Christian Meier
,,Bergbau im Südpazifik"
Veranstaltung
Entscheiden, Konflikt und Handeln
Christian Meier
Wirtschaftswissenschaften
11. Fachsemester
Wahl II
II
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung... 2
2 Die Insel Bougainville ... 4
2.1 Topographie und Geschichte ... 4
2.2 Kultur und traditionelle Konfliktbewältigung... 4
2.3 Wirtschaftliche Entwicklung bis zum Kriegsausbruch 1988... 8
3. Beginn des Konfliktes: Der Streit um die Schürfrechte und seine Folgen... 9
4. Umweltschäden ... 11
5. Der Konflikt wird zum Krieg ... 13
6. Waffenstillstand und Friedenskonflikt ... 16
6.1 Burnham Truce: Der erste Schritt zur dauerhaften Waffenruhe ... 16
6.2 Voraussetzungen zum Gelingen des Burnham Truce... 16
6.3 Lincoln Agreement: Das Fundament des Friedensprozesses... 17
6.4 Der Weg zu einem dauerhaften Frieden ... 18
6.5 Bougainvilles Wiederaufbau... 19
6.5.1 Orientierung am Status quo, die Erwartungen... 19
6.5.2 Soziale und wirtschaftliche Verhältnisse während des Krieges ... 20
6.5.3 Erfolge des Wiederaufbaus ... 21
6.5.4 Gefahr neuer sozialer Konflikte ... 23
7 Fazit... 26
Literaturverzeichnis ... III
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1 Einleitung
Ein Konflikt beschreibt auf der individuellen Ebene einen inneren Zwiespalt
oder einen Widerstreit der Beweggründe. Er steht zwischen zwei Personen
für einen Streit oder ein Zerwürfnis. Nicht selten werden so auch bewaff-
nete bzw. militärische Auseinandersetzungen zwischen zwei Staaten aber
auch zwischen einem Staat und seinen Bürgern bezeichnet. Immer kolli-
dieren mindestens zwei Auffassungen zu ein und demselben Problem. Was
als Konflikt bezeichnet wird, steht also in der reinen Bedeutung des Wort-
es, welches seinen Ursprung im lateinischen conflictus hat, für einen Zu-
sammenstoß, hier unterschiedlicher bis letztlich auch unvereinbarer Posi-
tionen. (Adelphi, 2005) Weiter lässt sich festhalten, dass das Austragen
von Konflikten eine Fähigkeit des Menschen ist, der er sich bedient, so
bald er sich seiner Geistes- aber auch Handlungsfreiheit bewusst wird. Im
Rückgriff auf das bekannte Rousseausche Modell eines im Naturzustand
allein lebenden Menschen kann festgestellt werden, dass schon der Erwerb
von Besitz mangels eines ausdifferenzierten Rechtssystems einen Konflikt
auslöst, sobald eine weitere Person ihre Ansprüche auf den Gebrauch
derselben Sache erhebt.
Was bereits im einfachsten Modell des Zusammenlebens zu einem Streit
führt, bietet gerade heute im Kampf um die Verteilung der Ressourcen
weltweit ein erhöhtes Konfliktpotential. Gerade in einer Reihe von Ent-
wicklungsländern, die zudem zum großen Teil auf eine noch sehr junge
staatliche Selbstständigkeit blicken, führt der Kampf um die Verteilung des
Rohstoffreichtums oft zu verheerenden sozialen Folgen. Die legale und be-
sonders die illegale Form der Rohstoffgewinnung in diesen Ländern löste
neue Konflikte aus oder heizte bestehende weiter an. Der Kampf um die
Ressourcen, ob nun um Öl und Erdgas, Edelsteine und -hölzer, aber auch
um Agrarerzeugnisse wie Kaffee und Baumwolle oder letztlich um Drogen
aller Art, endet oft in bewaffneten Konflikten. (Adelphi, 2005) Beteiligte
sind neben korrupten Regierungen und regionalen Kriegsherren auch
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Waffenhändler oder skrupellose Wirtschaftsunternehmen. Die Plünderung
der Ressourcen dient der Bereicherung Einzelner. Der Gewinn wird unter
anderem für Waffenkäufe zur Verfügung gestellt, die letztlich neuerlichen
Profit sichern sollen. Die Mehrheit der Bevölkerung erduldet andere Effekte
dieses Verteilungskampfes. Neben der allgemeinen ökonomischen Verarm-
ung nennt Roland Seib (2007) vor allem Verletzungen der Menschen-
rechte, die sich in Massakern oder Vertreibungen widerspiegeln. Am Ende
einer Kette von Konflikten steht neben dem Zusammenstoß der Interessen
der ,,Ressourcenverteiler" der Kampf der Bürger gegen den eigenen Staat,
dem mangels eigener innerer Stabilität alle Gewalten abhanden gekomm-
en zu sein scheinen.
Als Beispiel für einen derartigen Konflikt, der seinen Grund in ökonom-
ischen Verteilungskämpfen und sezessionistischen Bestrebungen findet, ist
ein blutiger Dschungelkrieg auf der Südseeinsel Bougainville zu nennen.
Bereits 1988 wurde hier ein Krieg geführt, zu dem Volker Böge (2001
a
)
feststellte, dass es sich um den längsten und blutigsten Gewaltkonflikt
dieser Region seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehandelt hat. Als
Ursache für diese Krise auf Bougainville wird allgemein die Zerstörung des
natürlichen und traditionellen Umfeldes sowie die Verknappung natürlicher
Ressourcen angesehen. (Böge, 2001
a
) Mit dieser Arbeit soll aufgezeigt
werden, wie Bergbau, Umweltverschmutzung und weitere daraus resul-
tierende Konflikte miteinander verknüpft sind.
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2 Die Insel Bougainville
2.1 Topographie und Geschichte
Gut 750 Kilometer östlich vom Festland Papua Neuguineas, umgeben vom
Salomonsee im Westen und dem offenen Pazifischen Ozean im Osten,
liegt die Insel Bougainville im Südpazifik. Die nördlichste der Salomonen-
Inseln zeigt sich gebirgig und mit tropischem Regenwald bedeckt. Mit rund
8.800 Quadratkilometern, vergleichbar mit Zypern, und rund 160.000 Ein-
wohnern, was in etwa der Bevölkerungszahl Potsdams entspricht, ist die
Insel die größte des Archipels. (Waibel, 2001)
1568 wurde die Insel erstmals von einem Europäer, dem Spanier Alvara
de Mendana, entdeckt. Lange Zeit vergessen, 1768 vom Franzosen und
späterem Namensgeber Louis Antoine de Bougainville wiederentdeckt,
wurde die Insel 1885 Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea. Im Ersten Welt-
krieg besetzten australische Truppen Bougainville. Unerfüllt blieb die Hoff-
nung auf eine Vereinigung mit Britisch Salomonen nach dem Ende der
deutschen Kolonialzeit. Später übernahm Australien im Auftrag des
Völkerbundes bzw. der Vereinten Nationen die Verwaltung der Insel. Mit
der Entlassung Papua Neuguineas 1975 in die Unabhängigkeit wurde Bou-
gainville zusammen mit einigen kleineren Inseln als North Solomons Pro-
vince Teil des neuen Staates. Im Jahr 2005 erlangte Bougainville gemein-
sam mit der Nachbarinsel Buka den Status einer autonomen Region Papua
Neuguineas. (Böge, 2005
a
) Diese weitgehende politische Unabhängigkeit
steht am Ende zahlreicher sezessionistischer Bestrebungen seit 1975, die
zwischen 1988 und 1998 ihren unrühmlichen Höhepunkt in einem Bürger-
krieg mit geschätzten 20.000 Toten gefunden hatte. (Waibel, 2001)
2.2 Kultur und traditionelle Konfliktbewältigung
Die traditionale Vergesellschaftung auf Bougainville basierte auf Substitu-
tionswirtschaft in Gestalt von Gartenbau, ergänzt durch Jagd und Fisch-
fang. (Renner, 2005) Eine besonders große Bedeutung kam der Schweine-
haltung zu. Schweine hatten neben ihrer ökonomischen auch eine religiöse
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Bedeutung. Sie dienten zugleich als Tauschmittel und bei rituellen Hand-
lungen als Opfertier. Letztlich definierte sich über die Anzahl der ge-
haltenen Tiere der Status und mit ihm der Platz, den man innerhalb der
Gesellschaft einnahm. Die ökonomisch-soziale Grundeinheit war zunächst
die engere, aber auch die erweiterte Familie. Innerhalb dieser sozialen
Bindung erfolgte die Arbeitsteilung nach klar festgelegten Mustern. Für die
Nahrungsmittelproduktion und -verarbeitung sowie die Betreuung der
Kinder waren die Frauen verantwortlich. Die Männer betätigten sich als
Handwerker, Jäger oder Krieger. Die Menschen auf Bougainville lebten
traditionell in akephalen Gemeinschaften, so dass die Geschlechterbezieh-
ungen dabei nicht hierarchisch, sondern komplementär strukturiert waren.
Ebenso wenig gab es andere soziale Hierarchien. Wie in akephalen Ge-
meinschaften aber durchaus üblich, gab es die Institution einer Respekts-
person in Form eines big man. Der Status des big man war nicht vererb-
bar und nicht mit einem offiziellen Amt verbunden. Als diese Respektsper-
son und gewünschter Entscheider in Einzelfällen konnte ernannt werden,
wer sich durch besondere Fähigkeiten und Leistungen auf den Gebieten
der Jagd, Kriegsführung, Austauschzeremonien oder Initiationsriten her-
vorgetan hatte. (Böge, 2004)
Generell waren die Sozialbeziehungen nach Abstammung und lokaler
Herkunft strukturiert. Die wichtigste gesellschaftliche Einheit war, wie
bereits erwähnt, die Familie und ein diese überspannender Clan. Über
Familie und Clan hinaus gab es keinerlei Zusammengehörigkeitsgefühl.
Die 18 ethnolinguistischen Gemeinschaften, die auf Bougainville gezählt
werden, sind ethnologische Konstrukte, zwischen denen keine tatsächlich-
en Vergesellschaftungszusammenhänge bestanden. Erst modernisierende
Einflüsse der Kolonialzeit änderten diese Eigenwahrnehmung. Zusehends
betrachteten sich nun Mitglieder einzelner Clans und Clans selber als Teil
einer größeren ethnolinguistischen Einheit. Es wurden auf der Grundlage
gemeinsamer Gebräuche und Sprache nun Stämme mit Häuptlingen kons-
truiert. Dieses neugeschaffene Gefühl eines Stammesbewusstseins führte
unter externen Einflüssen auch zur Herausbildung einer clan-übergreifend-
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en Form der Sozialisation, die nun erstmals eine Abgrenzung von anderen
Stämmen ermöglichte. Letztlich entwickelte sich eine bougainvillische
Identität, die nicht die eigentliche soziale Bedeutung der Familien- oder
Clanzugehörigkeit aufheben konnte, aber half, den Inselbewohner von
dem Fremden zu unterscheiden. Es war dabei für die Menschen Bougain-
villes unerheblich, ob es sich bei den Fremdem um Bürokraten, Arbeits-
kräfte, Polizisten oder Soldaten eines anderen Landesteils von Papua Neu-
guinea oder um staatsrechtliche Ausländer handelte. (Böge, 2004)
Die hier entwickelten Abgrenzungserscheinungen waren vor allem das Re-
sultat der historischen Entwicklung im Pazifik nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges. Bis dahin beschränkten sich die Kontakte zur Außenwelt auf
verwandtschaftliche Bande und Handelsbeziehungen mit den benachbart-
en Salomon-Inseln. Dies änderte sich erst mit dem Auftauchen der euro-
päischen Seefahrer, Missionare und später der Kolonialbeamten. Bis zum
Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrschte der Austausch
von Gaben, wie statusträchtiger Schweine bzw. Nahrungsmittel allgemein,
oder der von Wertgegenständen, wie Muscheln und Federn, sowie von
Menschen zum Zwecke der Heirat die sozialen als auch ökonomischen Be-
ziehungen zwischen den Clans. Dabei blieb das für eine Agrargesellschaft
so wichtige Gut Boden vom Handel bzw. Tausch ausgenommen. Das Land
ging von den Müttern auf die Töchter über. Da die meisten Gemeinschaft-
en auf Bougainville nach matrilinearen Abstammungsprinzipien funktion-
ierten, blieb den Männern zur dauerhaften Änderung ihres Wohnsitzes nur
übrig, sich in den Clan der Frau hineinzuheiraten. (Böge, 2004)
Auf Grund der spärlichen Handelsbeziehungen im ursprünglichen Bougain-
ville ist es wenig verwunderlich, dass sich für die Gewaltkontrolle und Kon-
fliktbewältigung die Familie bzw. der Clan verantwortlich zeigte. Dabei war
die Einbindung des Einzelnen als Mitglied der Familie bzw. eines Clans von
zentraler Bedeutung. Taten Einzelner wurden dem Clan als Ganzem zuge-
rechnet. Sollte es nach einem Gewaltvergehen nicht zum Teufelskreis der
Blutrache kommen, so wurde im traditionalen Kontext die Konfliktregelung
auf dem Wege restaurativer Gerechtigkeit durch das Institut der Gabe ge-
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regelt. Der Täter und dessen Familie bzw. Clan bekannten sich zur Tat und
leisteten Kompensationen. Die soziale Gemeinschaft, der sich der Täter
zugehörig fühlte, nahm das Tateingeständnis und die Kompensationen an.
Mit der Versöhnung zwischen den Opfern und Tätern sowie deren Familien
wurde die soziale Ordnung wiederhergestellt.
Die dargestellten Vergesellschaftungszusammenhänge waren trotz des
Einbruchs der Moderne, in der Gestalt von kolonialer Herrschaft und post-
kolonialer staatlicher Strukturen, bis zu Beginn des Krieges 1988 noch
weitgehend intakt. Auch christliches Missionieren, die Monetarisierung und
Urbanisierung, die Umstellung auf Plantagenwirtschaft und cash crops
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(Kakao und Kokosnüsse) sowie die Zuwanderung und kapitalistische In-
wertsetzung (Bergbau) konnte den sozialen Gefügen auf Bougainville
kaum etwas anhaben. Insbesondere griff man für die Gewaltkontrolle und
die Konfliktbearbeitung im lokalen Kontext weiterhin auf traditionale Auto-
ritäten und Mechanismen zurück. Daneben wurde begonnen, sich auch
moderner Instrumente wie Polizei und Gericht zu behelfen. Damit konnte
sich, wie auch in anderen Übergangsgesellschaften, mittels des forum
shoppings unterschiedlicher Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung bedient
werden. (Böge, 2004)
Diese und andere Erscheinungsformen der Moderne führten zu einem zu-
nehmenden Druck auf traditionale Institutionen und deren Fähigkeit Kon-
flikte zu regeln. Die wachsende Bedeutung der Geldwirtschaft, Arbeits-
und Verdienstmöglichkeiten im modernen Sektor der Ökonomie, die ein-
setzende Zunahme der Mobilität und intensivierte Kontakte mit der
Außenwelt zersetzten die soziale Kohärenz der traditionalen Gemein-
schaften. Als Reaktion auf diese Entwicklung entstanden cargo-Kulturen,
die eine Abschottung gegen die Einflüsse der Moderne propagierten und
eine Bewahrung von bzw. eine Rückkehr zum kastom (Böge, 2005
a
), mit
dem im Allgemeinen die Sitten und Gebräuche bzw. der Kult der Pazifikbe-
wohner gemeint wird, forderten und praktizierten. Das diese Kulte selbst
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Als Cash crops werden Feldfrüchte bezeichnet, die nur für den Verkauf und den Export angebaut werden.
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