eine generelle Verbesserung des Lebensstandards in Deutschland bewirkten. Beck bezeichnet dies als „Fahrstuhleffekt“ 4 , da fast alle sozialen Schichten einen nahezu automatisierten sozialen Aufstieg erlebten. Dieser verursachte eine Chancenneuverteilung, die jedoch weder die Klassenstrukturen aufbrach noch die soziale Ungleichheit beseitigte. Es handelt sich dabei nicht um eine gezielte Überwindung der vorigen Stufe gesellschaftlicher Entwicklung, sondern um einen eigendynamisch im Verborgenen verlaufenden Prozess, der die Modernisierung weiter vorantreibt. „Die Risikogesellschaft ist keine Option, die im Zuge politischer Auseinandersetzungen gewählt oder verworfen werden könnte. Sie entsteht im Selbstlauf verselbständigter, folgenblinder, gefahrentauber Modernisierungsprozesse.“ 5 Dadurch steigen jedoch der Entscheidungszwang und die Selbstverantwor-tlichkeit. Jede/r Einzelne ist somit betroffen von sozialem Aufstieg sowie den Risiken. Es gebe keinen erwartbaren Normalverlauf, keine Normalbiographie mehr, so Beck. Jeder werde somit zum eigenverantwortlichen „Planungsbüro und Handlungszentrum“ 6 . Die Folgen des Individualisierungsvorganges können als ‚ambivalent’ bezeichnet werden, da Individualisierung einerseits die intersubjektiv erlebbaren Gemeinschaftsbezüge zu zerstören, die gesicherten Sozialkontakte der Individuen zu unterbinden und diese somit zunehmend voneinander zu isolieren scheint. Andererseits scheint sie aber auch zu einer Ausdifferenzierung der Lebenslagen und damit zu einem Gewinn an Handlungsspielräumen zu führen.
„Zu den entscheidenden Merkmalen von Individualisierungsprozessen gehört derart, dass sie eine aktive Eigenleistung der Individuen nicht nur erlauben, sondern fordern (…) es werden Abstimmungs-, Koordinations- und Integrationsleistungen nötig.“ 7 Als ‚Gegengifte’ gegen die Risiken der Spätmoderne, die er als Gefahren empfindet, rät Ulrich Beck zu vermehrtem Bürgerengagement, Grundeinkommen sowie zur Entwicklung transnationaler Steuerungselemente. 8
4 Beck, Ulrich(1986), S. 122
5 Beck, Ulrich(1993): Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung. Suhrkamp. Frankfurt/ Main, S. 36
6 Beck, Ulrich (1986), S. 217
So wird zum Beispiel Arbeitslosigkeit nicht mehr dem Staat sondern der Verantwortung beziehungsweise Schuld des Individuums zugeschrieben, dessen Abhängigkeit von externen, aus der Perspektive der Akteure, schwer einsehbaren Entscheidungsvorgängen wächst.
7 Beck, Ulrich/ Beck-Gernsheim, Elisabeth(1994): Riskante Freiheiten - Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse in der Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/ Main, S.11f.
8 Erstaunen löste der Umstand aus, dass Beck sich seit kurzem als Befürworter des Grundein-kommenvorschlags zu Wort meldet, obwohl er zuvor Jahre lang gegensätzlich argumentiert hatte.
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Ebenso umstritten wie diese ist die gesamte Individualisierungsthese Becks. Doch nur in seltenen Fällen wurden von Becks KritikerInnen konkrete Vorschläge zur Verbesserung und Verallgemeinerung einer Theorie der Individualisierung gemacht. Nach Becks(1995) eigener Einschätzung konzentriert sich die Kritik an der Individualisierungsthese vor allem auf drei Fragen: Den Anspruch der These, einen soziologischen Erkenntnisgewinn zu erbringen, der scheinbaren Ignoranz gegenüber vor-handener Fakten stabiler Berufs- und Klassenstrukturen in den westlichen Gesellschaften sowie der fehlende empirische Überprüfung der Individualisierungsthese. Zur Verdeutlichung der Kontroverse soll die Erläuterung drei weiterer Kritikpunkte dienen. Zum einen wird Beck ein Mangel an begrifflicher Exaktheit, ungenügende analytische Durchdringung sowie eine subjektiv gefärbte Argumentation vorgeworfen. Zum anderen wird das Fehlen der Herausarbeitung von Verursacherfaktoren von Individualisierung kritisiert. Des Weiteren blende Beck die Analyse soziologischer Vorläufertheorien (der Individualisierungstheorie) aus.
Beck beschränkt sich bezüglich seiner Theorie auf die ‚objektive’ Seite des Individualisierungsprozesses. In Abgrenzung zur ‚subjektiven Seite’ - die Ebene des Bewusstseins und der Identität, die bestimmt wie die Menschen mit dem Wandel der Strukturen umgeht - begnügt sich Beck damit, Individualisierung als „historischsoziologische, als gesellschaftsgeschichtliche Kategorie“
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zu verstehen. Da er versäumt, die Frage nach den Konsequenzen für das Individuum zu beantworten wird Beck an dieser Stelle schon von einigen Seiten der gesellschaftstheoretische Anspruch einer ‚Soziologie des Individuums’ abgesprochen. Das Problem theoretisch unzureichend geklärter Begriffe bringt die mehrdeutige Verwendung des Begriffs Individualisierung mit sich. Beck definiere den Begriff Individualisierung nicht genau - und erst durch eine Definition der zentralen Aussagen der Individualisierungsthese werde eine theoretische und empirische Klärung dieser möglich sein. Ausserdem bleibe der normative Bezugspunkt, von dem aus Individualisierungsprozesse wahrgenommen würden, ungeklärt. Doch nicht nur die ungenaue Begriffsverwendung gerät in die Kritik sondern auch die bewertende Beschreibung der Entwicklungen. Kalupner(2003) weist darauf hin, dass sozialmoralische Milieus, zum Beispiel die Arbeiterbewegung sowie der ‚Mythos’ der vorindustriellen Großfamilie von Beck werthaft beschrieben werden und ihnen eine Rolle zugeschrieben werde, die sie so nie gespielt hätten. Sie wirft Beck einen substantial-
9 Beck,Ulrich(1986), S. 207
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Arbeit zitieren:
Lilli Leopold, 2008, Die "Individualisierungsdebatte", München, GRIN Verlag GmbH
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