„Nahrung besteht aus ess- und trinkbaren Stoffen, die ein Lebewesen zur Ernährung braucht und zu sich nimmt, um den Organismus aufzubauen und gesund zu halten.
Ernährung ist eine Basis für die Lebenserhaltung jedes Lebewesen[s]. „ (wikipedia) Diese beiden Lexikoneinträge im Online - Lexikon Wikipedia zeigen bereits, wie wichtig Ernährung für alle Lebewesen, und somit auch für den Menschen ist. Es ist neben Schlaf wohl eines der wichtigsten körperlichen Grundbedürfnisse des Menschen. Ohne sie wären wir nicht überlebensfähig.
Somit ist es kein Wunder, dass Essen bereits seit es Menschen gibt, ein wichtiges Thema ist, und in unserem Leben eine wichtige Rolle spielt. Das wäre ja auch verständlich, doch interessant ist, wie sich der Diskurs und das Denken über Essen geändert haben. Denn Essen ist inzwischen viel mehr geworden, als Beseitigung von Hunger und Lebenserhaltung. Irgendwann begann der Mensch Essen nicht mehr nur als physischen, sondern auch als psychischen Prozess zu begreifen. Und bis heute wird der physische immer mehr zugunsten des psychischen verdrängt. Wer isst heute wirklich noch aus Hunger oder umgekehrt, wer hat heute nicht besondere Vorlieben beim Essen? Selbst wenn man Hunger hat, isst man heute nur das, was einem schmeckt.
Es gibt kein genaues Datum, wann dieses Denken seinen Anfang nahm, aber die Ausmaße, die es bis heute angenommen hat, kann wahrscheinlich jeder erkennen. Nur, wenn alles stimmt, kommt Appetit auf, hat man dieses „Verlangen nach Speise“ (ebd.), das wir alle so gut kennen. Es stehen nicht mehr Hungergefühle oder Nährwert bzw. Sättigungswert als Kriterien bei Ernährung im Vordergrund, sondern auch Aussehen, Ambiente, Geschmack... Heute gibt es etwas, das man Esskultur nennt:
„Während Ernährung das ist, was Mensch, Tier und Pflanzen am schieren Leben hält, so geht es bei der Esskultur um mehr. Speisen als Symbole [...], regionale Spezialitäten und damit kulturelle Identifikation, Dekoration und Tischsitten, Regeln, Rituale oder gar Zeremonien, das alles beinhaltet dieser weite Begriff. Seit der Antike (Brot und Spiele) hatte das Essen stets mit der gesellschaftlichen Stellung und politisch-religiöser Macht zu tun.“ (ebd.) Unsere Esskultur ist inzwischen sehr weit entwickelt, falls man überhaupt von „unserer“ Esskultur sprechen kann, denn es gibt auf unserem Planteten nicht nur eine, sondern unzählige davon. Jedes Land, jedes Volk hat inzwischen seine eigenen regionalen Spezialitäten, Tischsitten, Rituale... Jeder, der gerne und viel reist oder aus irgendwelchen Gründen viel auf der Welt herumgekommen ist, wird davon ein Lied singen können. Es gibt inzwischen ganze Bücher über die Tischsitten in verschiedenen Ländern. Jede einzelne Kultur hat Tausende von Details,
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die beachtet werden müssen, die Menschen sind beleidigt oder zumindest entrüstet, wenn man das „Falsche“ tut in ihren Augen.
Doch warum ist das so? Ich finde darauf keine rechte Antwort, doch in einer Sache bin ich mir sicher. Nämlich dass die Menschen diese Esskultur immer weiterentwickeln, je mehr sie im Überdruss leben. Es haben zwar auch arme Völker ihre eigenen Rituale und Regeln, doch je reicher ein Land wird, desto mehr wird das Ganze anscheinend verstärkt. Sobald wieder eine Hungersnot oder ähnliches ausbricht, werden die Menschen wieder viel weniger wählerisch, man könnte es sich dann nicht mehr leisten, wählerisch zu sein, man müsste froh sein, überhaupt etwas zu haben. Doch solange dies nicht geschieht, werden wir mit Essen sehr vieles verbinden, was vielleicht nicht direkt mit ihm zu tun hat, auf den ersten Blick.
Besonders interessant finde ich die regionalen Spezialitäten und die damit zusammenhängende kulturelle Identifikation. Essen hat anscheinend auch viel mit Zusammengehörigkeit, Identität, Identifikation mit einer bestimmten Gemeinschaft zu tun. Essen wird zum Symbol für Herkunft, Zugehörigkeit zu einem ganz bestimmten Kulturkreis. Konrad Köstlin schreibt, dass „Essen mit dem, was wir heute nationale Identität nennen, zu tun hat. Essen sagt etwas über uns aus; es soll etwas über uns aussagen, gilt als identitätsproduktiv. (1997, 9) Mit Hilfe des Essens kann man also zwischen verschiedenen Kulturen, Religionen, Mentalitäten... unterscheiden.
Jeder Fremde oder Gleichgesinnter sieht, wo man her kommt, wo man hingehört. Diese Tatsache ist einerseits für den Anderen wichtig, um mehr über mich zu erfahren, aber andererseits auch für mich selbst, um zu wissen, wo ich hingehöre. Jeder Mensch braucht meiner Meinung nach dieses Gefühl, diese Gewissheit. Es gibt einem Geborgenheit, das Gefühl, unter Seinesgleichen zu sein und von denen verstanden und angenommen zu werden. Diese Sicherheiten kann einem natürlich nicht nur die eigene Esskultur geben, auch viele andere Aspekte spielen da mit hinein, doch einer davon, und zwar ein nicht ganz unbedeutender, wie ich glaube, ist eben das Essen. Weshalb sonst werden in so vielen Kochbüchern Speisen mit Herkunftsländern verbunden oder als Nationalgerichte bzw. regionale Spezialitäten angepriesen?
Ganz egal, ob diese Erfindung des Nationalgerichtes von außen oder durch Einheimische in den Regionen entstanden ist, sie ist eine Tatsache und hat auf jeden Fall mit dieser Thematik zu tun. Sie wurde jedenfalls von beiden Seiten bereitwillig verinnerlicht. Egal, wen man heute fragt, was die regionale Spezialität in einer gewissen Gegend ist, man wird fast immer ungefähr die gleichen Antworten bekommen, von Einheimischen und auch von Touristen. Inzwischen ist diese Entwicklung sogar so weit fortgeschritten, hat das Essen eine so große Bedeutung, dass bestimmte Gerichte nicht nur im Denken der Menschen in bestimmte Länder gehören, sondern dass umgekehrt von Fremden auch versucht wird, über das Essen auf die Menschen in diesen
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Ländern zu schließen: „Moderne Reisebücher sind vor allem Küchenwerke. Sie versuchen, über die Küche auf einer vermeintlichen Alltagsebene das Land und seine Menschen zu erschließen. [...] Es gilt als Selbstverständlichkeit, dass es Nationalspeisen gibt, die dann als Ausweis der Mentalität [...] gehandelt werden.“ (Köstlin 1997, 8) Wahrscheinlich hat so ziemlich jeder von uns bei gewissen Speisen auch gewisse Mentalitäten im Kopf. Das geht ganz automatisch und jeder hat es, doch keiner weiß so genau, warum und weshalb eigentlich oder ob es stimmt. Man reflektiert über so etwas „Unbedeutendes wie Essen“ meist gar nicht, obwohl es ja augenscheinlich eine so bedeutende Rolle hat, und gar nicht unbedeutend und nebensächlich ist. Interessant wird es dann meistens spätestens dann, wenn man an die eigenen Nationalgerichte denkt, und ob diese Charaktereigenschaften und damit verbundenen Mentalitäten auf das eigene Land zutreffen. Die meisten Menschen müssten dies wahrscheinlich verneinen.
Im Zusammenhang mit Nationalgerichten gibt es meiner Meinung nach einen weiteren interessanten Aspekt. Denn selbst wenn eine bestimmte Spezialität früher in einer gewissen Region heimisch war, ist sie es heute oft nicht mehr nur ausschließlich oder manchmal aus dieser Gegend sogar großteils verschwunden. Warum ist dieses Denken aber dann heute immer noch so hartnäckig? Genauso umgekehrt. Selbst wenn fremde oder exotische Gerichte längst Einzug in die eigene Küche gehalten haben, bleiben sie fremd und werden nicht zur einheimischen Küche gezählt. Es scheint für den Menschen wirklich ebenfalls zu den Grundbedürfnissen zu zählen, sich identifizieren zu können, sich aber auch von Anderen abgrenzen zu können. Man kann sich ja nur dann zu jemandem zugehörig fühlen, wenn man sich auch zu Anderen nicht zugehörig fühlt.
Ich glaube, dass auch deshalb immer mehr statt immer weniger an diesen Dingen festhält, weil man es als Mittel zum Kampf gegen die heutige Globalisierung hernimmt. Einerseits möchte man vielleicht bewusst dagegen ankämpfen, andererseits braucht man auf Grund der heutigen globalen Vernetzung auch immer etwas, das uns auch einmal abgrenzt, das uns mit bestimmten Menschen identifiziert, sodass wir Halt haben in dieser riesigen Welt.
Und das, auch wenn dieses ganze Denken schon seit langer Zeit nicht mehr der Wahrheit entspricht. Denn niemand wird, beispielsweise hier in Südtirol, jeden Tag Knödel, Tirtlen oder Speck essen. Doch wenn man mit Südtirolern spricht, sehen viele Pizza immer noch als typisch italienisch an oder auch alle anderen Gerichte auf ihrem persönlichen Esstisch als fremd an. Doch auch wenn wir vieles übernehmen, gibt es gewisse fast unüberschreitbare Grenzen. Wir übernehmen nämlich nur das, was sich mit unserer Esskultur vereinen lässt, das heißt, trotz aller heutigen Vielfalt, bleiben wir doch immer ein wenig mit unserer Esskultur verwurzelt. Ganz aus
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Sigrid Lang, 2005, „Der Mensch ist, was er isst“, Munich, GRIN Publishing GmbH
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