Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Mythos, Kult und ihr Zusammenhang- theoretische Überlegungen 2
3. Ritual versus Theater 5
4. Das Beispiel Bali 8
Religi öse Hintergründe 9
Tanz und Maskentanzspiel
Barong und Rangda 10
5. Tanz und Maskentanzspiel auf Bali als Wiederholung mythischen Geschehens? S.12
Ein Fazit
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Beziehung von Ritual und Theater nach Schechner 6
Abb. 2: Barong kèt Maske S.13
Abb. 3: Barong kèt S.13
Abb. 4: Rangda S.14
Abb. 5: Rangda- Maske S.14
Abb. 6: Das Auftreten der Rangda S.18
Abb. 7: Rangda wird von den Anhängern des Barong gejagt S.18
Abb. 8: Rangda und Anhänger Barongs in Trance S.19
Literaturverzeichnis
S. 20
1
1. Einleitung
Der Ausgangspunkt für meine Arbeit ist die Frage, ob und inwiefern dramaturgische Tanz-und Maskentanzspielaufführungen auf Bali als rituelle Wiederholung von mythischem Urzeitgeschehen oder eher als Schauspiele mit Theatercharakter aufzufassen sind. Hierzu werde ich zunächst die theoretischen Grundlagen, die mich zu dieser Frage geführt haben, beleuchten, bzw. näher auf die Begriffe Mythos, Kult und Ritual eingehen und die für meine Analyse zentralen Aspekte dieser Begriffe herausarbeiten. Um Aussagen über den Ritual- bzw. Schauspielcharakter der auf Bali aufgeführten Dramen machen zu können, werde ich im Anschluss daran Theater und Ritual generell gegenüber stellen und deren Unterschiede beschreiben. Bevor ich im vierten Teil der Arbeit das Drama von Barong und Rangda exemplarisch für balinesische Maskentanzspiele beschreibe, werde ich im dritten Teil das Genre des religiös eingebetteten Tanzes und der Dramen im Allgemeinen vorstellen, um dann abschließend in einem Fazit zu versuchen, die von mir gestellte Frage zu beantworten.
2. Mythos, Kult und ihr Zusammenhang- theoretische Überlegungen
Um das traditionelle balinesische Theater in Verbindung zum Mythos und zum Kult zu setzen, ist es unerlässlich, sich zunächst die Frage zu stellen, wDV PDQXQWHUÃ0\WKRV¶E]Z XQWHU Ã.XOW¶ ]X YHUVWHKHQ KDW %HIUDJW PDQ GLH /LWHUDWXU KLHU]X VR OLHIHUW VLH PDQQLJIDOWLJH Antworten, welche jeweils auf dem jeweiligen wissenschaftshistorischen Hintergrund beruhen.
Baumann 1 z.B. beschreibt Mythos 1959 als eine Gattung von Oralliteratur, er sieht Mythos als
HWZDV*HVSURFKHQHV(U]lKOWHVGDVIUDOVZDKUDQJHQRPPHQZLUG(UVLHKW0\WKRVDOV³HLQH EHJODXELJHQGH RGHU EHJODXELJWH $XVVDJH YRQ HWZDV *HVFKHKHQHP³ XQG HEHQIDOOV DOV Ausdruck der Weltanschauung einer Gemeinschaft.
-HQVHQ WULIIW LQ VHLQHP :HUN ¶0\WKRV XQG .XOW EHL 1DWXUY|ONHUQ¶ 2 die Unterscheidung
]ZLVFKHQ ÃHFKWHQ¶ XQG ÃlWLRORJLVFKHQ¶ 0\WKHQ :lKUHQG HV VLFK EHL HUVWHUHQ XP GHQ Ursprungs alles Lebens, bzw. aller Dinge erklärende, als wahr angesehene Schöpfungsmythen handelt, liefern letztere Erklärungen zur Entstehung bestimmter Eigenschaften von Menschen, Tieren oder Teilen der Natur und werden nicht als wahr erachtet, sondern eher wegen ihres unterhaltsamen Wertes geschätzt.
1 Baumann, H.. Mythos in ethnologischer Sicht. Berlin. S. 80ff.
2 Jensen, A. E.. Mythos und Kult bei Naturvölkern. Wiesbaden. 1951.S. 87 ff.
2
Im Allgemeinen werden diHVHYRQ-HQVHQDOVÃZDKU¶EHQDQQWHQ0\WKHQDOVÃ.RVPRJRQLHQ¶ bezeichnet. Sie handeln in einer Art Urzeit und berichten von der Schöpfung und vom Ursprung der Welt, vom Anfang allen Geschehens und somit unter anderem auch von der Herkunft der Menschen und aOOHU'LQJH,P*HJHQVDW]GD]XEH]LHKHQVLFKÃ.RVPRORJLHQ¶DXI den Erhalt und die Entwicklung der Dinge, bzw. darauf, wie diese sich zusammenfügen und OLHIHUQ 'HXWXQJHQ XQG (UNOlUXQJHQ %HL Ã(VFKDWRORJLHQ¶ KDQGHOW HV VLFK XP 'HXWXQJHQ GHU letzten Dinge, um Erwartungen bzw. Lehren vom Ende der Welt.
Eliade 3 erstellt eine Typologisierung der Kosmogonien aufgrund inhaltlich in allen Mythen sich wiederholender Elemente, wie z.B. der Zerstückelung von Urwesen oder sakrifizieller Gewalt im Allgemeineren.
Unter dem Begriff Kult werden in der Regel die Verehrung bzw. die Anbetung von numinosen Wesen wie zum Beispiel Gottheiten, aber auch von Heiligen oder anderen speziellen Personen wie Stars oder charismatischen politischen Führern verstanden. Im Bereich des Kultes eingebettet sind Riten. Als solche werden im Allgemeinen an das Numinose gerichtete Handlungsabläufe oder Ausübungen bezeichnet, welche sich vom Alltag abheben und das Ziel verfolgen, sich das Heilige gemeinschaftlich anzueignen. Mehrere Riten, welche in einer bestimmten, festgelegten Abfolge stattfinden, werden als Rituale bezeichnet. Sie sind unabhängig von Zeit und Raum und können jederzeit identisch wiederholt werden. In der Regel ist ihre Durchführung aber an bestimmte heilige Orte und festgelegte heilige Zeiten gebunden, welche sich zum Beispiel durch bestimmte Zeitabstände zwischen ihrer Durchführung herleiten. Oft erfordern sie bestimmte Vorbereitungen wie eine Reinigung oder Isolierung der Ausübenden. Die Abhebung der Riten bzw. der Rituale vom Alttag, also eine Sakralisierung des Profanen, erfolgt zum Beispiel durch den Einsatz von Symbolen oder einer bestimmten Gestik oder Sprache. Das Gros der Religionswissenschaftler und Religionsethnologen geht davon aus, dass Kult im Mythos begründet ist und sich aus diesem ableitet. Die Kultpraxis ist vielfältig, es finden sich zum Beispiel Kultspiele, Prozessionen oder Bilderkult.
Das Interesse an, bzw. die Erforschung von Mythen und Kult geht zurück bis in die Renaissance, in der das Augenmerk des Interesses auf den Mythen der alten Griechen und Römer lag und hält bis heute an. Mit der Etablierung der Ethnologie als eigener Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weitete sich der Blick auch auf die Mythen und
3 (OLDGH0LUFHD1DFK9RUOHVXQJÄ0\WKRVXQG.XOW³3URI%%HQ]LQJ:6*HRUJ- August-Universität
Göttingen.
3
Rituale nichteuropäischer Kulturen. Das 19. und das 20. Jahrhundert brachten mit dem Durchlaufen der verschiedenen bekannten theoretischen Strömungen auch eine Vielzahl theoretische verschieden geprägter Untersuchungen über Mythos und Kult hervor, welche von Fraziers stark evolutiRQLVWLVFKHQ $XVIKUXQJHQ Ã7KH *ROGHQ %RXJK¶ EHU GLH strukturalistischen Werke Levi-Strauss zu Betrachtungen der Neuzeit reichen. Weitere wichtige Beiträge zur Mythenforschung lieferten unter anderem G. van der Leeuw, W. R. Smith, R. Girard, C. G. Jung, K. Kerényi oder R. Pettazoni. Abgesehen von der Betrachtung von Mythos und Kult auf dem Hintergrund verschiedener theoretischer Strömungen wurden diese ebenfalls aus verschiedenen wissenschaftlichen Blickrichtungen betrachtet. Neben ethnologischen oder religionswissenschaftsgeschichtlichen Abhandlungen des Themas finden sich ebenfalls psychologische oder linguistische Ansätze. Eine detaillierte Beschreibung der Geschichte der Mythen- und Kultforschung würde zum einen den Rahmen dieser Arbeit sprengen und ist zum anderen für die untersuchte Fragestellung nur von nebensächlicher Bedeutung, so dass ich nur kurz auf die Ideen einiger Autoren näher eingehen werde, welche sich mit einem für meine Analyse zentralen Punkt der Mythenforschung beschäftigen, nämlich dem der Wiederholung von Urzeitgeschehen bei der Erzählung der Mythen und im .XOWZDVEHUHLWVLPSOL]LHUWGDVVLFKPLFKDXILQ-HQVHQV6LQQHÃZDKUH¶.RVPRJRQLHQE]Z Kosmologien beziehen werde, während die Eschatologien in meiner Arbeit keine Rolle spielen werden. Einen guten Überblick über die genauen Inhalte und Entwicklung der 0\WKHQIRUVFKXQJ LP XQG -DKUKXQGHUW OLHIHUW GDV :HUN Ã'LH (U|IIQXQJ GHV =XJDQJV ]XP0\WKRV¶YRQ..HUpQ\LLQ=XVDPPHQKDQJPLWGHQ3XEOLNDWLRQHQÃ7KH0\WKDQG5LWXDO 7KHRU\¶ 4 XQGÃ7KHRUL]LQJDERXW0\WK¶ 5 von R. A. Segal.
Wendet man sich der Auffassung zu, dass ein wesentlicher Aspekt von Mythen darin liegt, dass in ihnen bzw. in ihrer Rezitation Urzeitgeschehen wiederholt wird, so finden sich zahlreiche Überlegungen hierzu in der Literatur.
So findet sich die folgenden Aussagen z.B. bei G. Van der Leeuw 6 :
Ä(U GHU 0\WKRV LVW HLQ JHVSURFKHQHV :RUW GDV HQWVFKHLGHQGH 0DFKW EHVLW]W LQGHP HV
wiederholt wird. Denn genauso, wie es zum Wesen der heiligen Handlung gehört, daß sie
wiederholt wird, liegt es im Wesen des Mythus, daß er erzählt, immer wieder von neuem
gesprochen wird. ... Der Mythus ist mithin keine Betrachtung, sondern eine Aktualität. Er ist
die weiderholende Aussage eines mächtigen Geschehens; die Aussage aber ist so gut wie die
Wiederholung. ...Was in der Natur jeden Tag geschieht, z.B. der Sonnenaufgang, wird im
4 Segal, R. A. , ,The Myth and Ritual Theory ± $Q$QWKRORJ\¶0DOGHQXQG2[IRUG
5 Segal, R. AÃ7KHRUL]LQJDERXW0\WK¶%RVWRQ
6 Van der Leeuw, Phänomenologie der Religion. 1933 § 60
4
Mythus etwas Einmaliges. Man soll es wiederholen, damit das Geschehnis lebendig bleibe.
Das mythische Geschehen ist typisch und ewig; es liegt außerhalb aller Zeitlichkeit. Versucht
man es dennoch zeitlich zu fixieren, so muß man es entweder an den Anfang oder an das
(QGHDOOHV*HVFKHKHQVVWHOOHQLQ8U]HLWRGHU(QG]HLWGKYRURGHUQDFKGHUÃ=HLW¶³
M. Eliade 7 sagt :
Ä6HOEVWGHUNRVPRJRQLVFKH0ythos ist eine Geschichte, denn er erzählt alles, was sich ab
RULJLQH]XJHWUDJHQKDW(VKDQGHOWVLFKGDEHLQLFKWXPHLQHÃ*HVFKLFKWH¶LPPRGHUQHQ6LQQ
des Wortes ± um irreversible und unwiederholbare Ereignisse ± sondern um eine
exemplarische Geschichte, die sich (periodisch oder nichtperiodisch) wiederholen kann, deren
Bedeutung und Sinn gerade in ihrer Wiederholung liegt. Die Geschichte, wie sie im Ursprung
war, muß sich wiederholen, weil jede uranfängliche Epiphanie reich ist und sich nicht in einer
ein]LJHQ0DQLIHVWDWLRQHUVFK|SIHQNDQQ³
Es findet sich ebenfalls die Auffassung, dass in Ritualen ebenfalls häufig Urzeitgeschehen wiederholt wird.
Van der Leeuw 8 zitiert Preuss:
Ä(U 'HU 5LWXV ZHLVW LQ GLH 9HUJDQJHQKHLW ZR GLH KHLOLJH +DQGOXQJ ]XP HUVWHQPDO
vorgenommen wurde, ja es lässt sich sogar nachweisen, daß der Primitive nicht etwa bloß den
eingeführten Vorgang wiederholt, sondern bewusst die erstmalige Begehung als wirklicher
9RUJDQJPLWDOOHQGHQGDPDOVWHLOQHKPHQGHQ:HVHQOHLEKDIWLJGDUJHVWHOOWZLUG³
Auch Eliade 9 sieht Rituale als
Äre-HQDFWPHQWRIWKLVSULPDOP\WKEULQJLQJWKHSDVWFRQWLQXRXVO\LQWRWKHSUHVHQW³
Zusammenfassend ist noch einmal zu betonen, dass die von mir zitierten Autoren also einen unmittelbaren Zusammenhang von Mythos und Kult annehmen. Dieser bezieht sich darauf, dass in den Mythen vom wahrhaftigem Urzeitgeschehen berichtet wird, und dieses Geschehen zum einen durch die Rezitation der Mythen selber lebendig gehalten bzw. wiederholt wird, und zum anderen eben genau durch die Kulthandlungen. Die Abläufe haben sakralen Charakter, es wird das Urzeitgeschehen nicht nachgeahmt, um sich seiner zu erinnern, sondern es wird wieder zu Realität und findet erneut statt, es wird wiederholt.
3. Ritual versus Theater
Wie bereits angesprochen, ist das Feld der kultischen Praxis sehr breit. Es liegt nun die Frage nahe, ob und inwieweit dramatische Aufführungen religiösen Kontexten Urzeitgeschehen
7 in: Schebesta, P.. Ursprung der Religionen. 1960. S. 81
8 Van der Leeuw, Phänomenologie der Religion. 1933 § 65
9 in: Schebesta, P.. Ursprung der Religionen. 1960. S. 82
5
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Diplom-Volkswirtin Benedikta Tölke, 2004, Traditionelle balinesische Tänze und Maskentanzspiele, München, GRIN Verlag GmbH
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