„Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker, Bekundung von Glaubens-, Rassen-, Völkerhaß, militaristische Propaganda sowie Kriegshetze und alle sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches. […]“ 1 So heißt es im Artikel 6, Absatz 2 der Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949, gegen die Walter Janka und andere zuwider gehandelt haben sollen. Dass dies nicht zutreffend ist, sondern dem SED-Regime unter Ulbricht einzig und allein daran gelegen war, jede Tendenz zu laut werdenden Reformforderungen nach dem XX. Parteitag der KPdSU sofort auszuschalten, möchte ich im vorliegenden Essay darlegen. Vor diesem Hintergrund möchte ich dann versuchen die Bedeutung der Lesung vom 28. Oktober 1989 im Deutschen Theater zu Berlin zu bewerten.
I. Wer war Walter Janka?
Walter Janka wurde am 29.04.1914 in Chemnitz in eine klassenbewusste und politisch engagierte Arbeiterfamilie hineingeboren. Seine Eltern waren schon in den frühen zwanziger Jahren in die KPD eingetreten. Sein älterer Bruder Albert saß für dieselbe Parte im Reichstag und wurde 1933 von der SS ermordet.
Janka nahm als 14 jähriger eine Lehre zum Schriftsetzer auf. Seit 1928 war er Mitglied der KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands) Erzgebirge. Aufgrund dessen wurde er 1933 durch die Gestapo verhaftet und wurde bis Sommer 1935 im Zuchthaus Bautzen und im KZ Sachsenburg inhaftiert. 1935 erfolgte durch Intervention der Mutter die Abschiebung in die Tschechoslowakei. Von dort ging er ein Jahr später über Paris nach Spanien. In Spanien beteiligte sich Janka als Interbrigadist im Spanischen Bürgerkrieg. Zunächst diente er im Thälmann Bataillon und kommandierte schließlich eigene Divisionen. Er war an allen großen Schlachten beteiligt und wurde dreimal verwundet. Nach dem Ende des Spanienkrieges sollte er an die Moskauer Militärakademie delegiert werden. Das lehnte Janka aber ab und blieb so mit seiner Truppe von 1939 bis 1941 in Frankreich interniert. Von dort floh er mit seiner Bekanntschaft Paul Merker Anfang August 1941 nach Marseilles, wo er zweieinhalb Monate in der Illegalität lebte. Hier lernte er seine Lebensretterin und spätere Frau Charlotte Scholz kennen. Sie war Mitglied einer deutschen Widerstandsgruppe und brachte Janka Geld und Lebensmittelkarten. 1941 ging Janka mit ihr nach Mexiko ins Exil.
1 Die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik (07.10.1949), in: documentArchiv.de (Hrsg.), URL: http://www.documentArchiv.de/ddr/verfddr1949.html, zuletzt eingesehen am: 16.12.2006
Dort begründeten sie die Bewegung und die Zeitschrift „Freies Deutschland“ und den Verlag "El Libro Libre" mit. Janka arbeitete als Schriftsetzer und Verlagsleiter in einem. "El Libro Libre" war der erfolgreichste Exil-Verlag auf dem amerikanischen Kontinent. Er verlegte etwa 30 Bücher, darunter solche von Anna Seghers, Heinrich Mann, Ernst Sommer, Egon Erwin Kisch.
Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands kehrte Janka 1947 über Murmansk nach Deutschland zurück. Er wurde Mitglied der SED und zeitweiliger persönlicher Mitarbeiter von Paul Merker im Parteivorstand. Wenig später trat er sein Amt als Generaldirektor der DEFA an.
Anfang 1952 übernahm er die Leitung des Aufbau-Verlages. Er wurde ein erfolgreicher Verleger und machte den Lesern in der DDR auch westliche Autoren zugänglich. Der Aufbau-Verlag wurde für viele Schriftsteller und Intellektuelle zum Treffpunkt und Diskussionsforum. Nach Chruschtschows Enthüllungen über die Verbrechen Stalins waren die in Gang gekommenen kommunistischen Reformversuche in Polen und Ungarn wichtige Gesprächsthemen.
Am 6. Dezember vor 50 Jahren wurde Janka von der Staatssicherheit der DDR im Verlag verhaftet und in einem, am 23.07.1957 begonnen, Schauprozess zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Die bittere Ironie der Geschichte wollte es, dass er erneut von 1958 bis 1960 in Bautzen inhaftiert wurde. Diesmal jedoch unter Ulbricht als Führer einer konterrevolutionären Gruppe. Aufgrund internationaler Proteste wurde er 10 Monate eher als geplant aus der Haft entlassen. Bis 1962 war Janka arbeitslos und arbeitet ab 1962 als Dramaturg bei der DEFA. 1972 ging er in den Ruhestand. Der Hintergrund seiner 10-jährigen Tätigkeit war nicht zuletzt die Bedingung der Erben Feuchtwangers und Manns, einer Verfilmung der Werke nur unter der Mitarbeit Jankas zuzustimmen. Seine Anträge auf Rehabilitierung lehnte Honecker immer wieder ab. Stattdessen bekam er am 01.05.1989 den Vaterländischen Verdienstorden in Gold verliehen.
Erst am 04./05.01.1990 hob das oberste Gericht der DDR das Urteil gegen ihn auf. Janka verstarb achtzigjährig am 17.03.1994 in Kleinmachnow.
II. „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“
In dem Buch „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ ist in drei große Abschnitte gegliedert: „Der Minister“, „die Verhaftung“ und „der Prozess“.
In dem Kapitel „der Minister“ legt Janka sein ambivalentes Verhältnis zu der Person Johannes R. Becher, der von 1954 bis 1958 Kulturminister der DDR war, dar. Seiner Meinung nach wäre Bechers Stimme als vielseitig gelobter Dichter groß genug gewesen, um sie gegen das Unrecht, das viele Intellektuelle nach dem XX. Parteitag der KPdSU zuteil wurde, zu erheben. Er hingegen hat den Terror Stalins und die stalinistischen Methoden der SED-Regierung zu keiner Zeit öffentlich verurteilt und sich auch zu keiner Zeit für die Intellektuellen öffentlich stark gemacht. Gegenüber den Mitarbeitern des Aufbau-Verlages hingegen, zeigte er Bereitschaft über Fehler in der Vergangenheit zu diskutieren. Er ermunterte und bestärkte sie über die vielen Fragen, die sich nach dem XX. Parteitag und den Unruhen in Polen und Ungarn stellten, offen miteinander zu reden. So war er maßgeblich daran beteiligt, dass sich der Aufbau-Verlag zu einem Forum positiver Aussprachen zwischen intellektuellen Mitarbeitern und Autoren entwickelte.
Schwerpunkte der Diskussionen waren die sozialistische Umgestaltung der DDR, das Aufbrechen stalinistischer Strukturen, die Formen sozialistischer Demokratie und der unter dem Begriff der „proletarischen Diktatur“ praktizierte Machtmissbrauch. Janka selbst, durch Becher ermutigt, setzte nun auch auf „Tauwetter“ und beteiligte sich fördernd an den kritischen Debatten.
Um sein Verhältnis zu Becher verständlich zu machen, greift Janka in diesem Kapitel speziell zwei Themen heraus, die ihm später zum Verhängnis werden sollten. Das ist zum einen ein Gespräch mit Becher über die vom Kulturbund herausgegebene Wochenzeitung „Sonntag“ und zum anderen eine von Anna Seghers eingeleitete, von Becher unterstützte Initiative zur Rettung Georg Lukács´.
Die Wochenzeitschrift „Sonntag“ betreffend, beauftragte ihn Becher ein Exposé zu erstellen, wie dem Blatt aus der finanziellen Misere geholfen werden könnte. Jankas Vorschläge, „die Redaktion personell zu verändern“, „die kulturpolitische Konzeption neu zu fassen“ und „den gesamtdeutschen Charakter der Zeitschrift herauszuarbeiten um in der Bundesrepublik Leser zu gewinnen“ 2 fand bei Becher großen Zuspruch. Er stellte die Idee in den Raum die Zeitung „Sonntag“ durch eine vom Kulturbund unabhängige kulturpolitische Zeitung abzulösen und Gerhard Eisler 3 mit der Chefredaktion zu betrauen. Janka erhielt den Auftrag Eisler diesbezüglich zu fragen, sich einen neuen Titel zu überlegen, ein neues Format zu bestimmen und ein Herausgeberkollegium zu benennen.
2 Janka, Walter: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 22.
3 Dieser war der SED zu dieser Zeit schon suspekt, da er aus westlicher Emigration zurückgekehrt war.
Arbeit zitieren:
Nele Pohl, 2006, Die Lesung Walter Jankas im Deutschen Theater 1989, München, GRIN Verlag GmbH
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