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zum Thema Krieg. Die USA müssen zurzeit im Irak auf schmerzlichste Weise diese Erfahrung machen. Es stellt sich unweigerlich die Frage, aus welchen (Rechtfertigungs-)Gründen Kriege begonnen werden. Das alljährlich herausgegebene Konfliktbarometer des Heidelberger Instituts für internationale Konfliktforschung nennt folgende Punkte, aufgrund deren Kriege im Jahre 2006 geführt wurden: Territorium, Sezession, Dekolonialisierung, Unabhängigkeit, System bzw. Ideologie, nationale und internationale Macht, regionale Vormacht und Streitereien um Ressourcen. Insgesamt verzeichnete das Institut 278 politische Krisen, wovon sechs als Kriege bezeichnet werden. Die Anzahl der geführten Kriege 2006 gegenüber 2005 nahm von zwei auf sechs Kriege zu. Neben dem Sudan (speziell die Region Darfur), Somalia, Afghanistan, Sri Lanka und Israel wird natürlich auch der Irak als Kriegsland erwähnt. 1
Innert wenigen Wochen konnten die USA das Regime von Saddam Hussein dank der technischen wie physischen militärischen Überlegenheit stürzen. Im Mai 2003 erklärte US-Präsident George W. Bush medienwirksam inszeniert auf dem Flugzeugträger USS Abraham
Lincoln den Krieg gegen den Irak formal für beendet. Ä)UHLOLFKLVWGLH6FKODFKWLP,UDNQXU HLQ6LHJLP.ULHJJHJHQGHQ7HUURUGHUDP6HSWHPEHUEHJRQQHQKDWXQGIRUWJH
VHW]WZLUG. 2 Ungeachtet der anhaltend schwierigen Sicherheitslage im Irak verkündete Bush mit seinem statement ÄPLVVLRQ DFFRPSOLVKHG³ das Ende des Kriegs gegen den Irak. Die
USA haben den Krieg gegen das Militär des Iraks gewonnen, nicht aber denjenigen gegen die irakische Gesellschaft. 3
Die Realität im Irak sieht nach mehr als drei Jahren ganz anders aus, als es sich die Bush-Administration erhofft hatte. Experten reden seit Monaten von einem faktischen Bürgerkrieg zwischen den verfeindeten Schiiten und Sunniten. Nur im Norden des Iraks, wo mehrheitlich Kurden leben, herrscht gespannte Ruhe, wobei es auch hier immer wieder zu blutigen Anschlägen kommt. Pro Tag sterben durchschnittlich mehr als 50 Personen infolge Terroranschlägen auf öffentliche sowie zivile Einrichtungen. Eine im Oktober 2006 veröffentlichte wissenschaftliche Studie der John-Hopkins Universität belegt, dass seit Beginn der amerika- 1 HeidelbergInstitute for International Conflict Research. Conflict Barometer 2006. Online im Internet:
http://www.hiik.de/konfliktbarometer/pdf/ConflictBarometer_2006.pdf [Stand: 3.1.2007].
2 Neue Zürcher Zeitung, Ausgabe vom 3. Mai 2003, Nr. 101.
3 Czempiel (2004): S. 19.
1
nischen Invasion Anfang März 2003 weit über eine halbe Million Menschen ums Leben gekommen sind. 4 Auch wenn die angegebene Zahl aufgrund der schwierig zu eruierenden Messdaten sowie der niedrigen Fallzahl mit Vorsicht zu geniessen sind, so erscheint die Zahl wesentlich glaubwürdiger als die von der Bush-Administration angegebenen 30'000 Toten zu Beginn des Jahres 2006.
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Aus welchen Gründen werden also Kriege geführt, wenn doch die Konsequenzen immer die gleichen sind: Tod, Zerstörung, Hoffnungslosigkeit und Wut bei der Bevölkerung. Krieg ist kaum je monokausal zu erklären: Ökonomische, religiöse, politische, ideologische, und kulturelle Kriegsgründe bedingen sich meist gegenseitig.
Die zentrale Fragestellung für Kapitel zwei bis sieben sowie die Fragestellung EH]RJHQ auf
den Irakkrieg lauten demnach wie folgt:
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Die Idee, eine solche Arbeit in Angriff zu nehmen, entstand während des Seminars der politischen Philosophie bei Prof. Dr. Georg Kohler und Dr. Urs Marti mit dem Titel „Die neuen Kriege und das Gebot des Friedens. Zur Philosophie der Machtpolitik in Zeiten der Globalisierung“ im Wintersemester 2003/2004.
In einem ersten Teil widmet sich die Arbeit den verschiedenen Aspekten der Kriegsgründe sowie deren Rechtfertigung, welche in den verschiedenen Zeitepochen im Rahmen der Debatte der politischen Theorie jeweils hervorgehoben wurde. Eine Art Ideengeschichte der Kriegsgründe ist dabei entstanden. Die Auswahl der Zeitepochen wurde hauptsächlich an-hand historischer Wendepunkte festgelegt und sieht wie folgt aus: Beginnend mit Kapitel 2 werden die verschiedenen Rechtfertigungsgründe für den Peloponnesischen Krieg im 5. Jahrhundert v. Chr. eruiert. Thukydides als wichtiger Zeitgenosse und bedeutender Historiker der damaligen Zeit beschreibt nicht nur die Geschehnisse des Peloponnesischen Kriegs, sondern analysiert auch die Hintergründe, welche zu diesem Krieg geführt haben sollen. Schon alleine diese Tatsache führt dazu, dass Thukydides und „sein Krieg“ in dieser Arbeit berücksichtigt werden. Die Wahl des Peloponnesischen Krieges er- 4 TheEconomist, Ausgabe vom 12. Oktober 2006/ Neue Zürcher Zeitung, Ausgabe vom 13. Oktober 2006, Nr. 238, S. 7.
2
klärt der Autor zusätzlich damit, dass die Faktenlage über den Krieg relativ gut abgestützt ist. Kapitel drei befasst sich mit den verschiedenen Kriterien der gerechten Kriegstheorie, die im Mittelalter von verschiedenen Gelehrten beginnend mit Augustinus entwickelt wurden und noch heute ihre Anwendung finden, wenn es darum geht, einen Krieg mittels der gerechten Kriegstheorie zu rechtfertigen. Kapitel vier setzt sich neben der historischen Entwicklung mit den Errungenschaften des klassischen und modernen Völkerrechts auseinander. Es soll aufgezeigt werden, inwiefern ein Krieg innerhalb des Völkerrechts gerechtfertigt werden kann bzw. darf. Clausewitz berühmtes Werk „ vom Kriege“ wird in Kapitel fünf thematisiert. Clausewitz Auffassung vom Krieg lässt sich in eine existentielle sowie instrumentelle Auffassung unterteilen. Anhand dieser Unterscheidung wird versucht, die grundlegenden Kriegsgründe, wie sie Clausewitz verstanden hat, herauszuarbeiten. In Kapitel sechs werden neben den grundlegenden Aspekten des Kalten Krieges diejenigen Rechtfertigungsgründe herausgearbeitet, die für diese Epoche so prägend waren. Während in den vorherigen Kapiteln die Rechtfertigungsgründe für einen Krieg auf einer allgemeinen Stufe abgehandelt wurden (Ausnahme Peloponnesischer Krieg), wird in Kapitel sechs ein konkretes Fallbeispiel eines Krieges analysiert. Kapitel sieben befasst sich mit den humanitären Interventionen in den 1990-er Jahren. Analog zum Völkerrechtskapitel werden in diesem Abschnitt mögliche Rechtfertigungsgründe innerhalb des Völkerrechts diskutiert. Im Kapitel acht schliesslich wird der Irak sozusagen als empirisches und hochaktuelles Fallsbeispiel anhand der verschiedenen Rechtfertigungsgründe, die von den USA ins Feld geführt werden, analysiert.
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Zahlreiche Bücher, Aufsätze und Artikel in Zeitschriften wurden vor und vor allem nach der offiziellen Beendigung der Feindseligkeiten veröffentlicht. Wurden noch vor dem Irakkrieg die Kriegsgründe hauptsächlich mit völkerrechtlichen Argumenten gerechtfertig, so änderte sich dies nach den ersten Wochen und Monaten nach dem Irakfeldzug. Weder konnten die von der Bush-Administration verkündeten Massenvernichtungswaffen gefunden werden, noch konnte eine Verbindung zwischen der Terrororganisation Al-Kaida und Saddam Hussein nachgewiesen werden. Seit der Invasion Iraks und den nicht endenden Sicherheitsproblemen kamen immer neue Insider-Informationen ans Tageslicht, wobei sich die Literatur vor allem auf die völkerrechtlichen und sicherheitspolitischen Rechtfertigungsgründe fokussiert hat.
3
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Thukydides gilt als bedeutendster Historiker der Antike und eigentlicher Begründer der Realpolitik und der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung. Thukydides nahm für sich in Anspruch, eine empirische Geschichte über den Peloponnesischen Krieg zu entwerfen, die für die Nachwelt als Erinnerungswerk grösster Bedeutung geschrieben wurde. 5 Von seinem berühmten Vorgänger Herodot distanzierte er sich, indem Thukydides die mythischen Vorstellungen ausklammerte und nach Ursachen, Triebkräften und Kausalzusammenhängen der Kriegsgeschehnisse fragte. 6 Im Rahmen des Krieges zwischen den griechischen Stadtstaaten Athen und Sparta im 4. Jahrhundert v. Chr. fokussierte er sich auf das Phänomen „ Macht“ , deren Voraussetzungen, Formen der Ausübung sowie Missbrauch. 7 In dem er sich auf die Macht konzentrierte, wurde die kriegerische Auseinandersetzung zwischen Sparta und Athen seither als universelles Kriegsbeispiel betrachtet, das allen Völkern zu jeder Zeit widerfahren kann. 8 Bemerkenswert ist, dass Thukydides bereits zwischen den „ tiefen“ bzw. „ wahren“ Kriegsgründen und blossen kurzfristigen Kriegsanlässen unterschied. 9 Thukydides bezeichnete den Peloponnesischen Krieg als den grössten Krieg, der Griechenland, ja sogar der ganzen Welt widerfuhr und selbst die persischen Kriege in den Schatten gestellt hätte. 10
Zwecks besseren Verständnisses wird im folgenden Kapitel ein kurzer Abriss über den Kriegsverlauf des Peloponnesischen Krieges gemacht, bevor dann detailliert auf die Kriegsgründe eingegangen wird.
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Der Peloponnesische Krieg wurde zwischen Athen mit seiner „ Koalitionsgruppe“ , dem Attischen Seebund 11 , und seinem Rivalen Sparta geführt. Als Gegenstück zum Athener Bündnissystem konnte sich Sparta auf den Peloponnesischen Bund 12 berufen. Der Krieg dauerte von ca. 431 bis 404 v. Chr. und endete mit dem Sieg der Spartaner. Angefügt werden
5 Thukydides I. 22, 4.
6 Schulz (2003): S. 2.
7 Rengakos (1984): S. 9.
8 Hanson (2005): S. 7.
9 Kagan (1969): S. 57.
10 Thukyides, I, 1.2. Neben den Kriegshandlungen in der Ägäis und auf dem griechischen Festland gab es weitere Konflikte
im westlichen Mittelmeer, insbesondere auf Sizilien, in Gebieten des heutigen Süditaliens sowie westliche Teile des Perser-Reiches. Thukydides bezeichnete den Krieg als „ grösste Erschütterung Griechenlands“ .
11 Der so genannte Attische-Delische Seebunde umfasste viele Städte und ägäische Inseln (u.a. Kos und Rhodos) sowie die
Küstengebiete entlang der heutigen türkischen Grenze.
12 Zum Peloponnesischen Bund gehörten einige Stadtstaaten auf dem Peloponnes sowie Inseln östlich von Sparta (u.a.
Melos, welches von den Athenern zerstört wurde. Siehe im Melierdialog Thukydides).
4
muss, dass die Rivalitäten zwischen den beiden Stadtstaaten schon etliche Jahrzehnte vorher begonnen haben. Thukydides spricht dabei von der Pentekontaetie, jenen Zeitabschnitt, welcher von 478 bis 431 v. Chr. dauerte. Folglich sind auch die „ wahren“ Ursprünge der Kriegsgründe in dieser Phase zu suchen. 13 Der Peloponnesische Krieg wird in die Konfliktphasen „ Archidamischer Krieg“ , „ Nikiasfrieden“ und „ Dekeleisch-ionischer Krieg“ eingeteilt. 14
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Der Archidamische Krieg, benannt nach dem spartanischen König Archidamos II, begann 431 v. Chr. mit dem Einmarsch spartanischer Truppen in das Hinterland von Athen. Grosse Teile der Ernte wurden dabei vernichtet. Athen unter der Führung Perikles 15 verschrieb sich der defensiven Militärführung. Ein offener Schlagabtausch mit Spartas Truppen wollte Perikles unbedingt vermeiden. Das zahlenmässig wie waffentechnisch überlegene Landheer Spartas brachte Athen zu dieser militärisch gesehen klugen Einsicht. Die Pest, nicht die kriegerischen Auseinandersetzungen, war primär Schuld an den vielen Toten, die Athen in den ersten Kriegsjahren zu beklagen hatte. Laut Schätzungen starb rund ein Viertel der athenischen Bevölkerung an den Folgen der Pest. Das nach dem Tod von Perikles hinterlassene Machtvakuum machte Athen neben der grassierenden Pest am meisten zu schaffen. Bei den internen Machkämpfen um das Erbe Perikles gewann schliesslich Kleon das Rennen und verwaltete Athen fortan als schillernder und einflussreicher Politiker. 16 Bei militärischen Beratungen wurde Kleon vom bewährten Strategos Demosthenes unterstützt. Kleon und Demosthenes erreichten einen für den Verlauf des Krieges folgenschweren Sieg in Pylos. Mehr als 400 spartanische Hopliten fielen in die Gefangenschaft von Athen und konnten nun als Faustpfand für zukünftige Friedensverhandlungen mit Sparta verwendet werden. Zudem mussten die Athener nicht mehr befürchten, dass Sparta weitere Invasionen auf der Peloponnes führen würde. 17 Athen gelang es daraufhin, weitere spartanisch gesinnte Polis einzunehmen, mit Ausnahme von Megara, wo der spartanische Strategos und Feldherr
13 Hanson (2005): S. 3ff.
14 Donald Kagan, ein anerkannter Historiker, hat diese Einteilung u.a. vorgenommen und gilt als international anerkannt.
Der Autor folgt dieser Darstellung.
15 Perikles, Mitglied des athenischen Adels, amtete während 15 Jahren als Strategos (antike Bezeichnung für militärischer
Befehlshaber) in Athen und verfügte über grossen politischen Einfluss in der Polis ab Mitte des 5. Jh. bis zwei Jahre nach
Ausbruch des Peloponnesischen Kriegs. Jene Jahre werden als „ Zeitalter des Perikles“ bezeichnet. Siehe Welwei (1999): S.
163. Ab der Kimon-Ära erweiterte sich der Machteinfluss eines Strategos in Athen. Die Position des Strategos beschränkte
sich nicht mehr auf die militärische Führung der eigenen Armee, sondern konnte erheblichen Einfluss auf die politischen
Prozesse und Entscheidungen innerhalb einer Ekklesia (Volksversammlung) nehmen. Siehe Stein-Hölkeskamp (1989): S.
208.
16 Im Gegensatz zu Perikles, der gemässigt in seinen politischen Ansichten war und dem staatsmännische Fähigkeiten nach-
gesagt wurden, war Kleon der „ typische“ Machtmensch. Er plädierte vehement für eine aggressive Vorgehensweise gegen-
über Sparta. Im krassen Gegensatz zur distinguierten Art, die die Athener bei den öffentlichen Auftritten Perikles kennen
gelernt hatten, stand diejenige Kleons, der tobend und drohend und mit vulgären Ausdrücken die Zuhörer in seinen Bann
ziehen konnte. Siehe auch Welwei (1999): S. 167-169.
17 Dies aus dem Grund, weil Athen mit der Hinrichtung der Hopliten drohte. Welwei (1999): S. 184.
5
Brasidas erfolgreich einen athenischen Angriff abwehren konnte. Der Einfall in Thrakien sowie die Einnahme von Amphipolis gingen auf das Konto Brasidas, der nun über einen bedeutsamen wirtschaftlichen Umschlagplatz für Metalle und Holz herrschte. Wichtiges Schiffsbauholz ging für Athen damit verloren.
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Anfang 421 v. Chr. einigten sich Athen und Sparta auf ein Vertragswerk, welches die beiden Hegemonialmächte inkl. die Bündnispartner dazu verpflichtete, die seit 431 v. Chr. eroberten Gebiete zu räumen. 18 Zudem einigten sich die beiden Konfliktparteien auf einen Gefangenenaustausch. Das Vertragswerk zeigte sich schnell als brüchig, zumal Athen und Sparta jeweils ihr Bündnissystem wenn nicht vergrössern dann doch konsolidieren wollten. Vor allem die Bündnispartner Athens und Spartas hielten sich nicht an die Bestimmungen und suchten ihrerseits nach neuen Allianzen. Das 421 v. Chr. errichtete Bündnis zwischen den Stadtstaaten Argos, Elis, Mantineia und Athen führte schlussendlich zur militärischen Intervention Spartas. Argos erwies sich als steter Unruheherd, da es innerhalb Argos proathenische und pro-spartanische Gruppierungen gab. Versuche, weitere „ Akquisitionen“ für das jeweilige Bündnissystem zu tätigen, zeigte sich exemplarisch im so genannten Melierdialog 19 , der gleichzeitig ein Prunkstück von Thukydides Ausführungen symbolisiert. Die Bewohner der Insel Melos (und zugleich Kolonie von Sparta) hatten sich während des Peloponnesischen Krieges neutral verhalten und sich geweigert, dem Seebund beizutreten. 416 v. Chr. erfolgte die Belagerung von Melos durch athenische Seestreitkräfte. Nach erfolglosem Ultimatum an Melos, sich widerstandslos zu ergeben, stürmten die athenischen Soldaten die
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Ein gewaltiges athenisches Flottenheer mit mehr als 32'000 Soldaten stach 415 v. Chr. in See mit dem Ziel, die mächtige Polis Syrakus auf Sizilien zu besiegen. Hintergrund der Expedition war die Absicht Athens, seine machtpolitische Einflusssphäre auszudehnen. Die Sizilien-Expedition endete für Athen im Fiasko, ein Grossteil der Flotte wurde im Hafen von Syrakus vernichtet.
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Die erlittene Niederlage bei der Sizilien-Expedition darf durchaus als Beginn des Untergangs der Hegemonialmacht Athens gedeutet werden. Mitentscheidend für den Untergang Athens
18 Thukydides V. Buch, 18, 1.
19 Thukydides V. Buch, 84-116.
20 Thukydides V. Buch, 116, 2.
6
war Spartas Übereinkommen von 412 v. Chr. mit dem Persischen Reich. Im Vertrag wurde vereinbart, dass Sparta seine Küstengebiete in Kleinasien an das Persische Reich abgeben würde. Im Gegenzug versprach das Persische Reich, regelmässige Zahlungen in Form von Gold an Sparta zu tätigen. Sparta konnte mit den zusätzlichen finanziellen Mitteln seinen Schiffbau weiter vorantreiben. 407/406 v. Chr. kam es zur Seeschlacht zwischen den Flotten Athens und Spartas, wobei letzteres den Sieg davontragen konnte. Im gleichen Jahr erfolgte die Seeschlacht bei den Arginusen, einer Inselgruppe in der Ägäis, und endete mit dem Sieg Athens. Allerdings musste der Sieg aufgrund der eigenen hohen Verluste teuer erkauft werden 21 . Im so genannten Arginusenprozess verurteilte die Eklesia (Volksversammlung Athens) sämtliche an der Schlacht beteiligten Strategos zum Tode. 22 Athen beraubte sich dadurch seines eigenen erfahrenen Militärs. An der Küste des Hellespont (Dardanellen) gelang Lysander beinahe die komplette Vernichtung der athenischen Schiffsflotte. Athen war dadurch entscheidend geschwächt und musste nach der Hungerblockade der Hauptstadt bedingungslos kapitulieren. Der Peloponnesische Krieg war damit beendet.
In den folgenden Kapiteln wird vor allem auf die politischen Gegebenheiten Athens bis kurz vor Ausbruch des Krieges eingegangen. Nur am Rande wird die politische Situation Spartas thematisiert. Zum Einen weil die historische Faktenlage auf Seiten Athens wesentlich klarer ist als bei Sparta. Zum Anderen weil die Eruierung der „ wahren Kriegsgründe“ sehr gute Kenntnisse über den Aufstieg Athens zur Hegemonialmacht voraussetzt. Zudem eröffnete formal Sparta den Krieg. Daher sind die Kriegsgründe resp. Rechtfertigungsgründe vor allem auf Seiten Spartas zu suchen.
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Als ein wichtiges Quellendokument für die Eruierung der von Athen erwähnten Kriegsgründe wird die Rede in Sparta herbeigezogen. 23 Hier werden die wesentlichen Grundzüge der athenischen Aussenpolitik skizziert, von denen teilweise Spartas Rechtfertigungsgründe abgeleitet werden können. Der Gesandte Athens stellte zu Beginn seiner Rede fest (und dies durchaus zu Recht), dass Athens schlagkräftige Seeflotte einen entscheidenden Beitrag zur erfolgreichen Vertreibung der „ Barbaren“ resp. Perser aus dem Kernland Griechenlands geleistet und zudem grossen Anteil an der Befreiung grosser Teile der Küstengebiete Klein-
asiens habe. Der Gesandte erklärte zudem, GDVVÄZLU>$WKHQ@QLFKWV9HUZXQGHUOLFKHVJHWDQ
21 Laut Quellen konnten zahlreiche Schiffbrüchige infolge eines starken Unwetters auf hoher See nicht geborgen werden.
22 Welwei (1999): S. 238.
23 Thukydides I, 73-78.
7
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£ 24 .
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War Sparta beim Hellenenbund 25 während den Perserkriegen (1. Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr.) die Rolle des Oberbefehlshabers zugesprochen worden, so übernahm Athen beim neu gegründeten delisch-attischen Seebund die Führerschaft. Jedes einzelne Mitglied ging bilateral mit Athen einen Vertrag ein. Thukydides erwähnt in seinem 1. Buch, dass die
Gründung des Seebundes auf das 0RWLY GHU 9HUJHOWXQJ gegenüber dem persischen Reich
zurückzuführen wäre, welches grosses Leid und Zerstörung bei der griechischen Bevölkerung zufügte und nun Vergeltungsmassnahmen ergriffen werden müssten. 26 Allerdings beschränkte sich die Zerstörung mehrheitlich auf das Kernland Griechenland und die Polis Athen selber. Die meisten griechischen Polis wurden von den Perser-Feldzügen verschont und konnten wohl kaum mit dem Vergeltungs-Argument für den Seebund gewonnen werden. Kommt hinzu, dass die Bündnisverpflichtungen kostspielig waren. Dennoch beharrte Athen (vorerst) darauf, dass aufgrund des Vergeltungmotivs persische Gebiete verwüstet werden sollten. Thukydides bezeichnete das Rachemotiv als propagandistische Rechtfertigung zwecks Verschleierung der wahren Ziele des Seebundes. 27
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Was war also das eigentliche Ziel des Seebundes? Hier muss der geschichtliche Aspekt ins Auge gefasst werden. Bereits 479 v. Chr., kurz vor der Gründung des Seebundes, begannen athenische und spartanische Streitkräfte die Westküste Kleinasiens zu befreien. Die dortigen Polis befürchteten Vergeltungsmassnahmen seitens des persischen Reichs. Nach dem Wegfall Spartas drängte sich Athen als neue Schutzmacht auf. Für Athen wiederum bedeutete der Seebund eine erweiterte Sicherheitsbarriere. Der Erzfeind (Persien) konnte sozusagen auf grösserer Distanz gehalten werden. Ein Argument für den Seebund betrifft folglich die Sicherheit. Ein anderes Argument betrifft die zunehmende Machtpolitik Athens ab 480 v. Chr. Es wird die These aufgestellt, dass Athen gegen das persische Reich weiterkämpfte, um seine machtpolitischen Ziele, also ihren Einfluss auf neue Gebiete, auszudehnen. Als Instrument zur Durchsetzung dieses Zieles diente dabei die Gründung des Seebundes. Athen ver-
24 ThukydidesI. Buch, 76, 2.
25 Der Hellenbund wurde im Rahmen der Perserkriege 481 von griechischen Poleis (u.a. Sparta und Athen) gegründet,
verlor jedoch nach der Gründung des Seebundes wenige Jahre später zunehmend an Bedeutung.
26 Thukydides I, 96, 1.
27 Welwei (1999): S. 81. Jedes Mitglied musste entweder Kriegsmaterial inkl. Personal bereitstellen oder einen Phoroi,
(Geldbeitrag) als Ersatzleistung verrichten.
8
suchte nun anfänglich mittels des Vergeltungsmotivs das Daseinrecht des Seebundes seinen potentiellen Mitgliedern schmackhaft zu machen.
Zur Legitimierung des Seebundes verwendete Athen zusätzlich den $VSHNWGHU)UHLKHLW. Die
Befreiung der kleinasiatischen Poleis und die Vertreibung der perserfreundlichen Stadtregimenter führte zur Beendigung der Tributzahlungen an die Stadthalter sowie die Unabhängigkeit von persischen Befehlen. Die wiedererlangte Freiheit wurde durch den Eintritt in den Seebund und den damit verbundenen Verpflichtungen teilweise wieder kompromittiert. Der Freiheitsaspekt geht mit dem Aspekt des Schutzes einher: In dem die Athener den Poleis Schutz vor zukünftigen Perser-Angriffen garantierten, konnten sie mit dem Freiheitsaspekt sozusagen das Existenzrecht des Seebundes zusätzlich legitimieren.
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Neben dem Zurückdrängen der persischen Einflusssphäre und der Gründung des delischattischen Seebundes war die Regierungszeit Kimons ein weiterer wichtiger Erklärungsfaktor für den athenischen Aufstieg zur Hegemonialmacht. Kimon stammte aus einer traditionellen adligen Familiendynastie und wurde 478 v. Chr. erstmals Strategos. Er leitete mit grossem Erfolg als Befehlshaber der Bundesstreitmacht Eroberungskriege gegen die Stadtstaaten Eion, Skyros und Karystos. 28 Die Eingliederung der Polis Karystos in den Seebund symbolisiert eine Kehrtwende der bisherigen Vorgehensweise Athens bei der Anwerbung neuer Mitglieder für den Seebund. Erstmals schreckte Athen nicht vor militärischer Gewaltanwendung zur Ausweitung seines Bündnissystems zurück. WELWEI nimmt an, dass im Fall Karystos die Eigeninteressen Athens deutlich zum Vorschein kommen. Geographisch lag Karystos mitten in der Einflusssphäre Athens, weitab vom persischen Reich, und konnte daher kaum als ergänzenden Stützpunkt zwecks Festigung der Sicherheitsbarriere gegenüber dem persischen Reich gerechtfertigt werden. 29
Die Zielsetzung des Seebundes verwischte sich zusehends mit den Eigeninteressen Athens. Die föderativen Elemente des Bundes (Entscheidungs- und Handlungsfreiheit) schwächten sich gegen Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. zusehends ab, und es entwickelte sich eine Dependenz zwischen Athen und den restlichen Polis. Anzeichen dafür finden sich in den Generaldekreten, die den Willen der Athener dokumentieren, über Bündnispartner eine straffe
28 Kimon überführte die angeblichen Überreste des sagenumwobenen Staatsgründers Athens, Theseus, nach Athen. Mit
dieser geschickt inszenierten Verbindung von Mythos Geschichte und Gegenwart verfestigte Kimon sein Ansehen in der
Polis.
29 Welwei (1999): S. 85.
9
Kontrolle zu führen. 30 Ein Austritt einer Polis aus dem Bund hätte neben finanziellen Einbussen auch ein Zeichen für andere Mitglieder sein können, aus dem Bund auszusteigen. Daher galt es, jeglichen Austritt eines Mitgliedes aus dem Bund zu verhindern und wurde, falls dies dennoch geschehen sollte wie im Fall Naxos, mit militärischer Gewalt geantwortet. 31 Das gleiche widerfuhr dem Stadtstaat Thassos wenige Jahre später. 32
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Speziell an Kimon war seine Beziehung zu Sparta. Als politischer Repräsentant Spartas in Athen pflegte Kimon bereits in seinen jüngeren Lebensjahren eine besondere Freundschaft zu Sparta. 33 Dies zeigte sich nach dem fürchterlichen Erdbeben von 464, welches Sparta in grosse Mitleidenschaft zog. Die vorläufige Schwächung Spartas wollten die Heloten 34 ausnützen und versuchten in Aufständen aus ihrer gesellschaftlichen Stellung auszubrechen. Sparta bat um Athens Hopliten-Armee. Schliesslich wurden über 4'000 Hopliten mit Kimon als Strategos nach Sparta entsendet, die an der Belagerung der Zufluchtsstätte der Heloten auf dem Berg Ithome teilnahmen. Die Hilfe Athens wurde allerdings nicht lange in Anspruch genommen. Warum die Hopliten vorzeitig nach Athen zurück geschickt wurden, findet man in einigen Ausführungen Thukydides. 35 Einerseits imponierte die mitgebrachte Erfahrung der athenischen Hopliten im Belagerungskampf die spartanischen Strategos. Andererseits befürchtete Sparta, dass sich bei einem längeren Aufenthalt der Athener der „ demokratischrevolutionäre Geist“ Athens auf die Heloten übertragen würde. 36
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Von grosser Wichtigkeit ist hierbei, dass sich in Sparta und Athen die politischen Systeme
formal und praktisch deutlich unterschieden. Ein wichtiger Aspekt der VSDUWDQLVFKHQ 2UG QXQJ war der starke politische Einfluss, den bestimmte Einzelpersonen und Kräftegruppen in
dieser Zeit besassen. Allgemein spricht man von der spartanischen Oligarchie, die Herrschaft einzelner reicher Personen. Die politischen Entscheidungsprozesse in Sparta wurden haupt-
30 ImChalkidisdekret verpflichtete sich die Polis Chakidis, jegliche Austrittsbestrebungen aus dem Seebund zu unterbinden,
verdächtige Personen anzuzeigen, die Phoroi fristgemäss zu entrichten, den Athenern militärisch beizustehen sowie Heeres-
folge zu leisten. Schulz (2003): S. 22.
31 Die genauen Beweggründe Naxos sind bei Thukydides nicht zu finden. Möglich wäre, dass sich das eigentliche Ziel des
Seebundes, nämlich die Sicherheit vor einen neuerlichen Angriff der Perser zu garantieren, zu Gunsten der Eigeninteressen
Athens verschob und gewisse Mitglieder verunsicherte.
32 Welwei (1999): S. 89.
33 Kagan (1969): S. 60, 268. Auch Perikles unterhielt mit dem spartanischen König Archidamus freundschaftliche Bezie-
hungen. Kagan spricht sogar von einer Freundschaft,
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0 8 $ @ 9 # # A ¢ ( @ © ¨ # 0 ¨ B 7 C 34 Als Heloten bezeichnete man die von den Spartanern ab 1000 v. Chr. unterjochten Volksstämme auf dem Peloponnes. Sie
wurden zu Sklaven degradiert, machten aber über 50% der spartanischen Bevölkerung aus und waren ein steter Gefahren-
herd.
35 Kagan (1969): S. 73.
36 Thukydides I, 102.
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sächlich durch die zwei Könige und die 5 Ephoren, welche als Beratungs- und Kontrollorgan der Könige fungierten, wahrgenommen. Der Ältestenrat (Gerusie) debattierte neben den Ephoren über aktuelle Sachfragen und legte diese anschliessend der Volksversammlung zur Abstimmung vor. 37 Formal war die Volksversammlung zwar die oberste Entscheidungsinstanz über völkerrechtliche Verträge, Krieg und Frieden. In der Gestaltung der Politik spielte sie aber nur eine untergeordnete Rolle. Die Teilnehmer der Volksversammlung konnten nur Vorlagen der Ephoren bzw. der Gerusie annehmen oder ablehnen, besassen im Gegensatz zur athenischen Volksversammlung kein Antrags-, Initiativ- und Rederrecht. Auch wurde die Funktion der Gerichtsbarkeit nicht der Volksversammlung übertragen. 38
Während in Sparta die Tagespolitik mehrheitlich durch eine kleine wirtschaftlich und macht-
politisch starke Adelsschicht dominiert wurde, war die Demokratie in $WKHQ schon weit fort-
geschritten. In Athen stand die Volksversammlung im Zentrum des politischen Entscheidungsprozesses. Der Rat der 500 39 ernannte 50 Personen zu Vorberatenden (Prytanen), die als Ausschuss über aktuelle Sachfragen berieten und provisorische Beschlüsse fällten. Ein Vorbeschluss wurde dann der Volksversammlung unterbreitet. Die Volksversammlung konnte den Vorbeschluss jederzeit abändern, diesen zurückweisen und einen neuen Antrag einbringen. Des Weiteren konnte ein Bürger Athens Anträge an die Prytanen stellen, welche dann im Ausschuss diskutiert wurden und allenfalls vor die Volksversammlung gelangte. Der Rat und der Ausschuss standen zwar im Mittelpunkt der staatlichen Geschäftstätigkeit, das Zentrum der Macht hingegen stellte die Volksversammlung dar.
Die vorzeitige Heimsendung der Athener hatte innenpolitisch sowohl in Athen als in Sparta tief greifende Konsequenzen: Einerseits wurde die aufstrebende Kriegspartei Spartas in ihrer Auffassung bestärkt, Athen sei aufgrund seiner zunehmenden Macht eine Gefahr für Sparta. Andererseits erhielt Ephialtes, ein erbitterter Oppositionsführer Kimons, zunehmende Unterstützung vom Volk und erreichte schliesslich dessen Absetzung. Aussenpolitisch wurde nun
auch IRUPDOder Hellenbund durch die Athener für aufgelöst erklärt. Innenpolitisch kündig-
ten sich mit dem radikaldemokraten Ephialtes sowie des aufstrebenden Perikles weitere Ver-fassungsreformen an. 40
37 Ob und wie stark der Ältestenrat überhaupt Einfluss auf die Sachfragen-Debatten nehmen konnte, ist nicht genau doku-
mentiert und daher schwer belegbar.
38 Schulz (2003): S. 60ff. Welwei (2004): S. 203.
39 Der Rat der 500 wurde zur zentralen Koordinierungs- und Verwaltungsbehörde staatlicher Geschäfte mit vielfältigen
regierungsähnlich Aufgaben.
40 Dreher (2001): S. 90
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Mit Kimons Sturz ging der Machtverlust des athenischen Adels (Areopag) einher. Der Aero- pagmusste sämtliche Kontroll- und Aufsichtsrechte über die Exekutive abgeben. Der Rat der 500, die Volksversammlung und die Volksgerichte übernahmen nun die Überprüfung der Qualifikation und Amtsführung der Beamten. SCHULZ spricht dabei von einer Übertragung der exekutiven Macht vom Adel auf das Volk und einer endgültigen Entmachtung des Areopag. Auch verlagerten sich die inhaltlichen Formulierungen der Aussenpolitik vom Areopag zur Volksversammlung und hing somit stärker von den Interessen der dominierenden Gesellschaftsschichten ab. 41 Die zukünftigen Strategen mussten neu bei der Planung und Durchsetzung ihrer Kriegspolitik Rücksicht auf die Stimmung im Volk nehmen, weil sie sich vor diesem und den Gerichten zu verantworten hatten.
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Athen nahm zwecks Durchsetzung ihrer aussenpolitischen Ziele den Seebund weiter in Anspruch. Der Sieg am Eurymedon 466/465 v. Chr. wird in der altertumswissenschaftlichen Forschung als vorläufigen „ Endsieg“ gegen das persische Reich bezeichnet und führte zu einer teilweisen Neuausrichtung der Aussenpolitik Athens. Ein unmittelbar bevorstehender Angriff Persiens zumindest auf das Kernland Griechenlands konnte vorerst ausgeschlossen werden. Dennoch ging die Verfestigung des Sicherheitsgürtels an der Peripherie des athenischen Machtbereiches weiter. 42
Die eingegangenen Allianzen, ursprünglich initiiert durch Ephistanes und durch Perikles zu
Ende gebracht, mit den Stadtstaaten $UJRV und 0HJDUD weisen hingegen auf einen neuen
Aspekt bei der athenischen Aussenpolitik hin. 43 Galt das Interesse vor allem der Festigung des Sicherheitsgürtels um das Persische Reich, so fokussierte sich Athen nun unter der Ära des Perikles auf die Einbindung auch von denjenigen Polis, die sich auf dem nördlichen Peloponnes sowie in der westlichen Ägäis befanden. Megara und Argos waren geostrategische wie militärisch betrachtet sehr interessante Stadtstaaten. Das Übereinkommen mit Argos kam zustande, nachdem ein dreissigjähriger Friedensvertrag zwischen den alten Rivalen Argos und Sparta auslief, und Argos ein Sicherheitsabkommen mit Athen anstrebte. Für Athen war das starke Hoplitenheer Argos für zukünftige Kriegseinsätze von grossem Interesse. Das Abkommen mit Megara verlieh Athen die Gewissheit, dass es vor Überraschungsangriffen Spartas durch das Gebiet Megaras bis zu einem gewissen Masse gefeit war. Zudem erhielt
41 Schulz (2003): S. 14-15.
42 Zu nennen sind die Expeditionen nach Kypros (Zypern) und Ägypten. Nach anfänglichen Erfolgen mussten die Streit-
kräfte kapitulieren. Insgesamt verloren laut Schätzungen bis zu 20'000 Personen ihr Leben. Welwei (1999): S. 101.
43 Der formale Abschluss mit Argos und Sparta fand bereits unter der Ägide von Perikles statt.
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Athen einen Stützpunkt am Korinthischen Golf. 44 Die Bündnisse mit Argos und Megara hat-ten zur Folge, dass .RULQWK, Mitglied des Peloponnesischen Bundes und gleichzeitiger Erz-
feind Athens, nun von feindlichen Polis eingeschlossen war.
All diese Entwicklungen geschahen sozusagen vor Spartas Haustüre. Sparta reagierte mit
dem Bündnis mit der Polis 7KHEHQ. Brisant war dieses Bündnis, da Theben geographisch
unmittelbar an Athen angrenzte. Zwischen einzelnen Bündnispartnern Spartas und Athens kam es daraufhin zu militärischen Auseinandersetzungen. Auch Athen und Sparta führten gegen feindliche Polis Krieg. Zur direkten Konfrontation kam es in der Schlacht von Tanagra sowie beim Einfall spartanischer Hopliten in die Attika 446 v. Chr., das zur Niederlage Athens führte und gleichzeitig das Ende des 1. Peloponnesischen Krieges bedeutete.
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Entscheidend für den weiteren Verlauf der athenischen Aussenpolitik gilt die Ära des Perikles. Unter dem Eindruck des 1. Peloponnesischen Krieges nahm Perikles neuerliche Änderungen in der Aussenpolitik vor. Einerseits wurde die Kontrolle über die eigenen Bündnispartner verstärkt, andererseits galt es, die maritime Herrschaft in der Ägäis zu konsolidieren. Vorbedingung dafür waren stabile Verhältnisse nach aussen. Friedensverträge mit Sparta (446 v. Chr.) und mit dem persischen Reich (448 v. Chr.) 45 erfolgten aus diesem Kalkül heraus.
Für die Kontrolle und die Konsolidierung der eigenen Einflusssphäre bildete die Flotte die Grundlage der athenischen Hegemonie. Athen demonstrierte mit seiner Flottenpräsenz ihren Machtanspruch in der Ägäis. Freilich durfte keine konkurrierende Seemacht innerhalb des Bundes existieren. Daher durfte ein neues Seebund-Mitglied selber keine Flotte unterhalten. Wiedereingegliederte Mitglieder (freiwillig oder durch Zwang) mussten ihre Flotte Athen abgeben. Mit der Eingliederung wichtiger Seemächte (Lesbos, Chios, Samos) erlangten sie zugleich Zugang zu deren Häfen. Zusammen mit den athenischen Kolonien und den Ländereien der Kleruchen 46 bekamen die Athener die wichtigsten Anlaufpunkte und Seewege der Ägäis in ihre Hand und hatten zugleich die Kontrolle über die Ein- und Ausfuhr von Handelsgütern. Athen mauserte sich so beinahe zum alleinigen Absatzmarkt für Schiffshauholz, Eisen und Kupfer. Makedonien bspw. ging die Verpflichtung ein, nur Schiffsbauholz an
44 Welwei (1999): S. 96.
45 Die Existenz des so genannten Kalliasfrieden gilt in der Literaturwelt als umstritten. Für die Existenz spricht, dass es in
der darauf folgenden Zeit zu keinen nennenswerten Auseinandersetzungen mit dem persischen Reich kam. Allerdings hätte
ein solches Vertragswerk die Existenzberechtigung des delisch-attischen Seebundes zweifellos in Frage gestellt. Dreher
(2001): S. 96.
46 Als Kleruch bezeichnete man einen Siedler, der ein Stück Land, das während eines Krieges erobert worden war, vom
Staat in einem Losverfahren erhielt. Bekannte athenische Kleruchien waren Lemnos, Imbros und Skyros.
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Athen oder an dessen Bundesgenossen zu liefern. FINLEY entwickelte dabei das .RQ]HSWGHV ÄPDUHFODXVXP³: Mit der Besitznahme wichtiger Küstengebiete und Häfen einerseits sowie
mit der Kontrolle der für den Schiffbau so notwendigen Materialien andererseits, sollte der gesamte Ägäisraum zu einem athenischen Binnenmeer umfunktioniert werden. So konnte Athen den Aufbau fremder Seestreitkräfte verhindern, in dem es die Ressourcen zum Flottenbau monopolisierte. 47
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Im Folgenden wird kurz auf die aussenpolitische Situation Spartas eingegangen, wobei Auswirkungen der Perserkriege für Sparta, der Peloponnesische Bund sowie Spartas Interpretation des athenischen Aufstiegs zur Hegemonialmacht die Eckpfeiler der folgenden Kapitel bilden sollen.
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Nach den entscheidenden Schlachten von Salamis 480 v. Chr. und von Plataiai 479 v. Chr. gegen die Perser galt es für Sparta, die Bündnis- und Aussenpolitik neu zu definieren. Drei Optionen gelten in der heutigen Geschichtsschreibung als durchaus plausibel 48 : Einerseits würde Sparta ihren Machtbereich auf die Ägäis sowie das ionische Meer (und somit ganz Griechenland) ausweiten. Dieses Vorgehen hätte eine breite Akzeptanz in der spartanischen Bevölkerung gehabt. Eine solche Machtausdehnung hätte zweifellos den Aufbau einer eigenen Seeflotte zur Folge gehabt, was aber aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen kaum realisierbar war.
Andererseits würde Sparta seine machtpolitischen Ambitionen auf den Peloponnes beschränken und sich auf die Konsolidierung seines Bundes sowie innenpolitisch auf seine Verfassung konzentrieren. 49 Vielen einflussreichen Spartanern war diese Variante allzu konservativ. Ein Mittelweg stellte die dritte Option dar. Auf die Machtausdehnung in der Ägäis sollte zwar verzichtet werden, dafür aber sollte der Machtbereich auf dem griechischen Kernland ausgedehnt werden. Sparta entschied sich für die dritte Option.
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Der Peloponnesische Bund beruhte auf unbefristeten bilateralen Verträgen und konnte nur durch Sparta als Hegemonialmacht gekündigt werden. Untereinander gingen die Mitglieder des Bundes nur in vereinzelten Fällen Verträge ein und standen nicht selten auf Kriegsfuss
47 Schulz (2003): S. 30.
48 Kagan (1969): S. 49 ff.
49 Kagan (1969): S. 49, 52.
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zueinander. Als oberstes Prinzip des Bundes galt der Grundsatz, dass Sparta und seine Bünd-nisgenossen ÄGHQVHOEHQ]XP)UHXQGXQG]XP)HLQGKDEHQVROOWHQ³ 50 Analog dem Seebund
verpflichteten sich die Mitglieder, sich dem Oberbefehl und den Kriegszielen Spartas unter-zuordnen. Interessanterweise legte Sparta bezüglich Sinn und Zweck des Bundes die Karten früh auf den Tisch, dies im Gegensatz zu Athen und seinem Seebund. Mit der Schutzklausel verpflichteten sich Sparta und seine Bündnispartner, gegenseitig militärisch Hilfeleistungen zu erbringen, falls ihr Gebiet durch eine fremde Macht angegriffen worden wäre.
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Ein äusseres Feindbild wie dasjenige der Athener (Perser), dem man RIIHQVLY begegnen kon-nte, fehlte Sparta komplett. Die Absenz eines gemeinsamen äusseren Feindbildes und strukturelle Schwächen verminderten die Durchschlagskraft des Bundes erheblich. Weder die Instrumentarien noch die rechtlichen Rahmenbedingungen waren genügend ausgebildet, um den Bund in ein straffes von Sparta dominiertes Herrschaftssystem umzupolen. Die bilateralen Verträge sahen keine regelmässigen finanziellen Abgaben vor. Somit konnte bei Kriegsfall nicht auf eine reich gefüllte Kriegskasse bzw. Bundeskasse zurückgegriffen werden. Ein Kriegsentscheid konnte nur mit der Zustimmung der Bundespartner beschlossen werden 51 , während Athen ein blosser Volksentscheid ausreichte, um seine Bundesgenossen zur Kriegsführung zu verpflichten. 52 Aus diesen Folgerungen lässt sich eine Grundtendenz in der Aussenpolitik ableiten, wonach Sparta sich auf die Sicherung des Peloponnes konzentrieren wollte und kaum Intentionen hegen konnte, auswärtige offensive Militäroperationen durchzuführen.
Die defensive Interpretation des Bundes wurde während der Zeit der Pentekontaetie beibehalten. Die militärischen Hilfeleistungen sämtlicher Bündnispartner bezogen sich auf den Kampf gegen die Heloten, gegen Dritt-Mächte, und auf die Sicherung der spartanischen Hegemonie auf Lakonien und des restlichen Peloponnes. 53 Im Verlaufe der Perserkriege und der sich abzeichnenden Konfrontation mit Athen erhöhte sich einerseits der Bedarf nach Einberufungen der Bundesversammlung, welche viele Jahre den Status eines Mauerblümchendaseins fristete. Andererseits konnten die Mitglieder gegenüber Sparta aufgrund der grösser werdenden Anzahl Einberufungen zur Bundesversammlung vermehrt von ihrem Mitspracherecht Gebrauch machen. Ist eine „ de-facto-Demokratisierung“ beim Peloponnesischen Bund feststellbar, so entwickelte sich die Rolle der Bundesversammlung beim See-
50 Schulz(2003): S. 69.
51 de Ste. Croix (1972): S. 108.
52 Schulz (2003): S. 69.
53 Baltrusch (2003): S. 98ff.
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bund gerade umgekehrt. Mit dem Ausbau der athenischen Hegemonie über den Seebund minimierten sich die Mitsprachemöglichkeiten der Bundespartner.
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Um die Reaktion Spartas bezüglich des Aufstiegs Athens zur Hegemonialmacht besser zu verstehen, wird in den folgenden Unterkapiteln nun kurz auf die innenpolitische Situation Spartas während der Pentekontaetie eingegangen. Im Gegensatz zu Athen gab es in Sparta zwei relativ gut unterscheidbare Gruppen, welche grossen Einfluss auf die aussenpolitischen Entscheidungsprozesse nehmen konnten. Auf der einen Seite ist die Kriegspartei (Falken), auf der anderen Seite die Friedenspartei (Tauben), zu nennen. 54
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Der aufkommende Dualismus zwischen Sparta und Athen missfiel den Falken und standen gegenüber den guten Beziehungen während der Ära Kimons feindlich gegenüber. Bereits in den Jahren 478, 475 sowie 465 v. Chr. wurde in den Reihen der Falken eine militärische Intervention in die Attica gefordert, die jedoch wie im Fall von 475 v. Chr. von moderaten Mitgliedern des Ältestenrates verhindert werden konnte. 55 Wie wir bereits erfahren haben, waren es die Falken, die 462 v. Chr. die Rücksendung der athenischen Hilfetruppen erwirken konnten. Die Falken lehnten den mit Athen abgeschlossenen 30-jährigen Friedensvertrag 445 v. Chr. ab und propagierten für dessen Auflösung. Die Auseinandersetzungen zwischen Falken und Tauben nahm sodann an Intensität zu. Vor allem Korinth mit seinem aggressiven aussenpolitischen Vorgehen (Kapitel 2.5.1.1.) sowie dessen Aufforderung an Sparta gegen Athen militärisch vorzugehen erhöhte den Druck auf die bisher dominierenden Tauben in der Volksversammlung. 56 König Archidamos II. gehörte zum gemässigten Lager innerhalb des politischen Entscheidungsprozesses und war gemäss KAGAN bis kurz vor Ausbruch gegen den Krieg.
Die noch zu analysierenden Ereignisse um Potideia und Megara führte aber zu einem schleichenden Stimmungswechsel innerhalb der Ephoren. Es wäre aber vermessen zu behaupten, es habe in der Volksversammlung ein Jahr vor Kriegsausbruch eine gewaltige Mehrheit für den Vertragsbruch durch Athen gestimmt. 57 Zum gleichen Ergebnis kam übrigens die Bun-
54 ImFolgenden wird auf den Ausdruck „ Partei“ verzichtet, da dieser in keiner Weise mit den Parteien der heutigen Zeit
vergleichbar ist. Es wird die Version von G.E.M de Ste. Croix übernommen, der zwischen Falken und Tauben unterschei-
det. Siehe de Ste. Croix (1973): S. 169.
55 Diodor 11, 50, 1-6.
56 Kagan (1969): S. 288.
57 Kagan (1969): S. 306-307. 432 v. Chr. wurden sämtliche Mitglieder des Peloponnesischen Bundes inkl. diejenigen Polis,
die sich über Athen beklagen wollten, zur Volksversammlung eingeladen. Interessanterweise wurde über Krieg oder Frie-
den also nicht im Rahmen eines debattiert. Die Falken innerhalb der Ephoren verfolgten die Strategie, die
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Volksversammlung auf Krieg zu trimmen. Offenbar gingen die Ephoren zunächst nicht davon aus, dass sich Sparta alleine
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desversammlung wenige Monate später. Bis zu den ersten militärischen Auseinandersetzungen verging ein weiteres Jahr. So wie sich die anfänglichen spartanischen Kriegsoperationen entwickelten, hätte eine Vorbereitungsphase von wenigen Wochen gereicht. Ein weiteres Indiz also, dass viele Bundesgenossen und vor allem Sparta nicht gerade vor Kriegslust strotzten. 58
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Abschliessend kann gesagt werden, dass Sparta mit dem Wegfall der Persergefahr und dem Zerfall des Hellenbundes seine Aussenpolitik neu definieren musste. Wie wir gesehen haben,
war das Wesen des Peloponnesischen Bundes im 6. Jahrhundert v. Chr. von GHIHQVLYHU Natur
geprägt. Ein weiterer Führungsanspruch innerhalb der griechischen Stadtstaaten inkl. über Athen war somit gar nicht legitimierbar. Sparta beschränkte sich im Verlaufe des 5. Jahr-hunderts fortan auf die Konsolidierung seines Bundes sowie seines Herrschaftsbereiches auf dem Peloponnes, wobei Spartas Hauptaugenmerk stets der Abwehr der Helotenaufstände galt.
Ein weiterer Aspekt zum Sonderfall Spartas ist dessen finanzielle sowie personelle Ressourcenknappheit. Im Gegensatz zu Athen und seinem Seebund konnte Sparta aus dem Peloponnesischen Bund keinerlei Gelder generieren, die für die Erneuerung und Ausweitung des spartanischen Heeres so dringend benötigt wurden.
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Nach der Herleitung der Kriegsgründe beschäftigt sich der Analyseteil nun konkret mit den Rechtfertigungsgründen seitens Spartas, wobei in einem ersten Schritt auf die unmittelbaren bzw. „ offiziellen“ Gründe eingegangen wird.
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Die unmittelbaren Kriegsgründe werden von der modernen Forschung eher als blosse Anlässe bezeichnet und folgen somit weitgehend der Argumentation Thukydides, der die Zwistigkeiten im Jahre 433 v. Chr. um Epidamnos und Potideia nur als Auslöser des Krieges interpretierte. Das Konfliktpotential der beiden Bündnissysteme sowie das Machtstreben einzelner Mittelmächte wie z.B. Korinth, Kerkyra und Megara sind dabei von entscheidender Bedeutung. Es wäre also falsch, wenn man diese Geschehnisse völlig ausblenden würde.
(also ohne die eingeladenen Alliierten) für den Krieg gegen Athen entscheiden würde. Spartas Falken brauchten die Unter-stützung der kriegswilligen Bundesmitglieder. Siehe auch Kagan (1995): S. 52.
58 Kagan (1995): S. 58-59.
17
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Einen ersten Grund findet man im Streit zwischen Korinth und Kerkyra um die Vorherrschaft im ionischen Meer. Epidamnos wurde von Kolonisten aus Korinth und Kerkyra ge- gründetund litt 430 v. Chr. unter einem Bürgerkrieg. Zum offenen Konflikt zwischen Kerkyra und Korinth kam es, als sich die eine Kriegspartei Epidamnos an Korinth, die andere an Kerkyra wandte. Ein erster Angriffsversuch Korinths konnte die kerkyrische Flotte zurückschlagen, auch in einer weiteren Schlacht konnte Korinth keinen Sieg davontragen. Die beiden Niederlagen auf hoher See leiteten ein Aufrüsten der korinthischen Seeflotte im grossen Stile ein, das selbst Athen nun unruhig werden liess. 59 Kerkyra wiederum ersuchte Athen um militärischen Beistand in Form einer Epimachie 60 , welchem die athenische Volksversammlung nach reichlichen Diskussionen und unter Drängen des Perikles stattgab. Korinth musste nun fortan mit Athens Kriegseintritt rechnen, sollte es ein neuerlicher Angriff auf Kerkyra wagen. 61 Wie bereits in den vorangehenden Kapiteln erwähnt, zeigt sich in diesem Fall Athens Beharrlichkeit, nämlich keinerlei Einmischungen in ihre Einflusssphäre zu dulden.
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Die Polis Potideia befand sich geographisch in der nördlichen ägäischen Hemisphäre und lag unmittelbar am wirtschaftlich bedeutenden Handelsseeweg, welcher sich vom griechischen Kernland zum Schwarzen Meer erstreckte. Bedeutend deshalb, weil sich einerseits dort die weiten thrakischen und makedonischen Wälder erstreckten und das zentrale Holzreservoir für den athenischen Schiffsbau bildeten. Andererseits gewährleistete der Seeweg einen relativ sicheren Transport von Weizen. Zudem unterhielt Potideia ähnlich wie Kerkyra eine ansehnliche Seeflotte. Neben der wirtschaftlich und militärisch-strategischen Bedeutung Potideias gab es eine politische: Interessanterweise war Potideia Mitglied des Seebundes, gleichzeitig aber loyale Kolonie zu Korinth. 62 Athens Argumentation lief darauf hinaus, dass Korinth auf den Austritt Potideias aus dem Seebund hinarbeitete und dies von den übrigen See-bundgenossen in Thrakien als Anlass genommen werden würde, sich selber aus dem See-bund loszulösen. Athen forderte daraufhin Potideia in einem Ultimatum auf, die korinthischen Beamten auszuweisen und die Stadtmauern auf Seeseite zu zerstören. Potideia widersetzte sich dem Ultimatum und trat seinerseits aus dem Seebund aus. Das Ultimatum an Po-
59 Schulz(2003): S. 74. Für das Aufrüsten der Seeflotte benötigte Korinth umfangreiche Holzlieferungen und begann selbst
Schiffsbauer und Ruderer von Mitgliedern des feindlichen Seebunds zu engagieren. Die grossangelegte Auf- und Weiter-
rürstung griff in einen äusserst sensiblen Bereich der Athener ein, nämlich in das maritime Potential des Seebundes.
60 Eine Epimachie war ein Bündnis defensiver Natur. Die Epimachie verpflichtete den Vertragspartner den anderen Mit-
gliedern militärisch beizustehen, sollte sich eine Drittmacht diese angreifen. Dieser Fall trat bei der Schlacht bei den Sybo-ta-Inseln ein, wo Kerkyra zusammen mit Athen gegen einen Flottenverband Korinths kämpfte.
61 Plutarch, Perikles 29, 1. Perikles ging davon aus, dass Korinth Kerkyra aufgrund ihrer Übermacht besiegen würde und
dessen Seeflotte in die Hände von Korinth fielen würde, was Athens Vorherrschaft auf hoher See zusätzlich bedrohen wür-
de.
62 Ebda: S. 273.
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tideia und dessen Belagerung durch Athen hat nach KAGAN weder militärische noch finanzielle schwerwiegende Konsequenzen für die beteiligten Poleis nach sich gezogen. Vielmehr ist der psychologisch-symbolische Effekt auf Korinth und Sparta hervorzuheben. Zusammen mit dem megarischen Psephisma legte der Fall Potideia den Grundstein für den innenpolitischen Erfolg der spartanischen Falken. 63 Die Weigerung des Perikles, das megarische Psephisma aufzuheben, sowie der Fall Potideia brachte den Falken schlussendlich die nötige Mehrheit in der Volksversammlung, Krieg gegen Athen führen zu dürfen.
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Kurz nach Abschluss der Epimachie bahnte sich zwischen der Polis Megara und seinen Kolonien in der nördlichen Ägäis einerseits und Athen andererseits eine weitere Krise an. Megara, einstmals Mitglied des Seebundes, nun Mitglied des Peloponnesischen Bundes, unterstützte Korinth bei dessen Angriffen auf Kerkyra sowie der Akquirierung von Seeleuten innerhalb der Einflusssphäre des Seebundes. Wiederum reagierte Perikles schnell: Auf seinen Antrag hin erliess die athenische Volksversammlung das so genannte megarische Psephisma. 64 Die weit reichenden Konsequenzen für Megara schildert Thukydides in diversen Passagen des 1. Buches. Megara beklagte sich bei Sparta, dass die megarischen Handelsschiffe keine attischen Häfen mehr anlaufen und ihre Produkte auf dem athenischen Markt nicht mehr verkaufen dürften. 65 Anders ausgedrückt und in unsere Zeit übertragen, handelt es sich hierbei ohne Zweifel um ein Wirtschaftsembargo. Über die Gründe für das strikte Embargo ist man sich uneins. Die plausibelste These geht davon aus, dass Megaras Machenschaften mit Korinth im Fall Kerkyra Athen dazu gedrängt hat, den Einflussbereich Megaras mit Wirtschaftssanktionen einzudämmen. Megara diente dabei Athen als Präzedenzfall, in dem es potentiellen Nachahmern drohte, ähnlich hart wie im Fall Megara vorzugehen. 66 Das Dekret verletzte formal den 30-jährigen Frieden zwischen Sparta und Athen nicht, allerdings wurde das Dekret de facto von vielen Polis, und vor allem von den Falken Spartas, als eigentlicher Kriegsakt bzw. Athen als Aggressor angesehen.
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Der vorläufige Sieg über die Perser stellte die Beziehung zwischen Athen und Sparta erstmals auf die Probe. Die Bedrohung von Aussen (Perser) hat die beiden Grossmächte lange
63 Ebda: S. 285.
64 Die athenischen Volksbeschlüsse wurden zu dieser Zeit als Psephisma bezeichnet. Die moderne Wissenschaft ist sich
nicht einig, ob es allenfalls weitere Dekrete zu Megara gegeben hat.
65 Thukydides, I, 139.
66 Kagan (1969): S. 266.
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lic. phil Philippe Gubler, 2007, Ideengeschichte der Kriegsgründe von der Antike bis zur Gegenwart, München, GRIN Verlag GmbH
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