Ziele und Normen in Familientherapie und Psychoanalyse
Inhaltsverzeichnis
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Zusammenfassung Abstract
1. FamilienTherapie 4
1.1. Einleitung und Exkurs: Richtungen der Familientherapie 4
1.1.1. Zur Entwicklung Systemischer Therapieansätze 4
1.1.2. Familientherapie und Psychoanalyse - die Wurzeln 5
1.1.3. Entwicklung zu anderen Richtungen 5
1.2 . Therapie ist Dienen Grenzen in der Therapie 6
1.3. Ziele am Beispiel der 'Dynamischen Familientherapie' 7
1.3.1. Bezogene Individuation 7
1.3.2. Interaktionsmodi von Bindung und Ausstoßung 8
1.3.3. Delegation, Vermächtnis und Verdienst 8
1.3.4. Allgemeine Aspekte der Interventionsziele in der Dyn. Familientherapie 9
1.4. Ziele am Beispiel der 'Erfahrungszentrierten Familientherapie' 10
1.4.1. Spontaneität und Authentizität 10
1.4.2. Aufbrechen von erstarrten Kommunikationsstrukturen 11
1.4.3. Bedingungen schaffen 11
1.4.4. Konkrete Ziele und Grenzen 11
1.5. Ziele am Beispiel der 'Strukturellen Familientherapie' 12
1.6. Ziele am Beispiel der 'Strategischen Familientherapie' 13
2. Ziele und Normen in der Psychoanalyse 16
2.1. Allgemeines zur Psychoanalyse und einige Definitionen 16
2.2. Ziele der Psychoanalyse 17
2.2.1. Allgemeine Ziele der Psychoanalyse 18
2.2.2. Behandlungsziele der Psychoanalyse 18
2.2.3. Ziel des Therapeuten 23
2.2.4. Ziele des Patienten 24
2.3. Normen in der Psychoanalyse 25
Literatur 26
Anmerkung: Da es für das Problem der Gleichbehandlung weiblicher und männlicher Formen von Substantiven, Adjektiven und Prono
men bis heute keine stilistisch und ökonomisch überzeugende Lösung gibt, haben wir nach alter Konvention jeweils die männliche Form
gewählt, bleiben uns dieses Problems aber bewußt
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Ziele und Normen in Familientherapie und Psychoanalyse
1. FamilienTherapie
1.1. Einleitung und Exkurs: Richtungen der Familientherapie
Wer Zielsetzungen und Grenzen der Familientherapie richtig verstehen will, muß sich zu Beginn zumindest ansatzweise mit den Wurzeln dieser heterogenen Therapieform auseinandersetzen.
Die Familientherapie zählt zur Richtung der systemischen Therapieansätze, die verstärkt erst etwa seit Anfang der 70 er Jahre Verbreitung fand. War nämlich die erste Hälfte dieses Jahrhunderts von der Psychoanalyse dominiert, so folgten in den 50 er Jahren die Verhaltenstherapie, gefolgt vom Humanistischen Ansatz und als bisher letzte einheitliche Richtung der systemische Ansatz. So wie einst die humanistisch orientierten Psychologen mit dem Schlagwort 'dritte Kraft' warben, sprechen viele Anhänger der systemischen Ansätze vom 'Paradigmenwechsel' und meinen damit ein "…im Bereich der Wissenschaft [und ihrem Vorbild] revolutionierendes 'Umkippen' des gesamten 'Weltbildes' - also insbesondere der theoretischen Erklärungsmuster, der zulässigen Fragestellungen, der gängigen Methoden und Epistemologien [bzw Methodologien] - so wie es zB beim Paradigmenwechsel vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild der Fall war" [Kriz, 1989, S.227]. - Ähnliche Ansprüche stellten übrigens zuvor schon Vertreter anderer Richtungen, so etwa Bugental, der die Humanistische Psychologie sogar mit der Entdeckung Amerikas verglich: Es sei, als ob eine ganze neue Hemisphäre entdeckt worden wäre. Und Carl Rogers formulierte 1962: Die Humanistische Psychologie würde zu theoretischen Formulierungen führen, die für konventionelle Psychologen genauso schockierend sein werden, wie es die Theorien über den nicht-euklidischen Raum für konventionelle Physiker gewesen wären. [vgl. Schmid, 1991, S.22]. Doch es bleibt wohl das erklärte Recht der Vordenker, an ihre jeweiligen Theorien auch entsprechende Erwartungen zu knüpfen.
Auf die einzelnen Konzepte des systemischen Ansatzes einzugehen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen; erwähnt sei nur ein zentraler Begriff, nämlich der der 'Autopoiese'. Er geht auf die beiden System-theoretiker Francisco Varela und Humberto Maturana zurück und meint die anpassende Selbstveränderlichkeit von Strukturen als Kennzeichen aller lebenden Systeme [vgl. Maturana, 1982]. Der Schluß liegt nahe, daß Autopoiese nicht nur auf biologische Strukturen wie zB das Immunsystem sondern durchaus auch auf Humansysteme wie Beziehungen angewandt werden kann.
1.1.1. Zur Entwicklung Systemischer Therapieansätze
Die Bezeichnung 'Systemische Therapie', die sich im Grunde eigentlich immer als Familientherapie darstellt, ist angesichts der Vagheit der Begriffsverwendung problematisch. Zum einen deshalb, weil praktisch in jeder Therapieform gewisse systemische Ansätze zur Anwendung kommen [zB Psychoanalyse, Vegetotherapie, Spieltherapie, Psychodrama,…]. Andererseits wird gelegentlich der Terminus nur für die spezielle 'Mailänder Gruppe' um Mara Selvini Palazzoli verwendet, was zur weiteren Verwirrung beiträgt.
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1.1.2. Familientherapie und Psychoanalyse - die Wurzeln
Ansätze der Beschäftigung von Psychoanalytikern mit dem System Familie gab es schon früh. So richteten bereits in den 40 er und 50 er Jahren etwa E. Erikson, E. Fromm oder R. Spitz ihr Augenmerk auf das Beziehungsgefüge in Familien. Und auch die ersten "echten" Familientherapeuten waren zunächst fast alle Psychoanalytiker [zB I. Boszormenyi-Nagy, J. Framo sowie Th. Lidz], entfernten sich aber recht bald von Freud, um die Relationen der Familienmitglieder ins Zentrum ihrer Betrachtung zu rücken. "Der wesentliche Unterschied der Familientherapie zu jeder anderen Psychotherapie, insbesondere zu allen Formen der analytischen Psychotherapie, besteht darin, daß wir es hier nicht nur mit den internalisierten neurotischen Konflikten zu tun haben, die auf den Therapeuten […] übertragen werden, sondern daß die komplizierten Strukturen und Konfliktmuster, die sich in einer Einzeltherapie über Jahre hinweg in komplexen Prozessen von Übertragung und Gegenübertragung darstellen, hier offen zutage treten, wie ausgebreitet in einer wahrnehmbaren Beziehungsgestalt" [Wesiack, 1980, S.211]. Stellvertretend für die verschiedenen Teilrichtungen innerhalb der auch 'historisch' bezeichneten psychoanalytischen Familientherapie sei Murray Bowen genannt; er prägte den Begriff 'undifferentiated family ego mass' und postulierte, daß "…es für die psychische Ge-sundheit wichtig [sei], durch weitgehende Lösung von der Ursprungsfamilie zu einer Differenzierung des Ich zu gelangen [also vor allem nicht in symbiotischen Verstrickungen zu verharren]" [Kriz, 1989, S.274].
1.1.3. Entwicklung zu anderen Richtungen
Einer der ersten, der sich besonders mit informationstheoretischen Aspekten in den zwischenmenschlichen Beziehungen von Schizophrenen beschäftigte, war Sullivan. In der Folge faszinierte das Thema 'Schizophrenie' und seine Betrachtung aus der Perspektive der systemischen Psychotherapie anscheinend weite Forscherkreise - quasi eingeleitet durch Fromm-Reichmann mit ihrem später oft und zu Recht kritisierten statement von der 'schizophrenogenen Mutter'. Der Bogen spannt sich von Levy über Bateson, Ackerman, Bowen bis hin zu Haley, Weakland und Watzlawick, der postulierte: "[Schizophrenie ist die] einzig mögliche Reaktion auf einen absurden und unhaltbaren zwischenmenschlichen Kontext" [Watzlawick, 1969, S.49]. Schon damals wurden zwar Stimmen laut, daß Schizophrenie quasi an der Wurzel - den sogenannten Primärprozessen - und da nur medikamentös behandelt werden sollte. Doch standen zu diesem Zeitpunkt einerseits noch keine wirklich zufriedenstellenden [also nebenwirkungsarme] Antipsychotika zur Verfügung. Und so konnte N. Ackerman selbstbewußt behaupten: "Für uns ist es eine auffallende Beobachtung, daß Familienpsychotherapie unter guten Umweltbedingungen und für den Organismus günstigen Bedingungen sowohl auf die primären wie auch auf die sekundären Manifestationen einzuwirken scheint" [Ackerman, 1965, S.10].
Und die Palo-Alto-Gruppe, deren Mitglied Watzlawick ist, war es auch, die "…als eine der Keimzellen der Familientherapie auch in Europa bekannt geworden ist" [Kriz, 1989, S.240]. Im Hinblick auf ihre grundlegende Forschungsrichtung wird sie auch als 'Kommunikations-Schule' der Familientherapie bezeichnet. Demgegenüber steht die von S. Minuchin begründete 'strukturelle Familientherapie', bei der die Differenzierung des Familiensystems in Subsysteme, deren Abgrenzung und Interaktionsstrukturen im Vordergrund der Betrachtung stehen. Die schon erwähnte 'Mailänder Schule' um M.S. Palazzoli - ein relativ radikaler 'strate- __________________________
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gischer' Ansatz - sowie der Kreis um H.E. Richter in Deutschland stellen die wichtigsten europäischen Beiträge zur Familientherapie dar.
Abschließend gesagt, stellt die Familientherapie trotz dieser vordergründig recht geradlinig wirkenden Gliederung ein recht heterogenes Gefüge unterschiedlichster Ansätze dar, "… denen im wesentlichen gemeinsam ist, daß sie den Prozessen im engen Sozialfeld des 'identifizierten' Patienten besondere Aufmerksamkeit schenken und auch […] auf dieser Ebene intervenieren" [Kriz, 1989, S.241].
1.2. "Therapie ist Dienen" - Grenzen in der Therapie
Für das Verständnis der therapeutischen Beziehung ist eine Besinnung auf die Wortbedeutung hilfreich [o Kasten ]. Dabei erscheint es bedeutsam, daß sich der moderne Psycho-Therapeut gerade auf diese dienende Haltung bezieht und nicht Name und Selbstverständnis vom Arzt-Begriff herleitet. Der Therapeut als Diener im Dienst am Kranken - ist er das wirklich immer? Nun, in gewisser Hinsicht ist er es, wenn wir dienen als ge-horchen auffassen: Der Therapeut muß zuhören, selbstlos zuhören und ist im Zuhören ganz auf den Klienten eingestellt.
Aus anderem Blickwinkel betrachtet, kehrt sich das Verhältnis jedoch vollkommen um; und das völlig ungewollt und natürlich schon, bevor der Therapeut überhaupt das erste Wort gesprochen hat: Der Klient kommt schließlich aus der Motivation, daß es der Therapeut besser weiß und er wird damit erniedrigt [im Sinne von unter dem Therapeuten stehen]. Und H. Zygowski formuliert es treffend: "So ist die Tätigkeit der PsychotherapeutInnen geradezu prädestiniert für sämtliche Formen von Omnipotenzgefühlen und Megalomanie, Macht-, Kontroll- und Manipulationsgelüsten oder schlichter Neugier sowie der Selbststilisierung als aufopfernde HelferInnen […]" [Zygowski, 1992, S.273]. "Die superbia therapeutica braucht sich gar nicht zur Omnipotenz, zum Alleskönnertum aufzublähen - es genügt schon das Besserwissen. Die Besserwisserei des Therapeuten ist Kommunikationsbarriere im Dialog zwischen Patient und Therapeut" [Petersen, 1980, S.15]. Hier sind nämlich zwei Funktionen in einem Aspekt verborgen; denn die superbia therapeutica als innere Haltung des Therapeuten darf nicht verwechselt werden mit dem Rollenangebot, das dem Therapeuten in der Übertragung vom Patienten gemacht wird. Der Therapeut kann dies ausnützen und hierin besteht auch die Gefahr. Wobei im allgemeinen dieses Risiko der Omnipotenzprojektion mit all ihren Folgen im Verlauf der Therapie in der Psychoanalyse größer ist als in der in diesem Abschnitt zu behandelnden Familientherapie, wo der Therapeut eher als Partner und aktiver Teil der Therapie gesehen wird; auch er ist 'Person' mit eigenen innerpersönlichen Prozessen und Konflikten und verändert sich im Verlauf der Intervention ebenso wie die Familie [vgl. Bosch, 1980, S.140].
Therapeutische Beziehung ist keine Freundschaft. Und das aus mehreren Gründen: Zum einen erfordert Therapie ungleich mehr Verzicht als Freundschaft. Dann sind Dimensionen wie Zärtlichkeit, Offenheit, Gegenseitigkeit, Gleichgewicht und Symmetrie Kennzeichen für Freundschaften, die in einer Therapie nur bedingt von Vorteil sind. Gerade die Symmetrie fehlt in der Intervention. Asymmetrie herrscht in Bezug auf Wissen, Fähigkeiten und Kenntnisse - eine Ungleichheit, die zwar vorhanden, in der Regel aber akzeptiert ist.
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Ziele und Normen in Familientherapie und Psychoanalyse
1.3. Ziele am Beispiel der 'Dynamischen Familientherapie'
Ziele in der Psychotherapie definieren sich nicht zuletzt aus der vorangehenden Beschreibung der 'pathologischen' Prozesse, wobei letztere naturgemäß von Richtung zu Richtung teilweise stark differieren. Im folgenden werden Ziele und Aufgaben der Familientherapie am Beispiel des Ansatzes von Helm Stierlin dargelegt. Stierlin, dessen Konzept stark von Boszormenyi-Nagy - einem der Pioniere der psychoanalytisch orientierten Familientherapie - beeinflußt ist, nennt in seinen Systemkräften des familientherapeutischen Prozesses sowohl horizontale Aspekte [also den Beziehungen innerhalb derselben Generation] als auch vertikale Aspekte und teilt ein in drei Hauptgesichtspunkte, aus denen sich dann die Möglichkeiten der therapeutischen Intervention ableiten lassen.
1.3.1. Bezogene Individuation
Damit ist gemeint, daß mit zunehmender Individuation ein höheres Maß an Bezogenheit auf andere ermöglicht wird bzw sogar verlangt wird. Da alle Familienmitglieder Individuation erleben, kommt es im Rahmen dieser 'Ko-Individuation' zu vielfältigen Wechselbeziehungen im System Familie. Ist diese Bezogenheit zu stark, verschwimmen die Partner symbiotisch miteinander, entsteht Unterindividuation; im anderen Extrem, wenn Unabhängigkeit zur Isolation führt, finden wir Überindividuation. Auch das ambivalente Hin- und Herpendeln zwischen beiden Gegensätzen ist möglich.
Ziele und Aufgaben des Therapeuten:
Weil alle drei Störungen sich primär in mangelnder Fähigkeit und Bereitschaft zum Dialog zeigen, ist eines der wichtigsten Ziele für den Therapeuten, die Bereitschaft zum Dialog wieder zu fördern. Konkret wird zB trainiert, sich wieder besser abzugrenzen, nur im eigenen Namen und in Ich-Form zu sprechen, Verallgemeinerungen, Verzerrungen und Auslassungen zu bemerken und zu korrigieren [Vgl. Kriz, 1989, S.276].
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Mag. Arno Krause, 1995, Ziele und Normen in Familientherapie und Psychoanalyse, Munich, GRIN Publishing GmbH
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