Philipps-Universität Marburg
Institut für Europäische Ethnologie/ Kulturwissenschaft
Hausarbeit zum Thema:
,,in everyday life gender is not always relevant"
Geschlecht als Hintergrundkategorie in der Medienrezeption
SS 2007
Seminar: Klassiker der Medienwissenschaft
Inhalt
1. Einleitung 2
2. Die Ausgangslage: Ien Angs ,,Gender and /in Media Consumption" 3
3. Die Inkorporation hegemonialer Diskurse 6
3.1 Leibliche Einschreibungen 6
3.1.1 Die Möglichkeiten des Verbots Foucaults Machtbegriff 7
3.1.2 Der Diskurs der Heteronormativität 9
4. Zwischenbetrachtung 11
5. Exkurs: die historische Dimension von Film und Geschlecht 12
5.1 Die Historizität des Diskurses 12
5.2 Frauen und Film 13
5.3 Frauen im Film - Die Männlichkeit des filmischen Blicks 15
6. ,,in everyday life gender is not always relevant" Geschlecht als Hintergrundkategorie? 16
7. Fazit 18
8. Literaturverzeichnis 21
9. Internetquellen 22
1
1. Einleitung
,,[...] we would argue against a continued research emphasis on women′s experience, women′s culture, women′s media consumption as if these were self-contained entities, no matter how internally differentiated."1
Der Fokus feministischer Medienanalyse war lange Zeit geprägt durch eine stark psychoanalytische Dimension. Im Rahmen dieser wurde versucht insbesondere unter Rückgriff auf Freud und später Lacan den hauptsächlich von männlichen Produzenten für männliche Rezipienten hergestellten Film- und Fernsehwerken, einen fetischisierten oder voyeuristischen Blick auf die sich exhibitionistisch darstellende Weiblichkeit zu attestieren. Ende der 1980er Jahre wird die Verhinderung der Entwicklung einer spezifisch ,,weiblichen Ästhetik" beklagt und versucht, dies durch den männlich-dominanten Diskurs zu erklären. Noch 1998 begründet Christiane Riecke die Ablehnung der Postmoderne mit deren Negation personengebundener Äußerungen, da die ,,Chance als Frau zu sprechen, [...] so ein weiteres Mal unterbunden"2 werde.
Das obige Zitat von Ien Ang und Joke Hermes jedoch weist in eine andere Richtung: Anstatt dem männlichen Blick einen wirkmächtigen weiblichen gegenüber oder zumindest an die Seite stellen zu wollen, negiert es die Omnirelevanz von Geschlecht. Im sozialwissenschaftlichen Kontext hat inzwischen neben dem sozialen, ebenso das biologische Geschlecht eine breite Rezeption als kulturelles Konstrukt erfahren, und zumindest ersteres ist als konstruiert akzeptiert und somit in Einklang mit Ang als feste Entität abgelehnt worden. Dennoch soll diese Arbeit zur Disposition stellen, inwieweit Angs Konzept tatsächlich eine Verneinung der Relevanz von Geschlecht im Medienkonsum behaupten kann und herausarbeiten, dass der Versuch, mittels ,,vertauschter" Rezeption bei prinzipiell geschlechterstereotyp zugeschnittenen Medien-angeboten, Geschlechterirrelevanz zu konstatieren, einen gedanklichen Kurzschluss nahelegt. Zunächst soll Angs und Hermes Konzept der Medienrezeption erläutert werden, um im zweiten Schritt das diskurstheoretische Modell Judith Butlers und somit die Wirkmächtigkeit des heteronormativen Diskurses und dessen unwiderrufliches Eingeschriebensein in Körper darzulegen. Unter Rückgriff darauf sowie auf Michel Foucaults Macht- und Diskursbegriff soll, durch den Verweis auf die Funktion hegemonialer Diskurse als Referenzsystem, Angs These der ,,ungendered moments" entkräftet und darüber hinaus als wenig erstrebenswert erörtert werden. Ein historischer Exkurs auf das Verhältnis von Frauen und Film(theorie) soll hierbei verdeutlichend herangezogen werden.
1 Ang, Ien/ Hermes, Joke (1994): Gender and/in Media Consumption. In:
Angerer, Marie-Luise/ Dorer, Johanna (Hg.) (1994): Gender und Medien.
Theoretische Ansätze, empirische Befunde und Praxis der Massenkommunikation: ein
Textbuch zur Einführung. Wien, S. 121
2 Riecke, Christiane (1998): Feministische Filmtheorie in der Bundesrepublik
Deutschland. Frankfurt am Main, S. 30
2
Abschließend wird eine Koppelung von Medien- und Diskursanalyse vorgeschlagen, um die Medienrezeptionsanalyse mit einem makrotheoretischen Rahmen zu verknüpfen und auf diese Weise den Zusammenhang von diskursiv erzeugtem Geschlecht und Medienkonsum aus einem diskurstheoretischen Blickwinkel zu untersuchen. Abgrenzend sei noch vorangestellt, dass, wenn im Folgenden von ,,Medienkonsum" gesprochen wird, das Etikett ,,Medien" explizit jene Massenmedien wie Film und Fernsehen meint. Demgegenüber sind ebenso Printmedien diesem Medienbegriff inhärent und Angs Analyse ließe sich prinzipiell ebenfalls auf Systeme wie das Internet übertragen. Gemäß dem Fokus des Aufsatzes sollen jedoch für die Überlegungen Fernsehen und Film den Schwerpunkt bilden.
2. Die Ausgangslage: Angs und Hermes3 ,,Gender and/ in Media Consumption"
Ang und Hermes thematisieren in ihrem Aufsatz ,,Gender and/ in Media Consumption" die vereinfacht formuliert als Messungenauigkeiten zu beschreibenden Schwierigkeiten, welchen eine Medienrezeptionsanalyse unterliegt, wenn versucht wird, Zuschauergruppen mittels vermeintlich allgemeingültiger Kategorien, wie auch Geschlecht eine darstellt, zu vereinheitlichen. Damit wird angeschlossen an die eingangs bereits beiläufig erwähnte und von Riecke vehement zurückgewiesene Theorie der Postmoderne im Sinne Jean-Francois Lyotards, deren Anliegen in der kritischen Hinterfragung basaler Erkenntnisgrundlagen, sog. ,,Meta-Erzählungen"4, wie z.B. der Aufklärung, besteht und in der Konsequenz auch die Annahme kohärenter, in sich geschlossener Identitäten ablehnt. Diese Brüchigkeit eines als ,,Frau" bezeichneten Subjekts, das aufgrund der Relevanz anderer Identitätskategorien, wie soziale Klasse oder Ethnizität,
nicht
verabsolutierend unter einer - qua Geschlecht - auf gleichen Belangen aufbauenden Gruppe, ,,der Frauen an sich", subsumiert werden kann, wird bei Ang konträr zu Rieckes Ansicht zum konstruktiven Ausgangspunkt.
3 Auch bei diesen beiden Theoretikern greift das Problem der alphabetischen
Aufzählung, das stets die WissenschaftlerInnen trifft, deren Anfangsbuchstabe
sich weiter hinten im Alphabet findet: Im Folgenden wird statt der Nennung
beider Autoren der Kürze wegen teilweise nur der Name Angs genannt werden. Darin
ist jedoch auch immer der von Hermes enthalten.
4 Die Metaerzählungen wie sie Lyotard auffasst, sind als Produkt der 2 großen
Legitimationserzählungen der Wissenschaft zu betrachten. Diese waren notwendig,
um der Wissenschaft eine Existenzberechtigung zu geben, sind aber, so Lyotard,
in der Postmoderne hinfällig geworden, da aufgrund simultan ablaufender
konträrer Tendenzen jede Vereinheitlichung von Wissen artifiziell sein muss.
Vgl.: Reese-Schäfer, Walter (2000): Lyotard zur Einführung. Hamburg
3
Nicht ,,Geschlecht und Medienkonsum" lasse sich, so die These, untersuchen, sondern es bedürfe vielmehr der Untersuchung der Frage, in welchen Situationen Gender überhaupt relevant für Medienkonsum sei. Mit Rückbezug auf Hermann Bausinger und sein Anliegen, Medienkonsum stets in Zusammenhang mit Alltagspraxen zu analysieren, da diese vor allem bedingt durch die Faktoren der Anschlusskommunikation5 den Gebrauch von Medien maßgeblich bestimmen6, erörtern Ang und Hermes ebenfalls den Zusammenhang von Geschlecht und Medienkonsum in Alltagspraxen. Nicht Geschlecht führe dabei zu einem bestimmten Konsumverhalten, sondern alltägliche und folglich sich ständig verändernde Begebenheiten brächten Rezipienten zu einem Medienangebot.7
Der Medientext als solcher wird dabei zwar als potentielle Identifikationsfolie betrachtet, die allerdings vielfach durch tatsächliche alltagsweltliche Erfahrungen von Frauen konterkariert werde, woraus die Ablehnung gegenüber derartiger Folien resultiere. Durch die je nach Subjekt variierenden Einflüsse von Klasse, Ethnizität oder Geschlecht seien darüber hinaus heterogene Lesarten8 von Medientexten zu konstatieren, da eine weiße Arbeiterin einen Medientext niemals mit der gleichen Bedeutung versieht, wie dies eine der Mittelklasse angehörende dunkelhäutige Frau tun würde. Gleichsam ergibt sich für Ang hieraus die Unmöglichkeit des Postulats eines ,,typisch weiblichen" Medienkonsums. Bedenkenswert ist bei Angs Ansatz darüber hinaus, dass der Produzentenseite der Medien keinerlei Beachtung geschenkt wird. Nicht der Medieninhalt ist es, der maßgeblich für die Positionierung der Rezipienten ist, sondern die Verwobenheit mit der Alltagswelt innerhalb derer die Mediennutzung stattfindet. Dementsprechend wird die möglicherweise intendierte Aussage medialer Inhalte unberücksichtigt gelassen, was als konträr zu den Ansätzen der kritischen Theorie Adornos und Horckheimers gelesen werden kann.9
5 Anschlusskommunikation nicht im Sinne Dörners, der ein tatsächliches
Reden über Medieninhalte annimmt, sondern insbesondere in dem Sinn, dass
Medieninhalte genutzt werden, um lebensweltliche Konflikte auszutragen. Dabei
ist für Bausinger nicht der Medieninhalt wichtig bzw. ist nicht dieser der
Auslöser der Kommunikation, sondern ein im Alltag existierender Konflikt nimmt
den Medieninhalt zum Anlass und wird weitergeführt. Vgl.: Dörner, Andres
(2001): Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. F.a.M.,S.
93ff.
6 Vgl.: Bausinger, Hermann (?): Alltag, Technik, Medien. In: Sprache im
technischen Zeitalter. 89/ 1984, S. 60-70
7 Ang/ Hermes, S. 114
8 Zum Konzept der Heterogenität von Lesarten siehe: Hall, Stuart (1980):
Kodieren/ Dekodieren. In: Bromley, Roger/ Göttlich, Udo/ Winter, Carsten(Hg.)
(1999): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung. Lüneburg, S. 92.-110
9 Vgl.: Horckheimer, Max/ Adorno, Theodor W. (1948): Kulturindustrie. Aufklärung
als Massenbetrug. In: Dies. (1980): Dialektik der Aufklärung. Philosophische
Fragmente. FaM, S.108 - 150
4
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Nina Schumacher, 2007, „In everyday life gender is not always relevant“ – Geschlecht als Hintergrundkategorie in der Medienrezeption, Munich, GRIN Publishing GmbH
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