicklung von Linz gelegt. 139
139 Vgl.: Lackinger, 2007, S.159ff
46
Die Stahlproduktion als Zugpferd, nicht nur für Linz, sondern für den gesamten österreichischen Staat, brachte Linz eine Gründungswelle 140 von Unternehmungen im Bereich der Alltagsgüter und dem Land mit das „Österreichische Wirtschaftswunder“. Die VÖEST wurde zum Inbegriff von Linz, sie prägte von nun an das Image der Stadt, der „Stahlstadt“ an der Donau. Der verstaatlichte Betrieb gab der Bevölkerung der Stadt und des Umlandes nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch innerbetriebliche Sozialleistungen aus quasi allen Lebensbereichen, von Kultur, Bildung über Sport bis Gesundheit und Religion. Die VÖEST bestimmte somit neben dem beruflichen auch das private Leben vieler Linzerinnen und Linzer. 141
3.1.3.2. Prägende Bürgermeister?
„Betrachtet man die Geschichte der Landeshauptstadt Linz zwischen 1945 und 1997, so drängt sich eine Periodisierung auf nach jenen sechs, von der Sozialdemokratie gestellten Bürgermeisterpersönlichkeiten, die während dieses halben Jahrhunderts die Geschicke der Stadt lenkten.“ 142
Mit diesen Worten beginnt der Autor, Helmut Fiereder, in dem von der SPÖ Linz-Stadt (Herausgeber Franz Dobusch und Johann Mayr) 1997 publizierten Band „Linz Stadt der Arbeit und der Kultur“ unter dem Titel „Linz - Vom Wiederaufbau ins 21. Jahrhundert“ die Entwicklungsgeschichte von Linz zu beschreiben. Entlang der Amtszeiten dieser sozialdemokratischen Bürgermeister werden auf 40 Seiten besonders ihre Errungenschaften sehr umfangreich aufgezeigt.
Ganz im Gegensatz zu den allgemeinen Entwicklungsstufen, wie von Häußermann und Siebel beschrieben, wird also von der Geschichtsschreibung der regierenden Partei ein Linz spezifisches Entwicklungsmodell gezeichnet. Die Amtszeiten der sozialdemokratischen Bürgermeister werden als maßgebliche Einflussgröße der jeweiligen Zeit dargestellt. Hier soll nun auch entlang dieser Persönlichkeiten die Linzer Stadtgeschichte ab 1945 kurz dargelegt werden. Darauf hin soll geklärt werden, ob diese Einteilung sinnvoll ist und ob und wie die Linzer Geschichte mit den Entwicklungsphasen von Häußermann und Siebel in Verbindung gebracht werden kann.
140 Vgl.: Lackinger, 2007, S.170
141 vgl.: Laister, 2004, S.53ff
142 Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.39
47
3.1.3.2.1. Ernst Koref (1945-1962)
Als Bürgermeister wurde, nachdem der NS-Bürgermeister Langoth abgesetzt worden war, Ernst Koref vom US Militär eingesetzt. Diese herausragende Politikerpersönlichkeit genießt noch heute großes Ansehen, was sich in der Benennung der Ernst Koref Promenade im Linzer Donaupark zeigt. Ernst Koref musste sich zunächst mit der Verwaltung des Mangels beschäftigen. Durch die erwähnte Situation der Stadt war die Linzer Kommunalpolitik durch Krisenmanagement charakterisiert. Koref selbst sprach davon, dass sich Linz von einer „Barock- zur Barackenstadt“ entwickelt hätte. 143 In seine Amtszeit fiel der Wiederaufbau, die Schaffung von Wohnraum und der Ausbau der Verkehrswege. 1957 wurde ein Generalverkehrsplan beschlossen, „der nicht zuletzt auf Planungen aus der NS-Zeit zurückgriff und überwiegend ein Plan zur Förderung und Führung des Individualverkehrs war, den Erfordernissen des öffentlichen Verkehrs hingegen nur wenig entsprach.“ 144 Neben dem Drang nach Wachstum wurden in Linz zu jener Zeit - und dies wird von der aktuellen Stadtregierung gerne betont - auch kulturelle und ökologische Akzente gesetzt. Es wurden Parks: z.B. der Botanische Garten und eine städtische Klimastelle eingerichtet und das Stadion für den Breitensport ausgebaut. 145 Als großes Verdienst wird das kulturelle Engagement Korefs besonders im Hinblick auf das hinter sich gelassene Terrorregime gesehen. Ganz im bewussten Gegensatz zum kulturellen Ideal der alten Machthaber setzte man in Linz Ende der 1940er Jahre auf humanistische und demokratische Ideale. Besonders die Moderne wurde gefördert, was sich im Aufbau der Kunstuniversität, der Ausstellungs-und Kaufpolitik in der Kunst und der Gründung der Volkshochschule (1947) zeigt. 146 „Am Beginn der 50er Jahre wurde dann das Schwergewicht auf eher traditionelle Bereiche verschoben, darunter Musikdirektion und Musikschule, zur Mitte des Jahrzehnts auf Sanierung des Schlosses und des Alten Doms.“ 147
Helmut Fiereder würdigt den Bürgermeister der Aufbauzeit als „ein der politischen Mitte zuneigender Humanist und Intellektueller von großer politischer Weitsicht“ 148 und stellt die Wohnungsnot der damaligen Zeit als besonders eklatant dar. „Koref, [...], ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um auf den ‚Sonderfall Linz’ hinzuweisen, womit er vor allem das im unorganischen Wachstum der Stadt während der NS-Herrschaft begründete Wohnungselend
143 Vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.46
144 Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.54
145 vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.50
146 vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.58ff
147 Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.59
148 Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.60
48
meinte.“ 149 Das „harmonische Verhältnis zu Heinrich Gleißner“ 150 , dem oberösterreichischen Landeshauptmann (ÖVP), wird ebenso als bemerkenswert und der Entwicklung der Stadt zuträglich angesehen. Erwähnt wird auch die Einführung des LD-Verfahrens in der Stahlproduktion. Die VÖEST erlangte durch diese Innovation Weltruhm und brachte Linz nach der besonders schlimmen Zeit das sogenannte „Wirtschaftswunder“.
3.1.3.2.2. Edmund Aigner und Theodor Grill (1962-1969)
Die Ernst Koref nachfolgenden Linzer Bürgermeister mit kürzeren Amtszeiten zeichnen sich durch eine Weiterführung seiner Arbeit aus. Unter Edmund Aigner (1962 - 1968) und Theodor Grill (1968 - 1969) wurde der Ausbau der Kultur- und Bildungseinrichtungen, der angesichts des Bevölkerungswachstums einem Nachrüsten entsprach, weiter vorangetrieben. Das Schlagwort „Kultur für alle“ wurde als bereits damals für die Stadtpolitik leitendes Motiv genannt. 151 1966 begann der Betrieb an der Linzer Hochschule, die 1975 dann den Namen Johannes Kepler Universität bekam.
Der Wohnbau wurde in den 1960ern ebenso vorangetrieben, durch die Motorisierung und der Ausrichtung von Linz auf eine „autogerechte Stadt“ wuchsen an den Stadträndern neue Siedlungen mit Trabantenstadtcharakter. Die Innenstadt verlor an Lebensqualität. Der Verfall alter Bausubstanz wurde dem Fortschrittsglauben entsprechend oft nur mit Zerstörung beantwortet. Der Abriss der Wollzeugfabrik 1968 soll hier als Höhepunkt und eklatanter Fehler der Linzer Stadtverwaltung der damaligen Zeit genannt werden. Statt saniert wurde dieser einzigartige Industriebau (siehe Kapitel 3.1.1.1.) gesprengt (!).
149 Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.60
150 Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.60
151 vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.60
49
Abb.5: Die Wollzeugfabrik in Linz
3.1.3.2.3. Franz Hillinger (1969-1984)
Zeitversetzt kommt ein frischer Wind, der durch die gesellschaftlichen Veränderungen in den 1960er Jahren entfacht wurde, auch ein bisschen nach Linz. So beschreibt zumindest Helmut Fiederer in der Publikation der SPÖ-Linz den Amtsantritt Franz Hillingers als Generationenwechsel, der dem Wandel in der Gesellschaft entsprach. 152 In seiner langen Amtszeit wurde Linz modernisiert. Kanalisations- und Fernwärmeinfrastruktur wurde errichtet, die Straßenbahn nach Auhof und Auwiesen verlängert, das Allgemeine Krankenhaus erneuert sowie Sport und Kultureinrichtungen auf-und ausgebaut. Angesichts der aufkommenden Umweltbewegung, der enormen Belastung der Linzer Luft durch die Stahlindustrie und trotz eines für die neuen Belange der Ökologie-Bewegung eher verschlossenen Bürgermeisters (das legendäre Zitat Hillingers zur Linzer Luft lautet: „In der Sahara staubt’s auch!“) wurden auch in diesem Bereich langsam Vorhaben umgesetzt. Der Autor betont die Einrichtung des Umweltamtes in der Amtszeit von Franz Hillinger. 153
152 vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.68
153 vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.74
50
3.1.3.2.4. Das Ende des Wachstums
„Die weltwirtschaftliche Cäsur der Erdölkrise beendete eine drei Jahrzehnte andauernde Aufwärtsentwicklung der Linzer Industrie. Ab dem Höhepunkt im Jahre 1974 setzte ein keineswegs nur konjunkturell, sondern durch verschiedenste Ursachen mitbedingter Schrumpfungsprozess ein“ 154
Schon ab Beginn der 1970er war man in Linz trotz zunächst noch bester Wirtschaftsdaten mit dem Image der Stadt als reine Industriestadt nicht zufrieden. Dieser Umstand und das Einsetzen des wirtschaftlichen Schrumpfens veranlassten die Stadtpolitik zu einer ersten Imagekampagne, die im Nachhinein betrachtet vielleicht sogar die erfolgreichste ist („in Linz beginnt’s“), und zum Einsatz von Kultur und Festival. Zunächst wurde 1974 mit dem Brucknerhaus ein längst fälliger Veranstaltungsort errichtet. Im Zweiten Weltkrieg waren die Südbahnhofhalle und der Volksgartensaal zerstört worden, was bis zum neuen Konzertsaal im Donaupark einen großen Mangel darstellte. Konzerte mussten davor in der Diesterwegschule oder in der Straßenbahnremise Kleinmünchen veranstaltet werden. 155 Mit der Ars Electronica und der Klangwolke wurden 1979 die heute als so wichtig und typisch für Linz beworbenen Einrichtungen begründet.
3.1.3.2.5. Hugo Schanovsky (1984-1988)
Voll getroffen von der Krise der Stahlindustrie wurde Bürgermeister Schanovsky. In seine Amtsperiode fällt die schwere Krise der VOEST Alpine AG (1973 war die VÖEST mit der Alpine Montan AG fusioniert worden), ausgelöst durch Konjunkturschwankungen, aber vor allem durch den Zusammenbruch der verstaatlichten Industrie. Die Milliardenverluste bedeuteten einen enormen Beschäftigungsrückgang, nicht nur in der Stahlproduktion, sondern in der ganzen Linzer Industrie. Erst ab 1987 erholte sich die Lage wieder. 156 War bis zu diesem Zeitpunkt die dramatische Umweltsituation der Stadt wenigstens durch den wirtschaftlichen Erfolg abgegolten, so hatte Linz nun kein Argument mehr für den Smog durch stinkende Industrieabgase. Schanovskys Leitspruch war daher: „Linz wird die sauberste Industriestadt Österreichs.“ 157
154 Lackinger, 2007, S.250
155 vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.62
156 vgl.: Lackinger, S.278ff
157 vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.79
51
3.1.3.2.6. Franz Dobusch (seit 1988)
Seit zwanzig Jahren regiert Franz Dobusch als Bürgermeister in Linz. Sein Wirken wird auf 500 Seiten in einer Publikation der SPÖ Linz-Stadt unter dem Titel „20 Gute Jahre für Linz -Bürgermeister Franz Dobusch“ 158 gefeiert.
Da wir später unweigerlich noch auf diese Persönlichkeit zu sprechen kommen werden (vgl. Kapitel 3.1.5.), sollen hier nur einige wichtige Meilensteine erwähnt werden. Bürgermeister Franz Dobusch begegnete den neuen Anforderungen an die Stadt durch die Krise mit entsprechenden Strategien. Die Verbesserung der Lebensqualität in der Innenstadt war ein Ziel. Dazu gehörten das Aufkommen von Sanierungsbestrebungen (Gestaltungsbeirat), sowie der weitere Ausbau der Infrastruktur vor allem im Bezug auf Umwelt und Emissionen (Fernwärme), wodurch die Linzer Luft tatsächlich eine Verbesserung erfuhr. 159 Dem Konzept Festivalisierung als Strategie des „City-Marketing“ entsprechen die Feierlichkeiten zum 500 Jahr Jubiläum der Stadt (1990), den damit einhergehenden Neueinrichtungen „LinzFest“ und „Pflasterspektakel“ und der Bau des Design Centers als herzeigbares Großprojekt. Neben der Positionierung von Linz als Kulturstadt liegt es der Regierung Dobusch sehr am Herzen, die Stadt mit Verweisen auf die Leistungen der Politik als sehr sozial zu präsentieren. 160
Der Versuch, eine Periodisierung der Linzer Entwicklungsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg nach den Amtszeiten der Bürgermeisterpersönlichkeiten vorzunehmen, erweist sich als schwierig. So gerne die regierende Stadtpartei ihre Protagonisten als Lenker der Geschicke darstellen will, angesichts überregionaler Entwicklungen muss dieser Ansatz relativiert werden. Die von Häußermann und Siebel beschriebenen Stadtentwicklungsphasen können nicht eins zu eins mit der Entwicklung von Linz verglichen werden. Sehr wohl kann sich Linz aber auch nicht den von den beiden Stadtsoziologen genannten Aspekten entziehen, nur das zeitliche Auftreten differiert. Zum Beispiel setzten sowohl die Infrastrukturverbesserungen im Sinne einer intensiven Urbanisierung, als auch die Krise in Linz später ein als in der Theorie beschrieben. Ansonsten mussten die Linzer Bürgermeister ebenso in ihrer Politik auf international stattfindende Veränderungen reagieren wie andere Stadtregierungen in anderen Städten auch.
158 vgl.: Forsterleitner, 2008
159 vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.83f
160 vgl.: Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.94f
52
Abweichend von der Theorie der Stadtentwicklung, die einen relativ schnellen Wiederaufbau der Stadtinfrastruktur nach dem Krieg annimmt, zeigt sich in Linz im Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts allerdings die Notwendigkeit, die Stadt mit viel mehr Infrastruktur nachzurüsten. Die Ursache liegt in dem Zustand, in dem die Nationalsozialisten Linz hinterlassen hatten. Die Ansätze für eine Donaumetropole wurden errichtet. Die Ausstattung für ein städtisches Leben fehlte noch und konnte aufgrund des enormen, viel zu schnellen und als unnatürlich angesehenen Wachstums oft erst nach vielen Jahren nachgeliefert werden. Linz stellt sicherlich einen Sonderfall dar, der so von einer generellen Theorie nicht berücksichtigt werden kann. Doch die Charakteristika einer Phase der extensiven oder intensiven Urbanisierung werden auch in Linz sichtbar. Besonders offensichtlich treten auch die Formen des „City-Marketing“ zu Tage. Die im Selbstverständnis der SPÖ-Linz verankerte Sicht ihrer Bedeutung für die Stadt birgt aber ebenso einen wichtigen Tatbestand in sich. Besonders die drei am längsten dienenden Bürgermeister Koref, Hillinger und Dobusch hatten und haben einen enormen Einfluss auf die Stadt.
Der Blick auf die Linzer Geschichte der in der Zeit der Zweiten Republik bringt als Antwort für unsere Forschungsfrage die Beobachtung, dass sich Linz sehr bald nach dem Krieg kulturell im bewussten Gegensatz zu den vorherigen Machthabern positionierte und ab den 1970ern auch konkrete stadtpolitische Kulturprojekte umzusetzen begann. Das Ziel, nicht das Dasein einer alleine von der Stahlindustrie geprägten Stadt zu führen, kam bereits vor der Krise auf. Das Kulturhauptstadtjahr 2009 stellt aus dieser Sicht einen Höhepunkt im Vorhaben, sich als Kulturstadt zu etablieren, dar. Darüber hinaus liefert uns dieses Kapitel den Hinweis auf eine SPÖ dominierte Stadtpolitik, die gerne davon ausgeht, die Kontrolle über alle Regungen des städtischen Lebens in der Donaustadt in der Hand zu haben.
3.1.3.3. Besonderheiten der Linzer Politik
Die Bürgermeister der Stadt Linz kommen in der Zweiten Republik immer aus dem Lager der Sozialdemokraten. Franz Dobusch regiert in seiner aktuellen Amtszeit sogar mit absoluter Mehrheit. Dabei zeichnet sich die Linzer Politik seit der besonderen Beziehung zwischen Koref und Gleißner durch ein enges und auf Zusammenarbeit basierendes Verhältnis zur Landespolitik aus, die traditionell von der Volkspartei dominiert wird. Diese Beziehung zwischen Stadt und Land, die darüber hinaus nicht nur in der Politik eine besondere ist, wirkt sich auch auf die Vorbereitungen zum Kulturhauptstadtjahr aus.
53
3.1.4. Eine andere Geschichte von Linz/Linz in den 1970ern
Ein von der regierenden Partei veröffentlichtes Werk über die eigene Kommune zeichnet wahrscheinlich nicht unbedingt ein objektives, sondern eher ein möglichst ungetrübtes Bild der Entwicklungsgeschichte. Von Propaganda zu sprechen wäre vielleicht unhöflich, darum nehmen wir nur die ersten zwei Buchstaben dieses Wortes, um eine adäquate Bezeichnung dieser Publikation zu bekommen: PR (Public Relation). Wir müssen also andere Quellen heranziehen, um über die für Linz sehr bedeutende Zeit ab den 1970er Jahren genaueres sagen zu können.
Franz Hillinger steht für eine Reihe von am Gleichberechtigungssinn der Zeit orientierter Projekte wie Volkshäuser, Beratungsstellen, Kinderspielplätze, Schulen und Turnsäle. 161 Vor allem neue kulturelle Einrichtungen sorgten für einen tiefgreifenden Wandel im Selbstverständnis der Stadt. Kultur, die zuvor schon unter dem Ideal des Humanismus verstanden wurde, aber als Gegengewicht zur Industriearbeitswelt gesehen wurde 162 , wurde mehr in den Mittelpunkt gestellt. Das Schlagwort „Kultur für alle“ verband sich mit dem Bestreben, Kunst und Arbeitswelt nicht mehr zu trennen. Aber abseits der Leistungen von Linz im funktionellen und im kulturellen Bereich strahlte die Stadt zur Zeit Franz Hillingers ein nicht besonders anziehendes Flair aus und entsprach im Großen und Ganzen seinem schlechten Image.
3.1.4.1. Das trostlose Linz und was sich daraus entwickelte
Linz in den 1970er Jahren war vor allem eins: eine Industriestadt mit schlechter Luft. Das bisschen neue Kultur machte die Stahlstadt noch nicht zur Kulturstadt. Erhard Gstöttner, Kolumnist der Oberösterreichischen Nachrichten, beschreibt die Situation rückblickend aus der Sicht des Jahres 2007: „Linz 1977: eine harte Stahlstadt mit schlechter Luft, mit absoluter Mehrheit regiert von einer SP, die Umweltschutz für eine Spinnerei und Kunst für etwas Gutes, aber nicht wirklich Notwendiges hielt.“ 163 „Ende der 1970er-Jahre war Linz weit davon entfernt, städtisches Flair zu verbreiten. Zwei Galerien, drei Lokale, 300 Meter Landstraße, dann hatte man alles gesehen.“ antwortet der
161 vgl.: Forsterleitner, 2008, S.411f
162 vgl. Fiereder in: Dobusch, Mayr, 1997, S.58
163 OÖN, 25.01.2007
54
aus Wels stammende Designer Gerald Kiska im Interview mit den OÖN auf die Frage, wie er die Stadt zur Zeit seines Kunststudiums in Linz gesehen habe. 164 „Für junge Menschen, deren kulturelle Ansprüche nicht mit Disco-Musik erschöpft war, gab’s damals nur wenig in Linz“ schreibt wiederum Erhard Gstöttner in seinem Artikel „Die Kraft der jungen Wilden“ 165 Diese „jungen Wilden“, wie er also schreibt, entdeckten aber zu dieser Zeit ebenfalls die Kultur für sich - „nicht zum Behübschen, vielmehr Protest gegen kleinkarierte Fortschrittsgläubigkeit.“ 166
Neben den offiziellen Ambitionen im Bereich der Kultur - als bedeutendster Meilenstein wird der Bau des Brucknerhauses 1974 angesehen - machten sich auch andere Menschen als von der Stadtregierung dafür ausersehene daran, kulturell tätig zu werden. Der OÖN-Kolumnist bringt den Gegensatz zwischen den beiden Ansätzen auf den Punkt. Manche jungen Menschen der Stadt wollten mit der Kultur protestieren. Protest als Antrieb zur Aktion. Auch in Linz gab es Hippies und Rocker und auf Schulreisen oder privat importierten junge Menschen den Punk aus London nach Linz und versuchten sich selbst als Musiker. Nicht nur in den Erinnerungen von OÖN-Redakteuren wird die Zeit, in der es in Linz „nichts gab“, als eine ganz besondere zelebriert. Im Jahr 2007 erschien ein Buch mit dem Titel „Es muss was geben“ 167 , das die Anfänge der alternativen Musikszene in Linz beschreibt. Konfrontiert mit einer Stadt, die kulturell anspruchsvollen jungen Menschen damals wie ein Kulturvakuum vorkam, zumindest was ihre Bedürfnisse betraf, kamen zu dem Schluss, dass sie selbst dafür Sorge tragen mussten, dass es etwas gab. Der Sänger der Linzer Popgruppe „Shy“, Andreas Kump, lässt in diesem Buch die Protagonisten und Protagonistinnen zu Wort kommen. MusikerInnen, VeranstalterInnen, AktivistInnen, Leute, die dabei waren. Denn aus dem tristen Linz der 1970er Jahre entwickelte sich eine Szene, die ihre kulturellen Bedürfnisse im Sinne des Punk und Hardcore Mottos DIY („Do it yourself“) durch die Gründung von Bands und Abhaltung von Konzerten selbst befriedigten. Die Konzerte wurden anfangs in Jugendzentren oder Pfarrsälen abgehalten, bis sich mit dem Café Landgraf das Zentrum dieser Bewegung fand. Das Ehepaar Hackl, das dieses Caféhaus führte, wird in den niedergeschriebenen Erinnerungen immer wieder lobend erwähnt. 168 Diese zwei Menschen gaben den jungen Leuten einen Platz, wo sie „ihr Ding durchziehen konnten“, indem sie es jede Woche wieder zuließen, dass die laute Musik ihre Hallen füllte. Die Szene von Linz war nicht groß, es waren Einzelne, die viel dafür gaben, damit die weltweite Bewegung des Punk
164 OÖN, 10.11.2007
165 OÖN, 25.1.2007
166 OÖN, 25.1.2007
167 vgl.: Kump, 2007
168 vgl.: Kump, 2007, S.24ff
55
und der Alternativen auch in Linz Fuß fassen konnte. KunststudentInnen gründeten 1979 mit der Stadtwerkstatt eine „Initiative zur Anstiftung zur Initiative“ 169 und ein „Labor zur Verknüpfung von Kunst und Stadtentwicklung“ 170 . Es handelte sich dabei nicht um das Gebäude in der Kirchengasse 4, in dem der Kulturverein Stadtwerkstatt heute beheimat ist 171 , sondern um die sogenannte „Alte Stadtwerkstatt“, welche im Zuge der Sanierung von Alt-Urfahr Ost in einer Nacht- und Nebel-Aktion abgerissen worden ist. Die Zerstörung der alten Bausubstanz in diesem Viertel durch eine auf Neubau orientierte Stadtpolitik rief enormen Protest hervor, der vor allem von dieser neuen Szene um Café Landgraf und Stadtwerkstatt herum getragen wurde. Mit Protestveranstaltungen und zwei Hausbesetzungen konnte zumindest Alt-Urfahr West teilweise vor dem Abriss gerettet werden. 172
„In den 80ern war ja ganz klar, dass Alt-Urfahr Ost weg musste. Kahlschlagsanierung war kein Schimpfwort, das war Konsens im Magistrat. Dagegen ist die Stadtwerkstatt sehr aktiv aufgetreten. Ich würde sagen, ohne die Stadtwerkstatt hätte es keine Bürgerinitiative gegeben. Und da gäbe es wohl heute diese Häuser nicht mehr - die wenigen, die übrig geblieben sind.“ 173
Die Kultur, die sich in Linz entwickelte, war von internationalen Strömungen beeinflusst, durch Punk aus London und von Hausbesetzungen aus Berlin, sie zeichnete sich durch Protest aus und stellte sich bewusst gegen die Marktlogik im Kulturbereich. Die Szene konnte somit nie seine VertreterInnen in den Pophimmel des Mainstream entsenden, sondern blieb „abgetörnt vom Austropop und aufgestachelt vom englischen Punk“ 174 im Untergrund. Dafür entfaltete diese alternative Szene im Laufe der Jahre ein enormes Potential, brachte sehr gute Bands hervor und bildete die Basis für die heute sogenannte „Freie Szene“. Peter Donke, Mitglied der ersten Linzer Punkband Willa Warma, spricht von einer „städtische(n) Explosion von 1977 bis 81“ 175
Als Motivation für das Engagement wird von vielen Personen heute die als trostlos beschriebene Situation der Stadt Linz damals gesehen (siehe OÖN Berichterstattung und Zeitzeugenberichte).
169 vgl.: Stadtwerkstatt Chronologie, http://www.stwst.at/index.php?m=6&sm=1 14.6.2008
170 OÖN, 25.1.2007
171 Übersiedelung 1990, http://www.stwst.at/index.php?m=6&sm=1, 14.6.2008
172 vgl.: OÖN, 21.11.2005
173 Arlt in: Kump, 2007, S.225
174 Kump, 2007, Klappentext
175 Donke in:Kump, 2007, S.87
56
„Es wundert mich nicht, es ist viel leichter in Linz dagegen zu sein als in Wien. Weil die Notwendigkeit größer ist. Ich finde es hier sehr viel unerträglicher als anderswo.“ 176 Der problematische Zustand, in dem sich Linz zu dieser Zeit befand, wird also als für das Entstehen von Neuem stimulierend angesehen. Linz war, so wird vielerorts argumentiert, damals frei von einer kulturellen Vorbelastung wie sie etwa Wien oder Salzburg haben. An das künstlerische Schaffen konnte also ohne Rücksicht auf ein kulturelles Erbe der Stadt herangegangen werden.
„Man hat nicht darüber nachdenken müssen, ob man Mozart jetzt als geschichtlichen Hintergrund sieht, sondern man kann einfach hergehen, drei Akkorde lernen, sich auf eine Bühne stellen und alles ist völlig wurscht.“ 177 Experiment und Innovation waren die Folge.
„Ich denke mir, es war kein Zufall, dass so etwas wie New Wave oder Punk in Linz viel stärker präsent war als in Salzburg.“ 178
Eine spannende Kulturszene aus Punks, Hippies, Mods und Rockern sorgte für eine aufregende Zeit in einem auch manchmal durchaus rauen Klima 179 , die Altstadt war als „Bermudadreieck“ weit über die Landesgrenzen Oberösterreichs angesehen und „mit dem ‚langsamen Café an der schnellen Straße’ [Anm.: Café Landgraf] haben die Linzerinnen etwas, worauf selbst die Wienerinnen neidisch sind.“ 180 Dort, sowie in der Stadtwerkstatt und ab 1985 in der Kapu 181 , traten die lokalen Größen wie Willa Warma, die mit ihrem bekanntesten Lied „Stahlstadtkinder“ das Selbstverständnis der Szene formulierten, Target of Demand oder Stand to Fall, die sich auch im außerösterreichischen Underground einen Namen machen konnten, sowie zahlreiche internationale Gruppen auf. Die alternative Linzer Musikszene war bis zu Beginn der 1990er Jahre sehr aktiv und ist bis heute lebendig. (Im Jahr 1989 gab die amerikanischen Band Nirvana im Rahmen ihrer ersten Europa Tournee ein Konzert in der Kapu. Die Band aus Seattle kam 1991 zu Weltruhm, womit das Konzert in Linz zur Legende wurde. Ein Videomitschnitt des Konzerts kann heute auf Internetvideoportalen wie YouTube abgerufen werden. 182 )
176 Prömer in: Kump, 2007, S.289
177 Gall in: Kump, 2007, S.288
178 Kepplinger in: Kump, 2007, S.288
179 vgl. Lied: „Linzer Buama“ http://www.myspace.com/esmusswasgeben, 16.6.2008
180 Fitz, Heller, 2008, S.149
181 vgl.: Voggeneder, 1998
182 vgl.: www.youtube.com, Suche nach „Nirvana Linz“ 60 Treffer, 16.6.2008
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3.1.4.2. Einzelinitiativen in der Bildenden Kunst
Aber nicht nur im Bereich der Musik gab es im Linz der 1970er Aktivitäten. Wie in der Punk-Bewegung, wo die gleichen wenigen ProtagonistInnen den aktiven Kern bildeten, wurden ebenso in der bildenden Kunst von wenigen herausragenden Personen getragen beachtliche Leistungen erbracht, auf die nicht zuletzt die heutige Stadtpolitik mit Stolz verweist, um sie als typisch für die ganze Stadt zu präsentieren.
Das „ Forum Stahl“, das „Forum Metall“ und das „Forum Design“ (zwischen 1973 und 1977) waren drei viel beachtete Kunstausstellungen. Besonders ein Name steht mit diesen
Abb.6: Nike am Hauptplatz
Das „Forum Design“ war eine weltweit beachtete Kunstausstellung, deren Katalog „Design ist unsichtbar“ bis heute als Standardwerk der Designkunst geltend gepriesen wird. 185 Die Oberösterreichischen Nachrichten beschreiben diese besondere Zeit folgendermaßen:
183 Gsöllpointner verkaufte seine Eigentumswohnung, um die Schulden für die Ausstellung “Forum Design” zu begleichen. Vgl.: OÖN, 19.11.2007
184 vgl.: Ziehlinger in: Lins, 2004, S.43
185 Vgl.: OÖN, 19.11.2007
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„In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war Linz eine verrußte Industriestadt mit ein bisschen Kultur. Doch plötzlich war diese Stadt ein kulturelles Weltzentrum.“ 186
Dass die Linzer Bevölkerung das eher nicht so sah, wird in diesem Artikel vom 19. November 2007 aber auch erwähnt: „Das ‚Forum Metall’ hatte im Stadtzentrum ein markantes Zeichen: auf dem Dach der Kunsthochschule ragte die von Laurids Ortner geschaffene ‚Nike’ in den Himmel und erregte die Linzer Kleingeister. 1979 musste die Skulptur weg.“ 187
3.1.4.3. „Von Eela Craig zur Ars Electronica gibt es eine direkte Linie“
Gemeinsam mit den Ereignissen in der bildenden Kunst werden heute besonders noch weitere Institutionen als kulturelle Meilensteine der jüngeren Linzer Stadtgeschichte bezeichnet. Das 1974 eröffnete Brucknerhaus und der Neubau der „Neuen Galerie“. 1979 wurde die Klangwolke und das Ars Electronica Festival ins Leben gerufen. Diese Einrichtungen waren damals bereits als Ausdruck des Wandels von Linz von der Stahlstadt zur Kulturstadt gemeint und hatten ihre Wurzeln in einem experimentierfreudigen Künstlerumfeld. Besonders an der Gründung des Ars Electronica Festivals waren wiederum einschlägige Personen beteiligt, denen es nicht primär um die kulturelle Aufwertung von Linz ging, sondern um Computerkunst an sich. Die Stadtregierung hatte aber von Anfang an das Potenzial und die Bedeutung dieser Veranstaltung erkannt, förderte sie und machte aus ihr ein Verkaufsargument.
„Von Eela Craig zur Ars Electronica gibt es eine direkte Linie“ 188 , so werden in den OÖN zwei Linzer Schriftsteller zitiert, die sich in einem Projekt mit der „Generation Stahlstadt“ beschäftigen. Eela Craig war eine progressive Linzer Rockband mit Elementen aus Jazz, Klassik und elektronischer Musik. Gleich die erste LP im Jahr 1971 brachte internationale Anerkennung und Engagements. Kritiker stellten Vergleiche mit in dieser Sparte international etablierten Bands an: z.B. Emerson, Lake & Palmer oder King Crimson. Ihre unkonventionellen Konzerte in renommierten Opernhäusern und Theatern Italiens, Deutschlands und Österreichs sowie ein symphonischer Rockstil bewirkten weiteres Interesse. Die Umsetzung einer „Rock-Messe“ "MISSA UNIVERSALIS" und deren Aufführung beim internationalen Brucknerfest 1978 fanden ein außerordentliches Echo. 189 Der Pianist der
186 OÖN, 19.11.2007
187 OÖN, 19.11.2007
188 OÖN, 11.5.2007
189 vgl.: http://www.erdenklang.de/artist/de/EELA_CRAIG.html, 17.04.2008
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Gruppe, Hubert Bognermayr, wird als einer der Mitbegründer der Ars Electronica genannt. „Co-founder of the resulting Ars Electronica—1979/80 together with Ulrich Rützel and Dr. Hannes Leopoldseder he developed the program of Ars Electronica” 190
Abb.7: Eela Craig
Die 1970er Jahre stellen für die kulturelle Selbstdefinition der Stadt Linz eine entscheidende Zeit dar. Die Kulturstadt Linz fußt nicht nur institutionell sondern vor allem substanziell in dieser scheinbar aufregenden Zeit zwischen 1973 und 1979 bzw. auch 1977 bis 1981. Die offiziellen kulturellen Bemühungen sind zwar ebenso wichtige Impulsgeber für die Stadt, bei der Installierung von heute als für die Stadt Linz typisch angesehenen Einrichtungen kam die Initialzündung aber meist von Einzelpersonen und freien Initiativen und nicht aus dem Bürgermeisterbüro. Den gesellschaftlichen Wandel durch die Politik der Stadtväter begründet zu sehen, wie es in der Publikation „Linz, Stadt der Arbeit und Kultur“ von Dobusch /Mayr (1997) umschrieben wird, erscheint angesichts bedeutender subkultureller Strömungen im Linz der 1970er Jahre als nicht ganz zutreffend. 191
3.1.4.4. Aus Rockhaus wird Posthof
„Von etablierten Stadtpolitikern und Kulturmachern kaum bemerkt, hatte in der damals noch sehr stark proletarisch (…) geprägten Stadt ein Wertewandel eingesetzt,“ 192 schreibt Erhard Gstöttner von den OÖN beim Versuch die Freie Szene und ihre Ursprünge zu erklären.
190 http://www.aec.at/en/mainSearch/test.asp?text1=bognermayr# Biography 1982, 22.04.2008
191 vgl.: Dobusch/Mayr, 1997, S.68
192 OÖN, 25.1.2007
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Gemeint ist das Establishment der 1970er und 1980er Jahre. Franz Hillinger hatte noch nicht soviel für Kultur übrig und Hugo Schanovsky konzentrierte sich in seiner kurzen Amtszeit hauptsächlich auf sein Versprechen, Linz zur saubersten Industriestadt Österreichs zu machen. Es war eine andere Politikergeneration, die die Chancen der Kultur für die Stadtpolitik erkannte. Der Artikel der OÖN schreibt weiter: „Führende Politiker wie der damalige Bürgermeister verstanden die Zeichen nicht. Damalige SP-Jungpolitiker hatten aber erkannt, dass in der neuen Szene viel Kraft steckte, dass ein Ignorieren harte Folgen haben könnte.“ 193
„Einer dieser Nachwuchspolitiker war der dann 1988 zum Bürgermeister aufgestiegene Franz Dobusch, der die Stimmung geschickt nutzte und sich zum politischen Fürsprecher der Rockhaus-Bewegung machte, aus der der Posthof entstand.“ 194
Die Rockhaus-Bewegung entstand in Linz, nachdem die vielen Konzerte mit heimischen und internationalen Bands aufgezeigt haben, dass die vorhandenen Veranstaltungslokale zu klein waren. Zu klein etwa, um Bands mit größeren Namen veranstalten zu können. Es wurde zwar z.B. in der Sporthalle eine „Linzer Rocknacht“ organisiert, der Hauptact Motörhead aus England füllte auch die Halle. 195 Die Mehrzweckhalle auf der Gugl war aber nicht der Ort, den die ProtagonistInnen der Linzer Rockszene für geeignet für einen laufenden Rockkonzertbetrieb hielten. Es formierte sich eine Gruppe, die ein Haus speziell für Rockkonzerte forderte und daran ging, dafür zu kämpfen. Bei den jungen SP-Politikern fielen diese Forderungen, wie zitiert, auf fruchtbaren Boden. Dass sich Franz Dobusch zum Fürsprecher, wie geschrieben wird, dieser Rockhaus-Bewegung machte, wurde von Vertreterinnen dieser Gruppe aber nicht unbedingt positiv aufgenommen. Zum einen klagen die Mitglieder der damals für den Mythos „Stahlstadtkinder“ verantwortlichen Band Willa Warma darüber, dass sie für die Werbung für dieses Rockhaus ungefragt miteingespannt worden sind, obwohl sie ganz andere Vorstellungen zu dem Thema hatten:
„Kurt Holzinger: Der Posthof fußt ja auf einer Rockhaus-Geschichte. Es hat damals natürlich einen Bedarf nach Proberäumen oder einem Studio gegeben. Der Posthof wurde von einer SPÖ-Partie betrieben und war von Anfang an als Mehrzweckkulturzentrum mit Schwerpunkten wie Kabarett, Tanz und Musik gedacht. Uns war von Anfang an klar, dass das kein Haus für die Szene wird. Wobei wir auch benutzt worden sind. Es hat eine Aussendung
193 OÖN, 25.1.2007
194 OÖN, 25.1.2007
195 vgl.: Kump, 2007, S.75
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gegeben, an jeden Haushalt, ich weiß nicht mehr, von wem sie ausgegangen ist. ‚Willi Warma: Wir fordern ein Rockhaus!’ Obwohl wir bei jedem Interview gesagt haben - [...] -, wir wollen eigentlich kein Rockhaus. Wir wollen eine Szene wie in London. Wir waren eher so Richtung freie Marktwirtschaft drauf. Wir hatten das so gelernt: Man geht in ein Lokal und besetzt es sozusagen. So wie das Landgraf.“ 196
„Peter Donke: Der erste Dämpfer war, als die Sozis aufgesprungen sind, als das plötzlich alles vereinnahmt wurde. Das war sogar eine Riesenschweinerei damals. Als wir auf einmal gesagt haben sollen: ‚Wir brauchen ein Rockhaus!’ Da ist eine Kampagne gelaufen, bei der sie als Verein hausieren gegangen sind. Es waren Sozis dabei, die anschließend auch die eher Linkeren aus dem Verein geschmissen haben. [...] Und in der Zeitung ist gestanden: ‚Willa Warma: Wir brauchen ein Rockhaus!’ Dabei haben wir definitiv auf die Anfrage, ob wir da mitmachen wollen, gesagt: ‚Seid’s deppert? Wenn man einen Platz braucht, dann nimmt man sich den.’ Man braucht keinen, der daherkommt und sagt: ‚Das ist jetzt ein Rockhaus.’ Mir war das einfach nicht britisch genug. Wenn man spielen will, dann geht man in einen Keller oder weiß der Deibel was. Man hat schon gerochen, dass parteipolitisch immer eine Münze geschlagen wird aus allem.“ 197
Zum anderen wird die Einflussnahme sozialdemokratischer Politiker auf das Projekt kritisiert. In den niedergeschriebenen Erinnerungen analysieren die Protagonistinnen der Szene heute die damaligen Ereignisse. Dereinst überrumpelt, durchschauen sie heute das Kalkül einer neuen Form der Stadtpolitik, die sich im Repertoire neuer und alternativer Ideen bediente.
„Irene Judmayer: Es war von uns nicht als jenes Haus geplant, das der Posthof heute ist. Als rein städtisches Veranstaltungszentrum. Irgendwann hat aber die Politik diese Idee als gute Idee erkannt und aufgenommen. [...] In der Entwicklung von der Rockhausidee zum Posthof sind Sachen passiert, wo ich gesehen habe, das alles anders läuft. Es waren bei Abstimmungen plötzlich Politiker da, die ich vorher nie gesehen hatte, damit entsprechende Mehrheitsbeschlüsse gefasst werden konnten. Es hat dann einen Punkt gegeben, wo ich mir gedacht habe: ‚Es ist eigentlich nicht mehr das, was es sein sollte.’ Das hat man genau gespürt. [...] Es ist uns irgendwann entglitten. Es war damals so, dass man gesagt hat: ‚Okay, das ist jetzt das Prestigeobjekt für den Dobusch auf dem Weg zum Bürgermeister.’ Gerade zu
196 Holzinger in: Kump, 2007, S.81
197 Donke in: Kump, 2007, S.81
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der Zeit sind sehr viele Privatinitiativen durch die Politik vereinnahmt worden. Ich denke, es war dieser Punkt: Der Wechsel von der ‚Stahlstadt’ zur ‚Kulturstadt’.“ 198
„Nicht Politik und Verwaltung haben die ‚Kunst ohne Schwellenangst’ als Kompensationsmöglichkeit für falsche Politik, als sozial-psychologische Wiedergutmachung entdeckt. Dieser Irrtum wurde bisher nicht korrigiert. In Wahrheit waren es diejenigen, die die Politik der Restauration nicht mehr mitmachten, die ganz praktisch Widerstand leisten wollten, die großartige und doch realisierbare Gegenentwürfe erdachten und umzusetzen begannen. Sie erzeugten mit ihren spontanen und doch wohlüberlegten sowie sorgfältig begründeten Aktionen einen gehörigen Druck auf Politik und Verwaltung. Es war ein faszinierendes Stück ‚ästhetischer Widerstands’. Die Kommunen griffen diese Ideen nur auf und entwickelten sie zur Festivalidee weiter, mit Partnern, denen die kleinen, selbstorganisierten Feste letztlich zu eng, nicht professionell genug waren, denen die Spektakel nicht groß und originell genug sein konnten und die für ihre kreative Kraft und Phantasie einen eigenen Markt zu schaffen begannen.“ 199
Diese Zeilen von Heiner Zametzer über die allgemeine Tendenz der Vereinnahmung alternativer kultureller Tätigkeit durch eine Stadtregierung treffen auch auf das zu, was in Linz geschehen ist. Der Trend zur Festivalisierung, wohin sich ein solcher Politikstil weiterentwickelt, wurde in Linz also schon damals eingeschlagen. Für die Stadt Linz brachte der Posthof durchaus positive Effekte. Ein modernes Kulturzentrum entsprach dem Zeitgeist und war fähig viele kulturelle Bedürfnisse und Interessen abzudecken. Zudem wird darüber spekuliert, ob dieses neue Haus nicht auch noch eine weitere Aufgabe erfüllte:
Paul Fischschnaller, Mitglied der Linzer Rockgruppe „Die Mollies“: „’Für mich ist Rockmusik immer ein Ausdruck von Rebellion oder Revolution gewesen. Und die Stadt Linz baut jetzt ein Haus, um diese Revolution im Keim zu ersticken.’ Es hat in Linz nie Jugendunruhen gegeben. So wie in Zürich oder anderen Städten. Das führe ich darauf zurück, dass die Politik so klug war, diese ganzen potenziellen, aggressiven Stimmungen sofort zu kaufen. Das war klug von ihnen und blöd von uns, weil wir uns haben kaufen lassen. Denn ich war der Erste, der im Posthof einen Proberaum gehabt hat.“ 200
198 Judmayer in: Kump, 2007, S.82
199 Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.122
200 Fischschnaller in: Kump, 2007, S.82f
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Der aus Zürich stammende Intendant der Linz09 GmbH. Martin Heller widmet im anlässlich des Kulturhauptstadtjahrs veröffentlichen „Linz Buch“ einige Zeilen diesen Jugendrevolten. „Und Zürich brannte, in den frühen achtziger Jahren, so sehr, dass in der Hitze ein neues, um einiges fröhlicheres und weltläufigeres Zürich entstand.“ 201 Er meint damit die Jugendunruhen in Zürich zwischen 1980 und 1982. Da die Stadt den Forderungen vieler Jugendlicher nach einem Alternativen Jugendzentrum nicht nachkam, dafür aber für viel Geld das Opernhaus renovieren ließ, kam es zu Hausbesetzungen und Straßenschlachten (u.a. die sogenannten Opernkrawalle). 202 In Linz kam die Politik einer solchen Entwicklung vielleicht voraus, indem sie wie zuvor anhand von Zitaten dargelegt, die wilden Kräfte vereinnahmte, was im Nachhinein eben auch als „Revolution im Keim ersticken“ angesehen wird. Positive Effekte einer solchen Revolution, wie sie Heller anspricht, wurden in Linz daraufhin nicht konstatiert. Was blieb, waren eher sich um ihre Bewegung geprellt fühlende AktivistInnen und eine sich bis weit in die kulturellen Belange des „Underground“ einmischende Stadtregierung, die daraufhin immer mehr auf ihre kulturellen Qualitäten zu verweisen begann.
Die alternative Musikszene verbuchte bei der Entstehung des Posthof so gesehen eine Niederlage. Mit der Autonomie nach britischen Vorbild war es vorbei. Die Teilnahme einer öffentlichen Seite am Geschehen der Linzer Rockszene brachte den Bands aber natürlich auch viele Hilfestellungen. Die Proberäume im Posthof wurden etwa zu günstigen Optionen zur Verfügung gestellt. Den chronischen Proberaummangel konnten aber auch weitere Installationen von Probegelegenheiten für Bands, wie etwa ab 2001 im Jugendkulturzentrum Kuba (eine Einrichtung des mit der Stadt Linz kooperierenden Vereins Jugend und Freizeit) nicht vermindern. Auch die Möglichkeit von gutbezahlten Auftritten wurde den alternativen MusikerInnen in Linz durch die Nähe zur Stadtverwaltung eröffnet. Anfangs war das „Rockzelt“ ein Fixpunkt des „LinzFests“. Dieses Rockzelt war eine der wenigen Möglichkeiten alternative Musik außerhalb der ihr zugewiesenen Plätze im öffentlichen Raum zu präsentieren. Die Verantwortlichen im Linzer Kulturamt reduzierten die Präsenz dieser Musiksparte aber 1997 203 durch die Streichung dieses Programmpunktes. „Linz-Rock“ wurde ab diesem Zeitpunkt in der Stadtwerkstatt abgehalten. Nachdem das „LinzFest“ mittlerweile schon längere Jahre nicht mehr am Urfahraner Jahrmarktgelände am nördlichen Ufer der Donau, sondern im Donaupark stattfindet, übersiedelte dann auch der Programmpunkt „Linz-Rock“ wieder näher an den Ort des Geschehens, nämlich in den Musikpavillion im
201 Heller, Putschögl, 2007, S.13
202 vgl.: http://www.woz.ch/dossier/80er.html, 16.7.2008
203 vgl.: http://www.linz.at/presse/archiv/medis/4495.htm, 20.10.2008
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Donaupark. Die Programmierung dieses Veranstaltungspunktes wurde im neuen Jahrtausend vom KV Kapu auf die Jugendkulturbox Ann and Pat übertragen. Das Budget für die Rocksparte sank im Vergleich zu den 1990er Jahren dramatisch. Diese Entwicklung zeigt auf, dass die alternative Musikszene, zumindest was die Präsentation Linzer Rockmusik am „LinzFest“ betrifft, den Planungen der Stadt ausgeliefert ist. Trotz dieser positiven und negativen Auswirkungen einer Vereinnahmung durch die Stadt, konnte sich eine lebendige Musikszene entwickeln. Bis 1995 wird von Andreas Kump eine aufregende Zeit dokumentiert. Auch in den späten 1990er Jahren und im neuen Jahrtausend brachte und bringt die Linzer Musikwelt sehr gute Bands hervor. Ebenso gibt es viele Aktivitäten im Bereich der elektronischen Musik. 204 Attwenger und Texta sind heute die bekanntesten Musiker aus Linz, die auch Österreichweit und international sehr erfolgreich tätig sind. Beide haben ihre Wurzeln in der stets dem Mainstream abgekehrten Linzer Szene und vor allem im Umfeld der Kapu, die längst nicht mehr alleine die Musiksparten Rock und Punk bedient, sondern auch Hiphop und andere Kulturrichtungen.
3.1.4.5. Berlin, Kopenhagen, Seattle
Eine alternative Jugendbewegung mit emanzipatorischem Engagement gab es nicht nur in Linz. In Berlin, Zürich, Wien und vielen weiteren Städten rebellierten Jugendliche, besetzten Häuser und fanden sich in der Kunst und in den Jugendkulturen abseits des Mainstreams. „Parallele Bewegungen gab es auch in anderen Städten. (...) Überall ist es zur Gründung von autonomen Kulturzentren gekommen. Da war die Stadtwerkstatt eine kleine lokale Form davon.“ 205 Aus vielen damals umkämpften Häusern sind etablierte Kulturzentren geworden. Eine so enge Kooperation mit der Kommune, durch die der Posthof in Linz ins Leben gerufen wurde, gab es allerdings selten. Die Arena in Wien und die Rote Fabrik in Zürich sind um einiges autonomer gegenüber ihren Stadtverwaltungen, weil ihre Entstehung erkämpft wurde, nicht wie in Linz von einer jungen Parteiclique getragen. Heute sind diese Orte etabliert.
vorherrschenden Machtverhältnisse oder auch um ihre bloße Existenz. Die „Koepi“ 207 in Berlin hat solche Kämpfe gegen Räumung oder Zwangsversteigerung durchgemacht. Das ehemals besetzte und seit 1991 legalisierte Haus besteht weiter hin. Die
204 vgl.: http://www.zive.at/, 20.10.2008
205 Binder in: Kump, 2007, S.94
206 vgl.: Fitz, Heller, 2008, S.149
207 http://www.koepi137.net/news.htm, 9.08.2008
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„Koepi“ ist weit über die Grenzen Berlins international bekannt. Das war auch das „Ungdomshuset“ 208 in Kopenhagen, das im März 2007 abgerissen wurde, um einem Neubau Platz zu machen. Davor fungierte das Haus 25 Jahre als Drehscheibe lokaler MusikerInnen, KünstlerInnen und AktivistInnen. Nach der Zerstörung kam es in Kopenhagen zu tagelangen Jugendkrawallen. 209 In Kopenhagen kämpfen die Jugendlichen weiter für einen Ersatz, es bleibt ihnen zumindest noch die alternative Stadt in der Stadt: „Christiania“ 210 , ein Hippiedorf, das sich auf einem aufgelassenen Militärgebiet etablierte und seinerzeit vom Staat als „Soziales Experiment“ geduldet wurde, hat sich seit 1971 bis heute entwickelt, war und ist immer neuen Angriffen ausgesetzt, die Menschen dort praktizieren aber seit über dreißig Jahren einen alternativen Lebensstil und bereichern das Stadtleben Kopenhagens. 211
Abb.8:. Christiania Ausgang
„Ungdomshuset“, „Koepi“ oder ähnliche Häuser in ganz Europa sind für ein bestimmtes Publikum sehr attraktive Plätze in einer Stadt. Dieses Publikum entspricht zwar nicht dem von der Obrigkeit gewünschten Bürgern, diese Orte sind aber oft die Räume, die einer Stadt oder
208 http://www.ungeren.dk/, 9.08.2008
209 vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Ungdomshuset, 9.08.2008
210 http://www.christiania.org/, 9.08.2008
211 vgl.: http://www.christiania.org/modules.php?name=NukeWrap&page=/inc/tale/, 9.08.2008
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einem Stadtviertel den ganz speziellen Reiz geben, der junge und innovative Menschen anlockt und somit den Boden für das bereiten, was in der Stadtsoziologie Gentrifizierung genannt wird.
Der Posthof in Linz ist nicht so ein Ort. Er ist eine städtische Kultureinrichtung, Infrastruktur. Sogar durch seine Ausstattung, die Türbeschläge oder Sanitäreinrichtungen, wird man unweigerlich an Jugendzentren, Kindergärten, Krankenhäuser und Seniorheime erinnert.
Kampf, Vereinnahmung oder Vermarktung prägen die Schauplätze. In Seattle wurde die explodierende Jugendkultur nicht von einer sozial bemühten Stadtverwaltung, sondern von der Konsumartikelindustrie vereinnahmt. Im Zuge der Vermarktung der rebellischen und wilden „Grunge“ Kultur des US-amerikanischen Nordwestens gab es Tote, von denen der Sänger der Gruppe Nirvana Kurt Cobain wohl der berühmteste war.
Dass in Linz ein alternatives Kulturleben explodierte, und Einzelpersonen unter größten Anstrengungen Akzente setzten, Strömungen, die sich im Laufe der Zeit unter der Bezeichnung „Freie Szene“ formierten, muss als Grundstock für eine Entwicklung mitverantwortlich gesehen werden, die es Linz im Zuge seiner Transformation zur konstruierten Kulturstadt ermöglicht hat, im Jahr 2009 den Titel Europäische Kulturhauptstadt zu tragen. VertreterInnen dieser Freien Szene sind in Linz weiterhin aktiv, die Stadt genießt in bestimmten Kreisen bis heute den Ruf für eine alternativ geprägte Kulturszene. Die Mehrheitspartei, die in Linz regierende SPÖ, zeigt sich oft um diese Szene bemüht, wobei die Stadtregierung stets ihren Nutzen aus dem Engagement für die kleine Bedürfnisgruppe alternativer KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen zu ziehen weiß und damit dieser Szene einiges an Autonomie und Entfaltungsmöglichkeit nimmt. Die Vereinnahmung der Rockhaus-Bewegung sowie anderer Strömungen in Linz ist im Sinne Heiner Zametzers Charakterisierung der politischen Übernahme erfolgreicher Gegenkultur zu sehen. Internationale Beispiele autonom entwickelter alternativer Lebens- und Kulturentwürfe zeigen, dass dadurch durchaus ein grenzüberschreitendes Renommee entstehen kann.
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3.1.5. Die Ära Dobusch
Schon unter Schanovsky wurden Ansätze zur Umwandlung der Stadtpolitik, wie etwa durch das „Linzer Programm“ der SP-Linz begonnen. Unter Dobusch wurde der Trend weg von einer bürokratischen Stadtverwaltung zu einer „bürgerorientierten Dienstleistung“ 212 fortgesetzt. Anderen internationalen Trends lief Linz weit hinterher. Die Krise kam verspätet, traf Linz aber mit voller Härte und der internationale Städtewettbewerb verlangte nach interessanter Urbanität und einem positiven Image. Mit Dobusch sollte Linz den Schritt vom Industriezeitalter ins Informationszeitalter tätigen. Die Schlagworte Standortsicherung und Stadtmarketing wurden Leitlinien der Linzer Stadtpolitik und die Umwandlung der Stadt in ein attraktives Markenzeichen ein angestrebtes Ziel. 213
3.1.5.1. Vereinnahmung und Sanierung
Das Engagement für den Posthof brachte einem dieser SP-Jungpolitiker, die die Zeichen der Zeit verstanden 214 , das Renommee ein, das ihm schließlich in das Bürgermeisteramt verhalf, Franz Dobusch. Die Vereinnahmung der alternativen kulturellen Strömungen für die Errichtung eines Mehrzweck Kulturzentrums war aber nicht die einzige „Übernahme“ gesellschaftskritischer Tendenzen in das Bürgermeisterprogramm. Die rund um die Stadtwerkstatt entstandene Bewegung zum Erhalt alter Bausubsubstanz zeigte dem neuen Stadtoberhaupt die Dringlichkeit auf diesem Gebiet auf. „Sanfte Stadterneuerung“ 215 war das Schlagwort, das die neue Stadtregierung von den Auseinandersetzungen mit den HausbesetzerInnen übernahm und geschickt in ihrer politischen Werbung benutzte. Ausdruck der Einsicht in den Wert historischer Bausubstanz und des architektonischen Erscheinungsbildes war die Schaffung des Gestaltungsbeirats 1988 216 :
„Aufgabe dieses sachverständigen Beirates ist es, die von den jeweiligen Bauwerberinnen/Bauwerbern sowie Planverfasserinnen/Planverfassern in den Sitzungen vorzustellenden Projekte vor allem in stadtgestalterischer, architektonischer und stadtentwicklungsmäßiger Hinsicht zu beurteilen und Gutachten darüber zu erstellen.“ 217
212 Dobusch/Mayr, 1997, S.83
213 vgl.: Laister, 2004, S.179ff
214 vgl.: OÖN, 25.1.2007
215 Dobusch/Mayr, 1997, S.94
216 vgl.: http://www.linz.at/leben/37742.asp, 13.8.2008
217 http://www.linz.at/leben/37742.asp, 13.8.2008
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Dass die Übernahme des Begriffs aber nicht gleich bedeutend mit der Idee dahinter ist, wurde schon 1990 kritisiert:
„Linz hat mit dem vor zwei Jahren eingerichteten Gestaltungsbeirat einen wichtigen Schritt hin zu besserer Stadtgestaltung und offener Architekturgesinnung getan. In Alt-Urfahr-Ost kommt diese Gesinnung jedoch kaum zum Ausdruck. Was offiziell als ‚sanfte Stadterneuerung’ gelobt wird, läßt von der historischen Substanz nur noch wenig übrig. Auch die Bewohner mußten zum Großteil das Feld räumen.“ 218
Stadtsanierung wurde, wie auch in anderen Städten, in Linz als Möglichkeit gesehen, innerstädtische Gebiete für ein bestimmtes (nämlich finanzkräftiges) Klientel zu attraktivieren, und nicht, so wie von den HausbesetzerInnen und KritikerInnen gefordert, als alte Bausubstanz und unrepräsentative Nischen zu erhalten. Judith Laister stellt den Bau des Donautors gegenüber dem Neuen Rathaus, für dessen Errichtung die alte Stadtwerkstatt sowie einige weitere alte Häuser der Urfahraner Altstadt geopfert wurden, in Verbindung mit der „in den 1970er Jahren in vielen Städten einsetzende[n] Rückeroberung innerstädtischen Bodens zu wirtschaftlichen Wertschöpfungs- und Repräsentationszwecken, die unter dem englischen Terminus ‚Gentrification’ in den wissenschaftlichen Diskurs eingegangen ist.“ 219 Das Phänomen der „Gentrification“ (Gentrifizierung) beschreibt eine Entwicklung, die unattraktive, verwahrloste und somit billige Stadtteile in von einkommensstärkeren Schichten begehrte Gebiete transformiert. Junge und finanzschwächere Personen bzw. MigrantInnen lassen sich ob der günstigen Mieten oder leerstehenden Häuser zuerst dort nieder. Durch eine bunte Vielfalt an diversen ethnischen Gruppen, KünstlerInnen, StudentInnen und KommerzasketInnen entsteht dort eine Infrastruktur an interessanten Plätzen: Eben besetzte Häuser (Squats), alternative Cafés, Galerien und Boutiquen. Sehr schnell steigt der Kultfaktor, der Ruf, „cool“ und „in“ zu sein, überschreitet bald die Bezirks- und Stadtgrenzen, und plötzlich wollen immer mehr Menschen und vor allem finanzstärkere Gruppen dort hin. Altbauwohnungen und ganze Häuser werden saniert, die Mieten steigen. Ein eindrucksvolles Beispiel für eine solche Entwicklung ist der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, wo sich das alternative Leben seit dem Mauerfall etablierte. Neben diesem stehen auch der ebenfalls ehemaligen Ostberliner „Kiez“ Friedrichshain und das angrenzende Kreuzberg für das „kultige“ und „hippe“ Berlin. Für viele ProtagonistInnen alternativer urbaner Kultur sind die
218 OÖN, 23.2.1990
219 Laister, 2004, S.114
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Kosten in diesen Bezirken inzwischen aber zu teuer geworden, sie haben daher einen anderen Stadtteil für sich entdeckt. Neukölln dürfte der nächste Brennpunkt kultureller Stadtentwicklung werden.
Der Effekt einer monetären Aufwertung kann aber auch von einer Stadtverwaltung ausgelöst werden, indem sie neue Repräsentationsbauten in defizitären Gegenden errichtet. Im Rahmen des Festival Olympische Spiele 1992 wurden in Barcelona weitreichende Veränderungen durchgeführt. 220 Durch den Umbau des alten Hafens in das kommerzfreundliche „Maremagnum“ 221 konnten die angrenzenden Gebiete sozial entschärft und auch für TouristInnen interessant und „begehbar“ gemacht werden. Dabei handelt es sich um die davor als eher gefährlich angesehenen Stadtteile Barceloneta und Raval. Für die gesteuerte Attraktivitätssteigerung einer ganzen Stadt mit einem einzigen Neubau steht das Guggenheim-Museum in Bilbao. Ebenso durch ein Museum wurde in Barcelona die „Gentrification“ des Raval durch den Bau des MACBA (Museo de arte contemporani de Barcelona) vorangetrieben. Die Steigerung des Interesses an diesem Stadtviertel vollzog sich zudem auch durch jene sozialen Prozesse, die zuvor angeführt wurden. In der sich durch den typisch prekären spanischen Wohnungsmarkt auszeichnenden katalanischen Metropole wird seit Jahren um Platz und Häuser gekämpft. Häuser werden besetzt (Okupas) und wieder geräumt. In den Altstadtbezirken, dem bereits erwähnten Raval, sowie im Barrio Gotico und im Born werden von BesetzerInnen geräumte Häuser meist abgerissen und durch moderne Wohnanlagen oder Hotels ersetzt. Der Charakter der engen Gassen durch mittelalterliche Häuserschluchten wird dabei gravierend verändert.
Die Art und Weise, wie innerstädtischer Raum gestaltet wird, hat Einfluss auf das gesellschaftliche Leben. Soziale Effekte, die durch die Einrichtung von Stadtraum hervorgerufen werden, werden in der Soziologie beschrieben: „Die räumliche Gliederung und Bewertung einer Stadt erweist sich als deutlicher Indikator für soziale Hierarchien und städtische Machtverhältnisse.“ 222 In Anlehnung an Pierre Bourdieu, so Judith Laister, „lassen sich Stadträume als verdinglichte Sozialräume lesen; die Architektur einer Stadt spiegelt die soziale Architektur einer Stadtgesellschaft wider.“ 223
Dieser Bedeutungsgehalt von Raumanordnungen wird nicht zufällig erreicht, sondern bewusst „zur Vermittlung und Reproduktion von Werten und Machtverhältnissen“ 224 eingesetzt. Die
220 vgl.: Garcia in: Häußermann, Siebel, 1993, S.260
221 vgl.: http://www.maremagnum.es/localizacion_y_horarios, 22.10.2008
222 Laister, 2004, S.116
223 Laister, 2004, S.116
224 Laister, 2004, S.117
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Gestaltung von Häusern, Fassaden, Plätzen, Straßen und Vierteln dient nebst der Repräsentation von Macht also auch der Ausübung von Macht. Richard Sennett beschreibt die Regulierungskraft von gebauten Strukturen auf die Verteilung von Menschen im Raum: „Physische Räume enthalten stille Ordnungsrufe, die bestimmte Verhaltensformen evozieren, Absenz und Präsenz regulieren.“ 225
Die Kontrolle darüber, wer sich an den betroffenen Orten wohl, zuhause und erwünscht fühlen darf, wird über die Wirkungsweise der Codierung der Gestaltung erreicht. Die Codes erzeugen Bilder und Images und diese „stimulieren Phantasien und Wünsche, wecken Emotionen und Imaginationen, verweigern oder ermöglichen Identifikation.“ 226 Die Soziologin Sharon Zukin spricht von „symbolischer Ökonomie“ und meint damit die Verteilung und Gewichtung immaterieller Qualitäten im Raum. 227 Es geht dabei um die Frage, welche Gruppen sind durch Zeichen präsent, wer dominiert, welche Kulisse wird dargestellt und welche Wertsphäre propagiert? Dabei wird bemerkt, dass die Gestaltung des Stadtraums zusehends von finanzkräftigen AkteurInnen beherrscht wird. Die Präsenz unerwünschter Zeichen wird zurückgedrängt. Es werden dafür gezielt solche Zeichen und Codes zur Raumgestaltung herangezogen, die besonders die Interessen jener Akteure ansprechen soll, von denen sich die Stadt Vorteile im Städtekonkurrenzkampf erwartet. 228
Die Ausstattung, das Aussehen und das Image einer Stadt werden bewusst und berechnend von ihren Eliten gestaltet, um daraus Vorteile, meist im Sinne des Stadtmarketings, zu ziehen. Die Aufgabe der Gestaltung ist dabei, das propagierte Bild zu bestätigen und wie erwähnt die Repräsentation der Macht. Um diese Funktion flächendeckend zu gewährleisten, gibt es die Bestrebung unrepräsentative Plätze, in Linz wird gerne von „Schandflecken“ 229 gesprochen, dem gewünschten Bild anzupassen. Das bedeutet meistens Abriss, seltener Sanierung. Solche „Schandflecke“ bieten aber oftmals Nischen für andere gesellschaftliche Strömungen, HausbesetzerInnen, Kulturinitiativen, usw., nicht zuletzt auch jenen progressiven Kräften, deren Erbe von den Mächtigen ins Verwertbare transformiert wurde. Meinrad Ziegler von der Universität Linz spricht in einem Essay über Alt-Urfahr-Ost von solchen Nischen und warum sie aus Sicht einer Stadtverwaltung ungern erhalten werden:
225 Laister, 2004, S.116
226 Laister, 2004, S.117
227 Vgl.: Laister, 2004, S.117
228 Vgl.: Laister, 2004, S.117
229 vgl.: OÖN, 19.02.2008
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„In der Regel sind diese Nischen und Ausbuchtungen in den Augen der Macht keine Qualitäten. Sie kann sich darin nicht spiegeln. Dort herrschen nicht ihre Regeln. Dort gelten nicht die dem Lebensstil der Macht entsprechenden Qualitäten.“ 230
Das Fehlen solcher Nischen könnte andererseits aber auch als schwerer Verlust für eine Stadt angesehen werden. Die Ideen, auf die heute Städte stolz sind, die einer Stadt ein Profil zu geben scheinen - in Linz etwa eine Experimentierfreudigkeit und genuine Innovationsbereitschaft (vgl.: Kapitel 3.1.5.2.) - müssen als oftmals in solchen Nischen entstanden angesehen werden.
Kunst und Kultur, Kreativität und Phantasie können gar nicht in den auf Profitmaximierung ausgerichteten, durchgeplanten und durchgestylten Welten der regierenden Eliten wachsen. Für Entstehung von Kultur und Innovation bedarf es geradezu dieser Nischen, etwa für „geschützte“ Werkstätten, welche der deutsche Kulturhistoriker Heiner Zametzer als Ausgangslage für Kulturarbeit und Innovation ansieht:
„Phantasie und Kreativität bedürfen eigener, zum Teil ‚geschützter’ Werkstätten, in denen sich die selbstbestimmte Arbeit langsam entwickeln kann, in denen man die dazu notwendigen Fertigkeiten behutsam vermittelt bekommt.“ 231
Diese Werkstätten müssen deswegen geschützt werden bzw. sich selber schützen, weil der Einfluss von gesellschaftlichen Konventionen die Entfaltung neuer Ideen vielleicht verhindern, verzerren, verkommerzialisieren oder zerstören könnte.
„Phantasie und Kreativität bedürfen eigener ‚Werkstätten’, das heißt, sie brauchen, um sich stabilisieren zu können, eigene Spiel-Nischen, in denen das Individuum, abgegrenzt von den gesellschaftlichen Auflagen und Zwängen, Eigensinn entwickelt und artikuliert.“ 232
In Linz wurde eine progressive Strömung vereinnahmt und verzerrt, andererseits werden manche Räume auch geschützt. Dieser Schutz besteht in erster Linie aus Finanzierung aber auch Anerkennung und Verteidigung gegenüber Angriffen. Der Name Stadtwerkstatt suggeriert bereits, dass es sich um eine („geschützte“) Werkstatt handelt, wo anders gewerkt wird. Die Kapu wird von der Stadtverwaltung zumindest nicht offensichtlich bekämpft und
230 Ziegler in : Laister, 2004, S.115
231 Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.129
232 Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.129
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auch ein wenig gesponsert. Die Jugendkulturbox „Ann and Pat“, eine Einrichtung des Vereins Jugend und Freizeit, in der sich seit ihrer Gründung 1998 ebenso ein alternativer Konzertbetrieb entwickelt hat, wurde im Jahr 2005 nach dem Umzug von Urfahr in die Lederergasse, in der Nähe des Hauptplatzes, vom Magistrat Linz in Sachen Nachbarschaftsbeschwerden unterstützt. Die Argumentation für eine unzulässige Lärmbelästigung seitens der BeschwerdeführerInnen stützte sich auf die Ansicht, dass der betroffene Straßenzug Wohngebiet, wo es bis zu diesem Zeitpunkt immer ruhig war, und nicht Innenstadtgebiet sei. Diese Einschätzung eines Areals, das sich zwischen dem eigentlich zentralen Pfarrplatz und dem so genannten „Prunerplatz“ befindet, als nicht mehr innerstädtisch, unterstreicht einmal mehr das monoaxiale Auftreten urbanen Lebens in Linz (vgl.: Kapitel 3.2.1.).
Eine Stadtregierung fördert und schützt aber nur solange und insofern als auch für sie positive Effekte erbracht werden. Kulturvereine, eben auch alternative, passen da ganz gut in das Bild einer „Kulturstadt“, die sich überdies noch als sehr sozial darstellt. Allzu rebellisch dürfen sie und die alternative Kultur allerdings nicht sein. Ein paar Inseln, „geschützte“ Räume für die wenigen alternativen Menschen in der Stadt Linz, die nicht einmal zu zentral gelegen sind und die repräsentative Einkaufsmeile nicht stören, werden toleriert. Nicht dem offiziell angestrebten Bild entsprechende Ausformungen kultureller Tätigkeit oder subkulturellen Lebens werden in Linz vor allem in Zentrumslage aber keineswegs akzeptiert. Graffitis, wilde Bemalungen städtischer Wände, die wohl in fast allen Städten der Welt zu finden sind, von New York bis Luzern, von Barcelona bis Moskau, sind in Linz kaum zu sehen, höchstens in den dafür offiziell freigegebenen Flächen in manchen Unterführungen. Würde die Anzahl von bemalten Wänden als irgendeine Art Urbanitätsmesser angewandt, so würde Linz auf den untersten Rängen rangieren. Unerwünscht sind in Linz ebenso Punks auf dem Taubenmarkt 233 , am Bahnhof oder als Hausbesetzer 234 , bettelnde Jugendliche auf der Landstraße 235 und solche, die im Donaupark Müll produzieren oder randalieren 236 , sowie jegliche Art von unautorisiertem Lärm, etwa zu laute alternative Open Air Konzerte. 237 Baustellen- und Autolärm, sowie das seitens wirtschaftlicher Eliten geförderte und anscheinend keinen Dezibellimits unterliegende Krone Fest, werden selten als störender Lärm thematisiert.
233 vgl.: OÖN, 30.12.2005
234 vgl.: OÖN, 5.05.2007
235 vgl.: OÖN, 7.08.2008
236 vgl.: OÖN, 3.05.2007
237 vgl.: OÖN Berichterstattung, PassantInnenbefragung und Leserbrief, OÖN, 10.07.2002, OÖN, 16.07.2002
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„Gefragtes Mittel zum Zweck der Attraktivitätssteigerung von Standorten ist Kultur“ 238 Diese Erkenntnis der Stadtforschung hat sich zur oftmals zitierten Allgemeinweisheit im Kommunalwesen entwickelt. Im Grunde könnte diese kurze Aussage als eine weitere Beantwortung unserer Forschungsfrage herangezogen werden. Die Interaktion und Vermischung von Kultur, Wirtschaft und Stadt scheint nun ein unbewusstes Motiv dieser in Linz beobachteten Empfindungen und den Repressionen gegenüber andersartigen aber allzu urbanen 239 Kulturformen und Randgruppen in der Stadt zu sein.
„Die Abhängigkeiten zwischen Kultur, Kapital und Raum verstärken sich permanent, produzieren immer restriktivere Codes und münden in der Ausgrenzung jener Menschen, die mit dem Bild der ästhetisierten, kulturalisierten urbanen Sphäre nicht kompatibel sind bzw. den angestrengten Versuchen vieler Städte, eine Imagekorrektur zu erzwingen, entgegenwirken könnten.“ 240
Bei den vorhin genannten Vorfällen mit dem subkulturellem Milieu im repräsentativen Raum, wie Landstraße, Bahnhof oder Donaupark, haben zuerst empfindsame BürgerInnen und Geschäftsleute problematisiert, die Medien in Form der Oberösterreichischen Nachrichten, anderer lokaler Blätter und des Landesstudio Oberösterreich thematisiert. Die Stadt trat dann als helfend und schlichtend ein, wobei das primäre Ziel die Zurechtrückung des Bildes einer wirtschaftlich potenten und einer sozialen Stadt im Einklang war.
3.1.5.2. Image ist alles
Das Ziel, das die Regierung Dobusch von Anfang an mit der Gestaltung des Raums und der Vereinnahmung alternativer Ideen aber auch mit anderen Maßnahmen verfolgte, war die Verbesserung des Images der Stadt. Die Notwendigkeit einer positiven Bildvermittlung entsprang generellen Tendenzen in der Stadtentwicklung, in Linz speziell aus der Krise der Stahlindustrie.
„Die Linzer Industrie - vor allem die Vöest als führendes Unternehmen der Stadt - taugt aufgrund von Skandalen, hohen Verschuldungen und des erwachten ökologischen
238 Laister, 2004, S.29
239 « Tatsächlich, dies wage ich zu behaupten, machen gerade diese Gruppen [die kleinen Vagabunden, Bettler und Dirnen] einen gewissen Zauber der Stadt aus, zumal sie auf einer alten Tradition aufbauen, die weit in das Mittelalter zurückreicht.“ Girtler in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.189
240 Laister, 2004, S.29
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Bewusstseins nicht mehr als Trägerin ökonomischen Fortschritts und positiver Imagewerte.“ 241
„Nach rund 40 Jahren stolzem Stahlstadtdasein hatte der Image-Träger Industrie ausgedient.“ 242
Linz konnte den Ansprüchen einer positiven Bildvermittlung zur Zeit des Amtsantritts Dobuschs nicht mehr gerecht werden. Das vormalige Leitbild war zusammengebrochen und die Stadt bedurfte einer Neuorientierung. Die wirtschaftliche Lage erholte sich zwar schnell wieder, Neustrukturierungen, staatliche Intervention und ein kräftiger Konjunkturanstieg im Jahre 1988 ließen die Wertschöpfung der Linzer Industrie wieder ansteigen 243 , problematisch war also in erster Linie das Image der Stadt. Selbst die EinwohnerInnen der Stadt schienen laut Umfrage 244 einem sogenannten „Linz-Syndrom“ verfallen zu sein. Mangelnde Identifikation sowie ein ambivalentes Verhältnis zur Stadt zeichneten die Bevölkerung von Linz damals aus. „Sie selbst fühlen sich eigentlich recht wohl in ihrer Stadt, aber das Fremd-Image schätzen sie als sehr schlecht ein.“ 245 Die StadtbewohnerInnen glaubten, „dass mit Linz nur düstere Bilder wie Stahl-Krise, Luftverschmutzung, (hoch)kulturelles Niemandsland assoziiert werden.“ 246
Für die Regierung Dobusch war es also primäres Anliegen dieses Linz-Bild nach innen und nach außen zu verbessern. Ziel war es von nun an, das Bild der Stahlstadt abzulegen und gemäss den zeitgeistigen Anforderungen ein neues Bild einer modernen, zukunftsorientierten Stadt mit Kultur zu präsentieren. Gerade in der Krise wurde die Chance zur Neuorientierung gesehen, eine Tugend, die doch genau den Charakter der Stadt auszumachen schien.
„Zwei Faktoren dominieren die Argumentationslinien, wenn Linz als prädestiniert für seine Entwicklung zur innovativen High-Tech-Stadt dargestellt wird: erstens -(…)- ein geographischer Determinismus, also die Lage an der Donau sowie an wichtigen Nord-Süd und Ost-West Transitstraßen. Als zweites entscheidendes Charakteristikum wird Linz eine genuine Innovationsbereitschaft zugeschrieben, die aus einem offenen, konstruktiven Umgang
241 Laister, 2004, S.77
242 Laister, 2004, S.89
243 vgl.: Lackinger, 2007, S.278f
244 vgl.: Laister, 2004, S.189
245 Laister, 2004, S.189
246 Laister, 2004, S.189
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mit Neuerungen resultiert und gezielt zur Unterscheidung von Städten mit bedeutungsschwerer Vergangenheit eingesetzt wird:“ 247
Diese „genuine Innovationsbereitschaft“ erklärt sich nicht aus sich selbst, sie gründet im Mangel an positiver kultureller Vorbelastung, könnte aber auch darin gesehen werden, dass ein Linzer Innovationsgeist historisch oft erzwungen wurde: Seien es die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, die Zeit des Zweiten Weltkriegs oder die Stahlkrise, Linz hatte mit gravierenden Umbrüchen umzugehen. In der Krise wurden neue Wege beschritten. Die sprichwörtliche „Not, die erfinderisch macht“ wurde den LinzerInnen quasi aufgedrängt. Auch die kulturellen Bewegungen der Stadt in den 1970er und 1980er Jahren entstanden aufgrund des Mangels an Kultur, das ermöglichte den Freiraum, der für neue Ideen genutzt wurde.
„Das Argument des weitgehenden Fehlens von repräsentativen städtischen Traditionen fungiert als Basis für die Konstruktion von Innovationsgeist als ‚Linzer Tradition’.“ 248
Es scheint sich fast um zwei naturgegebene Voraussetzungen zu handeln, die das Schicksal der Stadt Linz hier nicht zum ersten Mal massiv beeinflussen und in eine neue Richtung umschwenken lassen.
Einen erhöhten lokalen Innovationsgeist zu diagnostizieren und das Bild der Zukunftsorientierung zu konstruieren deutet auf ein überlegtes Marketing hin, jedoch muss angesichts des Mangels an aufbaufähigen Bildern aus der Stadtgeschichte vermutet werden, dass Marketingstrategen der Linzer Politik nicht viel anderes übrig blieb, als auf die Zukunft zurückzugreifen (!).
„Denn bestätigen zeitgenössische Forschungen der Vergangenheit ein unspektakuläres, wenig werbewirksames, teils nicht gerade repräsentatives (vor allem was die Ereignisse in der NS-Zeit betrifft) Gepräge, das im wachsenden Konkurrenzkampf der Städte schwer zur Profilierung einer Stadt eingesetzt werden kann, so bietet sich der Zukunft eine Chance: Es bleibt die Flucht nach vorne. Die Stadt fokussiert kompensationstaugliche Geschichtssegmente (Kulturstadt-Konstruktion zur Bewältigung des Provinzstadt-Traumas), sie sucht nach gegenwartskompatiblen Traditionen (wie etwa Innovationsgeist,
247 Laister, 2004, S.77
248 Laister, 2004, S.77
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Zukunftsorientiertheit, Technologiekompetenz) und verschreibt sich den zeitgeistigen Repräsentanten unserer fortgeschrittenen Konsumgesellschaft.“ 249
Diese Flucht in die Zukunft („Flucht nach vorne“), wie es Laister nennt, sollte nicht nur das schlechte Image der faden und stinkenden Stahlstadt übermalen helfen. Andere unvorteilhafte Bilder, die Linz anfangs seiner Neudefinition noch anhafteten, hoffte man vom Zukunftsimage überstrahlt ebenfalls abzulegen. Laister spricht hier von der nicht repräsentativen Vergangenheit und dem Provinzstadt-Trauma.
Das Inaugurationsjahr von Bürgermeister Dobusch, 1988, markiert in Österreich auch das Datum einer ersten Besinnung auf die eigene Vergangenheit. Das Gedenken an den 50 Jahre davor erfolgten Anschluss an Nazideutschland muss aus heutiger Sicht als historisch wichtiger Moment angesehen werden, da es die erste Sensibilisierung auf die eigene Schuld bedeutete. Gerade Linz kam hernach nicht darum herum, sich ebenfalls mit seiner Geschichte und seiner Bedeutung in der Zeit des Nationalsozialismus zu befassen. Denn das zuvor totgeschwiegene Erbe des Nationalsozialismus belastete ab diesem Zeitpunkt das Image der Stadt zusätzlich. Die Linzer Stadtregierung versuchte dem entgegenzusteuern, indem sie die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der oberösterreichischen Landeshauptstadt in Auftrag gab. Neben der Imagebereinigung wird diesem Akt auch noch eine weitere Wirkung zugeschrieben.
„Gedenken, Erinnern und Erklären kommt einer umfassenden Katharsis gleich. Diese gestattet offizielle Entlastung, wo historische Schuld eine Stadt und ihre BewohnerInnen angesichts des intimen und schwerwiegenden Verhältnisses zwischen Hitler und Linz plagt, und ermöglicht eine Rationalisierung der ambivalenten Gefühle zwischen stillem Stolz, verbotener Dankbarkeit und grenzenloser Scham.“ 250
Dieses ambivalente Verhältnis gipfelt bis heute in verstörenden und unüberlegt oder bewusst provozierend wirkenden Aussagen bzw. Diskursen. Anfang 2007 lautete die Schlagzeile eines Artikels auf Seite 2 der Linzer Rundschau: „Wieso Linz Hitler ‚halb’ dankbar sein muss.“ 251 Der Text handelt von einem Gespräch mit dem Linzer Universitätsprofessor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Roman Sandgruber über die Industrialisierung von Linz.
249 Laister, 2004, S.78f
250 Laister, 2004, S.83f
251 vgl.: Linzer Rundschau, 10.01.2007
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Interessanterweise wurde in der Überschrift das Wort „halb“ in Anführungszeichen gesetzt, und nicht das Wort „dankbar“. Diese Apostrophierung rührt womöglich daher, dass der Historiker auf die Frage, ob Linz dankbar sein müsse, antwortete, dass dies nur die halbe Wahrheit sei. 252
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema bringt der Stadt auch Lob ein: „’Ich kenne keine deutsche Stadt, die sich wissenschaftlich und publizistisch so intensiv mit ihrer NS-Geschichte beschäftigte wie Linz,’“ 253 und „’Es ist eine Leistung der Politik, dass Linz schwierige Kapitel seiner Geschichte nicht verdeckt. Damit erwirbt sich die Stadt Anerkennung.’“ 254 wird der stellvertretende Intendant von Linz 09 Ulrich Fuchs zitiert. Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahrs wird sich Linz 2009 auch oder vielleicht besonders im Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus international einem größeren Publikum stellen müssen. Die Ausstellung „Kulturhauptstadt des Führers“ im Schlossmuseum Linz ist ein erstes Eingeständnis, dass Linz diese Vergangenheit nicht vor Europa verbergen kann.
Zur Imageverbesserung wandte die Stadt Linz, wie bereits angeführt, stadtpolitische Strategien des Stadtmarketing an, die den Theorien von Häußermann und Siebel entsprechend auch der „Festivalisierung der Stadtpolitik“ zugerechnet werden können. Erster konkreter Ausdruck neben den erwähnten kulturpolitischen Akzenten waren die Feierlichkeiten zum 500 Jahre Jubiläum als Landeshauptstadt, 1990. Bis heute werden die zu diesem Anlass eingeführten Veranstaltungen „LinzFest“ und „Pflasterspektakel“ ausgetragen. Mit diesen beiden Einrichtungen und dem Bemühen, die Stadtgeschichte genauer zu beleuchten, sollte vor allem das Image der Stadt eine Veränderung erfahren. Nicht nur auf das Image nach außen, sondern besonders auf das damals angeschlagene Selbstbildnis der Stadt und ihrer BewohnerInnen waren diese Maßnahmen ausgerichtet.
„Das Bedürfnis, der Stadt ein klares, geschichtlich legitimierbares Profil zu verleihen, tritt im Kontext der Identitätssuche nach dem Wegfall ihrer Selbstdefinition als prosperierende österreichische Industriemetropole deutlich zutage.“ 255
252 vgl.: Linzer Rundschau, 10.01.2007
253 OÖN, 18.5.2007
254 OÖN, 18.5.2007
255 Laister, 2004, S.78
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Durch diese Feierlichkeiten wurden weitere für das heutige Selbstverständnis als Kulturstadt als maßgeblich angesehene Einrichtungen etabliert und es konnte durchaus ein Erfolg im Bezug auf die Überwindung des Stahlkrisentraumas erzielt werden.
„Die Ende 1985 manifest gewordene Krise der Stahlindustrie konnte in zahlreiche Aktivitäten und Vorbereitungen für das anstehende Jubiläum kanalisiert werden.“ 256
Neben der Klärung der Linz-Identität (Zukunftsstadt) und der Definition des Ziels (Kulturstadt), der Etablierung kultureller Veranstaltungen und der wissenschaftlichen Bearbeitung der dunklen Stadtgeschichte, wurden zur Polierung des Stadt-Images zudem diverse Imagekampagnen und die Bewerbung eines kulturellen Einkaufserlebnisses in der Stadt eingesetzt sowie der Innenstadtraum dem Image und dem Einkaufserlebnis entsprechend gestaltet und moderne Bauprojekte umgesetzt.
3.1.5.3. Inszenierung
Judith Laister zitiert den von Jean Baudrillard konstatierten Paradigmenwechsel in westlichen Industriestaaten, der sich im Wandel der Stadt vom „politisch-industriellen Polygon“ zum inszenierten „Polygon der Zeichen, der Medien und Codes“ äußert. 257 Die Macht der Bilder, die uns nicht nur in der Stadt ständig umgeben und verführen, ist zentral in Baudrillards Theorie der Simulation. „Medien- und Informationstechnologien setzen eine ‚Orgie der Bilder’ in Gang, eine Welt der Simulation, in der keine Einbildungskraft mehr wirksam werden kann.“ 258 Die Bilderwelt ist bedeutender und sogar realer als die Wirklichkeit geworden. Es stellt sich die Frage, ob Menschen noch Bilder oder Bilder Menschen kreieren? 259 In der Stadt manifestiert sich der Bedeutungswandel von Bildern und Wirklichkeit besonders deutlich: „Gerade Städte sind Schauplätze dieses Übermaßes an Bildkreation und -distribution. Sie erweisen sich nicht mehr als Orte industrieller Konzentration und Warenproduktion, sondern als Orte der Produktion und Exekution von Zeichen, Modellen, Bildern.“ 260 Angesichts der technischen Möglichkeiten und der in immer größeren Ausmaße stattfindenden Übertragung der selbstbestimmten Bildproduktion an Maschinen kommt die Theorie zu einem pessimistischen Schluss. „Am Ende dieses
256 Laister, 2004, S.78
257 Baudrillard in: Laister, 2004, S.180
258 Laister, 2004, S.140
259 vgl.: Laister, 2004, S.18f
260 Laister, 2004, S.18
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Prozesses, so Baudrillard, steht die Simulation, die exakte Vorausplanung durch eine ‚neokapitalistische, kybernetische Ordnung, deren Ziel die absolute Kontrolle ist.’“ 261
Die Hervorhebung der Rolle der Bildproduktion, -distribution sowie -rezeption im Bezug auf den Wandel westlicher Städte, insbesondere der Industriestädte, so wie sie Judith Laister mit Bezug auf den französischen Medientheoretiker Jean Baudrillard in „Schöne neue Stadt“ vornimmt, ist ebenso eine Variante diesen Wandel darzustellen, wie ihn als Übergang von der Industrie- zur Kulturstadt zu bezeichnen. Die in Mannheim geborene Architekturtheoretikerin Angelika Schnell sieht den Wandel zur Kulturstadt im Übergang zur Konsumgesellschaft begründet.
„Und vor allem kann man nicht unterschlagen, dass der Wandel von der Industrie- zur Kulturstadt in erster Linie durch den Wandel von der Industrie- zur Konsumgesellschaft hervorgerufen wurde, was ebenfalls keine aktuelle Entwicklung ist und auch Standorte großer Fabriken wie Linz und Mannheim betrifft.“ 262
Gerade im Bezug auf Linz will die Autorin klarstellen, dass der Umbau von Linz zur Kulturstadt keine Einzigartigkeit darstellt.
„(...), freilich sollte man nicht übersehen, dass der Wandel von der Industrie- zur Kulturstadt nicht nur keine Linzer Spezialität, sondern auch bereits vollzogen ist.“ 263 Effekt dieses generellen Wandels der Stadt hin zur Kulturstadt, ist, „dass für die erfolgreiche Vermarktung der Städte neben materiellen und infrastrukturellen Voraussetzungen zunehmend kulturelle Werte im Sinne der ‚urbanen Qualitäten eines Ortes’ [Anm. Sharon
Zukin] vorzuweisen sind.“ 264
Was nun mit Urbanität gemeint ist, dazu gibt es viele Vorstellungen. Hartmut Häußermann beschäftigt sich in einem Aufsatz mit dem Begriff Urbanität und nennt dabei fünf Definitionen auf unterschiedlichen Ebenen: 265 Urbanität kann mit dem sozialökologischen, einem funktionalistischen, einem sozialpsychologischen und politischen Ansatz und als Emanzipation von der Natur beschrieben werden. Diese Ansätze beinhalten sowohl die Vorstellungen eines verdichteten Sozialraums als auch die Definition der Urbanität als Ergebnis von Geschichte. Der Stadtsoziologe vermisst unter diesen Ansätzen aber die Sicht, dass Urbanität auch noch weitere nämlich chaotische und anarchistische Elemente beinhaltet
261 Laister, 2004, S.18
262 Schnell in: Fitz, Heller, 2008, S.176
263 Schnell in: Fitz, Heller, 2008, S.175
264 Laister, 2004, S.186
265 vgl. : Häußermann in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.68
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könnte: „Urbanität ist immer auch gegen das Glatte, gegen die geordnete Stadt gerichtet.“ 266 In Linz wird ebenfalls der Begriff Urbanität eingesetzt, um eben jene urbanen Qualitäten anbieten zu können, die im internationalen Städtewettbewerb als maßgeblich Faktoren angesehen werden. Judith Laister spricht von „Inszenierter Urbanität“ 267 und beschreibt die Ausformungen des Linzer Stadtraums anhand ihrer gezielt eingesetzten Urbanitätscodes und ihrer Bilderkraft. Der Bau der Einkaufswelten Arkade und Atrium und der Einsatz von Imagekampagnen, die dem Ideal entsprechende Menschen und Sujets abbilden, sprechen die selbe Sprache, beinhalten die gleichen Codes und demonstrieren damit einen hegemonialen Anspruch auf den öffentlichen Raum, der keine alternative Welten duldet. „Die Kultivierungs- und Ästhetisierungsprozesse richten sich klar an eine bestimmte urbane Gruppe, die imstande ist, die neue Sprache dieser Räume als symbolische Zugeständnis an ihren Lebensstil zu lesen. In diesen sozialräumlichen Umgestaltungen der City-Distrikte findet sich ihr kultureller Hegemonieanspruch legitimiert.“ 268
„Die gezielte und permanente Imitaion und Konstruktion materieller wie immaterieller Versatzstücke erzeugt ein Bild der Stadt, als dessen RezipientInnen wohlhabende KundInnen vom Typus des Homo Aestheticus (Wolfgang Welsch) vorausgesetzt werden.“ 269
Nicht einem modernen, bürgerlichen, konsumfreudigen Bild entsprechende Personen sollen sich in diesen Räumen nicht wohl fühlen. Judith Laister spricht hier, Bezug nehmend auf den französischen Soziologen Alain Touraine, der das Bild der wieder auferstandenen Bürgerstadt zeichnet, von einer „reaktionären Stadtideologie“, die „die Verdrängung und Exklusion sozialer Randgruppen und unstrukturierter Zonen aus den Innenstädten unter Berufung auf die Restabilisierung urbaner Kultiviertheit und bürgerlicher Leiteliten“ 270 mit sich bringt. Laister nimmt auf Richard Sennett Bezug, der vor einem „’Verfall und Ende des öffentlichen Lebens’ zugunsten einer auf Passivität, Hedonismus, zwischenmenschliche Gleichgültigkeit und widerstandsloses Konsumieren ausgerichteten BewohnerInnenschaft“ 271 warnt. Wenn Urbanität derart inszeniert wird, erscheint eine Definition von Urbanität als „emanzipatorische Tugend“ 272 als nicht mehr zeitgemäß. Auch Hartmut Häußermann spricht
266 Häußermann in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.72
267 Laister, 2004, S.177
268 Laister, 2004, S.123
269 Laister, 2004, S.200
270 Laister, 2004, S.123
271 Laister, 2004, S.188
272 Häußermann in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.70
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von überholter 273 bzw. neuer 274 Urbanität, schätzt aber generell die Möglichkeit der Steuerung bzw. Inszenierung von Urbanität als begrenzt ein: „Die Elemente einer neuen Urbanität sind nur teilweise durch Planung und Stadtpolitik beeinflussbar“ 275 , denn „So gibt es auch Städte ohne Urbanität, denn äußerlich ist diese nicht definierbar und nicht herstellbar.“ 276 In Linz wird Urbanität als Einkaufsparadies mit kulturellem Flair 277 inszeniert. Bezugnehmend auf die Überlegungen des Berliner Stadtsoziologen entspricht dies nicht einer gewachsenen Urbanität, die von jener inszenierten Urbanität erst gar nicht ermöglicht, sondern eher verdrängt und ausgeschlossen wird.
3.1.5.4.Bautätigkeit
Die Urbanitätsvorstellungen der Stadt Linz wurden und werden baulich umgesetzt und materialisieren sich in glatten, sauberen Flächen, Wänden, Plätzen und Räumen. Stahl, Glas und Beton dominieren.
Unter Franz Dobusch wurden viele städtebauliche Projekte umgesetzt. Die diversen Publikationen der Stadt Linz vermitteln durchaus den Eindruck, als wäre in dieser Amtszeit der Großteil der Linzer Infrastruktur errichtet worden: Wohnprojekte, Betriebsansiedlungen in Betriebsparks, neue Sportanlagen, Modernisierung der Infrastruktur, etc. sind in den bereits erwähnten Veröffentlichungen der SPÖ-Linz dokumentiert. Das Design Center war ein erster großer Meilenstein. Durch das neue moderne Konferenzzentrum erfuhr das Gebiet um den neu benannten Europaplatz eine Belebung. Das Gebäude polarisierte anfangs, ist mittlerweile aber etabliert und akzeptiert.
Die Bautätigkeit hat in den letzten Jahren eine nochmalige Zunahme erfahren. Bis zum Jahr 2009 sollen aber der Großteil der Umbauarbeiten in der Stadt vollendet sein. Dann kann sich die fertiggestellte Kulturstadt Europa präsentieren. Das Kulturhauptstadtjahr 2009 wurde und wird dementsprechend als Ziel und Motiv für die Umsetzung großer Bauprojekte genannt. „2009 naht. Und wird zum Argument für - oder auch gegen - fast alles, was derzeit in der Landeshauptstadt so angepackt wird.“ 278
273 vgl.: Häußermann in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.75
274 vgl.: Häußermann in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.77
275 Häußermann in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.79
276 Häußermann in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.80
277 vgl.: Laister, 2004, S.187
278 OÖN, 26.07.2007
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Neben einem repräsentativen Bahnhof, der als Mindestvoraussetzung für ein Kulturhauptstadtjahr angesehen wurde, werden auch die neuentstandenen Hochhäuser im Bahnhofsviertel, nicht zuletzt der „Wissensturm“ 279 , und die Gebäude entlang der einen städtischen Achse entlang der Nibelungenbrücke und Landstraße als für die Etablierung von Linz als moderne, wenn man so will, „Zukunftsstadt“, wichtige Einrichtungen angepriesen. Für alle Bauprojekte gilt das Kulturhauptstadtjahr als zentraler Termin. Viele Großprojekte, die im Begriff sind, rechtzeitig für das Jahr 2009 fertiggestellt zu werden, stehen sehr direkt mit dem Ereignis in Verbindung. An den Kultureinrichtungen Ars Electronica Center, Landesbibliothek, dem Südflügel des Schlossmuseums, dem „Salzamt“ und den neuen Hotels am Dom und am Hessenpark sind im Herbst 2008 die Bauarbeiten schon weit vorangeschritten. Mit dem Argument, damit eine Attraktivitätssteigerung für TouristInnen zu erreichen, wird sogar die 100 Jahre alte Bahn auf den Pöstlingberg renoviert und auf den Hauptplatz verlängert. Nur ein Gebäude wird im Jahr 2009 nicht fertiggestellt werden. Es wäre als ein für das Kulturjahr zentrales Bauwerk gedacht gewesen. Das Musiktheater. Anscheinend war das Motivationspotenzial des Kulturhauptsstadtjahrs nicht groß genug, dass der Bau realisiert werden hätte können. Jene Kraft, die durch Großereignisse entfacht, im Stande ist, die agierenden Parteien zu veranlassen, im Sinne des gemeinsamen Ziels Projekte schneller und unkomplizierter umzusetzen, scheint hier nicht groß genug gewesen zu sein. Gemeint ist jenes „Eigendoping“ 280 , das Häußermann und Siebel in ihrer Theorie der Festivalisierung der Stadtpolitik beschreiben.
Die gesamten Kosten für die beschlossenen und sich in Umsetzung befindlichen hier genannten Bauprojekte betragen in Summe rund 240 Millionen Euro. „Das ist ziemlich genau das Sechsfache jener Kosten, die für die Abwicklung des eigentlichen Hauptstadt-Events 2009 zur Verfügung stehen.“ 281
Für die Umsetzung die hier in die Kalkulation eingerechneten Projekte ohne dem Musiktheater, sowie für den Umbau der Promenade vor dem Landhaus und die vielfältigen Gestaltungsarbeiten in der ganzen Stadt kann das Kulturhauptstadtjahr aber sehr wohl als kumulativer Motivator erfolgreich wirksam angesehen werden. Die Stadtpolitik zeigt trotz Scheiterns beim Musiktheaterbau die Handlungsfähigkeit und Kompetenz in der Realisierung von Projekten. Nicht das Großereignis an sich, sondern bereits die im Umfeld dieser
279 Ein Hochhaus, das mehrer kultur- und bildungsrelevante Stellen der Stadt Linz beherbergt: z.B.: Volkshochschule, Bücherei, Medienwerkstatt, Vortragsräume, etc. vgl.: http://www.linz.at/bildung/wissensturm.asp, 15.10.2008
280 vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S.21
281 Wojciech Czaja/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16./17.4.2006
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Veranstaltung durchgeführten Veränderungen setzen Zeichen in der Stadt. Die Stadt Linz zeigt sich hinsichtlich des Baus repräsentativer Hüllen gemeinsam mit ihren Partnern (Land Oberösterreich und Raiffeisen Landesbank) als im Stande und ihrem selbst entworfenem Image entsprechend.
Der veränderte Charakter der Stadtpolitik, wie er in der Theorie der Festivalisierung der Stadtpolitik (vgl.: Kapitel 2.3.2.) beschrieben wird, kommt in Linz angesichts dieser zentrierten terminfixierten Bautätigkeit zum tragen. Ein Grund für die Entscheidung für die Ausrichtung der Großveranstaltung Kulturhauptstadt wird also auch in dieser Funktionsweise der Stadtpolitik gesehen. Für die Frage, warum Linz das Kulturhauptstadtjahr begeht, bedeutet dies also auch, dass das Großereignis dazu herangezogen wird, für nötig erachtete Gebäude schneller, weil unter Zeitdruck, errichten zu können und auch damit Handlungsfähigkeit zu signalisieren.
Neben der positiven Auswirkungen eines Festivals auf die Leistungsfähigkeit und Entscheidungsfreudigkeit in der Stadtpolitik, muss darüber hinaus noch erwähnt werden, dass jedes einzelne dieser Bauvorhaben, die Kulturbauten im Speziellen, selbst ein Projekt darstellt, mit dem durchaus stadtpolitische Ziele verfolgt werden. Das Kunstmuseum „Lentos“ ist für die Stadt Linz ein solches Projekt. Alleine schon mit der Eröffnung dieser Einrichtung konnte Linz weit über die Stadtgrenzen hinweg verkünden, dass sie es ernst mit der „Kulturstadt“ meint. Dabei ist gar nicht so wichtig, welche Ausstellungen darin stattfinden, welche künstlerischen Qualitäten dort gezeigt werden, sondern nur, dass das Gebäude vorhanden ist. „Der Erfolg eines Projekts hängt immer weniger von seinem Inhalt und immer mehr von seiner Hülle, seiner Verpackung ab.“ 282
Oft ist es alleine der Name eines bestimmten Stararchitekten oder einer angesehen Kulturinstitution, der einem neuen Objekt die ersehnte Aufmerksamkeit bringt. Bilbao wird seit der Errichtung des Museums mit dem Namen Guggenheim in Verbindung gebracht und die internationalen Fachmedien schenken jener Stadt mehr Interesse, in der ein Stararchitekt wie Norman Foster ein neues Gebäude errichtet.
Für Linz kann dies nun bedeuten, dass der Effekt eines Ars Elektonica Centers alleine schon mit seiner Errichtung oder Neueröffnung erreicht ist, und es nicht mehr darauf ankommt, was es darin zu sehen und zu erleben gibt. Das AEC ermöglicht wiederum der Linzer Stadtpolitik seinen Status als Kulturhauptstadt 2009 zu bekräftigen, der nun wieder als geeignet erscheint,
282 Venturi in: Häußermann, Siebel, 1993, S.58
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Linz mitsamt dem AEC als „zukunftorientierte Medienstadt“ mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
3.1.5.5. Musterstadt
Eine Aufzählung verschiedener Namen, die Linz in Kapitel 3.3.1.charakterisieren sollen, beinhaltet auch die Bezeichnung „Musterstadt“. Diese Eigenschaft, etwa durch nachahmenswerte Innovationen ein Vorbild darzustellen oder zumindest der Platz von Erneuerung zu sein, wird an unterschiedlichen Stellen und in unterschiedlichem inhaltlichen und historischen Zusammenhang im Zusammenhang mit der Stadt Linz betont. In mehreren Quellen ist davon die Rede, dass bereits die nationalsozialistischen Machthaber aus Linz ein vorzeigbares Modell nationalsozialistischer Stadtvorstellung machen wollten, was den immensen Vorhaben, die in Kapitel 3.1.2.2. beschrieben wurden, durchaus entsprochen hätte. In besagten Textstellen wird der Terminus „Musterstadt“ verwendet:
„Hitlers Linz-Pläne gingen weit über die eines Jugendtraums hinaus. Linz sollte nicht nur die schönste Stadt an der Donau werden, ihr sollte auch der Stellenwert einer nationalsozialistischen Musterstadt auf der einen und einer ‚Gründungsstadt des Großdeutschen Reichs’ auf der anderen Seite zukommen.“ 283
Auch Judith Laister schreibt unter der Überschrift „Traum und Trauma der Provinz: Hitropolis“ 284 : „Hitlers erklärtes Ziel war es, Linz zur ‚nationalsozialistischen Musterstadt’ auszubauen, die als Gegenmodell zur von ihm negativ und bedrohlich erfahrenen Vielvölkermetropole Wien seine persönliche Handschrift tragen sollte.“ 285 Die Terminologie „nationalsozialistische Musterstadt“ entlehnt Laister selbst einem anderen Autor: Fritz Mayerhofer („Die Patenstadt des Führers“).
In der Ära Dobusch wird Linz vornehmlich als „soziale Musterstadt“ beworben. „Linz ist eine soziale Musterstadt. Stadtväter und Stadtmütter lassen kaum eine Gelegenheit aus, dies zu betonen.“ 286 Neben dem wirtschaftlich starken Linz, dem Kulturstadtimage und einer beschworenen Zukunftsorientiertheit ist es der regierenden sozialdemokratischen Stadtpartei wichtig, diesen Charakter der Stadt zu kommunizieren. Die in den Publikationen der SPÖ- 283 OÖN,18.08.2001
284 Laister, 2004, S.63
285 Laister, 2004, S.65
286 OÖN, 4.01.2006
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Linz breit dokumentierten Infrastruktureinrichtungen auf diesem Gebiet sollen den selbstverliehenen Status der „sozialen Musterstadt“ bekräftigen. Auf Plakaten, sowohl der Stadt Linz als auch der SPÖ-Linz, wird daher auf „Linz - Die soziale Musterstadt“ hingewiesen.
Ein Vorreitercharakter wird aber auch in anderen Bereichen bemüht. Diverse Formulierungen in der lokalen Berichterstattung zitieren des öfteren einen sich in Teilbereichen offenbarenden vermeintlichen Innovationsgeist als Linzer Besonderheit und sprechen ebenfalls von Muster-und Modellhaftigkeit im Bezug auf Linz.
„Seitdem es gelungen ist, die ‚gehaltvolle’ Linzer Luft zu sanieren, pflegt Linz das Image einer Umwelt-Musterstadt.“ 287
„Eigentlich sollte die Solar-City in Linz-Pichling eine Musterstadt werden.“ 288
„Doch Linz soll eine ‚akustische Modellstadt in Europa’ werden. Das wird der Gemeinderat mit der ‚Linzer Charta’ beschließen.“ 289
Auch der Vizeintendant der Linz 09 GmbH. Ulrich Fuchs sieht in einem Interview mit den OÖN in Linz eine beispielgebende Stadtentwicklung:
„Bei uns geht es um ein Stadtgebiet als Modell. Eine Industriestadt, die auf dem Weg zur Kulturstadt ist und dabei noch die Lebensqualität einer Naturstadt hat - das gibt es in Europa sonst gar nicht mehr so.“ 290
Dass ein solch beschworener Musterstadtcharakter in manchen Bereichen aber nicht exakt der Realität entspricht, wird in den entsprechenden Artikeln der oberösterreichischen Nachrichten kritisiert. Bezugnehmend auf eine propagierte „Umwelt-Musterstadt“ kommen die OÖN zu dem Schluss: „Die ökologische Gesamtbilanz für Linz ist nach wie vor nicht mehr als durchschnittlich.“ 291 Auch wenn diese Einschätzung schon mehrere Jahre zurückliegt, so muss auch heute noch konstatiert werden, dass Linz keinen Vorzeigecharakter in Sachen Umweltschutz vorzuweisen hat. Alleine die Verkehrstaktik der Stadt, die in den letzten Jahren immer noch vehement auf den motorisierten Individualverkehr setzt, ist ein Zeichen dafür, dass das ökologische Bewusstsein der Linzer Stadtregierung keine internationale
287 OÖN, 4.08.1998
288 OÖN, 24.03.2003
289 OÖN, 4.09.2008
290 OÖN, 17.04.2007
291 OÖN, 4.08.1998
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Vorreiterrolle spielt. Auch der Titel „Soziale Musterstadt“ wird relativiert. Die OÖN umschreiben die Situation folgendermaßen: „Bei der Hardware steht Linz recht gut da. Doch bei der Software gibt’s Probleme.“ 292 Damit ist gemeint, dass die Stadt zwar sehr viele Bauten für den Sozialbereich errichtet, aber: „Manche im Linzer Rathaus waren offenbar verwundert, als sie fest stellten, dass zusätzliche Einrichtungen zusätzliches Personal brauchen.“ 293 Sehr treffend analysiert der Artikel dabei die Motivationslage der Stadtregierung: „Ein spezielles Problem in der Vorstellungswelt mancher Stadtmächtigen ist die Sozialarbeit. Anders als zum Beispiel beim Bauen sind Erfolge in der Sozialarbeit nicht sofort wahrnehmbar und nicht so einfach herzeigbar.“ 294
Die Selbstdefinition als Musterstadt, sei es auf sozialem oder ökologischem Gebiet, ist jedoch für die Stadtregierung eine weitere Bestätigung für den positiven Wandel in Linz und somit ein Aspekt mehr, der mithilfe eines Kulturhauptstadtjahres an eine breitere Öffentlichkeit kommuniziert werden soll.
3.1.5.6. In Linz beginnt’s
Dem ständigen Bemühen, anhand der Geschichte oder neuer Einrichtungen Linz etwas überzogen als Musterstadt zu präsentieren, stehen aber auch Phänomene und Institutionen gegenüber, die in Linz tatsächlich schneller oder früher als in anderen Städten auftraten. Dabei war Linz vielleicht die erste oder eine der ersten Städte in denen folgende Tendenzen mit zuerst beobachtbar waren.
Dazu zählt in erster Linie die Einführung der Ars Electronica in den späten 1970er Jahren. Natürlich gab es weltweit unzählige Menschen, die sich mit Computerkunst beschäftigten, alleine die internationale Musikszene der damaligen Zeit war bestückt mit Namen, die auch heute noch vielen ein Begriff sind (z.B.: Pink Floyd). Dass sich aber eine Stadtregierung, auch getragen von einer positiven Resonanz der Stadtbevölkerung, so früh dieser Idee verschrieb und ein stadttragendes Festival als identitätsstiftendes Vehikel daraus konstruierte, ist wohl einzigartig. Das Festival Ars Electronica konnte mit dem Prix Ars Electronica, dem sogenannten „Oscar“ für Computerkunst, der seit 1987 vergeben wird 295 , zu internationalem Ansehen gelangen. Die goldene Nica für Computeranimation ging im ersten Jahr an den Kurzfilm „Luxo jr.“, die erste Produktion des kalifornischen
292 OÖN, 4.01.2006
293 OÖN, 4.01.2006
294 OÖN, 4.01.2006
295 Vgl.: http://www.aec.at/de/archives/prix_einstieg.asp, 4.8.2008
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Computeranimationsunternehmens „Pixar Animation Studios“, das in den folgenden Jahren durch seine Zusammenarbeit mit den „Walt Disney Studios“ und der Produktion mehrerer erfolgreicher Kinofilme (z.B. „Finding Nemo“) zu weltweitem Ansehen gelang. Ein kleiner Teil der Anerkennung wurde auch der Ars Electronica zuteil, jener vorausschauenden Einrichtung, die zielsicher und als erste die Qualitäten dieser innovativen Künstler erkannt und gewürdigt hatte. Das Linzer Festival galt alsbald als wichtigste Veranstaltung für die Avantgarde der Computerkunst.
„Ars Electronica hat sich zum weltweit führenden Festival der Medienkunst entwickelt, bringt jährlich Spitzen der Wissenschaft, Kunst und Technologie nach Linz und an die 500 Journalisten, Radio- und TV-Stationen, die weltweit berichten.“ 296
Diese Worte stammen von Hannes Leopoldseder, einem der Begründer des Festivals, der in den OÖN über die zentrale Bedeutung der Ars Electronica für Linz und die Kulturhauptstadt schreibt. Aber auch andere Berichterstatter der Zeitung sparen nicht mit Lob für diesen kulturellen Meilenstein: „Und können darauf stolz sein, dass Ars Electronica eine international bekannte Trademark von Linz geworden ist.“ 297
Vielleicht war der Erfolg dieses Festival mit dafür verantwortlich, das Element Zukunft in der Stadt noch stärker zu betonen. Hier jedenfalls möchte ich auf zwei weitere Aspekte hinweisen, wo Linz auch zur internationalen Avantgarde gezählt werden kann. Dies wäre zunächst die Architektur des Linzer Kunstmuseum Lentos. Es war eines der ersten Gebäude, zumindest in Europa, das als Ganzes im Dunkeln leuchten konnte. Durch die hinter der Glasfassade angebrachten Leuchtstoffröhren, denen verschiedene Filter vorgesetzt werden, erstrahlt das Haus schon im Jahr 2003 entweder in hellroter oder hellblauer Farbe. Den gleichen Effekt erzielt das neue Stadion der Stadt München, die Allianz Arena. Die Fassade, die aus unter Luftdruck stehenden Folienkissen besteht, leuchtet je nach spielender Mannschaft in rot (FC Bayern München), blau (TSV 1860 München) oder weiß (Deutsche Nationalmannschaft). 298 Dieses Stadion wurde rechtzeitig zur Fußball Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland fertiggestellt und präsentierte somit um drei Jahre später als das Lentos diese leuchtende Architektur. Ebenso verhält es sich mit dem Torre Agbar 299 in Barcelona. Die
296 OÖN 27.8.2004
297 OÖN, 7.9.2004
298 vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Allianz_Arena, 4.8.2008
299 vgl. : http://www.torreagbar.com/home.asp, 4.8.2008
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spektakuläre runde Architektur dieses viel beachteten Hochhauses beinhaltet auch die Fähigkeit die ganze Fassade in verschiedenen Blau-, Grün- und Rottönen erstrahlen zu lassen, und dieses Gebäude wurde genauso erst nach dem Lentos errichtet, wie auch das Kunstmuseum Stuttgart, das ab 2005 mit der nächtlichen Beleuchtung auf sich aufmerksam machte. 300 Angesichts der problematischen globalen Energieverknappung bleibt die Frage offen, wie „zukunftsorientiert“ eine solche Innovation ist?
In einem ganz anderen Bereich lassen sich in Linz ebenso Tendenzen aufweisen, die in den darauffolgenden Jahren zu einem internationalen Phänomen geworden sind. Als im Jahre 1997 der Linzer Fußballklub „FC Linz“ (vormals „SK Vöest Linz“) unter dem Deckmantel einer Fusion vom Stadtrivalen Linzer Athletik Sport Klub, mit dem Ziel der Schaffung eines oberösterreichischen Großklubs, einverleibt worden ist, konnten sich viele Anhänger des „FC Linz“ nicht damit abfinden und verweigerten dem neuen Klub, der immer noch die gleichen Farben wie der Stadtrivale hatte und auch keine bedeutende Namensänderung durchführte, die Gefolgschaft. Stattdessen arrangierten sich die Fans mit einem Klub aus einer unteren Liga und der „FC Blau-Weiss Linz“ wurde gegründet. Dieser Vorgang ging anderen Fanwanderungen bzw. Faninitiativen in Europa voraus. Als Protest gegen eine überhandnehmende Kommerzialisierung des Fußballs und gegen die „die Fankultur bedrohende Repression“ 301 verschreiben sich europaweit Fußballfans dem Motto „Gegen den modernen Fußball“ 302 und verlassen im schlimmsten Fall, der Preisgabe ihres Klubs an den Kommerz, ihren Verein, um in einer unteren Liga ein neues Team zu unterstützen 303 , selbst einen Klub zu gründen 304 oder sie sind, so wie es Linz geschah, darauf angewiesen einen neuen Klub zu finden, weil ihr Verein wegen finanzieller Gründe zu existieren aufgehört hat. Die Fankultur kann sich im Heimstadion des „FC Blau-Weiss Linz“, dem „Donauparkstadion“, ohne hohe Sicherheitsauflagen, wie sie etwa im Linzer Stadion auf der Gugl gelten, voll entfalten. Dabei profitiert die blauweiße Fangemeinde vor allem von der Toleranz gegenüber der Verwendung von Pyrotechnik im Fanblock. Aus den großen Stadien Europas sind die rot leuchtenden sogenannten „Bengalischen Feuer“ längst aus Sicherheitsgründen verbannt worden.
300 vgl. : http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/de/index.php?site=2&page=4_1, 4.8.2008
301 vgl.: http://www.ultrasrapid.at/pages/gdmf1.htm, 4.8.2008
302 vgl.: http://www.ultrasrapid.at/pages/gdmf_menu.htm, 22.10.2008
303 vgl.: Salzburg: http://www.violett-weiss.at/index.php, 4.8.2008
304 vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/FC_United_of_Manchester, 12.09.2008
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Was ich hiermit verdeutlichen will, ist der Umstand, dass Bereiche genannt werden können, wo Linz, gemäß dem bekanntesten Werbeslogan für die Stadt „In Linz beginnt’s“, gewisse Trends vorgezogen durchgemacht hat. In jeder Linzer Äußerung eine Vorreiterrolle oder einen Mustercharakter zu bemühen, was durch die PR-Arbeit der Stadt Linz oft vermittelt wird, erscheint aber als übertrieben.
Die ungewöhnlich lange Amtszeit von Bürgermeister Franz Dobusch spannt sich über eine zwanzigjährige Entwicklungsperiode, in der Linz die Krise überwunden hat und als von einer Industriestadt in eine Kulturstadt transformiert präsentiert wurde und wird. Große Projekte wurden umgesetzt und sind im Entstehen, aber das Ziel, auch Anerkennung für die erbrachten Erfolge zu erlangen, rückt nur langsam näher. Das im internationalen Städtewettbewerb so wichtige Image von Linz ist von negativen Geschichtsbildern geprägt, die BewohnerInnen der Stadt sind dadurch tief getroffen. Durch die Mythenbildung einer innovativen Stadttradition wird eine neue Identifikation mit der Stadt angeboten, die eine stadtspezifische Zukunftsorientierung konstruiert von proklamiert. Dem Erfordernissen der Städtewettbewerbs entsprechend setzt Linz auf Kultur als Stadtentwicklungsfaktor, das Festival und den Bau von aufmerksamkeitserregenden Repräsentationshüllen. Der Konsumcharakter der hier zur Anwendung kommenden Kulturvorstellung der Verwertbarkeit künstlerischer Strömungen führt zu einer entsprechenden Ausstattung des städtischen Raumes. Machtverhältnisse werden dadurch visualisiert und rekonstruiert. Entsprechende gesamtgesellschaftliche Effekte, die in der Soziologie behandelt werden, wirken hier auch in Linz, speziell jene der segregierten Raumaneignung und Exklusion.
Das besondere Anliegen, das Image der Stadt Linz zu verbessern, soll durch die Abhaltung eines Kulturhauptstadtjahres erreicht werden. Diese Imageverbesserung wird als nötiger Balsam für eine in gewisser Weise traumatisierte Stadt angesehen. Endlich soll der Stadt, ihren wichtigen Köpfen und ihrer Bevölkerung auch einmal Anerkennung in größerem Stil zu Teil werden.
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3.2. Ein Blick von oben
W.H. Riehl, ein deutscher Journalist, Novellist und Kulturhistoriker 305 , meinte Roland Girtler zufolge, „man müsse sich das Gebiet, dessen Leben man studieren will, erwandern und es auch von oben (!) besehen, am besten von einem Kirchturm.“ 306 Für die Stadtsoziologie - Robert Park kam während seines Deutschlandaufenthaltes wahrscheinlich mit den Schriften Riehls in Berührung - hat dies die bekannte detektivische und journalistische Zugangsweise zur Folge, die die Chicagoer Schule charakterisierte. Die technische Neuheit der Wolkenkratzer ermöglichte diesen Stadtsoziologen einen Blick von oben auf die Stadt, ihr Forschungsfeld, zu werfen.
Durch einen immens weiteren Fortschritt der Technologie kann ich heute ebenfalls einen Blick von oben auf die Stadt werfen. Dazu bedarf es nicht einmal, dass ich den defizitären Schreibtisch verlasse. Durch das Computer Programm „Google Earth“ (ähnliche Anbieter, die ebenfalls diesen Service offerieren sind z.B.: MS Virtual Earth oder www.herold.at) kann ich aus der Vogel- bzw. Satellitenperspektive die Stadt von oben betrachten, während am gleichen Bildschirm im Vordergrund das Fenster des Textverarbeitungsprogramms offen ist, wo diese Zeilen eingetippt werden. Auf der rechten Hälfte meines Bildschirms ist der Bulgariplatz und die A7 Autobahn aus dem Flugzeug fotografiert zu sehen. Mit der Maus ist es jederzeit möglich näher oder weiter weg zu zoomen, die Landschaft weiter zu schieben oder jede beliebige Stadt der Welt anzusteuern. Amerikanisches Rastermuster, Afrikanische Siedlungsformen, die Verbotene Stadt in Peking, so ziemlich jede größere Agglomeration eröffnet dem Stadtforscher Einblicke von oben direkt vom Schreibtisch aus. Mit diesem höhenverstellbaren Blick von oben auf die Stadt lässt sich einiges erkennen. Gelände, Verkehrswege und die Gebäudemorphologie markieren Linien und Stränge, an denen sich die Stadtentwicklung vollzogen hat bzw. nachvollziehen lässt.
Linz beschreibt von oben betrachtet, sowohl durch die Stadtgrenzen als auch durch die Besiedelung, anders als andere Städte, deren Form zu einem Kreis tendiert (vgl. Konzentrische Kreise, Park), eine längliche Form, die sich von Norden nach Süden mit einer schlanken Taille, die das historische Zentrum sowie Gewerbeflächen und Industrie beheimatet, erstreckt, um an den Südgrenzen fließend ins Agglomerationsmeer des oberösterreichischen Zentralraums überzugehen.
305 http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Heinrich_Riehl 6.3.2008
306 Girtler in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.193f
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Ins Auge stechen sowohl der Verlauf der Donau, der eine starke Krümmung beschreibt und so der Stadt auch indirekt den Namen gegeben hat (Lentos: keltisch: biegsam; daraus entstand Lentia und daraus wiederum Lintz und dann Linz), so wie die Hafenanlagen im Osten der Stadt.
3.2.1. Die Donau, der rechte Winkel und die Morphologie
An der Donau begann auch die Besiedelung von Linz. Denn an dieser Stelle war es leichter, den wilden Fluss zu überqueren. Anfangs mit einem Floß, später mit einer Brücke. In dieser Funktion wird Linz sogar in der Belletristik erwähnt. Im Roman „Der Medicus“ von Noah Gordon überquert die Hauptfigur der Geschichte auf seiner Reise von London nach Isfahan die Donau in Linz. Bemerkenswerterweise führt ihn sein Weg dabei von Süden nach Norden, vom Alpenvorland ins Mühlviertel, um von dort nach Prag zu gelangen.
„Die Donau erwies sich als ein unerwartet großes Hindernis. Die schnelle Strömung und die bedrohliche, ölig wirkende Oberfläche ließen erkennen, dass es sich um ein tiefes, gefährliches Gewässer handelte. Charbonneau blieb einen Tag länger als abgemacht bei ihm, weil er darauf bestand, mit ihm flußabwärts zu dem wilden, halb befestigten Dorf Linz zu fahren, wo man mit einem großen Floß samt Fracht an einer ruhigen Stelle die breite Wasserstraße überqueren konnte.“ 307
Eine Brücke verband bald die beiden Ufer und die Stadt entwickelte sich nach Süden immer dem rechten Winkel 308 zum Fluss folgend. Nach Norden verhindern die aufsteigenden Hänge der ersten Mühlviertler Hügel eine gerade Achse. Die nördlichen Stadtteile wuchsen entlang eines Bogens, der entlag der Hänge im Laufe der Zeit immer weiter nach Osten vordrang, sodass heute bereits über die Eingemeindung von Plesching debattiert wird. 309 Der Norden von Linz, also Urfahr, hat den Platz für seine Ausdehnung bis zu den Hängen der umliegenden Hügel bereits nahezu aufgebraucht. Auf den unteren Hängen finden sich noch die vornehmen Wohngebiete wie Auberg, Bachlberg und St. Magdalena. Ansonsten sind die Hügel um Urfahr grün. Wälder und Wiesen sind vom Linzer Stadtzenturm zu sehen, wenn der Blick nach Norden schweift. Ein Grüngürtel auf allen Hügeln um Linz soll auch erhalten
307 Gordon, 1996, S.210f
308 vgl.: Kristof Spiro in Laister, 2004, S.102: „Anatomie einer Stadt“: „Ausdehnung im rechten Winkel zum Fluss“
309 vgl.: OÖN, 25.05.2007
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bleiben, und angeblich wird das Bauverbot nur für besonders promotionswürdiges Klientel aufgeweicht.
Ein schöner Entwicklungsbogen lässt sich beginnend im Ortszentrum von Urfahr nach Nordost dem Verlauf der Donau angeglichen festmachen. Bis 1945 wurde die Stadt bis nach Gründberg erweitert. Der Wohnbau der 1960er und 1970er Jahre brachte dann Auhof und Dornach jene Silhouette an Bettenburgen, die heute schon von weitem sichtbar ist. Die Straßenbahn beschreibt diesen Bogen streckenweise mit. An ihr haben sich die beliebtesten Wohngebiete der Stadt entwickelt. „Eigentlich möchten ja alle Linzer in Urfahr wohnen, heißt es.“ 310 Dies schreibt der Kolumnist der OÖN, Erhard Gstöttner, im von der Linz09 GmbH veröffentlichten Linz-Buch und umschreibt damit ein vielgehörtes Gerücht, dass Urfahr die „bessere“ Wohngegend sei. Die Autobahn, die sich in einem Bogen ebenfalls an die Donau anschmiegt, und der motorisierte Individualverkehr brachten und bringen Dornach und Auhof hingegen die sogenannte „Amerikanisierung“, Gewerbebefall mit großflächigen Parkplätzen und Verkehrslawine. Erheblich für das Verkehrsaufkommen mitverantwortlich ist hier auch die Johannes Kepler Universität. Ein weiterer Autobahnanschluss außerhalb des Stadtgebiets soll diese Lage entschärfen.
Das Zentrum der Stadt gibt von oben betrachtet seine Morphologie preis, wobei die geraden Linien, die höchstens ein wenig gebogen sind, überwiegen. Keine Ringstraße, kein rundes Zentrum. Besonders das sogenannte Neustadtviertel besticht durch die weitverbreitete städtebauliche Anordnung des Gitternetzes, das nach Richard Sennett „die Rationalität zivilisierten Verhaltens“ 311 symbolisiert.
„In der Architektur des Abendlandes fand das Gittersystem bei der Erschließung neuer Räume auf größeren Arealen immer wieder Anwendung. Es steht für eine Neutralisierung der Komplexität und Vielfalt der Umwelt und gilt in seiner potenziellen Erweiterbarkeit nach allen Seiten als Zeichen für Fortschrittsoptimismus, kapitalistische Ökonomie und Rationalität.“ 312
Das Gitternetz hat aber in seiner mechanischen Starrheit ein unkreatives Moment, es erinnert auch an vereinfachte Stadtbausimulationen à la Sim City 313 .
310 Gstöttner in: Stoff, Hödl, 2007, S.41
311 Sennett R. in: Laister, 2004, S.107
312 Laister, 2004, S.107
313 Sim City : eine Städtebau-Computersimulation von « Maxis », vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Sim_City, 9.10.2008
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Aufregende Diagonalen, sternförmige Plätze oder Ringstraßen sind in Linz nicht zentral. Einzig vom Bulgariplatz außerhalb des Zentrums gehen Achsen sternförmig nach Norden und nach Süden. Der Platz hieß früher einmal Polygonplatz, was seinen Charakter beschreiben sollte, heute ist er eine vor allem für den motorisierten Individualverkehr zugeschnittene Verkehrsdrehscheibe, die weder urbane Qualitäten im Sinne eines belebten zentralen Ortes noch herzeigbare Architektur bietet. Als mitverantwortlich für seine Abseitsposition ist die markante Kurve der Westbahn anzusehen, die sich weit nach Norden erstreckend das Gebiet Wienerstraße - Bulgariplatz von der Landstraße und somit von der Innenstadt abschneidet. Das Zentrum war also seit dem Bau der Eisenbahntrasse in seinen Entwicklungsmöglichkeiten nach Süden beschränkt. Dies stellte und stellt insofern ein Problem dar, als die Stadt Linz als ganzes als eine Weiterführung der zum Fluss rechtwinkligen Stadtentwicklung entstanden ist. 314 Die Richtungsvorgabe der Brücke über den für die Stadt so wichtigen Fluss verläuft entlang der Landstraße und der Wienerstraße bis nach Ebelsberg, das ebenfalls wieder über eine Brücke erreichbar ist. Den ganzen Verlauf unterstreicht die Streckenführung der Straßenbahnlinie 2, die gemeinsam mit den Linien 1 und 3 diesen Weg teilweise zur wichtigsten Verkehrsverbindung des ÖPNV (Öffentlicher Personen Nahverkehr) in Linz macht.
Durch diese monoaxiale Ausrichtung der Stadt werden die Entfernungen groß, urbane Brennpunkte selten und anscheinend auch die weitere Stadtentwicklung schon im Ansatz vordeterminiert.
In den OÖN wird das vielbeworbene Stadterweiterungsprojekt „Solar-City“ im Jahr 2003 folgendermaßen kommentiert:
„Städtebaulich bleibt die Solar-City fragwürdig. Sie ist eine Trabantenstadt auf der grünen Wiese eines ehemaligen Überschwemmungsgebietes. Sie verlängert die problematische Nord-Süd-Ausrichtung der Stadt Linz und macht die Fahrzeiten noch länger. Zudem muss um 67,4 Millionen Euro Infrastruktur (zum Vergleich: der Solar-City-Wohnbau kostet 123,5 Millionen Euro) errichtet werden, die in anderen Stadtteilen vorhanden ist.“ 315
3.2.2. Groß-Linz
Das Linzer Stadtgebiet wird in seiner nördlichen und westlichen Ausdehnung von Hügeln begrenzt. Östlich des Stadtzentrums haben sich Gewerbegebiete und Industrie aufgrund des
314 Vgl.: Laister, 2004, S.102ff
315 OÖN, 24.3.2003
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Verlaufs der Donau angesiedelt. Der städtische Schlauch entwickelt sich aufgrund fehlender natürlicher Hindernisse nach Süden und Südwesten weiter, und stößt dabei auf die Gemeindegrenzen zu Leonding, Pasching, Traun und Ansfelden. „Der Platz wird knapp“ 316 wird der Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung Professor Karl Aiginger in den OÖN zitiert. Der Übergang zu sich im Speckgürtel der Landeshauptstadt finanziell prächtig entwickelnden Nachbargemeinden ist fließend und verschwimmt auch aufgrund dieser diagnostizierten Platzknappheit. Veranschaulicht wird diese „Verschmelzung“ auch angesichts einiger Streckenführungen von Bussen der Linz AG (Linz Linien). Die Tatsache der engen Verstrickung der Stadt Linz mit ihren Umlandgemeinden hat schon öfters das Thema Eingemeindungen aufgeworfen. Die OÖN berichten über Vorschläge und Argumente, die für ein sogenanntes „Groß-Linz“ plädieren:
„In einem aktuellen Bericht des Linzer Stadtrechnungshofes wird ‚Groß-Linz’ wieder empfohlen. ‚Dem eng verflochtenen Linzer Ballungsraum muss vielmehr jene Struktur gegeben werden, die den ohnedies bereits bestehenden, faktischen Zustand nachvollzieht’, heißt es in diesem Bericht.“ 317
„Argumentiert wird damit, dass aus dem Finanzausgleich Mehreinnahmen von 10,7 Millionen und aus Einsparungseffekten elf Millionen Euro pro Jahr lukriert werden könnten.“ 318
„Wissenschaft: Ganze Region würde von einem größeren Linz profitieren“ 319
„Nun liegt ein wissenschaftliches Werk über ‚Groß-Linz’ vor - ‚Lösung der Stadt-Umlandproblematik’ ist in der Schriftreihe des Instituts für Kommunalwissenschaften und Umweltschutz erschienen, Herausgeber ist Kontrollamtschef Klug.“ 320 In dieser Publikation werden die Argumente für einen Zusammenschluss in sieben Thesen ausgedrückt, die von den OÖN auch kurz vorgestellt werden. „Vehement für den Zusammenschluss plädierte auch Helfried Bauer, der Leiter des kommunalwissenschaftlichen Dokumentationszentrums Wien: ‚Die Kernstädte engagieren
316 OÖN, 17.11.2007
317 OÖN, 23.11.2005
318 OÖN, 23.11.2005
319 OÖN, 10.5.2004
320 OÖN, 10.5.2004
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sich stark bei der Versorgung des Zentralraums. Die Gemeinden im Speckgürtel um die großen Städte schauen zu und lassen sich versorgen.’“ 321
Diese Zitate weisen durchaus schlüssige Argumente auf, wobei einer Verwirklichung von „Groß-Linz“ auch viel Widerstand entgegengesetzt wird. In erster Linie von den betroffenen Gemeinden, die um ihre Selbstständigkeit und Autonomie, wahrscheinlich aber auch finanzielle Einbußen und den Verlust von Amt und Würden der Gemeindevorsteher fürchten. Ein stärkerer Zentralismus wird ebenfalls als Gefahr angesehen. In der aktuellen Stadtpolitik ist das Thema nicht von dringlicher Relevanz.
Was bei einer Betrachtung von oben, hier bei einem Blick auf Linz aus der Vogelperspektive, nicht sofort ins Auge sticht, vielleicht aber anhand von Siedlungsstrukturen morphologisch vermutet oder eingeschätzt werden kann, ist die soziale Einstufung eines Gebietes oder Stadtteils. Große aufgrund ihres Grundrisses von oben als zusammengehörend erkennbare Wohnsiedlungen mit billigeren Wohnungen könnten hier als Indiziden herangezogen werden. Solche Gebäude finden sich vermehrt im Linzer Süden. Einen besseren Einblick gewährt z.B. aber eine Fahrt mit der Linzer Straßenbahn (Bim) und dabei drängt sich der Gedanke an ein soziales Nord-Süd-Gefälle in Linz auf.
„Je südlicher desto proletarischer, so die soziologische Zustandsbeschreibung.“ 322 , schreibt dazu auch Erhard Gstöttner, in dem zur Werbung für das Kulturhauptstadtjahr veröffentlichten Linz-Buch.
3.2.3. Grünes Linz
Drei Merkmale charakterisieren Linz am stärksten, wird behauptet, vor allem die Intendanz der Kulturhauptstadt Linz09 GmbH betont drei Elemente, die in Linz vereint sind: Industrie, Kultur, und Natur.
„’Linz hat durch die Symbiose dieser drei Elemente ein Alleinstellungsmerkmal in Europa. Dazu kommt die Lage an der Donau’ schwärmt der stellvertretende Intendant der Kulturhauptstadt-Gesellschaft.“ 323
Aber ebenso die Stadtverwaltung und der Linzer Tourismusverband setzen auf das grüne Argument und nun auch vermehrt auf die „nicht harmonische Dreifaltigkeit“ 324 von Industrie,
321 OÖN, 10.5.2004
322 Gstöttner in: Stoff, Hödl, 2007, S.41
323 OÖN, 18.05.2007
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Kultur und Natur zur Bewerbung der Stadt. So spricht etwa der Linzer Tourismusdirektor Georg Steiner über die Vorzüge von Linz und hebt dabei diese drei Aspekte hervor: „Linz ist eine erfolgreiche, stimmige Stadt des 21. Jahrhunderts mit Kultur, Natur, Industrie. Ich habe Vollbeschäftigung, hab Industrie und trotzdem Lebensqualität. Linz ist nicht monomäßig aufgestellt.“ 325
Die Stadt Linz präsentiert sich als grüne Stadt. Schon 1997 wurde darauf hingewiesen, dass mehr als die Hälfte des Linzer Stadtgebiets aus Grünland, Wald und Wasser bestehen. 326 Der Blick von oben offenbart auch tatsächlich viele grüne Stellen innerhalb der Stadtgrenzen von Linz. Was aber auffällt ist die Verteilung des Grünlandes und der Gewässer. Der hohe Prozentsatz, der den Anteil der Natur in Linz ausmacht, kommt dadurch zustande, dass vor allem die Randgebiete der Stadt ins grüne Umland auslaufen. Im Norden erstreckt sich das Stadtgebiet weit in das oft bewaldete Hügelland, das aufgrund natürlicher Gegebenheiten und politischer Intervention nicht mit Infrastruktur erschlossen ist. In diesen großflächigen Gebieten befinden sich Bauernhöfe sowie Felder und Wälder. Zur Summe der unverbauten Stadtfläche werden auch die Gewässer gezählt. Somit werden auch Donau, Traun und einige Badeseen miteingerechnet. An manchen Rändern und vor allem im Süden der Stadt erblicken wir wiederum sehr viel Natur. Die Traunauen und die Flächen südlich der Traun sind ebenfalls sehr ländlich geprägt und somit sehr „grün“. Die Summe der genannten Grünflächen macht zusammen einen enormen Anteil an der Gesamtfläche des Stadtgebiets aus. In den bewohnten Gebieten herrscht ebenfalls die grüne Farbe vor. Die Linzer und Linzerinnen scheinen inmitten von Bäumen und Wiesen zu leben. Selbst in der Innenstadt stechen die vielen Bäume zwischen den Häusern ins Auge. Der Blick täuscht hier aber etwas vor, das bei genauerem Hinsehen eventuell auch erahnt werden kann, beim Gang durch die Straßen der Stadt aber sofort wahrgenommen wird. Die Bäume befinden sich meist in den Innenhöfen der viereckigen Häuserblocks und sind nur für die Hausbewohner hofseitig zu erblicken. Auf der Straße dominieren die Häuserfronten. Nur selten geben Lücken die Sicht auf die Blätter eines Laubbaumes frei. Ansonsten ist die Linzer Innenstadt eher weniger grün. Einige Parks lassen sich auch von oben ausmachen. Öffentlich frei zugängliche Grünflächen befinden sich im Volksgarten, im Schillerpark, am Hessenplatz , auf der Promenade, im Stadtpark an der Huemerstraße, sowie an der Donaulände und am Schlossberg. Mit Ausnahme vom Donaupark und dem Volksgarten sind keine Parkanlagen im Zentrum von Linz größer als die durch die Straßenzüge determinierten Häuserblocks. Worauf ich damit hinaus will, ist die Tatsache,
324 vgl.: Interview mit Ulrich Fuchs http://www.linz09.info/ec/unternehmerinnen/fuchs-60407.html, 15.09.2008
325 Steiner in: OÖN, 17.04.2008
326 vgl.: Dobusch, Mayr, 1997, S.159
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dass es in Linz keinen größeren Stadtpark gibt, wie ihn Metropolen wie London oder Paris, Wien oder Berlin, aber auch kleinere „organisch“ gewachsene Städte, wie z.B. Graz, haben. Die genannten Metropolen stehen nicht nur für historische und moderne Architektur, sondern auch für ihre berühmten Parkanlagen. Hyde Park, Bois de Boulogne, Prater oder Tiergarten sind grüne Oasen inmitten eines Häusermeers. Die Notwendigkeit für solch großflächige, meist künstlich angelegte Landschaften erklärt sich durch das Bedürfnis auch der Städterin/des Städters nach Natur und Ruhe, um aus der geordneten, geraden und lauten Stadt kurzfristig entfliehen zu können. Die eckigen Formen der Häuser und geraden Häuserschluchten mit den runden Formen von Bäumen, Seen und gebogenen Wegen einzutauschen, scheint dem Stadtmenschen ein oftmaliges Bedürfnis zu sein. Die Stadt New York mit ihrem großen Gitternetz entsprach dem durch die Gestaltung des Central Parks, der durch die Einrahmung durch die Fronten der umliegenden Hochhäuser eine eindrucksvolle Oase der Natur inmitten spektakulärer Hausfassaden darstellt. Was wollen wir Linz mit diesen Weltstädten, aber auch mit mittelgroßen Städten mit anderer Historie vergleichen? Linz war bis vor einigen Jahrzehnten nicht dazu veranlasst, dem Beispiel größerer Städte und historischen Modeerscheinungen folgend, mit Parkanlagen Landschaften in der Stadt zu kopieren. Linz war eine kleine bäuerlich geprägte Stadt. Die Natur kam quasi von allen Seiten beim Fenster herein. Niemand bedurfte kopierter Natur, da es an dem Original keinesfalls mangelte.
Der Grund dafür, warum mit dem Anwachsen der Stadt nicht darauf Bedacht genommen wurde, in der nun von städtischer Infrastruktur umringten Innenstadt nicht auch eine größere grüne Oase zu schaffen, lässt sich vielleicht in der Fortschrittsgläubigkeit und dem steigenden materiellen Wohlstand vermuten. Der Gedanke an eine autogerechte Stadt, von der aus man mit dem eigenen PKW sehr schnell Naturhöhepunkte im Umland erreichen kann, könnte hier als mitverantwortlich angesehen werden.
Der Wandel von Linz wurde durch bauliche Maßnahmen der Nationalsozialisten mitinitiiert, deren Pläne in den meisten Fällen zwar nicht umgesetzt wurden, aber es wurden dennoch genügend Eingriffe getätigt, um das Gesicht und die weitere daran anschließende Stadtentwicklung zu prägen. So wurden Verkehrsplanungen und Autobahn zum Teil übernommen und weiterentwickelt, die Pläne des NS-Regimes neben pompösen Repräsentationsbauten auch einen neuen städtischen Park größeren Ausmaßes zu errichten wurden so wie Hitlers Glockenturm oder die Donauuferverbauung nie weiterverfolgt. 327 Diese
327 Interessanterweise wurden nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmte Gebäude genau an der Stelle errichtet, an der sie oder ähnliche auch die nationalsozialistischen Architekten und Stadtplaner vorgesehen hatten: Ein Verwaltungsgebäude am Brückenkopf in Urfahr (Neues Rathaus), ein Hotel am Linzer Donauufer (Arcotel)
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Parkanlage hätte den Namen Volksgarten übernommen und viel größere Dimensionen eingenommen (vgl. Kapitel 3.1.2.2.).
Ein Mangel an Grünflächen innerhalb des Stadtzentrums wird von der Stadt Linz nicht festgestellt, allerdings wird auch im Hinblick auf das Kulturhauptstadtjahr vermehrt auf Grünoasen im Linzer Stadtgebiet verwiesen, die Stadtregierung ist sich also der Bedeutung von „Grün“ in der Stadt bewusst. Linz verfügt in der Tat über sehr schöne Parkanlagen, der Freinberg und der Bauernberg seien hier im Besonderen erwähnt. Diese Anlagen befinden sich aber in einer relativ großen Entfernung zum monoaxialen urbanen Zentrum der Stadt. Die tatsächliche Wegstrecke mag vielleicht nicht so groß sein, aber die Anbindung ist problematisch. Die Parks sind nicht leicht zu finden und sie befinden sich abseits jeglicher innerstädtischer Pfade.
Linz stellt sich zu Recht als quantitativ „grüne Stadt“ dar. Qualitativ „grün“, im Sinne von weitläufigen Parkanlagen, Alleen, Bäumen auf kleinen Plätzen, etc., ist sie nicht. „Grüne“ Qualitäten, wie sie uns Orte in italienischen oder spanischen Städten bieten, Alleen oder Piazzas und Plazas in Granada, Barcelona, Bologna, oder Valencia. Dort finden sich auf urbanen Streifzügen solche kleinen Piazzas und Plazas, wo ein Baum, den ihn umringenden Steinhäusern trotzend, Schatten spendet; dieses urbane Ideal finden wir in Linz eher in den Vorstadt Einkaufszentren verwirklicht, wo mit Plastik und Beton häufig nur der Konsumwille gefördert werden soll. In der Linzer Innenstadt sind die Bäume momentan der Gefahr ausgesetzt, einer Stadtverschönerung zum Opfer zu fallen. Im Zuge der großangelegten Bautätigkeiten werden und wurden alte und gesunde Bäume entfernt. Dies geschah aber gerade auch auf Plätzen, die mit dem Argument der Verschönerung neu gestaltet wurden. Beim Umbau von Promenade, Pfarrplatz, Nordico-Vorplatz, OK Platz oder Pruner Platz 328 wurden ob der Gestaltung mit viel Stein und Beton aber wenig grün laut den OÖN „hitzige“ 329 Diskussionen geführt. Auf dem Pfarrplatz, aber auch bei der Neugestaltung der Wienerstraße wurden Bäume entfernt, an den anderen Plätzen wurden keine neuen Bäume miteingeplant.
„’Es ist katastrophal, dass nur noch zugepflastert wird. So schafft man Plätze, die nicht genutzt werden’, sagt Architekt Günter Eberhardt. Es wirke sich nachteilig aus, keine Bäume
sowie ein Opernhaus an der Blumau (das gerade in Entstehung ist). Auch ein Kunstmuseum wurde in Linz errichtet, allerdings an anderer Stelle als damals vorgesehen.
328 Der Platz an der Prunerstraße hat offiziell keinen Namen. Im Zuge seiner Umgestaltung wurde dieser Tatbestand thematisiert. Vgl.: OÖN, 11.01.2008
329 vgl.: OÖN, 4.07.2008
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zu pflanzen und die Plätze nicht zu fassen. Die Plätze würden dadurch räumlich nicht wirklich wahrnehmbar, sagt Eberhardt.“ 330
Nebst diesem Argument wird Kritik über die „zugepflasterte Fläche“ 331 am Nordico-Vorplatz von den OÖN zitiert und von der Bandbreite der scheinbar grundlegend gegensätzlichen Ansichten berichtet:
„Wirklich städtische Plätze sind nicht grün. Oder: Auch Plätze in urbanen Räumen brauchen Bäume. Das sind die beiden Pole der gegenwärtigen Diskussion um die neu gestalteten Linzer Plätze.“ 332
Das Argument „Wirklich städtische Plätze sind nicht grün“ trifft sicher auf zentrale Plätze, wie den Hauptplatz oder den Taubenmarkt zu, dieses Prinzip sollte aber keinesfalls auf alle Plätze angewendet werden. Gerade das fällt aber in den genannten und anderen Fällen in Linz auf. Konsequent werden Baum- und Pflanzenbestände im Innenstadtbereich und auch in anderen Stadtteilen reduziert. Als Grund für das Fällen von Bäumen wird entweder Bautätigkeit 333 oder Zustand der Bäume 334 selbst genannt. Meist wird angestrebt, nach dem Schlag kranker und als nicht überlebensfähig eingestufter Bäume, Jungbäume nachzupflanzen. Daraus resultiert zwar keine quantitative wohl eher aber eine qualitative Verschlechterung. Ein Jungbaum kann wohl kaum einen ausgewachsenen alten Baum mit großer Krone als Schattenspender, Sauerstoffproduzent oder Blickfang ersetzen.
Die Betonung des grünen Charakters von Linz seitens der Behörden steht im Widerspruch zur dargestellten Praxis im Umgang mit Grünflächen und Bäumen. Nicht nur der Blick von oben enttarnt also die Behauptungen 335 des offiziellen Linz, wo etwa Grünflächen in Prozentsätzen an der Fläche des jeweiligen Stadtteils graphisch dargestellt werden 336 , oder eine Liste von Parks und Grünanlagen in Linz dadurch sehr lange wird, weil auch eine Vielzahl von Kinderspielplätzen genannt werden 337 , als Strategie, durch quantitative Zahlen konstruiert einen qualitativen Zustand zu verschleiern.
330 OÖN, 4.07.2008
331 OÖN, 4.07.2008
332 OÖN, 4.07.2008
333 vgl.: “Tiefgarage statt Grün:” OÖN, 19.08.2008
334 vgl. : „Linzer Stadtgärtner fällen 100 Jahre alte Allee“ OÖN, 15.03.2007
335 vgl.: http://linz.at/umwelt/umwelt.asp, 20.08.2008
336 vgl.: http://linz.at/zahlen/010_Stadtgebiet/015_Flaechen/A021!.png, 20.08.2008
337 vgl. : http://linz.at/umwelt/35286.asp, 20.08.2008
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3.3. Ein Blick von innen
Mit dem Blick von innen ist die Sicht innerhalb von Linz auf die Stadt gemeint. Dies schließt zum einen die Berichterstattung der lokalen Medien, seien es Printmedien (hier vor allem die OÖN aber auch andere Tages- oder Wochenzeitungen) oder Internetauftritte lokaler ProtagonistInnen, sowie die Publikationen der Stadtregierung (von der offiziellen Homepage der Stadt über Werbematerial bis hin zu den Bewerbungsunterlagen für das Kulturhauptstadtjahr) mit ein. Der Blick von innen beinhaltet auch den stadtsoziologischen Gang durch die Stadt.
3.3.1. Zuschreibungen durch die lokale Presse
Durch Eingabe entsprechender Suchbegriffe und der Auswahl der gewünschte Jahre wurden im Online-Archiv der OÖN einschlägige Artikel gefunden und auf vordefinierte Kategorien überprüft. Die drei Kategorien, die für die Suche nach für diese Arbeit relevanten Informationen in den Artikeln, Interviews und Kommentaren der Oberösterreichischen Nachrichten entwickelt wurden, waren: Zuschreibungen von Linz, Gründe und Erwartungen für das Kulturhauptstadtjahr und Kritik, sei es an der Stadt Linz oder konkret an Linz 09. Die Ergebnisse sind neben anderen Quellen in die jeweils relevanten Kapitel eingeflossen. In diesem Kapitel wird im Speziellen die Kategorie „Zuschreibungen“ bearbeitet. Die in den OÖN genannten Be- und Zuschreibungen der Stadt Linz stammen sowohl von JournalistInnen selbst, werden zitiert oder in Interviews abgedruckt. Es handelt sich hier insofern um einen Blick von innen, da die OÖN in Linz erscheinen und zu den meistgelesenen Zeitungen der Stadt gehören.
Um für diese Arbeit interessante Informationen zu erlangen wurde im Datenmaterial nach Beschreibungen für die Stadt Linz gesucht. Es stellte sich die Frage, was denkt wer über Linz, welche Bilder, Ideen und Vorstellungen bestehen. Unter der Kategorie „Zuschreibungen“ wurde erörtert, welche Aspekte nach der Meinung entweder der/des JournalistIn oder der zitierten Person Linz auszumachen scheinen, darüber hinaus aber auch welche Namen der Stadt gegeben werden.
Der oft erwähnte Wandel von der Industriestadt zur Kulturstadt ist zum einen die langjährige Strategie der Stadt Linz in der Positionierung im internationalen Städtewettbewerb und somit zentrales Thema diese Arbeit, zum anderen handelt es sich dabei nur um zwei der vielen
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genannten „Präfixe“ mit denen der Stadt eine Bezeichnung, die ihre Geltung oder ihre Funktion unterstreichen soll, zukommt.
Folgende Nennungen unterschiedlicher Bezeichnungen für Linz wurden den OÖN entnommen und zeichnen sich durch eine mindestens einmalige Nennung aus. Es wurden keine weiteren quantitativen Mengen erhoben.
Neben den zwei erstgenannten stehen einerseits viele weitere Bezeichnungen für Linz im Zusammenhang mit dem Industriecharakter der Stadt: „Stahlstadt“, „Wirtschaftsstadt“, „Arbeiterstadt“ („Stadt der Arbeit“), („einstige“) „Smogstadt“ bzw. „saubere Industriestadt“. Andere Titel tendieren zum aus Sicht des Stadtmarketings entgegengesetzten Pol, zur Kulturstadt: „Kulturhauptstadt“, „das moderne Linz“, „kulturelles Zukunftslabor“, die „Medienstadt“ wird gesteigert zur „Medienkulturstadt“ und schließlich sogar zur „Hauptstadt der Medienkultur“. Andere Charakteristika von Linz werden ebenfalls teils sarkastisch spöttisch teils überhöhend in Betitelungen geformt: Mit „Linz an der Tramway“ wird die monoaxiale Konzentration urbanen Lebens entlang der Landstraße durch eine sprachliche Karikatur des Titels „Linz an der Donau“ thematisiert. „Stadt am Fluss“, „Donaustadt“ und „nicht Kleinstadt“ ist Linz, ein von manchen angestrebtes „Groß-Linz“, soll Linz sein. Dann wird sie als „Musterstadt“ (vgl.: Kapitel 3.1.5.5.) oder als „Stadt ohne Akzente“, die sich in eine „weltoffene Stadt“ gewandelt hat, bezeichnet und sogar als „Weihnachtsstadt“ oder „Krippenstadt“ dargestellt. Der Name „Hitropolis“ (vgl. Kapitel 3.1.2.2.) stammt von dem Historiker Ingo Sarlay und steht für die von Hitler geplante „schönste Donaustadt“. Linz war auch „Heimatstadt Adolf Hitlers“ und damit seine „Lieblingsstadt“. Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres wird dieser Teil der Linzer Geschichte unter dem Titel „Kulturhauptstadt des Führers“ 338 in einer Ausstellung des Schlossmuseum Linz gemäß der Vorgaben der Jury der Sieben (EU), die als einzige Ergänzung in ihrer Zustimmung zur Vergabe an Linz die Beschäftigung mit der NS Vergangenheit einforderte 339 , behandelt. Natürlich muss hier auch noch die Bezeichnung „Provinznest“ erwähnt werden, die ebenso in der Berichterstattung der OÖN vorkommt wie der Reim „Linz - Provinz“.
Ansonsten können die Zuschreibungen, also genannte Aspekte, die in Linz eine bedeutende Rolle spielen, auf einige Punkte verdichtet werden, da sich sehr viel Berichterstattung auf diese Themen bezieht:
338 Linz, Schlossmuseum, 17.09.2008 - 22.03.2009
339 laut Erich Watzl, 17.04.2008, „Krone Haus“, Khevenhüllerstr. 31, Linz, Diskussionsveranstaltung der Kronen Zeitung
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Immer wieder wird der Wandel von der hauptsächlich durch die Industrie charakterisierten
Stadt zur aus der Krise auferstandenen wirtschaftlich florierenden Zukunftsstadt mit kulturellen Ambitionen hervorgehoben.
„Weg vom Image der reinen Industriestadt war das Ziel, als 1974 das in jeder Hinsicht überzeugende Brucknerhaus an der Donaulände eröffnet worden ist.“ 340 „Vor 40 Jahren war der Name Linz ein Begriff für alles Mögliche, nur nicht für Lebensqualität. Keine andere Landeshauptstadt in Österreich hat innerhalb von vier Jahrzehnten eine so befreiende und befriedigende Entwicklung erlebt. Aus der Stadt im Smog, in der es elendiglich wie aus einem Mistkübel stank, aus der Stadt der Industrie und der Tramway, die ihren Bewohnern sonst kaum etwas zu bieten hatte, aus der Stadt ohne Akzente ist Linz am Puls der Zeit geworden: Eine weltoffene Stadt von hoher Güteklasse und mit geschärftem Profil.“ 341 beschreiben die OÖN am 10.11.2007 in einem Artikel, der mit der Wandlungsformel: „Vom Mistkübel zur Zukunfts-Stadt“ betitelt ist, die Transformation der Stadt.
In einem Interview der OÖN, das Irene Judmayer führte, eine Protagonistin der Anfangszeit der alternativen Musikszene von Linz (an anderer Stelle wird sie zu diesen Ereignissen zitiert), sagt Ulrich Fuchs, der stellvertretende Intendant der Linz 09 GmbH.: „Im Unterschied zu vielen anderen Städten basiert die Entwicklung von Kultur und Kulturwirtschaft in Linz nicht auf einer zusammengebrochenen Industrielandschaft.“ 342
Fuchs nennt auch, wie bereits behandelt (vgl. Kapitel 3.2.3.) ein drittes Merkmal von Linz neben Industrie und Kultur, die Natur. Er befindet diese Parallelität als spannend: „Eine erfolgreiche wissens- und technologiebasierte Industriestadt mit starker kultureller Entwicklung und starkem Öko-Bewusstsein.“ 343
Die Bedeutung der Kultur in Linz wird etwa in Zitaten von Politikern unterstrichen: LH Josef Pühringer: „Die Stadt wurde der Moderne gewidmet, ohne das kulturelle Erbe zu vernachlässigen. Und in Oberösterreich haben wir 55.000 Musikschüler. Kulturelle Breitenarbeit ist nirgendwo so bedeutend positioniert wie bei uns.“ 344 „“Linz ist ein besonderer Ort im österreichischen Kunstgeschehen“, sagte Bundespräsident Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede und nannte die Klangwolke und das Lentos als Beispiele.“ 345
340 OÖN, 10.11.2007
341 OÖN, 10.11.2007
342 OÖN, 15.05.2006
343 OÖN, 15.05.2006
344 OÖN, 14.09.2004
345 OÖN 13.09.2004
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„Es war und ist eine kulturpolitische Ansage der Entscheidungsträger: Linz ist Medienkulturstadt.“ 346
„Auch als ‚kulturelles Zukunftslabor’ will die Stadt sich präsentieren.“ 347 Dem Ars Electronica Festival wird in diesem Artikel, aus dem das letztgenannte Zitat stammt, die Fähigkeit der Zukunfsvorausschau angeheftet. Es werden zumindest zwei Beispiele genannt, wo dies lt. OÖN auf verblüffende Art und Weise zutrifft: 1991 mit „Out of Control?“ und 1998 mit „Infowar“. Problematiken, die mittlerweile zum „Alltagsthema“ geworden sind, so der Artikel.
Welch attraktiver Wirtschaftsstandort Linz heute ist, wird ebenso oftmals thematisiert. „Als Betriebsstandort ist die Landeshauptstadt einzigartig in Österreich: Keine andere Stadt hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner.“ 348
„Die geografische Lage, die Nähe zu den Erweiterungsländern und zum starken Wirtschaftsraum Süddeutschland und eine geschickte Förderpolitik des Landes und der Stadt hätten Linz zu einem ausgesprochen guten Unternehmensstandort gemacht.“ 349 zitieren die OÖN den Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung Professor Karl Aiginger. Das Image der Stadt ist der nächste Schwerpunkt an Zuschreibungen für die Stadt Linz. Zum einen wird in einem Artikel das Image von Linz vor 200 Jahren behandelt: Es wird Fritz von Herzmanovsky-Orlando zitiert: „’Der Städte Kronjuwel und stolzer Prinz, das ist Arkadiens bunte Hauptstadt Linz.’ Nun soll ja nicht verschwiegen werden, dass der gute Ritter von Herzmanovsky ein Liebesverhältnis zur fantasievollen Groteske pflegte, aber er hatte tatsächlich recht. Denn Linz war in früheren Jahrhunderten lobend viel besungen.“ 350
„So zeigte sich auch Joseph Freiherr von Eichendorff entzückt: ‚Je näher Linz, desto blühender alles umher. Wir erschraken ordentlich ... vor der zauberischen Lage dieser schönen Stadt. Linz ist so groß und schön wie Leipzig.’“ 351 „Und Johann Ludwig Deinhardstein schrieb: ‚Linz gehört in Hinsicht seiner malerischen Lage und seiner herrlichen Umgebung zu den schönsten Besitzungen des Kaiserhauses.’“ 352
Zum anderen ist das heutige Image von Interesse:
346 OÖN , 7.09.2004
347 OÖN, 7.09.2004
348 OÖN, 17.11.2007
349 OÖN, 17.11.2007
350 OÖN, 11.11.2007
351 OÖN, 11.11.2007
352 OÖN, 11.11.2007
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„Denn es wird behauptet: Kommt man von Norden, beginnt Linz mit dem ‚Warmen Hans’, dem weltberühmten Würstelstand [...]. Weiter südlich endet Linz an der Linie Blumau-Hauptbahnhof.“ 353
„’Linz ist zu wenig bekannt. Das ist der Istzustand.’, bestätigt Ulrich Fuchs“ 354 zitieren die OÖN eine Wortmeldung des Vize Intendanten.
Über die Jahre hinweg machen die OÖN die Linzer Altstadt zum Thema. Dabei wird einerseits auf ihre Attraktivität hingewiesen: „Die Linzer Altstadt gehört zu den schönsten Österreichs.“ 355 Anderseits wird ein Qualitätsverlust und Niedergang beklagt: „Innerhalb eines Jahrzehnts ist der schönste Teil der Landeshauptstadt vom begehrten Fortgeh-Viertel zum Niemandsland verkommen.“ 356
„Die Zeiten sind vorbei, da Linz-Touristen stolz auf die Beisl-Szene in der Altstadt verwiesen wurden, quasi als lebendige Sehenswürdigkeit.“ 357
Sie berichten über Initiativen zur Verbesserung der aktuellen Situation, Sorgen von UnternehmerInnen und BewohnerInnen und relevante Veranstaltungen zur Problematik. „Tagsüber gilt das Viertel als eher öd. Gegen diese Ödnis am Tag gehen nun Kaufleute, Gewerbetreibende und Gastronomen vor, die zum Verein ‚Altstadt neu’ zusammen gefunden haben.“ 358
Die Zeit des Nationalsozialismus wird auch im Zusammenhang mit dem Kulturhauptstadtjahr als Thema behandelt.
„’Ich kenne keine deutsche Stadt, die sich wissenschaftlich und publizistisch so intensiv mit ihrer NS-Geschichte beschäftigte wie Linz,’“ 359
„’Es ist eine Leistung der Politik, dass Linz schwierige Kapitel seiner Geschichte nicht verdeckt. Damit erwirbt sich die Stadt Anerkennung.’“ 360 wird der stellvertretende Intendant der Linz 09 GmbH. Ulrich Fuchs von den OÖN in einem Interview zitiert. Zu den weiteren gefunden Zuschreibungen Kulturhauptstadt (Kapitel 2.2.), Groß-Linz (Kapitel 3.2.2.) und Musterstadt (Kapitel 3.1.5.5.) wird hiermit auf die jeweiligen Kapitel verwiesen.
353 OÖN, 10.11.2007
354 OÖN, 10.05.2007
355 OÖN, 10.11.2007
356 OÖN, 11.03.2003
357 OÖN, 11.03.2003
358 OÖN, 6.11.2002
359 OÖN, 18.05.2007
360 OÖN, 18.05.2007
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3.3.2. Material der Stadt Linz
In diesem Kapitel werfen wir einen Blick auf Werbematerialen und Prospekte für TouristInnen, aber zuerst auf die Internetauftritte der Stadt Linz und der Linz 09 GmbH. Neben einem umfangreichen Service Angebot, auf das hier nicht näher eingegangen werden soll, fällt auf der offiziellen Homepage der Stadt Linz (www.linz.at) der Punkt „Stadtentwicklung“ auf. Darunter gibt es Informationen zu aktueller Stadtplanung und Bautätigkeit. Dort werden einerseits Bauprojekte vorgestellt, die grafisch aufwendig gestaltete Unterkategorie „Future Linz“ (http://www.linz.at/futurelinz/) geht dabei auf einzelne Vorhaben ein, sowie der Kulturentwicklungsplan (KEP) und der Gestaltungsbeirat erklärt. Das Thema „Nachhaltigkeit“ wird behandelt („Nachhaltigkeit bedeutet wesentlich das Miteinander von Mensch, Natur und Wirtschaft zum Nutzen aller Beteiligten.“ 361 ) und die diesbezüglichen Bestrebungen der Stadt Linz dargelegt: „In Linz wurde im Jahr 1995 vom Gemeinderat ein Grundsatzbeschluss über die Umweltschutzpolitik in Linz gefasst, der durch das Prinzip der Nachhaltigkeit geprägt ist.“ 362 Ein sehr umfangreiches Angebot an Dokumenten wird präsentiert, um die Kompetenz der Stadt auf diesem Gebiet zu unterstreichen.
Der betonten Zukunftsorientiertheit entsprechend präsentiert die Stadtverwaltung einen Bericht über Linzer Zukunftsszenarien: „In diesem Bewusstsein hat der Linzer Gemeinderat im Oktober 2001 den Auftrag erteilt, Szenarien zu erarbeiten, die für die Stadt Linz relevante mögliche Zukünfte beschreiben. Das Projekt ‚Unsere Zukunft: Linz 21’ ist ein ambitionierter Versuch, einen Blick in die Zukunft zu machen und gleichzeitig umfassende Zusammenhänge zu beachten.“ 363
Als Ergebnis dieses Unternehmens werden eine Vielzahl seitenlanger PDF Dokumente zum Herunterladen angeboten.
Die offizielle Homepage der Linz 09 GmbH hat sich während der Forschungszeit oft verändert. Dokumente, die im November 2006 noch vorhanden waren, können kurz vor dem Jahr 2009 nicht mehr aufgerufen werden. Grund dafür scheint zu sein, dass die Seite nun primär das Programm für 2009 beinhaltet. Vor der Präsentation des Programms im Mai 2008 wurde die Seite mit anderem Material, wie vorbereitende Texte rund um das Thema Linz und das bevorstehende Ereignis, gefüllt. Unter der Rubrik „Gastgeschenke“
361 http://www.linz.at/umwelt/4210.asp, 15.09.2008
362 http://www.linz.at/umwelt/4210.asp, 15.09.2008
363 http://www.linz.at/leben/4656.asp, 15.09.2008
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(http://www.linz09.at/de/gastgeschenke.html, im September 2008 nicht mehr auffindbar)
konnte damals der Text „Anders ist auch schön“ 364 der Mitarbeiterin des Kulturhauptstadtbüro Ruhr 2010, Nadja Grizzo, gelesen werden, indem sie ihre Sicht auf Linz, auf die Gemeinsamkeiten der beiden Regionen und auf die Frage „Ist Linz schön?“ darstellte. Eine damalige erste Kampagne von Linz 09 stellte diese Frage nicht nur ausgewählten Personen. Auf Postkarten, die öffentlich auflagen, konnte aus den Antwortmöglichkeiten: Ja - Nein - Kommt darauf an ausgewählt werden. Auf der Linz 09 Internet Seite konnten ebenso multimediale Beiträge zu dieser Frage unkompliziert hochgeladen werden. 365 Unter dieser Adresse (http://www.linz09.at/schoen/) wird im Herbst
2008 kein Inhalt gefunden 366 . Das Sujet „Ist Linz schön?“ wurde aber von den Oberösterreichischen Nachrichten übernommen, die ab November 2007 diverse Berichte, Kommentare und Interviews im Bezug auf diese Fragestellung veröffentlichten. „Wenn die OÖN ab heute mit einer groß angelegten Serie die Frage stellen ‚Ist Linz schön?’, dann tun sie dies nicht nur im Hinblick auf das Schaufenster, in dem sich die Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2009 wiederfinden und bespiegeln lassen wird.“ 367
Die Seite www.linz09.at ging im November 2005 online 368 , knapp vier Jahre vor dem
Ereignis. Erst als der Titel an Linz vergeben worden war, wurde also daran gegangen die Kulturhauptstadt 2009, die „Medienkulturhauptstadt“, im Internet zu präsentieren. Im Herbst 2008 konnten wir allerdings bereits die Seiten der Kulturhauptstädte 2013, Kosice 369 und Marseille 370 besuchen. Neben Marseille können sogar die anderen französischen Bewerber Lyon 371 und Bordeaux 372 mit eigener Kulturhauptstadt Internetpräsenz aufwarten.
Diverse Prospekte, die an touristischen Brennpunkten in der Stadt aufliegen, preisen die unterschiedlichen Attraktionen von Linz an. Dabei werden die Sehenswürdigkeiten, die kulturellen Aspekte - eine Kulturmeile -, sowie der Donautourismus per Schiff oder Fahrrad beworben. Veranstaltungen, Sport, Szene, Advent und das Umland von Linz sind ebenso Thema eines vom Tourismusverband herausgegebenen 25-seitigen A4 Prospekts. Die oberösterreichische Landeshauptstadt wird in der Tourismuswerbung folgendermaßen
364 http://www.linz09.at/de/gastgeschenke.html, 21.11.2006
365 vgl.: http://www.linz09.at/schoen/, 21.11.2006
366 vgl.: http://www.linz09.at/schoen/, 17.09.2008
367 OÖN, 10.11.2007
368 vgl. : http://www.linz09.at/de/news/archiv05.html, 17.09.2008
369 vgl.: http://www.kosice13.sk/, 17.09.2008
370 vgl.: http://www.marseille-provence2013.fr/, 17.09.2008
371 vgl.: http://lyon2013.eu/, 17.09.2008
372 « Actualités: Bordeaux 2013 ne sera pas » vgl.: http://www.bordeaux2013.eu/, 17.09.2008
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vielversprechend präsentiert: [Linz] „besitzt schon heute jene Facetten, die eine Städtereise interessant machen.“ 373 , „Was hat Linz, was andere europäische Städte nicht haben? Linz hat Lust auf Neues, auf stete Veränderung und Expansion. Österreichs Parade-Industriestadt hält nicht viel von Stillstand.“ 374 , „Zugegeben: Wien ist einzigartig, Salzburg bezaubernd und Graz höchst charmant. Aber hinter dem Alpenvorland gibt es auch noch Linz. Und das ist unkonventionell, mutig, modern und rund um die Uhr aktiv.“ 375 , „Abendunterhaltung für jeden Geschmack“ 376 , „Linz steht für Vielfalt - Open Air, in Lokalen und auf den Theater-und Konzertbühnen der Stadt.“ 377 , „Nachts erwacht Linz zu neuem Leben“ 378
3.3.3. In der Stadt
Die Werbung zeichnet ein anderes Bild als beim Durchwandern und Erleben von Linz erfahren werden kann. Denn dem Werbebild einer lebendigen, aufregenden Stadt, stehen die Eindrücke von wenig bevölkerten bis menschleeren Straßen und einem durchschnittlichem Kulturleben entgegen. Nur die Landstraße kann bei der Frequenz mit den meistbesuchten Einkaufsstraßen des Landes mithalten und bei entsprechendem Programm (Pflasterspektakel, Kronefest) füllt sich neben Hauptplatz und der „Mariahüfastroßn von Linz“ 379 sogar der Pfarrplatz und die Altstadt. Egal ob beim alltäglichen Ortswechsel innerhalb der Stadt oder beim gezielten stadtsoziologischen Durchstreifen der Straßen, Plätze und Nicht-Orte (Baudrillard), es sticht dabei zwangsläufig ins Auge, dass große Menschenmengen nur entlang der Landstraße anzutreffen sind, aber auch nur während der Öffnungszeiten der Geschäfte. Andere Straßenzüge, Parallel- oder Querstraßen sind annähernd menschenleer, was Menschen zu Fuß betrifft, und werden primär vom motorisierten Individualverkehr genutzt. Der als Autor des Buchs „Es muss was geben“ in dieser Arbeit genannte Musiker Andreas Kump beschreibt in seinem Artikel „Kreativ? Klasse!“ 380 in der Publikation „versorgerin“ der Linzer Stadtwerkstatt seine Eindrücke des geringen Aufkommens öffentlichen Lebens in den Straßen der Stadt mit „eine zuletzt von Leerstand und ‚28 Days
373 Buchegger et al./Tourismusverband Linz, 2007, S.3
374 Buchegger et al./Tourismusverband Linz, 2007, S.11
375 Buchegger et al./Tourismusverband Linz, 2007, S.13
376 Tourismusverband Linz, 2007, S.4
377 Tourismusverband Linz, 2007, S.12
378 Tourismusverband Linz, 2007, S.15
379 „Drei Mädchen unterhielten sich: ‚Aha, des is de Mariahüfastroßn von Linz’, und staunten kurz.“ (OÖN, 10.11.2007)
380 Kump in: versorgerin, #0079, 09.2008, S.4
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later’-Stimmung schwer gezeichnete City“. 381 Diese sehr überspitzte Metapher drückt durchaus die Ernüchterung vielgereister Linzer und Linzerinnen aus, die an anderen Orten der Welt erleben konnten, dass mit der Charakterisierung „lebendige Stadt“ und „interessante Stadt“ mehr gemeint sein kann, als Linz zu bieten hat. Die Achse des städtischen Lebens ist sehr eng. Selbst die als attraktiv angesehene Altstadt westlich des Hauptplatzes ist auch an schönen Tagen teilweise regelrecht menschenleer. Der im östliche Altstadtbereich gelegene Pfarrplatz ist nach seiner neu Gestaltung hin und wieder bei Veranstaltung mit Menschen gefüllt.
Die primäre städtische Qualität, die in Linz angeboten und anscheinend auch mehrheitlich von seiner Bevölkerung gewünscht wird, ist die des Einkaufserlebnisses. Da die Innenstadt dabei in harter Konkurrenz mit den Einkaufserlebniswelten am Stadtrand steht, gilt es für die Verantwortlichen der Stadt Linz und des Linzer City Rings 382 , den Trumpf der realen historischen Kulissen mit attraktiven Animationselementen optimiert voll auszuspielen. Diverse Angebote verführen zum Besuch der Linzer Landstraße. Es gibt speziell beworbene Einkaufsnächte, in denen die Geschäfte bei verlängerten Öffnungszeiten mit Getränken (meist Sekt) und Showprogramm locken. Eine weitere Attraktion sind
Tourismuswerbeveranstaltungen: Über mehrere Tage hinweg erstrecken sich die Präsentationsveranstaltungen werbender Regionen. Die Straßenbahnschienen flankierend werden Stände und Buden entlang der Fußgängerzone aufgebaut, in denen es die Spezialitäten der jeweiligen sich vorstellenden Gegend, Elsass und Toskana waren zuletzt in Linz, zu kaufen gibt. Für kleinere Promotion und Werbestände im Öffentlichen Raum wird die Landstraße ebenfalls oft genutzt.
Was die Umschreibungen des Linzer Nachtlebens in den Werbebroschüren des Tourismusverband angeht, so muss hier von einem langjährigen Kenner der Fortgehszene in Linz den floskelhaften Anpreisungen vehement widersprochen werden. Linz ist nicht rund um die Uhr aktiv, es dominiert ein bürgerliches Geschmacksideal, was die Ausstattungen der meisten Bars in der Innenstadt suggeriert und für die versprochene Vielfalt müssen die wenigen alternativen Nischen herhalten. Denn durch die gezähmte Haltung alternativer Kulturrichtungen kann die Stadt jene Vielfalt behaupten und das Prinzip „Kultur für alle“ bekräftigen.
381 Vgl.: http://www.imdb.com/title/tt0289043/, 18.10.2008: « 28 Days later” ein dystopischer englischer Horrofilm, in dem die letzten wenigen Überlebenden einer apokalyptischen Seuche durch die menschenverlassenen Straßen Londons irren.
382 Eine gemeinsame Plattform des Linzer Innenstadthandels, vgl.: http://www.linzer-city-ring.at/, 21.10.2008
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3.4. Ein Blick von außen
„’Wir suchen den Blick von aussen, damit wir nicht im eigenen Saft kochen.’“ 383 So wird der Linzer Kulturdirektor Siegbert Janko in der Neuen Zürcher Zeitung zitiert. Durch das Kulturhauptstadtjahr wird auch in der Tat vermehrt in außeroberösterreichischen Medien über die Stadt Linz, vor allem im Bezug auf 2009, berichtet.
Der Standard, der in Wien erscheint, widmet der Kulturhauptstadt Linz in seiner online Ausgabe eine eigene Unterrubrik. Natürlich ist der Umfang der Berichterstattung zu diesem Thema viel geringer, als bei den Oberösterreichischen Nachrichten, aber auch in der Art und Weise, wie und was geschrieben wird, unterscheiden sich die beiden Zeitungen. Der Standard berichtet nüchterner und mit größerer Distanz, was durch die geographische Entfernung verständlich ist. Kritik, die in den OÖN meist wohlwollend, als Anstoß zur Besserung gesehen wird, fällt in der wohl als wichtigsten Vertreter des österreichischen Qualitätsjournalismus gesehenen Zeitung durchaus auch einmal hart und vernichtend aus (vgl. Kapitel 3.5.). „Linz will sich endlich von seinem Provinzimage befreien“ 384 , so werden in Wien die Kulturhauptstadtambitionen der Stadt gesehen. Von einer „Provinzposse“ 385 , die sich Linzer Politiker anlässlich einer Präsentation der Stadt in der Säulenhalle des Parlaments in Wien leisteten, musste die in der Hauptstadt erscheinende Gazette davor schon berichten. „Weltoffen, als gelungene Mischung aus Industrie, Kultur und Sozialem - so sieht man Linz gern, so verkauft man Linz gern. Vor allem in Hinblick auf das nahende Jahr Kulturhauptstadt 2009.“ 386 Das Stadtmarketing wird analysiert und es wird darauf angespielt, dass die Stadt Linz mit manchen Behauptungen den Mund zu voll nimmt: „Die Behauptung allein macht noch längst keine Metropole. Defizite prägen den Stadtraum“ 387
In der Neuen Zürcher Zeitung finden sich während des Forschungszeitraumes zwei Artikel, die Linz aufgrund der Ars Electronica bzw. des Kulturhauptstadtjahrs gewidmet sind. Die Schlüsselbegriffe, die in beiden Artikeln dafür herangezogen werden, über Linz zu schreiben, sind auffälligerweise folgende: Adolf Hitler, Linzertorte, Provinz, Ars Electronica. Der eine Artikel hebt die Bedeutung des Linzer Medienkunstfestivals besonders hervor: „Nicht wegen der Linzertorte, sondern wegen der Ars Electronica ist die oberösterreichische
383 NZZ online, 2.08.2007
384 Der Standard, 30.05.2008
385 Der Standard, 16./17.06.2007
386 Der Standard, 16./17.06.2007
387 Der Standard, 4.09.2006
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Landeshauptstadt sowohl dem Hacker in New York wie auch der Computerkünstlerin in Tokio ein Begriff.“ 388 Der andere Artikel macht sich über Zitate aus der Publikation „Linz Buch“ lustig. Der Autor findet Linz „gerade als kulturferne Stadt ohne geisteswissenschaftliche Tradition“ 389 interessant.
Das problematische Image der Stadt Linz wurde in dieser Arbeit bereits mehrmals ausführlich behandelt. Dass neben den Assoziationen Linzertorte und Hitler, die eine banal, die andere erschreckend, die Ars Electronica als ein Pfeiler des Linzer Images im Ausland genannt werden kann, unterstreicht den Wert dieser Veranstaltung für die Stadt Linz und macht verständlich, warum daraus die Identität der ganzen Stadt als zukunftsorientierte Medienkulturstadt konstruiert wird.
Da der Name Adolf Hitler weltweit sehr bekannt ist, verwundert es nicht, dass die Stadt, mit der diese Person viel verbunden hat, dadurch ebenso Bekanntheit in diesem Zusammenhang erlangt. Hitler und Linz: Dieses Bild sitzt sehr tief. Doch auch das um einiges freundlichere Bild, das der Linzertorte, ist weltweit bekannt. Ein Foto, das im Jahr 2008 in Manhattan aufgenommen wurde, zeigt, dass auch in der Metropole New York die Linzer Süßigkeit erhältlich ist. Auch wenn es sich bei diesem Exemplaren nicht um die Torte, sondern um Linzer Augen handelt, welche richtigerweise drei statt einem Loch in der oberen Hälfte haben sollten.
Abb.9: Einäugige Linzer Augen werden als Linzer Tart in Manhattan, New York angeboten
388 NZZ online, 2.08.2007
389 NZZ am Sonntag, 3.02.2008
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Ein spezieller Blick von außen scheint mir ebenfalls noch erwähnenswert. Im Jahr 2005 wurde Linz im deutschen Nachrichtenmagazin Spiegel zum Thema. Nicht wegen der Kulturhauptstadt, sondern wegen des Berliner Rappers Bushido, der wegen Körperverletzung in Linz vor Gericht stand. Von den angeblichen Aussagen des umstrittenen Musikers über Linz wurde der Autor des Spiegels inspiriert folgende Zeilen über die oberösterreichische Landeshauptstadt zu schreiben:
„Eigentlich geht man nicht nach Linz in die Disco. Eigentlich geht man überhaupt nicht nach Linz. Linz ist der Arsch der Welt: Chemie, Langeweile, Drogen. Womit man wiederum natürlich nach Linz muss, wenn man im Rap-Geschäft ist, also in die Ghetto-Stadt Österreichs, das Härteste, was Österreich zu bieten hat.“ 390
Diese Zeilen schreckten in Linz auf und wurden umgehend in den Medien behandelt. Anstelle der OÖN sei hier einmal aus dem online Angebot des ORF zitiert: Am 9.11.2005 wurde unter der Überschrift „Wüste Beschimpfung für Linz“ über den Imageschaden berichtet: „’Arsch der Welt’ Laut Spiegel bezeichnete Bushido Linz als ‚Arsch der Welt’. Das schmerzt die Tourismusverantwortlichen. Vor allem, weil man seit Jahrzehnten bemüht ist, vom Ruf ‚In Linz - da stinkts’ und dem tristen Image einer düsteren Industriestadt wegzukommen.“ 391 Linz wurde auch anderenorts, vielleicht gar nicht so satirisch gemeint, als hartes Ghetto dargestellt. In der Sendung "Willkommen Österreich" 392 des Kabarettisten-Duos Grissemann & Stermann antwortete Stermann auf die Frage, welches das härteste Ghetto Österreichs sei mit „Linz“.
3.4.1. Reiseführer
Eine Auswahl internationaler Reiseführer, die bei einem Besuch zweier Buchhandlungen, einer in Linz 393 und einer in Barcelona 394 begutachtet wurden, soll einen Einblick in die Vorstellungswelt von TouristInnen geben, die auf dem Weg nach Linz vielleicht die ersten Informationen über ihr Reiseziel aus eben solchen Büchern erhalten. Hier wurde keine grundlegende Erhebung von Informationen in Reiseführern vollzogen. Es wurden zufällige Stichproben genommen, dort wo sich die Gelegenheit ergab. In Barcelona ist es wahrscheinlich schwer, die typischen Linz TouristInnen zu treffen, und ein Besuch einer
390 Höbel in: Der Spiegel, 45/2005, 7.11.2005, S.196
391 http://ooe.orf.at/stories/69197/, 18.04.2007
392 ORF 1, 28.02.2008
393 Thalia, Landstraße
394 Fnac, Placa Catalunya
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Buchhandlung in Deutschland oder Italien hätte hier vielleicht noch mehr Eindrücke geliefert, aber eine Forschungsreise in diese Länder war nicht Teil dieser Arbeit. Die Beschreibungen von Linz wurden meist Reiseführern über Österreich entnommen. Es handelt sich also um eher geballte und auf das aus der Sicht der AutorInnen Wichtigste gekürzte Information. Die hier verwendeten Bücher sind in deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache abgefasst. Die für Linz aus touristischer Sicht wichtigeren Beiträge in italienischer Sprache bleiben aufgrund fehlender Sprachkenntnisse unberücksichtigt. Die Beiträge in Summe betrachtet zeichnen ein Bild von Linz als einer Industriestadt mit einer sehr attraktiven Altstadt und wunderschöner Landschaft im Umland. Dem Kulturaspekt wird natürlich auch Anerkennung zuteil, so werden die wichtigsten Kultureinrichtungen - in diesen Fällen: Lentos, Ars Electronica Center und Klangwolkegenannt, wobei dem AEC zuerkannt wird „un des musées informatiques les plus renommés au monde“ 395 zu sein und die Klangwolke als große musikalische Manifestation gesehen wird, bei der Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen, um die Sinfonien Bruckners zu hören. („gran manifestación cultural a la que acude gente del mundo entero para escuchar las sinfonías de Bruckner” 396 ) Die Autoren des Beitrags beziehen sich dabei wahrscheinlich auf die erste Klangwolke auf der wirklich Bruckner zu hören war. Die Regel ist das aber nicht. Es werden jedes Mal andere Musikstücke inszeniert. 397
Der Stadt wird zugeschrieben über gute Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten zu verfügen, provinziell und industriell zugleich und darüber hinaus zukunftsorientiert zu sein. Besonders in den untersuchten englischensprachigen Texten wird Linz als unberechtigt unterbewertet dargestellt, wobei auf das Imageproblem der Stadt hingewiesen wird: „largely overlooked by tourists” 398 ,
“In the eyes of many Austrians, Linz is a city to avoid, a provincial backwater with heavy industry. (…),but it seems that many prefer to overlook the highlights the city has to offer,” 399 “Linz is definitly the underdog among Austrian cities. It receives the smallest number of tourists, and is looked down on, even by fellow Austrians, as both deeply provincial and, at the same time, predominantly industrial.” 400
“Finally, as if the city didn’t have a big enough PR problem, Linz is also famous for being ‘Hitler’s home town’” 401
395 Deguine et al., 2003, S.240
396 Josse, 2007, S.451
397 vgl. http://www.klangwolke.at/klang.php 15.3.2008
398 Anderson, Berkmoes, 2007, S.76
399 Bedford, Pitcher, 2005, S.167f
400 Bousfield, Humphreys, 2005, S.251
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Für einen französischen Autor ist neben der Donau, die in den anderen Beiträgen, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt wird, das Neue Rathaus am Urfahraner Donauufer die wichtigste Sehenswürdigkeit von Linz und Symbol für die Dynamik der modernen Stadt: „Image-symbole du dynamisme du Linz moderne, le Nouvel hôtel de ville (ZR), inauguré en 1985, allonge ses facades futuristes sur la rive gauche du Danube près du Nibelungenbrücke.“ 402
In den spanischen Beiträgen werden besonders die Modernität, die Zukunftsorientiertheit und die wirtschaftliche Bedeutung von Linz hervorgehoben. Dabei wird die Pferdeeisenbahn als erster Impuls für die dynamische Entwicklung genannt:
„En 1832 se construyó en Linz la primera línea de ferrocarril de Austria; esto hizo que la industria local experimentara un gran impulso y hoy en día Linz es un centro comercial e industrial de primer orden.“ 403
Neben Freizeit und Kultur sind es die Einkaufsmöglichkeiten („die besten Modegeschäfte des Landes“), die hier betont werden:
„Allí se encuentran las mejores tiendas de moda del país, así como importantes lugares para el ocio y la diversión junto con afamados centros culturales.“ 404 Berühmte Persönlichkeiten, die mit Linz in Verbindung gebracht werden sind Kepler, Beethoven und Hitler. Der Stadt wird zudem attestiert, eine junge (weil Universitätsstadt: „Es, en definitiva, una ciudad universitaria, una ciudad joven,“ 405 ) und lebendige zu sein, die reich an kulturellem Leben ist.
Die Formulierungen und Beschreibungen in den beobachteten Reiseführern differieren je nach Autor und Zielgruppe, Lonely Planet und Baedeker sind vielleicht als zwei Pole zwischen jung, unkonventionell und konservativ, klassisch zu sehen. Wobei der klassische Reiseführerstil eher auf die Schönheiten hinweisen will, um Lust auf einen Besuch zu machen, und der unkonventionelle Stil des bei Backpackern beliebten Reisebegleiters eher bereit ist, auf Probleme hinzuweisen und auch einmal kritische oder sogar unschmeichelhafte Kommentare abzugeben. So wird zwar in der aktuellsten Ausgabe der Österreich-Ausgabe des Lonley Planet einerseits der enorme Wandel der Stadt bis hin zur Europäischen Kulturhauptstadt gewürdigt:
401 Bousfield, Humphreys, 2005, S.251
402 Deguine, et al., 2003, S.240
403 Ledrado, 2005/06, S.291f
404 Ledrado, 2005/06, S.291f
405 Josse, 2007, S.451
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“And who would have thought that this industrial powerhouse had it in it to become European Capital of Culture 2009? By injecting life into the centre in recent years, the city has successsfully reinvented itself: (…)This sleeping city has finally awoke, even though she may not be a classic beauty.” 406
Andererseits werden im selben Buch auch folgende Zeilen für ein internationales Publikum über Linz abgedruckt:
"Actually, you don't go to the disco in Linz. You don't really go to Linz. Linz is the ass of the world: chemicals, boredom, drugs. Which means, come to think of it, of course you have to go to Linz if you're in the ghetto city of Austria and the toughest Austria's got to offer" 407 Abseits dieses Beitrags, der vom selben Autor stammt wie der erwähnte Artikel in der Zeitschrift Spiegel (vgl. Kapitel 3.4.) erwecken die spezifischen Ausschnitte aus diversen Reiseführern den Eindruck, dass die Bemühungen der Stadt Linz bezüglich Image und Tourismus langsam Wirkung zeigen. Trotz Nennung unattraktiver Aspekte wird der Stadt zuerkannt, dass sie unterschätzt wird. Bedeutende Gebäude, allen voran das Ars Electronica Center, werden gewürdigt und damit der Stadt ein Profil gegeben. Das Kulturhauptstadtjahr wird ebenfalls, zumindest in den neueren Veröffentlichungen, behandelt, und der Stadt damit mehr Anziehungskraft attestiert.
3.5. Ein kritischer Blick
Kritische Wortmeldungen zu Linz als Stadt generell und speziell am Kulturhauptstadtjahr wurden für diese Arbeit gezielt gesucht und in großem Umfang gefunden. Dieses Kapitel soll einen Überblick über die für diese Arbeit interessantesten kritischen Stellungnahmen und auch darüber geben, von welcher Seite diese kommen.
So wird in der Berichterstattung der OÖN einerseits darüber geschrieben, wer an wem Kritik geübt hat, in Kommentaren äußern sich die AutorInnen aber auch gerne selbst kritisch gegenüber der Stadt. Erhard Gstöttner etwa bringt des öfteren Überlegungen zu Papier, die sich mit der Präsentation von Linz generell beschäftigen: „Das offiziell gepflegte Image ist aber nicht frei von Größenwahn. Zugleich ist dieses Image durchsetzt mit Minderwertigkeitsgefühlen.“ 408 Er denkt auch darüber nach, „dass auf dem Jahrmarkt [Anm.:
406 Haywood, Kerry, 2008, S.200f
407 Höbel in: Haywood, Kerry, 2008, S.48
408 OÖN, 12.11.2007
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Urfahranermarkt] ein Linz zu sehen ist, das nicht dem hochpolierten Image der Stadt entspricht.“ 409
„Wir stellen die Frage [Anm.: Ist Linz schön?] mit einigem Stolz, aber auch einem gewissen Grad an Sorge. Sorge davor, dass die Erfolge der Vergangenheit zum bequemen Ruhekissen werden könnten und die Dynamik, die diese Stadt nicht nur wirtschaftlich antreibt, wieder verkümmert oder schwächelt“ 410 Die OÖN kritisieren, dass sich eine gewisse faule Sattheit in der Stadt breit gemacht haben könnte. Dies stellen sie mit Sorge fest. Dass mit der Nennung von Missständen im Stadtraum und der Politik, die OÖN tendenziell eher eine konstruktive Kritik äußern wollen, wurde im vorigen Kapitel erwähnt. Konkret lässt sich der Umstand, dass etwa im Wiener Standard auch härtere Wortmeldungen diesbezüglich zu finden sind, an einem Aspekt und zwei Zitaten festmachen: „Gastronomisch könnte die Linzer Innenstadt allerdings mehr vertragen.“ 411 So beschreiben die OÖN die lukullische Situation in der Linzer Innenstadt. Im Standard hört sich diese Kritik folgendermaßen an: „Gastronomisch gesehen ist Linz die Zentralsahara.“ 412
Weniger laut, dafür konkreter wird in der NZZ Kritik an der Errichtung und Bespielung von Kulturgebäuden erwähnt: „Skeptiker meinen, dass Linz sich darauf verstehe, Hüllen für die Kunst aufzustellen, es falle der Stadt aber schwer, diese mit Stars und hochstehenden künstlerischen Inhalten zu füllen.“ 413
Sehr viel Kritik kommt aus dem Umfeld der Linzer Freien Szene. Diese Szene, die aus den beschriebenen historischen alternativen Strömungen und Errungenschaften ihr Selbstverständnis bezieht zeigt sich heute als offener Zusammenschluss Linzer Kulturvereine, die in regem Kontakt stehen und sich auch gegenüber der Stadt Linz als eigenständiger Faktor positionieren. Zur freien Szene gehören Vereine wie: Die Fabrikanten, Kapu, KUPF, MAIZ, Moviemento, qujOchÖ, Radio FRO, servus.at, Social Impact, Stadtwerkstatt, uvm. Die VertreterInnen dieser Szene stoßen sich in ihrer Kritik meist an den hochtrabenden Behauptungen des städtischen Marketings und den darin offensichtlichen Widersprüchlichkeiten zu den von ihnen wahrgenommenen Umständen. Architektur, Kulturpolitik, Imageaufbereitung sowie die reale Situation in Linz werden in den Publikationen und Wortmeldungen der Freien Szene behandelt und kritisiert. Zudem wird von
409 OÖN, 1.10.2007
410 OÖN, 10.11.2007
411 OÖN, 27.08.2004
412 Der Standard, 4.09.2006
413 NZZ online, 2.08.2007
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einer von der Vorstellung der offiziellen Kulturpolitik stark abweichenden Kulturdefinition ausgegangen.
ProtagonistInnen der Szene kommen etwa im Standard, aber nicht in den OÖN zu Wort. In einem Interview mit Markus Binder von Attwenger interpretiert dieser die kulturellen Ambitionen der Stadt folgendermaßen:
„In Linz scheint mir das eher so zu sein, dass, so wie Urlauber Luftmatratzen aufblasen, eine Kleinstadt ihre Kulturgüter aufbläst wie das Lentos oder das Ars Electronica Center. Da stehen repräsentative Hütten, die großteils mit repräsentativer Kunst gefüllt sind.“ 414 Die enorme wenige Baustoffe favorisierende Bautätigkeit dürfte auch als Inspiration für das schon beinahe legendär gewordene Zitat des künstlerischen Leiters des Theater Phönix, Harald Gebhartl, fungiert haben: „In Linz werde ‚Kultur in Kubikmeter Beton gemessen’, meint Gebhartl.“ 415
Auch zum Thema Kulturhauptstadt werden, wie im folgenden Zitat ein Vertreter der Kapu, im Standard Meinungen veröffentlicht, die so in den OÖN nicht zu finden sind:
„Klemens Pilsl vom Linzer Kulturzentrum Kapu teilt diese Befürchtung: ‚Wahrscheinlich werden nur wenige profitieren, die langjährige Kulturarbeit von unten könnte im Event-Taumel untergehen. Große Teile der Freien Szene Linz sind inzwischen desillusioniert. Viele, die Projekte eingereicht haben, fühlen sich durch die ,2009'-Angestellten inkompetent betreut und hingehalten. Bemerkbar ist leider auch schon eine gewisse Neid-Stimmung, da Menschen mit ähnlichen Projektideen um begrenzte Töpfe buhlen.’“ 416
Die Ansichten der Freien Szene zugehöriger Personen werden aber auch in eigenen Publikationen veröffentlicht. Schon im Jahr 2004 wandte sich das „Offene Forum Freie Szene“ mit einer gemeinsamen Stellungnahme an die verantwortlichen Politiker des Landes und der Stadt, um auf die sich verschlechternde Situation von Kulturschaffenden in Linz aufmerksam zu machen. Darin wird auf die prekäre finanzielle Situation der KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen hingewiesen.
Die meisten Texte, die kritische Meinungen der Freien Szene artikulieren, erscheinen in den regelmäßigen Druckschriften der Kapu („Kapuzine“) und Stadtwerkstatt („Versorgerin“)
414 Der Standard, 21./22.7.2007
415 Der Standard, 16.03.2007
416 Der Standard, 25.09.2007
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„In Linz ist Kulturarbeit also weiterhin Selbstausbeutung bzw. ein Hobby für diejenigen, die sich’s leisten können.“ 417 Konstatieren auch die RedakteurInnen des „Kapuzines“, Speziell zum Thema Kulturhauptstadtjahr beziehen in den beiden Formaten verschiedene AutorInnen Position bzw. analysieren den Charakter dieses Events auch hinsichtlich der in dieser Arbeit behandelten Aspekte:
„Die neoliberale Produktfixiertheit der Linz09-Macher widerspricht den Anliegen und dem Selbstverständnis der Freien Szene. Die Rolle und die große Bedeutung der Freien Szene lässt sich in diesem Zusammenhang nicht durch einfaches Stadtmarketing festschreiben. Durch die kontinuierliche kulturelle und künstlerische Arbeit in den letzten Jahrzehnten hat die Freie Szene wichtige Impulse für die Entwicklung der Stadt Linz geleistet, die weit über bloß oberflächliche Repräsentanz und Imageeffekte hinausgehen. Ohne diese qualitativ hochwertige Arbeit der Linzer Kulturszene hätte auch die Bewerbung für Linz als Europäische Kulturhauptstadt mit Sicherheit viel von ihrer Schlagkraft verloren.“ 418
„Und dieser Ausnahmezustand der mit Linz 09 droht, bedeutet nicht nur die Suspendierung aller kulturellen Vereinbarungen und (...) auch der sozialen Übereinkünfte. Es ist ein groß angelegtes Projekt des Ausschlusses alle jener, die sich nicht dem Regime des Warenfetischismus unterwerfen.“ 419
Im Rahmen des Projekts „Linz Status Quo“, einem Linz 2009 Programmpunkt, wurden drei international anerkannte ArchitekturkritikerInnen gebeten, ihre Eindrücke von Linz zu Papier zu bringen. Im Katalog der Ausstellung „Linz Texas“ wurden ihre Essays abgedruckt. 420 Die meisten Reaktionen provozierte der Artikel von Roemer van Toorn, der einen unkonventionellen Vergleich anstellt, den er durchaus zu argumentiert weiß: Linz sei wie Singapur.
„Bürgermeister Franz Dobusch und sein Team haben wahre Wunder vollbracht. Alle haben Arbeit und verbringen ein langes und gesundes Leben in einer grünen und urbanen Region mit einer Zukunft voll Wohlstand am Horizont. In dieser Hinsicht erinnert mich Dobusch an den Philosophenkönig Lee Kuan Yew, der den Stadtstaat Singapur mehr als 40 Jahre regierte und aus ihm ein tropisches Exzellenzzentrum machte.“ 421
417 Pilsl in: Kapuzine #3/Mai/Juni 2007, S.34
418 Offenes Forum FREIE SZENE LINZ in: Kapuzine #3/Mai/Juni 2008, S.26f
419 Fend in: Versorgerin #0074, 06.2007, S.6
420 vgl.: Fitz, Heller, 2008, S.170
421 Toorn in: Fitz, Heller, 2008, S.195
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Beide Städte ähneln sich, so der Archtitekturkritiker auf mehreren Ebenen:
„Die Funktionstrennung, die Homogenität der Bevölkerung, Raumordnungpläne und Vorschriften stellen sicher, dass alles, was nicht hineinpasst, ausgeschlossen wird. Ein Regeldickicht schreibt vor, was auf geschichtlicher, wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Ebene zu passieren hat und zu unterlassen ist. Nichts darf Anstoß erregen oder provozieren, alles muss sauber in Reih und Glied angeordnet sein.“ 422
„Wie Lee schuf auch Dobusch den perfekten Sozialstaat“ 423 sagt der Autor und mit folgender hart formulierten Metapher bringt er seine Beobachtungen sehr spitz auf den Punkt: „Mehr noch: Linz ist Singapur ohne die Todesstrafe.“ 424
Der stadtsoziologischen Tugend des Sehens sollten die Kapitel mit den verschiedenen Blicken auf Linz Ehre erweisen. Für die Beantwortung der Frage, warum Linz die österreichische Vertreterin im Kulturhauptstadtjahr 2009 ist, bietet dieser Abschnitt keine konkreten Antworten. Viel eher sollen diese Ausführungen der im Titel dieser Arbeit genannten stadtsoziologischen Bestandsaufnahme der zukünftigen Kulturhauptstadt Linz gerecht werden. Ein Bild von Linz soll dargestellt werden, das abseits von Machtinteressen aus den Beobachtungen und Überlegungen und mit Einbeziehung stadtsoziologischer Schriften innerhalb dieser Diplomarbeit entstanden ist. Innen-, Außen- sowie eine kritische Sicht bringen tiefere Einblicke in die Problematiken der Stadt Linz in den Bereichen Morphologie, Image und Politik. Auch auf konstatierte Widersprüchlichkeiten und Übertreibungen in der Präsentation und Bildproduktion des Linzer Stadtmarketings machen diese Beobachtung aufmerksam. Der Blick in internationale Reiseführer schließlich gibt Ausdruck darüber, wie städtische Projekte von außen wahrgenommen werden. Insofern können einzelne Repräsentationsbauten und speziell das Kulturhauptstadtjahr, die in der beobachteten Reiseliteratur herangezogen werden, um Linz zu charakterisieren, als geeignet angesehen werden, das Bild der Stadt zu prägen, zu verändern und aufzuwerten.
422 Toorn in: Fitz, Heller, 2008, S.195
423 Toorn in: Fitz, Heller, 2008, S.195
424 Toorn in: Fitz, Heller, 2008, S.195
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4. Linz und die Kulturhauptstadt
Kritik, die an der Intendanz geäußert wurde, kam und kommt einerseits von abgewiesenen ProjekteinreicherInnen und vom Linzer Tourismus, der angab, dass konkrete Programmpunkte für seine Linzwerbung zu lange unkonkret blieben. „Noch viele Punkte sind beim Kulturhauptstadt-Programm 2009 offen. Umso schwieriger ist es für die Tourismusverantwortlichen, die Kulturhauptstadt zu bewerben.“ 425 War in den OÖN zu lesen. Die Anforderungen, die seitens des Linzer Tourismusverbands an die Einrichtung Kulturhauptstadt gestellt wurden, und die Dringlichkeit und Vehemenz, mit der sie kommuniziert wurden, offenbart einen Aspekt, der durch das Jahr 2009 erreicht werden soll. Ein Aspekt, der mit als Grund genannt werden kann, warum Linz Kulturhauptstadt wird. Linz will einen Anteil am boomenden Städtetourismus gewinnen. Die Nächtigungszahlen sollen steigen, wofür auch die Hotelkapazitäten erhöht werden. Nicht mehr nur Geschäftsleute und KonferenzbesucherInnen, sondern TouristInnen, die wegen den Schönheiten der Stadt kommen, sollen vermehrt nach Linz gelockt werden. Medial wurde erörtert ob das Kulturhauptstadtjahr geeignet sei, dieses Ziel zu erreichen. „Kann Linz als Tourismusziel profitieren, wenn sich nächstes Jahr die Kreativität durch die Gassen schlängelt?“ 426
4.1. Erwartungen
Neben dem Wunsch, die Tourismuszahlen mögen sich im Jahr 2009 erhöhen, werden noch weitere große Erwartungen in das Jahr 2009 gelegt. Konkret wird in der Berichterstattung angesprochen, was denn auch als ein Ergebnis dieser Arbeit subsumiert wird. Die Verbesserung des schwer angeschlagenen Linzer Images soll mit dem Kulturhauptstadtjahr erreicht werden. „Hellers ‚Linz soll in Zukunft für das Ausland mehr sein als Hitler plus Linzer Torte’ wurde mit Gelächter im Saal quittiert.“ 427 wird über eine Präsentationsveranstaltung in Ottensheim berichtet.
„’Linz hat beispielgebend vorgemacht, wie man sich am Schopf aus dem Dreck ziehen und von der Stahlstadt zur Kulturstadt wandeln kann’, sagte Klaus Sondergeld. Das Problem sei jetzt das Image: ‚Aber das kann man durch die Kulturhauptstadt verbessern.’“ 428 So wird der
425 OÖN, 5.11.2007
426 OÖN, 6.03.2008
427 OÖN, 11.5.2007
428 OÖN, 10.5.2007
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Geschäftsführer der Bremen Marketing GmbH in den OÖN zitiert, der damit bestätigen soll, dass das angestrebte Ziel auch erreichbar sei.
Ein besonderes Anliegen wird immer wieder formuliert: „Wenn’s nach den Verantwortlichen geht, dauert der Kulturhauptstadt-Rummel nicht bloß ein Jahr: ‚Das muss etwas Nachhaltiges werden, das Linz auf eine höhere Stufe bringt.’“ 429 Nachhaltigkeit ist das oft gebrauchtes Schlagwort. Die Kulturhauptstadt soll sich nachhaltig positiv auf die Stadt Linz auswirken. Positiv auf das Image, positiv auf die Stadtentwicklung und positiv auf die Nächtigungszahlen. „Der Linzer Tourismus wünscht sich Formate, die auch über 2009 hinaus wirken.“ 430 Wird über die Forderungen der Tourismusverantwortlichen berichtet. „Linz 09 ist Linz 2015“ 431 wird der Intendant Martin Heller zitiert. „Selbstverständliche Internationalität, gezielter Wettbewerb und neue urbane Qualitäten sollen Linz zur interessantesten Stadt Österreichs machen.“ 432 Wird in einem Interview mit Heller in einer Werbebroschüre des Tourismusverband erklärt, was mit „Linz 2015“ gemeint sein soll Der Ars Electronica Mitbegründer Hannes Leopoldseder formuliert den Wunsch, dass es mit dem Festival gelingen solle, „Linz im Umfeld der bisherigen EU-Kulturhauptstädte in der Zukunft nachhaltig als Hauptstadt der Medienkultur zu positionieren.“ 433 Dieses Ziel entspricht durchwegs den Vorstellungen, die auch die Stadtverwaltung als anstrebenswert erachtet, unterscheidet sich aber deutlich von den Ansichten kritischer VertreterInnen aus dem Umfeld der Linzer Freien Szene:
„Nachhaltigkeit heißt im Konkreten, dass die Kulturpolitik und die Gesellschaft in Strukturen für Kultur investieren, in Bildung für Menschen, die Kulturarbeit leisten und auch in Kultur-und Kunstvermittlung sowie Know-How investieren, dass auch die Bereitschaft in der Bevölkerung gefördert wird, sich damit auseinander zu setzen.“ 434 Dieser Vorstellung von Nachhaltigkeit liegt eine konkrete Definition von Kultur zugrunde, die andere als von einer Stadtregierung im Rahmen des Schlagworts „Kreativwirtschaft“ geforderte Bedingungen braucht, um sich entfalten zu können, wie ebenfalls seitens der Freien Szene formuliert wird:
„Was braucht die Kultur? Um eine Kultur zu fördern, in der Kunst und Kultur gemacht, rezipiert, gelebt, abgeregt und anregend werden können, bedarf es bestimmter Bedingungen. Zu diesen Bedingungen gehören Zeit - frei von Produktionszwängen, um sich auszutauschen,
429 OÖN, 9.10.2007
430 OÖN, 20.7.2007
431 Heller in: OÖN 10.04.2008
432 Tourismusverband Linz, 2007, S.8
433 OÖN, 27.08.2004
434 Pilsl in: Offenes Forum FREIE SZENE LINZ in: Kapuzine #3/Mai/Juni 2008, S.26f
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nachzudenken, Gedanken weiter zu spinnen, -- und Raum, wo Menschen zusammen kommen, etwas ausprobieren, Ideen umsetzen und diese und (?) sich weiter entfalten können. Das Kulturhauptstadtjahr wäre eine Chance, die Schaffung solcher Bedingungen zu erproben, aber dies Chance schwindet mittlerweile zunehmend. Die Verantwortlichen von Linz09 zeigen sich wenig an strukturellen Lösungen interessiert und die politisch Verantwortlichen nehmen in diesem Zusammenhang ihre Verantwortung nur ungenügend wahr.“ 435
Außer vielleicht der von Heller erwarteten Internationalität beziehen sich keine der in Linz geäußerten Erwartungen an das Kulturhauptstadtjahr auf jene Zielvorgaben, die seitens der Europäischen Union für die Vergabe dieses Titels in Artikel 3 des Beschlusses, der das Projekt Kulturhauptstadt definiert (vgl.: Kapitel 2.1.4.), aufgezählt werden. Linz sieht sich als reif für die Abhaltung dieser prestigeträchtigen Veranstaltung und hofft vor allem auf daraus evozierte positive Effekte.
5. Zusammenfassung
Die Vorstellung, dass sich die Kultur in Linz aufgrund des Kulturhauptstadtjahres im Sinne einer schöngeistigen Boheme oder eines progressiven kritischen Diskurses in ungeahnte Höhen und Breiten schwingen wird und die Stadt damit ein begründet interessanter Platz in Europa werden könnte, der Wunsch von kultureller Nachhaltigkeit, wie er im Umfeld der Freien Linzer Kultur Szene geäußert wird, wird wahrscheinlich nicht in Erfüllung gehen. Dies war auch nie das Ziel jener Kräfte, die die Idee und die Umsetzung des Projekts Linz 2009 voranentwickelten. Viel profaner erscheint die Antwort des Bürgermeister nach dem „warum?“:
„Für Bürgermeister Dobusch [...] ist der Grund zur Bewerbung von Linz ein zweigeteilter: „Erstens bedeutet es wieder eine gesamtstädtische Anstrengung, Linz außerhalb eines doch kleineren Einzugsgebiets zu positionieren. Es bedeutet, wieder Initiativen zu entwickeln, Kreativität, es entsteht - wie schon für den europäischen Kulturmonat - der Zwang zu besonderer Leistung, die nicht nur der Stadt, sondern der Region, dem Land nützt. Zweitens fließen dadurch auch Drittmittel in die Region, wie das ja auch schon 1990 beim Jubiläum `500 Jahre Linz Landeshauptstadt’ war. Was von damals zum Beispiel als Dauereinrichtung
435 Offenes Forum FREIE SZENE LINZ, in: Kapuzine #3/Mai/Juni 2008, S.26f
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blieb: Linz-Fest, Pflasterspektakel. Auch nach dem Jahr Funktion als Kulturhauptstadt werden sicher neu entwickelte Ideen zur Dauereinrichtung werden.“ 436
Es wird zusammenfassend festgestellt, dass Linz aus stadtpolitischen Gründen das Kulturhauptstadtjahr 2009 ausrichtet. Der Theorie der Festivalisierung der Stadtpolitik von Häußermann und Siebel entsprechend wird dieses Großprojekt eingesetzt, um bestimmte Ziele in der Stadtentwicklung zu erreichen. Die in dieser Theorie aus der Historie der Stadtentwicklung erläuterte Notwendigkeit für den Einsatz dieser Politik, trifft im Großen und Ganzen auch auf Linz zu. Zwar verlaufen gewisse historische Strömungen zeitlich different, aber sie werden in einer lokalspezifischen Form, die sich in bedeutenden und folgenschweren Entwicklungsbrüchen manifestiert, wirksam.
Die Ziele, die in Linz verfolgt werden, sind in erster Linie die Etablierung der Stadt als Kulturstadt. Was dies genau bedeutet und in welcher Form sich dieses Bestreben manifestiert, sowie welche Kritikpunkte an diesem Ansatz sowohl generell als auch speziell geäußert werden, wurde dargestellt. So ist damit ein wirtschaftlicher Aspekt gemeint, der mit Kulturstadt Innovation, Kreativwirtschaft und Medienkompetenz meint. Wirtschaftlich ist ebenso der Aspekt des Tourismus, der durch das Kulturhauptstadtjahr einen deutlichen Zuwachs erleben soll. Das vordringlichste Ziel, mit dem die bereits genannten eng verbunden sind, ist das Image der Stadt Linz aufzuwerten. Sowohl bei den BewohnerInnen der Stadt, aber vor allem außerhalb: In Österreich und ganz besonders in Europa.
Auf die enorme Bedeutung des Bilds, das in den Köpfen der Menschen von einer Stadt entsteht bzw. kreiert wird, wurde hingewiesen. Das Imageproblem, das die Stadt Linz mit dem Werkzeug Kulturhauptstadt beheben will, ist der Tatbestand, dass Linz zum einen gar nicht oder zu wenig bekannt ist bzw. dass ein etabliertes Bild von Linz negativ gefärbt ist.
Die Politik der Linzer Stadtregierung kann ebenfalls in Bezugnahme auf die Theorie der Festivalisierung der Stadtpolitik als verändert angesehen werden. Der Einsatz erfolgversprechender Großprojekte als Manifestation einer handlungsfähigen starken Stadtverwaltung entspricht auch dem Politikstil in Linz, besonders seitdem Franz Dobusch Bürgermeister ist. Die von Häußermann und Siebel als auf die Kommunalverwaltung wirkend beschriebenen Parameter treffen durchaus auf Linz zu. Nicht nur durch das Festival Kulturhauptstadt will die Stadtregierung sich in Szene setzen, das Bestreben erfolgreiche
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Stadtpolitik durch Projekte zu vermitteln zeichnet oftmals den Linzer Politikstil aus. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um kulturelle, wirtschaftliche und soziale Aspekte. Besonders im kulturellen Bereich treffen die Überlegungen des deutschen Kulturhistorikers Heiner Zametzer auf die Vorgangsweise der regierenden PolitikerInnen in Linz insofern zu, dass aufkommende kulturelle Strömungen oder Bewegungen von der Politik aufgegriffen werden und in politisch verwertbare Institutionen ummodelliert werden. Einem den Anforderungen des internationalen Städtewettbewerbs folgenden Startmarketing, das mit einem aus vereinnahmten lokalspezifischen Phänomenen und mythologisierten Geschichtserzählungen konstruierten Stadtimage mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit für die Stadt erreichen will, entspricht die materielle und immaterielle Gestaltung des Stadtraums, der durch Codes verschlüsselte Befehle, Machtverteilungen und Verbote beinhaltet. Exklusion sozialer Randgruppen ist die Folge. Durch ein Festival wie dem Kulturhauptstadtjahr werden solche sozialen Effekte noch weiter verschärft.
Menschen, die sich künstlerisch ausdrückten, wie etwa die ProtagonistInnen der alternativen Musikbewegung und KünstlerInnen, eröffnen durch ihre damalige Tätigkeit der Linzer Stadtverwaltung heute die Möglichkeit, den Mythos der Linzer Tradition der Innovation zu vermarkten, um daraus aus Ermangelung an anderen historischen Bezugspunkten ein Positiv-Image zu kreieren.
Die Darstellung der Umstände, unter denen sich die kulturellen Pflänzchen der letzten Dekaden der Linzer Stadtgeschichte entwickeln konnten, zeigt sehr eindrucksvoll, was auch in der Stadtforschung erörtert wird.
Dass nämlich die Entstehung von neuer urbaner Kultur, als Innovation, wenn man dies so ausgedrückt haben will, in jenen Räumen entstehen kann, wo andere Kräfte wirken können, als die der herrschenden Vorstellung. Sie gedeihen dort am besten, wo die Stadtverwaltung das Feld der Kultur bzw. der modernen oder alternativen Kunst, nicht bestellt, sondern vernachlässigt und somit anderen Personen überlässt. Aus dieser Erkenntnis heraus müssen die Bestrebungen der Stadt Linz, gerade diese kulturellen Aspekte durch eine von der Stadtregierung bestellte Gesellschaft mit beschränkter Haftung, also durch eine nach der Logik des modernen Management organisierten Investition von über 60 Millionen Euro, als zentrales Linzer Identifikationsmoment zu präsentieren und zu initiieren, als sehr widersprüchlich und als zu hohe Erwartung eingestuft werden.
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Linz wird Kulturhauptstadt, weil die Stadt ein Motiv hat, eben ein stadtpolitisches Ziel mit einem kulturellen Festival, also dem Werkzeug Kultur, zu erreichen, und weil die Stadt auf ein Potential zurückgreifen konnte und kann, dass ihr die dringend benötigte Basis und stetige Bestätigung für ein konstruiertes positives Image liefert, nämlich, dass gerade auch der Mangel an positiven historischen Bildern als Ursprung für ein Image einer modernen und experimentierfreudigen Stadt herangezogen werden kann.
Die Nennung der einfachsten Erklärung für die Forschungsfrage soll den Abschluss dieser Arbeit darstellen. Linz wird natürlich auch deshalb Europäische Kulturhauptstadt 2009, weil es diese Einrichtung gibt, die Stadt sich dafür beworben hat und als einzige Bewerberin Österreichs den Zuschlag erhalten hat.
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6. Abbildungsverzeichnis
Abb.1: Der Glockenturm auf der Urfahraner Seite, 3D Computeranimation ZDF (Quelle: http://history.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,7163779,00.html?dr=1 11.3.08 / 20.3.2008)
Abb.2: Kulturachse „In den Lauben“, Blick vom Bahnhofsplatz nach Norden, 3D Computeranimation ZDF (Quelle:
http://history.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,7163779,00.html?dr=1 11.3.08 / 20.3.2008)
Abb.3: Montage aus aktuellem Satellitenbild und NS Pläne nach Fick, ohne Pläne für Urfahr, (Quelle Google Earth, 48° 18' 11" N, 14° 17' 26" E, http://www.linz09.info/ec/architektur/sarlay-60115.html, 7.08.2008)
Abb.4: Wohnbau der Nationalsozialisten in Linzer Erweiterungsgebieten, Bildmontage Ziehlinger, 2008, (Quelle: Google Earth, 48° 18' 11" N, 14° 17' 26" E)
Abb.5: Die Wollzeugfabrik in Linz (Quelle: http://feuerwehrmuseum.atsites.de/stories/storyReader$740 2.4.2008)
Abb.6: Nike am Hauptplatz, (Quelle: http://www.ortner.at/images/hr_ni1.jpg, 17.4.2008)
Abb.7: Eela Craig (Quelle: http://www.planetmellotron.com/reve1.htm2.4.2008)
Abb.8:. Christiania Ausgang (Quelle: wikipedia, Steffen Hillebrand (Steffen84), 2007 http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bild:Christiania_Exit.JPG&filetimestamp=2007100 6141714, 9.08.2008)
Abb.9: Einäugige Linzer Augen werden als Linzer Tart in Manhattan, New York angeboten Halada, Stefan, 2008
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Judmayer, Irene, „Es ist unerträglich“ - Viele Anrainer beklagen Open-Air-Lawine über Urfahr in: Oberösterreichische Nachrichten online, 10.07.2002
Stammler, Robert, Die Umfrage der Woche: Stören Sie Konzerte an der Linzer Donaulände? in: Oberösterreichische Nachrichten online, 10.07.2002
Sumereder, Friedrich, Mit Lärm überschüttet (Leserbrief) in: Oberösterreichische Nachrichten online, 16.07.2002
Gstöttner, Erhard, Die Linzer Altstadt soll bald auch am Tag aufwachen in: Oberösterreichische Nachrichten online, 6.11.2002
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Griessl, Ulrike, Nichts geht mehr in: Oberösterreichische Nachrichten online, 11.03.2003
Gstöttner, Erhard, Ja, mach nur einen Plan in: Oberösterreichische Nachrichten online, 24.03.2003
Lichtenberger, Bernhard, Musiktheater: Dobusch offen in: Oberösterreichische Nachrichten online, 6.02.2004, S.21
Lichtenberger, Bernhard, Kulturhauptstadt: Linz schaut Lille in: Oberösterreichische Nachrichten online, 10.02.2004, S.17
Gstöttner, Erhard, Wissenschafter: Ganze Region würde von einem größeren Linz profitieren in: Oberösterreichische Nachrichten online, 10.05.2004
Judmayer, Irene, Linz scharrt heftig mit den Hufen in: Oberösterreichische Nachrichten online, 11.06.2004, S.20
Judmayer, Irene, Wettbewerb belebt die Sinne in: Oberösterreichische Nachrichten online, 2.07.2004, S.21
Gstöttner, Erhard, Zentrum braucht mehr Gasthäuser mit bodenständigem Angebot in: Oberösterreichische Nachrichten online, 27.08.2004
Nagl, Silvia, Kulturelles Zukunftslabor in: Oberösterreichische Nachrichten online, 7.09.2004, S.5
Wruss, Michael/ Lichtenberger, Bernhard, Brucknerfest als Start zur Kulturhauptstadt in: Oberösterreichische Nachrichten online, 13.09.2004, S.21
Heinrich, Ludwig, Die „rauchenden Köpfe“ in: Oberösterreichische Nachrichten online, 14.09.2004, S.18
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Werner, Claudia, Linz auf dem Weg zur Kulturhauptstadt 2009 in: Oberösterreichische Nachrichten online, 17.09.2004
Kulturhauptstadt Linz befürwortet in: Oberösterreichische Nachrichten online, 21.10.2004, S.4
Thek, Franz, Möge die Arbeit beginnen in: Oberösterreichische Nachrichten online, 11.03.2005, S.21
Thek, Franz, Das letzte Wort hat der EU-Ministerrat in: Oberösterreichische Nachrichten online, 16.04.2005, S.28
Judmayer, Irene, Sensationelle Zustimmung der Bevölkerung in: Oberösterreichische Nachrichten online, 8.06.2005, S.19
(apa/jung/sin) Linz 2009 ist fix in: Oberösterreichische Nachrichten online, 15.11.2005, S.21
Gstöttner, Erhard, Alt-Jungpolitiker in: Oberösterreichische Nachrichten online, 21.11.2005
„Groß-Linz“ geistert wieder in: Oberösterreichische Nachrichten online, 23.11.2005, S.4
(OÖN), Punks auf dem Taubenmarkt schockieren in: Oberösterreichische Nachrichten online, 30.12.2005
Gstöttner, Erhard, Vorbildlich!? in: Oberösterreichische Nachrichten online, 4.01.2006
Judmayer, Irene, 2,500.000 Leute sollen 2009 Linz besuchen in: Oberösterreichische Nachrichten online, 15.05.2006, S.11
Gstöttner, Erhard, Die Kraft der jungen Wilden in: Oberösterreichische Nachrichten online, 25.01.2007
Gstöttner, Erhard, Linzer Stadtgärtner fällen 100 Jahre alte Allee - Anrainer sind empört in: Oberösterreichische Nachrichten online, 15.03.2007
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Lichtenberger, Bernhard, Fußball gehört zur Kultur von Linz 09, Interview mit Ulrich Fuchs in: Oberösterreichische Nachrichten online, 17.04.2007, S.3
(eku) Vandalismus im Donaupark macht vor Schiffen nicht halt in: Oberösterreichische Nachrichten online, 3.05.2007, S.25
Stammler, Robert, Linzer Punker-Haus wird geräumt in: Oberösterreichische Nachrichten online, 5.05.2007, S.37
Schorn, Herbert, Wie rüstet sich Linz für 2009? „Der Gast soll uns als Fan verlassen“ in: Oberösterreichische Nachrichten online, 10.05.2007
(rgr) Erinnerungen der Stahlstadtkinder in: Oberösterreichische Nachrichten online, 11.05.2007
Meindl, Dominika, Ottensheim lässt Linz `09 baden gehen in: Oberösterreichische Nachrichten online, 11.05.2007
Gstöttner Erhard, Linz muss sich 2009 auch mit seiner dunklen Vergangenheit beschäftigen in: Oberösterreichische Nachrichten online, 18.05.2007
Fitzinger, Roswitha, Plesching zu Linz - das ist vergebene Liebesmüh’ in: Oberösterreichische Nachrichten online, 25.05.2007
Schiesser, Renate, Aufg’mascherlt in: Oberösterreichische Nachrichten online, 26.07.2007
Lichtenberger, Bernhard, „Linz kämpft mit einer inneren Kränkung!“, Interview mit Martin Heller in: Oberösterreichische Nachrichten online, 28.08.2007, S.19
Gstöttner, Erhard, Trauer statt Gaudi in: Oberösterreichische Nachrichten online, 1.10.2007
Gstöttner, Erhard, Wird’s gelingen? in: Oberösterreichische Nachrichten online, 9.10.2007
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Gstöttner, Erhard, Touristiker suchen neue Wege für Linz-09-Werbung in: Oberösterreichische Nachrichten online, 5.11.2007
Vom Mistkübel zur Zukunfts-Stadt in: Oberösterreichische Nachrichten online, 10.11.2007, S.6
Ritzinger, Alexander, „Klotzen, nicht kleckern!“, Interview mit Gerlad Kiska in: Oberösterreichische Nachrichten online, 10.11.2007, S.3
Ritzinger, Alexander, Impressionen aus Linz, der europäischen Kulturhauptstadt `09 in: Oberösterreichische Nachrichten online, 11.11.2007, S.4
Gstöttner, Erhard, Größenwahn? Linz ist auch eine Stahl- und Arbeiterstadt in: Oberösterreichische Nachrichten online, 12.11.2007,
Neumüller, Hermann, Schönes Linz: Mehr Arbeitsplätze als Einwohner in: Oberösterreichische Nachrichten online, 17.11.2007, S.15
Gstöttner, Erhard, Plötzlich war Linz ein Weltzentrum für Metallkunst und Design in: Oberösterreichische Nachrichten online, 19.11.2007
(dome) Wieder Streit um Jahrmarktgelände in: Oberösterreichische Nachrichten online,11.01.2008
Gstöttner, Erhard, Schandfleck kommt weg: Stadt baut Wohnhäuser an Durchzugsstraße in: Oberösterreichische Nachrichten online, 19.02.2008
Mascher, Dietmar, Linz null (neun) in: Oberösterreichische Nachrichten online, 6.03.2008, S.9
Schütze, Karin, Linz09-Streit Kultur: Nestwärme gesucht, Wand aus Eis namens Heller gefunden in: Oberösterreichische Nachrichten online, 10.04.2008, S.3
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Fitzinger, Roswitha, „Allein schon die Kulturbauten, die jetzt entstehen, sind ein Kracher“, Interview mit Georg Steiner in: Oberösterreichische Nachrichten online, 17.04.2008
Gstöttner, Erhard, Neue Plätze: „Katastrophal“ oder doch „nicht schlecht“ in: Oberösterreichische Nachrichten online, 4.07.2008
Buzas, Christopher, Jugendliche Bettler sollen weg von der Landstraße in: Oberösterreichische Nachrichten online, 7.08.2008, S.26
Gstöttner, Erhard, Tiefgarage statt Grün: Geschützte Bäume im Uni-Viertel müssen weg in: Oberösterreichische Nachrichten online, 19.08.2008
Gstöttner, Erhard, Die Lärmstadt Schöne Absichtserklärungen und die laute Wirklichkeit in: Oberösterreichische Nachrichten online, 4.09.2008
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Czaja, Wojciech Aufbruchstimmung in der Kulturhauptstadt in: Der Standard online, 30.05.2008
Fasthuber, Sebastian Kein Plateau für die gewagten Dinge in: Der Standard online, 25.09.2007
Mittringer, Markus Themenbaracken für Europa in: Der Standard, 4.09.2006, S.18
Rohrhofer, Markus Linz 09: ÖVP ärgert „Foul“ beim Anpfiff in: Der Standard, 16./17.06.2007, S.12
Scheller, Kerstin Die Zukunft von Linz liegt im Mittelmaß in: Der Standard online, 5./6.8.2006
Scheller, Kerstin Attwenger-Hälfte im Interview: Kirche, Gstanzlsingen und Luftmatratzen-Kultur Interview mit Markus Binder in: Der Standard online, 21./22.7.2007
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Arbeit zitieren:
Mag. Günther Ziehlinger, 2008, Warum wird Linz Kulturhauptstadt? Stadtsoziologische Bestandsaufnahme der zukünftigen Kulturhauptstadt Linz , München, GRIN Verlag GmbH
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