D. Dorfer A. Krause: Altruismus und Kinder
Inhaltsverzeichnis
1. ALTRUISMUS UND PROSOZIALES VERHALTEN 6
1.1. 3 Entwicklungsschritte zum altruistischen Handeln 7
1.2. Perspektivenübernahme als Voraussetzung 7
1.3. Prosozialität und Modellernen 9
2. SKALEN ZUR BEOBACHTUNG DES SOZIALVERHALTENS
BEI KINDERN 9
2.1. Der Beobachtungsbogen für Kinder im Vorschulalter / BBK 10
2.2. Das Altruismus-Beobachtungs-System / ABS 10
2.3. Die Skala zur Erfassung des Sozialverhaltens von Vorschulkindern / KSV 12
3. SHARING BEHAVIOR - DISTRIBUTIVE GERECHTIGKEIT 13
3.1. Gerecht urteilen und gerecht aufteilen 13
4. CHARITABLE BEHAVIOR - BEDÜRFTIGKEIT 15
4.1. Die Bedeutung der Empathie 16
5. EXKURS: HELPING BEHAVIOR - ERSTE HILFE-NOTFÄLLE 18
6. LITERATUR 20
Anmerkung : Da es für das Problem der Gleichbehandlung weiblicher und männlicher Formen von Substantiven, Adjektiven und Pronomen bis
heute keine stilistisch und ökonomisch überzeugende Lösung gibt, wurde nach 'alter' Konvention - jedoch im vollen Bewußtsein um diese Pro-
blematik - jeweils die männliche Form gewählt.
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1. Altruismus und Prosoziales Verhalten
Altruismus, also Uneigennützigkeit oder Nächstenliebe, ist - ebenso wie der Gegenbegriff Egoismus - ein psychologisch schwer zu definierendes Konstrukt: "Einem Bettler eine Münze zu geben, ist auf den ersten Blick eine altruistische Handlung. Doch läßt sich unschwer einwenden, daß sie auch durchaus egoistisch sein kann, etwa indem sich der Geber Lohn im Jenseits erhofft oder sein Selbstgefühl durch seine Mildtätigkeit steigert - auch, ja gerade dann, wenn die altruistisch-egoistische Handlung ein echtes Opfer darstellt" [Schmidbauer, 1991, S.16]. - Im übrigen ist Altruismus - allerdings in einem weiter gefaßten Sinne - keine spezifisch menschliche Fähigkeit: "In essence, all animals are altruistic; no animal lives a completely selfish life. All organisms work on the principle that 'it is all relatives'. Altruism is very deeply ingrained into the system" [Ornstein, 1992, S.271].
In der Altruismus-Forschung - einem Wissenschaftszweig, der sich seit Beginn der 70 er Jahre entwickelt hat - werden eine Vielzahl divergierender Verhaltensweisen untersucht, deren Gemeinsamkeit im positiven [= prosozialen] Effekt für den oder die Adressaten solcher altruistischen Verhaltensweisen liegt. Das Verhalten selbst kann vielschichtig sein, so unterscheiden wir etwa helping behavior, sharing behavior, rescue behavior, generosity, charitable be-havior oder volunteering.
Die besondere Problematik des Altruismus und seiner Erforschung liegt darin, daß spontanes, also nicht induziertes, altruistisches Verhalten für die empirische Psychologie einen diffizilen Analysegegenstand darstellt. Kasten [vgl. 1980, S.17] versuchte daher, eine Rahmendefinition für Altruismus zu fixieren, die eine weitgehende Operationalisierung erlaubt. Damit überhaupt von altruistischer Interaktion gesprochen werden kann, müssen demnach folgende Bedingungen erfüllt sein:
(1) Das Vorhandensein eines [oder mehrerer] Adressaten. (2) Diese Adressaten befinden sich in einer negativen Bedürfnissituation oder Notlage. (3) Die Adressaten bringen ihre negative Bedürfnissituation oder Notlage auch zum Ausdruck. (4) Das Vorhandensein eines [oder mehrerer] Akteure. (5) Der Akteur nimmt die Not- bzw Bedürfnissignale der späteren Adressaten wahr und verarbeitet sie [dh er kann sich in die negative Bedürfnissituation einfühlen und / oder die Lage der anderen rekonstruieren].
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(6) Der Akteur verfügt über die physischen Ressourcen [Körperkraft, Geschicklichkeit, Fertigkeit,…] und psychischen Ressourcen [positive Stimmung, Mut, Zivilcourage,…], um die Notlage der anderen Individuen [= Adressaten] zu mindern bzw zu beseitigen. (7) Das Vorhandensein einer vom Akteur vollzogenen Aktivität [= Aktion], die zur Minderung oder Beseitigung der negativen Bedürfnissituation oder Notlage führt (8) Diese Aktion wird von den Adressaten angenommen bzw akzeptiert [= Reaktion]. (9) Ferner sollte erkennbar sein, daß sich die altruistische Handlung stärker an der Bedürfnislage des Adressaten als an der eigenen [des Akteurs] orientiert. (10) Schließlich ist die Aktion von der Intention getragen, dem Adressaten zu nützen.
1.1. Entwicklungsschritte zum altruistischen Handeln
Damit die andere Person zum Ziel des altruistischen Handelns werden kann, bedarf es dreier Entwicklungsschritte [vgl. Oerter, Montada et.al., 1987, S.735]:
(1) Zunächst muß der soziale Egozentrismus, also die Gleichsetzung von Selbst und Anderem, überwunden werden.
(2) Die Möglichkeit zur Übernahme und Koordination sozialer Perspektiven überformt daraufhin das bloß affektive Einfühlen zum Mitleid. In einer aktuellen Situation ist dies die Voraussetzung zu persönlichen Schuldgefühlen, weil nun das Leid anderer als Folge eigener Hilfeunterlassung erkannt werden kann.
(3) Ein weiterer Entwicklungsschritt - der meist erst im Erwachsenenalter vollzogen wirdführt zu einer generellen, von einzelnen Personen und ihrem Leid abgelösten Mitleidshaltung und einer dadurch vermittelten existentiellen Schuld gegenüber sozialer Not als Lebensschicksal.
1.2. Perspektivenübernahme als Voraussetzung
Das Konstrukt Perspektivenübernahme wird als die Fähigkeit des ego's verstanden, die Perspektive von alter einzunehmen. Diese Übernahme erstreckt sich auch auf die Erschließung von Absichten, Motiven, Gefühlen, Gedanken, Einstellungen und Erwartungen jenes alter, und ihr kommt im Sozialverhalten bzw im Sozialisationsprozeß höchste Bedeutung zu.
Demnach nimmt dieses Konstrukt auch in den kognitiven entwicklungstheoretischen Ansätzen - wie etwa bei Piaget oder Mead - eine zentrale Stellung ein. Denn erst das Abrücken von einer ausschließlich ego-gebundenen Perspektive [= Egozentrismus] und die gleichzeitige
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Arbeit zitieren:
Mag. Arno Krause, Daniela Dorfer, 1996, Altruismus und prosoziales Verhalten bei Kindern, München, GRIN Verlag GmbH
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