Inhaltsangaben
E i n f ü h r u n g S 3
1. Friedrich II. und sein Toleranzanspruch 5
1.1 Juden unter Friedrich II. 7
2. Kindheit und Erziehung 9
3. Salonkultur 12
3.1. Jüdische Salons in Preußen 13
3.2. Der Salon der Rahel Levin 15
3.3. Das Leben nach dem Salon 18
4. Frauenbilder - ein literarische Suche 20
Zusammenfassung 22
L i t e r a t u r a n g a b e n S 2 4
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Einführung
Das Leben von Rahel Levin, später Varnhagen, ist ausführlich dokumentiert worden. Und zwar von ihr selbst. Es ist eine Autobiografie in tausenden von Briefen und Tagebuchaufzeichnungen. Und da ich sie in ihren Äußerungen als ausgesprochen authentisch erlebt habe, sind diese Selbstzeugnisse für eine Persönlichkeitsanalyse weitestgehend aussagekräftig. In einer Zeit, da die Menschen gerade erst ihre Individualität entdeckten, beschrieb sie in immer neuen Ansätzen, in täglicher Betrachtung Körpererfahrungen und seelische Zustände, Leidenschaften und Verletzungen eines weiblichen Individuums. Obwohl man in der Rezeption vorsichtig davon ausgehen sollte, dass sie zumindest damit kokettierte, ihr Leben für die Nachwelt zu dokumentieren. „Und sterb´ ich“ schreibt sie an eine Freundin im Jahr 1800 „such all meine Briefe … von allen meinen Freunden und Bekannten zu bekommen … Es wird eine Original-Geschichte und poetisch.“ 1 Gehen wir also davon aus, dass eine gewisse eigensinnige Färbung schon im Moment des Niederschreibens erfolgt ist.
Ein ungeheurer Aufwand. Mit fast 300 Persönlichkeiten war sie Zeit ihres Lebens in Kontakt. Wenn man dazu nimmt, dass die Beförderung eines Briefes in ihrer Zeit so teuer war wie „ein Pfund Fleisch“ 2 hat ihr ausgedehnter Briefwechsel auch einen nicht zu beziffernden Teil ihres Vermögens beansprucht.
Das Varnhagen-Archiv lagerte lange Zeit im Besitz der preußischen Nationalbibliothek in Berlin. Zusammen mit Originalpartituren von Mozart- und Beethoven kamen die Rahel-Briefe ins niederschlesische Benediktinerkloster Grüssau, um sie im 2. Weltkrieg vor britischen Luftangriffen zu schützen. In festen Kisten nahe der Orgel waren sie hier zwar sicher aber nach Kriegsende verschwunden.
Erst 1977 kam heraus, dass das Archiv in der Biblioteka Jagiellonska in Krakau aufbewahrt wird. Der Nachlass gehört jetzt also der polnischen Nation.
1. Stern Carola: Der Text meines Lebens; Das Leben der Rahel Varnhagen. Reinbek bei Hamburg,
1996. S. 9
2. ebenda S. 152
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Ab 1979 waren die Schriften dann wieder zugänglich. 1984 erschien in einem Münchener Verlag die zehnbändige Gesamtausgabe: „Gesammelte Werke der Rahel Varnhagen von Ense“. Ich habe mich mit diesem ausführlichen Quellenmaterial für diese Hausarbeit nur punktuell auseinandergesetzt. Die für dieses Thema wichtigsten Aussagen sind in der Sekundärliteratur zusammengefasst. Vor Allem habe ich mit zwei sehr eindrucksvollen Biografien arbeiten können. Hannah Ahrendt, die ihr Buch über Rahel Varnhagen 1933 noch in der Staatsbibliothek in Berlin recherchierte, gab ihre Biografie 1959 mit dem Hinweis heraus, die Quellen nicht überprüft haben zu können, da das Archiv verschwunden sei. Ahrendt hat eine Art Psychogramm angefertigt. Mit dem Verständnis einer engen Freundin und Jüdin hat sie es hauptsächlich auf die widersprüchlichen Seiten der Persönlichkeit Rahel Varnhagens abgesehen. Sie hatte sich vorgenommen, über ihr Leben so zu schreiben, wie sie es selbst getan hätte. Rahel wird hier beschrieben als eine zerrissene Persönlichkeit, ihr Leben lang suchend. Unausgeglichen zwischen einem von Gesellschaft und Zugehörigkeiten abhängenden Glücksgefühl und totaler Vereinsamung: Sie war Ehe- und Kinderlos, litt unter dem Geburtsfehler, Jüdin zu sein, fühlte sich entwurzelt durch den Traditionsverlust dieser Zeit, haltlos, beherrscht von einer autoaggressiven Erfüllungssehnsucht. Das ist alles unglaublich liebevoll dargestellt.
Auch die Biografie von Carola Stern zeichnet das Bild einer Frau, die am Ende glaubhaft von sich gibt, dass sie es nicht anders hätte machen können. Ein Kapitel beschreibt beispielsweise ihren Hang zum bösen Tratsch, der sich in ihren Briefzeugnissen ebenso wieder findet wie ihr geistreiches Gedankenkonvolut. Aber in der Darstellung von Stern entwickelt man sogar dafür auch noch Toleranzen. Carola Stern gab ihre Biografie 1994 heraus und hatte dafür schon Zugang zum Archiv in Krakau.
Für diese Hausarbeit habe ich vielmehr versucht, das Thema „Frauenbildung“ in dieser besonderen Zeit des Umbruchs zu erforschen. Wie lebten Juden unter Friedrich II. in Preußen, das heißt: Wieviel Freiheit und Selbstbestimmung stand ihnen überhaupt rechtlich zu? Zu welcher Bildung hatten jüdische Mädchen
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Zugang? Wie und was lernte Rahel? Woher kam ihr legendärer Selbst-Bildungsdrang? Welches Ansehen hatten gebildete Frauen? Und hat sich der Bildungsweg der Rahel Levin von anderen jüdischen Frauen unterschieden? Wie änderten sich Bedingungen und die Auffassung davon gerade in ihrer Zeit? Wie kam es dazu, dass sie sich ausgerechnet als Saloniere so perfekt verwirklichen konnte? Nebenbei habe ich dafür auch Literatur der Epoche herangezogen. Ein Kapitel der Arbeit untersucht wichtige Romane der Zeit und zitiert Zeitgenossen und Autoren zum Thema „Frauenbildung“.
Ich werde Rahel Varnhagen in dieser Hausarbeit als „Rahel“ bezeichnen. Ihr Mädchenname war ja bis zu ihrem 43. Lebensjahr Levin. Erst kurz vor ihrem Tod autorisierte sie die erste Veröffentlichung von überarbeiteten Briefen unter dem Namen „Rahel Varnhagen“, obwohl sie zu dem Zeitpunkt den christlich bürgerlichen Namen Antonie Friederike Varnhagen von Ense trug. Sie hatte sich für die Eheschließung mit Carl August Varnhagen taufen lassen, da Ehen zwischen Christen und Juden nicht erlaubt waren. Zwischendurch war es auch mal interessant gewesen, sich Männernamen zu geben. Also nannte sie sich seit 1810 Rahel Robert. Bleiben wir aber, in großer Würdigung ihrer Person, beim vertraulichen „Rahel“, wie sie auch in dieser von ihr selbst geschaffenen halbprivaten Öffentlichkeit genannt worden ist. Es war das Zeitalter der Romantik, der aufblühenden Herzensverbindungen, der Frauen-Freundschaften. Gerade die Frauen nannte man beim Vornamen. Es gab Bettine (Bettina von Arnim) und Caroline (Schlegel) und Pelle (Pauline Wiesel) und eben Rahel oder Ralle oder Robert oder auch nur „das R.“. Sie hing, trotz oder gerade wegen ihrer Konvertierung zum Christentum, und trotz der Anstrengungen, ihre jüdischen Wurzeln zu verwischen, an ihrem ursprünglichen Vornamen.
1. Friedrich II. und sein Toleranzanspruch
Friedrich II leistete sich eine verhältnismäßige Großzügigkeit, zumindest in Fragen der Presse und des Glaubens. Und diese Freiheit wurde mehr und mehr vom gebildeten Bürgertum in Anspruch genommen. Die Toleranz des Königs hat
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nur in der historischen Schönfärberei mit dem aufgeklärten Geist des umstrittenen Monarchen zu tun. Sie resultierte nicht zuletzt aus der Menschenverachtung des alternden Herrschers. 3 Vor Allem aber aus der Tatsache, dass er „in seinem Machtbereich protestantische und katholische (Schlesien) Untertanen vereinigte.“ 4 Das königliche Generalpatent vom 17. April 1750 gewährleistete auch die Ausübung des jüdischen Glaubens und nahm die Juden in Preußen ausdrücklich vor Übergriffen anderer Konfessionen in Schutz. 5 Friedrich argumentierte seine neue Toleranzpolitik damit, dass die Duldung verschiedenartiger Bekenntnisse dem Staat ökonomische Vorteile verschaffe, Intoleranz hingegen dem Handel und Gewerbe schade und den wirtschaftlichen Kredit der Nation ruiniere. Er erblickte im konfessionellen Pluralismus ein Gebot der Staatsklugheit und handelte also, indem er zum Beispiel den Juden mehr Rechte einräumte, nicht aus Gründen der Moral oder Gerechtigkeit, sondern einzig zweckmäßig, im Interesse des Staates. 6 Juden hatten nach wie vor kein Staatsbürgerrecht, waren vom Zunft-Handwerk, vom Grundbesitz und von staatlichen Ämtern ausgeschlossen. Zudem hatten sie mit einer Unzahl an Einschränkungen und Abgaben zu kämpfen, die Friedrich II. ständig erhöhen ließ, um die leeren Staatskassen nach seinen Eroberungskriegen wieder aufzufüllen. Er ordnete beispielsweise den Zwangskauf von Porzellan aus der königlich preußischen Porzellanmanufaktur an. Für eine festgelegte Summe erhielten Juden Kisten mit Porzellan, das sie gar nicht haben wollten. Moses Mendelssohn geriet auf diesem Weg in den Besitz von 20 Porzellanaffen. 7
3. Vgl. Kroll, Frank-Lothar: Das geistige Preußen. Zur Ideengeschichte eines Staates. Paderborn; München; Wien ; Zürich 2001, Fußnote 50, S. 18
4. Scurla, Herbert: Begegnungen mit Rahel. Der Salon der Rahel Levin. Berlin 1975. S. 28
5. Das bis 1812 geltende „Revidierte General-Privilegium und Reglement für die Judenschaft im Königreich Preußen“ legte in 32 Artikeln die Modalitäten des Handels, der Gemeindeordnung, der finanziellen Belastung, aber auch etwa der familiären Lebensführung (Unterbindung einer Vermehrung der Familienzahl) für die in Preußen lebenden Juden fest. Kroll, Frank-Lothar: Das geistige Preußen. Zur Ideengeschichte eines Staates. Paderborn; München; Wien ; Zürich 2001, Fußnote 50, S. 27
6. Vgl. Kroll: Das geistige Preußen, S. 22
7. Vgl. Thomann Tewarson, Heidi: Rahel Varnhagen (Rowohlts-Monografien) Hamburg. 1988. S. 12ff
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Was ihn offensichtlich nicht davon abhielt, den König, der ihm die Aufnahme in die Berliner Akademie der Wissenschaften verweigert hatte, glühend zu verehren. Er schätzte sich „… glücklich, in einem Staate zu leben, in welchem einer der weisesten Regenten, die je Menschen beherrscht haben, Künste und Wissenschaften blühend und vernünftige Freiheit zu denken so allgemein gemacht hat, dass sich seine Wirkung bis auf den geringsten Einwohner seines Staates erstreckt. Unter seinem glorreichen Szepter habe ich Gelegenheit und Veranlassung gefunden, mich zu bilden und über meine und meiner Mitmenschen Bestimmung nachzudenken.“ 8
Friedrich II. vergab auch verschiedene königliche Privilegien an einzelne Juden, die sich in im Geld- und Juwelenhandel einen Namen gemacht hatten. Es war ein Geschäft, das christliche Kaufleute wegen zu hoher Risiken ablehnten. Sicher auch, weil der Handel mit Geld einen unchristlichen Ruf hatte, er galt als ein „schmutziges“ Geschäft. Friedrich finanzierte seine Eroberungskriege durch die von ihm geförderte jüdische Geldwirtschaft. Mit dubiosen Mitteln. Insbesondere beauftragte er die so genannten Geld- oder Schutzjuden mit der Herstellung von versilberten Kupfermünzen, die der Volksmund mit „außen Friedrich, innen Ephraim“ betitelte und diese Wertminderung den Juden in die Schuhe schob. 9 Der Vater von Rahel, Levin Markus, war einer dieser privilegierten Geldjuden.
1. 1. Juden in Berlin unter Friedrich II.
Die Levins gehörten also zu den etwa vier- bis fünfhundert reichen jüdischen Familien Berlins. Das waren in der Zeit etwa 2% der jüdischen Bevölkerung Preußens. Die obere Schicht der Juden Berlins, weit unter den „Geldjuden“, stand der wohlhabenden christlichen Handwerkerklasse gleich, die untere Schicht war arm oder ganz arm. Zudem kann man die jüdische Bevölkerung auch noch in drei weitere Gruppen unterteilen.
8. Stern, Selma: Der preußische Staat und die Juden. Teil 3, Abt. 1: Die Zeit Friedrichs des Großen. Tübingen 1971. S. 370
9. Vgl. Thomann, R.V., S. 13
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Juliane Voigt, 2008, Der Salon der Rahel Varnhagen , Munich, GRIN Publishing GmbH
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