Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II. Erinnerung an Flucht und Vertreibung 3
2.1. Erinnerungskulturelle Aspekte 3
2.2. Organisation und Erinnerungsarbeit der Vertriebenen 6
III. Das Zentrum gegen Vertreibungen 8
3.1. Von der Gründung zur politischen Debatte 8
3.2. Der Gegenentwurf und seine Konsequenzen 11
VI. Geschichte , Gedenken und Dritter Sektor’ 12
V. Schlussbetrachtung 14
IV. Literaturverzeichnis 16
1
I. Einleitung
Die Debatte um das so genannte Zentrum gegen Vertreibungen 1 zählt zu den viel diskutierten Auseinandersetzungen um Erinnerung und Gedenken in Deutschland. Als typisch geschichtspolitische Debatte gehörte sie zu einer Kette von Kontroversen, die nach den traumatisierenden Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs einen Orientierungsbedarf für die historischen Erinnerungen in Deutschland offenbarten. Hatte man unmittelbar nach dem Krieg noch angezweifelt, „ob das Geschehen einer nahen Vergangenheit, das noch qualmt und dessen Ende womöglich noch nicht absehbar ist […]“ 2 , sich überhaupt wissenschaftlich aufklären lasse, so stand bald außer Frage, dass die Beschäftigung mit der Epoche der Mitlebenden auch integraler Bestandteil der Erinnerungskultur in Deutschland war. Darüber hinaus offenbarte die Politisierung des ZgV-Konflikts, dass der Bund der Vertriebenen als private Interessensgemeinschaft subjektive Erinnerungsbedürfnisse und -ansprüche verfolgte und auch auf die politische Agenda der Republik setzen konnte. Die vom BdV propagierte Opferperspektive wurde dabei selten mit sachgerechten Argumentationen begründet, so dass sich die Kritik gegen den einseitigen Opferstatus der Vertriebenen stellte und die Alternative in einem gesamteuropäischen Konzept gesucht wurde. Das immense Presseecho, sowie die Äußerungen von Persönlichkeiten der Politik belegten anschaulich das hohe Interesse der deutschen Öffentlichkeit.
Die folgende Arbeit beschäftigt sich demnach im Kern mit der medialen Debatte, so dass im Anschluss die Darstellung der politischen und medialen Mechanismen anschließen kann. Um diese jedoch sachgerecht einordnen zu können, wird in einem ersten Teil die erinnerungskulturelle Ausgangslage skizziert. Weiter sollen die politischen und institutionellen Bedingungen für die Unterstützer einer organisierten Erinnerung aufgezeigt werden, damit der BdV hier als zentraler Akteur deutlich wird. Nach der bereits angesprochenen Untersuchung der Mediendebatte werden kurz die gegenwärtigen Tendenzen aufgegriffen, so dass am Ende ein zusammenfassendes Fazit stehen kann.
1 Im Folgenden wird der Kürze halber die Abkürzung ‚ZgV’ verwendet.
2 Sabrow, Martin/ Jessen, Ralph/ Große Kracht, Klaus (Hg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen nach 1945. München 2003. S. 9
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II. Erinnerung an Flucht und Vertreibung
2.1. Erinnerungskulturelle Aspekte
Im Kontext der Debatte um ein ZgV gilt die Auseinandersetzung mit der Erfahrung von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg als grundlegend. Sie war und ist die Triebfeder des BdV und seiner Politik im Rahmen von Geschichte und Erinnerung. Seine Agitation als Interessenvertretung der deutschen Heimatvertriebenen steht jedoch in einem gesamtgesellschaftlichen Aushandlungsprozess vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis. Geprägt ist dieser Prozess durch den Versuch dauerhafte Formen des Erinnerns und Gedenkens zu finden und auf die Globalisierung der Erinnerungskulturen angemessen zu reagieren. 3 Besonders seit der deutschen Einheit von 1989/90 und der migrationsbedingten Zusammensetzung der Bevölkerung gestaltet sich dieser Prozess anhand von wiederkehrenden Mediendebatten. Am Beginn des neuen Jahrtausends rückte vor allem eine mehrteilige ZDF-Dokumentation, eine Sonderausgabe des Spiegels und Günter Grass’ Roman ‚Im Krebsgang’ 4 das Thema der aus den früheren deutschen Reichsgebieten Vertriebenen in die Öffentlichkeit. Mit der wachsenden Distanz zu den historischen Ereignissen und dem Verlust der Erlebnisgeneration belegten die zunehmend pluralen Umgangsformen die offenen Irritation bei aufgestellten Geschichtsbildern.
Doch ein wichtiger Bestimmungsfaktor für den Umgang mit jener Geschichte war der Zusammenbruch des Kommunismus und die vielteiligen Konsequenzen, die sich aus den ökonomischen, sozialen und mentalen ‚Altlasten’ der DDR ergaben. Somit umfasste das Spannungsfeld u.a. die Frage, ob von den historischen Dauerreflexionen eine stabilisierende oder eine destabilisierende Wirkung auf die noch gefährdeten demokratischen Ordnungen ausgingen. Im Zusammenhang mit der Diskussion um Flucht und Vertreibung galt es darüber hinaus auch solche Entwicklungsprozesse zu behandeln, „die vor 50 oder 75 Jahren abgebrochen worden waren.“ 5 Dabei darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass auch aus der westdeutschen, stärker pluralistisch strukturierten Erinnerungskultur, Nachhol-und Diskussionsbedarf resultierte. Schließlich sei die ‚Erinnerungslandschaft’, so Bernd Faulenbach, vor 1989 definitiv zweigeteilt gewesen. 6
3 Vgl. Levy, Daniel/ Sznaider, Natan: Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust. Frankfurt am Main 2001.
4 Vgl. Grass, Günter: Im Krebsgang. Eine Novelle. München 2002.
5 Vgl. Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundsrepublikanischen Erinnerung 1948-1990. Darmstadt 1999. S. 13
6 Vgl. Faulenbach, Bernd: Deutsche Erinnerungsgesellschaft Ost und West seit 1989/90. In: Cornelißen, Christoph/ Holec, Roman/ Pesek, Jirí (Hg.): Diktatur - Krieg - Vertreibung. Erinnerungskulturen in Tschechien, der Slowakei und Deutschland seit 1945. Essen 2005. S. 153
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Obwohl nach 1945 sämtliche alliierten Besatzungszonen mit den aufkommenden Migrationswellen aus den Ostgebieten umzugehen hatten, gestaltete sich deren politische und wirtschaftliche Integration unterschiedlich. Als durchaus ähnlich ist jedoch die Tabuisierung des Vertriebenenphänomens in den Besatzungszonen hervorzuheben, was 1946 seinen Ausdruck in dem Koalitionsverbot für Vertriebene durch den Alliierten Kontrollrat fand. 7 Dennoch bedeutete dies nicht, dass in der Nachkriegszeit das Vertriebenenproblem nachhaltig ‚gedeckelt’ wurde, sondern sich im weiteren Verlauf durchaus Formen und Muster des Erinnerns herauskristallisierten. Die politische Förderung beeinflusste und kanalisierte also die Erinnerungskulturen durch die öffentliche Meinung, durch staatliche Stellen, Kommunen, Stiftungen, etc.
Charakteristisch für die Ausgangslage in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) war eine offizielle Sprachverordnung, die das Phänomen der Vertreibung sowie die sowjetische Rolle dabei gezielt verschleiern sollte. 8 Als die Regierung der DDR 1950 die Oder-Neiße-Grenze anerkannte, wurde schließlich die Tabuisierung des Vertreibungsproblems zementiert. Dennoch existierten in der SBZ/ DDR vorerst höhere soziale und finanzielle Integrationshilfen als in der BRD. Es kam zu einem nicht geringen materiellen Ausgleich für Vertriebene, der in Form von Krediten gewährt wurde. Doch letztendlich kam es im Verlauf der 1950er Jahre zu einer propagandistischen Abwendung vom Vertriebenenproblem, was auf das Lastenausgleichsgesetz der BRD von 1952 zurückzuführen war. 9 So sei es zu jenem bundesrepublikanischen Vorsprung in der vertriebenenbezogenen Sozial- und Entschädigungspolitik gekommen, „den die DDR weder konzeptionell noch materiell wieder einholen konnte.“ 10 Im Gegensatz zur SBZ begünstigte die zunehmende Aufweichung des alliierten Koalitionsverbots in den westlichen Besatzungszonen eine massive Organisationsentwicklung der Vertriebenenverbände. In diesem Zusammenhang wies Samuel Salzborn bereits darauf hin, dass die Lockerung des Koalitionsverbots auf die gewichene Scheu bei den Alliierten zurückzuführen gewesen sei, die osteuropäischen Staaten durch die Zulassung von Vertriebenenorganisationen zu provozieren. 11
Somit hatte die Behandlung der Vertriebenenfrage einen besonderen Stellenwert in der Geschichtspolitik der beiden deutschen Staaten. Im Zentrum der Erinnerungskultur der DDR
7 Nicht nur die politische Betätigung der Vertriebenen wurde eingeschränkt, sondern auch ihre weitere Organisation in lokalen und regionalen Gruppierungen. Vgl. Salzborn, Samuel: Grenzenlose Heimat. Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Vertriebenenverbände. Berlin 2000. S. 52
8 So wurde die Bezeichnung ‚Vertreibung’ durch ‚Umsiedlung’ ersetzt. Vgl. Schwartz, Michael: Vertreibung und Vergangenheitspolitik. Ein Versuch über geteilte deutsche Nachkriegsidentitäten. In: Deutschland Archiv, Nr. 2 (1997). S. 193f.
9 Vgl. Schwartz, Michael: Ebenda. S. 179
10 Faulenbach, Bernd: Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße. Zur wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B51-52 (2002). S. 45
11 Vgl. Salzborn, Samuel: Ebenda. S. 54
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Arbeit zitieren:
Christoph Hermes, 2006, Die Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen, München, GRIN Verlag GmbH
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