Die Optimierung der Redeleistung im Rhetorik- und
Kommunikationstraining
Eine geschlechtsdifferenzierte Untersuchung
Inaugural-Dissertation
zur Erlangung des Doktorgrades
der Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität
München
Vorgelegt von
Susanne Dietz
Dank
An erster Stelle möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. Gerd Kegel bedanken, welcher von An-
fang an mein Promotionsvorhaben tatkräftig unterstützte und mir stets mit Engagement zur
Seite stand. Ich bedanke mich für die neuen Impulse sowie hilfreichen Ratschläge, durch wel-
che meine wissenschaftliche Arbeit stetig wuchs und gedieh. Danke für die zahlreichen Bera-
tungsstunden und die motivierenden Gespräche während der Bearbeitungszeit meiner Disser-
tation.
Des Weiteren bedanke mich besonders bei den Seminarteilnehmern, der zu untersuchenden
Trainings, welche kooperativ und gewissenhaft meine Datenerhebung durch Bearbeitung der
Fragebögen ermöglichten. Zudem möchte ich mich an dieser Stelle für die Bereitschaft der
Seminarteilnehmer bedanken, mir das aufgezeichnete Videomaterial zum Zwecke der Unter-
suchung freizugeben.
Mein Dank gilt zudem Zweitprüfer Herrn Prof. Dr. Jochen Gerstenmaier.
Abschließend möchte ich mich bei allen bedanken, welche mich in der Bearbeitungszeit mei-
ner Dissertation jederzeit unterstützt haben. Im Besonderen einen großen Dank an meine Fa-
milie, welche mich stets in meinem Vorhaben unterstützte und motivierte. Danke an Stefanie
Koch, die mir immer mit persönlichem Rat beiseite stand und besonderen Dank an Kristin
Weschke für die außerordentlich gute fachliche Unterstützung. Bedanken möchte ich mich
zudem bei Corinna Scherner für den persönlichen und fachlichen Austausch, welcher mir stets
neuen Auftrieb gab. Danke auch an Carolin Feneis für die aufbauende Unterstützung via Tele-
fon. Besonderer Dank gilt Guido Tröster: Immer zur richtigen Zeit das richtige Wort, wo-
durch ich festen Boden und Rückhalt verspüren konnte, was sich unmittelbar auf mein Pro-
motionsvorhaben auswirkte.
Inhaltsverzeichnis
THEORETISCHER TEIL ... 5
1
Einführung... 5
2 Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute ... 7
2.1.1 Erste antike Rhetorik-Epoche: Die Gründer der Rhetorik Die Sophisten... 8
2.1.1.1 Methodik und Inhalte der sophistischen Rhetoriklehre ... 9
2.1.1.2 Schulungsorte der sophistischen Rhetoriklehre ... 11
2.1.2 Zweite antike Rhetorik-Epoche Epoche: Die Philosophen Griechenlands ... 12
2.1.2.1 Methoden und Inhalte der Rhetoriklehre der griechischen Antike ... 12
2.1.2.2 Schulungsorte der Rhetoriklehre in der griechischen Antike ... 14
2.1.3 Dritte antike Rhetorik-Epoche: Römische Rhetorik ... 15
2.1.3.1 Methodik und Inhalte der Rhetoriklehre der römischen Antike ... 15
2.1.3.2 Schulungsorte der Rhetoriklehre in der römischen Antike ... 19
2.1.4 Weitere Entwicklungen der antiken Rhetorik ... 20
2.1.5 Zusammenfassung: Antike Rhetorik ... 21
2.2.1 Methodik und Inhalte der mittelalterlichen Rhetoriklehre ... 22
2.2.2 Schulungsorte der mittelalterlichen Rhetoriklehre... 24
2.2.3 Zusammenfassung: Rhetorik des Mittelalters ... 25
2.3.1 Methodik und Inhalte der Rhetoriklehre im Humanismus und Barock ... 26
2.3.2 Schulungsorte der Rhetoriklehre im Humanismus und Barock ... 29
2.3.3 Zusammenfassung: Rhetorik des Humanismus- und Barockzeitalters ... 30
2.4.1 Methodik und Inhalte der Rhetoriklehre in der Aufklärung... 31
2.4.2 Schulungsorte der Rhetoriklehre in der Aufklärung ... 32
2.4.3 Zusammenfassung: Rhetorik der Aufklärung ... 32
2.5.1 Methodik und Inhalte der Rhetoriklehre im 19. Jahrhundert ... 33
2.5.2 Schulungsorte der Rhetorik des 19. Jahrhunderts ... 34
2.5.3 Zusammenfassung: Rhetorik im 19. Jahrhundert... 34
1.1 Problemstellung... 5
1.2 Zielsetzung ... 5
1.3 Aufbau der Arbeit ... 6
1.4 Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes ... 6
2.1 Antike Rhetorik ... 8
2.2 Rhetorik des Mittelalters ... 21
2.3 Rhetorik des Humanismus- und Barockzeitalters ... 25
2.4 Rhetorik der Aufklärung... 30
2.5 Rhetorik im 19. Jahrhundert Bürgerliches Zeitalter... 33
2.6.1 Methodik und Inhalte moderner Rhetoriktrainings ... 35
2.6.2 Schulungsorte der modernen Rhetoriklehre ... 37
2.6.3 Rhetorik im neuen Kontext: Bestandteil der Personalentwicklung in Unternehmen 38
2.6.4 Zusammenfassung: Rhetorik seit dem 20. Jahrhundert ... 39
2.6.5 Kommunikationstrainings: Aktuelle Zahlen ... 39
3
Optimierungsmethodik in Präsentationstrainings... 47
3.1.1 Stellgrößen des Ausdrucksverhaltens... 49
3.1.2 Der verbale Ausdruck... 50
3.1.3 Der paraverbale Ausdruck... 54
3.1.4 Der nonverbale Ausdruck... 58
3.1.5 Exkurs: Weiterführende Erkenntnisse zum nonverbalen Ausdrucksverhalten ... 68
3.2.1 Schwächen schwächen Schwächen über Stellgrößen ausgleichen... 78
3.2.2 Stärken stärken Stärken über persönlichen Präsentationsstil ausbauen ... 79
3.2.3 Mentaltechniken Sicherheit über mentale Einstellung gewinnen ... 80
3.2.3.1 Reflektierte Selbstbeobachtung... 82
3.2.3.2 Spontane Selbstbeeinflussung... 82
3.2.3.3 Positives Denken... 83
3.2.3.4 Autosuggestion Vorsatzbildungen ... 84
3.2.3.5 Die paradoxe Intention... 86
3.2.3.6 Imagination ... 86
3.2.3.7 Das ABC-Schema ... 89
3.2.3.8 Atmung... 90
3.2.3.9 Entspannungstechniken... 90
4
Geschlechtsdifferenziertes Kommunikationsverhalten... 92
4.3.1 Geschlechtsrollen erlernt... 95
4.5.1 Verbales Ausdrucksverhalten der Geschlechter... 106
4.5.2 Paraverbales Ausdrucksverhalten der Geschlechter ... 108
4.5.3 Nonverbales Ausdrucksverhalten der Geschlechter... 111
2.6 Rhetorik seit dem 20. Jahrhundert... 35
2.7 Vergleich der gegenwärtigen und antiken Rhetoriklehre ... 44
3.1 Das menschliche Ausdrucksverhalten Die Wirkung eines Sprechers ... 47
3.2 Die Zugänge zur Optimierung der Redeleistung ... 75
4.1 Begriffsklärung... 92
4.2 Soziologischer Abriss ... 93
4.3 Entstehung von verhaltensbedingten Geschlechtsunterschieden ... 95
4.4 Untersuchungen zu Verhaltensunterschieden zwischen den Geschlechtern ... 99
4.5 Merkmale der Geschlechtersprache... 104
EMPIRISCHER TEIL... 122
5
Methodologische Vorgehensweise Erhebung der Befunde ... 122
5.2.1 Quantitative Datenerhebung Fragebogen... 122
5.2.2 Qualitative Datenerhebung Videoanalyse ... 124
6
Ergebnisse der Gesamtauswertung Gruppe I-V... 126
6.2.1 Fragebogenitem 1 Schwächen über Stellgrößen ausgleichen (Gruppe I-V) ... 128
6.2.2 Fragebogenitem 2 Stärken über persönlichen Präsentationsstil ausbauen (Gruppe I-
V)... 130
6.2.3 Fragebogenitem 3 Sicherheit über mentale Einstellung gewinnen (Gruppe I-V) 132
6.2.4 Fragebogenitem 4 Wenn nur ein Zugang möglich wäre (Gruppe I-V)... 135
6.2.5 Auffälligkeiten (Gruppe I-V) ... 144
7
Ergebnisse der Gesamtauswertung Gruppe VI ... 161
7.2.1 Fragebogenitem 1 Schwächen über Stellgrößen ausgleichen (Gruppe VI) ... 162
7.2.2 Fragebogenitem 2 Stärken über persönlichen Präsentationsstil ausbauen (Gruppe
VI) ... 163
7.2.3 Fragebogenitem 3 Sicherheit über mentale Einstellung gewinnen (Gruppe VI) . 164
7.2.4 Fragebogenitem 4 Wenn nur ein Zugang möglich wäre (Gruppe VI) ... 165
7.2.5 Auffälligkeiten (Gruppe VI)... 166
4.6 Geschlechtsdifferenziertes Kommunikationsverhalten in Gruppen ... 113
4.7 Zusammenfassende Betrachtung kommunikativer Geschlechtsunterschiede ... 120
5.1 Beschreibung der Untersuchung... 122
5.2 Instrumente... 122
5.3 Stichprobenkonstruktion... 125
5.4 Beschreibung der Untersuchungsdurchführung... 125
6.1 Teilnehmer (Gruppe I-V) ... 126
6.2 Fragebogenauswertung Selbstbild (Gruppe I-V) ... 127
6.3 Auswertung Videoanalyse Fremdbild (Gruppe I-V) ... 146
6.4 Selbstbild- und Fremdbildabgleich (Gruppe I-V)... 151
7.1 Teilnehmer (Gruppe VI)... 161
7.2 Fragebogenauswertung Selbstbild (Gruppe VI) ... 162
8
Diskussion der Ergebnisse... 172
8.1.1 Optimierungszugang: Schwächen über Stellgrößen ausgleichen (Gruppe I-V) ... 172
8.1.2 Selbstbild-Fremdbildabgleich: Schwächen über Stellgrößen einstellen (Gruppe I-V)
... 174
8.1.3 Optimierungszugang: Stärken über persönlichen Präsentationsstil ausbauen (Gruppe
I-V) ... 175
8.1.4 Selbstbild-Fremdbildabgleich: Stärken über persönlichen Präsentationsstil ausbauen
(Gruppe I-V)... 176
8.1.5 Grad der Deckungsgleichheit (Gruppe I-V)... 177
8.1.6 Optimierungszugang: Sicherheit über mentale Einstellung gewinnen (Gruppe I-V)
... 179
8.1.7 Kombination der Nennungen: Fragebogenitem Sicherheit über mentale Einstellung
gewinnen Zugangspräferenz Schwächen über Stellgrößen ausgleichen (Gruppe I-
V)... 180
8.1.8 Wenn nur ein Zugang möglich wäre (Gruppe I-V)... 181
8.1.9 Kombination der Nennungen: Fragebogenitem Sicherheit über mentale Einstellung
gewinnen Schwäche Partikel/Floskeln und/oder Tempo/Pausen (Gruppe I-V)... 182
8.2.1 Optimierungszugang: Schwächen über Stellgrößen ausgleichen (Gruppe VI)... 183
8.2.2 Selbstbild-Fremdbildableich: Schwächen über Stellgrößen ausgleichen (Gruppe VI)
und Grad der Deckungsgleichheit ... 184
8.2.3 Optimierungszugang: Stärken über persönlichen Präsentationsstil ausbauen (Gruppe
VI) ... 185
8.2.4 Selbstbild-Fremdbildabgleich: Stärken über persönlichen Präsentationsstil
ausbauen
und Grad der Deckungsgleichheit (Gruppe VI)... 185
8.2.5 Optimierungszugang: Sicherheit über mentale Einstellung gewinnen (Gruppe VI)
... 186
8.2.6 Wenn nur ein Zugang möglich wäre (Gruppe VI) ... 187
9
Zusammenfassung und Ausblick... 189
10
Anhang ... 192
11
Abbildungsverzeichnis... 208
12
Literaturverzeichnis... 211
7.3 Auswertung Videoanalyse Fremdbild (Gruppe VI)... 167
7.4 Selbstbild- und Fremdbildabgleich (Gruppe VI) ... 169
8.1 Diskussion der Ergebnisse Gruppe I-V... 172
8.2 Diskussion der Ergebnisse Gruppe VI ... 183
Einführung
5
THEORETISCHER TEIL
1 Einführung
1.1 Problemstellung
Seit der Antike haben sich unterschiedliche Methoden in der Vermittlung von Kompetenzen
im Bereich Kommunikation und Rhetorik etabliert. Die Rhetorik definiert sich dabei als Er-
fahrungswissenschaft (Ueding 2000b, S. 7), welche bewährte Konzepte und Methoden dieser
weiter vermittelt. Lange Zeit hielten sich didaktische Ansätze der frühen antiken Rhetoren,
welche ihre Schüler anhielten ihre Redeleistung durch Nachahmung von Vorbildern zu opti-
mieren. Nach Einbruch der Rhetorik im 19. Jahrhundert und ihrer Renaissance im 20. Jahr-
hundert wird nun stärker an der Person des Redners selbst gearbeitet, als sich an Vorbildern
zu orientieren. Die individuelle Persönlichkeit des Redners soll in der Rede unterstützend
wirken und im Optimierungsprozess der Redeleistung beachtet werden. Die Didaktik der Rhe-
toriklehre hat sich damit von einer sehr starren Form der Nachahmung von Vorbildern zu ei-
ner sehr offenen, freien Form entwickelt, indem der individuelle Ausdruck des Redners mit
Hilfe der Analyse von Stärken und Schwächen sowie neue Methoden der Mentaltechniken
unterstützend wirken, welche zum Optimierungsprozess der Redeleistung einen wesentlichen
Beitrag leisten. Die Form der Nachahmung eines Vorbilds der Rednerschulung wurde Jahr-
hunderte lang in Anlehnung an die Theorien und pädagogischen Ansätze der antiken Rhetoren
gelehrt. Die konkrete Arbeit mit den individuellen Stärken und Schwächen kann nur auf eini-
ge Jahrzehnte zurückblicken. Es stellt sich nun die Frage, wie die die Arbeit an den Stärken
und Schwächen sowie die Arbeit mit Mentaltechniken von Seminarteilnehmern empfunden
werden, wo ihre Präferenzen bezüglich des Optimierungszugangs (Stärken stärken, Schwä-
chen schwächen oder Zugang über die mentale Einstellung) liegen, und ob Stärken und
Schwächen im Selbstbild mit dem Fremdbild übereinstimmen. Ferner gestaltet sich die Frage
interessant, inwiefern sich oben genannte Aspekte nach Geschlecht getrennt hin unterscheiden
oder an welchen Schnittstellen es Gemeinsamkeiten gibt.
1.2 Zielsetzung
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es im ersten Schritt einen groben Überblick über die histori-
sche Entwicklung der Rhetorik, speziell in der Rhetorikschulung, was Inhalte, Methodik und
Schlungsorte angeht, zu bieten, um daraufhin Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Schu-
lung von moderner Rhetorik und Rhetorik der letzten Jahrhunderte bis zurück in die Antike
erkennen zu können. Dieser Bestandteil soll Basis der Arbeit sein, um ein Verständnis für die
Weiterentwicklung in Methodik und Didaktik der Rhetorikschulung generieren und so Unter-
schiede aufzeigen zu können. Im Anschluss daran soll die Erläuterung der drei Ausdrucks-
ebenen verbal, paraverbal und nonverbal als wesentlicher Bestandteil des Optimierungs-
prozesses der Redeleistung definiert werden, woraufhin die drei Optimierungszugänge aus-
führlich dargestellt werden. Eine Betrachtung des derzeitigen Standes der Gender-Forschung
im Kontext Kommunikation soll für die Untersuchung, welche nach Geschlecht getrennt aus-
gewertet wurde, unterstützend wirken.
Auf der Basis dieser theoretischen Grundlagen soll mit Hilfe eines erstellten Fragebogens
sowie einer Videoanalyse das Optimierungsverhalten von Teilnehmern eines Präsentations-
trainings mit Powerpoint untersucht werden. Hierzu werden selbst identifizierte Schwächen
Einführung
6
und Stärken im Fragebogen mit beobachtetem Verhalten aus einer Videoanalyse abgeglichen,
um eine Aussage zu Selbst- und Fremdbild im Optimierungsprozess seitens der Teilnehmer
zu erhalten. Ferner wird mit Unterstützung des Fragebogens eruiert, welcher Optimierungszu-
gang seitens der Teilnehmer präferiert wird. Die Daten werden jeweils nach Geschlecht ge-
trennt ausgewertet, welche Aussage über geschlechtstypisches bzw. geschlechtsspezifisches
Verhalten im Optimierungsprozess der Redeleistung geben sollen.
1.3 Aufbau der Arbeit
Das erste Kapitel beinhaltet eine kurze Hinführung zum Thema, indem Problemstellung und
Zielsetzung beschrieben werden. Im Anschluss daran folgen Aufbau der Arbeit sowie Ab-
grenzung des Untersuchungsgegenstandes. Das zweite Kapitel gibt einen historischen Über-
blick über Methoden, Inhalte, Didaktik und Schulungsorte der Rhetorik von der Antike bis zur
Gegenwart, welcher Basis für ein einheitliches Verständnis für die Entwicklung und die Arten
unterschiedlicher didaktischer und methodischer Ansätze in Schulungskontexten der Rhetorik
bieten soll. Im dritten Kapitel wird näher auf die Methodik des Optimierungsprozesses der
Redeleistung im Präsentationstraining eingegangen. Im ersten Schritt werden die drei Aus-
drucksebenen verbal, paraverbal und nonverbal ausführlich erläutert, welche Basis der Stär-
ken- sowie Schwächenanalyse im Optimierungsprozess bilden. Daraufhin wird auf die Me-
thodik mit der Arbeit an den drei Optimierungszugängen eingegangen, indem diese detailliert
beschrieben werden. Um einen Überblick über den derzeitigen Stand der Gender-Forschung
im Kontext Kommunikation zu erhalten, werden in Kapitel vier die für die vorliegende Unter-
suchung relevante Erkenntnisse kurz umrissen. Das fünfte Kapitel umfasst die Beschreibung
der methodologischen Vorgehensweise der explorativen Untersuchung zu den drei Optimie-
rungszugängen im Präsentationstraining. Es werden Instrumente, Stichprobenkonstruktion die
Beschreibung der Untersuchungsdurchführung erläutert. In Kapitel sechs werden die Ergeb-
nisse der Gruppen I bis V hinsichtlich quantitativer Erhebung durch Fragebogen und qualita-
tiver Erhebung durch Videoanalyse festgehalten und gegenübergestellt werden. Die Auswer-
tung der Untersuchung wird nach einer Gesamtbetrachtung nach Geschlecht getrennt ausge-
wertet. Ebenso wird im siebten Kapitel mit den Ergebnissen der Gruppe VI verfahren, wel-
ches eine detaillierte Beschreibung enthält. Im achten Kapitel werden die Ergebnisse der Un-
tersuchung diskutiert und zusammenfassend in sich aus den Untersuchungsergebnissen ent-
stehenden Thesen dargestellt, welche Anstoß für weitere Untersuchungen geben sollen.
1.4 Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes
In vorliegender Arbeit bilden den Untersuchungsgegenstand das Optimierungsverhalten von
Teilnehmern in Kommunikations- und Präsentationstrainings. Diese Teilnehmer sind alle An-
gestellte eines bayerischen Versicherungsunternehmens
1
und haben sich bereit erklärt, Frage-
bögen zu bearbeiten sowie Videomaterial für die Untersuchung zur Verfügung zu stellen. In
der Beschreibung der Teilnehmer und anderer Personen, wird zu Gunsten der Lesbarkeit, die
männliche Form verwendet, während jedoch weibliche Personen nicht ausgeschlossen sind.
Der Begriff Rhetorik wird im Folgenden vor allem in Kontext der Rede verwendet. Schrift-
sprachliche Komponenten werden weitgehend außer Acht gelassen. Im Mittelpunkt steht die
Rhetorik als Lehre der Rede und des Dialogs. Seminar und Training werden dabei Synonym
verwendet.
1
Aus Gründen der Anonymität wird der Name des Unternehmens nicht genannt.
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
7
2 Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
Die Rhetorik ist eine der ältesten Wissenschaften der Welt und doch gewinnt sie erst seit we-
nigen Jahren erneut mehr und mehr Ansehen sowie Relevanz unterschiedlicher Lebensberei-
che. In der Antike gelang es den bedeutendsten Rhetoren, wie Platon, Aristoteles, Cicero und
Quintilian die
,,[...] Redekunst zu einem umfassenden humanistischen Bildungssystem [zu] erweitern,
das neben der Philosophie zu dem wichtigsten, differenziertesten und wirkungsmächtigs-
ten der europäischen Kulturgeschichte wurde, bis es gegen Ende des 18. Jahrhunderts
seine Geltung scheinbar unaufhaltsam einzubüßen begann".
(Ueding / Steinbrink 1994, S. 1)
Danach erfuhr die Rhetorik einen Einbruch. Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich die
Rhetorik in Nischen weiter, bis im 20. Jahrhundert ihre Relevanz und Wichtigkeit wieder ent-
deckt, ausgebaut wurde und für aktuelle Bedürfnisse, wie wirtschaftliche Verbindungen, neue
Medien, Reisen, Kommunikationsmedien sowie Globalisierung (Wiersing 2004, S. 121), ein-
gesetzt wird, wodurch die Rhetorik in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, wie
in der Psychologie, Psycholinguistik, Soziologie, in den Wirtschaftswissenschaften und auch
in der Pädagogik, Raum gefunden hat.
2
Im schulischen Kontext konnte die Rhetorik bis heute jedoch nicht wirklich Fuß fassen:
,,[...] die Rhetorik [ist] seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Deutschland und
weniger stark im europäischen Ausland einer harten Kritik und Ablehnung ausgesetzt
[...], sie sich im Gymnasium des 19. Jahrhunderts zum Zwecke der Einführung in die li-
terarische Rhetorik zwar noch teilweise als Fach erhält, im 20. Jahrhundert aber ganz aus
dem Lehrplan der allgemeinbildenden Fächer herausfällt." (Wiersing 2004, S. 117)
Indirekt konnte sich die Rhetorik in der Methodik der Vermittlung im Lehrsystem halten:
Vorträge bilden das Grundelement des Unterrichts an Schule und Universität, was die Rheto-
rik zumindest indirekt im schulischen Kontext erhält. (Wiersing 2004, S. 118)
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Rhetorik ausgehend von der Hochzeit in der Antike
einen stetigen Relevanz- und Wertigkeitsabfall in der allgemeinen Schulung erleben musste,
bis sie seit dem letzten Jahrhundert wieder mehr Ansehen erfährt. Die Rhetorik hatte Rele-
vanz, sowohl in der Schulung der Rede und des Vortrags als auch in schriftlichen Belangen, je
nach Epoche mit unterschiedlicher Gewichtung. Die Rhetorik hatte in den Anfängen in der
Antike ihren Platz in der Schulung des Redens, woraufhin sie sich in den darauf folgenden
Epochen vielmehr in die Schriftsprachlichkeit zurückzog ,,An den Universitäten verlor sie
ihr angestammtes Heimatrecht; an den Schulen verkümmerte sie zur Stilistik. Die
Möglichkeiten ihrer öffentlichen Wirksamkeit wurden nur noch selten reflektiert." (Plett
1993, S. 1) , um im 20. Jahrhundert wieder in ihren ursprünglichen Tätigkeitsbereich des
Sprechens zurückzukehren: Es fand grob zeitlich gesehen ein Wandel von einer Rhetorik der
Rede zu einer Rhetorik des Schreibens und wiederum zu einer Rhetorik der Rede statt.
2
Es entstehen Theorien wie der klassische linguistische Strukturalismus, begründet durch de Saussure, die in
universalen Normen des kommunikativen Handelns begründete kritische Gesellschaftstheorie von Habermas
sowie die Sprechhandlungstheorie und Konversationsanalyse (Beispiel: Sprechakttheorie von Austin & Searle),
welche alle Elemente der klassischen Rhetoriklehre beinhalten und so die Rhetorik und ihre Erkenntnisse am
Leben erhalten. (Wiersing 2004, S. 121-129)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
8
Bei der Rhetorik handelt es sich um eine wissenschaftliche Disziplin, welche die sprachlichen
Vorkommnisse analysiert und Werkzeuge daraus generiert. Jedoch verfügt die Redekunst
früher wie heute über keinen festen Regelkanon, welcher bestimmte Techniken vorschreibt,
sondern ist immer frei interpretierbar und die Anwendung vom Redner selbst abhängig.
,,Die rhetorische Methode schließlich bezeichnet das Verfahren, sämtliche Konstituenten
eines Werkes aus einem sie alle übergreifenden Wirkungszusammenhang mit Hilfe des
überlieferten, doch geschichtlich variabeln und offenen, also weiterzuentwickelnden Sys-
tems der Rhetorik zu erklären und diesen selber historisch jeweils unterschiedlich und
nach Maßgabe aller gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen zu begreifen." (Ue-
ding / Steinbrink 1994, S.6)
Um einen Überblick über die Inhalte, Methoden und Schulungsorte der Rhetorik in den ein-
zelnen Epochen zu erhalten, sollen diese im Folgenden einleitend umrissen werden und so
eine Basis für die darauf folgenden methodischen Ausführungen und die Untersuchung bil-
den.
2.1 Antike Rhetorik
Jahrhunderte vor der Geburt Christus beschäftigten sich hochintelligente, gelehrte sowie wohl
angesehene Personen mit der Lehre der Rede. Ihre Wurzeln hat die Rhetorik in der Antike
(etwa 500 v. Chr. - 100 n. Chr.). In der Antike drang die Rhetorik in alle Teilgebiete der Kul-
tur ein (Calboli 1991, S. 16). Diese Hochzeit der Beredsamkeitslehre untergliedert sich grob
in drei Entwicklungsstufen:
1. Die vorsokratische Zeit und die Sokraten kennzeichnen die Anfänge der Rheto-
rik. Diese Epoche nahm den Zeitraum des vierten und fünften Jahrhunderts ein.
Die Vorsokratiker, vielmehr unter dem Namen Sophisten bekannt, beherrsch-
ten diese Anfangszeit der Rhetorik. Aus Wanderlehrern entstanden so die ers-
ten ansässigen Rhetoriklehrer, welche eigene Schulen gründeten.
3
2. Die zweite Epoche ist durch die griechischen Philosophen Platon und Aristote-
les bestimmt, welche unter dem Einfluss Sokrates standen.
3. Römische Rhetoren kennzeichnen die dritte Epoche. Etwa um die Jahrtau-
sendwende nahmen sich römische Gelehrte die griechischen Rhetorikkenntnis-
se zum Vorbild. Die wichtigsten Rhetoren dieser Zeit sind Cicero, welcher als
Politiker fungierte, und Quintilian, welcher seinen Beruf als Rhetorikprofessor
sehr ernst nahm.
Da die Erkenntnisse und Methoden der antiken Rhetorik über die Epochen hinweg bis heute
relevant sind und auch immer noch Anwendung finden sowie die Basis jeder epochalen Rhe-
toriklehre bilden, sollen diese im Folgenden ausführlich dargestellt werden.
2.1.1 Erste antike Rhetorik-Epoche: Die Gründer der Rhetorik Die Sophisten
Die Epoche um etwa 500 v. Chr. war für das Land Griechenland von großer Bedeutung:
Fremde Länder wurden bereist, der Handel expandierte, andere Tugenden, Gebräuche, Sitten,
etc. konnten zum ersten mal wahrgenommen werden und ließen so eine kritische Perspektive
3
Aus der Frühgeschichte der Rhetorik sind nur wenige Texte erhalten, so dass nur wenige Informationen aus
dieser Zeit überliefert werden konnten. (Ueding 2000a, S. 11)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
9
auf die eigenen Göttergeschichten zu. Eine wachsende Rationalität und plausible Aufklä-
rungsversuche dominierten diese Umbruchszeit.
Der politische Umbruch gestaltete sich insofern, dass in Athen und Sizilien die Tyrannenherr-
schaft keinen Platz mehr fand und abgeschafft wurde. Ein neues Gesetzesverständnis entstand
(Ueding 2000a, S. 14). Volksversammlungen gaben so den Bürgern
4
dieses neu geordneten
Landes die Möglichkeit, Entscheidungen zu beeinflussen. So mussten Privatpersonen ihre
Anliegen selbst vor Gericht tragen oder sie mussten Frauen, Unmündige, Kinder oder Aus-
länder, welche der Sprache des Landes nicht mächtig waren, in Rechtsangelegenheiten vertre-
ten. Nicht Juristen entschieden über ein Urteil, sondern bürgerliche Personen in der Volksver-
sammlung. Daher war es für den Vortragenden von erheblicher Bedeutung, die Kunst der Re-
de und des Argumentierens zu beherrschen, um seinen Zuhörer zu überzeugen (Ockel 1991,
S. 364; Baumhauer 1986, S. 101). Daraus entstand der Beruf des Logographen/Gericht-
schreibers, welcher die Gerichtsrede mit geeigneten Mitteln der Überzeugung aufsetzte oder
als Privatlehrer Privatunterricht gegen Honorar erteilte (Baumhauer 1986, S. 108; Ockel 1991,
S. 364).
In dieser Umbruchszeit entwickelte sich die Rhetorik. Erfahrung mit Argumentation, Ange-
messenheit von Sprache und Sache, sowie Gliederung eines Vortrags bildeten die Grundbe-
lange des Bürgers, welcher sich vor Gericht zu behaupten hatte (Ockel 1991, S. 364). Es war
vor allem in Volksversammlungen und in überaus großem Maße vor Gericht von Bedeutung,
ein guter Redner zu sein, um die Zuhörer zu überzeugen und so weitere Maßnahmen eines
Vorgangs/Prozesses zu beeinflussen (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 2; 11). ,,Beredsamkeit in
öffentlicher Rede als Form individueller kommunikativer Kompetenz wurde mit der Entwick-
lung der Demokratie in Athen für jeden Bürger zur lebensnotwendigen Kulturtechnik: [...]"
(Baumhauer 1986, S. 109).
Diese Zeit, die Epoche der ,,Aufklärung der Antike" um etwa 500 v. Chr., ist geprägt vom
Rationalismus, welcher die damaligen durch Götterbilder beherrschten Vorstellungen kritisch
hinterfragte. Es folgte ein Übergang vom ,,Gegebenen", dem Göttlichen, zum ,,Erlernbaren",
den Methoden die Welt zu erklären und zu begreifen. Plötzlich hatten Wissenschaften neben
der Religion in der Gesellschaft einen Platz. (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 12)
Die erste Epoche der Entwicklung der Rhetorik, war von den Sophisten (griech.: sophistes =
der Weisheitsbringer) geprägt, welche auch oft unter dem Begriff ,,Vorsokratiker"
5
geführt
werden.
2.1.1.1 Methodik und Inhalte der sophistischen Rhetoriklehre
Die Sophisten, sahen sich als Philosophen und Rhetoren, wobei sie beide Bereiche strikt von-
einander trennten: Die Philosophie bildete den theoretischen Teil der Beredsamkeit, während
die Rhetorik für die praktische Redeleistung stand. Die Anweisungen für die Redekunst wur-
den zu jener Zeit vor allem aus Musterreden gezogen, welche beobachtet, gelesen oder vorge-
lesen wurden. Durch Lesen und Nachahmen dieser Musterreden wurde den Schülern das rhe-
torische Wissen theoretisch vermittelt und praktisch eingeübt (Kegel / Kipfelsberger 2005, S.
4
An dieser Stelle sei angemerkt, dass nur Männer der griechischen Oberschicht demokratische Rechte besaßen.
Eine Demokratie, im Sinne eines Mitspracherechts aller Bürger, egal welchen Geschlechts oder Standes, gab es
im antiken Griechenland nicht.
5
Der Begriff ,,Vorsokratiker" bezeichnet alle Philosophen, nicht nur Philosophen mit dem Schwerpunkt der
Redekunst, welche vor Sokrates gelebt haben. Jedoch handelt es sich bei den Vorsokratikern, vor allem im Be-
reich der Rhetorik, größtenteils um Zeitgenossen Sokrates.
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
10
11-13). Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler war durch die Rollen Meister und Lehr-
ling definiert: Der Schüler hatte sich am Vorbild des Lehrers zu orientieren, individuelle Fer-
tigkeiten des Schülers wurden dabei in den Hintergrund gedrängt. Schulungsinhalte der so-
phistischen Lehre waren:
,,[...] die Vermittlung der Fülle der Wissensgegenstände und der Werte, die Übung in den
gegensätzlichen meinungshaften Perspektiven auf die Probleme und Sachen, die systema-
tisch geprobten Kontroversreden und dialektischen Beratungssituationen und schließlich
die kritische Methode, jede Situation, jedes Problem auf die Interessen zurückzuführen,
welche die Menschen in ihrer Lebenswelt praktisch bewegen." (Ueding 2000a, S. 22)
Gutes Sprechen war für die Sophisten der ,,Höhepunkt und Ausweis menschlicher Bildung"
(Ueding 2000a, S. 19), womit sowohl Sprachdenken und -handeln gemeint ist. Rhetorische
Fähigkeiten und die Kompetenz gut zu sprechen waren somit gleichbedeutend mit fundierter
Bildung.
Die Sophisten unterschieden zwischen politischen Reden, Plädoyers vor Gericht und Festre-
den (epideiktische Rede), wobei die Lehre ihrer Rhetorik von gerichtlichen Situationen ge-
prägt war. Ihre Reden zeichneten sich durch Subjektivität aus und wurden nach dem Grund-
satz gelehrt, dass Rhetorik als Kunst des Streitens zu sehen sei und als Ziel den eigenen Nut-
zen habe. (Ueding / Steinbrink 1994, S. 13-16)
Korax
6
und Teisias (500 v. Chr.), beide Sizilianer, waren zwei der Ersten welche sich theore-
tisch mit dem Überzeugungsgehalt einer Rede auseinandersetzten. Die Rhetorik hat damit ihre
Wurzeln in Süditalien, genauer in Sizilien (Baumhauer 1986, S. 95). Der Wandel von einer
Tyrannenherrschaft zur Demokratie, in welcher plötzlich das Volk sprechen durfte, gab der
Rhetorik fruchtbaren Boden, um sich zu entwickeln. Plötzlich war es für die Bürger notwen-
dig, selbst vor Gericht überzeugend sprechen zu können. Diese Fähigkeit konnte folgen-
schwere Auswirkungen auf das Urteil haben. Die Bürger standen also vor dem Problem, sich
selbst vor Gericht sprachlich überzeugend darzustellen. Die Rhetorik hatte für dieses Problem
die Lösung, indem sie in ihrer Lehre Mittel der Überzeugung beinhaltete. So konnte die Rhe-
torik, aufgrund der neuen sprachlichen Bedürfnisse der Bürger, einen breiten Raum im Bil-
dungssegment einnehmen. Aus diesem Grund waren die ersten rhetorischen Theorien stark
vom Kontext Gericht beeinflusst. Aus dieser Frühzeit der Rhetorik sind jedoch keine systema-
tischen Methoden bekannt. (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 14; 17)
Gorgias von Leontini (ca. 480-380 v. Chr.) war der bekannteste Vertreter aus den Reihen der
Sophisten, welcher aus der Schule von Korax und Teisias, eine der ersten Schulen, stammte
(Baumhauer 1986, S. 96). Er kam an der Spitze einer Gesandtschaft nach Athen, wo neue
Entscheidungs- und Beratungsinstitutionen entstanden waren, welche den Bürgern eine neue
Form der Beredsamkeit mit dem Schwerpunkt der Argumentation abforderte (Ueding 2000a,
S. 17). Gorgias von Leontini entwickelte und lehrte die Kunst der doppelten Beweisführung:
Ziel war es eine These argumentativ zu vertreten und im nächsten Schritt mit schlagenden
Argumenten das Gegenteil zu beweisen. Als Begründer der rhetorischen Stilistik widmete er
sich in großem Umfang dem Rhythmus und dem Klang der Sprache. Methoden der Rhetorik
und der Verbesserung sowie Optimierung der Redekunst wurden durch Gorgias entwickelt. Er
selbst lehrte und erkannte sehr früh, dass Rhetorik sowohl gut und schlecht angewendet wer-
den kann. Daher vertrat er die Meinung in seiner Lehre, das Ziel der Rede müsse der eigene
6
Korax hatte vor seiner Tätigkeit als Rhetoriklehrer ein einflussreiches Amt am syrakusanischen Hof. (Ueding
2000a, S. 15)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
11
Nutzen sein, jedoch immer mit dem Grundsatz der Gerechtigkeit im Hinterkopf. (Kegel /
Kipfelsberger 2005, S. 17-19)
,,Das partikulare Interesse des Individuums wird in der Schule vom ,Recht des Stärkeren'
als allgemeines, natürliches dargestellt; gesetzliches Recht ist Konvention und deshalb
unverbindlich; es ist gegen die Natur, die nur das Recht des Stärkeren kennt. Die Lehre
vom ,Recht des Schwachen' versucht den Begriff der ,Gerechtigkeit' vom Interesse des
Stärkeren zu lösen und mit der Forderung nach der Möglichkeit der Glückseligkeit für al-
le zu verbinden, unter Gesetzen, die die Schwachen schützen."
(Ueding / Steinbrink 1994, S.16)
Die Sophisten hatten sehr viele Gegner.
7
Zum einen aus den Reihen der traditionellen Bürger
Griechenlands, welche stets am Götterglauben festhielten und die Sophisten der Gottlosigkeit
anklagten, und zum anderen, diejenigen, die Sophisten als Betrüger, Taugenichtse und Meis-
ter der Manipulation bezeichneten (Ueding 2000a, S. 17), da sie durch die Verbreitung ihres
Wissens, vor allem der Kenntnisse der Rhetorik, sehr viel Geld verdienten und so die Miss-
gunst vieler auf ihrer Seite hatten (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 14). Auch die damaligen
Philosophen hatten selten ein gutes Wort für die Lehre der Sophisten übrig, da diese sich,
ebenso wie die Dichter und Sophisten, als geistige Führer des Volkes verstanden und damit in
ihren Tätigkeitsbereichen in direkter Konkurrenz zu den Sophisten standen (Baumhauer 1986,
S. 105). Die Philosophen zeigten als Reaktion auf die emanzipatorische Bewegung der So-
phisten im neuen demokratischen Griechenland, Ablehnung gegen die sophistische Lehre,
und forderten die Zurückweisung der sophistischen Lehre, da nur durch Rückkehr zu Religion
und Mythos die Polis wieder zu Heil gelangen konnte (Ueding 2000a, S. 24).
2.1.1.2 Schulungsorte der sophistischen Rhetoriklehre
Als Wanderlehrer zogen die Sophisten in den Anfängen durch Griechenland und verbreiteten
die Lehre der Rhetorik, verknüpft mit umfassender Allgemeinbildung zum Nutzen des Mit-
spracherechts der Bürger. Korax und Teisias gründeten eine der ersten Rhetorikschulen. Beide
fungierten in den Anfängen der Rhetorik selbst als Wanderlehrer
8
, bis sie endlich sesshaft
wurden.
,,Die Sophisten verstanden sich als Lehrer der Weisheit, durch sie erreichte die griechi-
sche Bildung jenen hohen Stand, von dem wir heute noch leben. Sie zogen von Polis zu
Polis und unterrichteten ihre Schüler in den Wissenschaften und Künsten, machten sie zu
selbstverantwortlichen Individuen und handlungsfähigen Staatsbürgern, die sich durch
Analyse und Reflexion ihrer Entscheidungsgründe vergewisserten. Geleitet von dem Be-
wußtsein [sic], daß [sic] Praxis und Politik Felder rationaler Gestaltung sind, lehrten sie
die Mittel erfolgreichen zweckbestimmten Handelns, und diese Mittel waren in erster Li-
nie rhetorische Strategien." (Ueding 2000a, S. 18)
In Griechenland selbst konnten die meisten Bürger schreiben und Gymnasien wurden errich-
tet, so dass der Bildungsstand des griechischen Bürgers hoch anzusiedeln war (Baumhauer
1986, S. 101).
7
Größter Gegner der Sophisten war Platon, welcher vehement deren Methoden und Lehrinhalte kritisierte. (Ue-
ding 2000a, S. 18; 24)
8
Durch diese Reistätigkeit kamen die Sophisten mit unterschiedlichen Moralvorstellungen und Rechtssystemen
der unterschiedlichen Polis in Kontakt. Diese unterschiedlichen Perspektiven und Unterschiede zwischen den
Polis machten ihre Lehre zu einem breit gefächerten Repertoire. (Ueding 2000a, S. 20)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
12
2.1.2 Zweite antike Rhetorik-Epoche Epoche: Die Philosophen Griechenlands
Platon und sein Schüler waren zwei der bedeutendsten Philosophen des antiken Griechen-
lands. Ihre Erkenntnisse zur Rhetorik und Methodik haben bis heute hohen Stellenwert und
Gehalt. Die griechischen Rhetoren unterschieden terminologisch nicht zwischen praktischer
und theoretischer Rhetorik: Praktische und theoretische Rhetorik wurde unter dem Begriff
techne rhetorica
zusammengefasst (Ueding 2000a, S. 12).
9
2.1.2.1 Methoden und Inhalte der Rhetoriklehre der griechischen Antike
Der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) war Kritiker der sophistischen Lehre und
warf den Sophisten verantwortungslosen Umgang mit der Sprache, Subjektivität sowie Mani-
pulation vor. Er selbst war Schüler des Sokrates und hinterließ viele schriftliche Werke
10
,
welche mehr der philosophischen Disziplin zugeordnet werden müssen, als der Rhetorik. In
dieser Epoche gab es im Gegensatz zur sophistischen Lehre keine klare Trennung zwischen
Philosophie und Rhetorik. Vielmehr galt die Rhetorik als Unterdisziplin der Philosophie und
hatte weniger Handlungsanweisungen als in größerem Maße Ansichten, Tugenden und Werte
einer Rede oder der Person des Redners (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 23).
Platon entwickelte aus Redner, Hörer und Redegegenstand die drei Redegattungen juristische
Rede, Beratungsrede und Festrede, welche Einfluss auf die Lehre der kommenden Epochen
hatte (Ockel 1991, S. 364).
Platon forderte Objektivität und erwartete von einem guten Redner, dass dieser die Wahrheit,
den Kern des Redegegenstandes erkennen müsse, bevor er mit der Ausarbeitung seiner Rede
beginnt. Die Rhetorik ist somit Instrument zur Wahrheitsfindung. Hat der Redner das wahre
Wesen des Wortes erkannt, so kann er dieses Wort als Werkzeug für das Sprechen und auch
für Benennungen verwenden. Wobei er darauf hinwies, dass ,,die Wörter bloß Schein der
Dinge sind, die deren a priori festgelegtes Wesen nur verzerrt nachahmen" (Ueding /
Steinbrink 1994, S.17). Wörter bezeichnen also nur die ,,Oberfläche" der Dinge und nicht das
eigene Wesen. In seinem Werk Phaidros beschrieb er die Lehre und die Inhalte der Rhetorik:
Aufbau der Rede mit Ausdifferenzierung einzelner Redeteile, Wahrscheinlichkeitsbeweise,
logos, Beweisführung, Argumentation, Stil, Stimmungen und Leidenschaften (Baumhauer
1986, S. 130). Ziel des Redners ist es, sich von der Oberflächlichkeit des Wortes abzusetzen
und das wahre Wesen des Wortes zu erkennen.
Die Anforderungen an einen Redner waren nach Platon eine gute Veranlagung sowie das Er-
leben und Erkennen der Wahrheit einer Sachlage. Zudem forderte er einen schlüssigen und
zusammenhängenden Aufbau der Rede sowie das Einstellen des Redners auf sein Publikum.
Platons idealer Redner sollte Dialektiker sein (Ueding / Steinbrink 1994, S. 17ff.).
Platons Schüler Aristoteles (384-322 v. Chr.) stellt einen der bedeutendsten Philosophen sei-
ner Zeit dar. Als 17-jähriger Waise begann er an Platons Athener Akademie seine Arbeiten
und studierte und lehrte dort 20 Jahre lang als Günstling Platons. Nach Platons Tod gründe-
9
Eine Differenzierung zwischen praktischer und theoretischer Rhetorik fand erst bei den römischen Rhetoren
statt, welche zwischen rhetorica der rhetorischen Theorie und oratoria (eloquentia) der Beredsamkeit
unterschieden. (Ueding 2000a, S. 12)
10
Auch über die Lehre Sokrates schrieb Platon, was große Bedeutung für die wissenschaftliche Forschung dar-
stellt, da Sokrates selbst keine schriftlichen Werke hinterließ.
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
13
te er eine Art ,,Zweigstelle" der Athener Akademie in Myrien. Nach zwei Jahren wanderte er
auf die Insel Lesbos aus, wo er mit Theoprastus, einem seiner Schüler, weitere Forschungen
anlegte. Philipp von Makedonien machte ihn 343 v. Chr. zum Erzieher seines Sohnes Alexan-
ders, welchen er vor allem in der Kunst des Regierens erzog. 335 v. Chr. konnte Aristoteles
seine eigene Rhetorikschule Peripates in Athen gründen (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 51).
Aus der Zeit, in welcher er mit Alexander arbeitete entstand sein Werk Rhetorica ad Ale-
xandrum
, welches als Lehrbuch für den Unterricht von ihm geschrieben wurde (Ueding
2000a, S. 29). Seine Lehre an Platons Akademie unterstützte er durch ein Manuskript, das er
im Unterricht benutzte (Ueding 2000a, S. 30).
Aristoteles' Verständnis der Funktion von Rhetorik definiert sich folgendermaßen:
,,Aristoteles bemerkt [...], es gehe der Rhetorik um die Beratung, ergänzen darf man, es
ging in all den Erscheinungen, die vom Wort geleitet waren, um eine Beratung der öffent-
lichen und privaten Angelegenheiten." (Helmer 2004, S. 11)
Aristoteles' Arbeitsweise war empirisch. Philosophieren heißt bei ihm wissenschaftlich tätig
zu sein und Ableitungen aus Beobachtungen des Alltagsgeschehens zu ziehen. Er wendet sich
mehr und mehr dem Wesen der Philosophie und dem Götterglauben ab und beschäftigt sich
vielmehr mit empirischen Ansätzen. Im Gegensatz zu Platon ,,verlegt er das Wesen der Dinge
in die Dinge selbst, er holt den ,Himmel der Ideen' auf die Erde zurück" (Ueding / Steinbrink
1994, S. 23). Er geht von der Form und Stofflichkeit der Dinge aus und versucht die inne-
wohnenden Wahrscheinlichkeiten offen zu legen. Durch die wissenschaftliche Beweisbarkeit
wollte Aristoteles seinen Wissenschaften eine fundierte Basis bieten und wenig Angriffsflä-
che für Kritiken geben (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 53).
Im Gegensatz zu Platon ging Aristoteles davon aus, dass das Wesen der Dinge nicht im Gött-
lichen begründet sei, sondern irdischen Charakter besitze. So ging er nicht von der Wahrheit
der Dinge aus, sondern von der Wahrscheinlichkeit (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 67).
Er legt in seiner Rhetoriklehre, aufgrund seiner Theorie der Wahrscheinlichkeiten (Ueding
2000a, S. 30), großen Wert auf Dialektik. Sein idealer Redner ist daher Dialektiker. Ähnlich
wie die Sophisten betonte er, dass nicht nur eine logische Aufeinanderfolge von Argumenten
für Erfolg wichtig sei, sondern noch mehr die emotionale Darstellung der Redeinhalte, welche
sich in Ethos und Pathos wiederfinden. Ethos ist die überzeugende Darstellung der eigenen
Person und Pathos stellt die Affekterregung beim Publikum dar. Das Hauptziel einer Rede ist
daher, das Publikum zu überzeugen und nicht zu überreden (Ueding 2000a, S. 36-37). Er geht
von der Trias Redner Sache Hörer aus, welche psychologische Untersuchungen und Er-
kenntnisse notwendig für die Lehre der Rhetorik machten. Seine Lehre der Rhetorik ist daher
immer noch sehr aktuell: Aristoteles geht nicht nur von der Bildung des Redners aus, sondern
bezieht das Publikum und die Inhalte der Rede in seine rhetorischen und auch psychologi-
schen Untersuchungen mit ein. Ziel der Rhetorik ist es, dem Redner Mittel an die Hand zu
geben, mit welchen er in der Lage ist, sein Publikum zu überzeugen. Aufgabe des Redners ist
es jedoch nur in zweiter Linie zu überzeugen. Um zu überzeugen, forderte Aristoteles den
Einsatz von Affekten, um wiederum Affekte beim Publikum hervorzurufen, denn nur so kann
seiner Meinung nach, ein Publikum überzeugt werden (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 68-72).
Aristoteles Rhetorikansatz ist von einer starken Hörerorientierung geprägt: Er ging davon aus,
dass eine Rede immer für ein bestimmtes Publikum konzipiert sei, welches in der Vorberei-
tung der Rede analysiert und die jeweiligen Eigenschaften des Publikums mit einbezogen
werden sollen. Er unterschied zwischen arm und reich, alt und jung und wies darauf hin, dass
die Rede je nach soziodemographischer Zusammensetzung des Publikums dementsprechend
unterschiedlich gestaltet werden muss (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 69-70).
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
14
In der Bildung eines guten Redners berücksichtigte Aristoteles stimmliche und körperliche
Aspekte, wobei der verbale Ausdruck eines Redners stets dominant ist (Kegel / Kipfelsberger
2005, S. 78; 88). Dieser moderne Ansatz der Berücksichtigung der Parameter des Sprechens
hat bis heute in der Schulung der Rhetorik hohes Gewicht und bildet die Voraussetzung für
gutes und überzeugendes Sprechen.
Seine dialektischen und psychologischen Erkenntnisse der Rhetorik sowie moralische
Vorstellungen fasste Aristoteles in seinem Werk Rhetorik zusammen, welches als Lehrschrift
seiner Schüler galt und bis heute nicht an Wichtigkeit und Ansehen verloren hat.
Aristoteles Buch Rhetorik lässt keine Ansätze seines Lehrverhaltens klar erkennen. Es ist
vielmehr als Theorie-Werk zu betrachten (Ueding 2000a, S. 30). Aus seinen biografischen
Daten kann zum pädagogischen Aspekt folgendes abgelesen werden: Aristoteles lernte und
lehrte an der Athener Akademie und gründete später selbst eine Schule. Die Lehrer waren in
diesen Schulen angewiesen, ihren Wissensschatz als erfahrener Redner weiterzugeben. Gro-
ßen Wert wurde auf eine gute Allgemeinbildung und einen Überblick über andere Wissen-
schaften gelegt. Auch ein moralisch reiner Charakter war essentiell für einen guten Redner.
Über die Methodik ist nahezu nichts bekannt. Es kann jedoch davon ausgegangen werden,
dass die Schüler sehr viel Wissen über Bücher, wie Aristoteles' Rhetorik, vermittelt bekom-
men haben, Musterreden gelehrt wurden und zur Nachahmung angeleitet wurden (Kegel /
Kipfelsberger 2005, S. 87-89).
Aus der Epoche der griechischen Philosophen und der Epoche der Sophisten verfügt die heu-
tige Wissenschaft über sehr viele überlieferte Werke. Aus der darauf folgenden Zeit des Hel-
lenismus (bis 100 v. Chr.) kann auf kein einziges schriftliches Werk der Rhetorik zurückge-
griffen werden.
In den folgenden Jahren musste die Lehre der Rhetorik mit Einbußen zurecht kommen: Phi-
lipp von Makedonien siegte über Athen und Demokratie sowie die Volksversammlungen in
den Poleis verschwanden aus dem griechischem System. Nach der Auflösung der griechi-
schen Stadtstaaten hatte die Rhetorik keinen Platz mehr in der Öffentlichkeit und verlor ihre
Existenzberechtigung, wurde von der praktischen Politik getrennt, hielt sich jedoch im Rah-
men von Schulen und war wesentlicher Bestandteil der griechischen Allgemeinbildung (Clar-
ke 1968, S. 16).
Hermagoras von Temnos systematisierte zur Zeit des Hellenismus um etwa 150 v. Chr. die
Redekunst vor Gericht in Form der Statuslehre. Er traf Unterscheidungen zwischen Thesen
(infinite Fragen) und Hypothesen (finite Fragen). Thesen in Form allgemeiner und abstrakter
Art (philosophische Fragestellungen) zogen immer Hypothesen mit konkretem Inhalt mit sich,
so seine Theorie. Durch die Statuslehre sollten Fälle vor Gericht systematisiert und die Be-
stimmung des jeweiligen Streitpunktes erleichtert werden. Der Redner sollte dadurch Hilfe-
stellung zur Zielrichtung und Strategie seiner Argumentationen erhalten. Die Statuslehre hat
bis heute ihre Spuren im juristischen Denken hinterlassen (Ueding / Steinbrink 1994, S. 28-
29).
2.1.2.2 Schulungsorte der Rhetoriklehre in der griechischen Antike
Die Schulungsorte der Rhetorik waren in der griechischen Antike eigens für die Lehre der
Rhetorik errichtete Schulen. Das Modell des Wanderlehrers war verschwunden und eigene
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
15
Organisationen und Komplexe entstanden, welche die Rhetoriklehre durch Lehrer wie Platon
und Aristoteles weitergaben. Rund ums Mittelmeer entwickelten sich Rednerschulen, welche
miteinander in Konkurrenz standen und nach dem Modell privater Schulen mit Tutorenprinzip
der athenischen Privatlehrer die Kenntnisse der Rhetorik weitergaben. Schwerpunkte in der
Ausbildung bildete inventio und elocutio, welche an Phantasiethemen geübt wurden und mit
denen unter den Schülern Wettbewerbe durchgeführt wurden (Ockel 1991, S. 365). Im Helle-
nismus hingegen verschwand die Eigenständigkeit der Rhetorik als eigene Disziplin. Die Rhe-
torik wurde zur Erziehung genutzt. Ziel war es, den Schülern einer Schule durch die Rhetorik
Bürgertugenden beizubringen (Schulte 1935, S. 42). In dieser Zeit, in welcher die Rhetorik
nur innerhalb der Schulbildung gelehrt und zur Allgemeinbildung gezählt wurde, war es Be-
dingung, dass die Schüler in Folge des Erlernens der Grammatik, Sprache, Literatur und
Kenntnisse der Rhetorik lernten. Die Rhetorik fand keine praktische politische Anwendung
mehr, sondern existierte lediglich in theoretischen Techniken weiter und ohne Beachtung der
Wirkungsformen der Redekunst (Ueding / Steinbrink 1994, S.28).
2.1.3 Dritte antike Rhetorik-Epoche: Römische Rhetorik
Viele Gelehrte Athens flohen nach der Besetzung Philipps von Makedonien nach Rom, wo
stets Demokratie herrschte. So konnten philosophische sowie rhetorische Erkenntnisse der
Griechen, den Römern überliefert werden und sich auf demokratischen römischen Boden wei-
terentwickeln, wo sich Rom vom Stadtstaat zum großen römischen Reich ausweitete. In A-
then waren die Entscheidungsträger die Volksversammlungen, in Rom hingegen waren es
Senat und Volk, welche die Weiterentwicklung des Staates beeinflussten (Kegel / Kipfelsber-
ger 2005, S. 92-93; Ueding 2000a, S. 38).
,,Die Römer nehmen [die Rhetorikausbildung] zu einer Zeit auf, wo die Auseinanderset-
zung zwischen den Bevölkerungsschichten in Rom zu ständigen Machtwechseln führt
und jeder ehrgeizige Römer infolgedessen rhetorische Bildung für seine Karriere braucht.
Ihre Pflichtethik verbindet jedoch wieder praktische Philosophie mit Redekunst: Der
Redner müsse Kenntnisse haben, und seine Glaubwürdigkeit hänge von seiner Moral ab."
(Ockel 1991, S. 365)
Vor allem in der Politik, wie bei Ansprachen vor dem Senat, fand die Rhetorik einen großen
Anwendungsbereich.
11
In der römischen Rhetoriklehre fand eine Differenzierung zwischen
praktischer und theoretischer Rhetorik statt: rhetorica bezeichnet die rhetorischen Theorie
und oratoria (eloquentia) die Beredsamkeit (Ueding 2000a, S. 12).
2.1.3.1 Methodik und Inhalte der Rhetoriklehre der römischen Antike
Die beiden wohl bekanntesten Rhetoren des römischen Reiches waren Cicero (106-43 v. Chr.)
und Quintilian (ca. 35-100 n. Chr.). Beide waren als hervorragende Redner und angesehene
Lehrer bekannt. Ciceros Rhetorik war sehr von den Anforderungen der Politik geprägt und
unterschied zwischen praktischer und nichtpraktischer Rhetorik. Die praktische Rhetorik be-
zog sich auf die gesprochene Rede an sich, während die nichtpraktische Rhetorik philosophi-
sche Reden in schriftlicher Form darstellte. Eines seiner ersten Lehrbücher war De inventione.
Ciceros Rhetoriklehre ging von einer jahrlangen systematisch aufgebauten und anspruchsvol-
len Ausbildung des Schülers aus. Er forderte sowohl ausführliche theoretische Kenntnisse
11
Bereits bevor sich die rhetorische Lehre im römischen Reich ausweitete und Akzeptanz erntete, gab es feste
Formen und Strukturen der Grabrede. (Ueding 2000a, S. 38)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
16
sowie praktische Übungen, verbunden mit sehr viel Fleiß und Motivation. Gute Lehrer sollten
die Entwicklung eines Rhetorikschülers unterstützen. Das Idealbild eines Redners nach Cicero
war auf ein unerreichbares Niveau gestellt der orator perfectus , was somit lebenslanges
Lernen und Weiterbildung für den Redner zur Folge hatte. Er vertrat in seinem Werk De ora-
tore
, welches ein umfassendes Bildungsprogramm beinhaltete (Koch 2004, S. 61), die An-
sicht, dass ein guter Redner in erster Linie über natürliche Begabung (klangvolle Stimme,
Ausstrahlung, Körpergröße, etc.) und Allgemeinbildung verfügen sollte, um überzeugende
Reden halten zu können. Sind diese Voraussetzungen gegeben, gilt es für den angehenden
Redner sich in weitem Maße weiterzubilden, wie im Bereich der Gesetze, des Staatswesens,
der Naturwissenschaften, der Philosophie, der Dialektik, der Ethik und der Geschichte, wel-
che ihm einen großen Fundus an Beispielen gibt (Cicero / Merklin 2003, S. 69). Der Redner
im Gesamtbild soll also Kenntnisse der Bedürfnisse der Bürger und der menschlichen Ge-
pflogenheiten haben, das normale Leben, die Politik und die Gesellschaft sowie über allge-
meine Kenntnisse, über die Natur und dem Wesen des Menschen, sowie deren Relationen und
Verknüpfungen verfügen (Cicero / Merklin 2003, S. 245). Cicero vertrat die Meinung, dass
die Rhetorik als Universalkompetenz allen anderen Fähigkeiten übergestellt sei und in ihr alle
wissenschaftlichen Errungenschaften entspringen. Ciceros eklektische wissenschaftliche Ar-
beitsweise bestand darin, alle für die Redekunst wichtigen Aspekte aus den anderen Wissen-
schaften zu ziehen (vgl. Ueding / Steinbrink 1994).
Inhaltlich gliederte Cicero die Redekunst in fünf Aspekte: die Stoffsammlung (inventio), die
Anordnung des Stoffes (dispositio), die eindrucksvolle Formulierung (elocutio), das Einprä-
gen (memoria) und der Vortrag (actio). Von seinen Schülern forderte er eine genaue Kenntnis
dieser fünf Aspekte, welche in Verbindung von Praxisübungen einstudiert wurden (Ottmers
1996, S. 50ff.).
Er erwartete einen tugendhaften verantwortungsbewussten und ehrenhaften Redner: den vir
bonus
. Um dies zu erreichen und sittsam sowie tugendhaft zu handeln, war es notwendig,
Kenntnisse der Philosophie zu besitzen (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 111). Er nahm hier in
der Arbeit am vir bonus eine Dreiteilung der Philosophie vor:
,,[...] so wollen wir, da sich die Philosophie in drei Teile gliedert Erforschung des ge-
heimen Wesens der Natur, die feine Kunst der Dialektik und die Lehre von der Lebens-
führung und den Sitten , die beiden ersteren beiseite lassen und das unserer Bequem-
lichkeit zugute halten; doch was den dritten Teil betrifft, für den Redner stets zuständig
war, so lassen wir dem Redner, wenn wir nicht an ihm festhalten, kein Feld übrig, auf
dem er seine Größe zeigen kann." (Cicero / Merklin 2003, S. 81)
Obwohl sich der Redner Kenntnisse in sämtlichen Bereichen aneignen solle, muss dieser nicht
allwissend sein. Es sei ihm gestattet Experten zu bestimmten Fachbereichen zu Rate zu zie-
hen, jedoch solle er in der Lage sein jederzeit über ein Thema souverän sprechen zu können.
Cicero forderte die induktive Vorgehensweise: Der Redner muss in der Lage sein, spezielle
Fälle zu allgemeinen Fällen umzuformen (vgl. Kegel / Kipfelsberger 2005). Um dem Miss-
brauch der Rhetorik entgegenzuwirken, forderte Cicero Kenntnisse der Philosophie, da er die
Meinung vertrat, dass bei Nichtkenntnis der Philosophie und Kenntnis rhetorischer Techni-
ken, schlechte Sachverhalte als besser dargestellt werden können (Ueding / Steinbrink 1994,
S. 31-36).
Als bedeutende Methodik der Rednerschulung galt es die objektive Argumentationsfähigkeit
durch Diskussionen aus verschiedenen Perspektiven zu fördern, um damit das Publikum zu
überzeugen. Nach Cicero war es Ziel einer Rede zu bewegen (lat. movere) und zu lehren (lat.
docere). Um dies zu erreichen, war es für den Redner essentiell, Grundkenntnisse der Ethik zu
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
17
beachten und die rhetorischen Mittel, welche er in der Rhetorikschule erlernt hatte, zu beherr-
schen und sinnvoll einzusetzen. Zu diesen rhetorischen Mitteln zählten die Stile der Rede:
schlicht, gemäßigt und stürmisch. Diese galt es dem Redeziel gemäß sinnvoll zu verwenden.
Cicero legte überaus großen Wert auf regelmäßige praktische Übung in der Rednerschulung,
neben den theoretischen Rhetorikkenntnissen. Die Beschäftigung mit Vorbildern und deren
Texten solle die textliche Modellierung schulen (Rezitieren, Paraphrasieren, Auswendigler-
nen, Verfassen von Texten). Auch besteht wie bei seinen Vorgängern ein Meister-Lehrling-
Verhältnis in der Rednerschulung. Neben der regelmäßigen praktischen Übung in Form von
Stegreifreden, Übungsreden und Zufallsreden, schien es Cicero wichtig, besonders gute Red-
ner nachzuahmen nach dem orator-perfectus-Ideal und sich als Ziel zu setzen, diese zu
übertreffen (Cicero / Merklin 2003, S. 125).
Cicero unterschied in seiner Lehre zwischen ver-
baler und nonverbaler Kommunikation. Verbale Aspekte sollten die Regung des Gemüts, die
dem Redeinhalt innewohnenden Emotionen sowie die Emotionen beim Publikum hervorru-
fen. Die nonverbale Kommunikation galt der Vermittlung des Inhalts und der Redeintention
durch Mimik und Gestik. Vor allem durch die Stimme wurden Emotionen Jähzorn, Jammer,
Trauer, Kraft ausgedrückt. Die Gestik sieht Cicero als sprechbegleitend, sie strukturiert und
akzentuiert den Vortrag. Die Mimik ist jedoch der wichtigste Teil, da sich in ihr die Emotio-
nen des Redners unverfälscht widerspiegeln. Vor allem die Augen sind die Träger der Wahr-
heit (Kegel / Kipfelsberger 2005, S. 136-139).
,,Es sind die Augen, durch deren bald gestrengen, bald gelassen, bald finsteren, bald hei-
teren Ausdruck wir unsere Empfindungen je nach dem Stil der Rede zu erkennen geben.
Der Vortrag ist ja gleichsam die Sprache unseres Körpers, und umso mehr muß [sic] er
dem Geist entsprechen. Die Augen aber hat uns die Natur gegeben wie dem Pferd oder
dem Löwen Mähne, Schweif und Ohren, damit wir unsere Empfindungen zum Ausdruck
bringen können." (Cicero / Merlin 2003, S. 587)
Von den Rhetoriklehrern forderte Cicero das Bewusstsein, dass Schüler unterschiedlich sind
und vor allem unterschiedlich begabt sind. Es stand in der Verantwortung des Lehrers, den
Schüler über seine Begabung aufzuklären und ihm Vorschläge, jedoch keine Befehle, für das
weitere Schulungsvorgehen und seine Weiterentwicklung als Redner zu machen. Die Ansich-
ten und Meinungen des Lehrers sollten von den Schülern nicht einfach akzeptiert, sondern in
der Gemeinschaft diskutiert werden, um Optionen sowie Lösungen zu generieren (Kegel /
Kipfelsberger 2005, S. 122). Damit wurden individuelle Fähigkeiten des Redners gefördert,
während er sich trotzdem noch an Vorbildern in der Arbeit an seiner Redeleistung orientieren
sollte. Ciceros Ansicht des Lehrverhaltens wirkt somit sehr modern, da er den Schülern Mit-
sprachrecht einräumte und so die Grenzen zur Weiterentwicklung der jeweiligen Wissen-
schaft aufhob, indem er neue Ideen seitens der Schüler zuließ.
Quintilian (Marcus Fabius Quintilianus, ca. 35-100 n. Chr.) ist neben Cicero einer der bedeu-
tendsten Vertreter der römischen Rhetorik. Seine Lehre hat, wie die meisten seiner Vorgän-
ger, politischen Charakter. Die Rhetorik ist für ihn die Wissenschaft vom guten Reden und
war im römischen Reich ein Mittel zur Ausbildung von Personen mit Führungsverantwortung.
Für ihn war die Rhetorik die Regina Artis, die Königin aller Wissenschaften. Er war der be-
rühmteste Rhetorikprofessor Roms und war der erste, welcher einen öffentlich besoldeten
Lehrstuhl hatte. In dieser Zeit entstanden zwölf Bücher zum Thema ,,Ausbildung des Red-
ners", welche auch als Grundlage für die Rhetorik im Mittelalter dienten (Kegel / Kipfelsber-
ger 2005, S. 153; 163). Eines seiner Ziele war, dem Verfall der Sitten entgegenzuwirken, wel-
chen er unter anderen Ursprungsorten in den Schulen sah. Daraus entwickelte sich sein stark
pädagogisch geprägtes Rhetorik-Lehrwerk (Ueding 2000a, S. 48).
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
18
In seiner Lehre knüpfte er an das Idealbild eines Redners nach Cicero an, war jedoch weniger
von der Politik geprägt, da seiner Ansicht nach, die Ausbildung eines Redners bereits in der
Kindheit beginnt, weil der Geist noch empfänglicher ist (Ueding 2000a, S. 50). Wie Sokrates,
hat seine Auffassung der Entwicklung eines guten Redners mehr erzieherischen als lehrenden
Charakter. Quintilian gibt in seinen Schriften keine Anweisungen und Regeln der Redekunst
an, sondern beschreibt den Vorgang der Erziehung eines idealen Redners. So schreibt er bei-
spielsweise, dass bereits die Amme und auch Lehrer in der Schule fehlerlos sprechen sollten,
um ein gutes Beispiel darzustellen. Zudem ist der soziale Aspekt in der Klassengemeinschaft
erheblich wichtig für einen Redner, da dieser nicht menschenscheu sein darf. Dies sind nur
wenige Beispiele, die den stark pädagogischen, erzieherischen Charakter der Werke Quintili-
ans wie z.B. Institutio oratoria, welches Bildungstheorie des Redners und Charaktereigen-
schaften des Menschen darstellt (Lutz 2004, S. 61) demonstrieren (Ueding / Steinbrink
1994, S. 41). Die Arbeit bzw. das Lernen solle für den Schüler eine Freude darstellen und
keine Last. Spielerisch sollen die Schüler die Inhalte erlernen und dafür möglichst viel gelobt
werden. Individuelle Stärken des Schülers müssen erkannt werden, woraufhin der Lehrer auf
diese eingehen und Stärken fördern kann.
Quintilian gibt zwar Richtlinien für den Rhetorikun-
terricht vor, jedoch muss der Lehrer selbst in der Lage sein, den Unterricht an die individuel-
len Bedürfnisse und Fähigkeiten seiner Schüler anzupassen. Das Alter der Schüler, in wel-
chem sie mit der Lehre der Rhetorik beginnen, ist unwichtig. Bedeutend sind Motivation und
Wissensstand des Schülers. Er geht wie Cicero neben natürlichen Anlagen und Fleiß, von
einer hohen Allgemeinbildung aus, welche die Grundlage der Ausbildung darstellt.
Quintilian hat einen detaillierten Lehrplan für seine Rhetorikschüler erstellt. Der Redner muss
Kenntnisse der artes liberales besitzen: Philosophie, Grammatik, Astronomie, Musik und
Geometrie. Die Philosophie schult das ethische Verständnis, die Grammatik den Umgang mit
Wörtern, welche durch Studien der Dichtkunst präzisiert werden, die Astronomie ist aufgrund
der Berechnung von Orten und Zeiten unabdingbar, die Musik schult den künftigen Redner in
Affektenlehre und erleichtert ihm den paraverbalen Ausdruck seines Vortrags, die Geometrik
verschafft dem Schüler einen Überblick über Zahlen und Figuren und hilft somit den Scharf-
sinn zu entfalten. Erst wenn der Redner sich diese Fähigkeiten angeeignet hat, darf er in die
Rhetorikschule aufgenommen werden (Ueding / Steinbrink 1994, S. 42).
Ist der Schüler in die Rhetorikschule aufgenommen, so beschäftigt er sich mit dem Auffinden
des Stoffes, mit der Ordnung dessen, dem Ausdruck, der Gedächtnisschulung und der Körper-
sprache des Redners. Vor allem das Üben von Redeleistungen und das Nachahmen guter
Redner bringen den Schüler zum Erfolg. Auch das Lesen und insbesondere das Vorlesen von
bekannten Rednern schulen die rednerische Kompetenz. Die Regeln und Anweisungen, wel-
che Quintilian in seinen Schriften gibt, sind jedoch frei einsetzbar und interpretierbar. Sie sind
kontextspezifisch zu betrachten und anzuwenden.
,,Die Natur des Menschen schafft also die besten Voraussetzungen; Aufgabe der Erzie-
hung ist es, diese zu entwickeln und zu ihrem Ziel zu führen. Anlage und Begabung (in-
genium) jedoch sind verschieden, [...]" (Ueding / Steinbrink 1994, S. 45)
Quintilian geht von der Tugendhaftigkeit eines Redners aus. Der Redner muss die Ordnung
des ethisch Guten erkennen und selbst Teil dieser Ordnung werden. ,,Gut zu sein genügt allei-
ne nicht, es muß [sic] auch erkennbar sein, daß [sic] man gut ist." (Ueding / Steinbrink 1994,
S.4) Der Redner soll dem vir-bonus-Ideal entsprechen, welcher die Eigenschaften eines guten
römischen Bürgers leben solle und mit diesen im Stande sein, ein Publikum zu überzeugen
und dem Publikum mit seinen Eigenschaften Vorbild zu sein (Quintilianus / Rahn 1996, S.
685). Die guten Eigenschaften eines Menschen, welche für die Rede unabdingbar sind, sind
bereits im Menschen angelegt, müssen jedoch durch gezielte Schulung und Kenntnisse der
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
19
Philosophie entfaltet werden. Ziel des Redners ist es daher, sich selbst als tugendhaft darzu-
stellen und nicht Geld durch die eigenen Ausführungen zu verdienen. Ein Redner sollte da-
nach streben, gerecht zu sein und nicht mit seiner Rede zu überreden. Er muss überzeugen.
Die Rede stellt somit eine Herausforderung für den Redner dar, sittlich zu handeln (Ueding /
Steinbrink 1994, S. 40-45).
Ebenso wie Cicero betont Quintilian die nonverbalen und paraverbalen Aspekte eines guten
Redners in seinem Vortrag, besonders hinsichtlich der Affektenlehre. Er treibt seine Schüler
dazu an, die Stimme durch Übungen zu schulen. Besonders die Mimik ist ihm, wie Cicero,
wichtig, da durch sie die Emotionen des Redners sichtbar werden. Dies ist besonders in den
Augen erkennbar, ,,durch die am stärksten das Innere nach Außen dringt" (Quintilianus /
Rahn 1996, S. 637). Gestik ist bei ihm sprechbegleitend und sprechunterstützend, wobei er
betont dass die Bewegungen immer den Worten entsprechen müssen, um eine überzeugende
und erfolgreiche Rede halten zu können. Diese Forderung ist uns heute unter dem Ausdruck
Kongruenz des Ausdrucksverhaltens
bekannt.
Nach Quintilian muss der Redner wesentlich über eine natürliche Begabung verfügen, die
Regeln der rhetorischen Theorie kennen, mit Fleiß und viel Übung arbeiten und letztendlich
durch Nachahmung von Vorbildern und durch deren Überbietung zum optimalen Redeergeb-
nis gelangen (Ueding / Steinbrink 1994, S. 45). Quintilian setzt bei der Nachahmung von
Vorbildern literaturgeschichtliche Kenntnisse voraus, da der Redner darin für die Nachah-
mung relevante Muster und Modelle findet. Um seine Redeleistung zu optimieren, setzt Quin-
tilian damit voraus, sich am Ideal des vir bonus zu orientieren, die Lektüre der besten Werke
und Autoren zu kennen sowie diese Modelle und Muster nachzuahmen (Ueding 2000b, S. 68-
69).
Die römische Rhetorik hatte zusammenfassend folgende Kernsegmente: die Redegattungen
(Gerichtsrede, politische Rede und Festrede), die Produktionsstadien der Rede (inventio,
dispositio, elocutio, memoria, actio), Beweisgründe (loci a re, loci a persona), die Redeteile
(exordium, narratio, argumentatio, peroratio/conclusio) und die Wirkungsfunktionen (docere,
delectare, movere) (Ueding 2000a, S. 53-78). Die römische Rhetorik konnte damit auf ein
komplexes System zurückgreifen, welches sich sowohl mit der inhaltlichen Vorbereitung der
Rede, dem Vortrag selbst, der Hörerführung bzw. -orientierung und der Wirkung des Redners
beschäftigte.
2.1.3.2 Schulungsorte der Rhetoriklehre in der römischen Antike
Ein institutionalisiertes Bildungssystem existierte in den Anfängen der römischen Rhetorik
noch nicht. Die Auszubildenden lernten durch praktische Arbeit.
,,Die Bildung stieß dort also in ein Vakuum. Sie fand nichts vor, was sie erst hätte zerstö-
ren oder verdrängen müssen. Somit wurde das römische Schulwesen ein Abklatsch des
griechischen." (Fuhrmann 1984, S. 45)
Als sich 300 v. Chr. öffentliche Schulen entwickelten, welche anfangs schulgeldpflichtig wa-
ren und während der Kaiserzeit vom Staat finanziert wurden, entwickelte sich ein komplexes
Bildungssystem. Mit sieben Jahren wurden die Kinder in die Elementarschule geschickt. Da-
nach folgte die Grammatikschule. Männer hatten darauf folgend die Möglichkeit, sich nach
Beendigung der Militärausbildung in Rhetorik, Philosophie und in Rechtsgrundlagen schulen
zu lassen. Um Karriere im römischen Reich zu machen bildete die Rhetorik das grundlegende
Fundament, und eine Ausbildung zum guten Redner war unabdingbar für eine Karriere. All-
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
20
gemein gesehen entwickelte sich das römische Schulsystem von Privatlehrern an der Hoch-
schule oder dem gelehrten Sklaven daheim, zu öffentlichen Rednerschulen (Ockel 1991, S.
365).
Die Römer stellten sich zu dieser Zeit noch als weniger fortschrittlich und mehr religiös als
ihre griechischen Zeitgenossen dar, was zu Akzeptanzproblemen der Griechen führte und die
Neuartigkeit, Bildung zu vermitteln und Rhetorik zu lehren, kritisch betrachtet wurde. Von
vielen römischen Bürgern wurde die Ansicht vertreten, dass Reden jeder beherrsche und die-
ses nicht sonderlich gelehrt werden müsse. Jedoch legten die Familien der Patrizer hohen
Wert auf die Redekunst und schickten ihre Söhne auf Rhetorikschulen, manchmal sogar nach
Griechenland, so dass die Rhetorik in den oberen Schichten großes Ansehen hatte und dieser
damit auch weitgehend vorbehalten war.
,,Die Rhetorik wurde damals zur Schule, in einem Staate, wo die Schulbildung der Elite
von grundsätzlicher Bedeutung war, um einer solchen Elite die Kommunikationsmittel zu
liefern."
12
(Calboli 1991, S. 13)
Hauptkritikpunkt bildete die Vermittlungssprache der Redekunst: Rhetorik wurde ausschließ-
lich in griechischer Sprache im römischen Reich unterrichtet. Anfang des zweiten Jahrhun-
derts vor Christus eröffnete die erste Rhetorikschule, welche die Lehre in lateinischer Sprache
vermittelte, was der Lehre der Rhetorik einen erheblichen Akzeptanzzuwachs und vor allem
leichtere Zugänglichkeit für mehr römische Bürger bescherte. Im Gegensatz zur eher theoreti-
schen griechischen Rhetorik forderten lateinische Rhetoriklehrer wie Quintilian sehr viel Pra-
xis von ihren Schülern: Begleitung erfolgreicher Redner, Nachahmung dieser, Sammeln von
Themen und Beispielen, etc.
2.1.4 Weitere Entwicklungen der antiken Rhetorik
Nach der Einschränkung der Rhetorik im Hellenismus wurde die Lehre der Redekunst 92 v.
Chr. als Lehrgegenstand ausnahmslos verboten. Aufgrund der Gründung von Rhetorikschu-
len, in welchen nicht mehr in griechischer Sprache sondern in der Sprache Latein unterrichtet
wurde, wurde die Rhetorik der breiten Masse des römischen Bürgertums zugänglich (Ueding
2000a, S. 38). Die Rhetorik wurde als Mittel zur Machterlangung gesehen und man fürchtete,
dass das Volk durch Erlangung von Rhetorikkenntnissen die Macht Roms bedrohen könnte
(Ueding / Steinbrink 1994, S. 28-30). Es fand somit ein Perspektivenwechsel in der römischen
Rhetorik statt: Während in den Anfängen die Rhetorik als nicht relevant gesehen wurde, da
Sprechen ja schließlich jeder könne, wandelte sich das Verständnis der Rhetorik von Irrele-
vanz über einen Teil der Allgemeinbildung und Bedingung für eine erfolgreiche Karriere bis
hin zur Bedrohung. Weiterhin wurde jedoch trotz Verbot auf Lateinisch gelehrt und Lehr-
bücher verfasst. Die Entwicklung der Republik stellte die Rhetorik wieder ins Rampenlicht,
wobei zwischen 86 und 82 v. Chr. das Werk Rhetorik an Herennius entstand. Der Autor die-
ser Schrift ist unbekannt. Dieses Werk gibt Anweisungen zur praktischen Verwendung der
Rhetorik. Es forciert die allgemeine Verständlichkeit der Rede (Ueding / Steinbrink 1994, S.
30).
Der Niedergang des römischen Reiches forderte, wie bereits in Griechenland, die Reduzie-
rung der rhetorischen Relevanz in der praktischen Politik. Wieder fand die Rhetorik ihren
Platz an Schulen, wo sie in theoretischer Form fortbestehen konnte. Zudem drang die Rheto-
12
Schüler, welche aus diesen Schulen hervorgingen wurden später Staatsmänner, Verwaltungsbeamte, städtische
Magistrate, etc. (Calboli 1991, S. 14)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
21
rik in den Bereich des Theaters ein, wo Redner als Schauspieler erheiterten. Einer der Kritiker
am Verfall der Beredsamkeit während der Kaiserzeit (100 n. Chr.) war Petronius, der die Ur-
sache des Verfalls der Rhetorik darin sah, dass die Schüler zu theoretisch und mit praxisfer-
nen Themen gelehrt wurden und so die Rhetorik nicht mehr richtig fortbestehen konnte. Se-
neca hingegen gibt dem allgemeinen Verfall der Sitten und dem Luxus die Schuld am
Schwinden der Rhetorik. Zudem wird auch beklagt, dass es nur noch wenige Redner mit na-
türlicher Veranlagung zu jener Zeit gab und darin der Rückgang der Rhetorik aus der politi-
schen Praxis begründet lag (Ueding / Steinbrink 1994, S. 37-40).
2.1.5 Zusammenfassung: Antike Rhetorik
Zusammenfassend kann man festhalten, dass die sich Orte der Rhetorik in der Antike gefes-
tigt haben: vom Wanderlehrer zu einem sesshaften Lehrer haben sich die Rhetoren entwickelt,
wodurch sie durch die Generierung fester Schulen und Bestandteil der allgemein akzeptierten
Wissenschaften, großes Ansehen erhielten. Die Lehre der Rhetorik war weitgehend modern
und ist mit den heutigen Ansätzen vergleichbar: Die Lehrer waren angewiesen, im Schüler die
Freude am Lernen zu wecken und ihn gemäß seiner individuellen Stärken zu fördern, wäh-
rend das Nachahmen von Vorbildern den didaktischen und methodischen Schwerpunkt bilde-
tet. Es bestand dementsprechend kein fester Regelkanon bezüglich der Förderung des Schü-
lers. Die Nachahmung von Vorbildern in der Rede durch Vorlesen stellte, nach heutiger Sicht,
wider das relativ freie Lehrkonzept, eine Einschränkung für die Entfaltung der rednerischen
Persönlichkeit des Schülers dar.
2.2 Rhetorik des Mittelalters
Die Kultur und die Rhetorik des Mittelalters (ca. 350-1500) waren geprägt von antik-
heidnischer, christlicher und einheimischer, vor- und außerchristlicher Bestandteile (Brandt
1986, S. 2). Die Rhetorik des Mittelalters war vor allem geprägt vom Einfluss des Christen-
tums und der Kirche. Die antiken Lehren an sich galten anfangs als verabscheuungswürdig
und heidnisch, da diese keinen christlichen Hintergrund hatten und man fürchtete, das Volk
würde sich durch die antiken Lehren an der Gottlosigkeit infizieren. Doch schon bald erkann-
te man den Nutzen der antiken Lehre für die eigenen Belange, wie die Schriftauslegung der
Bibel (Ueding 2000a, S. 89-91). Schnell war eine ,,Legitimation" der Verwendung der heidni-
schen Wissenschaften gefunden:
,,Mit den heidnischen Wissenschaften verhalte es sich ebenso wie mit dem Gold, dem
Silber und den Kleidern der Ägypter, die das Volk Israel auch nicht verschmäht habe.
Nicht anders sollten sich die Christen die Weisheiten der Alten zum richtigen Gebrauche
aneignen [...]."(Ueding 2000a, S. 91)
So gelangten antike Erkenntnisse in die Lehre des Mittelalters. Diese Lehre wurde von den
Kirchenvätern über Generationen hinweg tradiert und beeinflusste diese nachhaltig, was sich
auch in deren Schriften widerspiegelt (Ueding 2000a, S. 91).
,,Die Kirche betrachtete sich im Mittelalter [...] als einzig legitime ,Nachlaßverwalterin'
[sic] der antiken Traditionen, und bildungsmäßig ist sie auch zunächst die einzige Institu-
tion, die für diese Aufgabe geeignet ist. Da das Christentum in allgemein ästhetischer wie
auch speziell poetologischer Hinsicht anfänglich kaum eigene Traditionen entwickeln
konnte/wollte, mußte [sic] es hier auf die Antike zurückgreifen. Die Verwertung antiker
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
22
Quellen vollzog sich eklektizistisch oder neutraler formuliert: in Form einer Verarbeitung
und eines Zuschneidens auf den eigenen Bedarf." (Brandt 1986, S. 2)
Die Rhetorik wurde als Teil des Triviums (Grammatik, Dialektik, Rhetorik) in der Schule und
an Universitäten gelehrt. Dadurch fand sie nach Beendigung der Schule bei vielen Schülern in
unterschiedlichen Tätigkeiten Platz. Da die meisten Schulen kirchliche Einrichtungen waren
und diese auch hauptsächlich Schüler für kirchliche Ämter ausbildeten, fand die Rhetorik ih-
ren größten Einfluss in der Kirche, wobei auch die Politik ihren Nutzen aus der Lehre der
Rhetorik zog (Fried 1996, XVI).
Die Rhetorik fand ihren Hauptplatz in christlichen Kontexten und wurde daraufhin auch an-
gepasst, woraufhin diese zwei Anwendungsbereiche hatte: Hilfestellung bei der Interpretation
der Heiligen Schrift und Anweisungen für das Redeideal in der Person wichtiger christlicher
Amtsmänner, welche in Predigten die christlichen Botschaften wirkungsvoll darstellen soll-
ten. Während in der Antike sich die neuen Wissenschaften von der Religion abwandten und
nach der Wahrheit suchten, so diente im Mittelalter die Rhetorik in erster Linie der Religion
(Ueding / Steinbrink 1994, S. 46ff.). Es entstand eine neue Form der Rede: die Predigt. Die
Predigt bildete einen Schwerpunkt der rhetorischen Lehre und verhalf dieser im ,,inneren E-
xil", in der Predigt, über die Jahrhunderte hinweg zu überleben (Ueding 2000a, S. 94).
Die Lehre der Rhetorik wurde in lateinischer Sprache abgehalten, und das in allen Ländern.
Man orientierte sich inhaltlich an den Erkenntnissen der antiken Rhetorik. Durch diese Ein-
heitlichkeit in Lehre und Lehrsprache konnte überregional Vergleichbarkeit und eine einheit-
liche Linie in der Rhetoriklehre hergestellt werden (Fried 1996, X-XI).
Die Rhetorik verschwand mehr und mehr aus der Lehre des Sprechens und Redens und
siedelte sich zunehmend in der Schriftsprache an, z.B. im Grammatikunterricht (Fried 1996,
XIII).
,,Nach allgemeiner Ansicht hat sich die Rhetorik, die Königin im römischen Ausbil-
dungssystem, schon in der Spätantike zu einem unspezifischen Allgemeinbildungsfach
verdünnt. Unter der Ägide der Grammatiker ist sie zu einer von den übrigen partes rheto-
ricae abgelösten elocutio-Mehtodik geworden, zu einer simplen propädeutischen Schreib-
stillehre zusammengeschrumpft." (Moos 1996, S. 133)
2.2.1 Methodik und Inhalte der mittelalterlichen Rhetoriklehre
Aurelius Augustinus (354-430 n. Chr.) war der bedeutendste Vertreter der mittelalterlichen
Rhetorik. Sein Vater, ein römischer Veteran und seine Mutter, eine gläubige Christin legten
den Grundstein für Augustinus Bildungsansichten. Seine Lehre orientierte sich an den Grund-
kenntnissen der Rhetorik nach Quintilian (Tornau 2006, S. 357). Er war als Rhetoriklehrer,
unter anderem in Rom und Mailand, tätig, so dass ihn die Lehre der römischen Rhetorik sehr
beeinflusste. Sein Buch De doctrina christiana, welches in vier Teile untergliedert war, be-
schreibt, wie sich die christliche Lehre die antiken Kenntnisse zu Nutzen machen konnte.
13
Insbesondere ging er im vierten Buch auf die Rhetorik ein. Die ersten drei Bücher beschäfti-
gen sich mit der Auffindung und der Lehre der heiligen Schrift und das vierte Buch, in dem
13
Das erste Buch behandelt aus der Bibel abgeleitete Glaubensfragen, das zweite Fragen des Verständnisses der
Bibeltexte, das dritte Buch versucht Regeln für die Deutung der Bibel aufzustellen und das vierte Buch stellt die
Vermittlung der einzelnen Kenntnisse dar. Das vierte Buch und die darin enthaltenen Regeln zur Darstellung der
Kenntnisse hatten Einfluss auf die Predigttheorie.
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
23
auch genauer auf die Redekunst eingegangen wird, beschreibt ,,die Darstellung aus der Schrift
gewonnene[r] Lehren" (Ueding / Steinbrink 1994, S. 49). In diesem vierten Buch schildert
Augustinus eine Art System der christlichen Rhetorik. Wichtig ist ihm in seiner Lehre der
Rede, Wahrheit zu verteidigen und zu verkünden und er behandelt dabei spezifische christli-
che Sprechsituationen. Die Predigt steht dabei im Mittelpunkt, jedoch bezieht er seine Aus-
führungen zudem auf die anderen, einem christlichen Autor zur Verfügung stehenden Gattun-
gen (Tornau 2006, S. 354).
Augustinus sah die Notwendigkeit der Rhetorik bei der Bibelinterpretation darin, dass durch
Kenntnis der Tropen Zweideutigkeiten in Bibeltexten entschlüsselt und aufgelöst werden
können.
Augustinus betonte in seinem Werk die Wichtigkeit der Rhetorik, wobei er keine
Regeln angab. Für das Erlernen der Redekunst, sei nicht zu viel Zeit zu investieren, da der
Redner neben Fleiß, Übung und Nachahmung auch über Talent verfügen müsse, und wenn
letzteres vorhanden sei, die Redekunst in einem gewissen zeitlichen Rahmen erlernbar sei. Er
stellte also die Techniken und Regeln der Lehre in den Hintergrund, betonte dass das Talent
unabdingbar sei und maß der Nachahmung hohen Wert in der Rednerausbildung bei. Die in-
dividuellen Fähigkeiten treten auch hier, aus methodischer und didaktischer Perspektive, hin-
ter das Prinzip der Nachahmung. Die Nachahmung wird im Unterricht vornehmlich durch
Lesen und Vorlesen (lectio) vollzogen. Daher sieht Augustinus die Rhetorik als Erfahrungs-
wissenschaft.
Wie Cicero legte Augustinus Wert auf einen hohen Bildungsstand, wobei sich
dieser hauptsächlich auf die Kenntnis der heiligen Schrift bezog. Nach dem vir-bonus-Ideal
solle der Redner tugendhaft sein, da dieser als Vorbild in der christlichen Gemeinde fungiere.
Aufgabe des Redners sei es zu lehren, zu ergötzen und zu rühren (vgl. Cicero: docere, delecta-
re, flectere). Inhalte des Lehrens waren von christlicher Art. Ziel der Rede ist es nach Augus-
tinus zu überreden (Ueding / Steinbrink 1994, S. 48-52). Ein guter Stil ist für Augustinus ein
biblischer Stil (Tornau 2006, S. 354). In seiner Vortragslehre ist ihm die Argumentationstech-
nik besonders wichtig, welche besagt, dass mögliche Einwände seitens der Zuhörer bereits in
der Rede vorweggenommen werden und beantwortet werden sollen, um so die Wirkung der
Argumentation nicht zu beeinträchtigen.
14
Als Grund für diese weitreichende und umschwei-
fige Argumentationstechnik welche die Gefahr beinhaltet, den Faden zu verlieren gibt er
einen pastoralen an:
,,Jeder Einwand den man selbst nicht anspricht, kann später im Gespräch unter den Zuhö-
rern oder auch etwa in der Diskussion eines katholischen Christen mit einem Häretiker
oder Heiden auftauchen; und da der Hörer in dieser Situation auf sich allein gestellt ist,
kann sie bei ihm zu Verlegenheit oder im schlimmen Fall zu Glaubenszweifel führen."
(Tornau 2006, S. 356)
Weitere bedeutende Vertreter für die Rhetorik waren Boethius, Marius Victorinius und Me-
lanchthon hervor. Boethius gab in seinem Werk De differentiis topicis der Rhetorik Platz in
einem der vier Bände, in welchem er sich hauptsächlich an den Lehren Aristoteles orientierte.
Die anderen drei Bände waren der Dialektik gewidmet, was das geringere Ansehen der Rheto-
rik hinter der Dialektik widerspiegelt. Marius Victorinius beschäftigte sich mit den rhetori-
schen Erkenntnissen nach Cicero und fokussierte dabei die Argumentationslehre, deren Rele-
vanz er für politische Belange herausarbeitete (Moos, S. 138-139). Melanchthon legte seinen
14
Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass die Form der Predigt keine Einwände oder Unterbrechungen seitens der
Zuhörer gestattet und der Sprecher in der Predigt ohnehin nicht Gefahr läuft unterbrochen werden zu können. Es
handelt sich bei der Predigt somit um eine reine monologische Gesprächssituation. Die Argumentationstechnik
nach Augustinus beinhaltet folglich lediglich die Kenntnis des Sprechers über die Sachlage und mögliche aktuel-
le Diskurse. Mit realen Einwänden während der Predigt ist jedoch, aufgrund der Konvention, Prediger nicht zu
unterbrechen, nicht zu rechnen. (Tornau 2006, S. 356-357)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
24
Schwerpunkt auf Argumentation und Stilistik und fügte zu den drei Redegattungen des Aris-
toteles eine vierte, die lehrende (didaskalicon), hinzu (Ockel 1991, S. 367).
Auch wenn die Rhetorik im Mittelalter kritisch beäugt wurde, so hatte sie ihren festen Be-
standteil im Bildungssystem. Die Lehre nach Cicero hatte im Mittelalter den höchsten Stel-
lenwert bezüglich der Redekunst. Speziell distanzierte man sich von der prunkvollen Rede
und ließ schmückende Mittel der Rede in der Beredsamkeitslehre fast gänzlich außer Acht.
Neben den drei antiken Redegattungen politische Rede (genus deliberativum), Gerichtsrede
(genus iudicale) und Festrede (genus demonstrativum) kann die Kunst der Predigt, welche
unterteilt war in ,,homiletische" Predigtkunst (ars predicandi) und Briefeschreiben (ars dicta-
minis), hinzu (Wiersing 2004, S. 114). Man forderte, dass die Rhetorik in erster Linie der
christlichen Erziehung und Bildung dienen sollte, welche in Form von Lesungen (lectio) ab-
gehalten wurde. Diese Lektüre war von so genannten ,,Autoritäten" verfasst, wie Ciceros De
inventione rhetorica
und Quintilians Institutio oratoria, welche es galt nachzuahmen (Ueding
/ Steinbrink 1994, S. 59-61).
Wie alle Wissenschaften im Mittelalter war die Rhetorik der lateinischen Sprache zugeschrie-
ben und orientierte sich somit auch an den römischen Rhetoren. Auch Hebräisch und Grie-
chisch wurden gelehrt, wobei die meisten Lehrbücher in lateinischer Schrift verfasst wurden,
welche in den meisten Fällen stark auf die Kirchenväter und die heiligen Schriften Bezug
nahmen (Ockel 1991, S. 366). Die Redekunst wurde im Hinblick auf ihre angrenzenden Dis-
ziplinen Dialektik und Grammatik gelehrt, wobei es auch oft Überschneidungen zwischen
diesen gab. Im Mittelalter waren diese unter dem Begriff Trivium bekannt, wobei die Gram-
matik immer den beiden anderen übergestellt war, da sie die Basiskenntnisse für alle anderen
Wissenschaften innehatte. Diese drei Disziplinen waren in die Ordnung der sieben artes libe-
rales
(Ueding 2000a, S. 84) eingeordnet, welche im Mittelalter gelehrt wurden.
15
Sie bildeten
die Basis für die weitere Wissensvermittlung und wurden durchwegs akzeptiert (Luscombe
1996, S.1; 13). Die vier weiteren Künste der artes liberales, das Quadrivium, waren dem ma-
thematischen Bereich zugeordnet und im Einzelnen: Geometrie, Arithmetik, Astronomie und
Musik. Diese sieben Disziplinen mussten die weisen Männer des Mittelalters erlernen (Brandt
1986, S. 3; Ueding / Steinbrink 1994, S. 54).
Hauptaufgabe der Rhetorik war es, Mittel zur Unterstützung zur Interpretation lateinischer
Bibeltexte bereitzustellen. Während unter Methodik in der Rhetorik Jahrhunderte lang die
imitatio
mit dem Hintergrund Nachsprechen und Kommentieren festgelegter gültiger Aspekte
verstanden wurde, so erfährt die imitatio eine weitere Aufwertung, da diese nun im Sinne der
Fähigkeit sich eines bestimmten Redestils zu bedienen, verstanden wird (Ockel 1991, S. 366).
2.2.2 Schulungsorte der mittelalterlichen Rhetoriklehre
Die Erfindung des Buchdrucks hatte erheblichen Einfluss auf das Lehrsystem im Mittelalter
(Kintzinger 1996, S. 10). Als Bestandteil des Triviums zählte die Rhetorik zum elementaren
Wissen des Mittelalters und wurde an Universitäten und an Schulen unterrichtet. Kirchliche
Einrichtungen hatten im Mittealter den Bildungsauftrag. Anfangs wurden hauptsächlich
Geistliche von Mönchen in rhetorischen Fähigkeiten ausgebildet, welche zum Ziel hatten,
,,Kämpfer für das Christentum, der die Klassiker und die heiligen Schriften studiert und sich
wichtige Muster gemerkt hat, um sie in eigene Predigt zu übertragen" (Ockel 1991, S. 366)
15
Die artes liberales, unterteilt in Trivium und Quadrivium, sind auf das älteste enzyklopädische Lehrwerk des
Mittelalters in neun Büchern De nuptiis Philologiae et Mercurii von Martianus Capella (5. Jh. n. Chr.) zurückzu-
führen, was das bedeutendste Schulbuch des Mittelalters darstellte (Ueding 2000a, S. 96).
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
25
hervorzubringen. Später übertrug sich diese Bildungsaufgabe auf die Bischofsschulen, an
welchen auch ausgewählte Adelige für Beraterpositionen in rhetorischen Fähigkeiten ausge-
bildet wurden (Ockel 1991, S. 366). Die städtische Verwaltung sowie die schriftliche Form
der Geschäftsführung und die Beherrschung unterschiedlicher Redestile forderten nun auch
von nicht-geistlichen Personen der Gesellschaft eine zureichende Schulbildung (Ockel 1991,
S. 366). So entstanden die ersten städtischen Schulen, welche nicht nur, im Gegensatz zu
kirchlichen Einrichtungen, in lateinischer Sprache unterrichteten, sondern auch in nieder-
deutsch. Zudem entstanden Privatschulen, welche lediglich geduldet waren, und welche auch
Kindern aus niederen Schichten die Möglichkeit gaben sich weiterzubilden (Kintzinger 1996,
S. 4-7). Reformation und Gegenreformation bewirkten, dass die Klosterschulen zugrunde gin-
gen.
,,Da jedoch von allen die Bekenntnisformeln der gegnerischen Konfessionen gelernt wer-
den sollen, werden wieder Bildungseinrichtungen geschaffen, aber die Aufsicht wird den
Fürsten und damit der staatlichen Instanz zugewiesen." (Ockel 1991, S. 367)
Die Universitäten haben ihre Geburtsstunde im Mittelalter, welche meist aus den Bischofs-
schulen hervorgingen (Ockel 1991, S. 366). Anfänglich traten Universitäten in Form freier
Gemeinschaften auf. Später erhielten die Universitäten kaiserliche und päpstliche Anerken-
nung und somit auch Vorrechte. Sie etablierten sich zu einer großen Macht des Landes. Die
internationale Ausrichtung, aufgrund Austausches von Wissen und Personen zwischen den
Universitäten der unterschiedlichen Länder, das Streben nach Wissen der Erkenntnis willen
und die Selbstständigkeit gegenüber Kirche und Staat prägten den Charakter der Universität
im Mittelalter (vgl. Kintzinger / Lorenz / Walter 1996).
2.2.3 Zusammenfassung: Rhetorik des Mittelalters
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich die Rhetorik des Mittelalters in Methodik an der
Rhetoriklehre der römischen Antike orientierte und auch in Originalsprache Latein
vermittelt wurde. Im Vordergrund stand das Nachahmen von Vorbildern. Die Orte der Lehre
waren kirchliche Einrichtungen, da diese im Mittelalter den Bildungsauftrag hatten, und vor
allem Universitäten. Folglich wurden hauptsächlich Themen der Kirche, wie Bibelinterpreta-
tionen und Glaubensfragen, im Fokus der rhetorischen Lehre behandelt. Zudem hatte die Rhe-
torik einen breiten Raum in der Predigtlehre.
2.3 Rhetorik des Humanismus- und Barockzeitalters
Die Epoche des Humanismus (15. und 16. Jahrhundert) entdeckte die wissenschaftlichen Er-
kenntnisse neu, welche auf die Gegebenheiten und Zielsetzungen dieser Zeit ausgerichtet wa-
ren. Die Zeit des Humanismus war geprägt vom Handelskapitalismus, dem Bankwesen und
der Technik, auf deren Bedürfnisse, die bisher bekannten wissenschaftlichen Theorien modi-
fiziert wurden und die für die gegenwärtigen Zielerreichung wichtigen Mittel wurden aus den
Wissenschaften gezogen so auch in der Rhetorik.
,,Das erneute Studium der antiken Autoren, deren wahren Sinn man wiedergefunden hat-
te, wurde zur Entdeckung der Bedeutung des Gesprächs und der menschlichen Zusam-
menarbeit, zur Initiation der Menschen in die Wirklichkeit. Wenn man die Jugend mit den
Klassikern erzog, so half man ihr damals wirklich, die gemeinsame Menschlichkeit in ih-
rer Entwicklung und in ihrer Einheit zu erkennen." (Garin 1966, S. 12)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
26
Ziel war es, die Rhetorik zur Leitwissenschaft zu etablieren und innerhalb des Triviums der
Grammatik, welche noch immer die höchste Stellung der artes liberales hatte und als Voraus-
setzung für jede wissenschaftliche Ausrichtung galt, Konkurrenz zu bereiten (Ueding 2000a,
S. 99-101).
Das Barock-Zeitalter (17. Jahrhundert) trat hingegen aus der vom Humanismus generierten
Nüchternheit und Sachlichkeit heraus und brachte Schwulst, Prunk in Kunst und Literatur,
geprägt durch Übersteigerungen.
2.3.1 Methodik und Inhalte der Rhetoriklehre im Humanismus und Barock
Um die antiken Werke richtig aus dem Lateinischen ins Deutsche zu übersetzen, war es wich-
tig, Entstehungsbedingungen, Situation, Ort, Zeit, Raum und Adressaten zu beachten und die-
se nicht zu verändern. Nur wenn man die Entstehung und Entwicklung der antiken Texte ver-
steht, dann kann man auch ihren Inhalt verstehen. Eine richtige Interpretation bedarf nach
Ansicht der Humanisten literarischer, historischer und kulturgeschichtlicher Kenntnisse.
Hauptaufgabe der Humanisten war es daher, antike Begriffe in die Gegenwart zu transferieren
und diese richtig zu benennen (Ueding / Steinbrink 1994, S. 75). Angelehnt an die Lehre Aris-
toteles', war das Ziel der Rhetorik, Wahrheit zu vermitteln und damit zu überzeugen (Stolt
2000, S. 42). In der Rhetorik wird in diesem Kontext zwischen res (konkreter Gegenstand)
und verba (Gedankeninhalt) unterschieden. Zielsetzung im Humanismus und auch im Barock
war es nun, dass der Redner die richtigen Worte für den konkreten Gegenstand fand. Hilfsmit-
tel sind dafür in der Lehre der Rhetorik (z.B. Dreistillehre) zu finden (Ueding / Steinbrink
1994, S. 89-91). Luther unterscheidet res und verba wie folgt: ,,'Es ligt alles am Wort' [...]
meint die res, das Wort Gottes selbst, hinter dem die verba, die das Wort auslegen, zurück-
bleiben können [...]" (Gutzen 1991, S. 235). Res erhält hier vor verba eine übergeordnete
Stellung.
Man orientierte sich an den antiken Rhetoren, wobei Quintilian mit seinem Werk De doctrina
Christiana
besondere Aufmerksamkeit zukam, da dieses theologische Ansätze beinhaltete,
was vor allem dem christlichen Geist der Zeit und im Zuge der Bibelübersetzung Luther ent-
gegenkam (Shuger 1993, S. 122).
Bei den zeitgenössischen Übersetzungen bekommt die Rhetorik mehr Wichtigkeit als die Phi-
losophie. Denn nur wenn man rhetorische Kenntnisse besitzt, rhetorische Mittel im Ur-
sprungstext erkennt, kann man diese in der zu übersetzenden Sprache wiedergeben und so den
richtigen Inhalt in die gegenwärtige Sprache übertragen (Ueding / Steinbrink 1994, S. 76).
Zusätzlich ist aus heutiger Sicht zu beachten, wie Autoren, z.B. Luther, mit der lateinischen
Sprache in der Übersetzung umgingen.
,,Das Gefühl für sprachliche Form war bei den frühneuhochdeutschen Verfassern anders
ausgebildet und erstreckte sich auf andere Prinzipien als heute. Etliches, was auf den ers-
ten Blick als sprachliches Unvermögen oder Ungeschick erscheinen mag wie etwa die
Aneinanderreihung von Argumenten ohne uns ersichtliches Prinzip kann sich als völlig
beabsichtigt herausstellen." (Stolt 2000, S. 27-28)
Zudem konnte die Rhetorik nur unter dem Verständnis verwendet werden, wie es die damali-
ge historische Situation zuließ: Orientierung an Autoritäten sowie Tradition waren Faktoren,
welche die Verwendung und Anwendung der antiken rhetorischen Kenntnisse beeinflusste
(Dyck 1991, S. 99).
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
27
Im Zuge dieser ,,Übersetzungswelle" unterlag die Sprache des 17. Jahrhunderts einer regel-
rechten Reinigung: Fremdwörter versuchte man aus dem Sprachgebrauch zu verbannen, Or-
thographie- und Grammatiklehrbücher wurden verfasst und hochdeutsche Wörter, welche
nicht umgangssprachlich oder von regionalen Dialekten gefärbt waren, versuchte man in Le-
xika zusammenzufassen. Im 18. Jahrhundert ist dieser ,,Reinigungsprozess" der Sprache, die
Normierung der Literatursprache abgeschlossen, welche bis heute Basis aller öffentlichen
Reden aller nicht-dialektalen Literatur ist (Ueding / Steinbrink 1994, S. 99).
Die Ausbildung des Redners folgte im Humanismus in erster Linie dem Erziehungsideal nach
Quintilian. Vor allem Martin Luther (1483-1546) hielt dessen Ansichten für essentiell und
empfahl dessen Lehre an der Wittenberger Universität in einem Brief von 1518 an Johann
Lang. Quintilians Rhetoriklehre mit Schwerpunkt auf Nachahmung von Vorbildern, aber auch
der individuellen Förderung der Fähigkeiten der Schüler, wurde daraufhin an der Wittenber-
ger Universität eingeführt (Stolt 2000, S. 43). Nach dem Fund einer Handschrift Quinitlians
Institutio oratoria
im Jahre 1416 in St. Gallen, erhielt Quintilian besonders hohes Ansehen.
Sein Werk wurde eines der wichtigsten der Epoche. Quintilians Ansätze beeinflussten das
Bildungssystem bis ins 18./19. Jahrhundert. Neben Quintlian fanden auch Ciceros De oratore
und Aristoteles Rhetoric Ansehen in dieser Epoche. Theologen orientierten sich hauptsächlich
an Augustinus Werk De doctrina christiana, welcher in seinem 4. Buch speziell auf die Pre-
digt eingeht (Stolt 2000, S. 43; Ueding / Steinbrink 1994, S. 81). Luther kann trotz seiner
Vorliebe zu Qunitilians Lehre vor allem seiner Affektenlehre keinem eindeutigen Autor
der antiken Rhetoriklehre zugeordnet werden: Luther verwendete Ansätze unterschiedlicher
antiker Rhetoren in seiner Arbeit und auch das Werk Augustinus, welchem er als Augusti-
nermönch verpflichtet war (Stolt 2000, S. 48). Luther selbst wurde nach den Regeln der latei-
nischen Grammatik und Rhetorik im Schulunterricht ausgebildet.
Charakteristisch für seine Werke ist die vermehrte Verwendung von Stilmitteln in seinen
Schriften (Gutzen 1991, S. 229; Stolt 2000, S. 30-31). Vor allem für die Predigtlehre wurden
die Kenntnisse der antiken Rhetorik im Humanismus genutzt. Die Disziplinen Dialektik und
Rhetorik können bezüglich der Predigtlehre nicht sauber getrennt werden. Luther betonte in
seiner Predigtlehre, dass sich der Prediger bei seinen Ausführungen auf die Zuhörer, die Ge-
meinde konzentrieren solle, denn sie sind die Urteilsträger und diejenigen, welche überzeugt
werden sollen. Um dies zu erreichen, ist der einfache Stil zu verwenden, damit Verständlich-
keit bei der Gemeinde aufgrund unterschiedlicher sozialer Schichten erreicht wird (Ueding /
Steinbrink 1994, S. 81-82).
,,Ein Blick in Luthers Redepraxis lehrt, welche Bandbreite solche ,Wohlredenheiten' für
ihn besaß, daß [sic] auch seine Bauernpredigten reichhaltig von den (freilich meist sanft)
bewegenden und rührenden Mitteln der Rhetorik Gebrauch machten, er also etwas die
Exordialtopik der Sympathie-Erregung, alle Möglichkeiten der direkten und indirekten
Anrede, der amplificatio, des fingierten Dialogs, des illustrierenden Exempels benutzte
und sich durchaus nicht vor pathetischem Aufschwung, der heftigen Gemütserregung
scheute: [...]" (Ueding / Steinbrink 1994, S. 82)
Rhetorik war für Luther mehr der Rede als der Schrift verpflichtet. Luthers Schriftsprache ist
deshalb Kanzelsprache, welche zum Zwecke des Vorlesens gedacht war. Schriftstücke fielen
in der damaligen Zeit mehr zuhörerorientiert und mundartlich aus. Nach Luther war das ge-
sprochene Wort wertvoller als das geschriebene und begründete dies mit der Gottesebenbild-
lichkeit des Menschen durch die Fähigkeit zu sprechen: Gott wirkt durch sein Wort. Schwei-
gen Gottes ist damit gleichzusetzen mit Hilfe verweigern. Aus diesem Grunde räumt Luther
der gesprochenen Sprache mehr Relevanz ein als der schriftlichen und orientierte sich in sei-
nen Schriftstücken an der gesprochenen Sprache (Stolt 2000, S. 46-47).
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
28
Um möglichst viele Zuhörer mit den eigenen Worten zu erreichen, ist es notwendig, verständ-
lich zu sprechen, aber auch abwechslungsreich. Der Humanismus war geprägt vom Stil ele-
gantia
, welcher maßvolles, geistreiches und klares Sprechen auch im höfischen Leben
16
forderte (Ueding / Steinbrink 1994, S. 95).
Die Schulbildung im Humanismus orientiert sich noch immer an den sieben artes liberales,
wobei die sprachlichen Bereiche, das Trivium, besonders hervorgehoben wurden und die
griechische Sprache zu den bisherigen Disziplinen hinzugefügt wurde. Die sprachlichen
Künste hatten aus dem Grunde die Eloquenz sei das höchste Ziel der Bildung den wich-
tigsten Gehalt im Bildungssystem. Die Rhetorik wurde somit sowohl an Schulen als auch an
Universitäten gelehrt. Innerhalb der Rhetorik orientierte man sich an den drei Redegattungen:
gerichtliche Rede, politische Rede und Festrede. In den geistlichen Ausbildungswegen trat die
Gattung der Predigt hinzu bzw. wurde aus den mittelalterlichen Lehren beibehalten (Ueding
2000a, S. 110). Die Grundlage bildete noch immer die Grammatik, welche ganze vier Jahre
gelehrt wurde, bevor Kenntnisse der Rhetorik und Dialektik vermittelt wurden. Danach konn-
te man erst die Disziplinen des Quadriviums erlernen (Ueding / Steinbrink 1994, S. 77).
,,In der im Spätmittelalter entstehenden Differenzierung der Universitäten fiel der Rheto-
rik zusammen mit den anderen freien Künsten (in der Artistenfakultät) die Vorbereitung
auf das Studium in den drei höheren Fakultäten Theologie, Jurisprudenz und Medizin zu,
was aber über ihren wahren Einfluß [sic] noch nicht genug verrät: zumindest Jurisprudenz
und Theologie müssen gerade unter humanistischem Einfluß [sic] als rhetorische Domäne
gelten. Da die humanistische Bewegung ein gesamteuropäisches Phänomen war, gibt es
keine nationalen Sonderentwicklungen von Belang. Erst die Reformation mit einer neuen
Betonung der Muttersprache sollte auch hier eine Änderung bringen." (Ueding /
Steinbrink 1994, S. 77)
Die Humanisten griffen auf die klassischen Lehrbücher der Antike sowie Stilübungen zurück,
wodurch schriftliche und mündliche Lateinkenntnisse vermittelt wurden, welche wiederum
Basis des Philosophiestudiums bildeten (Wiersing 2004, S. 112) und erkannten dabei die
praktische Komponente in der Bildung, welche sich von der scholastischen Auffassung ab-
grenzte (Ueding / Steinbrink 1994, S. 87).
Im Barock wurden diese Grenzen überschritten und der niedere Stil fand wenig Anerkennung.
Das Barockzeitalter bildete vorläufig die letzte Hochzeit der Rhetorik. Es entwickelte sich ein
Verständnis von der unbedingten Verbindung zwischen Dichtung und Rhetorik: Ein guter
Dichter war automatisch ein guter Redner, ein guter Redner war zugleich ein guter Dichter
(Ueding 2000a, S. 113). Ferner sprach man im Zeitalter des Barocks vom Gesamtkunstwerk,
was bedeutete, das die Künste nicht voneinander zu trennen sind und immer miteinander wir-
ken: Malerei geht in Plastik über,
,,[...] Emblem-Bücher überschreiten die Grenze zwischen Wort und Bild, in der musika-
lischen Satzgestaltung und Instrumentierung werden topoi oder loci bestimmend, die bei
den Hörern sofort bestimmte Bilder oder Szenen evozieren, Lied, Arie, Oper avancieren
zu den Modellen des rhetorisch geleiteten Willens zur Vereinigung der Künste." (Ueding
2000a, S. 117)
Der hohe Stil wurde in der Literatur vor allem im höfischen Leben bevorzugt. Besonders
Stilmittel und sprachliche Ausschmückungen sowie Steigerungen und Übertreibungen wurden
16
Es entstanden Ratgeber zum höfischen Leben, wie man sich zu verhalten habe und auf was zu achten sei. Vor
allem Aspekte der Rhetorik kamen hierbei zum tragen: ,,von der angemessenen Kleidung bis zur richtigen
Titulatur, vom Anstand in Mienen und Gebärden bis zur kurzweiligen Konversation." (Ueding 2000a, S. 111)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
29
verwendet und die Sprache dadurch schwulstig und exzentrisch gemacht, wie es auch das
Wesen dieses Zeitalters in allen Lebensbereichen demonstrierte (Ueding / Steinbrink 1994, S.
92).
,,Bei den Autoren der sogenannten Zweiten schlesischen Dichterschule überschwemmt
der hohe Stil die ihm gesetzten Grenzen, er verliert also die Abgestimmtheit mit Sache
und Publikum. Die Stilmittel, schon immer ungeheuer wichtig für Barockautoren,
verselbständigen sich zum Schwulst. Und im selben Augenblick vermag das Sprach-
kunstwerk nicht mehr zu überreden, zu überzeugen, sondern allenfalls noch zu überwälti-
gen." (Ueding / Steinbrink 1994, S. 93)
Diese Vorliebe für Stilmittel und deren wachsende Relevanz im Barockzeitalter prägten den
Aufbau der zeitgenössischen Lehrschriften zur Rhetorik. Es wurden nicht nur Stilmittel aufge-
führt, sondern auch darauf hingewiesen, dass und wie Stilmittel bezüglich der emotionalen
Wirkung der Redeabsicht, verwendet werden sollen (Ueding / Steinbrink 1994, S. 95). Af-
fekterregung war das Hauptziel einer rhetorischen bzw. dichterischen Äußerung (Ueding
2000a, S. 114).
Der Redner sollte im Humanismus sowie im Zeitalter des Barock nach dem vir-bonus-Ideal
leben.
17
Tugendhaftigkeit und der Vorbildcharakter standen an erster Stelle, vor allem in der
Predigtlehre. Weisheit (sapientia) stand vor dem Wissen (scientia) und beide waren von hoher
Bedeutung für einen guten Redner. Besonders das äußere Aptum, die Angemessenheit der
Rede bezüglich Hörer, Ort, Zeit, Situation und des Redners selbst, musste beachtet werden,
um das Publikum zu überzeugen. Denn beispielsweise kann ein sehr junger Redner nicht mit
Lebensweisheiten überzeugen, da diese über Jahre hinweg angeeignet werden müssen (Ue-
ding / Steinbrink 1994, S. 86-89).
2.3.2 Schulungsorte der Rhetoriklehre im Humanismus und Barock
Rhetorik wurde sowohl an Schulen als auch an Universitäten als Teil der sieben artes liberales
gelehrt. Der Religionsunterricht wurde als eigenständiges Schulfach eingeführt, welcher ge-
gen Ende des 16. Jahrhunderts vor der Grammatik ihren Platz im Lehrplan erhielt. Dialektik
und Rhetorik hatten keine Einbußen bezüglich ihrer Stellung. Zu Geometrie, Astronomie und
Geographie kamen Arithmetik und Geschichte hinzu (Ueding / Steinbrink 1994, S. 77-78).
Rhetorik war elementar:
,,Rhetorik [war] bis zur Aufklärung des 18. Jahrhunderts in multipler Funktion zugleich
ein zentraler Gegenstand des Unterrichts, eine in Schule und Universität angewandte
Lehrmethode, ein wichtiges Fach des Weltwissens und schließlich auch noch ein bevor-
zugter Ort der pädagogischen Reflexion." (Wiersing 2004, S. 112)
Konrad Celtis betonte 1492 in einem Brief an die Universität Ingolstadt die Wichtigkeit der
Rhetorik für die Lehrer im akademischen Dienst. Bisher war die Rhetorik weitgehend ver-
nachlässigt, da die Wichtigkeit nicht bewusst war und es zudem keine Lehrbücher darüber
17
Das vir-bonus-Ideal wurde auch auf das höfische Leben übertragen, an welches es sich zu halten galt. Dieses
Ideal wurde bis in die Epoche des Barock weitergegeben, bis Christian Weise und Talander 1700 den vir bonus
kritisierten, da ihrer Ansicht nach die Jugend Karriere machen solle und man dies nur am absolutistischen Hof
oder im Stadtregiment in vollem Maße erreichen könne. Dies fordere jedoch, dass man sich anpasse und sich den
Meinungen der anderen anschließe, egal ob man diese für gut oder schlecht hält, was wiederum nicht dem Ideal
des vir bonus entspräche. (Ueding / Steinbrink 1994, S. 86-89)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
30
gab. Die rhetorischen Kenntnisse fanden sich in einer Einheit von Gelehrsamkeit, Eloquenz
und Dichtkunst wider (Ueding / Steinbrink 1994, S. 84).
2.3.3 Zusammenfassung: Rhetorik des Humanismus- und Barockzeitalters
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Rhetorik im Humanismus und Barock
die Hauptaufgabe hatte, Instrumente für richtige Übersetzungen zu liefern, um so meist wis-
senschaftliche Texte, welche in der Regel griechisch oder lateinisch verfasst waren, in
hochdeutscher Sprache sinngemäß, argumentationsstark und korrekt wiedergeben zu können,
ohne dabei die ursprünglichen Stilmittel zu verfälschen. Schlüsselfigur bildete Luther, wel-
cher zu dieser Zeit die Bibel ins Deutsche übersetzte. Dadurch fand die Rhetorik, welche sich
an der Lehre Quintilians in dieser Epoche orientierte, großen Einfluss in der Predigtlehre und,
wie auch im Mittelalter, bei anderen kirchlichen Themen. Zwischen Humanismus und Barock
fand eine Verschiebung der Geschmäcker bezüglich der Stile statt: Während der Humanismus
klares, geistreiches und maßvolles Sprechen bevorzugte, wurde der Ausdruck im Barock
weitaus schwulstiger und ausladender. Die Verwendung von Stilmitteln gewann hier an Be-
deutung. Allgemein kann man sagen, dass sich die Rhetorik des Humanismus und Barock
bezüglich der Methodik, aufgrund der Orientierung Luthers an Quintilians Lehre, an den anti-
ken Ansichten und am vir-bonus-Ideal welches auch Einzug im höfischen Kontext hielt
eng orientierte. Die Orte der Rhetoriklehre blieben Schulen und Universitäten, vornehmlich
mit kirchlichem Charakter.
2.4 Rhetorik der Aufklärung
Die Zeit der Aufklärung (18. Jahrhundert) war geprägt vom Begriff der Vernunft. Die Ver-
nunft wurde als Energie gesehen, welche sich durch ihre Funktionalität messen lässt. Durch
die Vernunft sollten Wahrheiten aufgedeckt werden. Die Funktionalität liegt im Wesen der
Sprache begründet: Die Sprache ist fester Bestandteil der Vernunft, da sie notwendig ist, um
die Wirkung der Vernunft hervorzurufen, durch sie Gedanken zum Ausdruck gebracht werden
und sie als Werkzeug dient, die Philosophie in die Lebenspraxis zu transferieren. Daher wurde
die Rhetorik als Lehre der Beredsamkeit zur Zeit der Aufklärung fester Bestandteil der Wis-
senschaften (Ueding /Steinbrink 1994, S. 100-101).
,,An die Stelle der Kirche tritt der Optimismus der menschlichen Selbsterziehung: der
Mensch bedarf der Bildung zur Entwicklung seiner in ihm grundgelegten Begabung
[...]." (Ockel 1991, S. 368)
Während sich die Verwendung der rhetorischen Kenntnisse der Antike in den Epochen vor
der Aufklärung stark an der gesellschaftlichen Ausrichtung orientierte, so wird
,,[...] im 18. Jahrhundert [...] die antike Rhetorik wieder in ihre alten Rechte eingesetzt,
weil die veränderte gesellschaftliche Situation für eine Wirkungsästhetik Raum schafft,
die sich an der Ursprünglichkeit des rhetorischen Irrationalismus orientieren kann [...]".
(Dyck 1991, S. 100)
Die rhetorische Kultur der Aufklärung ist trotz mehrerer Schriften dieser Zeit immer noch
wenig bekannt (Dyck 1991, S. 101).
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
31
2.4.1 Methodik und Inhalte der Rhetoriklehre in der Aufklärung
Die bedeutendsten Vertreter dieser Epoche waren Gottfried Willhelm Leibniz (1646-1716)
und Christian Thomasius (1655-1728). Ihre Hauptinteressen lagen zum einen in der deutschen
Sprache selbst und zum anderen in der Verbreitung des Wissens. Diese zwei Interessenslagen
waren streng miteinander verknüpft: nach Leibniz' Ansicht sei für eine Verbreitung von Wis-
sen eine Basis in Form einer guten deutschen Sprache von Nöten, um am wissenschaftlichen
Austausch teilnehmen zu können. Da die meisten wissenschaftlichen Disziplinen in lateini-
scher Sprache dominierten, setzte man sich zum Ziel, die deutsche Sprache in die Wissen-
schaften als ,,Hauptsprache" einzuführen und das Lateinische in den Hintergrund drängen.
Die deutsche Sprache sollte aus ihrer Funktion des alltäglichen Gesprächs ausbrechen und am
wissenschaftlichen Diskurs teilnehmen (Ueding / Steinbrink 1994, S. 102).
Die Rhetorik des 18. Jahrhunderts war, wie der Zeitgeist es verlangte, von Rationalität ge-
prägt. Hinsichtlich der Methodik und Didaktik der Rhetoriklehre orientierte man sich an den
antiken Vorbildern, wodurch das Nachahmen von Vorbildern (imitatio) als Schwerpunkt der
Rhetoriklehre zu sehen ist. Das Nachahmen von Vorbildern galt als gängige Methode im
Schulunterricht. Man setzte individuell bei den Erfahrungen der Schüler an und versuchte,
diese bestmöglich zu optimieren. Das in den vorhergehenden Epochen vorherrschende Meis-
ter-Lehrling-Verhältnis blieb damit in der Rhetoriklehre weiter bestehen. Im Vordergrund der
Lehre stand die Wirkungsintention, welche durch Vernunft verstärkt wurde. Das Hauptziel
einer Rede war es zu überzeugen. Erst an zweiter Stelle standen die Unterhaltung des Publi-
kums und die lebhafte Darstellung der Redeinhalte. Der Redner sollte über Geschicklichkeit
verfügen, die richtigen Worte zu verwenden und durch die Struktur und Verwendung der
Worte sollte das Verständnis beim Publikum verbessert werden (Fabricius 1724, S. 2-4; nach
Ueding / Steinbrink 1994, S. 104).
Aufgrund der Verschriftlichung von Prozessen im juristischen Bereich verlor die Gerichtsrede
in der Aufklärung an Praxisrelevanz, wurde jedoch in den Lehrschriften stets erläutert. Die
politische Rede fand weiterhin im höfischen Leben und anderen politischen Einrichtungen
(Bsp. englisches Parlament) Anklang, aber auch in gesellschafts- und hofkritischer Literatur.
Die Festrede hatte weiter die Funktion, Personen zu loben, zu tadeln und wurde in unter-
schiedlichen Kontexten eingesetzt. Ebenso blieb die Predigt als Redegattung bestehen und
wurde im Zusammenhang mit der Kanzelberedsamkeit genannt (Ueding 2000b, S. 29-40).
Johann Christoph Gottscheds
18
Ausführliche Redekunst (1736) wurde zum bedeutendsten rhe-
torischen Lehrwerk der Epoche. Seine Lehrschriften wurden im Rhetorikunterricht an Schulen
und Universitäten genutzt (Ueding 2000b, S. 23). Er lehnte sich an die Theorie und Methodik
Quintilians an, welcher forderte, dass ein Redner sein Publikum überreden und zu Taten be-
wegen solle. Mit Hilfe der Vernunft ist Quintilians Redeziel nur bei einem gebildeten Publi-
kum zu erreichen, das Laienpublikum müsse mit Hilfe von Emotionen überredet werden. Ü-
berzeugung durch Erregung der sanften oder heftigen Gefühle, war also Mittel, um ungebilde-
tes Publikum zu bewegen. Das Hauptanliegen der aufklärerischen Rhetorik bestand in der
rationalen Wirkungsintention, was die antike Rhetorik unter docere verstand. Schwulst war
verpönt und Stilfiguren traten in den Hintergrund. Die Rhetoren der Aufklärung vertraten die
Meinung, dass durch ausschmückende Elemente, der eigentliche Inhalt der Rede verdrängt,
das Wesentliche auf Kosten der Klarheit und Deutlichkeit verloren geht. Somit war der mittle-
re Stil, mit mäßiger Ausschmückung, (Ueding 2000b, S. 18) der Stil der Aufklärung, wobei
18
Gottsched setzte eine einheitliche deutsche Schriftsprache fest, was sehr großen Einfluss auf die Verbreitung
der Wissenschaften in die verschiedenen gesellschaftlichen Stufen hatte. (Ueding / Steinbrink 1994, S.132)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
32
die Dreistillehre ihre Gültigkeit nicht verlor
19
(Ueding / Steinbrink 1994, S. 103-112). Die
Bearbeitungsphasen der Rede richteten sich nach dem antiken Vorbild: inventio, dispositio,
elocutio
und pronuntiatio (Ueding / Steinbrink 1994, S.108-113). Der Redner sollte ein gebil-
deter, verantwortungsvoller und rechtschaffener Mensch sein. Das Ideal des Redners orien-
tierte sich nach dem antiken vir bonus.
20
(Ueding / Steinbrink 1994, S. 116-120) Die Grundla-
gen der Rhetorik wurden im 18. Jahrhundert in Einzeldisziplinen aufgesplittet und einzeln
weiterbearbeitet, wie z.B. Literaturwissenschaft, Poesie, Philosophie, Grammatik, Geschichte.
Hier findet eine klare Unterscheidung zwischen Rhetorik und Poesie/Dichtkunst statt. Der
Rhetor hatte Deutlichkeit, Wohllaut, Unterhaltung und vor allem Überzeugung und Unterrich-
ten als Aufgabe, wohingegen der Dichter angehalten war eine sinnlich vollkommene und
möglichst lebhafte Darstellung der Inhalte anzustreben, mit welchen er Phantasie und Emoti-
onen erregte (Ueding / Steinbrink 1994, S. 108-114).
2.4.2 Schulungsorte der Rhetoriklehre in der Aufklärung
Gelehrt wurde die Rhetorik in Schulen und Universitäten. In den Schulen war die Rhetorik ein
elementares Fach. Vor allem im Deutschunterricht, fand die rhetorische Lehre hohe Gewich-
tung. ,,Die Rhetorik ist die Schule der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert [...]" (Ueding /
Steinbrink 1994, S. 126). An den Universitäten gehörte die Rhetorik zum Kollegium der Ar-
tisten. Sie war die vierte Fakultät neben Theologie, Jurisprudenz und Medizin und hatte die
Aufgabe die Studenten einer höheren Fachwissenschaft ausreichend vorzubilden. In der Rhe-
torik durfte man nur als Magister abschließen, in den drei anderen Fakultäten promovieren.
Im Laufe der Zeit nahm das Ansehen der Rhetorik und der Philosophie zu, vor allem weil
diese Einfluss auf die Theologie und Jurisprudenz hatten (Ueding / Steinbrink 1994, S. 121).
2.4.3 Zusammenfassung: Rhetorik der Aufklärung
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass in der Aufklärung das Hauptanliegen der Rhetorik-
lehre die Wirkungsintention durch Affekterregung der Rede darstellte, während sich die Lehre
an sich stark an der Methode und den Erkenntnissen Quintilians orientierte (Ueding 2000b, S.
22). Auch das vir-bonus-Ideal wurde weiterhin vertreten, in den Optimierungsprozess durch
Nachahmung integriert und die Bearbeitungsphasen der Rede wurden aus der antiken Lehre
übernommen. Der schwulstige Ausdruck, welcher im Barock noch bevorzugt war, war in der
Aufklärung verpönt und Stilmittel sollten alleinig der Wirkungsintention der Rede dienen. In
Schulen und Universitäten wurde die Lehre der Rhetorik verbreitet, welche als eigenständige
Disziplin galt. Vor allem das Nachahmen von vorbildlichen Rednern wurde, wie in der Anti-
ke, als gängige Methode in der Rhetoriklehre verwendet, wodurch das Meister-Lehrling-
Verhältnis weiter Bestand hatte. Das Ansehen der Rhetorik stieg im Laufe der Jahre, vor al-
lem im Umfeld universitärer Bildung.
19
Vor allem in schriftlichen sprachlichen Formen behält die Dreistillehre ihre Gültigkeit. Der niedere Stil wurde
für Belehrungen und Erörterungen verwendet, der mittlere Stil sollte den Geist angenehm unterhalten und der
höhere Stil in der Schreibart sollte Phantasie und Gemüt erregen.
20
Tugenden waren in der Aufklärung groß geschrieben, woraufhin auch das bis heute bekannte Werk von Frei-
herr von Knigge Über den Umgang mit Menschen entstand. (Ueding / Steinbrink 1994, S. 119)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
33
2.5 Rhetorik im 19. Jahrhundert Bürgerliches Zeitalter
Das 19. Jahrhundert bildete den Nährboden für den Verfall der Rhetorik. Sie hatte kaum noch
Einfluss an Schule und Universität. Ursachen sieht man zum einen in der Spezialisierung des
Wissens und auch in der ,,fehlenden demokratischen Überlieferung, Kultur der Innerlichkeit
und Zerstörung der Vernunft". (Ueding / Steinbrink 1994, S.134)
21
Adam Müller (1779-
1829), welcher in Wien 1812 seine Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in
Deutschland
hielt, sah folgende Ursachen für den Verfall: Die Schriftlichkeit und die Selbst-
genügsamkeit der Literatur in Deutschland; das Publikum, welches kein Interesse zeigt; eine
defizitäre Sprachkultur, welche durch dialektale Färbungen verschwimmt; und die fehlende
republikanische Tradition (Ueding / Steinbrink 1994, S. 137; Ueding 2000b, S. 56).
2.5.1 Methodik und Inhalte der Rhetoriklehre im 19. Jahrhundert
Die Rhetorik wird im 19. Jahrhundert nicht mehr als ganzheitlicher Ansatz gesehen. Vielmehr
greift sich jede wissenschaftliche Disziplin die für ihr Fach relevanten Aspekte aus der Rheto-
rik heraus. Dadurch kommt es zur Instrumentalisierung der rhetorischen Bereiche. Es entste-
hen einzelne Methoden, welche nahezu unabhängig voneinander in den unterschiedlichen
Disziplinen angewandt werden können. Vor allem im Bereich der Politik erfährt die Rhetorik
hohes Ansehen, wo nach ,,individuellen Vorlieben" die Methoden der Rhetorik Anwendung
fanden (Ueding 2000b, S. 62). Man erkannte, dass die Wirkung eines Redners und damit sein
politischer Einfluss durch gezielten Einsatz rhetorischer Mittel gesteigert werden konnte, vor
allem in Streitgesprächen (Ueding / Steinbrink 1994, S. 142-145). Durch das mündliche Ge-
richtsverfahren fanden die Methoden der Rhetorik auch im Zusammenhang mit der Gerichts-
rede Nährboden (Ueding 2000b, S. 59). In den Rechtswissenschaften verfasste Karl Salomo
Zachariä (1769-1843), Professor an der Universität Heidelberg, seine Anleitung zur Gerichtli-
chen Beredsamkeit
(1810). Sie war das Basiswerk für die gerichtliche Beredsamkeit und lehn-
te sich stark an die antike Rhetoriklehre an.
22
Die Kenntnis der Sprachen Griechisch, Latein,
Französisch und der Dichter, berühmter Redner sowie Philosophen, wurde vorausgesetzt.
Auch wenn sich die Lehre der gerichtlichen Beredsamkeit des 19. Jahrhunderts inhaltlich, in
seiner Theorie stark an der antiken Rhetoriklehre orientierte, so kam die Einübung dieser Fä-
higkeiten im Rahmen universitärer Veranstaltungen zu kurz (Ueding / Steinbrink 1994, S.
145-148).
,,So bringt das 19. Jahrhundert zwar durch die generelle Einführung des mündlichen und
öffentlichen Gerichtsverfahrens eine Renaissance der Gerichtsrhetorik auch in Deutsch-
land, aber zugleich deren Reduktion auf die zweckmäßige Feststellung der Tatsachenbe-
weise und der nach dem Gesetz anzuwendenden Rechtssätze. Erst die Überwindung des
formalen Rechtspositivismus durch Freirechtsschule, soziologische Schule und die Inte-
ressenjurisprudenz schafft Raum für eine neue und entscheidendere Geltung der juristi-
schen Rhetorik daß [sic] er nur wenig genutzt wurde, hängt mit dem allmählichem,
doch unaufhaltbaren Abbruch der rhetorischen Tradition in dieser Epoche zusammen."
(Ueding / Steinbrink 1994, S. 148)
Die Lehre der geistlichen Beredsamkeit entwickelte sich hinsichtlich der Arbeiten im 18.
Jahrhundert weitgehend stringent weiter: im dialogischen Verfahren, ,,in der Erneuerung der
Textexegese als Erweckungsbewegung oder ob schließlich in der Entwicklung der Predigt zur
21
Die Ursachen bleiben weitgehend spekulativ und bilden immer noch großen Raum für wissenschaftliche Un-
tersuchungen, um die wahren Gründe des Verfalls der Rhetorik aufzudecken.
22
Die antike Rhetoriklehre wurde anfangs eigens für gerichtliche Zwecke verfasst (siehe Kap. 2.1).
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
34
Kultpredigt" (Ueding / Steinbrink 1994, S. 149). Die geistliche Beredsamkeit hatte vor allem
die Zuhörer als Fokus der Rede, denn sie sollten das Wort Gottes durch die Predigt verstehen
und ihr Verhalten daran ausrichten. Die Festrede konnte in unterschiedlichen Kontexten wei-
ter bestehen und wurde in ihrer Methodik individuell verwendet (Ueding 2000b, S. 65).
2.5.2 Schulungsorte der Rhetorik des 19. Jahrhunderts
Mit der 1810 einsetzenden Schulreform änderte sich zunächst nichts an der Präsenz der Rhe-
torik im Unterricht. Neben Deutsch wurde auch das Fach Rhetorik unterrichtet. Doch nach
und nach verschwammen die Grenzen zwischen Rhetorik- und Deutschunterricht woraufhin
die Rhetorik gegen Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend an Relevanz und Raum im Unter-
richt verlor (Ueding 2000b, S. 77-79). Die Rhetorik war nur in Nischen an Schulen und Uni-
versitäten gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu finden. An Universitäten musste die Rhetorik
ihre Lehrstühle an Disziplinen wie Germanistik, Geschichte, Philosophie, Literaturwissen-
schaften und auch an Naturwissenschaften abgeben. In den Schulen gab es kein eigenes Un-
terrichtsfach Rhetorik mehr und wurde weitgehend im Deutschunterricht, vor allem hinsicht-
lich Textanalysen und Erörterungen, verwendet. Das Verschwinden der Rhetorik aus dem
Schulunterricht wurde auf die Einführung der deutschen Sprache mit dem Verschwinden des
Griechischen und Lateinischen als Lehrsprache zurückgeführt. Die Rhetorik fand nun ihren
Platz im Deutschunterricht, wenn auch in abgeschwächter Form. Zu den antiken klassischen
Werken kommen diese von deutschen Schriftstellern, oder werden sogar durch diese ersetzt.
Jedoch war die Rhetorik in der Aufsatzlehre unabdingbar. Der Deutschunterricht hatte die
sprachliche und literarische Bildung als Aufgabe, welcher einen relativ modernen Literatur-
begriff hatte: Es wurden Geschichtsschreibung, Redekunst auch praktisch und Essays von
Lessing und Schiller im Unterricht behandelt (Ueding / Steinbrink 1994, S. 151-154).
,,Mit der Abschaffung des lateinischen Aufsatzes im Abitur 1890 ist auch die Rhetorik
aus der gelehrten Schule verschwunden die Universitäten hat sie schon früher verlassen
und taucht erst in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts [...] wieder auf." (Ockel 1991,
S. 370)
2.5.3 Zusammenfassung: Rhetorik im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert kann man zusammenfassend feststellen, verlor die Rhetorik weitgehend an
Ansehen: Sie verschwand als eigenständige Disziplin an Schulen und Universitäten und wur-
de in andere Disziplinen eingeordnet. Vor allem in den Kontexten Politik, Jura und Predigt-
lehre fand die Rhetorik Nischen, um in seinen Methoden Anwendung zu finden, jedoch in
untergeordneter Rolle und nicht als eigenständige Disziplin.
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
35
2.6 Rhetorik seit dem 20. Jahrhundert
Die Rhetorik des 20. Jahrhunderts scheint diffus. Anfang des 20. Jahrhunderts verschwand die
Rhetorik fast gänzlich. In den 20er Jahren kehrt die Rhetorik in den USA unter drei Aspekten
wieder zurück: Werbung und Propaganda verdeutlichen die Macht der Rhetorik und machen
diese wieder interessant; durch die Entwicklung neuer Medien und der daraus resultierenden
neuen Anforderungen werden Inhalte der Rhetorik neu entdeckt; zunehmende Demokratisie-
rung gesellschaftlicher Institutionen verleihen den Bürgern Mitspracherecht, bei welchem sich
die Methoden der Rhetorik als Hilfsmittel zur Überzeugung und Durchsetzung in der Kom-
munikation eignen (Ueding 2000b, S. 98). In den 70ern galt in gesellschaftspolitischer sowie
in wirtschaftshistorischer Hinsicht der Begriff der ,,Renaissance der Rhetorik" (Plett 1996a, S.
5). In den 90er brach ein regelrechter Rhetorik-Boom aus, welcher alle Bereiche des öffentli-
chen Lebens tangierte und die Persönlichkeit des Redners in den Mittelpunkt stellte, was je-
doch nicht dazu führte die Rhetorik wieder als eigene wissenschaftliche Disziplin zu etablie-
ren. Stattdessen ist sie in andere Disziplinen eingeordnet, wie Politik, Jurisprudenz, Philoso-
phie, Theologie, Psychologie, Naturwissenschaft, Stiltheorie und in den Medien. Vor allem
unter dem Gesichtspunkt der ständigen Weiterentwicklung von technischen Medien, wie In-
ternet und Cyberspace, wächst das Verständnis von Rhetorik stetig (Plett 1996a, S. 5-6).
Derzeit gibt es keine klaren Abgrenzungen, keine klaren Definitionen bezüglich Rhetorik, und
als wissenschaftliche Disziplin verschwindet diese nahezu. Rhetorik ist zwar überall im tägli-
chen Leben zu finden, wie in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien, etc., doch findet
sie keinen klar definierten wissenschaftlichen Raum. Die Grenzen der unterschiedlichen An-
wendungsbereiche der Rhetorik verschwimmen (Ueding 2000b, S. 84). Gerade moderne In-
teressensgebiete wie Körpersprache und auch Genderforschungsansätze in der Kommunikati-
on machen die Rhetorik zu einem aktuellen Thema. Formen des Rhetoriktrainings in unter-
schiedlichen Branchen entstehen, welche je individuelle Kommunikationsthemen behandeln
(Ueding / Steinbrink 1994, S. 157).
Die Annahme durch rhetorische Fähigkeiten Mitmenschen zu gewünschten Handlungen zu
veranlassen oder auch durch Kenntnisse der Rhetorik hinter die Stirn des anderen sehen zu
können, übt eine große Anziehungskraft auf ein Laienpublikum der Rhetorik aus und gene-
riert hohe Erwartungen an die Rhetorik (Ueding 2000b, S. 119). Vor allem im wirtschaftli-
chen Kontext sind kommunikative Fähigkeiten für eine erfolgreiche Karriere unabdingbar.
Jedoch tritt das antike Bild des vir bonus in den Hintergrund. Das individuelle Ziel wird zum
Schwerpunkt der rhetorischen Anwendung. Der tugendhafte Redner wird außen vor gelassen.
Jedes Mittel zur Zielerreichung scheint erlaubt zu sein. Dieses Verständnis der Rhetoriklehre
macht aus der Ganzheitlichkeit einer wissenschaftlichen Disziplin einen in feinste Stückchen
gehakten Methodenkatalog, dessen Einzelteile je nach Kontext eingesetzt werden können.
Eine Art Vokabelheft an rhetorischen Fähigkeiten entsteht. Assoziationen wie Schönrednerei,
Phrasenhaftigkeit, Geschwätz, Inhaltsleere und sogar Betrug treten bei vielen im Zusammen-
hang mit dem Begriff Rhetorik auf (Plett 1996b, S. 9). Diese Richtung der Rhetorik driftet
schnell in die so genannte schwarze Rhetorik ab und zielt auf Manipulation ab (Ueding /
Steinbrink 1994, S. 189-196).
2.6.1 Methodik und Inhalte moderner Rhetoriktrainings
Moderne Rhetoriktrainings wie man sie heute im Weiterbildungskatalog vieler unabhängiger
Weiterbildner findet, orientieren sich nach wie vor sehr stark an den Kenntnissen der antiken
Rhetorik. Inhalte werden an die heutigen Bedürfnisse der Seminarteilnehmer angeglichen und
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
36
es erfolgt in der Regel eine Umbenennung der antiken Begriffe, jedoch bleibt der Kern der
antiken Lehre erhalten. Dies trifft bei folgenden Themen zu:
· Der Redeaufbau: Anfang und Schluss der Rede, Kern der Rede
· Argumentation
· Unterscheidung Monolog und Dialog
Inhalte welche aufgrund des technischen und gesellschaftlichen Wandels Bedarfe erwecken,
werden zudem eingearbeitet. Dabei handelt es sich vor allem um technische Hilfsmittel bei
der Präsentation wie Stichwortmanuskript, Overhead-Projektor, Tafel, Fip-Chart und Beamer.
Vor allem der Einsatz von Beamer in Verbindung mit Powerpoint ist in den letzten Jahren
zum obligatorischen Medium der Präsentation geworden. Die Bedienung von Programmen,
wie Powerpoint, und von technischen Geräten muss vor einem Vortrag erlernt und geübt wer-
den. Daher ist es wichtig den professionellen Umgang mit den neuen technischen Geräten zu
erlernen und in den Seminaren besonderen Augenmerk auf die Vermittlung dieser technischen
Fertigkeiten zu legen, um nicht Gefahr zu laufen, hinter dem technischen Gerät zu ,,ver-
schwinden", so dass die Wirkung des Redners in den Hintergrund tritt (Kegel 2007).
Um die Redeleistung eines Seminarteilnehmers zu verbessern, gilt es nicht, diesen mannigfal-
tige Methoden der Rhetorik zu lehren, starre Lerngerüste zur Verbesserung der Redeleistung
vorzugeben oder wie nach antikem Vorbild das Prinzip der Nachahmung anzuwenden, son-
dern diesen anzuleiten eigene Potenziale zu erkennen und aus seinen je individuellen Res-
sourcen die eigene Redeleistung zu optimieren. Das Training kann daher als ,,Hilfe zur
Selbsthilfe" verstanden werden. Potentiale und Schwächen werden mit Hilfe von Fremdbeo-
bachtungen in Form von Feedbackrunden und Videoanalysen transparent gemacht und daraus
Handlungsoptionen zur Verbesserung der Redeleistung generiert. Der Redner bekommt somit
keine starre Struktur zur Gestaltung seiner Redeleistung auferlegt, sondern ist angehalten, mit
seinen je individuellen Fertigkeiten zu arbeiten und dadurch die individuelle persönliche Wir-
kung in der Redesituation ausschöpfen zu können. Der Trainer, in der Rolle des Lehrers, fun-
giert daher nicht länger als Vorbild oder Meister, sondern unterstützt den ,,Schüler" in seinem
Optimierungsprozess der Redeleistung, indem er Potenziale und Schwächen aufdeckt, dem
,,Schüler" verhilft, diese zu erkennen und mit diesen umzugehen. Der Rhetoriktrainer hat da-
mit weniger Vorbildfunktion als unterstützende, begleitende Funktion.
In modernen Rhetorikseminaren ist vor allem die Zuhörerorientierung ein wichtiger Bestand-
teil der Lehre geworden. Die Hörerführung kann durch den Einsatz von Medien verbessert
werden. Es gilt aber nicht nur die eigenen Fertigkeiten zu verbessern, sondern bereits in der
Vorbereitung der Rede und auch während des Vortrags auf die individuellen Bedürfnisse der
Zuhörer professionell eingehen zu können und situative Schwachstellen oder mögliche Stö-
rungen von rhetorischen Prozessen zu erkennen und diese souverän umgehen bzw. mit diesen
zurecht zu kommen. Es handelt sich hier also nicht nur um effektive Selbstreflexion, sondern
zudem verstärkt um Fremdreflexion. Hört das Plenum nicht zu oder wirkt unkonzentriert, so
ist es Aufgabe des Redners seinen Vortrag zu verbessern, auf die Bedürfnisse der Zuhörer
einzugehen und so Aufmerksamkeit zu erlangen und nicht die ,,Schuld" beim Zuhörer selbst
zu suchen. Aufgrund des Elements der Selbst- und Fremdreflexion treten vermehrt psycholo-
gische Komponenten im Rhetoriktraining auf. Die Person des Redners tritt auch hier in den
Fokus des Optimierungsprozesses der Redeleistung.
Der moderne Vortrag ist in den meisten Situationen weniger monologisch als dialogisch. In-
teraktion mit den Zuhörern ist ein wichtiger Bestandteil einer Rede. Die Redesituation kann
daher als ,,Dialog mit vielen Zuhörern" (Kegel 2007, S. 38) verstanden werden. Deshalb gilt
es, einen souveränen und professionellen Umgang mit Zuhörern und deren Fragen anzustre-
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
37
ben. Fragetechniken sowie mögliche Reaktionen des Plenums sollten aus diesem Grunde vor
dem Vortrag reflektiert werden, um einen guten Vortrag erwarten zu können.
2.6.2 Schulungsorte der modernen Rhetoriklehre
Soziologen, Pädagogen, Psychologen, Medien- und Kommunikationswissenschaftler behan-
deln in ihren Wissenschaften Aspekte der Rhetorik (Plett 1996, S. 5). Jedoch werden meist
einzelne Methoden herausgegriffen, die Ganzheitlichkeit der Rhetorik verschwindet dabei
weitgehend. Seit den 60er Jahren bemüht sich vor allem das Tübinger Institut um einen Wie-
deraufbau der Rhetorik als eigenständige wissenschaftliche Disziplin.
23
Stolpersteine bilden
diesbezüglich: geringes Ansehen an Hochschulen, mangelhafte Präsenz im Schulunterricht,
mangelnder Austausch zwischen Wissenschaftlern, vor allem auch im internationalen Kon-
text, und das unzureichend archivierte und verstreute historische Material (Ueding /
Steinbrink 1994, S. 157-181). Themen der Rhetorik wurden folglich in unterschiedlichen Dis-
ziplinen aufgenommen und spezifisch definiert, wie z.B.: Germanistik, Linguistik, Semiotik,
Jurisprudenz (Theodor Viehweg), Theologie (Gert Otto), Politikwissenschaft, Sprechwissen-
schaft (Hellmut Geißner), Medienwissenschaft (Helmut Schanze), Philosophie (Peter L.
Oesterreich) etc. Die Rhetorik wurde damit multidisziplinär (Plett 1996b, S. 15). Die klassi-
sche Philologie ist die ,,Hüterin der antiken Rhetorik". Jedoch konnte sich auch diese Diszip-
lin nicht als essentielle wissenschaftliche rhetorische Disziplin etablieren (Plett 1996b, S. 11).
Die Philosophie hat drei Wissenschaftler hervorgebracht, welche sich mit dem Thema Rheto-
rik befassen: Hans Blumenberg, Hans-Georg Gadamer, Jürgen Habermas. Alle drei Philoso-
phen bedienten sich der Erkenntnisse der Rhetorik im Hinblick auf die Beschäftigung mit
unterschiedlichen Fragestellungen: Blumenberg beschäftigte sich mit der Metaphorologie,
Gadamer mit der Hermeneutik und Habermas mit der Kommunikations- und Handlungstheo-
rie. Damit konnte sich die Rhetorik auch in philosophischen Überlegungen lediglich einen
Platz als ,,wissenschaftliches Werkzeug" sichern und erlangte keinen autonomen Status (Plett
1996b, S. 13). Die Rhetorik als wissenschaftliche Disziplin bietet bis heute ein breites For-
schungs- und Entwicklungsfeld.
Auch das Institut für Psycholinguistik der Ludwig-Maximilians-Universität München behan-
delt die Rhetorik in der Lehre verstärkt. Der Fokus liegt dabei vielmehr in der Methodik und
Umsetzbarkeit rhetorischer Konzepte innerhalb aktueller Kontexte. So erhalten Studierende
im Fachbereich Rhetorik ein breites Methodenrepertoire, Techniken der Rhetorik gewinn-
bringend selbst anzuwenden und auch zu lehren, was sich an den aktuellen Bedarfen, vor al-
lem in der Personalentwicklung und Führungskräftequalifizierung, orientiert. Das Institut für
Psycholinguistik ist aufgrund seiner Rhetoriklehre seit 1999 der Sitz des hochschulinternen
Programms PROFiL geworden. Dieses Programm, welches im Zeitraum von zwei Semestern
absolviert werden kann, richtet sich an den wissenschaftlichen Nachwuchs und hat zum Ziel,
die Lehre und dessen Methodik zu verbessern, um den Studierenden ein höchstes Maß an
Wissensvermittlung und effizienten Studienangeboten gewährleisten zu können. Neben den
Methoden der Rhetorik werden Erkenntnisse der Sprachverarbeitung, der Sprachmodalitäten
sowie der pädagogischen Psychologie und die Methodik des kollegialen Coachings eingear-
beitet. Dadurch erhalten die Teilnehmer des Programms ein breites, auf dem aktuellen Stand
der Wissenschaft erarbeitetes und vor allem fundiertes Methodenrepertoire an die Hand.
23
,,Die Einrichtung eines Rhetoriklehrstuhls an der Universität Tübingen hatte nicht zur Folge, daß [sic] in
Deutschland die Rhetorik als Disziplin wiedereingeführt wurde. Die Tübinger Professur blieb ein Einzelfall.
Auch im internationalen Maßstab erlebte die Rhetorik keine Renaissance als eigenständige Disziplin." (Plett
1996b, S. 15)
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
38
Im Schulunterricht ist die Rhetorik im 20. Jahrhundert bis auf wenige Nischen verdrängt. Es
gibt an weiterbildenden Schulen bisweilen Arbeitskreise mit rhetorischen Ansätzen, mit mehr
oder minder großer Nachfrage und oft wenig professioneller Aufbereitung (Ueding 2000b, S.
120). Die rhetorischen Ansätze zur Argumentation finden sich im Deutschunterricht in der
Aufsatzart Erörterung wieder, jedoch nur in schriftlicher Form.
,,Immer noch wird Rhetorik entgegen vielen Forderungen kaum im Deutschunterricht
betrieben, noch immer spielt sie eine Nebenrolle in der Ausbildung und noch immer gilt
das negative Stereotyp von Rhetorik: die Kunst, arglistig zu täuschen, hinters Licht zu
führen, zu verführen, zu bereden, vieles über Nichts sagen." (Ockel 1991, S. 370)
Mündliche rhetorische Tätigkeiten treten im Schulunterricht so gut wie gar nicht mehr seitens
der Schüler auf. Man versuchte zwar die Rhetorik als eigenes Fach in den Schulunterricht
wieder einzuführen, jedoch ohne Erfolg. Erst in den 70ern fand die Forderung nach rhetori-
scher Schulung im Unterricht mehr Gehör, indem politisches und wirtschaftliches Interesse an
Kommunikationsschulungen stieg und somit Basis für Berufsausbildungen wurde. So wurden
Gesprächsformen wie Diskussion, Dialog, Gruppengespräche und Referat im Lehrplan und
der Schuldidaktik betont (Ueding / Steinbrink 1994, S. 181-184).
2.6.3 Rhetorik im neuen Kontext: Bestandteil der Personalentwicklung in Unterneh-
men
Aus den Schulen weitgehend verdrängt hat es die Rhetorik geschafft, sich im Weiterbildungs-
segment einen sicheren Platz zu sichern: Die Erwachsenen- und Weiterbildungsszene hat nach
dem 2. Weltkrieg den praktischen Wert der Rhetorik erkannt. Der Bedarf und die Nachfrage
nach Kommunikations- und Rhetoriktrainings steigen stetig (Ueding 2000b, 106). Solche
Trainings finden in unterschiedlichen Organisationen statt, wie Vereine, Universitäten, Kir-
che, Unternehmen, etc. Im wirtschaftlichen Kontext gewann die Rhetorik die größte Bedeu-
tung. Die Erkenntnis, dass Ausbildung und Studium nicht ausreichen, um im Beruf erfolg-
reich zu sein und daher lebenslanges Lernen notwendig ist, vor allem bezüglich Inhalten, wel-
che in Schule, Ausbildung oder Studium hinten angestellt wurden, jedoch das Berufsleben
prägen, haben dazu geführt, dass Weiterbildungsmaßnahmen einen festen Platz im Unterneh-
men gefunden haben. Weiterbildungsmaßnahmen sind in den Aufgabenbereich der Personal-
entwicklung einzuordnen, welche sowohl berufsvorbereitend, berufsbegleitend als auch be-
rufsverändernd arbeitet. Ziel der Personalentwicklung ist es dabei die unterschiedlichen Inter-
essenslager zwischen Mitarbeiter (Persönlichkeitsentwicklung, Job-Life-Balance, karriereun-
terstützende Maßnahmen) und Unternehmen (Qualifikation der Mitarbeiter, welche zum Un-
ternehmenserfolg beisteuern) verbindend zu bearbeiten und Maßnahmen daraus zu generie-
ren. Neben den Weiterbildungsmaßnahmen bearbeitet die Personalentwicklung eines Unter-
nehmens Themen wie Mitarbeiterbeurteilungen, Förderprogramme, Programme zur Mitarbei-
tergewinnung und -bindung, Nachwuchssicherung, Steuerung und Planung von Verände-
rungsprozessen, u.a.
Insbesondere Softskills haben seit den 80er Jahren, in welchen begonnen wurde, vermehrt
psychologische Methoden und Erkenntnisse in den wirtschaftlichen Kontext einzuflechten, an
Bedeutung gewonnen und haben sich zum obligatorischen Teil eines erfolgreichen Mitarbei-
terprofils etabliert. Softskills, auch unter dem Begriff soziale Kompetenz bekannt, beschrei-
ben all die Fähigkeiten eines Mitarbeiters, welche nicht zu seinen fachlichen Kompetenzen
gezählt werden (Aktivität, Strukturierung von Gedanken und Organisationsgeschick, Kom-
munikation, Entwicklung der Persönlichkeit). Hinsichtlich kommunikativer Fähigkeiten hat
die Rhetorik im unternehmensinternen Kontext, speziell in der Personalentwicklung ihren
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
39
Platz gefunden. Vor allem Techniken der Präsentation gehören inzwischen zum Alltagsge-
schäft vieler erfolgreicher Mitarbeiter und Führungskräfte. Es gilt Inhalte treffend, anschau-
lich und kompetent darzustellen, um so sein Publikum sowohl fachlich als auch von der eige-
nen Person zu überzeugen. Vor allem Trainingsmaßnahmen, aber auch Coachings, werden
zum Themenbereich Präsentation, sowohl intern als auch extern, angeboten. Inzwischen ist es
kein Einzelfall mehr, dass Mitarbeiter eigeninitiativ und außerhalb des Unternehmenskontex-
tes an Rhetoriktrainings teilnehmen, da viele die Relevanz des Präsentationsthemas im Ar-
beitsalltag erkannt haben.
2.6.4 Zusammenfassung: Rhetorik seit dem 20. Jahrhundert
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich die Rhetorik als eigene wissenschaftliche Diszip-
lin im 20. Jahrhundert nur in Ansätzen etablieren konnte. Vielmehr bedienen sich benachbarte
Disziplinen an den Methoden der Rhetorik, welche sich weitgehend an der antiken Rhetorik-
lehre orientieren und versuchen Aspekte, bedingt durch technische Neuerungen wie Medien,
in die Methodik zielführend zu integrieren. An Schulen konnte sich die Rhetorik im deutsch-
sprachigen Raum kein eigenes Fach sichern, und auch an Universitäten ist außer dem Institut
für Rhetorik an der Universität Tübingen und dem Institut für Psycholinguistik der Universität
München kein Durchbruch der Rhetorik als eigene wissenschaftliche Disziplin zu verzeich-
nen. Die Rhetorik hat somit keinen festen Ort in der Lehre und ist zurückgekehrt zu den Wur-
zeln: Rhetorik wird in Form von Weiterbildungsmaßnahmen außerhalb obligatorischer Bil-
dungsveranstaltungen angeboten. Die Methodik und Didaktik der Rhetoriklehre setzt die Per-
son des Redners in den Mittelpunkt, während nach antiken Ansätzen stets die Nachahmung
von Vorbildern Schwerpunkt der Lehre war. Es wird gezielter an den Potenzialen und Schwä-
chen des Redners gearbeitet und dieser diesbezüglich gefördert. Der ,,Rhetoriklehrer" in Form
eines Rhetoriktrainers oder -coaches lehrt an den Orten und zu den Zeitpunkten, welche durch
Bedarfsanalysen von Individuen oder Organisationen identifiziert wurden. Der Rhetoriklehrer
wird im 20. Jahrhundert somit wieder zum Wanderlehrer.
2.6.5 Kommunikationstrainings: Aktuelle Zahlen
Die Rhetorik hat ihren festen Platz im Weiterbildungskanon gefunden. Präsentations- und
auch Moderations- sowie Gesprächsführungsfertigkeiten gehören zum Grundwerkzeug eines
erfolgreichen Mitarbeiters, vor allem innerhalb der Führungsebenen. Jürgen Graf veröffent-
licht zusammen mit dem Verlag managerSeminare eine jährliche Studie über die Weiterbil-
dungslandschaft in Deutschland. Marktentwicklungen sowie Angebot und Nachfrage.
Daneben werden Themen wie Honorar, Teilnehmerzahlen, Seminartage, etc. mit Hilfe von
Fragebögen, welche sowohl an Weiterbildungsanbieter als auch an Unternehmen, die Trai-
nings einkaufen, branchenspezifisch und themenspezifisch dargestellt. Im Folgenden sollen
die wichtigsten Entwicklungen für den Bereich ,,Präsentation/Moderation" zusammenfassend
dargestellt werden, um so einen Überblick über die aktuelle Schulungssituation im Bereich
Rhetorik zu erlangen. Die Daten werden der Studie ,,Weiterbildungsszene Deutschland 2007"
von Jürgen Graf entnommen.
Die Studie ,,Weiterbildungsszene Deutschland 2007" nahm für seine Themeneinteilung rund
21.000 Seminartermine von März 2000 bis Dezember 2006 als Basis, welche in der Zeit-
schrift managerSeminare veröffentlicht wurden. Jedes der Seminare wurde folglich in eine
der 20 Themenbereiche eingeordnet:
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
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· Organisationsentwicklung
· Zeitmanagement/Selbstorganisation
· Lern- und Kreativitätstechniken
· Sprachen/Interkulturelles Training
· Persönlichkeitsentwicklung
· Präsentieren/Moderieren
· Mitarbeiterführung
· Personalauswahl und -entwicklung
· Office-Management
· IT/Neue Medien
· Qualität/Service
· Projekt/Prozessmanagement
· Verkauf/Marketing
· Unternehmensführung
· Teambildung/Teamführung
· Recht
· Coaching
24
· Stressbewältigung/Gesundheit
· Konfliktmanagement
· Train-the-Trainer
(Graf 2007, S. 32-33)
Der Themenbereich Rhetorik findet sich in erster Linie in der Rubrik Präsentation/Moderation
wieder. Hier werden u.a. Themen der freien Rede, Medieneinsatz und auch Diskussion bear-
beitet. Im weiteren Sinn ist in einer Unterrubrik der Mitarbeiterführung die Rhetorik präsent,
speziell in der Gesprächsführung. Augenmerk soll jedoch auf den Themenbereich Präsentati-
on/Moderation und seine aktuellen Daten, Entwicklungen und Prognosen gelegt werden, da
sich dort die Themen der Rhetorik ganzheitlich wieder finden lassen.
Der Bereich Präsentation/Moderation umfasst neben Techniken der freien Rede, Dialektik,
Verhandlungstechniken, Umgang mit Stimme und Medien ebenso die effiziente Gestaltung
von Meetings. Diese Rubrik beinhaltet die rein kommunikativen Themen, welche die Rheto-
rik inkludieren. Sowohl Anbieter als auch Unternehmer prognostizieren seit Jahren einen
Rücklauf an Präsentationsseminaren. Jedoch zeigt die Praxis eine gegenläufige Entwicklung:
Mit einem Marktanteil von 9,5% im Weiterbildungssegment behalten Seminare der Rubrik
Präsentation/Moderation ein Großteil des Marktes. Unternehmen schreiben Seminaren im
Bereich Kommunikation, vor allem in der Effizienzsteigerung von Meetings, einen hohen
Nutzwert zu und im Hinblick auf Projekt- sowie Teamarbeit gehören kommunikative Skills
zu den Schlüsselkompetenzen.
,,Als Klassiker unter den Weiterbildungsthemen bieten Moderationstrainings wenig Neu-
es jedoch einen hohen Nutzwert. Längst ein trend- und krisenresistenter Dauerbrenner."
(Graf 2007, S. 17)
24
In der Studie wird Coaching nicht als Bezeichnung für eine bestimmte Art der Weiterbildungsmaßnahme ver-
standen, welche ein beliebiges Weiterbildungsthema prozessbegleitend in einer Zweiersituation beschreibt. Coa-
ching wird hier speziell als eine Maßnahme für Führungskräfte verstanden, welche prozessbegleitend stattfindet,
aber ausschließlich Führungsthemen als Inhalt hat. Der Themenbereich Rhetorik kann daher im Kontext dieser
Studie nicht zur Rubrik Coaching gezählt werden.
Historischer Überblick: Rhetorikschulung von der Antike bis heute
41
Die Rhetorik sichert sich somit ihr Ansehen und ihren Platz in der Schulungslandschaft und
hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Quelle spezifischen kommunikativen Wissens
etabliert, welche obligatorische Methoden bietet, um Schlüsselkompetenzen von Mitarbeitern,
vor allem im wirtschaftlichen Kontext, auszubilden.
Um die Einschätzungen der Seminaranbieter einzuholen, wurden im Juli 2006 an 3.375 Wei-
terbildungsanbieter in Deutschland, Fragebögen mit 15 Fragegruppen geschickt, welche im
Multiple-Choice-Verfahren mittels Rating-Skala zu bearbeiten waren. Es ergab sich ein Rück-
lauf von 351 Fragebögen, was einer Rücklaufquote von 10,4% entspricht. Zudem werden die
Daten der Befragungen der Vorjahre zum Vergleich herangezogen (Graf 2007, S. 35). Seitens
der Unternehmen, der Nachfrager an Weiterbildungsmaßnahmen, ist ein Rücklauf von 86
Fragebögen und einer Rücklaufquote von 3,7% zu verzeichnen (insgesamt wurden Fragebö-
gen an 2.320 Personalverantwortliche resp. Personalentwickler versendet), welche im Juli
2006 an Personalentwickler und Weiterbildungsverantwortliche in deutschen Unternehmen
versendet wurden. Themen dieser Fragebögen waren: Organisation der Weiterbildungsaktivi-
täten im Unternehmen, Auswahl der Weiterbildungsmaßnahmen und Veränderungen sowie
Prognosen bezüglich Weiterbildungsmaßnahmen. Ein Viertel der zurückgesendeten Fragbö-
gen stammt aus klein- und mittelständischen Unternehmen, der Rest aus Großunternehmen.
72% der Unternehmen gehören der Industrie- sowie Dienstleistungsbranche an (Graf 2007, S.
168).
Trainingsanbieter sind großteils von kleiner Unternehmensgröße. ,,Bildungsanbieter müssen
in erster Linie klein, vernetzt und flexibel sein, um auf unterschiedliche und zunehmend indi-
viduelle Kundenwünsche reagieren zu können." (Graf 2007, S. 36) 67% der befragten Institu-
te sind Ein-Mann-Unternehmen mit evtl. einem Mitarbeiter für Office-Arbeit. Das restliche
Drittel siedelt sich in einer Größenordnung an, welche unter einem Kleinunternehmen liegt
(Graf 2007, S. 36). 40,5% greifen nicht auf externe Kooperationspartner zurück, was jedoch
wünschenswert wäre, um so ein breites Themenspektrum abzudecken (Graf 2007, S. 42).
Weiterbildung findet also individuell statt und wird von autonomen Trainern durchgeführt,
welche flexibel auf die Wünsche des Kunden eingehen können.
25
In der Regel werden sowohl interne als auch offene Seminare abgehalten, welche sich in ei-
nem Verhältnis von 3:1 verhalten (75,2% firmeninterne Seminare; 24,8% offene Seminare;
(Graf 2007, S. 79). Das bedeutet, dass etwa drei Viertel der Weiterbildungsangebot intern im
Unternehmen zu einem bestimmten Thema stattfinden und sich das restliche Viertel auf offe-
ne Seminare verteilt, an welchen Teilnehmer unterschiedlicher Unternehmen mit gleichen
Interessenslagen teilnehmen (Graf 2007, S. 78). Dieses Übergewicht an internen Veranstal-
tungen ist auf rein ökonomische Aspekte seitens der Unternehmen zurückzuführen: Durch die
gezielte Konzeption eines Trainings zu einem bestimmten firmeninternen Themenbereich,
sowohl intern als auch extern, durchgeführt, können mehrere Teilnehmer geschult werden,
mit dem Ziel den gleichen Kenntnisstand zu erreichen. Zudem gestaltet sich eine Weiterbil-
dungsmaßnahme günstiger, bei welcher seitens des Unternehmens die Teilnehmerzahl, Ort,
Seminarhotel, etc. festgelegt werden können, als jeden Teilnehmer auf einzelne Seminare zu
schicken.
Zu betonen ist die zunehmende ,,Unterqualifizierung" der Trainer. Durch sehr niedrige
Marktzutrittsbarrieren es kann sich im Grunde jeder Trainer nennen ist der Weiterbil-
dungsmarkt überflutet von Trainern, welche selten einen Hochschulabschluss in den entspre-
25
Vergleichbar ist dies mit den Wanderlehrern der Sophisten, welche alleine durchs Land zogen und direkt vor
Ort ,,Schulungen" im Bereich Rhetorik abhielten.
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