Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 6
2 Jugendstil in seiner Erscheinungsform 8
2.1 Zeitliche Einordnung. 8
2.2 Historische Entwicklung. 9
2.3 Entwicklung auf regionaler Ebene 11
2.3.1 Die Arts and Crafts-Bewegung in England 11
2.3.2 Japonismus 14
2.3.3 Art Nouveau in Frankreich 15
2.3.4 Entwicklung in Deutschland 17
2.3.4.1 München. 19
2.3.4.2 Berlin 20
2.3.4.3 Darmstadt. 22
2.4 Kennzeichen und Programmatik. 24
3 Form- und Farbgebung der Innenraumgestaltung 26
3.1 Ornamentik 26
3.2 Möbel 29
3.2.1 England. 31
3.2.2 Frankreich 32
3.2.3 Deutschland 33
3.3 Das Kunstglas 35
3.4 Tapeten. 44
3.5 Geschichte des Wandanstrichs 47
3.5.1 Die Kalkfarbe. 49
3.5.2 Die Leimfarbe. 50
3.5.3 Die Ölfarbe. 51
3.5.4 Die Wasserglas-Farbe. 51
2
Inhaltsverzeichnis
3.6 Farben im Jugendstil 52
4 Berliner Treppenhäuser im Jugendstil 56
4.1 Treppenhaus in der Bölschestraße 84 in Berlin-Köpenick 57
4.2 Treppenhaus in der Ahornallee 32 in Berlin-Köpenick 61
4.3 Treppenhaus in der Tucholskystraße 38 in Berlin-Mitte 64
4.4 Treppenhaus in der Greifenhagener Straße 57 in Berlin-
Prenzlauer Berg 67
5 Fazit 69
6 Glossar 72
7 Quellenverzeichnis. 76
7.1 Literatur. 76
7.2 Internet 79
3
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 - Zeitleiste
Abbildung 2 - William Morris, Grünes Speisezimmer, 1867
Abbildung 3 - Japanische Seidenstickerei (18. Jahrhundert)
Abbildung 4 - Josef Niedermoser, Damensalon, Paris 1900
Abbildung 5 - Titelblatt der Zeitschrift „Jugend“, 1. Jahrgang, Heft Nr. 12
Abbildung 6 - Josef Maria Olbrich, „Salon einer Yacht“ (1900)
Abbildung 7 - Titelblatt der Zeitschrift PAN (1895/96)
Abbildung 8 - Plafond, Deutsches Maler-Journal 17
Abbildung 9 - Paul Haustein, Wohnecke, Darmstadt - Mathildenhöhe 1907 - 1908
Abbildung 10 - Hans Christiansen, „Aufsteigende Nymphe“ (1898)
Abbildung 11 - Josef Hoffmann, Saal der Kunstgewerbeschule (1900)
Abbildung 12 - Henry van de Velde, Arbeitszimmer (1899)
Abbildung 13 - Wohnzimmer um 1890
Abbildung 14 - Henry van de Velde, Schreibtisch, Brüssel 1899.
Abbildung 15 - Hector Guimard, Stuhl, Paris 1900
Abbildung 16 - Bernhard Pankok, Erker
Abbildung 17 - Emile Gallé, Glasvase mit geschnittenem Dekor, 1896.
Abbildung 18 - Emile Gallé, Glasvase mit geschnittenem Dekor, 1900.
Abbildung 19 - Emile Gallé, Kumme aus Überfangglas, geschliffen, um 1890
Abbildung 20 - Louis C. Tiffany, Vase aus Favrileglas, 1890
Abbildung 21 - Louis C. Tiffany, Vase aus Favrileglas, 1905
Abbildung 22 - Treppenhausfenster mit Ornamentverglasung
Abbildung 23 - Eugène Grasset, Glasfenster: Der Frühling (Ausschnitt), Paris, Musée
des Arts Décoratifs, 1894.
Abbildung 24 - Karl Georg Huber, Kachel für Wandfriese, 1900
Abbildung 25 - Karl Georg Huber, Keramik-Platte, 1907.
Abbildung 26 - William Morris, St. James, 1880
Abbildung 27 - William Morris, Grafton, 1883
4
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 28 - William Morris, Wallpaper „Daisy“, 1864
Abbildung 29 - Zeitliche Entwicklung der Wandmalerei und des Wandanstriches
Abbildung 30 - Einteilung und Übersicht wichtiger Pigmente, Ausschnitt
Abbildung 31 - Jugendstilmalerei an Stirnwand, Bölschestraße 84.
Abbildung 32 - Jugendstilmalerei an Stirnwand, Ausschnitt, Bölschestraße 84
Abbildung 33 - Ornament an Treppenunterseite, Bölschestraße 84.
Abbildung 34 - Jugendstilornamentik an Wänden, Bölschestraße 84.
Abbildung 35 - Deckenornamentik an Treppenunterseite, Ahornallee 32.
Abbildung 36 - Flächenornamentik an Treppenunterseite, Ahornallee 32
Abbildung 37 - Dekorative Flächengestaltung an Wand, Ahornallee 32.
Abbildung 38 - Decke im Vestibül, Tucholskystraße 38
Abbildung 39 - Wandgestaltung, Marmorimitation, Tucholskystraße 38
Abbildung 40 - Dekorband an Treppenunterseite, Tucholskystraße 38.
Abbildung 41 - freigelegtes Dekor an Wand, Greifenhagener Straße 57.
Abbildung 42 - freigelegtes Dekor an Treppenunterseite, Greifenhagener Straße 57.
5
Einleitung
1 Einleitung
Der Jugendstil wird oft als eine „Stil-Laune“ 1 bezeichnet. Zum einen war er von kurzer Dauer, zum anderen nahm er teilweise die Gestaltungsprinzipien des vorangegangenen Historismus auf, nämlich die Kombination vergangener Stilepochen, und entwickelte zugleich in Abgrenzung davon ein ästhetisches und methodisches Programm, das auch noch in der folgenden Moderne eine Rolle spielte.
In Kapitel 2 wird zunächst eine zeitliche Einordnung vorgenommen und die historische und regionale Entwicklung dieser Stilrichtung betrachtet. Dabei wird auf die Arts and Crafts-Bewegung in England, die Einflüsse aus Japan (Japonismus), die Entstehung des Art Nouveau in Frankreich sowie die Ausformungen des Jugendstils in den deutschen Jugendstilzentren München, Berlin und Darmstadt eingegangen. Ein weiterer Teilbereich beschäftigt sich mit den Kennzeichen und der Programmatik des Jugendstils.
Kapitel 3 geht auf die Form- und Farbgebung der Innenraumgestaltung im Jugendstil ein. Wesentliche Bereiche sind hierbei die Ornamentik, die Möbelfertigung, die technische Entwicklung bei der Glasbearbeitung sowie Neuerungen bei der Wandbekleidung und dem Wandanstrich. Anhand von Bildmaterial werden zwei bedeutende und zum Teil gegensätzliche Gestaltungsprinzipien des Jugendstils verdeutlicht: die Anlehnung an Naturmotive verbunden mit einem abstrakten Linienspiel und die Bevorzugung geometrischer Formen mit klaren Linien und Strukturen. Die Farbwahl steht im Einklang mit der Formgebung. Bevorzugt werden Grün- und Blautöne, außerdem Erdtöne wie Braun und Beige. Kapitel 4 befasst sich mit der Gestaltung von Jugendstil-Treppenhäusern in Berlin. An vier ausgewählten Beispielen wird die besondere Farb- und Formgebung dieser Zeit veranschaulicht.
1 Lieb 2000, S. 7.
6
Einleitung
Ziel dieser Arbeit ist es, den Jugendstil als eigenständige und herausragende Stilrichtung zu begreifen, die in vielen Bereichen der Kunst und im Handwerk Neuerungen hervorbrachte.
7
Jugendstil in seiner Erscheinungsform
2 Jugendstil in seiner Erscheinungsform
2.1 Zeitliche Einordnung
Der Übergang vom Historismus zum Jugendstil sowie vom Jugendstil zur Moderne war fließend. 2 Die zeitliche Einordnung dieser Stilepoche erfolgt zwischen 1890 und 1910. 3
Der neue Stil bedeutete die Abkehr vom Historismus und damit einer Stilrichtung, die historische Stilrichtungen nachahmte. Er steht für eine geistige Reformbewegung, „die dem Leben mehr Schönheit und Stil verleihen wollte“ 5 .
Die Moderne brachte einen neuen Stil hervor, das so genannte Bauhaus. Die wesentlichen Grundsätze des Bauhauses beruhen auf ästhetischen und methodischen Programmen der Jugendstilzeit. 6 Es orientierte sich unter anderem an geometrischen Vorgaben der Arts and Crafts-Bewegung, wies verstärkt jegliche Ornamentik zurück und schuf eine rein funktionale Bauweise ohne Verzierungen. Bauhaus kann als Synonym für die Entwicklung des Funktionalismus gelten. 7 Jeder Gegenstand, der produziert werden sollte, wurde zunächst auf seine Funktion hin analysiert und dann auf einfachste technische Weise hergestellt. Es kam zu klaren, sachlichen und kühlen Bauweisen.
2 Vgl. Lieb 2000, S. 14.
3 Vgl. Kammerlohr 1977, S. 44.
4 Vgl. Koch 1994, Einband.
5 Betz 1991, S. 3.
6 Vgl. Biundo, Christina / Eckstein, Kerstin / Eisele, Petra / Graf, Carolyn / Grawe, Gabrie-
le Diana / Heitmann, Claudia 1994, S. 7f.
7 Vgl. Biundo, Eckstein, Eisele, Graf, Grawe, Heitmann 1994, S. 15.
8
Jugendstil in seiner Erscheinungsform
„Die Ästhetisierung und Strukturierung eines Raumes im Jugendstil bis ins kleinste Detail wie Türklinken, Vorhänge oder Wasserhähne, die einheitlich, jedoch in unzähligen Varianten gestaltet wurden, ging in der Folgezeit der Moderne verloren - die serielle Massenanfertigung von Bau- und Einrichtungsteilen, das Reihenhaus wurden zur Regel.“ 8 Während in der Moderne die Funktion eines Raumes und seiner Einrichtung das bestimmende Gestaltungsprinzip darstellte, gelang es dem Jugendstil, Funktionalität und ästhetische Gestaltung miteinander zu verbinden.
Trotz der kurzen Dauer der Jugendstilepoche ist in ihr viel geplant, entworfen und geschrieben worden, was erst heute als gut und richtig erkannt wird. Hervorragende und zeitlos gültige Ideen für den Städtebau, für die Architektur, die Raum- und Möbelgestaltung und eine vielleicht menschlichere und geistvollere Kunstauffassung, als sie in der modernistischen Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist, kamen damals nicht zur vollen Auswirkung. 9
2.2 Historische Entwicklung
„Im Gegensatz zur Schnelllebigkeit und der einfachen Produktion zur Zeit der Industrialisierung, steht der Jugendstil mit seinem hochwertigen Kunsthandwerk. Im 19.Jahrhundert fand das Kunstgewerbe in ganz Europa großen Anklang. Es wurden Kunsthandwerkschulen sowie Museen gegründet und man erhob das Kunsthandwerk allgemein zur Konkurrenz der Industriefertigung.“ 10
In Deutschland begannen in den Gründerjahren und mit zunehmender Industrialisierung der westlichen Welt die „Architekten und die Kunstgewerbler nach dem Willen ihrer reich gewordenen Auftraggeber mit protzigen Neuauflagen aller vergangenen Stile“ 11 . Die von der industriellen Revolution erfasste zivilisierte Welt, jede Wohnung der oberen oder mittleren
8 Lieb 2000, S. 187.
9 Vgl. Lieb 2000, S. 186.
10 http://www.goruma.de/kunst_kultur/baustile/jugendstil.html.
9
Jugendstil in seiner Erscheinungsform
Klasse war ausgestattet mit Möbeln und Gegenständen, die Formen der Klassik, der Renaissance, des Barocks und des Rokokos nachahmten. In den meisten Fällen handelte es sich um geistlose Kopien, Erzeugnisse einer fortschreitenden Industrialisierung, die für eine neureiche Klasse produzierte, der man damit das Gefühl geben wollte, einen guten Geschmack und wirkliche Kunstwerke zu besitzen. Ihre Wohnhäuser drückten außen und innen diesen Geschmack aus, ebenso wie ihre öffentlichen Gebäude, die Rathäuser, Museen, Bahnhöfe und Bibliotheken, die den Tempeln der Griechen ähnelten, die an Renaissancepaläste oder gotische Kirchen erinnerten. 12
Viele Künstler konnten die nachahmende Kunst und die maschinell hergestellten Produkte nicht mehr vertreten. Sie wollten zum Handwerk, zur Einfachheit und zur Natur zurück. Sie forderten, dass die Erzeugnisse der Kunst auch der Gesellschaft der Gegenwart entsprechen sollten. Der Architekt Otto Wagner schrieb 1895, dass der neue Stil nicht eine Wiedergeburt, sondern eine Geburt wäre. Das gegenwärtige Leben müsste die Grundlage jeder künstlerischen Schöpfung sein. Dieser Anspruch wurde jedoch niemals vollkommen verwirklicht. 13 „Man muss einräumen, dass viele Künstler der Jugendstilbewegung den Blick zurück wandten, doch die meisten der geschaffenen Gegenstände zeigten selbständige Formen und waren ein echtes Zeugnis der Zeit, in der sie entstanden sind.“ 14 Der Jugendstil ist somit eine eigenständige Kunstepoche mit neuen Ausdrucksformen und Stilmitteln und leitet auch in der Wohnraumgestaltung ein neues Jahrhundert ein. 15
11 Eschmann 1980, S. 13.
12 Vgl. Eschmann 1991, S. 17.
13 Vgl. http://www.g26.ch/kunst_glossar_16.html.
14 http://www.g26.ch/kunst_glossar_16.html.
15 Vgl. http://www.antiques-picaper.de/Stilkunde/Jugendstil/jugendstil.html.
10
Jugendstil in seiner Erscheinungsform
2.3 Entwicklung auf regionaler Ebene
Im Folgenden werden die verschiedenen regionalen Entstehungsstufen des Jugendstils erläutert. Hierbei wird auf die Entwicklung dieses Kunststils in England, Frankreich und Deutschland eingegangen. Darüber hinaus werden namhafte Architekten und Künstler genannt und ihr besonderer Einfluss auf diese Stilepoche hervorgehoben. Während sich in Deutschland der Begriff Jugendstil durchsetzte, spricht man in England von Modern Style. In Frankreich wird diese Kunstrichtung Art nouveau genannt.
Die unterschiedlichen Bezeichnungen für diesen Stil stehen zugleich für verschiedene Richtungen, die sich in der Jugendstilbewegung entwickelt haben: in England der dynamische Stil, in Frankreich der florale Stil und in Deutschland der dynamisch-florale Stil.
2.3.1 Die Arts and Crafts-Bewegung in England
Die folgenden Ausführungen zur Arts and Crafts-Bewegung in England basieren vor allem auf dem Buch „Jugendstil. Ursprünge, Parallelen, Folgen“ von Karl Eschmann.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Großbritannien zu einer der mächtigsten Nationen der Welt. Technisch und wirtschaftlich führte Großbritannien neben den USA den westlichen Kulturkreis ins Maschinenzeitalter. Das Großbürgertum wurde immer wohlhabender.
Das schnelle Wachstum der Industrie führte zu einer Vielzahl an geschmacklosen Produkten, da sie keine ästhetische Tradition besaß und sowohl die Möbelherstellung als auch das Kunstgewerbe mechanisierte. In der industriellen Fertigung wurden Stile nachgeahmt und vervielfältigt. Diese Entwicklung führte zu einer Protestbewegung, angeführt von John Ruskin und William Morris. Sie verlangten eine Abkehr von den überladenen und unzeitgemäßen Repräsentations-Stilen und sprachen sich für handwerklich solide, dem praktischen Zweck angepasste Bauten und ent-
11
Jugendstil in seiner Erscheinungsform
sprechendes Mobiliar aus. 16 Das Dekor sollte allenfalls nur das Funktionelle betonen.
Die Arts and Crafts-Bewegung hatte zum Ziel, im Zeitalter der Massenproduktion minderwertiger Gebrauchsgüter das Kunsthandwerk wieder zu beleben und zu reformieren. Ruskin stellte sich gegen die Nachahmung von historischen Stilen und gegen die „Unehrlichkeit von Material und Form“ 17 bei den Industrieerzeugnissen. Als Professor der „Schönen Künste“ in Oxford lehrte er unermüdlich das „Evangelium der Schönheit“. Allmählich kamen in England immer mehr Architekten und Designer zusammen und sprachen sich gegen die künstlerisch minderwertige Massenanfertigung der Kunstfabrikanten aus. Sie erreichten, dass Ende des 19. Jahhunderts ästhetisch und qualitativ bessere Waren hergestellt wurden.
Im Jahre 1857 richtete sich Morris in London eine Atelierwohnung mit zweckmäßigen, stilfreien Möbeln ein. Die Industrie bot noch keine derartigen Möbel an, so stellte er sie selbst her.
Später entwarf Morris das so genannte „Red House“, das Aufsehen erregte, weil hier zum ersten Mal organisch, d. h. von der Funktion der Räume her, von innen nach außen und ohne jeden Schmuck und Stilelemente gebaut wurde: „Diese Architektur wächst vom Innenraum und den Verhältnissen der Räume und Stockwerke zueinander zum Außenbau, an dem sich die Anordnung der Innenräume und deren absichtlich gesuchte Niveau-Unterschiede abzeichnen.“ 18
Um 1867 erhielt die Firma Morris den Auftrag zur Ausstattung eines Speisezimmers im South Kensington Museum, dem heutigen Victoria and Albert Museum in London.
Die folgende Abbildung zeigt die mittelalterlich anmutende sowie für den Jugendstil typische Gestaltung des Speisezimmers.
16 Vgl. Eschmann 1980, S. 23.
17 Eschmann 1980, S. 28.
18 Schmutzler 1962, S. 32.
12
Jugendstil in seiner Erscheinungsform
Der Raum erscheint wie ein Rittersaal mit hoher Decke, großen, schmalen, mit Butzenscheiben ausgefüllten Fenstern und wenigen Möbeln. Die flächige Dekoration der Wände zeigt feine Naturornamentik, die auf Morris’ Tapetenmuster „Fruit“ zurückzuführen ist. Auch auf der Holzleiste mit eingelassenen Keramikfliesen zeigen sich unterschiedliche Pflanzen- und Früchtemotive. Die Glasfenster enthalten figürliche Motive. Die typischen Farben des Jugendstils sind hier gut zu erkennen: Verschiedene Grüntöne, Braun, Ocker und Gelb sind die dominierenden Farben.
In England war die einfache, sinnvolle und offen gezeigte Konstruktion charakteristisch für die Formgebung. Diese wurde primär aus Zweck, Material und Herstellungsverfahren abgeleitet und war nicht selten von etwas „trockener Nüchternheit“ 20 . Geometrische Formen wurden bevorzugt, das Ornament, das vor allem dem Zweck der schönen Ausgestaltung und weniger der Funktion eines Objektes diente, wurde nur selten verwendet.
19 Lieb 2000, S. 27.
20 Schmutzler, 1962 S. 152.
13
Jugendstil in seiner Erscheinungsform
Die Vertreter des Modern Style blieben bei ihren soliden Möbelformen und naturalistischen Textilmotiven und verhielten sich gegenüber dem im übrigen Europa aufkommenden dynamisch-floralen Stil (vgl. Abb. 6) ziemlich abweisend. „Das dynamisch-bizarre Linienspiel war dem mehr rationalstatischen Naturell der Inselbewohner fremd.“ 21
2.3.2 Japonismus
Auch die Kunst Japans beeinflusste viele Kunstschaffende und Architekten in England sowie in Frankreich und Deutschland und wurde Bestandteil der Jugendstilkunst.
„Das Jugendstilornament übernimmt von der japanischen Kunst die Vorliebe für Naturmotive und ihre Symbolik, die flächige Darstellungsweise, die Dezentralisierung der Motive und ihre asymmetrische Anordnung im Randbereich sowie die Einbeziehung der leeren Fläche als gestaltender Form. Wie in der japanischen Kunst wird im Jugendstil das ornamentale Motiv vereinzelt, separiert und erhält dadurch über den dekorativen Aspekt hinaus einen symbolischen Gehalt.“ 22
Infolge seiner geschäftlichen und kolonialen Bindung an den Osten gab es in Großbritannien viel Verständnis und Bewunderung für die fernöstliche Kunst. 1854 und 1862 fanden in London große Ausstellungen japanischer Kunst statt. 1858 schloss England ein Handelsabkommen mit Japan; japanische Holzschnitte, Möbel, Keramiken und Lackarbeiten wurden in großer Anzahl nach England importiert. Es wurden Keramikprodukte hergestellt, die sich ganz im japanischem Stil darstellten: asymmetrische Muster aus Tieren, Vögeln, Insekten und Blumen.
Abbildung 3 zeigt eine japanische Seidenstickerei. Sie veranschaulicht die asymmetrische Gestaltungsweise. Darüber hinaus wird an ihr die flächige Klarheit, die elegante Linienführung, die Einfachheit und Natürlichkeit der Motive deutlich. Eine Fläche ohne modellierende Schatten und ohne per-
21 Vgl.Eschmann, 1991 S. 32.
22 Lieb 2000, S. 47.
14
Jugendstil in seiner Erscheinungsform
spektivische Tiefe erleichtert dem Betrachter, das Verhältnis von Form, Farbe und Motiv schneller zu erfassen. Das Prinzip der Einfachheit wurde als Anregung für die Innenarchitektur im Jugendstil verwendet. 23
2.3.3 Art Nouveau in Frankreich
Im Gegensatz zur Arts and Crafts-Bewegung in England, wo Möbel als logisch durchkonstruierte Gefüge gesehen wurden, lag in Frankreich der Akzent auf dem Dekorativen und dem Kunsthandwerklichen. Französische Möbelkünstler wie Emile Gallé und Hector Guimard entwarfen Möbel, die als „Luxusgebilde“ 25 gebaut wurden. Bei diesen Möbeln traten strukturelle und funktionelle Erwägungen in den Hintergrund: „Das französische Kunsthandwerk ist im Gegensatz zur schlichten Werktreue eines Morris […] von äußerster Verfeinerung und Virtuosität und brilliert
23 Vgl. Eschmann 1980, S. 35.
24 Haslam 1990, S. 27.
25 Schmutzler 1962, S. 152.
15
Jugendstil in seiner Erscheinungsform
verführerisch in Juwelen, Vitrinenobjekten und komplizierten Boudoirmöbeln.“ 26
1895 eröffnete der Kunsthändler Salomon Bing in Paris die Galerie L’Art Nouveau. Durch die neue Kunst, die dort ausgestellt wurde, erregte die Galerie großes Aufsehen. Henry van de Velde entwarf eigens für diese konzipierte Innenräume, die sich im neuen Stil darboten. Weitere Künstler stellten hier ihre Jugendstilwerke dekorativer Kunst aus. Die Galerie wurde zum „Brennpunkt des Jugendstils in Paris“ 27 . Das französische Art Nouveau suchte Inspiration in der Natur. Der Dekor war ein überwiegend pflanzlicher. 28 Die Blume wurde so oft wie in keiner anderen Epoche verwendet, die Blume selbst war das Motiv. Am häufigsten wurden Mohn, Rosen, Iris, Orchideen, Alpenveilchen, Fuchsien und vor allem Lilien dargestellt: „Sie wucherten über Gebäudefassaden und wuchsen aus Möbelstücken heraus, zierten Glasgegenstände und Keramik [...].“ 29
26 Schmutzler 1962, S. 152.
27 Wallis 1974, S. 49.
28 Vgl. Betz 1991, S. 13.
29 Haslam 1990, S. 7.
16
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Susanne Petri, 2006, Form- und Farbgebung der Innenraumgestaltung im Jugendstil, München, GRIN Verlag GmbH
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