Inhaltsverzeichnis
Thema Seite
1 Einleitung 04
2 Individualisierung und Berufsmobilität 06
2.1 Gesellschaft im Wandel - eine Individualisierungstendenz 06
2.2 Definition von Individualisierung - die Individualisierungsthese 10
2.2.1 Individualisierung anhand der „Pluralisierung von Lebensformen“ 11
2.2.2 Kritik der Pluralisierungsthese am Beispiel von Rosemarie Nave-Herz 13
2.3 Definition: Berufliche Mobilität 15
2.4 Gründe für die zunehmende Zahl beruflich mobiler Menschen 18
2.5 Persönliche Voraussetzungen für eine mobile Arbeitsweise 19
2.6 Die Beziehungsform „Getrenntes Zusammenleben“ aufgrund Beruflicher
Mobilit ät 20
2.7 Fazit: Berufliche Mobilität 21
3 Berufsmobile Partnerschaftsbeziehungen am Beispiel von „Getrennt
Zusammenlebenden “ 22
3.1 Begriffsbestimmung 22
3.2 Konstellationsmöglichkeiten 23
3.3 Merkmale dieses Beziehungstypus 23
3.3.1 Zur Feststellung dieser Zugänge 25
3.4 Der Personenkreis / Sozialforschung 25
3.5 Vor- und Nachteile 26
3.6 Fazit: „getrennt zusammenlebende“ Partnerbeziehungen 28
4 Lebens- und Arbeitswelt von „Getrennt Zusammenlebenden“ 29
4.1 Verständnis von Arbeitswelt 29
4.2 Auswirkungen dieser beruflichen Veränderungen auf die Partnerschaft 29
4.3 Konflikte in der Vereinbarkeit von Beziehung und Beruf 30
4.3 Fazit: Arbeitswelt von mobilen „Getrennt Zusammenlebenden“ 32
4
5 Resümee 33
6 Literatur- und Quellenverzeichnis 35
7 Anhang 38
5
1 Einleitung
Unter Berücksichtigung der veränderten beruflichen Erwerbsmöglichkeiten und der daraus resultierend ansteigenden Zahl grenzüberschreitend und nomadisch arbeitender, also berufsmobiler Menschen, sollen hier die Lebensverhältnisse dieser gesellschaftlichen Gruppe aus individualisierungstheoretischer Perspektive in Betracht genommen werden. Die Abwendung von dem strikten, im Industriezeitalter gereiften Bild eines idealen Erwerbstätigen, welcher sich seinen Lebensunterhalt ein Leben lang an ein und demselben Arbeitsplatz verdient, um somit seine Frau und Familie zu versorgen, ist selbstverständlich unlängst erfolgt. Es stellt sich jedoch weiterhin die Frage, welche Kriterien dieser alten Monumente, die mit einer „Tragödie der Gleichförmigkeit“ (Englisch, 2001: 32) zu beschreiben sind, sich gewandelt haben und welche noch weiterhin in den Hinterköpfen vieler Personen verborgen liegen. Als Beispiel stellen sicherlich nur noch wenige Männer die Emanzipation in Frage, meist solche, die der geistigen Übermacht einiger Frauen nicht gewappnet sind.
Aber wie steht es um das Relikt des monotonen Arbeitsplatzes in der Nähe des festen Wohnorts? Sehnen sich nicht sehr viele, wenn nicht der überwiegende Teil der Bevölkerung, nach einem festen Beschäftigungsverhältnis in einem möglichst großen Betrieb, welcher meist zumindest nach außen die Sicherheit auf Lebenszeit verkörpert? Aus aktuellen Geschehnissen, wie die Schließung und Umsiedlung des NOKIA-Werkes in das Ausland oder die massenhaften Entlassungen in Großkonzernen wie HENKEL und SIEMENS trotz beträchtlicher Gewinne, lässt sich jedoch immer häufiger auf andere Veränderungen schließen. Es prophezeit sich ein ganz anderes Bild fernab von beruflicher Sicherheit. Diese Wandlungsprozesse machen sich vermehrt Personen zu Eigen, die der Sicherheit im Sinne von Sesshaftigkeit, von materiellem Reichtum und von beengenden Statussymbolen abgeschworen haben, um ihren Lebensweg anders zu definieren. Diese sogenannten Freiberufler, Projektarbeiter oder auch Jobnomaden, ohne diesen Ausdruck negativ besetzen zu wollen, wenden sich von territorialen Grenzen und dem herkömmlichen Verständnis von Schutz und Stabilität ab. Somit bleibt die Erkundung von stabilen Verhältnissen und partnerschaftlichen Beziehungen im Fokus dieser scheinbar völlig eigenständigen Persönlichkeiten.
Neben der Analyse des gesellschaftlichen Wandels und der daraus resultierenden beruflichen Mobilität dieser Personenkreise soll daher ebenso der Schwerpunkt auf ihre zwischenmenschlichen und partnerschaftlichen Beziehungen gelegt werden. Das Hauptaugenmerk fixiert sich auf diese in der Familiensoziologie als „getrennt
Zusammenlebende“ (LAT´s - „living apart together“) bezeichneten Partnerschaften (Peuckert, 2008: 78), da bei Singles seltener ein Konflikt vorliegt, der mit dem lokalen Haftenbleiben in einer Region oder an einer Person verbunden wird. Bei Singles stellt sich nicht die Frage nach dem „dort bleiben, weil der/die Partner/in ebenso dort bleibt“. Vielmehr ist es die Verbundenheit an die Herkunftsfamilie, das Elternhaus oder auch an den Freundeskreis in der Heimat. In dieser Arbeit soll allerdings mehr Wert auf die Vereinbarkeit von Partnerschaft und beruflicher Mobilität gelegt werden.
Gemäß dieser Betrachtungsweise stellen sich unter anderem Fragen, wie: „Welche Folgen hat die Individualisierungstheorie auf die Pluralisierung der Familienformen?“, „Was genau sind die Gründe und die Auswirkungen von Berufsmobilität?“, „Wie wirkt sich diese berufliche Mobilität auf das familiäre Leben und die sozialen Beziehungen dieser Persönlichkeiten aus?“, „Sind die „klassische und traditionelle Familienstrukturen“ mit diesen Bedingungen überhaupt vereinbar? Oder hat das Leben an zwei Orten zwangsweise mit der Entscheidung zwischen Partnerschaft mit eventuellem Kinderwunsch und beruflicher Karriere zu tun?“. „Wie kann man sich überhaupt die Arbeitswelt dieser Individuen vorstellen?“
Unter diesen Fragestellungen werden nach der Einleitung im Kapitel 2 die Individualisierungstheorie der Gesellschaft und die berufliche Mobilität als mögliche Rahmenbedingungen von „getrennt zusammenlebenden Partnerschaften“ beschrieben. Desweiteren wird im Kapitel 3 auf dieses Familienmodell genauer Bezug genommen. Darauf folgend wird die Lebens- und Arbeitswelt dieser mobilen und „berufsnomadisch“ lebenden Menschen im vierten Kapitel analysiert, wonach abschließend im Schlusskapitel ein kritisches Resümee erfolgt.
2 Individualisierung und Berufsmobilität 2.1 Gesellschaft im Wandel - eine Individualisierungstendenz
„Menschen streben nach einem ausgewogenen Verhältnis von Dauerhaftigkeit und Wandel, von
Verlässlichkeit und Erneuerung.“ (Schneider, 2002b: 22)
Die Welt wandelt sich. Neben den ökologischen Veränderungen, wie der zunehmenden Rolle des Klimaschutzes oder der rasch angestiegenen Bedeutung ökologischer Landwirtschaft (die noch vor nicht all zu langer Zeit belächelt wurde) und dem daraus resultierten Bio-Boom oder den politischen Modifikationen in Bezug auf die abnehmende Rechts-Links-Koordination der
politischen Parteienlandschaft, die laut Aussage Ulrich Becks, einer Grammatik der Subpolitik entgegensteht, nimmt natürlich auch eine veränderte ökonomische Struktur Einfluss auf das gesellschaftliche und berufliche Leben des Einzelnen. Eine hochtechnisierte und kommunikative Zeit, die für Spannungen und Konflikte in den sozialen Geflechten sorgt, in denen dieser Wandel nicht oder nicht in der erforderlichen Geschwindigkeit bewältigt werden kann. Eine zunehmend wissensbasierte und wissensaustauschende Orientierung, die sich weniger an feste und starre Grenzen hält und die nationalstaatliche, sprachliche und kulturelle Barrieren aufzuheben scheint. (Vgl. Beck, 1986: 254ff.) Die wissenschaftlichen und technischen Fortschritte dieses Zeitalters bringen immer mehr kommunikationsfördernde Errungenschaften hervor. Das herkömmliche (Festnetz-) Telefon beispielsweise, welches sich zur Mitte des 20. Jahrhunderts als absolute Neuheit erwies und viele Jahre brauchte, um sich in der breiten Bevölkerung zu manifestieren, ist heute fast schon wieder überholt und wurde durch das Zeitalter des mobilen Telefons (Handy) und vor allem durch die weltumfassende Netzwerkgesellschaft des Internets unlängst in absolute Nachrangigkeit gestellt. Man bedenke, dass das Telefon noch 50 Jahre bis zur massenhaften Verbreitung brauchte. Im Gegensatz dazu, schaffte es das World-Wide-Web in lediglich 5 Jahren zur weltweiten Anerkennung und zum flächendeckenden Gebrauch. (Englisch, 2001: 56)
All diese weitreichenden Aspekte führen dazu, dass sich auch die Menschen mit ihren facettenreichen Persönlichkeiten diesen gesellschaftlichen Modifikationen anzupassen haben. Sie schreiben ihre eigene individuelle Geschichte, die sich von dem einzementierten Bild des Fabrikarbeiters oder Mitarbeiters im Multikonzern als direkte Folgeerscheinung der Industrialisierung mehr und mehr verabschiedet. Das permanente und ständig wiederkehrende Abarbeiten von Aufgaben verliert an Wichtigkeit. Moderne programmierte Maschinen sorgten dafür, dass Muskelkraft bei der Beschäftigung allein, kaum noch von Bedeutung ist. Es zeigt sich, dass Innovationen, Kreativität und Kommunikation hervorgehend aus Informationen und Wissen des Einzelnen, das Gut des Menschen, welches keine Technologie erbringen kann, unerlässlich sind. Doch da das Wissen einer einzelnen Person auch nur begrenzt ist, werden die Fortschritte der Kommunikation in wachsendem Maße genutzt und dringend benötigt, um so mit Hilfe des Austausches durch andere „Ideenspeicher“ und Wissensreservoirs die eigenen Errungenschaften gemeinsam auf ein Höchstmaß ausbauen zu können. Das individuelle Wissen und dessen Informationsfluss gewinnt somit mehr, als die Aspekte der Produkte und der Arbeitskraft selbst, an Bedeutung. (Vgl. Englisch, 2001: 53ff.; Schneider, 2002b: 15ff.)
Sicherlich finden sich noch mehr als genug Arbeitnehmer, die in einem festen Arbeitsverhältnis mit einheitlichen Arbeitsverträgen stehen, täglich ihren eingeschliffenen Weg zum Arbeitsplatz beschreiten und auch dort fortschrittliche Leistungen erbringen. Aber die Verantwortlichen der Betriebe müssen sich immer häufiger zugestehen, dass durch Einschränkung des Arbeitsfeldes und durch Kompetenzbegrenzung der Mitarbeiter keine oder kaum Neuerungen und Fortschritte zu erzielen sind. Bei den Unternehmen, in denen sich potenzielle Ideengeber befinden, diese sich jedoch aufgrund der Betriebshierarchien eingeengt und unterfordert fühlen, werden sich kaum neue, marktführende Innovationen entwickeln können. (Vgl. Berger, 1996: 185; Englisch, 2001: 31ff.; Schneider, 2002b: 15ff.) Folglich zeigt sich gerade bei kompetenzeingeschränkten Mitarbeitern, dass „Dauerhaftigkeit und Sicherheit zunehmend abgelöst werden durch eine flexible Dynamik mit allen Risiken und Chancen.“ (Schneider u.a., 2002b: 15)
Deborah Risi: „Als Lebenslänglicher, also bei einer Firma Festangestellter, sitzt du im goldenen Käfig der Abhängigkeit, und das kann heute tödlich sein. In einer sich ständig verändernden Arbeitswelt ist Freiheit einfach der verlässlichste Weg zur Sicherheit.“ (Englisch, 2001: 102)
Diese kreativen Mitarbeiter suchen nicht selten nach neuen Arbeitsplätzen, in denen sie sich entfalten können, auch wenn sie dafür einige Entfernungskilometer in Kauf nehmen müssen. Nicht selten wollen sich genau diese Personen auch auf ihre Eigenverantwortung und freie Persönlichkeitsentfaltung verlassen können und wagen den Schritt in die freie Projektarbeit oder in die unternehmerische Selbstständigkeit. Das Ziel, mehr Freiheit und Selbstverwirklichung zu erfahren, erstreckt sich dabei auch auf die freie Einteilung von Freizeit und Arbeitszeit, was wiederum die Integration der Familie in den Lebensalltag erleichtern kann. (Vgl. Englisch, 2001: 118) Dieser Aspekt verleiht dem Begriff Sicherheit und Stabilität eine neue Sichtweise, fernab von relativer Sicherung durch Bindung an ein (nicht eigenes) Unternehmen. All jenes, was unter anderem die weitreichende Begriffsbestimmung der „Individualisierung“ in sich birgt. Jedoch kann diese „hochgradig individualisierte, selbstbezügliche“ Karriere auch zu einer einfachen „universellen Lebensform“ werden. (Vgl. Luhmann, 1989: 149ff.) So beispielsweise, wenn aus dem freiheitlichen Berufsleben eine dauerhafte Jobsuche wird und man durch äußerliche Zwänge diese Karriereform wählen muss. (Vgl. Schneider, 2002b: 15ff.; Berger, 1996: 22ff.; Englisch, 2001: 37ff.) Eine tiefergreifende Analyse zur Arbeitswelt und zur „Harmonisierung von Familie und Beruf“ (Schneider, 2002b: 16) ist im Kapitel 4 zu finden.
Dennoch bemerkt Peuckert mit Hilfe von Forschungsarbeiten nach Meyer (1992), Klages (1993) und Herbert (1988), dass sich ein Wertewandel infolge der gesellschaftlichen Individualisierung vollzieht, bei dem die materialistischen Werte (Pflicht- und Akzeptanzwerte) tendenziell nachlassende Betonung erfahren. Ansteigend sind hingegen die postmaterialistischen Werte, auch Selbstentfaltungswerte, zu beobachten. (Vgl. Peuckert, 2008: 335)
Es kommt so vermehrt zu nomadischen Bewegungen im Alltags- und Berufsleben unter den Menschen, ob nun gewollt aus liberalistischen Bestrebungen oder ungewollt aus Gründen mangelnder Arbeitsmöglichkeiten. Laut einer Studie des Economic Policy Institute in Washington stellt die zweite Form, also die unfreiwillige in die Selbstständigkeit entlassenen, zumindest in Amerika sogar eine Minderheit innerhalb der freien Agenten dar. (Englisch, 2001: 101) Die nomadische Kultur, die längst ausgestorben schien, gewinnt wieder immer stärker werdende Bedeutung in Form eines neuen Sozialisationsverständnisses. Die Modernisierungsprozesse der heutigen Zeit weisen einen recht eindeutigen Weg in die Zukunft: Eine Enttraditionalisierung, eine Abwendung aus starren Konstruktionen, Rastern und Verhaltensmustern. Ebenso zeigt sich dieser Prozess im sozialen Bereich der Familien- undBeziehungsstrukturen (siehe: 2.2.1 „Pluralisierung von Lebensformen“) und auf soziografischen Terrain bei dem Blick auf die berufliche Mobilität sowie bei der Betrachtung vieler anderer Ebenen (in der Kultur unter dem Stichwort Multikultivierung, in der Bildung unter dem Leitbild der Reformpädagogen usw.). Eine territoriale und emotionale, in Bezug auf „alteingesessene“, Sesshaftigkeit ist gerade bei den nachkommenden Generationen verschwindend gering, so dass sich in zunehmendem Maße eine Mobilisierung in vielen Teilen der Gesellschaft durchzieht. Es wird jedoch auch verzeichnet, dass die Mobilitätsbereitschaft Deutschlands im internationalen Vergleich (Vgl. Schneider u.a., 2002a: 28ff.; Schneider, 2002b: 17ff.; Pelizäus-Hoffmeister, 2001: 41; Englisch, 2001: 33ff.; Berger, 1996: 185ff.)
„Mit dem Ende des Industriezeitalters ist die Welt in Bewegung geraten. Globalisierung, Digitalisierung, Virtualisierung und Individualisierung lösen herkömmliche Grenzen auf und legen neue Horizonte frei. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte wurde Mobilität in dem Maße gefordert und gefördert wie heute. Der goldene Käfig der Ortsfestigkeit steht sperrangelweit offen. …“ (Englisch, 2001: 33)
Arbeit zitieren:
Norman Böttcher, 2008, Individualisierungstheorie und berufliche Mobilität am Beispiel „getrennt zusammenlebender“ Partnerschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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