Gliederung
1. Einleitung 3
2. Geschichte der Mentalität 4
3. Der Begriff Mentalität 6
4.Verschiedene Autoren zum Thema Mentalitätsgeschichte 8
4.1 Die zwei auseinander gehenden Auffassungen nach Bloch und Febvre 8
4.2 Mentalitäten in der Sozialgeschichte nach Volker Sellin 9
4.3 Plädoyer für eine dynamische Mentalitätengeschichte nach Gilcher-Holtey 11
5. Die Verwendung des Begriffes Mentalität am Beispiel der Affäre Dreyfus 13
6. Für und Wider der Mentalitätsgeschichte 15
7. Konklusion 17
8. Literatur 19
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1. Einleitung
„Unsere Lebensform ist mit der Lebensform unserer Eltern und Großeltern verbunden durch ein schwer entwirrbares Geflecht von familialen, örtlichen, politischen, auch intellektuellen Überlieferungen – durch ein geschichtliches Milieu also, das uns erst zu dem gemacht hat, was und wer wir heute sind. Niemand von uns kann sich aus diesem Milieu herausstellen, weil mit ihm unsere Identität, sowohl als Individuen wie als Deutsche, unauflöslich verwoben ist. Das reicht von der Mimik und der körperlichen Geste über die Sprache bis in die kapillarischen Verästellungen des intellektuellen Habitus.“ 1 Wie bereits bei Habermas
herauszulesen ist, ist Mentalität mehr als nur Ideen, sondern bezieht sich auf viele Schichten unseres Lebens wie beispielsweise Kultur, Sprache, Geschichte, Mimik, Gestik usw. oder mit den Worten von Theodor Geiger „Mentalität ist eine Haut […]“ 2 Mentalität oder besser gesagt
Mentalitätengeschichte, soll das Thema unsere Arbeit sein, da sich auch im letzten Jahrhundert die Aufmerksamkeit in der Geschichtswissenschaft änderte hin zu einer Kulturgeschichte, die neue historiographische Gattungen entstehen ließ und unter ihnen auch die Mentalitätengeschichte, die eine neue Möglichkeit des Erklärens oder Erzählens darstellt und somit auch Gegenstand unseres Seminars war, was uns veranlasst hat, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Aber was versteht man nun unter Mentalität? „Mentalität bezeichnet vorherrschende Denk- und Verhaltensmuster einer Person oder einer sozialen Gruppe von Menschen (z. B. einer Bevölkerungs- oder Berufsgruppe) und wird auch auf gesamte Nationen bezogen.“ 3 , laut einer Definition von P. Dinzelbacher.
In dem ersten Teil der Hausarbeit gehen wir der Frage nach, wie sich der Mentalitätenbegriff geschichtlich entwickelt hat, da vor allem richten wir unseren Blick nach Frankreich, wo der Ursprung der Mentalitätengeschichte liegt, aber natürlich soll auch die deutsche Mentalitätengeschichte nicht aus dem Blick geraten. Im darauf folgenden Teil unsere Arbeit wollen wir den Schwerpunkt auf vier Mentalitätsauffassungen legen. Unter anderem auf zwei Autoren, Marc Bloch und Lucien Febvre, die geschichtlich sehr bedeutsam für die sie und ihre Entwicklung waren. Den Abschluss bildet eine Gegenüberstellung der Stärken und Schwächen der Mentalitätengeschichte.
1 Habermas, Jürgen:“Eine Art Schadensabwicklung“, Surhkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1987, S. 140 2 Raulff, Ulrich (Hg.):“Mentalitäten – Geschichte“, Wagenbachs Taschenbücherei, Berlin, 1987, S.7 3 Peter Dinzelbacher (Hg): „Europäische Mentalitätsgeschichte“, Kröner Verlag, Stuttgart 1993, S. XXI
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2. Geschichte der Mentalität
Im 20. Jahrhundert vollzog sich, wie bereits in der Einleitung erwähnt, ein Wandel in der Geschichtswissenschaft. „Geschichte wurde - jedenfalls allmählich - zur Historischen Anthropologie. 4 „Sie betrifft eine Verschiebung vom Zentrum hin zur Peripherie, von der
Politik zur Gesellschaft und hier wieder zu den Rändern und Randgruppen, von den Taten und Entscheidungen zu den Strukturen, vom klaren Wissen zum Okkulten, vom Bewussten zum Unbewussten.“ 5 Diese Veränderung ließ andere Gattungen in der Sozial- und
Kulturgeschichte, wie die von uns analysierte Mentalitätengeschichte, entstehen. Sie ist ein wissenschaftlicher Unterpunkt des Oberbegriffes der französischen intellektuellen Geschichte, die sich nach Robert Darnton in die Ideengeschichte, die eigentliche intellektuelle Geschichte, die Sozialgeschichte der Ideen und in die Kulturgeschichte unterteilt. Die Mentalitätengeschichte ist wiederum ein Unterpunkt der Kulturgeschichte, welche zum einen die Kultur nach anthropologischen Aspekten untersucht darunter auch die Weltanschauungen und die kollektiven Mentalitäten. Ihr Ausgangspunkt liegt in Frankreich in der Schule „der Annales“ 6 . Der Begriff Mentalität entstand ursprünglich aus dem Englischen und kam über
das Französische kurz vor dem ersten Weltkrieg nach Deutschland. In England blieb der Begriff rein auf philosophischer Ebene, wohingegen in Deutschland und Frankreich der Begriff auch in die Alltagssprache gelangte. Vom klassischen lateinischen „mens“ leitete sich das Adjektiv mental zu Zeiten der Scholastik circa Mitte des 14. Jahrhunderts, ab. Daraus wurde im 17. Jahrhundert das englische Wort „mentality“ entlehnt. Im Laufe der Zeit wandelte sich die Bedeutung des Wortes Mentalität, in der Weise, von der philosophischen Fachsprache, in der es eine kollektive Denkart bezeichnete, bis es dann um 1900 den geläufigen Sinn erhält, „Es ist der volkstümliche Nachfolger der deutschen Weltanschauung, die Weltsicht eines jeden einzelnen, ein stereotypes und zugleich chaotisches geistiges Universum.“ 7
Das französische Wort hingegen leitet sich nicht etwa aus dem lateinischen ab, sondern ist dem Englischen entnommen. In Frankreich wurde das Wort „mentalité“ durch die Autoren Emile Durkheim, Lucien Lévy-Bruhl u. a. um 1900 zum sozialwissenschaftlichen Begriff erhoben und in Deutschland im Jahre 1932, kurz vor dem ersten Weltkrieg, durch Theodor Geiger. Die ersten beiden Autoren gehören mit zu der Gruppe von französischen Historikern der Zeitschrift „Année sociologique“ oder auch „Annales“. Gerade Lévy-Bruhl schaffte mit 4 Raulff, Ulrich (Hg.):“Mentalitäten – Geschichte“, Wagenbachs Taschenbücherei, Berlin, 1987, S.8 5 ebd., S.7 6 „Annales“ Schule bildet sich aus einer Gruppe französischer Historiker im 20 Jahrhundert, die eine neue Metodologie und Praxis in der Geisteswissenschaft etablierten.
7 Raulff, Ulrich (Hg.):“Mentalitäten – Geschichte“, Wagenbachs Taschenbücherei, Berlin, 1987, S.24
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seinem Begriff „mentalité primitive“ einen gravierenden Gegensatz zwischen der Mentalität der Naturvölker oder auch prälogische Mentalität genannt und der Mentalität der Zivilisierten oder auch rationale Mentalität. Was anfangs als rein analytische Unterscheidung gedacht war, entwickelte sich schnell dazu, dass Mentalität nicht nur das Fremde analysierte, sondern auch das Feindliche bezeichnen konnte. Febvre und Bloch übernahmen diesen Mentalitätsbegriff. Auch wenn Febvre und Bloch die gleiche Ausgangsschule wie Durkheim und Lévy-Bruhl hatten, entwickelten sie sich doch in ihren Ansichten in unterschiedliche, aber nicht gegensätzliche, Richtungen. Febvre in die psychologisierende und Bloch in die anthropologische, aber darauf werden wir im nächsten Kapitel näher eingehen. In den 70ziger und 80ziger Jahren des 1900 erweiterte sich die Mentalitätsgeschichte soweit, dass anstatt nur Ideen, Geistes- und Religionsgeschichte, sondern ganze Gesellschaften oder Teile mentalitätsgeschichtlich betrachtet worden. So dass seit dieser Zeit oft Kritik an der ältern Mentalitätsgeschichte geübt wurde. Anfangs schrieb Febvre bevorzugt biographische Studien beispielsweise 1928 über Luther oder 1942 über Rabelais und bezog die Denk- und Handlungsweisen dieser einzelnen Zeitgenossen auf ganze Gesellschaften. Nachdem er diese Vorliebe abgelegt hatte, stand einer Geschichte von Überzeugungen, Werten und Vorstellungen einer ganzen Gruppe oder Epoche, nichts mehr im Wege.
In Deutschland fand der Mentalitätsbegriff erst spät, in den 90ziger Jahren, Anklang. Gründe dafür liegen wohl in dem Widerstand der traditionellen Geisteswissenschaftler und der Marxisten in Ost und West, die den Ansatz der Autoren um „Annales“ komplett ablehnten. Obwohl auch in Deutschland Forschungen vor dem zweiten Weltkrieg zur Mentalitätsgeschichte existieren, zum Beispiel von Carl Erdmann oder Theodor Geiger. Etwa zehn Jahre später tritt der umgekehrte Fall in Frankreich ein, dass die Mentalitätsgeschichte mehr und mehr in den Hintergrund tritt und in Deutschland wird der Mentalitätsbegriff immer präsenter. Historische Epochen, welche die Mentalitätsgeschichte größtenteils untersucht, waren die frühe Neuzeit, der Absolutismus und das Mittelalter, weil zum einen die Quellen in dieser Zeit umfangreicher waren, so dass sich Schlüsse über mentale Sachverhalte gewinnen lassen konnten. Zum anderen waren die Geschichtswissenschaften durch ihre einseitige Betrachtungsweise nicht mehr in der Lage, die Epochen weiter zu unterteilen. Jedoch hat die sie unter Einbeziehung anderer Forschungsgegenstände, es geschafft die Geschichte weiter zu unterteilen. Die Mentalitätsgeschichte hat sich eigene spezifische Quellen erschlossen durch die Einbeziehung von zum Beispiel Reiseberichten oder Bildmaterialien.
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3. Der Begriff Mentalität
Bis in die heutige Zeit hinein, existiert keine klare und eindeutige Theorie der Mentalitäten und des Mentalitätenwandels. Es gibt einige wage Definitionen, wie beispielsweise von Rolf Reichardt und Volker Sellin, die aber ebenso problematische sowie charakteristische Schwierigkeiten der Begriffslage aufweisen. Denn schon seit ihren Anfängen umfasst sie einen weiten Bereich, unter anderem kognitive und ethische Bestimmungen, Vorstellungen und Verhaltensweisen, Praktiken und Formen des Umganges und auch Formen des Denkens. Laut Raulff, „[…] spannt sich die mentalitätenhistorische Problematik zwischen drei Polen auf.“ 8 , denn sie umfasst die kognitive, ethische und affektive Dispositionen. Damit beinhaltet
Mentalität nicht nur das Denken, Einstellungen, Vorstellungen, Praktiken oder Regeln sondern auch die Affekte und Sensibilitäten, die mit der affektiven Disposition gemeint sind. Denn schon im lateinischen Ursprung sind unter dem Wort mens das Gemüt und gelegentlich auch die Gemütsaffekte wie beispielsweise Zorn, Leidenschaft oder Wut, zu verstehen. „Mentalité geht […] seit spätestens 1899 fest in den Wortschatz der Durkheimianer ein und dient dazu, das vage Terrain der Sozial- und Gruppenpsychologie begrifflich aufzugliedern. In sich ist der Begriff weniger scharf definiert und übergreift z.B. primitive und entwickelte, arbeitsteilige Gesellschaften; Lévy-Bruhl wird ihn weiter qualifizieren und – auch gegen Einwände `Durkheims – in logische und prälogische Mentalität differenzieren`.“ 9 , wie dies
bereits im vorherigen Kapitel erwähnt wurde. Das folgende Zitat verdeutlicht noch einmal die Unterscheidung Lévy-Bruhls zwischen Primitiven und Intellektuellen. Denn für ihn ist das, „Was also die Mentalitäten der sozialen Gruppen unterscheidet, […] die mehr oder weniger ausgedehnte Verwendung der verfügbaren Instrumente: Die Schlauesten machen sich fast die Gesamtheit der vorhandenen Wörter und Begriffe zu nutze, die Unbedarftesten verwenden nur einen winzigen Teil des geistigen Werkzeugs ihrer Epoche und schränken damit gegenüber ihren eigenen Zeitgenossen ein, was zu denken ihnen möglich wäre.“ 10 Um 1900
wurde durch die Autoren Emile Durkheim, Lucien Lévy-Bruhl u. a. der Begriff Mentalität zu einem sozialwissenschaftlichen Wort gemacht. Ein wesentlicher Bestandteil der Forschung der „Annales“ lag in der Erforschung von Mentalitäten. Sie versuchen das Dauerhafte von dem Einmaligen herauszufiltern und untersuchen die Strukturen, die dem Ablauf von Ereignissen zugrunde liegen. Wichtig bei diesen Strukturen ist nicht die Dauer, sondern das die Vielfalt von Ereignissen oder Handlungen sich auf ein einheitliches Muster zurückführen lassen und somit ist Struktur ein relativer Begriff. Für die „Annales“ Schule sind Mentalitäten 8 Raulff, Ulrich (Hg.):“Mentalitäten – Geschichte“, Wagenbachs Taschenbücherei, Berlin, 1987, S.9 9 ebd. S. 60 10 ebd. S. 76
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Quote paper:
Patricia Detto, Doreen Krzmarik, 2008, Mentalitätsgeschichte, Munich, GRIN Publishing GmbH
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