Inhalt
1 Einleitung 3
2 Perspektivität 4
2.1 Perspektivität: ein anthropologisches und kulturelles Phänomen 4
2.1.1 Terminologie 4
2.1.2 Perspektivität als anthropologisches Phänomen 5
2.1.3 Perspektivität als kulturelles Phänomen 5
2.2 Perspektivität in der Malerei 6
2.2.1 Bildende Kunst als Objektivierungsform 6
2.2.2 Perspektivität in Bildern 6
2.2.3 Zentralperspektive 7
2.2.4 Polyperspektive 7
2.3 Perspektivität in der Sprache 8
3 Mehrfachadressierung 9
3.1 Typologie der Adressaten 11
3.1.1 Adressierungsarten 11
3.1.2 Adressierungsformen 11
3.1.3 Verhältnis von Adressierungsformen und Adressierungs-
arten 12
3.2 Typologie der Mehrfachadressierung 12
3.2.1 Offene Mehrfachadressierung 13
3.2.2 Verdeckte Mehrfachadressierung 13
3.2.2.1 Kodierte Mehrfachadressierung 13
3.2.2.2 Inszenierte Mehrfachadressierung 14
4 Textanalyse: Mehrfachadressierungen in Grundschulzeugnissen 15
4.1 Form der Mehrfachadressierung 16
4.1.1 Adressierungsarten in Grundschulzeugnissen 16
4.1.2 Adressierungsformen in Grundschulzeugnissen 16
4.1.3 Kodierte Mehrfachadressierung in Grundschulzeugnissen 16
4.2 Analyse einiger mehrfachadressierter Formulierungen aus Grundschul-
zeugnissen 17
4.3 Fazit zur Textanalyse 19
5 Schluss 21
6 Literatur 22
2
1 Einleitung
Der Mensch nimmt die Welt mittels seiner Sinne wahr und verarbeitet diese Eindrücke mithilfe seines Verstandes, der wiederum durch die Sinneseindrücke des Menschen geformt wurde und wird. Von diesem Verstand „entspringen Begriffe“, werden Worte formuliert, wird Sprache entwickelt und benutzt. Und diese Sprache wird erneut von den Sinnen aufgenommen und vom Verstand verarbeitet. Nun verfügt jeder Mensch über eine unterschiedliche „Sinnlichkeit“, lebt jeder in einer unterschiedlichen Welt und nimmt somit unterschiedliche Eindrücke wahr, die von einem Verstand, der schon von unterschiedlichen Impressionen geprägt wurde, auf unterschiedliche Weise verarbeitet werden. Sprache ist ein Mittel zum Kommunizieren, zum Vermitteln von Informationen, das so eingesetzt werden soll, dass trotz der genannten 'Unterschiedlichkeiten' ein Gedankenaustausch möglich ist. Da nun jeder Mensch eine unterschiedliche Perspektive auf die Welt hat, kann es dabei zu Missverständnissen führen. Dennoch gibt es vielleicht eine Möglichkeit, diese unterschiedlichen Perspektiven zu nutzen.
Um dies aufzuzeigen werde ich in dieser Arbeit zunächst das Phänomen der Perspektivität innerhalb der menschlichen Wahrnehmung, der Malerei und der Sprache verdeutlichen. Dann werde ich die Möglichkeit des polyperspektivischen Sprachhandelns an der Mehrfachadressierung erläutern und anhand der Formulierungen in Grundschulzeugnissen exemplifizieren.
1 Kant (1913), S. 55
3
2 Perspektivität
Wie in dem einführenden Zitat ersichtlich ist, entwickelt der Mensch seinen Verstand aus seinen Erfahrungen, die er durch seine Wahrnehmungen erlebt, wobei die Wahrnehmungen wiederum mittels des Verstandes zu Erfahrungen verarbeitet werden. Sein Denken ist also abhängig von seinen Wahrnehmungen, von seiner Perspektive auf die Welt. Es ist ihm nicht möglich, diese zu verlassen, er ist in seiner eigenen Perspetivität gefangen. Dieses Phänomen der Perspektivität kann als ein anthropologisches und kulturelles Urphänomen betrachtet werden. Um den Perspektivitätsbegriff näher zu erläutern und die Auswirkung der Perspektivität auf das Objektivierungsvermögen des Menschen zu erläutern, werde ich zunächst auf die menschliche Wahrnehmung und die Objektivierungsformen der Malerei näher eingehen. Und da „die Kunst (...) [als] eine Weise des Sprechens“ 2 angesehen werden kann, ist von dort der Schritt zur Perspektivität in der Sprache nicht mehr groß. Bei meinen folgenden Erläuterungen werde ich mich vor allem auf die Ausführungen von Wilhelm Köller stützen.
2.1 Perspektivität: ein anthropologisches und kulturelles Phänomen
2.1.1 Terminologie
Der Grundbegriff Perspektivität ist am plausibelsten erklärbar mithilfe der drei Subtermini Sehepunkt, Aspekt und Perspektive.
Der Begriff Sehepunkt beschreibt die Position, sowohl räumlicher, zeitlicher als auch geistiger Art, aus der ein Objekt wahrgenommen wird. Er ist somit subjektbezogen und schreibt vor, welche Aspekte des Objekts wahrgenommen werden können.
Der Begriff Aspekt ist das objektbezogene Pendant zum Sehepunkt, er bezeichnet die Teile eines Objekts, die durch die eingenommene Position des Subjekts, von dem gegebenen Sehepunkt aus, erfahren werden können. Mit dem Begriff Perspektive schließlich wird das Verhältnis von Objektsphäre und Subjektspäre beschrieben: „Perspektiven sind deshalb die Weisen, in denen die Subjekte in die Welt hineingleiten und Kontakt zu ihren Wahrnehmungsobjekten gewinnen.“ 3
2 Biemel (1966/67), S. 154
3 Köller (1993), S. 16
4
2.1.2 Perspektivität als anthropologisches Phänomen
Die Perspektivität als ein anthropologisches Phänomen lässt sich sehr einleuchtend am Sehsinn des Menschen explizieren, zumal der Terminus Perspektive dort etymologisch verankert ist 4 . Der Begriff bezieht sich also zunächst auf die optische Wahrnehmung des Menschen. Dieser nimmt die Welt mithilfe von Lichtdifferenzen durch seine Linsenaugen wahr. Sie ermöglichen es, die Aufmerksamkeit punktuell zu konzentrieren, wodurch die Wahrnehmungsschärfe peripher geringer wird. Auf diese Weise erfährt der Mensch Tiefenstaffelung und somit Räumlichkeit. In seiner Wahrnehmung ist der Mensch allerdings nicht nur an die Funktionstüchtigkeit seiner Augen gebunden, sondern auch an die Konstitution seines Körpers. So fixiert der Leib räumlich den Punkt, von dem aus die Welt gesehen wird und bestimmt zeitlich, wann man etwas sehen kann oder will. Des weiteren hat das Leipapriori einen motivationalen Aspekt: „Ich sehe von meinem Leib und für meinen Leib in die Welt und nehme das in ihr wahr, was für meinen Leib biologisch und geistig von Interesse ist.“ 5 Dennoch ist der menschliche Körper kein feststehendes Objekt, sondern ein bewegliches Subjekt. Dies ermöglicht die Verschiebung des Sehepunktes, wodurch neue Aspekte wahrgenommen werden können. Die daraus resultierende Veränderung der Wahrnehmungsinhalte dient zu einem der Mehrung von Erfahrung und Wissen, führt aber auch zu Wissens- und Verhaltensunsicherheiten, da die Identität und Invarianz der Dinge infrage gestellt werden können. Um dem entgegenzuwirken hat der Mensch Konstanzmechanismen entwickelt: mithilfe von Informationen aus dem Gedächtnis versuchen vorbewusste Verrechnungsoperationen gegen die Fraglichkeit anzukämpfen. Die menschliche Perspektivität bezieht sich in keiner Weise nur auf die visuelle Wahrnehmung, die geistige ist davon mindestens im selben Maße betroffen. So ist die Kognition des Menschen - beeinflusst von seiner Wahrnehmung - von seiner individuellen Perspektivität geprägt, wenn nicht gar durch sie geformt.
2.1.3 Perspektivität als kulturelles Phänomen
Setzt man voraus, dass die menschliche Kognition durch die Perspektivität geprägt ist, muss man davon ausgehen, dass sie „prinzipiell auch auf die vorstrukturierende Kraft der kulturellen Zeichensysteme ausgedehnt werden kann, mit
4 Lat.
perspicere:
„hindurchschauen“, „hineinsehen“ (vgl. PONS. Wörterbuch für Schule und Studium. Latein-Deutsch. Stuttgart, 2003.)
5 Köller (2004), S. 30
5
denen wir im Bereich der Kognition operieren.“ 6 Deshalb kann man annehmen, dass nicht nur die Perspektive des Menschen auf die Welt seine Denkart beeinflusst, sondern auch seine bisherigen Erfahrungen und vor allem seine kulturelle Prägung, auch hinsichtlich des Sprach- und anderer Zeichensysteme, in denen er sich bewegt, auf ihn einwirken und wiederum seine Perspektive beeinflussen. Der Mensch befindet sich inmitten eines Wechselspiels zwischen seiner individuellen Perspektive und der seiner kulturellen Prägung - und wird sich schwerlich daraus befreien können.
2.2 Perspektivität in der Malerei
Um die Perspektivitätsproblematik weiter zu erläutern werde ich sie nun im Rahmen der Malerei betrachteten, wo sie offensichtlich von großer Wichtigkeit ist und sozusagen an der 'Oberfläche der Werke' zu erkennen ist.
2.2.1 Bildende Kunst als Objektivierungsform
Kunstobjekte jeglicher Form sind Symbole, die für einen Gegenstand oder Sachverhalt in der Welt stehen. Besonders die Objektivierungsform der Bilder, die eine alte Tradition darstellt, wurde seit jeher als eine Form von Informationsvermittlung gebraucht 7 . So sind sie in gleicher Weise wie Sprache ein menschlicher Versuch der Objektivierung und von derselben immanenten Perspektivität geprägt.
2.2.2 Perspektivität in Bildern
Es existieren zahlreiche Darstellungsformen innerhalb der Malerei. Ebenso wie die Sprache haben sich die bildhaften Darstellungsformen fortlaufend entwickelt und die jeweils relevanten Aspekte beachtet. Als Beispiel sei die aspektivische Darstellungsweise zu nennen, wie sie in der altägyptischen Kunst auftaucht. Hier wurden keinerlei Räumlichkeiten beachtet, sondern nur die Aspekte aufgezeigt, die wichtig schienen, ohne den Gesetzen der menschlichen Perspektive zu folgen. Raumdarstellungen kann man allerdings in der altgriechischen Kunst feststellen, wo zumindest die Körper einzelner Figuren räumlich abgebildet, also nur die von einem bestimmten Sehepunkt aus sichtbaren Aspekte einer Figur dargestellt wurden. Die räumliche Einordnung im Gesamtbild fehlte hier allerdings. An dieser Stelle werde ich nur auf die Zentralper- 6Köller (1993), S. 16
7 Man denke hierbei etwa an steinzeitliche Höhlenmalerei oder altägyptische Wandzeichnungen.
6
Arbeit zitieren:
Nike-Marie Steinbach, 2008, Perspektivität in der Sprache, München, GRIN Verlag GmbH
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