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Gliederung
1. Einleitung und Abgrenzung 3
2. Die Position der Prostitution in der pakistanischen Gesellschaft 5
2.1 Kurzer geschichtlicher Abriss 5
2.2 Heutige Stellung der Hera Mandi 6
3. Prostitution und Kaste in der Hera Mandi 8
3.1 Kanjar: Die Unterhaltungskünstler 8
3.2 Mirasi: Die Musiker 9
3.3 Like Oil and Water: Relationen zwischen Kanjar
und Mirasi 10
4. Die Lebenswelt der Hera Mandi 12
4.1 Organisation des Arbeitslebens 12
4.2 Die Definition des sozialen Status 14
5. Geschlechterverhältnisse der Kanjar in der Hera Mandi 15
5.1 Die gesellschaftliche Position der Männer 15
5.2 Die begrenzte Freiheit der Frauen 17
Quellenverzeichnis 19
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1. Einleitung und Abgrenzung
In der westlichen Welt versteht man unter Prostitution die "gewerbsmäßige Ausübung sexueller Handlungen" 1 . Wir betrachten Prostitution in erster Linie als etwas, in das Frauen (und in zunehmendem Maße auch Männer) aufgrund finanzieller oder auch psychologischer Perspektivlosigkeit "hineingeraten", oder, schlimmer noch, zu dem sie gezwungen werden. Auch gehen wir davon aus, dass der (temporäre) Verkauf des eigenen Körpers tiefe seelische Narben hinterlässt, die sich kaum wieder tilgen lassen. Prostitution steht in der gesellschaftlichen Hierarchie auf einer der untersten Stufen. "Sexarbeiter" erregen unser Mitleid, unsere Verachtung, auch: die Faszination des Verbotenen. Wenig vorstellbar ist in unserer vom Determinismus der Rationalität geprägten Denkart, dass Prostitution an anderen Orten vollkommen andere Implikationen beinhaltet, dass sie strengen Regeln folgt, die sich statt am Gesetz am Ritual, an der Tradition statt am Preis orientieren. In Südasien ist Prostitution kein hohler Körper, kein Konstrukt, das allein dem Broterwerb dient, sondern vielmehr die Ausübung der Liebeskunst im eigentlichen Sinne des Wortes: Sie bedeutet das Vereinen von Körperlichkeit mit der Ausübung der Unterhaltungskunst. So sind Tanz, Gesang, Poesie und gewerbsmäßige Sexualität in Südasien seit Jahrtausenden eng miteinander verknüpft: "The nexus between prostitution and the performing arts is as old as prostitution itself." 2 Die Ausübung der Liebeskunst beschränkt sich somit nicht auf bloße Körperlichkeit, sondern ist sowohl Träger zahlreicher kultureller Besonderheiten als auch weiblicher Selbstausdruck. Als Beispiel dafür werde ich in der vorliegenden Arbeit das Prostitutionssystem in Lahore, Pakistan, untersuchen.
Prostitution war und ist in Pakistan unsichtbar. Das Geschäft mit dem Körper findet im Verborgenen statt, in einer Schattenwelt, die eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten gehorcht und deren Realität wenig mit der der übrigen pakistanischen Gesellschaft zu tun hat. In Lahore, gelegen im westlichen Bundesstaat Punjab, bewegt sich die Prostitution nicht nur innerhalb gesellschaftlicher, sondern auch geographischer Grenzen: Sie spielt sich praktisch ausschließlich innerhalb eines Bazars im Nordwesten der ummauerten Altstadt ab, der als Hera Mandi oder auch Shahi Mohalla bekannt ist. Wörtlich übersetzt bedeutet Hera Mandi "Diamanten Markt", obwohl dort nie Edelsteine zum Kauf angeboten wurden. Mit "Diamanten" sind vermutlich vielmehr die Prostituierten gemeint, die hier ihrer Arbeit nachgehen.
Prostitution gilt als universales Phänomen, das sich durch alle Zeiten hinweg in beinahe jeder Gesellschaft findet - mit regional sehr unterschiedlichen Konnotationen, Bewertungen, Ausübungsformen und Regeln. Für die Ethnologie kann die Untersuchung der
Prostitutionssysteme verschiedener Gesellschaften somit überaus aufschlussreiche
1 http://lexikon.meyers.de/meyers/Prostitution
2 vgl. Saeed 2001, foreword viii
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Informationen liefern und - genau wie andere in allen Kulturen vorkommenden Merkmale, wie beispielsweise das Inzesttabu oder der Glaube an die Existenz einer menschlichen Seele - sinnvolle Informationen bereitstellen, um kulturelle Gemeinsamkeiten oder Unterschiede verschiedener Gesellschaften miteinander in Beziehung zu setzen. 3 „Ethnographies are useful for taking one aspect of a society as a window into the larger system.“ 4
Ich möchte in der vorliegenden Arbeit die verborgene Kultur der Hera Mandi untersuchen und, neben der Darstellung des Alltagslebens ihrer Bewohner, kulturelle sowie soziale Besonderheiten herausarbeiten. Es geht mir dabei vor allem darum, soziale
Ordnungsmuster aufzuzeigen, die das Leben in solchen Bereichen ordnen, in denen keine staatliche Regulierung herrscht - wie im Falle der Prostitution. Dabei beziehe ich mich hauptsächlich auf die 2001 erschienene Studie "Taboo! The Hidden Culture of a Red Light Area" der pakistanischen Soziologin und Frauenrechtlerin Fouzia Saeed, die die erste wissenschaftliche Untersuchung in der Hera Mandi darstellt. Daraus geht hervor, dass sich das Prostitutionsgeschäft an Vorgaben von Kaste, Klasse, Ethnie, Familie und, vor allem, Tradition orientiert. Saeed setzt den Fokus ihres Buches auf genderpolitische Aspekte und ordnet die Prostitution und den Umgang damit in den gesamtgesellschaftlichen Kontext ein. Sie sieht in ihr einen Gegenpol zur patriarchalen Ordnung, eine Form der Rebellion gegen religiöse und soziale Zwänge. 5
Nach Saeed wagte auch die britische Soziologin Louise Brown die Reise in den als äußerst gefährlich verschrienen Bezirk. Ihr darauf basierendes Buch "Maha, die Tänzerin. Meine Reise in die Welt eines orientalischen Rotlichtbezirks" stellt meiner Ansicht nach allerdings eher eine literarische Aufarbeitung persönlicher Erlebnisse dar als eine wissenschaftlich fundierte Studie, in dem sich keinerlei mit empirischen oder qualitativen Methoden der Kultur- und Sozialanthropologie gewonnenen Ergebnisse finden. Die schwierige Quellenlage ist vermutlich nicht zuletzt auf die Tabuisierung der Prostitution im Allgemeinen zurückzuführen. Als Saeed, die einen angesehen Posten im Kultusministerium in Islamabad innehatte, ihre Forschung begann, ging ein entrüsteter Aufschrei durch die Presse. Sie berichtet in ihrem Buch, wie sie sich über zahlreiche Widerstände seitens ihrer Kollegen, Vorgesetzten, Familie und der Öffentlichkeit
hinwegsetzen musste, die ihr Vorhaben nicht nur für überflüssig, sondern auch für gefährlich hielten. Gefährlich nicht nur im physischen Sinne, sondern auch insofern, dass sie einen gesellschaftlichen Bereich thematisierte, der im kollektiven Bewusstsein schlichtweg nicht
3 vgl. dtv-Atlas Ethnologie 2005, S. 149
4 Saeed 2001, preface xix
5 Saeed 2001, foreword viii
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vorhanden war und sein sollte 6 . In Pakistan folgt die Prostitution vor allem einer Regel: Man tut es, man spricht aber nicht darüber.
2. Die Position der Prostitution in der pakistanischen Gesellschaft 2.1 Kurzer geschichtlicher Abriss
Religiöse Prostitution, bei der der Sexualakt einem sakralen Zweck dient, hat in Indien und damit auch im Punjab eine lange Tradition. Seit circa 1000 v. Ch. geben schriftliche Quellen Auskunft über die Existenz der Prostitution oder vielmehr dem Kurtisanentum in Indien. Ebenso früh geriet sie in Verruf: Bereits der hinduistische Gesetzgeber Manu verdammte die Prostitution in seinen Schriften und legte damit den Grundstein für eine fortwährende, Grenz-und Religionsübergreifende Diffamierung auf dem indischen Subkontinent. 7 Mit der Eroberung Nordindiens durch die Perser im 16. Jahrhundert und der anschließenden Etablierung des Mogul-Reiches erfuhr die Prostitution eine leichte Aufwertung und Annerkennung als Kunstform, was vermutlich nicht zuletzt damit zusammenhing, dass die Prostituierten nur für die herrschende Klasse, die Aristokratie also, und zum Teil für das Militär arbeiteten und selber nicht selten der Oberschicht entstammten. Der Mogul Akbar, der von 1556 bis 1605 in Nordindien herrschte, führte Gesetze zur Regulation der Prostitution ein, „to ensure some balance between the interests of the state on the one hand and those of the prostitute and the customer on the other hand”. 8 Im Kolonialreich der Briten wurde diese Praxis der „irregulären Regulation“ beibehalten, und auch wenn die Prostitution niemals als Gewerbe anerkannt wurde, so wurde der Besuch eines Bordells eher als eine Lasterhaftigkeit als ein wirkliches Verbrechen betrachtet. Mit der Herrschaft der Europäer veränderten sich die kulturellen und sozialen Werte, so dass die Prostitution, die im Mogulreich eine gewisse Anerkennung als Kunstform genossen hatte, zum bloßen Sexgeschäft verkümmerte - zumindest in ihrem Ansehen. Tatsächlich gelang es, innerhalb des geschlossenen Systems, in welchem sich die Prostitution von jeher abspielte, die Tradition von Tanz und Gesang aufrechtzuerhalten. 9 Die Teilung des Punjabs nach Abzug der Briten und die daraus resultierende Staatsgründung Pakistans 1947 als explizit muslimisches Land hatte für die Prostitution die faktische Illegalität zur Folge: Prostitution wird in Pakistan heute mit Gefängnis- oder Todesstrafe geahndet - zumindest offiziell. Das Gesetz gilt für Freier und Prostituierte gleichermaßen. Dennoch, so I.A. Rehmann im Vorwort zu Saeeds Studie, habe sich für die Prostituierten bezüglich ihrer gesellschaftlichen Position wenig geändert: „The rajas have been replaced by politicians, who are comparatively much lower on the cultural scale, more
6 vgl. Saeed 2001, S.13 ff
7 vgl. Saeed 2001, foreword xii
8 Saeed 2001, foreword xi
9 vgl. Saeed 2001, foreword xiii
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interested in sexual gratification, and less capable of valuing prostitutes for skill in essential performing arts.” 10 Die eigentliche Veränderung besteht somit nicht in größerer staatlicher Repression oder einem verminderten Status innerhalb der Gesamtgesellschaft, sondern vielmehr in einem allgemeinen kulturellen Niedergang, der auf der Fokussierung auf das bloße Geschäft mit dem Körper unter Beiseitelassen aller kulturellen Raffinessen fußt.
2.2 Heutige Stellung der Hera Mandi
Die Bewohner der Hera Mandi sind an staatliche Unterdrückung gewöhnt. Nichtsdestotrotz empfinden sie diese als ungerecht, da sie sich selbst nicht als Angehörige einer Minderheit, sondern als pakistanische Staatsbürger und gute Muslime betrachten, die Steuern zahlen und dementsprechende Rechte genießen sollten. Die Realität sieht allerdings anders aus: Die Prostitution spielt sich wie gesagt im Verborgenen ab, sie steht außerhalb der Gesellschaft und ist damit vollkommen rechtlos. Die Arbeitszeit ist gesetzlich stark eingeschränkt: Nur von 23 bis 1 Uhr morgens darf dem Prostitutionsgeschäft nachgegangen werden. 11 Hinzu kommen regelmäßige Razzien und (oftmals ungerechtfertigte) Verhaftungen von Mohalla-Bewohnern durch die Polizei, die die herrschende Rechtlosigkeit zur Überschreitung ihrer Kompetenzen missbraucht. 12 Wenn die kothas, was man im weitesten Sinne als „Bordell“ übersetzen kann, um ein Uhr schließen, kommen Saeeds Informanten zufolge die „wirklichen“ Kunden: hochkarätige Politiker und andere Mitglieder der pakistanischen Oberschicht, die, protegiert von der Polizei, ihre Geliebten aufsuchen. In der Tradition der südasiatischen Prostitution ist es durchaus üblich, einen Langzeit-Liebhaber zu haben - ähnlich wie bei den japanischen Geishas geht es nicht vordergründig darum, Sex für eine Nacht zu verkaufen. Vielmehr ist es das erklärte Ziel jeder Prostituierten, eine möglichst ertragreiche Langzeitverbindung mit einem möglichst reichen respektive angesehenen Mann einzugehen, der, so lange die Beziehung Bestand hat, einen monatlichen Betrag zahlt und dafür exklusive Rechte an seiner Geliebten genießt. 13 Bei der Prostitution im Punjab handelt es sich traditionell eher um ein Kurtisanentum, dessen Etablierung vor allem auf die Zeit der Mogul-Ära zurückgeführt wird. Die höchste Klasse der Kurtisanen, tawaifs genannt, waren hochgebildete Künstlerlinnen, die Gesang und Tanz perfekt beherrschten und hohes Ansehen genossen. Man kann sie nicht als Prostituierte klassifizieren, da ihr Beruf wesentlich mehr von ihnen verlangte (und bis heute verlangt) als das bloße Anbieten sexueller Dienstleistungen. 14
10 Saeed 2001, foreword x
11 vgl. Saeed 2001, S.11
12 vgl. Saeed 2001, S. 77
13 vgl. Saeed 2001, S.196
14 vgl. Saeed 2001, S.143
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Die Besucher, die die Hera Mandi nach ein Uhr morgens aufsuchen, müssen sich nicht an die Geschäftszeiten halten, um sich ein Mädchen auszusuchen. In der entspannten Atmosphäre des Rotlichtmilieus werden Saeed zufolge wichtige politische Entscheidungen getroffen und Geschäftsverbindungen geknüpft: „It`s a place where the powerful relax“, schreibt sie. 15
In der pakistanischen Gesellschaft herrschen zahlreiche Vorurteile gegenüber den Bewohnern der Shahi Mohalla. Jeder, der dort lebt, wird zwangsläufig mit dem Sexbusiness in Verbindung gebracht, ist er oder sie nun tatsächlich Prostituierte, Musiker oder Ladenbesitzer. Der herrschende Diskurs diskriminiert die Prostitution und tabuisiert sie gleichzeitig. Der Grund hierfür liegt vor allem in der Konnotation von Körperlichkeit im Allgemeinen und Sexualität im Besonderen, die in der südasiatischen Kultur als zutiefst unrein gelten. Damit im Zusammenhang steht das Kastensystem: Jede Kaste ist an ein bestimmtes Aufgabenfeld geknüpft, welches wiederum mit verschiedenen Graden ritueller Reinheit assoziiert wird. Körpersubstanzen wie Kot, aber auch Sperma, gelten als überaus unrein. 16 Entsprechend werden Kasten, deren Aufgabenbereich die Prostitution ist, als unberührbar klassifiziert. Hinzu kommt eine negative Bewertung aus religiöser Sicht in Pakistan als explizit muslimischem Staat, die Frauen, die sich nicht ausschließlich ihrem Ehemann hingeben, mit dem Adjektiv „schlecht“ (im Gegensatz zu den „guten“ Ehefrauen) stigmatisiert. Wobei diese Konnotation, so Saeed, weniger auf den Islam, sondern vielmehr den patriarchalen Diskurs zurückzuführen ist: „Patriarchy creates a group of ‘bad’ women and denounces them as seducers, home-breakers, destroyers of the male mind, and corrupters of the youth and then fixes responsibility for all these forms of vice on all womenfolk.” 17
Auf der anderen Seite entstammen Pakistans erfolgreichste und bekannteste Sängerinnen und Schauspielerinnen den Rotlichtbezirken. Der Grund hierfür liegt in der bereits angesprochenen Verbindung von Tanz, Gesang und Prostitution in Südasien. In der südasiatischen Filmkunst ist der Tanz ein unverzichtbares Element, was am Beispiel von Bollywood-Produktionen besonders deutlich wird. Es ist ein Wechselspiel: Da die darstellenden Künste mit dem Tabubereich Sex und Prostitution in Verbindung gebracht werden, wird Musik ausschließlich im Rotlichtmilieu unterrichtet. Auf der anderen Seite ist die Beherrschung dieser Fertigkeiten unabdingbar, um Erfolg im (hochgeachteten) Filmbusiness zu haben. 18 Demzufolge entstammen die meisten SchauspielerInnen und Musiker Bezirken wie der Shahi Mohalla: „Totally intertwined with professional prostitution, the performing arts
15 Saeed 2001, S.95
16 vgl. dtv-Atlas Ethnologie 2005, S. 179
17 Saeed 2005, foreword xiv
18 vgl. Saeed 2001, S.143 f
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in this area have their own distinct tradition and significance in society.“ 19 Diejenigen, die zu Ruhm gekommen sind, verleugnen allerdings häufig ihre Herkunft, um der Stigmatisierung zu entgehen. Die Interaktion von Sex- und Filmbusiness ist ein augenfälliges Beispiel für die Durchlässigkeit und Hybridität der pakistanischen Gesellschaft.
3. Prostitution und Kaste in der Hera Mandi
Obwohl es sich bei Saeeds Studie um die Untersuchung einer muslimischen Gesellschaft handelt, stößt man in Lahore auf Kastengrenzen. Im Allgemeinen weisen in Südasien ansässige Muslime den Bezug auf das Kastensystem weit von sich: Vor Allah sind laut Koran alle Menschen gleich und sollen dementsprechend behandelt werden. Nichtsdestotrotz ist der Einfluss jahrtausendealter Gesetzmäßigkeiten aus dem Zusammenspiel von hinduistischer Religion und deren kulturellen Ausprägungen auch in Pakistan nicht zu leugnen: Es sind enge Linien, mit der Geburt gezogen, innerhalb derer sich das Leben abspielt.
Saeed spricht selbst nicht von Kasten, allerdings nicht, weil sie deren Existenz leugnet, sondern weil sie den Begriff für zu eng hält. Stattdessen verwendet sie den Begriff biradri, der im weitesten Sinne „Bruderschaft“ bedeutet und im Glossar mit „community“ übersetzt wird. 20
Die Bevölkerung der Hera Mandi besteht im Wesentlichen aus den beiden biradris der Kanjar und Mirasi, wobei die Kanjar das Prostitutionsgewerbe betreiben, wohingegen die Mirasi ausschließlich Musiker sind. Daran wird deutlich, dass sich biradri-, oder auch Kastenzugehörigkeit im Allgemeinen, auch in Lahore vorwiegend über die Berufsausübung definiert bzw. die Kaste/biradri den Beruf determiniert.
3.1 Kanjar: Die Unterhaltungskünstler
Die Kanjar sind ein in ganz Südwest-Asien lebendes Volk, das die Unterhaltungskunst in all seinen Variationen ausübt: Kanjar sind bekannt als Sänger, Tänzer, Musiker und eben Prostituierte. Sie sind streng endogam, matrilinear und -lokal sowie (traditionell) seminomadisch. In Lahore stellen sie eine Population von circa 400 bis 500.000 Menschen. 21 Bei den Kanjar trifft man auf das in Südasien nicht ungewöhnliche so genannte „Unterklassenmatriarchat“: Frauen dominieren in fast allen Lebensbereichen über die Männer. Funktionalistisch betrachtet könnte man diese Tatsache darauf zurückführen, dass es die Frauen sind, die das Einkommen bestreiten: Prostitution, Tanz und Gesang sind in Südasien typisch weibliche Arbeitsbereiche. Darüber hinaus liegt die Organisation des
19 Saeed 2001, S.122
20 vgl. Saeed 2001, Glossary xxv
21 vgl. http://www.everyculture.com/South-Asia/Kanjar-Orientation.html
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Alltagslebens allein bei den Frauen. Die Männer kümmern sich um den häuslichen Bereich: Kindererziehung, Kochen und die gesamte Haushaltsführung. 22 Die Geburt eines Mädchens wird im Gegensatz zu der eines Jungen als Glück angesehen; je mehr Töchter eine Familie hat, desto höher ihr Einkommen (und damit auch der Status). Außerdem fungieren Töchter als Altersabsicherung: Eine Frau muss viele weibliche Nachkommen haben, die das Geschäft weiterführen, wenn sie in Ruhestand tritt 23 . Ich werde sowohl auf die Geschlechterverhältnisse als auch die Organisation des Arbeitslebens in Punkt 4 und 5 näher eingehen.
Affinale Bindungen durch Hochzeit sind bei den von Saeed untersuchten Kanjar in Lahore verhältnismäßig unwichtig: Ehemänner kommen und gehen, Scheidungen sind durchaus üblich (zumal auch die Verbindung einer Prostituierten mit ihrem Langzeitliebhaber als Ehe bezeichnet wird). Die matrilineare Deszendenz steht eindeutig im Vordergrund; mitunter, vor allem, wenn eine Frau keine oder wenige Töchter hat, wird sie auch durch Adoption erzeugt. Nichtsdestotrotz ist die (endogame) Verheiratung an sich einer Tochter durchaus wichtig für die Aufrechterhaltung des Status` einer Familie. 24
Zusätzlich zur ohnehin bestehenden Schlechterstellung aufgrund ihrer Klassifikation als Unberührbare und dem Stigma ihres Berufes stellt die matrilineare Identifikation für die Kanjar ein weiteres Problem innerhalb der ansonsten patrilinear organisierten Gesellschaft Pakistans dar. 25 Nichtsdestotrotz besitzen die Kanjar ein ausgeprägtes Ehrgefühl: „I`m from a Kanjar family and not, God forbit, a Mirasii oder Domni, as are many of the other families here.“ 26
3.2 Mirasi: Die Musiker
Die Mirasi stellen die zweite große Bevölkerungsgruppe innerhalb der Shahi Mohalla. Sie sind endogam und im Gegensatz zu den Kanjar patrilinear organisiert. Die Mirasi gelten als „Musikerkaste“: Die bekanntesten klassischen und auch modernen Musiker Pakistans sind aus der Mirasi-Kaste hervorgegangen. 27
Sie sind nicht direkt in die Prostitution, sondern ausschließlich in die musikalischen Belange des Basars involviert. Dennoch werden sie von der übrigen Gesellschaft mit dem Prostitutionsgeschäft assoziiert und dementsprechend abgewertet. 28 Zahlreiche Mirasi-Musiker wohnen nicht mit ihren Familien, sondern unterhalten in der Mohalla einen baithak, einen Raum, in dem sie leben, musizieren, komponieren und vor
22 vgl.http:// www.everyculture.com/South-Asia/Kanjar-Kinship-Marriage-and-family.html
23 vgl. Saeed 2001, S.169
24 vgl. Saeed 2001, S.171 f
25 vgl. Saeed 2001, S.73
26 Saeed 2001, S.160
27 vgl. Saeed 2001, S.123
28 vgl. Saeed 2001, S. 59 f
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allem Schülerinnen unterrichten. Ihre Familien, die in der Regel außerhalb der Shahi Mohalla leben, besuchen sie regelmäßig. 29 Ein neuer Trend sorgt allerdings dafür, dass viele Mirasi mittlerweile nicht mehr direkt in der Mohalla leben, sondern in deren unmittelbarer Nachbarschaft, um der Stigmatisierung zu entgehen.
3.3 Like Oil and Water: Relationen zwischen Kanjar und Mirasi
Die orale Tradition bezeichnet das Verhältnis der beiden biradris als „like oil and water“: Die Metapher zweier Substanzen, die sich zwar voneinander trennen lassen, sich aber auch nicht wirklich verbinden, ist ein Sinnbild für die deutliche Distanz trotz eines sehr engen Verhältnisses im Alltag. 30 Bei diesem handelt es sich in erster Linie um ein Arbeitsverhältnis: Die Musiker begleiten die Prostituierten bei ihrer Arbeit musikalisch. Um einen Eindruck zu vermitteln, schildere ich an dieser Stelle einen Abend in der Hera Mandi: Sobald der Besucher den Basar betritt, betritt er auch eine andere Welt. Im Gewirr der kleinen Gässchen herrscht gerade zu fortgeschrittener Stunde Trubel - Eselskarren, Autos und Passanten drängen sich dicht an dicht, die Geräuschkulisse ist ein Wirrwarr aus Geschrei, Gesang und Gehupe. Die Erdgeschosse der niedrigen Häuser haben große Fensterfronten, die hell und möglichst vorteilhaft erleuchtet sind. Darin sitzen, angetan mit shalwar kamiz in schillernden Farben, klirrendem Schmuck und starkem Make-up junge Frauen, die den Vorbeikommenden einladend zulächeln. Betritt ein Besucher - oder auch eine Besuchergruppe - einen solchen Raum, beginnt nach kurzer Verhandlung über den Preis die Vorstellung: Die Frau, oftmals auch zwei oder drei, rücken ihre Gewänder zurecht, wippen mit den Füßen und warten auf das Einsetzen der Musik. Hinter ihnen, entlang der Wände, sitzen die Musiker, die tablas (Trommeln) zwischen die Füße geklemmt. Sie beginnen, diese zu schlagen, langsam zunächst, dann schneller. Die Frauen wiegen sich im Rhythmus, wackeln mit dem Oberkörper und vollführen mit den Händen anmutige Gesten. Der Tanz gewinnt an Tempo und Kraft, die Zuschauer applaudieren und werfen Geldscheine auf die Tänzerinnen. Diese flirten immer heftiger mit ihren Kunden, versuchen, ihren Blick festzuhalten, während sie im vollen Bewusstsein ihrer Macht, der uralten Macht der Frauen über die Männer, die Hüften kreisen lassen. 31
Die Performance der mujra, des traditionellen, erotisch hoch aufgeladenen Tanzes Nordindiens, dient nicht einfach zum Amüsement des Zuschauers, sondern vielmehr der Kontaktaufnahme für anschließende sexuelle Dienstleistungen. Häufig werden Verabredungen für den nächsten Tag zwischen Prostituierter und Freier getroffen, da
29 vgl. Saeed , S.55
30 vgl. Saeed 2001, S. 55
31 vgl. http://www.youtube.com/watch?v=wXAWucnDEsk; Saeed 2001 S.82 ff
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Männer im Regelfall in Gruppen die Mohalla aufsuchen. 32 Die mujra ist eine Form des Werbens, ein Umgarnen, eine Verzauberung. Und eine hohe Kunst, die mühevoll erlernt werden muss.
Mirasi-Musiker unterweisen Kanjar-Frauen und -Mädchen in Tanz und Musik - und zwar von Kindesbeinen an. Jede Kanjar geht bei mindestens einem Mirasi in die Lehre; sie spricht diesen mit dem Titel ustad, Lehrer, an. Jeden Tag erhält ein Mädchen wenigstens einige Stunden Unterricht, der ein elementarer Bestandteil ihres Lebens und unbedingte Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere als Tänzerin, Sängerin und/oder Prostituierte. Auch für den Status einer Kanjar ist ein Lehrer unabdingbar: So wird der Begriff be-ustadi (ohne Lehrer) als Schimpfwort gebraucht. 33
Zwischen den beiden biradris bestehen keinerlei affinale Verbindungen: Die Mirasi sind deutlich statusniedriger, weshalb Hochzeiten zwischen weiblichen Kanjar und männlichen Mirasi ausgeschlossen sind, zumal beide Gruppen streng endogam sind. Das (sexuelle) Verhältnis einer Kanjar mit einem Mirasi gilt als schwere Schande für ihre gesamte Familie -Saeed berichtet von einem solchen Fall, der von den Angehörigen beider Seiten aufs Schärfste verurteilt wurde. 34
Die Beziehung zwischen den biradris beruht auch auf Gabenaustausch. So ist die Aufnahme einer neuen Schülerin in ein Ritual eingebunden, bei dem der ustad neue Kleider sowie einen Geldbetrag erhält und ein monatliches Gehalt festgesetzt wird. Die Höhe der Gaben differiert nach Status und Einkommen der Familie des Mädchens. Der ustad und seine Freunde erwähnen anderen Mohalla-Bewohnern gegenüber die Großzügigkeit des Gebers, wodurch sich dessen Ansehen erhöht. So gesehen, schreibt Saeed, üben die eigentlich statusniedrigeren Mirasi durchaus einen, wenn auch subtilen, Einfluss auf die Kanjar aus: Sie können mittels negativer „Berichterstattung“ über die Höhe der Gaben sehr schnell das soziale Image der jeweiligen Kanjar-Familie zerstören. 35 Darüber hinaus ist der ustad nicht nur musikalischer Lehrer, sondern auch das Bindeglied der angehenden Prostituierten in das Netzwerk von Musikern und Darstellern. Als Lehrer ist er verantwortlich für die zukünftige Karriere seines Schützlings: Er bringt ihr bei, welche Lieder sie vor welchem Publikum darbringen soll, organisiert für sie Auftritte und fungiert somit teilweise als Agent . Ein ustad wird seine begabtesten Schülerinnen immer mit Playern aus dem Film- und/oder Radiobusiness in Kontakt bringen. Er besitzt somit in dieser Hinsicht auch eine Initiations-Funktion. 36
32 vgl. Saeed 2001, S. 179
33 vgl. Saeed 2001, S. 61
34 vgl. Saeed 2001, S. 245
35 vgl. Saeed 2001, S. 62
36 vgl. Saeed 2001, S. 62; 122
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Zwischen Mirasi-ustad und Kanjar-Schülerin besteht eine Wechselwirkung bezüglich des Ansehens innerhalb der Hera Mandi: Verläuft die Karriere eines Mädchens gut, erhöht sich damit automatisch auch der Status ihres Lehrers. Es ist ein Weg in zwei Richtungen: Ist die Kanjar nicht erfolgreich, wirkt sich das negativ auf das Image ihres Lehrers aus. Umgekehrt ist es für den Aufstieg einer jungen Kanjari förderlich, bei einem angesehen ustad in die Lehre zu gehen. 37 Nicht nur aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit ist das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin nicht ganz unproblematisch: Saeed konstatiert ein hierarchisches Gefälle auf Genderebene, da es sich um Kanjar-Frauen handelt, die mit Mirasi-Männern interagieren. Die Musiker unterrichten ihre Schülerinnen ausschließlich in Gesang, Tanz und dem Gebrauch der ghungroos, Fußschellen, die bei der Performance des traditionellen mujra-Tanzes unabdingbar sind. Auf Saeeds Nachfrage, warum sie die Frauen nicht auch im Gebrauch von Instrumenten wie der tabla unterweisen würden, antwortete ihr ein Mirasi, dass Frauen keine Instrumente spielen können müssten, um Männer zu becircen: Das funktioniere schließlich durch tanzen und nicht durch trommeln. 38 Ein anderes Ungleichgewicht im Verhältnis zwischen Musikern und Prostituierten entsteht durch die Transformation des traditionellen Musikbusiness`: Mujras werden mittlerweile oftmals als Variety Shows bezeichnet, in denen zwar traditionelle Elemente von Tanz und Gesang erhalten geblieben sind, sich die Beziehung zwischen Darstellerinnen und Publikum aber vollkommen geändert hat. Bei Variety Shows liegt der Fokus eindeutig auf Entertainment, nicht mehr wie bei mujras auf der Kontaktaufnahme für spätere sexuelle Dienstleistungen. Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht auf der Organisationsebene: mujras werden von den Managern der Prostituierten organisiert, Variety Shows hingegen von den Musikern. 39
4. Die Lebenswelt der Hera Mandi 4.1 Organisation des Arbeitslebens
Die jungen Frauen bestreiten das Einkommen der Familien - sie beginnen im Regelfall mit 14, 15 Jahren, als Prostituierte zu arbeiten. Wenn sie etwa 30 Jahre alt sind, ziehen sie sich als aktive Prostituierte aus dem Geschäft zurück - bis dahin müssen sie entweder ausreichend Rücklagen für ihren Lebensabend erwirtschaftet haben, verheiratet sein oder aber weibliche Nachfahren in der Familie haben, die den Betrieb weiter führen: „Without young female offspring, a prostitute is really vulnerable, and could even end up on the streets
37 vgl. Saeed 2001, S. 62
38 vgl. Saeed 2001, S. 137
39 vgl. Saeed 2001, S. 64
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in her old age. Her future is secured only if she marries or if she has young girls to continue the business.” 40
Nicht alle Frauen des Bazars sind Prostituierte: Einige sind ausschließlich für die „Reproduktion“ bestimmt, d.h., sie bekommen möglichst häufig Kinder, was die Arbeit als Prostituierte natürlich zumindest während der Schwangerschaft unmöglich macht. 41 Die Prostitution selbst wird im Regelfall von den älteren weiblichen Verwandten der Prostituierten organisiert: Mütter, Tanten und Großmütter managen die Auftritte ihrer Töchter. Jedem Kanjar-Haushalt steht eine naika vor, sozusagen die Dame des Hauses, die nicht nur als Managerin agiert, sondern auch die Einnahmen verwaltet und damit die höchste Machtposition innehat. 42 Traditionell unterhält eine naika mit ihren Töchtern, Adoptivtöchtern und Nichten eine kotha: Ein Haus oder eine Wohnung, in dem die Familie lebt, aber auch die mujra-Aufführungen und ggf. die sich anschließenden sexuellen Kontakte stattfinden. Am günstigsten ist es, eine Parterre-Wohnung zu besitzen, so dass im zur Straße hinausgehenden Raum die Frauen sitzen und Kunden anlocken können. Der Wohnbereich ist (bei beschränkten räumlichen Kapazitäten) durch einen Vorhang abgeteilt. 43 Eine naika verwaltet nicht nur Geld und Zeit, sondern auch die Träume ihrer Schutzbefohlenen: Alle Mädchen, die in der Shahi Mohalla aufwachsen, hoffen darauf, ins Filmbusiness zu gelangen; es sind aber nicht sie selbst, sondern die naikas, die über den Lebensweg ihrer Töchter und Nichten entscheiden. Die Entscheidung, ob ein Mädchen Prostituierte, Ehefrau oder - mit etwas Glück - Schauspielerin wird, obliegt nicht in erster Linie ihren Fähigkeiten, sondern ihrem Management. 44
Freier werden nach Aussage der Betreiberinnen „von Gott gesandt“, das heißt, das Prostitutionsgeschäft folgt in erster Linie dem Zufallsprinzip: Männer kommen mit der Intention, sich eine Prostituierte zu suchen, in die Hera Mandi und entscheiden sich für eines der in den „Schau“fenstern sitzenden Mädchen. 45
Gelegentlich werden allerdings Agenten benötigt, zum Beispiel für die nath utarwai (wörtlich: den Nasenring abnehmen), die Defloration einer Jungfrau, für die sehr hohe Preise erzielt werden können. Diese Zuhälterfunktion übernehmen im Regelfall Männer, entweder Familienmitglieder (beispielsweise der Ehemann der naika) oder nahe Freunde. Wenn der Agent einen "guten", sprich reichen Freier organisiert hat, erhält er einen Anteil von der Bezahlung. 46
40 Saeed 2001, S. 168
41 vgl. Saeed 2001, S. 167 f; 208
42 vgl. Saeed 2001, S. 88;
43 vgl. Saeed 2001, S. 166
44 vgl. Saeed 2001, S.264
45 vgl. Saeed 2001, S. 162; 177
46 vgl. Saeed 2001, S. 162
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Frauen reisen allerdings auch zu Auftritten außerhalb der Shahi Mohalla, zum Beispiel zu Hochzeiten und den bereits erwähnten Variety Shows, die von Agenten oder Musikern der Mirasi organisiert werden. Die Aufteilung der Bezahlung staffelt sich wie folgt: Zunächst werden von allen Einnahmen des Abends circa 25% niaz (religiöse Opfergabe) abgezogen. Der Rest wird in zwei Hälften geteilt; eine Hälfte für die Tänzerinnen, eine für die Musiker. Von jeder der beiden Hälften bekommt der dairedaar, die Bezeichnung für den- oder diejenige, der den Raum für die „Party“ zur Verfügung stellt, wiederum einen Anteil: So wird der Gewinn bei drei Tänzerinnen durch vier geteilt: Jede Tänzerin erhält ihren Teil, der vierte geht an den dairedaar. Das Gleiche gilt für die Musiker: Bei vier Musikern wird ihr Anteil durch fünf geteilt, so dass der dairedaar von dieser ebenfalls einen Anteil erhält. Der dairedaar behält außerdem im Regelfall den niaz und muss sich dementsprechend um die Opfergaben kümmern. In vielen Fällen geschieht das allerdings nicht, und der dairedaar behält den niaz für sich. 47
4.2 Die Definition des sozialen Status`
Die günstigste Position für jede Prostituierte ist es, mittels eines Langzeitliebhabers eine abgesicherte Lebenssituation zu erlangen. Die Relation zwischen Liebhaber und Kurtisane wird mittels eines vom Management der Frau ausgehandelten Vertrages reguliert: Es ist, wie so viele Beziehungen in der Shahi Mohalla, eine Verbindung auf geschäftlicher Basis, aber auch ein gesellschaftlich wichtiger Akt, der durch ein Ritual besiegelt wird, das Saeed als „Hochzeit“ bezeichnet. 48 Der Freier, der seine Verbindung mit einer Prostituierten für einen längeren Zeitraum fest anlegen will, zahlt zum einen eine Art „Einstiegspreis“ sowie einen festgesetzten monatlichen Betrag an die Familie der Frau. Im Gegenzug genießt er exklusive Rechte an seiner Geliebten, die keine sexuellen Kontakte mit anderen Männern hat, in vielen Fällen aber damit fortfährt, allabendlich die mujra aufzuführen. Häufig versucht die Geliebte, möglichst bald schwanger zu werden: Ein Kind ist eine gute Möglichkeit, den jeweiligen Mann emotional und finanziell an sich zu binden und die monatlichen Zahlungsforderungen zu erhöhen. 49
Die Frage des Liebhabers ist auch eine Frage des Status`: Je reicher, einflussreicher oder statushöher er ist, desto mehr erhöht sich auch der Status der Geliebten und der ihrer gesamten Familie: „If you have a rich customer for your nath, your market value goes up and so does your sister`s. The whole family gains. [...] Whenever a dancer gets a rich customer, she brags about it, and gains status.“ 50
47 Vgl. Saeed 2001, S.119 f
48 Vgl. Saeed 2001, S. 194 ff
49 vgl. Saeed 2001, S. 196
50 Saedd 2001, S. 105
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Der Freier bestimmt also zu einem Großteil den Status einer Frau und damit ihre gesellschaftliche Position - allerdings spielen auch andere Faktoren eine Rolle (wie Herkunft und Bildung). Saeed klassifiziert grob drei Klassen von Prostituierten in Lahore: Die "A class prostitutes" haben wenige (oder sogar nur einen einzigen), reiche Freier, die für ihren Unterhalt sorgen. Sie sind, zumindest zum Teil, verhältnismäßig hoch gebildet (normalerweise besuchen die Mädchen in der Hera Mandi nur die Grundschule 51 ). Ihr hoher Status ermöglicht ihnen ein weitgehend autonomes Verfügen über ihre Einnahmen. Die Liquidität der pakistanischen Gesellschaft ermöglicht es ihnen in einigen Fällen, bis in die gesellschaftliche Elite aufzusteigen, sofern sie auch im Filmbusiness erfolgreich sind. 52 Als "B class prostitutes" bezeichnet Saeed die „Mittelklasse“ der Hera Mandi: jene Frauen, die in der Shahi Mohalla leben, eine eigene, traditionelle kotha unterhalten und ihren Lebensunterhalt mit mujra-Aufführungen bestreiten. Sie sind die einzigen Prostituierten, die tatsächlich sichtbar sind, da sie ihr Gewerbe öffentlich ausführen. Deshalb sind sie auch die am meisten Stigmatisierten und Übergriffen der Polizei relativ schutzlos ausgesetzt. 53 Die "C class prostitutes" sind am ehesten als Prostituierte im westlichen Sinne anzusehen. Meistens, so Saeed, haben sie ihre Karriere als "B class" begonnen, konnten aufgrund finanzieller Probleme ihre kotha nicht aufrechterhalten und mussten infolgedessen die Shahi Mohalla verlassen. Sie verdingen sich in anderen Bezirken Lahores auf der Straße, häufig bis ins hohe Alter, wobei sie auf traditionelle und kulturelle Raffinessen von Tanz und Gesang verzichten: Sie finanzieren ihren Lebensunterhalt (und oftmals auch ihren Drogenbedarf) ausschließlich mit dem Verkauf sexueller Dienstleistungen. 54
5. Geschlechterverhältnisse der Kanjar in der Hera Mandi
5.1 Die gesellschaftliche Position der Männer
Die Männer der Hera Mandi sind „Bürger zweiter Klasse“. Das trifft vor allem auf Kanjar-Familien zu, in denen eindeutig die Frauen regieren. Allerdings sind Kanjar-Männer statushöher als Mirasi-Männer, wohingegen Letztere den Frauen ihrer eigenen biradri gegenüber wiederum einen höheren Status innehaben. 55 Traditionell gibt es für Männer so gut wie keine Schlüsselrollen im sozialen Leben: Sie sind ausschließlich für Hausarbeit und Kindererziehung zuständig: „"My husband is good at housework. God has given me a husband who does cooking, everything. He doesn`t let me put my foot down from the bed," so die Aussage einer Informantin Saeeds. 56 Aufgrund der begrenzten Möglichkeiten
52 vgl. Saeed 2001, S. 230
53 vgl. Saeed 2001, S. 231
54 vgl. Saeed 2001, S. 231 f
55 vgl. Saeed 2001, S. 173
56 Saeed 2001, S. 161
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verlassen viele junge Männer die Shahi Mohalla, um sich in anderen Bezirken eine Arbeit zu suchen. 57
Das einzige Auskommen, dass Männer innerhalb des Bazars finden, ist ein Dasein als Diener oder Ladenbesitzer. Traditionell fungieren einige als Zuhälter, was ihnen aber keinerlei Befugnisse über die Prostituierten ermöglicht: Sie sind vielmehr Agenten der naikas, die ausgeschickt werden, um Freier anzuwerben, aber keine weitreichenderen Kompetenzen besitzen und in der Hierarchie unterhalb der naikas stehen - soweit zumindest das traditionelle Business. 58 Mittlerweile findet allerdings eine Transformation der traditionellen Organisation des Prostitutionsgeschäftes statt: Männliche Zuhälter machen den naikas und ihren kothas die Marktführung streitig, indem sie eigene Bordelle eröffnen, sogenannte kothi khanas. Dort arbeiten hauptsächlich Mädchen von außerhalb der Shahi Mohalla, so dass die engen familiären Bindungen wegfallen, die die Beziehung zwischen Management und Prostituierter in den kothas ausmachen. Infolgedessen verfügen die Prostituierten der kothi khanas über weitaus weniger Autonomie und Mitspracherecht und werden in der Folge sehr viel schlechter behandelt. 59 Nicht selten stammen sie aus kleinen Dörfern in ländlichen Regionen Pakistans, werden mit falschen Heiratsversprechen geködert und in den Bordells Lahores zur Prostitution gezwungen. 60 Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht darin, dass die Prostitution hier ausschließlich auf sexuelle Gratifikation ausgerichtet ist und Tanz und Gesang höchstens noch sehr oberflächlich beherrscht werden. 61
Im traditionellen Prostitutionssystem sind die Frauen und Mädchen gut abgesichert, so Saeed: Das Management ist im Regelfall eng verwandt mit den Prostituierten (durch Blutsverwandtschaft oder Adoption), was dazu führt, dass die Prostituierten in ein ständiges, familiäres Sicherungssystem eingebunden sind. Auch wenn sie oft sehr jung und auf Druck ihrer Eltern ihre Karriere beginnen müssen, sind sie doch in mehrerer Hinsicht abgesichert: In der Shahi Mohalla erlernt ein Mädchen von klein auf an die Fertigkeiten, die sie benötigt, um eine gute Prostituierte zu sein und von ihrer Arbeit leben zu können. Ebenso werden ihr später durch das soziale System die Fähigkeiten vermittelt, die es ihr ermöglichen, selbst als naika eine kotha betreiben zu können. Dieses System, so Saeed, ermöglicht den Kanjaris bei aller Härte ihres Daseins, ein eigenständiges Leben führen können, ohne auf einen Mann für ihre materielle Sicherheit angewiesen zu sein. 62
Durch die Etablierung der von Männern geleiteten Bordells und der immer größeren Zahl von Frauen, die sich direkt auf den Straßen verkaufen, entsteht eine Transformation der
57 vgl. Saeed 2001, S. 162
58 vgl. Saeed 2001, S. 159
59 vgl. Saeed 2001, S. 183
60 vgl. Saeed 2001, S. 187 f
61 vgl. Saeed 2001, S. 184
62 Saeed 2001, S. 184 f; 203
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Machtdynamiken: Die naikas werden durch die Konkurrenz zunehmend abhängiger von der Unterstützung der Zuhälter bei der Beschaffung von Freiern, zumal die Zahl von Männern, die auf eigene Faust in die Hera Mandi kommen, zunehmend rückläufig ist. Die Zuhälter (ausnahmslos Männer) sprechen potentielle Kunden auf öffentlichen Plätzen an, um sie zu den kothas zu geleiten, und unterhalten auch Kontakte zu hochgestellten Personen der Gesellschaft. 63
Durch das Erstarken der Männer im traditionell weiblich dominierten Geschäftswesen ändern sich auch die Geschlechterverhältnisse: Es findet eine Art „männlicher Emanzipation“ statt, die auch dadurch befördert wird, dass alle Figuren des politischen Lebens der Kanjar Männer sind. Somit sind sie auf jeglicher Plattform außerhalb der Hera Mandi repräsentativ, während die Frauen im Verborgenen agieren und deshalb für die Gesellschaft außerhalb des Basars unsichtbar bleiben. 64
5.2 Die begrenzte Freiheit der Frauen
„A woman has four potential roles: wife, mother, sister or prostitute” 65 - so lautet ein pakistanisches Sprichwort, das die Begrenztheit der Möglichkeiten für Frauen transportiert. So bezeichnet auch Saeed die Prostitution, oder vielmehr die Art und Weise, wie mit ihr umgegangen wird, als Symptom eines gesamtgesellschaftlichen Problems, das aus der schwachen politisch-rechtlichen Stellung der Frau resultiere. Sie geht diesem Phänomen in den letzten Kapiteln ihrer Studie auf den Grund und stößt auf das religiös, gesellschaftlich und traditionell tief verankerte Konzept der männlichen Ehre, das sie als Grund für Tabuisierung und Stigmatisierung der Prostitution vermutet: „Morals are for women, but nobody worries much about standard for men`s behaviour.“ 66 Dahinter stehe, so Saeed, die tiefgehende Angst der Männer vor Frauen, die einen offenen Umgang mit ihrer Sexualität pflegen und sich damit der männlichen Kontrolle entziehen. Denn das Konzept der Ehre des Mannes beruht auf der Tugendhaftigkeit seiner Frau respektive Schwester respektive Tochter. Da die Frau für die Ehre des Mannes verantwortlich ist, kann er selber tun, was ihm beliebt, ohne das es seiner Ehre schadet. Wenn die Frau gegen den geltenden Moralkodex verstößt, sprich sich promiskuitiv oder auch nur selbstbestimmt verhält (was häufig gleichgesetzt wird), ist die Ehre des Mannes bedroht. Es ist nicht unbedingt notwendig, dass die Frau selbst zum "Täter" wird: Die Ehre kann auch durch andere Männer verletzt werden, die die Frau vergewaltigen. In einigen Regionen genügt bereits der Blick eines Fremden. Die Ehre kann nur wiederhergestellt werden, indem der Ehemann seine Frau tötet. 67
63 vgl. Saeed 2001, S. 191 f
64 vgl. Saeed 2001, S. 74
65 Saeed 2001, S. 4
66 Saeed 2001, S. 303
67 vgl. Saeed 2001, S. 306 f
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Um ihr Verhalten zu legitimieren, bedient sich der patriarchale Diskurs religiöser und moralischer Implikationen, welche die Frau auf ihren Platz verweisen und dort fesseln. Dort sieht Saeed auch die Ursachen für die Stigmatisierung der Prostitution: Es existieren unterschiedliche Moralkodexe für Männer und Frauen, die den Frauen die moralische Schuld an der "Sünde" der Prostitution aufbürden, während das Verhalten der Freier legitimiert wird. 68 Zudem wird eine Unterscheidung getroffen zwischen (Ehe)Frauen, die zur Sicherung des Fortbestehens der (patrilinearen) Linie benötigt und als „ehrvoll“ betrachtet werden und "freien" Frauen, Prostituierten, die aufgrund ihrer körperlichen Freizügigkeit nicht kontrolliert werden können, ergo "schlechte" Frauen sind, aber die (sexuellen) Wünsche von Männern erfüllen. Ein für die männliche Hälfte der Bevölkerung sehr bequemes System, weshalb auf Seiten der Männer auch keinerlei Wunsch bestehe, dieses zweigeteilte Bewertungskonzept abzuschaffen, schlussfolgert Saeed. 69
Somit ermöglicht das Leben in der matrilinear/matriarchalisch geprägten Hera Mandi den Kanjar-Frauen zwar gewisse Freiheiten und einen bestimmten Grad an Emanzipation, die jedoch an den Mauern des Basars enden. Und auch innerhalb dieser, so Saeed abschießend, sind es letztlich die Männer, die bestimmen: „It might seem that women run the show here in the Mohalla, but men are ultimately calling the shots. He selects you, he gives you status by association and he can own or disown you as he likes.” 70
68 vgl. Saeed 2001, S. 304 f
69 vgl. Saeed 2001, S. 309
70 Saeed 2001, S. 312
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Quellen
Literatur
Brown, Louise 2005 Maha, die Tänzerin. Meine Reise in die Welt eines Orientalischen Rotlichtviertels, Hoffmann und Campe
Saeed, Fouzia
2001 Taboo! The Hidden Culture of an Red Light Area, Oxford University Press
Nachschlagewerke
Haller, Dieter 2005 dtv-Atlas Ethnologie, Deutscher Taschenbuch Verlag
Internet
Meyers Lexikon online:
http://lexikon.meyers.de/meyers/Prostitution, Zugriff am 21.02.2008
Everyculture.com:
http://www.everyculture.com/South-Asia/Kanjar.html, Zugriff am 08.12.2007
Videoplattform youtube.com:
http://www.youtube.com/watch?v=wXAWucnDEsk, Zugriff am 15.01.2008
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Arbeit zitieren:
Nele Jensch, 2008, Schattenwelten - Kulturelle und soziale Strukturen des Rotlichtbezirks von Lahore, Pakistan, München, GRIN Verlag GmbH
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