A. EINLEITUNG 3
A 1. NORM UND SEELISCHE GESUNDHEIT 3
A 2. DIE EINTEILUNG PSYCHISCHER STÖRUNGEN 4
B. DIE NEUROSE 6
B1. VORLÄUFIGE CHARAKTERISTIK DER NEUROSE 7
B2. DIE ZWANGSNEUROSE (ANANKASMUS) 9
B3. DIE ANGSTNEUROSE 9
B4. DIE PHOBIE 11
B5. DIE KONVERSIONSNEUROSE 12
B6. PSYCHO-VEGETATIVE ERSCHÖPFUNGSSYNDROME 14
(VEGETATIVE DYSTONIE) 14
B7. ANOREXIA NERVOSA 14
B8. DIE NEUROSENLEHRE NACH SIGMUND FREUD 16
B9. ZUR ÄTIOLOGIE DER NEUROSE 18
C. DIE PSYCHOSE 19
C1. ZUR CHARAKTERISTIK DER PSYCHOSE 20
1.1. Wie entsteht Wissensbildung beim gesunden Menschen? 20
1.2. Die Entstehung der Psychose: 20
1.3. Erscheinungsformen der Psychose: 22
C2. ZUR PROBLEMATIK DER ABGRENZUNG PSYCHISCHER KRANKHEITEN 23
(EXPERIMENT VON D ROSENHAN) 23
C3. DIE SCHIZOPHRENIE 23
3.1. Zur Ätiologie der Schizophrenie: 23
3.1.1. Über das Auftreten von Kindheitspsychosen 24
3.2. Die wichtigsten Formen und der Krankheitsverlauf: 26
3.5. Schizophrenie in anderen Kulturen - Ein transkultureller Vergleich: 29
C4. DIE DEPRESSIVITÄT UND DEPRESSION 31
C5. DIE MANIE 34
5.1. Zur Charakteristik: 34
5.2. Symptomatik: 35
5.3. Zyklische Formen: 35
C6. PARANOIDE PSYCHOSEN 36
D. GLOSSAR 38
E. QUELLENVERZEICHNIS 41
2
A. EINLEITUNG
Wohl jeder von uns kennt im Bereich der somatischen Störungen das breite Spektrum zwischen leichten körperlichen Beeinträchtigungen und Irritationen und einer schweren Krankheit, die sämtliche unsere Kräfte bindet und intensive medizinische, therapeutische Maßnahmen erfordert.
Ebenso weit reicht das Spektrum zwischen leichten psychischen Behinderungen und Beeinträchtigungen und schweren psychischen Erkrankungen. Die Grenze zwischen psychisch gesund und krank ist oft schwer zu setzen. Der erlebte Leidensdruck ist das subjektive Kriterium, das einen Menschen dazu veranlaßt, die Hilfe eines Psychotherapeuten zu suchen.
Psychische Störungen können das Leben, die Arbeit, die Fähigkeit, befriedigende Beziehungen aufzubauen, beeinträchtigen. Ob solche Störungen genetisch bedingt oder durch die Lebenssituation der betreffenden Menschen entstanden sind, ist eine auch heute noch umstrittene Frage, die aber angesichts der Tatsache, daß dem Betroffenen geholfen werden muß, von sekundärer Bedeutung ist. Diese teilweise dramatischen Störungen der Gefühle und die Reflexion ihnen gegenüber zeigen die Bedeutung der Emotionen für den Gesamtbereich des Psychischen. Ohne Pflege seiner Gefühle kann der Mensch dem Leben nicht standhalten.
Eine psychische Störung umfaßt per definitionem
"die Gesamtheit aller psychischen Zustände, die in den Bereich 'Abnormalität' fallen."
A.1. NORM UND SEELISCHE GESUNDHEIT
### Abnorm kann - je nach Wertung - sowohl ein 'Zuviel' (Exzeß), 'Zuwenig' (Defizit), oder 'Fehlerhaft' (Defekt) im Sinne eines persönlichen, fachlichen oder gesellschaftlichen Erwartungswertes (kultureller Sollzustand) sein.
### Beim Begriff der Norm unterscheiden wir grundsätzlich:
### Was ist gesund? - Für lange Zeit ging das Denken dahin, daß Gesundheit einfach die Abwesenheit von Krankheit ist. Demgegenüber wurde aber bald erkannt, daß seelische Gesundheit durch eigene positive Merkmale definiert werden muß. MARIE JAHODA postuliert in ihrer beispielgebenden Studie sechs grundlegende Merkmale der seelisch gesunden Persönlichkeit:
1. Der Gesunde hat eine adäquate Einstellung zu sich selbst; er sieht sich realistisch so, wie er ist, und steht sich selbst kritisch gegenüber, ohne andererseits an Selbstachtung einzubüßen.
1 ZB gilt bei einem Begräbnis im Orient lautes Lamento der Hinterbliebenen, Kleiderzerreißen,... als Norm-
Verhalten, in unserer Gesellschaft jedoch als unangemessen.
3
2. Der Gesunde ist an seiner adäquaten inneren Entwicklung und Selbstverwirklichung interessiert. Er will die besten Potentialitäten aus sich hervorbringen.
3. Der Gesunde bemüht sich um innere Einheit oder Integration seiner Strebungen. Er läßt sich von Strebungen, die miteinander nicht vereinbar sind, nicht zerreißen, sondern versucht, seine Konflikte zu lösen.
4. Der Gesunde ist ein autonomer Mensch: dh, einer, der sich aus sich selbst bestimmt und sich nicht von anderen abhängig macht.
5. Der Gesunde hat eine adäquate Wahrnehmung der Realität, wie sie ist. Dh, er läßt sich nicht durch Wünsche und Befürchtungen in seiner Erfassung der Außenwelt beeinflussen.
6. Der Gesunde ist fähig, seine Lebensumstände zu bemeistern. Dazu gehört die Fähigkeit zu lieben, die Adäquatheit von Liebe, Arbeit & Spiel, die Adäquatheit der zwischenmenschlichen Beziehungen, Fähigkeit zur Anpassung, zum Lösen von Problemen sowie Fertigkeit in der Behandlung der Erfordernisse gegebener Situationen. 2
A.2. DIE EINTEILUNG PSYCHISCHER STÖRUNGEN
Einerseits ist die Fülle von Störmöglichkeiten nicht kleiner als die Fülle von positiven Formen psychischen Verhalten und Erlebens. Eine Einteilung in hauptsächliche Störgruppen engt daher notwendigerweise die Vielfalt ein. Andererseits waren an dieser Einteilung drei vorrangige therapeutische Richtungen beteiligt, die von unterschiedlichen Standpunkten aus die psychischen Störungen klassifizierten: die Psychiatrie, die
2 C. BÜHLER ergänzt:
"Zu diesen Hauptkriterien der gesunden Persönlichkeit kommt meiner Ansicht nach ein weiteres, das mir von der Psychotherapie her als bedeutungsvoll erscheint. Es ist die Fähigkeit des Gesunden, sein Leben in seiner Kontinuität zu überschauen, während der Neurotiker oft ganze Lebensabschnitte mehr oder weniger völlig vergißt."
4
Psychoanalyse und die Verhaltenstheorie. Daraus ergaben sich letztendlich - unter besonderer Betonung des Schweregrades - vier Hauptbegriffe, die sich teilweise auch überschneiden:
3 DD zur Psychose: Echte Psychotiker distanzieren sich bald von diesen flüchtigen Verkennungen der
Realität (nach WESIACK).
4 Der Begriff Verhaltensstörung dient den Verhaltenspsychologen als Sammelbezeichnung für alle
'sozialrelevanten' Störungen: sowohl des Selbstbildes (zB Minderwertigkeitskomplexe) wie innerhalb der Gruppen (zB Anpassungsstörungen) und gegenüber der Gesellschaft (zB kriminelle Delinquenz).
5 Der Abusus (Mißbrauch) ist eine in einer sinnentleerten und angstmachenden Umwelt zunehmend
auftretende Verhaltensstörung.
6 "workoholics"
5
7 Die Einordnung der psychischen Störungen ist eines der schwierigsten Probleme der Klinischen
Psychologie. Grundsätzlich ist jede psychische Leistung mehrfach störbar. So ergibt sich eine unendliche Fülle an Störungen mit mannigfaltigen Symptomen und Syndromen (i.e. Symptomeinheiten). Die Störungsbezeichnungen haben sich zum Teil über mehrere Jahrtausende entwickelt, andere sind neueren Datums. Es ist daher nicht verwunderlich, daß sie sich nicht ohne weiteres in ein System einfügen.
Das Verständnis für psychische Krankheit und Gesundheit hat sich in den letzten Jahrzehnten stark
gewandelt. Durch häufigeres Auftreten von psychischen Krisen, Störungen und Beeinträchtigungen erhöhte sich nicht nur in der Fachwelt, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit die Bereitschaft, psychische Krankheit als eine Form der Beeinträchtigung und Störung anzusehen wie andere Behinderungen auch und sie von ihrer Stigmatisierung zu befreien.
Der Begriff wurde schon im 18. Jht. durch den schottischen Arzt WILLIAM CULLEN im §1091 seines Werkes "First Lines in the Practice of Physics" (1776-84) für Sinnesaffekte oder Bewegungen eingeführt, für die keine körperlichen Ursachen festgestellt werden konnten. Im Laufe der Zeit wurde dieser Begriff mehrfach modifiziert. Den meisten modernen Definitionsversuchen ist gemeinsam, die Neurose als Störung zu verstehen, die die "inadäquate Verarbeitung von länger anhaltenden Konflikt- und Frustrationssituationen, die meist in die Kindheit zurückreichen, zur Voraussetzung haben." 8 - Andere Definitionen deuten die Neurosen als Form einer abnormen Erlebnisreaktion, wobei es infolge einer abnormen (= neurotischen) Entwicklung zu einer Komplexverselbständigung kommt. Heute werden im gebräuchlichen "Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen" (DSM-III-R) unter Neurose genannt:
Hysterien
Phobien
Anankastische, neurasthenische, hypochondrische Störungen Dysthyme Depressionen Generalisierte Angstsyndrome Dissoziative Störungen Psychogene Schmerzsyndrome
6
Ähnliche Einteilungen enthalten auch die Internationale Klassifikation der WHO (ICD-9) und das "Manual zur Dokumentation psychiatrischer Befunde" (AMP).
Trotz der vagen Definition der Neurose und ihrer vielschichtigen Erklärung 9 umreißt dieser Begriff eine beobachtbare Gruppe von psychischen Leidenszuständen, die durch andere Begriffe nicht voll abgedeckt werden kann.
B1. VORLÄUFIGE CHARAKTERISTIK DER NEUROSE
Die neurotische Persönlichkeit wird im Gegensatz zu früher nicht mehr als das Opfer eines einzigen psychischen Traumas in früher Kindheit gesehen, sondern als ein Mensch, der nicht die Möglichkeit hatte, Konflikte zu lösen. - Eine Krisensituation an sich macht noch keine Neurose aus.
"An der Wurzel neurotischer Störungen steht ein Konflikt, der durch zwei oder mehrere einander widersprechende vitale Bedürfnisse entsteht, wobei die neurotischen Symptome Abreaktionen der daraus resultierenden Spannungen sind."
Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Seelischen Disposition 10 . Diese spezifische Beschaffenheit eines Organismus, die die Voraussetzung für die Wirkung schädigender Einflüsse ist äußert sich beim Neurotiker in der Hauptsache in einer Überempfindlichkeit gegenüber gewissen Reizen ( Hypersensibilität). Die seelischen Störungen, die sich beim Hypersensiblen in einer Durchschnittsumgebung einstellen, beginnen demgemäß bereits in der frühesten Kindheit.
Das folgende Schema 11 zeigt nun, wie zur Neurose disponierende Merkmale sowie aus der Umwelt und den Lebenserfahrungen herstammende schädigende Einflüsse zusammenwirken. Bei Gruppe 1 können selbst in günstiger Umwelt die dehr starken Dispositionen eine Neurose hervorbringen, wie dies bei Gruppe 3 bei verhältnismäßig sehr günstigen Dispositionen in äußerst ungünstiger Umwelt geschehen kann. Dazwischen liegen proportional gleitende Anteile beider Faktoren.
9 vgl. B9.
10 lat. disposito = planmäßige Anordnung.
11 nach F.ALEXANDER.
7
Die Symptomatik der Neurose ist eindeutig durch die jeweilige Lebensform der Gesellschaft geprägt;
ihr Erscheinungsbild ist daher einem ständigen Wandel unterworfen. Während um die Jahrhundertwende Symptome der Hysterie im Vordergrund standen, sind es heute eher vegetative Symptome wie zB Müdigkeit und Schwindel.
Neben der intrakulturellen ist überdies die interkulturelle Betrachtungsweise von Bedeutung, stellen
doch chronische neurotische Störungen (und auch Verhaltensstörungen) - in entwickelten Gesellschaften eine der größten Diagnosegruppen - in außereuropäischen Kulturen, besonders in tropischen Regionen, die ein geringes Pro-Kopf-Einkommen aufweisen, kein dringendes Problem dar: Obwohl die geschätzte Häufigkeit auch in den Tropen den Verteilungsmustern der westlichen Welt entspricht, finden diese Erkrankungen aber in den armen Gesellschaften wenig Aufmerksamkeit und sind folglich in der transkulturellen Psychologie und Psychiatrie kaum Inhalt von vergleichenden Studien. Ein weiterer Grund liegt in der Schwierigkeit, neurotische Störungen von den Folgen der Mangelernährung, der Anämie, des Parasitenbefalls oder anderer akuter körperlicher Erkrankungen abzugrenzen.
Neurotische Störungen fallen darüberhinaus in die therapeutische Domäne der angestammten Gruppe des heilkundigen Priesters mit seinen überkommenen Ritualen oder der Großfamilie mit den engen Gefühlsbindungen. Es kann jedoch als belegt gelten, daß die Häufigkeit von Neurosen und Persönlichkeitsstörungen sich in den ärmeren Teilen der Welt kaum von derjenigen unterscheidet, die die entwickelten Gesellschaftsstrukturen kennzeichnet. 12
In Zeiten zielgerichteter Anspannung sowie in Zeiten akuter existenzieller Bedrohung und Not (zB Krieg) treten die Neurosen ebenso wie die psychosomatischen Erkrankungen seltener auf. Nicht die hohe Belastung ist ausschlaggebend für die Bildung der Neurose, sondern die fehlende Motivation, solche Belastungen auf sich zu nehmen.
Manchmal - aber durchaus nicht immer - stehen bei der Neurose bestimmte Symptome sehr stark im Vordergrund, woraus sich folgende Ausprägungsformen ableiten lassen:
12 nach H.HINTERHUBER (1987).
8
Arbeit zitieren:
Mag. Arno Krause, 1996, Psychische Störungen, München, GRIN Verlag GmbH
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