Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Image und Imagepflege. 2
2.1 Image und das „Gesicht“ der Chinesen ( “mianzi“) 2
2.2 Techniken der Imagepflege. 4
2.3 Imagepflege in China 6
3. Ehrerbietung und Benehmen. 7
3.1 Ehrerbietung. 7
3.2 Benehmen. 8
3.3 Ehrerbietung und Benehmen in China. 8
4. Verlegenheit. 9
5. Engagement und Entfremdung in der Interaktion. 10
5.1 Arten der Entfremdung. 11
5.2 Vorgetäuschtes Engagement. 12
5.3 Engagierte Chinesen. 12
6. Schicksalhaftigkeit, „Action“ und der erworbene Charakter. 13
6.1 Schicksalhaftigkeit. 13
6.2 Action. 14
6.3 Action schafft Charakter. 14
7. Zusammenfassung und Fazit 15
1. Einleitung
Robert HETTLAGE und Karl LENZ bezeichnen Erving GOFFMAN als soziologischen Klassiker der 2. Generation und bringen damit die weitläufige Meinung der Sozialwissenschaften zum Ausdruck. GOFFMANs Forschungen galten durchweg der Soziologie der normativen Ordnung, „den moralischen Zwängen und taktischen Manövern, den Selbstdarstellungstechniken und Ritualisierungen, die das Verhalten und die Umgangsweisen zweier [oder mehrerer; Anm. d. Verf.] Individuen in der Vis-à-vis-Situation bestimmen“. 1 Durch seine umfangreichen Studien über zwischenmenschliche Kontakte und alltägliche Routinebegegnungen, deren Erfolg und Misserfolg und die damit verbundenen gesellschaftlichen Grundnormen gilt er als Begründer der empirischen Interaktionsforschung. Zweifellos zählt er damit zu den bekanntesten und bedeutendsten Sozialwissenschaftlern der Nachkriegszeit, von dessen Wirken nicht nur die Sozialwissenschaft selbst, sondern auch die Psychologie, die Linguistik, die Pädagogik und die Kommunikationswissenschaft profitieren konnten. 2 Diese Hausarbeit wird sich im Besonderen mit GOFFMANs Werk Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation beschäftigen. Darin geht es GOFFMAN um die „Beschreibung natürlicher Interaktionseinheiten“ und der „Aufdeckung der normativen Ordnung, die innerhalb und zwischen diesen Einheiten herrscht, d. h. die Verhaltensregeln, die es überall gibt, wo Leute sind […]“. 3 Dabei bezieht sich GOFFMAN größtenteils auf die angelsächsische Gesellschaft. Nur ganz vereinzelt führt er Beispiele aus dem chinesischen Kulturraum ein, an denen einzelne Aspekte seiner theoretischen Ausführungen verdeutlicht bzw. deutliche Unterschiede zur westlichen Welt unterstrichen werden sollen. Jedoch ist es gerade in der heutigen Zeit, angesichts des atemberaubenden Aufstiegs der Volksrepublik zur bald vorherrschenden Großmacht, umso interessanter zu ergründen, was die chinesische Gesellschaft seit Jahrtausenden prägt und zusammenhält. Insbesondere eröffnet sich die Frage, inwieweit sich GOFFMANs Theorie auf die chinesischen Interaktionsformen übertragen lässt. Um diese Frage zu beantworten, soll es in dieser Arbeit nun darum gehen, die Hauptpunkte von GOFFMANs Beobachtungen in Face-to-face-Interaktionen herauszuarbeiten und dabei an einigen Stellen vergleichend der Bezug zu den traditionellen chinesischen
1 Bergmann, Goffmans Soziologie im Gespräch, in: Hettlage/Lenz (Hg.), Goffman, 1991, S. 303
2 Vgl. Krallmann/Ziemann, Kommunikationswissenschaft, 2001, S. 229 , ebenso: Lenz, Goffmans Werk und Rezeption, in: Hettlage/Lenz (Hg.), Goffman, 1991, S. 25-28
3 Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 7f.
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Gesellschaftsnormen herzustellen, um etwaige Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Bezug auf die interpersonale Kommunikation genauer zu beleuchten.
2. Image und Imagepflege
2.1 Image und das „Gesicht“ der Chinesen (= „mianzi“)
Nach GOFFMAN ist ein wichtiges strukturelles Merkmal von Interaktionen, dass die von jedem Interaktionsteilnehmer gewählte Verhaltensstrategie von den anderen Interaktionsteilnehmern anerkannt und unterstützt wird und damit der Begegnung eine gewisse Stabilität gegeben wird. Mit dem Terminus Verhaltensstrategie meint er legitimierte und institutionalisierte Handlungsmuster, die jeder Interaktionsteilnehmer bei jedem Kontakt mit anderen verbal und nonverbal anwendet, um damit seine Definition der Situation und seine Einschätzung der anderen Teilnehmer und besonders seiner selbst zum Ausdruck zu bringen. 4 Mit Image bezeichnet GOFFMAN den „positive[n] soziale[n] Wert[...] , den man für sich durch die Verhaltensstrategie erwirbt, von der die anderen annehmen, man verfolge sie in einer bestimmten Interaktion. Image ist ein in Termini sozial anerkannter Eigenschaften umschriebenes Selbstbild, - ein Bild, das die anderen übernehmen können“. 5 Dieses Image, welches nur eine Leihgabe der Gesellschaft darstellt und wieder entzogen wird, wenn man sich dessen nicht würdig verhält, geht mit einer positiven oder negativen gefühlsmäßigen Bindung einher, je nachdem, ob das zugeschriebene Image besser oder schlechter ausfällt, als erwartet.
Neben dem stimmigen Image führt GOFFMAN noch zwei weitere Formen des Images an. Ein falsches Image entsteht, wenn für den Interaktionsteilnehmer ungünstige Informationen zum Vorschein kommen, die partout nicht in seine Verhaltensstrategie passen. Weiterhin kann es passieren, dass jemand in der Interaktionssituation gerade keine adäquate Verhaltensstrategie bereit hat, und daher gar kein Image besitzt. In beiden Fällen sind Gefühle der Scham, Verwirrung und Verärgerung die Folge, weil das Image, an das man fixiert ist, bedroht oder zusammengebrochen ist. Ebenso, wie vom Einzelnen erwartet wird, dass er sich seinem Image entsprechend verhält und dieses somit versucht zu wahren, soll er auch entsprechend rücksichtsvoll in seinem Handeln sein, damit er die Gefühle und Images der anderen Interaktionsteilnehmer nicht in
4 Vgl. Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 10
5 Ebd., S. 10
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Gefahr bringt. GOFFMAN schreibt dazu: „Die doppelte Wirkung der Regeln der Selbstachtung und Rücksichtnahme besteht darin, daß jemand sich bei einer Begegnung tendenziell so verhält, daß er beides wahrt: sein Image und das der anderen Interaktionsteilnehmer. D. h., daß die von jedem Interaktionsteilnehmer eingeschlagene Strategie sich meist durchsetzen und jeder Interaktionsteilnehmer die Rolle übernehmen darf, die er für sich selbst gewählt zu haben scheint.“ 6 Dazu sollte noch erwähnt werden, dass GOFFMAN darin eine Art Arbeitskonsens sieht, der mit den wahren Ansichten der Interaktionsteilnehmer nicht wirklich deckungsgleich ist. Das, was GOFFMAN mit „Face“ bezeichnet (und in der deutschen Version mit „Image“ übersetzt wird 7 ), ist gleichbedeutend mit dem für die Chinesen wichtigen „Gesicht“ (mianzi). Gerade der Schutz dieses gesellschaftlichen Profils genießt in der chinesischen Gesellschaft ungemein hohe Priorität: „Die Hauptspielregel in China könnte man auf folgende Formel bringen: ,Gib jedem sein Gesicht, lass’ niemanden Gesicht verlieren, und wahr’ dein eigenes Gesicht!’ Dem letzten Teilgebot dieser Verhaltenstrias wird gerecht, wer nie aus der Haut fährt, sondern stoisch in sich ruht, wer sein Temperament im Guten wie im Bösen zügelt und höflich lächelt [...]. Verlegenheiten werden durch Lachen überdeckt [...].“ 8 Einem anderen Grundsatz zufolge verliert auch derjenige sein Gesicht, der es anderen nimmt. Hier tritt eine klare Gemeinsamkeit mit GOFFMANs Theorie hervor, jedoch mit dem Zusatz, dass es in China sehr viel einfacher zu sein scheint, das eigene und fremde Gesichter zu zerstören, beispielsweise durch offen vorgetragene Kritik oder das Eingeständnis von Fehlern und Versagen vor Dritten. Man gibt Gesicht, indem man beispielsweise über Fehler des anderen hinwegsieht, jemanden öffentlich lobt oder dessen soziale Position achtet. 9 Man macht es dem anderen gewissermaßen leicht, ein gutes Image zu erwerben. WEGGEL schreibt dazu: „Den Chinesen [...] ist es gleichsam zur zweiten Natur geworden, ihren Nachbarn, Kollegen oder Angehörigen permanent Gesicht zu geben, sich durch ständige Aufmerksamkeiten und Geschenke ein Vorratspolster an Wohlwollen anzulegen und dadurch eine gute qifen (‚Atmosphäre’) zu schaffen.“ 10 Gesicht verlieren kommt hingegen einer
6 Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 16
7 Vgl. Lenz, Goffmans Werk und Rezeption, in: Hettlage/Lenz (Hg.), Goffman, 1991, S. 46
8 (Ein wirklich sehr empfehlenswertes Buch über China) Weggel, China, 2002, S. 38
9 Vgl. ebd., S. 36 ff. , ebenso: Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 367 f.
10 Weggel, China, 2002, S. 37 f.
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Katastrophe gleich: „Der Baum hat eine Rinde - der Mensch hat ein Gesicht. Nimmt man dem Baum die Rinde, so stirbt er.“ 11 (Chinesisches Sprichwort)
2.2 Techniken der Imagepflege
Dieses fragile soziale Selbstbild kann durch nun eine Vielzahl von Situationen und Zwischenfällen gefährdet und diskreditiert werden. Um diesen Ereignissen entgegenzuwirken, besitzen die Mitglieder einer sozialen Gruppe eine Reihe von Praktiken, „[...] die vorgenommen werden, um all das, was man tut, in Übereinstimmung mit seinem Image zu bringen.“ 12 Dazu nennt GOFFMAN zwei grundlegende Arten der Techniken der Imagepflege: den Vermeidungs- und den korrektiven Prozess.
Um Bedrohungen des Images zu vermeiden, gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens kann man Kontakten und Situationen fern bleiben, die leicht zu einer Bedrohung für das Image werden könnten. Wurde dieses Risiko erst einmal eingegangen, werden zweitens Defensiv- und Protektivmaßnahmen ergriffen. Mit ersteren vermeidet man für das Image bedrohliche Gesprächsthemen und Tätigkeiten, lenkt die Richtung des Handlungsverlaufes in andere Bahnen und schirmt die eigenen Gefühle und Selbstansprüche zwecks Selbstschutz ab. Die protektiven Manöver sollen den anderen Teilnehmern an der Interaktion helfen, ihre Images zu wahren. Darunter fallen beispielsweise diskretes und respektvolles Verhalten, das Unterschlagen von gefährdenden Informationen, zweideutige Antworten durch Umschreibungen und Täuschungen zum Wohle der anderen, und das vorsichtige Formulieren von Erwartungen an die anderen, ohne das deren Selbstachtung verletzt wird. Kommt es tatsächlich zum Zwischenfall, kann man immer noch versuchen, diese Bedrohung des Images taktvoll und absichtlich zu übersehen 13 , dem Zwischenfall den bedrohlichen Charakter abzusprechen oder den Zwischenfall zu verbergen oder zu verheimlichen, damit der Missetäter einen Augenblick Zeit hat, sich wieder zu fassen. 14
11 Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 378
12 Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 18
13 Interessant war in diesem Zusammenhang die folgende Beobachtung im Seminar: Eine Kommilitonin hatte während ihres Referates mehrfach den Terminus „Vis-á-vis-Situation“ fehlerhaft ausgesprochen. Auch wenn sämtliche Zuhörer im Seminar diesen Fauxpas bemerkt hatten, gab es keinerlei Regungen, die Referentin auf ihren Fehler hinzuweisen. Man zog es stattdessen vor, sich untereinander viel sagende Blicke zuzuwerfen und nicht durch eine Berichtigung während des Referates das Selbstbild der Kommilitonin als wohlinformierte und kompetente Vortragende öffentlich zu diskreditieren.
14 Vgl. Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 21 ff.
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Konnte man einem offensichtlichen und bedrohlichen Zwischenfall nicht vorbeugen, greift der korrektive Prozess. Der „Missetäter“ 15 versucht nun anhand von Ausgleichshandlungen, das rituelle Gleichgewicht wiederherzustellen. GOFFMAN unterscheidet dabei vier klassische Handlungsschritte: Zunächst weisen die anderen Interaktionsteilnehmer auf das Fehlverhalten hin und fordern sozusagen Wiedergutmachung. Auf diese Herausforderung folgt das Angebot einer Entschuldigung seitens des Missetäters. Er kann versuchen zu beweisen, das Ereignis als bedeutungslos eingestuft werden kann, oder die Bedeutung wird zwar anerkannt, aber der Missetäter kann beweisen, dass er nicht eigenverantwortlich gehandelt hat. Darüber hinaus kann er Entschädigung, Selbstbestrafung, Buße und Sühne anbieten. Auf die Annahme des Angebots folgt schließlich der Dank für diese Annahme. 16 Diese Techniken der Imagepflege können nicht nur defensiv, sondern auch offensiv gebraucht werden und somit eine Interaktion zum Wettstreit werden lassen: „Wenn jemand weiß, daß seine Bescheidenheit mit dem Lob anderer beantwortet werden wird, kann er versuchen, solche Komplimente zu bekommen. Wenn seine Selbsteinschätzung an zufälligen Ereignissen überprüft wird, dann kann er es so einrichten, daß günstige zufällige Ereignisse passieren. Sind andere darauf vorbereitet, eine Beleidigung zu übersehen und nachsichtig zu handeln oder Entschuldigungen zu akzeptieren, dann kann er dies als Grundlage für ungestrafte Beleidigungen betrachten.“ 17 Dadurch, dass alle Interaktionsteilnehmer sowohl ihr eigenes, als auch die Images der anderen zu wahren versuchen, entsteht fast zwangsläufig eine stillschweigende Kooperation, die es allen Beteiligten erlaubt, ihre Ziele zu verfolgen. GOFFMAN unterscheidet dabei zwei Formen dieser Kooperation: den selbst ausgeübten Takt und die gegenseitige Verleugnung. Ersteres erklärt GOFFMAN folgendermaßen: „Man verteidigt nicht nur sein eigenes Image und schützt das Image anderer, sondern handelt so, um es den anderen möglich und sogar leicht zu machen, Techniken der Imagepflege für alle Anwesenden anzuwenden. Man hilft ihnen, damit sie sich und einem selbst helfen“. 18 Durch die zweite Form können alle Beteiligten zeigen, wie angemessen und bescheiden sie sich selbst beurteilen und dass sie nicht an die eigenen Wünsche und
15 Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 26
16 Vgl. ebd., S. 24 ff.
17 Ebd., S. 30
18 Ebd., S. 36
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Erwartungen gebunden sind. Man „beraubt oder entwertet [...] sich freiwillig, während [man] gegenüber den anderen nachsichtig und schmeichelhaft ist“. 19 Dies alles läuft laut GOFFMAN nach bestimmten Gesprächsregeln und -konventionen ab und findet sich in einer rituellen Ordnung wieder, die nicht nur garantiert, das jeder Beteiligte das gibt und bekommt, was er verdient: „Durch ein angemessenes Benehmen verleiht das Individuum der Interaktionssituation selbst Glaubwürdigkeit und Substanz [...] und macht sich selbst der Kommunikation zugänglich und für sie verwendbar.“ 20
2.3 Imagepflege in China
Das bei den protektiven Manövern angesprochene zweideutige Antworten zum Schutze des Images hat in der chinesischen Kultur eine Jahrtausende alte Geschichte. Aus den traditionellen Glaubensvorstellungen - hier besonders dem Daoismus (auch: Taoismus) - leiten die Chinesen für das alltägliche Leben ethische und kulturelle Verhaltensrichtlinien ab. Dem Daoismus entsprechend, gebe es kein Groß ohne Klein, kein Hell ohne Dunkel, kein Männlich ohne Weiblich, kein Leben ohne Tod, kein Yin ohne Yang. Es handelt sich also nicht um eine Entweder-oder-Beziehung, sondern um eine Sowohl-als-auch-Beziehung. Daher wird verständlich, dass im chinesischen Denken keine eindeutigen Aussagen zu finden sind 21 , und dass die konfliktscheuen Chinesen auch mit der im Westen kultivierten Streitkultur wenig anzufangen wissen. Harmonie steht seit jeher an erster Stelle. Botschaften werden bevorzugt auf indirektem Weg per Umschreibung oder Andeutung übermittelt. Ein klares „Nein“ findet sich deshalb nur selten, vielmehr wird selbst ein „Nein“, ein „Vielleicht“, oder ein „Ich habe es nicht verstanden“ in ein „Ja“ verpackt. 22
Um möglichen Störereignissen, Fehlverhalten etc. von vornherein entgegenzuwirken, spielen besonders in China Berechenbarkeit und Ordnung eine sehr große Rolle. Nicht nur durch sehr starre und gefestigte Hierarchie-Strukturen im Berufs- und Familienleben, sondern auch durch strenge Wahrung der Etikette soll die Ordnung aufrechterhalten werden: „Der ‚kultivierte’ (youyangde) Mensch kann sich nicht nur in den anderen hineinfühlen, sondern bleibt überdies selbst berechenbar. Spontaneität ist tabu [...].“ 23
19 Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 37
20 Ebd., S. 186
21 Vgl. Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 355 f.
22 Vgl. ebd., S. 336 und Weggel, China, 2002, S. 51f. und 190 f.
23 Weggel, China, 2002, S. 39
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3. Ehrerbietung und Benehmen
Ehrerbietung und Benehmen sind nach GOFFMAN zwei der grundlegenden Komponenten von zeremoniellen Handlungen, die wiederum gewissen zeremoniellen Regeln unterliegen. Diese Regeln definieren das Verhalten gegenüber für bedeutungslos gehaltenen Dingen, die aber als konventionalisierte Mittel zur Kommunikation wichtig sind. Es geht hierbei also um Etikette und das unterscheidet sie von den inhaltlichen Regeln, wo es nach GOFFMAN um Recht, Moral und Ethik geht. Inhaltliche und zeremonielle Regeln sind wiederum zwei Untergruppen von Verhaltensregeln, die GOFFMAN als Handlungsorientierungen definiert. „Durch [die] Einhaltung zeremonieller Verpflichtungen und Erwartungen wird ein ständiger Strom von [wechselseitigen; Anm. d. Verf.] Gunstbezeigungen über die Gesellschaft gebreitet, in dem andere Anwesende das Individuum daran erinnern, daß es sich gut benehmen und die geheiligte Aura dieser anderen bejahen muss.“ 24 Man ist also dazu verpflichtet, bestimmten Regeln zu folgen und sich den Erwartungen der anderen entsprechend zu verhalten. Und man hat auf der anderen Seite die Erwartung, dass der oder die anderen ihre Verpflichtungen einem selbst gegenüber genauso wahrnehmen. 25
3.1 Ehrerbietung
Durch Ehrerbietung wird „symbolisch die Wertschätzung des Empfängers dem Empfänger regelmäßig übermittelt [...] oder die Wertschätzung dessen, wofür der Empfänger als Symbol oder Repräsentant steht.“ 26 Da man sie sich nicht selbst erweisen kann/darf, muss man dazu mit anderen in Kontakt treten. Dies stellt für GOFFMAN eine zusätzliche Garantie für interpersonale Kommunikation innerhalb der Gesellschaft dar. Mit jeder (meist besonders schmeichelhaften) Ehrerbietung geht die Erwartung an den Empfänger einher, dass dieser jene nicht wörtlich nehmen soll, sondern sich mit dem bloßen Erweis von Wertschätzung zufrieden geben soll. Neben einer gewissen Achtung vor dem Empfänger wird auch eine Art Versprechen übermittelt, dass man diesen bei der nächsten Begegnung entsprechend behandeln wird und seine Erwartungen und Verpflichtungen anerkennt und unterstützt. GOFFMAN unterscheidet
24 Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 100
25 Vgl. ebd., S. 55 ff.
26 Ebd., S. 64
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zwei große Gruppen von Ehrerbietung: und
Zuvorkommenheitsrituale. Vermeidungsrituale dienen dazu, vom Empfänger respektvolle Distanz zu wahren, um seine persönliche Sphäre nicht zu verletzen. 27 Dabei kann man verbale, räumliche/physische und/oder selbstschützende Rücksicht üben. Zuvorkommenheitsrituale zeigen dem Empfänger, was man von ihm hält und wie man ihn in der beginnenden Interaktion behandeln wird. Vier sehr gebräuchliche Formen bringen hierbei konkret die Wertschätzung zum Ausdruck: Begrüßungen, Komplimente, Einladungen und kleinere Hilfsdienste. 28
3.2 Benehmen
Benehmen dient dazu, „dem Gegenüber zum Ausdruck zu bringen, daß man ein Mensch mit bestimmten erwünschten und unerwünschten Eigenschaften ist.“ (Hierbei gleichen sich die westlichen Anforderungen an gutes Benehmen fast mit den chinesischen.) 29 Da es sich dabei aber eigentlich nur um Interpretationen der anderen Interaktionsteilnehmer anhand von bestimmten Eigenschaften handelt, kann man sich diese Eigenschaften nicht selbst zuschreiben, sondern sich höchstens so verhalten, dass die anderen in das eigene Verhalten die gewünschten Eigenschaften hineininterpretieren. (Diese Thematik bearbeitet GOFFMAN ausführlich in Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag.)
Diese beiden zeremoniellen Handlungskomponenten beschreiben Handlungen, die ineinander greifen: Ehrerbietung bedingt angemessenes Benehmen; angemessenes Benehmen zeigt Ehrerbietung.
3.3 Ehrerbietung und Benehmen in China
Gerade die eben erwähnte persönliche Sphäre ist den Chinesen besonders teuer. So rät Jürgen ROTHLAUF zu körperlicher und thematischer Distanz: „Der Chinese verwendet beim Sprechen im Gegensatz zum Deutschen kaum seine Hände. Deshalb ist es ratsam, extreme Gesten zu vermeiden und seinen Gesprächspartner während der Konversation auch nicht zu berühren.“ 30 Und weiter heißt es: „Ein Handschlag zur Begrüßung war in China früher unüblich, hat aber jetzt durch die Kontakte zum Ausland immer weiter an Verbreitung gewonnen. Ungewohnt sind nach wie vor Umarmungen zur Begrüßung.
27 Vgl. auch: Goffman, Wir alle spielen Theater, 1983, S. 62 ff.
28 Vgl. ders., Interaktionsrituale, 1986, S. 70 ff.
29 Ebd., S. 86; vgl. dazu Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 340
30 Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 366
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Auch Schulterklopfen sollte man besser unterlassen.“ 31 Besonders Fremden gegenüber achten Chinesen sehr darauf, dass das Gegenüber ihnen nicht zu nahe tritt: „Wer [...] glaubt, sehr schnell Freundschaften schließen zu müssen, verkennt, dass die Chinesen sehr auf ihre Privatsphäre achten und sie es nur wenigen Menschen erlauben, in diese einzudringen. In China werden unbekannte Personen vor allem mit Respekt und Höflichkeit auf Distanz gehalten. Die Privatsphäre ist der Familie vorbehalten.“ 32 Wertschätzung lässt sich bekanntlich auf vielerlei Weise ausdrücken. So scheuen Chinesen im Allgemeinen keine Kosten und Mühen, um beispielsweise Geschäftspartnern durch ein üppiges Essen ihre Wertschätzung auszudrücken. Dabei erwartet der Gastgeber umfassendes Lob für das gute Essen, auch wenn er sich immer bemüht, so bescheiden wie möglich zu erscheinen und daher vieles von der entgegengebrachten Ehrerbietung ablehnen wird. 33 Ähnlich verhält es sich mit Geschenken. Hier sollte die Auswahl eines passenden Geschenkes immer mit Bedacht erfolgen, wobei der Preis eine nicht unerhebliche Rolle spielt: „Ist der Wert des Geschenkes zu gering, fühlt sich der Empfänger beleidigt. Ist er jedoch zu hoch, könnte es nach Bestechung aussehen“. 34 Auch bei der Übergabe und Entgegennahme des Geschenkes gibt es klare Regeln: „Der Chinese verneigt sich erst dreimal bevor er das Geschenk in Empfang nimmt. Damit will er zum Ausdruck bringen, daß er nicht gierig ist. Hat der Chinese das Geschenk angenommen, gehört es sich, dem chinesischen Geschäftspartner mitzuteilen, dass man sich über die Annahme des Geschenkes freue. Geschenke werden im Übrigen nicht sofort in Gegenwart des Schenkenden geöffnet. Man möchte dadurch weder sich noch den Schenkenden in Verlegenheit bringen. Gesicht wahren findet auch hier seinen Niederschlag.“ 35
4. Verlegenheit
Verlegenheit hat nach GOFFMAN verschiedene Ursachen. Zum Einen kann Verlegenheit infolge nicht erfüllter Erwartungen und Ansprüche auftreten, insbesondere, wenn ein Störereignis die wechselseitigen Ansprüche zweifelhaft erscheinen lässt. Auch wer bestimmte physische, moralische oder kognitive Standards
31 Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 348
32 Ebd., S. 355
33 Vgl. ebd., S. 359 f.
34 Ebd., S. 362
35 Ebd., S. 363
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nicht erfüllen kann, schämt sich und ist verlegen. Zweitens kann eine plötzliche Statusveränderung dazu führen, dass andere noch am alten Selbst festhalten wollen und man selber noch nicht gut genug mit der neuen Rolle vertraut ist und somit eine Diskreditierung leicht passieren kann. Drittens kann die Publikumssegregation zusammenbrechen, die man braucht, um vor dem jeweiligen Publikum die einzig richtige Rolle spielen zu können (Hier ist übrigens wieder ein klarer programmatischer Bezug zu Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag zu erkennen.) 36 Wichtig ist dabei, dass man sich nach GOFFMAN in einer sozialen Begegnung befindet, in der es immer wieder zu Zwischenfällen und Misstönen kommen kann. GOFFMAN nennt außerdem eine ganze Reihe von Symptomen, die die Verlegenheit verraten und nur bis zu einem gewissen Grad mittels Körperkontrolle verborgen werden können. Um sich gegenseitig vor einem Imageverlust zu bewahren, versuchen es alle Interaktionsteilnehmer zu vermeiden, sich gegenseitig in Verlegenheit zu bringen. Darüber hinaus werden alle Beteiligten versuchen, wie bei den Techniken der Imagepflege schon angesprochen, taktvoll den Verlust der Kontrolle übersehen. 37 GOFFMAN gibt dabei zu bedenken, dass „Verlegenheit nicht einfach ein irrationaler Impuls [ist], der das sozial vorgegebene Verhalten durchbricht, sondern Teil dieses geordneten Verhaltens selbst.“ 38 Erstens zeigt sie, dass der Verlegene weiß, dass er ein stabiles und konsistentes Selbst präsentieren muss, es aber in dieser Situation nicht vermag. Und zweitens wird durch diese Scham deutlich, dass derjenige zu einem anderen Zeitpunkt durchaus in der Lage ist, sich zu bewähren.
5. Engagement und Entfremdung in der Interaktion
In Gesprächen herrscht laut GOFFMAN die gegenseitige Erwartung unter allen Teilnehmern, dass man sich dem Gespräch voll und ganz widmet, bzw. andere Tätigkeiten nur nebenbei ausführt und sich von diesen nicht vom Gespräch als eigentlichen Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ablenken lässt. Die Gesprächteilnehmer unterstützen sich gegenseitig bei diesem „spontane[n] Engagement“ 39 , „indem sie ihr eigenes Verhalten so kontrollieren, daß [sie] vom angemessenen Engagement nicht
36 Vgl. Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 114 ff.
37 Vgl. ebd., S. 106 ff.
38 Ebd., S. 122
39 Ebd., S. 124
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abweichen [müssen]“ 40 . Nach GOFFMAN ist dabei Perspektivenübernahme und Empathie wichtig, um die anderen nicht in Verlegenheit zu bringen. Welches Maß an Engagement gefordert sei, werde durch den jeweiligen sozialen Anlass vorgegeben. Wer dabei zu wenig oder zu viel Engagement zum Ausdruck bringe, verletze die Regelstrukturen, indem der rituellen Sorgfalt, die einer Person zustehe, nicht nachgekommen werde. 41 Dieses gemeinsame Engagement ist also zerbrechlich und mit konstitutiven Schwächen und Gefährdungen belastet, sodass es schnell zu Fehlverhalten kommen kann, das man nach GOFFMAN verfehltes Engagement oder Entfremdung nennen kann. 42
5.1 Arten der Entfremdung
Zunächst führt GOFFMAN die Ablenkung durch äußere Faktoren an, die die Aufmerksamkeit vom Gespräch wegleiten. Diese „External preoccupation“ sei umso verletzender, je mehr sie für die anderen unentschuldbar sei. 43 Als zweites gibt es die Ich-Befangenheit, bei der der Gesprächsteilnehmer seine Aufmerksamkeit mehr als normal auf sich selbst und sein Auftreten als Gesprächsteilnehmer richtet. Dies kann passieren, wenn das Image und die Beurteilung durch die anderen Interaktionsteilnehmer anders als gedacht ausfallen und man sich demzufolge verlegen auf sich selbst konzentriert und seinen Status überdenkt. Drittens kann es vorkommen, dass man ein besonderes Verantwortungsgefühl für den guten Verlauf der Interaktion entwickelt oder dass im Gespräch die Themen ausgehen und man daher zu sehr auf den Fortgang der Interaktion achtet, anstatt sich spontan einzubringen. Neben dieser Interaktions-Befangenheit und der Ich-Befangenheit gibt es auch eine Fremd-Befangenheit. Bei diesem Typus ist man nicht von sich selbst oder von äußeren Umständen abgelenkt, sondern von einem der anderen Interaktionsteilnehmer. Da dieser andere damit zu einem „unvollkommenen Interaktionsteilnehmer“ wird, bekommt er bestimmte Charakteristika zugeschrieben, damit man sich diese Ablenkung erklären kann. Unter anderem sind das Affektiertheit, Unaufrichtigkeit, Unbescheidenheit, Überbescheidenheit, übermäßiges Engagement, oder sprachliche bzw. körperliche Eigenarten. 44
40 Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 127
41 Vgl. Lenz, Goffmans Werk und Rezeption, in: Hettlage/Lenz (Hg.), Goffman, 1991, S. 46
42 Vgl. Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 128
43 Vgl. ebd., S. 129
44 Vgl. ebd., S. 129 ff.
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5.2 Vorgetäuschtes Engagement
Wenn man kein spontanes Engagement entwickeln kann, tut man oft wenigstens so, als ob man sich engagiert, und zwar aus Rücksicht auf die Gefühle der anderen und zum Schutze des eigenen Images. Diesem taktvollen künstlichen Engagement steht das als zynisch empfundene gegenüber, weil „der Betreffende nicht so sehr an den Gefühlen der anderen interessiert zu sein scheint als vielmehr an dem Vorteil, den er gewinnen kann, wenn er die anderen glauben macht, sie erregten seine Aufmerksamkeit.“ 45 Allerdings gibt es nicht nur die Verpflichtung, Engagement vorzutäuschen, sondern auch jene, dieses Engagement nicht allzu glaubwürdig vorzutäuschen, denn dieses Verhalten ist zwar rücksichtslos den anderen Interaktionsteilnehmern gegenüber, jedoch verdeutlichen Langeweile und andere Symptome, dass man an der Konversation kein Interesse mehr hat und dienen als taktvoller Hinweis darauf, dass man die Konversation beenden möchte. 46
5.3 Engagierte Chinesen
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine sehr anschauliche Textstelle bei Oskar WEGGEL, die hier zitiert werden und für sich sprechen soll: „Beeindruckt sind westliche Ausländer immer wieder von der Konzentration, mit der Chinesen sich ihrem Gesprächspartner zuwenden, wobei sie sich oft dermaßen ins Gespräch vertiefen, dass sie alles andere um sich herum zu vergessen scheinen. Schier unverzeihlich wäre es, sich hier leichthin ablenken zu lassen und sozusagen ‚auf dem Absatz kehrt’ zu machen, um sich plötzlich einem anderen Thema oder einem anderen Gesprächspartner zuzuwenden. Small talk und ‚Cocktail-Plaudereien’ sind deshalb nicht gerade die Stärken chinesischer Gesprächspartner. Vielmehr erfordert der Aufbau von Beziehungen zum Gesprächs- (und vielleicht künftigen Geschäfts-) Partner den ganzen Menschen. Man will über ihn umfassend im Bilde sein, vor allem über seinen Rang und seine Vertrauenswürdigkeit.“ 47
45 Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 139
46 Vgl. ebd., S 138 ff.
47 Weggel, China, 2002, S. 53 , ebenso im Hinblick auf geschäftliche Verhandlungen: Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 352
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6. Schicksalhaftigkeit, „Action“ und der erworbene Charakter
Ich möchte nun den relativ kurzen Abschnitt über angeblich psychotisches Verhalten überspringen, welches nach GOFFMAN in erster Linie nur das Versagen, gemäß den etablierten Verhaltensregeln für direkte Interaktion zu handeln, darstellt und deshalb von GOFFMAN eher als „situationale Unangemessenheit“ bezeichnet wird 48 , zu Gunsten des letzten und eindeutig umfangreicheren Abschnittes über das absichtliche Auseinandersetzen mit Schicksalhaftigkeit und Risiko.
6.1 Schicksalhaftigkeit
GOFFMAN meint, dass man immer bis zu einem bestimmten Grad in seinem Image gefährdet ist, weil die zufällige Verknüpfung von Ereignissen, die Verwundbarkeit des eigenen Körpers und die Notwendigkeit, in sozialen Situationen immer entsprechend der Verhaltensregeln zu handeln, mit Schicksalhaftigkeit behaftet sind. Schicksalhaft ist eine Tätigkeit, wenn sie unsicher und folgenreich ist. 49 Man wird also versuchen, die Schicksalhaftigkeit im Leben so weit es geht zu reduzieren, damit man einen beständigen Lebenslauf vorweisen kann und damit für die anderen Interaktionsteilnehmer einen weniger großen Risikofaktor darstellt. Bei Berufen, die so unsicher und folgenreich sind, dass man sich von vornherein auf diese Gefährdung einstellt, spricht GOFFMAN von praktischen Glücksspielen. 50 Um schicksalhafte Situationen zu meistern, kann man versuchen, durch Sorge um den eigenen Körper, durch Prophylaxe und durch Versicherungen in jeder Form die Schicksalhaftigkeit einzudämmen und man kann versuchen, die affektiven Reaktionen auf schicksalhafte Ereignisse (Angst, Aufregung, Schuldgefühle, Enttäuschung usw.) in den Griff zu bekommen. GOFFMAN nennt Letzteres „Abwehrverhalten“. 51 Einige Abwehrtypen wären beispielsweise der Glaube an Vorbestimmung, die Suche nach einem Sündenbock, der Glaube an Glück und Pech, ritualisierter Aberglaube und abwehrender Determinismus (findet man keine Gründe für diese Situation, denkt man sich welche aus und erklärt punktuell determinierte Ereignisse zu solchen Folgen). 52
48 Vgl. Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 151 ff.
49 Vgl. ebd., S. 180
50 Vgl. ebd., S. 188 ff.
51 Ebd., S. 194
52 Vgl. ebd., S. 196 ff.
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6.2 Action
Mit action beschreibt GOFFMAN Tätigkeiten, die „folgenreich und ungewiß sind und um ihrer selbst willen unternommen werden.“ 53 Ist der Beruf von Natur aus mit einer hohen Schicksalhaftigkeit behaftet, macht man oft aus der Not eine Tugend und setzt bewusst Wohlergehen und seinen Ruf aufs Spiel, auch wenn dies einem Zwang gleichkommt, weil eine Verweigerung dieser risikoreichen Tätigkeit berufliche Konsequenzen nach sich ziehen würde. Anders sieht es da zum Beispiel bei Fun-Sportarten aus: „Keine äußeren Faktoren zwingen einen, dem Schicksal überhaupt zu begegnen; keine äußeren Ziele liefern angemessene Gründe für das Weitermachen. Die Aktivität ist selbst als Ziel definiert, vom Handelnden ausgesucht, übernommen und ihm völlig überlassen.“ 54 Sind Zeugen anwesend, können diese auch zum Handlungsfeld der action werden. Sobald diese Anwesenden irgendwie geschickt oder gekonnt agieren müssen, entsteht ein Wettstreit oder Duell, was GOFFMAN „interpersonales action“ 55 [kursiv im Original] nennt.
6.3 Action schafft Charakter
Action meint also kalkuliertes Risiko. Das freiwillige Eingehen ernsthafter Risiken ist für GOFFMAN ein Mittel zum Erwerb und zur Aufrechterhaltung von Charakter. Wer fähig ist, in schicksalhaften Situationen sich korrekt zu verhalten und standhaft zu bleiben, zeigt starken Charakter. Dabei schaffen die Meinungen in der Gesellschaft den Bezugsrahmen für die Beurteilung von Charaktereigenschaften wie Mut, ausdauernde Kampfbereitschaft, Integrität und Haltung. Besonders wer Haltung bewahrt, zeigt, dass er ein kompetenter und zuverlässiger Interaktionspartner ist. 56 Da jeder nach Möglichkeit versuchen wird, seinen starken Charakter zu beweisen, passiert dies zwangsläufig auf Kosten des Charakters des Gegenübers. Daraus kann ein Wettstreit der Selbstbeherrschung entstehen, also ein „Charakterwettkampf“. 57 Er beginnt mit der Provokation, und soll der Wettstreit ernsthaft beginnen, kommt es zum Zusammenstoß, aus dem entweder einer, beide oder keiner von beiden mit gestärktem Charakter hervorgehen. 58
53 Goffman, Interaktionsrituale, 1986, S. 203
54 Ebd., S. 203
55 Ebd., S. 226
56 Vgl. ebd., S. 236 ff.
57 Ebd., S. 260
58 Vgl. ebd., S. 263 ff.
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7. Zusammenfassung und Fazit
Ziel dieser Arbeit war es ursprünglich, deutlich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen der GOFFMANs Sichtweise auf die angelsächsische Gesellschaft und dem chinesischen Kulturkreis in Bezug auf die interpersonale Kommunikation zu finden. Es stellte sich jedoch mit zunehmender Lektüre heraus, dass GOFFMANs Theorien, entgegen der anfänglichen Erwartung, durchaus nicht nur übertragbar sind, sondern sich in teilweise viel ausgeprägterer Form in der chinesischen Gesellschaft wiederfinden. Erinnert sei an dieser Stelle nochmals an die große Wichtigkeit des mianzi, des Gesichts, an den Hang zur Selbstverleugnung, an die starke Fixierung auf das Gegenüber im Gespräch und an das besondere Ausmaß an Bescheidenheit und Höflichkeit sowohl gegenüber Fremden als auch gegenüber Vorgesetzen. Ein chinesisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Viel Höflichkeit schadet niemanden.“ 59
Ein großer Unterschied konnte jedoch gefunden werden. Die den Westen auszeichnende und ausgeprägte Streitkultur ist im chinesischen Kulturkreis nicht zu finden. Die traditionellen Lehren des Daoismus fordern Harmonie und Ausgeglichenheit, die des Konfuzianismus verbieten offene Kritik an Staat, Verwandten und Vorgesetzten. Daher verstehen es die Chinesen seit Jahrtausenden, kritische Bemerkungen in blumigen Formulierungen zu kaschieren und mit einem Lächeln auf den Lippen vorsichtig vorzutragen. Außerdem ist den Chinesen viel mehr daran gelegen, den Konflikt abzumildern und gemeinsam nach einer zufriedenstellenden Lösung zu suchen. 60 Zu kritisieren wäre an GOFFMANs Theorie, dass sie sich auf die Mittelschicht der amerikanischen Gesellschaft beschränkt und andere Gesellschaftsbereiche ausklammert. 61 Auch sollte man bei allem, was bisher über China und seine Kommunikationskultur geschrieben wurde, folgende Relativierung im Auge behalten: Bei einem Land, das fast 27-mal so groß ist wie Deutschland und mit über 1,3 Milliarden Einwohnern inklusive unterschiedlicher Volksgruppen und Sprachen das bevölkerungsreichste Land der Erde ist 62 , muss davon ausgegangen werden, dass es zwischen den verschiedenen Regionen dieses Riesenreiches bei den hier erwähnten Kommunikations- und Interaktionsweisen durchaus krasse Unterschiede geben kann.
59 Rothlauf, Interkulturelles Management, 2002, S. 321
60 Vgl. ebd., S. 377 f.
61 Vgl. Knoblauch, Goffman, in: Moebius/Quadflieg (Hg.), Kulturtheorien, 2006, S. 166
62 CIA World Fact Book, Abruf: 26.08.2007
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Literaturverzeichnis:
CIA World Factbook - China: http://www.cia.gov/library/publications/the-worldfactbook/geos/ch.html, Abrufdatum: 26.08.2007.
Bergmann, Jörg R.: Goffmans Soziologie des Gesprächs und seine ambivalente Beziehung zur Konversationsanalyse, in: Hettlage, Robert/Lenz, Karl (Hrsg.): Erving Goffman - ein soziologischer Klassiker der zweiten Generation, Haupt, Bern und Stuttgart 1991.
Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, 3. Aufl., Piper, München 1983.
Goffman, Erving: Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1986.
Knoblauch, Hubert: Erving Goffman. Die Kultur der Kommunikation, in: Moebius, Stephan/Quadflieg, Dirk (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006.
Krallmann, Dieter/Ziemann, Andreas: Grundkurs Kommunikationswissenschaft: mit einem Hypertext-Vertiefungsprogramm im Internet, Fink, München 2001. Lenz, Karl: Erving Goffman - Werk und Rezeption, in: Hettlage, Robert/Lenz, Karl (Hrsg.): Erving Goffman - ein soziologischer Klassiker der zweiten Generation, Haupt, Bern und Stuttgart 1991.
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Weggel, Oskar: China, 5. völlig neubearb. Aufl., C.H. Beck, München 2002.
Arbeit zitieren:
Tobias Heymann, 2007, Interaktionsrituale: Über das Verhalten in direkter Kommunikation, München, GRIN Verlag GmbH
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