Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
1.1. Verhältnis zwischen Aufklärung, Religion, Kirche und Staat 3
2. Entstehungsgeschichte der Enzyklopädie. 6
2.1. Die Enzyklopädie und ihre Vorläufer 7
2.2. Entstehung der Enzyklopädie und die Enzyklopädisten 8
2.2.1. Der Artikel „Encyclopédie“ 9
2.3. Gegner und Befürworter der Enzyklopädie. 10
3. Hauptströmungen französischer Religionskritik 15
3.1. Deismus. 15
3.2. Materialismus in den Werken Diderots 16
3.3. Radikalität der französischen Religionskritik 18
4. Religionskritik in der Enzyklopädie. 20
5. Resümee 23
6. Bibliographie. 24
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1. Einleitung
In der Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die Enzyklopädisten zusammen und schufen ein Werk, welches den Anspruch vertrat, alle Fortschritte der Erkenntnis systematisch zu vereinigen. In der so genannten Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers war das gesamte Wissen der damaligen Zeit gebündelt. Anders als in der Zeit vor der Reformation gab es im Zeitalter der Aufklärung Denker, welche Wissen nicht auf der Basis der christlichen Überlieferung suchten, sondern die ein säkulares System der Welterklärung aufbauten. Die Rolle Gottes und der Kirche wurde damit für das Denken und für das gesellschaftliche Leben wesentlich verändert.
Diese Seminararbeit befasst sich mit der Religionskritik der Enzyklopädisten im 18. Jahrhundert in Frankreich. Die wichtigsten Aspekte dieser Arbeit werden darauf beschränkt sein, verschiedene Aspekte der Religionskritik zu veranschaulichen. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist die, ob die Kritik der französischen Aufklärer und Enzyklopädisten sich gegen die Religion im Allgemeinen oder gegen die Kirche als Institution gerichtet hat.
1.1. Verhältnis zwischen Aufklärung, Religion, Kirche und Staat
Das Christentum war seit ihrer Entstehung mit den verschiedenen Meinungen von Philosophen verbunden, die die Offenbarung verneinten und somit die Grundlage des Christentums angriffen. Bis ins frühe 8.Jahrhundert waren Apologeten wie Justinus und Tertullian, aber auch später Augustinus, bemüht, die Offenbarung mit den Meinungen der damaligen Philosophen zu vergleichen, um die Richtigkeit und den übersinnlichen Charakter des Christentums zu belegen. 1
Diese Öffnung des Christentums hin zur Philosophie war auch im Mittelalter sichtbar. Die zur damaligen Zeit hoch geachteten Theologen wie z.B. Thomas von Aquin und Albert der Große waren um eine Synthese aus Theologie, Philosophie, Glaube und Verstand bemüht, damit sowohl die Philosophie als auch die Theologie sich als zwei unterschiedliche Wissenschaften entwickeln konnten. Im späteren Mittelalter kam es zu einer Spaltung dieser Koexistenz. Diese Aufteilung verstärkte z.B. Martin Luther, der der philosophischen Reflexion der Religion wenig Wert beimaß und die Ansicht vertrat, dass sich die Philosophie eher mit den irdischen Tatsachen befassen und die religiösen Aspekte außer Acht lassen sollte. Zur Vertiefung dieser Aufteilung trug auch das Werk Dictionnaire Historique et Critique von
1 Waldemar Cislo: Die Religionskritik der französischen Enzyklopädisten, in Europäische Hochschulschriften, Reihe XXIII Theologie Band 722, Frankfurt am Main 2001, S. 5.
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Pierre Bayle bei, der hierin Argumente gegen die Religion aufführte, welche durch die Enzyklopädisten weiterentwickelt wurden. 2 In der Aufklärung wurde die, wie schon erwähnt, frühe Aufteilung zwischen Theologie und Philosophie immer weiter vertieft. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kam es im Denken und Handeln der Denker und Philosophen zu einem Wendepunkt: sie richteten ihre Bemühungen auf die Umgestaltung der Gegenwart und auf die Grundlegung der Zukunft. Die Aufklärer, die sich ihrer geschichtlichen Situation bewusst waren, schufen die Idee einer Wissenschaft, „in der alle zerstreuten Fortschritte der Erkenntnis und ihrer Anwendungen planvoll vereinigt sind“. 3 Viele Historiker, die das 18. Jahrhundert oder die Aufklärung als eine epochale Bewegung darstellen wollten, griffen in erster Linie die Feindlichkeit der Autoren der Aufklärung gegenüber den christlichen Lehren und dem Glauben auf. 4 Ein Grund, der zu solch einer feindlichen Haltung der Philosophen des 18.Jahrhunderts gegenüber jeglichen staatlichen und kirchlichen Autoritäten geführt hat, war, dass der Autorität der Kirche und somit der Theologie eine große Bedeutung beigemessen wurde. Da die Philosophen der Aufklärung diese fest etablierte Tradition außer Kraft setzen wollten, um eine Freiheit des Denkens zu erreichen, musste es zwangsweise zu einer Ablehnung von Tradition und Autorität und zu einem Glauben an den Fortschritt kommen. Die Encyclopédie von Diderot und d`Alembert ist repräsentativ für diese Entwicklung: die Menschheit als das aus Wissen handelnde Subjekt ihrer eigenen Geschichte.
Der erste Schritt zur Wahrheit hin war für die Enzyklopädisten der Zweifel an dem, was bisher ohne exakte Prüfung für wahr gehalten wurde, vor allem der Zweifel an den Dogmen der katholischen Kirche. Gegen sie waren die Angriffe der Enzyklopädie gerichtet. In den Artikeln wurden z.B. Namen als sinnlos bezeichnet, mit denen sich kein exaktes Wissen verband, so z.B. „Acalipse“, „Alcatrace“ 5 etc.
Des Weiteren stellten sie auch die sich widersprechenden Lehrmeinungen der katholischen Kirche in ihren Artikeln nebeneinander (z.B. im Artikel Adam). 6 Diese Liste ließe sich noch weiter fortführen doch zusammenfassend kann man sagen, dass die Enzyklopädisten der Überzeugung waren, die Religion sei in jedem Fall Gegner des intellektuellen Fortschritts. Mit ihren Ansichten und der Verbreitung dieser in der Enzyklopädie wollten die Enzyklopädisten das Bewusstsein der Menschen von Dogmen, Irrtümern und Vorurteilen
2 Pierre Bayle in seinem Werk „Dictionnaire Historique et Critique“: […]„ist eine Ansicht unvernünftig, gehört sie in den Bereich des Glaubens, da der Glaube etwas absurdes ist“. 3 Mensching, Günther: Alembert, Jean Le Rond d´: Einleitung zur Enzyklopädie, Hamburg 1997, S.12. 4 Herbert Dieckmann: „Diderot und die Aufklärung“ in Aufsätze zur europäischen Literatur des 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1972, S. 14f., S. 25, 63.
5 Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences des arte et des métiers, Nouvelle Impression en facsimilé de la première édition de 1751 - 1780, Stuttgart 1966, Band 1, S.58 (Acalipse) und S.248 (Alcatrace); siehe dazu auch Naumann, S. 17. 6 Naumann, S.17
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befreien. Dadurch sollte Platz geschaffen werden für die Aufnahme von Wissen über die Natur und Gesellschaft. Mit Hilfe der Wissenschaften soll der Mensch lernen, sein Leben auf Erden so einzurichten, dass er sich selbst das höchste Gut bescheren kann: Glück. Die in der Enzyklopädie vertretene Moralphilosophie bricht mit allen auf das Jenseits gerichteten Leitbildern. Sie gipfelt in dem humanistischen Grundsatz, dass der Wert des menschlichen Lebens im Leben selbst liegt. Der Mensch braucht also nur den Geboten der Vernunft zu folgen, um sich vervollkommnen zu können und das Licht der Aufklärung sollte im Bewusstsein möglichst aller Menschen entzündet werden. Diese revolutionäre Kraft der Encyclopédie war u.a. darauf begründet, dass in ihr die Hauptprobleme der französischen Bevölkerung formuliert wurden, wie z.B. die Überwindung des absolutistischen Regimes. In Artikeln wie Politische Autorität, Bürger, Repräsentanten und Natürliche Gleichheit geht hervor, dass die Enzyklopädisten neben den religiösen auch die politischen Verhältnisse auf reformatorischem Weg zu erneuern versuchten. 7 Die Enzyklopädisten forderten die Abschaffung der Privilegien und gleiche Rechte für alle. Der politische Einfluss des Adels und der Geistlichkeit sollte soweit wie möglich eingedämmt werden. 8 Dem König wurde das Recht abgesprochen, im Namen Gottes zu regieren, das monarchistische Prinzip als solches wurde aber nicht angetastet. Man verlangte vom König, dass er nicht mehr die Interessen der Privilegierten, sondern die der produktiven Bevölkerungsteile vertrete, soweit diese besitzend waren. 9 Obwohl die Enzyklopädie die ökonomischen und politischen Interessen des Bürgertums vertrat, war die Herausgabe des Werkes von großer Bedeutung für die ganze Nation, denn die Interessen des Bürgertums ähnelten objektiv gesehen denen des gesamten französischen Volkes. Dieser Ansicht von Naumann schließt sich Waldemar Cislo nicht an, der es eher als Enttäuschung empfindet, dass diese Ideale der Enzyklopädisten nach ihrem Gefühl nur für das Bürgertum als eine neue Elite bestimmt waren. 10
8 Cislo, S.81: die damalige Gesellschaft bestand zahlenmäßig ausgedrückt aus 130.000 Geistlichen, 140.000 Adligen und bis zu 25 Mio. Menschen des Dritten Standes. Die Geistlichkeit war von der Steuerpflicht befreit. Man darf jedoch nicht vergessen zu erwähnen, dass es unter den Vertretern der Geistlichkeit sehr starke Einkommensunterschiede gab, von den Magnatsbischöfen bis zum Pfarrklerus, dessen materieller Status oft dem eines Bauern glich.
9 Ebd., S.81: Der König ist der „erste Adlige“ und der „älteste Sohn der Kirche“, der in der Rolle des göttlichen Statthalters mit absoluter Macht über den ihm anvertrauten Staat regiert; siehe dazu auch Naumann, S.13.
10 Ebd., S.111; dazu auch Naumann im Vorwort zu „Artikel aus der von Diderot und d´Alembert herausgegebenen Enzyklopädie“ (1967), S.13, 17.
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2. Entstehungsgeschichte der Enzyklopädie
Der englische Schriftsteller Ephraim Chambers veröffentlichte im Jahre 1728 die so genannte Cyclopaedia. Sie gilt als eine der ersten englischsprachigen Enzyklopädien. Die
Cyclopaedia basiert auf John Harris' (1666-1719) Lexicon Technikum 11 von 1704 und war Vorbild und Grundlage für die von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d'Alembert geschaffene Encyclopédie ou Dictionnaire raisonnée des sciences, des arts et des métiers. Die Cyclopaedia von Ephraim Chambers war eine Sammlung von Artikeln zur Kunst und den Wissenschaften und schloss die Themen Geschichte und Geographie aus. Der Verleger Le Breton erteilte 1746 Diderot den Auftrag, das in 2 Bänden erschienene Werk von Chambers ins Französische zu übersetzen. 12 Die Enzyklopädisten - 139 sind namentlich bekannt, darunter Melchior Grimm, Jean-François Marmontel, Montesquieu, d’Holbach, Quesnay, Jean-Jacques Rousseau, Turgot und Voltaire - aber beanspruchten für sich, jede Person zu befähigen, zu der Aufklärung des Zeitalters beizutragen. Die Enzyklopädie sollte also nicht wie die Cyclopaedia von Chambers eine Materialsammlung darstellen, sondern das Wissen in all ihren Kategorien verbinden. Um dieses Projekt voranzutreiben, gewannen Diderot und d´ Alembert die einflussreichsten Aufklärer als Autoren für die Enzyklopädie. 13 Sie hielten ihre Ansichten über Moral, Religion und Philosophie in ihrem Werk Encyclopédie ou Dictionnaire raisonnée des sciences, des arts et des métiers 14 fest, welches in den Jahren 1751-1771 herausgegeben wurde und bis zu seiner Vollendung 23 Bände umfasste. Die Zahl der Subskribenten erreichte trotz des hohen Kaufpreises eine Auflage von 4000 Exemplaren. Für d´Alembert und Diderot sollte die Enzyklopädie als eine Art Systematik die Anordnung und Verkettung aller menschlichen Kenntnisse wiedergeben und als Wörterbuch die Grundlagen und den Inhalt aller Wissenschaften und Künste vereinen. Der Titel Encylopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers bringt genau diese Absicht auf den Punkt. 15
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http://www.britannica.com/EBchecked/topic/186603/encyclopaedia/31999/Authorship#ref=ref194007: das Lexicon Technikum war alphabetisch geordnet und hatte ihren Schwerpunkt im Bereich der Technik ; Stand 25.10.08. 12 Friedenthal, S.68.
13 Mensching, S.164: die Enzyklopädie beanspruchte für sich einen neuen Charakter, der „auf die Änderung der herkömmlichen Denkweise“ abzielt. Im Gegensatz zur „Materialsammlung“ von Chambers intendierte „die Enzyklopädie die Verbindung der einzelnen Gegenstände in praktischer Absicht“.
14 v. Stackelberg, S.34: Das Wort „raisonné“ kennzeichnete den aufklärerischen Aspekt des Werkes. 15 Friedenthal, S.69f: Der Grundplan der Enzyklopädie war universell gefasst, es ging nicht nur um Philosophie und Religion oder um die Korrektur geschichtlicher Irrtümer. Die Naturwissenschaften wurden einbezogen, des weiteren auch die Technik und die Nationalökonomie.
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2.1. Die Enzyklopädie und ihre Vorläufer
Die Idee einer Enzyklopädie also war nicht neu und kam daher nicht unvermittelt. Sie steht in einer langen, bis auf die Antike zurückreichenden Tradition. Insbesondere in der Literaturgeschichte des 17.und 18. Jahrhunderts erkennt man ganz deutlich eine Entwicklungslinie, die schließlich bis zur Enzyklopädie von Diderot und d´ Alembert hinausläuft. 16
Diderot selbst sagt im Artikel „Encyclopédie“, wie sehr er in seiner Arbeit an der Enzyklopädie ideell von Bayle angeregt worden ist und erkennt Bayles Fähigkeit an, überall die Schwächen der philosophischen Systeme und der menschlichen Natur zur ironischen Wirkung zu bringen: „redoutable, quand il prouve; redoutable quand il objecte: […] en même temps qu´il prouve, il amuse, il peint, il séduit´“. 17 Er bewunderte Bayle, doch für die Herausgabe der Enzyklopädie war Bayles Art nicht geeignet: „Le temps que a émoussé notre goût sur les questions de critique et de controverse, a rendu insipide une partie du dictionnaire de Bayle“. 18
Die Enzyklopädisten hatten einen wesentlich moderneren Anspruch an ihr Werk. So suchten Diderot und d´ Alembert nach einer Systematik für ihre Enzyklopädie und fanden sie in den Werken von Francis Bacon. Francis Bacon verfasste zahlreiche philosophische, literarische und juristische Schriften. Seine zwei Hauptwerke De dignitate et augmentis scientiarum (1623), die ein erster Versuch einer Universalenzyklopädie war, und Novum organon scientiarum (1620), eine Methodenlehre der Wissenschaften, dienten Diderot und d´ Alembert als Vorbild.
De dignitate et augmentis scientiarum war eine systematische Übersicht über den Wissensstand dieser Zeit und umfasste auch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Zeit. 19
16 Mensching, S.164.
17 Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences des arte et des métiers, Nouvelle Impression en facsimilé de la première édition de 1751 - 1780, Stuttgart 1966, siehe Artikel „Pyrrhonienne“ -Skeptizismus, in Band 13, S.608-614.
18 siehe in Selg, S.78 : „Dieser Charakter zielt auf die Änderung der herkömmlichen Denkweise ab.“ (aus Diderots Artikel „Encyclopédie“, Band 5, S.635 - 649) 19 Naumann, S.15.
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2.2. Entstehung der Enzyklopädie und die Enzyklopädisten
Ursprünglich war also die Enzyklopädie als eine Übersetzung der 1728 erschienenen Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste (Cyclopaedia) von Ephraim Chambers 20 gedacht. Diderot und d´ Alembert wurden damit beauftragt, die englische Fassung durch die neuen Erkenntnisse und Theorien ihrer Zeit zu ergänzen und legten als Grundsatz fest, in einer für den Durchschnittsleser verständlichen Sprache zu schreiben und ein Werk zu schaffen, das als Gesamtbibliothek für jedermann gesehen werden konnte. Der Besitz der Enzyklopädie bedeutete damals sehr hohes gesellschaftliches Ansehen und nicht viele konnten sich eine Gesamtausgabe leisten, doch im Prozess der Aufklärung kam den Enzyklopädisten eine ganz wichtige Rolle zu: sie wollten ihr Wissen belehrend weitergeben. 21 Die Enzyklopädisten wollten nunmehr nicht die Theologie als Schlüssel des Wissens ansehen und einsetzen, d.h. ihnen diente nicht die Theologie als Grundschema zur Strukturierung von Wissen, sondern der Mensch und die Wissenschaften, die ihn beschreiben. 22 Der Begriff „Gott“ wurde in den Artikeln der Enzyklopädie entfernt und durch Begriffe wie das Höchste Wesen, die Höchste Intelligenz 23 ersetzt. 24 Unter Diderot und d´Alembert wurde die Enzyklopädie ein Werk, das nicht nur die Philosophie und die Religion einbezog, sondern auch die Naturwissenschaften, die Technik und die Nationalökonomie. D´Alembert hatte vorzügliche Beziehungen zu Königen und Gelehrten in ganz Europa und war zudem Mitglied großer Akademien. 25 Sein Freund Jean-Jacques Rousseau war für den
Bereich Musik verantwortlich. Baron Paul Henry Dietrich d´Holbach schrieb viele Artikel zur Mineralogie. Für die Naturwissenschaften waren Louis Jean-Marie Daubenton und Georges-Louis Leclerc de Buffon verantwortlich. 26 Buffon sollte den naturwissenschaftlichen Bereich
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Friedenthal, S. 68: zweibändiges Lexikon, mit dem Zusatz im Titel
Universal Dictionary of Arts and Sciences.
21 Schalk, S.102: „Les expressions propres à ces sciences sont déjà très communes et le deviendront nécessairement d´avantage.” Die Sprache dient dazu, die gesellschaftliche Ordnung umzuändern, während in frühen Epochen der wissenschaftliche und künstlerische Rang die Menschen voneinander unterschied.
22 Cislo, S.26: John Locke veröffentlichte 1690 sein Hauptwerk An Essay Concerning Human Understanding („Versuch über den menschlichen Verstand“). Darin setzt er sich mit den Anschauungen Descartes’ von den angeborenen Ideen auseinander. Für Locke besteht ein Zusammenhang zwischen Gültigkeit und Genese der Erkenntnis (Gegenstand unserer Erkenntnis sind Ideen) und im Gegensatz zu Descartes ist Locke der Meinung, dass bestimmte Ideen und Prinzipien nicht angeboren sind, sondern dass der Mensch mit der Fähigkeit, solche Ideen zu bilden, geboren wird. Diese Fähigkeit ist das Erkenntnisvermögen; siehe dazu auch Selg S.455. 23 Ebd., S.27
24 Ebd., S.26: Diderot schrieb: „Der Mensch ist der einzige Punkt, von dem man ausgehen und auf welchen man alles zurückführen sollte.“ Zitat laut: G. Duby, R. Mandrou, Geschichte der französischen Kultur vom 10. Bis zum 20. Jahrhundert, S.410; siehe auch in Selg, S.74: hier lautet es „Der Mensch ist der einzigartige Begriff, […]“.
25 Mensching; S.63f: D´ Alembert war Mitglied der Académie des sciences, der Preußischen Akademie der Wissenschaften (Diderot, La Mettrie, Montesquieu, Voltaire ebenso) und der Académie française.
26 Buffon (1707-1788) mit seinem Riesenwerk, der Allgemeinen und besonderen Naturgeschichte, die
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übernehmen, da er durch die Arbeit an seinem Monumentalwerk zur Naturgeschichte 27 bereits sehr berühmt geworden war. Diderot suchte überhaupt möglichst viele Gelehrte in offizieller Stellung, darunter königliche Räte, Mitglieder der Universität und Akademiker, aber auch Spezialisten für militärische Fragen, für Chemie, Chirurgie, Grammatik, Instrumentenkunde sowie Baukunst. 28 Die Enzyklopädie wurde somit durch Diderot etwas ganz anderes, als es von den Pariser Verlegern anfangs gedacht war. Es begann als ein kommerzielles Projekt und wurde zu einem durchgreifenden Erfolg für die Aufklärung. Aber die Enzyklopädie war auch wirtschaftlich ein Erfolg. Die Zahl der Subskribenten stieg wie schon erwähnt von 1000 auf 4000 und Nachdrucke erschienen bald auch im Ausland. Insgesamt wurden vor 1789 etwa 25.000 Exemplare in Europa gedruckt. Es vereinigt das gesamte Wissen der damaligen Zeit in ca. 60.000 Artikeln, die mit Kupferstichen in 12 Tafelbänden reich illustriert sind. 29
2.2.1. Der Artikel „Encyclopédie“
Gleich zu Beginn schreibt Diderot im Artikel „Encyclopédie“ folgende Zeilen: “ En effet, le but d'une Encyclopédie est de rassembler les connoissances éparses sur la surface de la terre, d'en exposer le système général aux hommes avec qui nous vivons, & de le transmettre aux hommes qui viendront après nous ; afin que les travaux des siecles passés n'aient pas été des travaux inutiles pour les siecles qui succéderont ; que nos neveux, devenant plus instruits, deviennent en même tems plus vertueux & plus heureux, & que nous ne mourions pas sans avoir bien mérité du genre humain.“ 30
Hier wird deutlich, dass der schon anfangs erwähnte Anspruch der Enzyklopädisten, das gesamte Wissen der Erde und der Menschheit in der Enzyklopädie zu vereinigen, ein zentrales Leitthema für alle am Werk beteiligten Philosophen, Denker, Schriftsteller etc. war. Warum sonst sollte Diderot dies gleich zu Beginn des Artikels schreiben. Weiter im Artikel führt Diderot auf, welche Methoden er zur Erstellung seiner Enzyklopädie anwandte und mit welchen Hindernissen und Schwierigkeiten er dabei zu kämpfen hatte. Der Text befasst sich
von 1749 bis 1788 in 36 Bänden erschien. Er wurde als Verfasser der 40bändigen Histoire naturelle ein Pionier der modernen Biologie. Die Gattungen und Arten, die sein Zeitgenosse Linné zu einem System der belebten Natur vereinigte, haben für Buffon nur eine klassifikatorische Bedeutung und dürfen nicht für Realität genommen werden. Das einzelne Lebewesen steht daher für Buffon im Zentrum der Wissenschaft.
27 Encyclopédie méthodique: Histoire Naturelle de l'Homme, des Animaux quadrupedes et cétecés d'après Buffon, avec Introduction, erschienen 1782 in Paris. 28 Friedenthal, S.73. 29 Darnton, S.14ff.
30 Diderot im Artikel „Encyclopédie“, Band 5, S.635, in: Encyclopédie ou Dictionnaire universel raisonné des connoissances humaines ; 58 tomes / de Felice. Fondation De Felice; Version scientifique 1.1 multipostes.. - Éd. électronique intégrale Yverdon 1770 - 1780 / éd. par Claude Blum.;
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größtenteils auch mit sprachlichen Problemen, deren Grund für Diderot in dem stetigen und schnellen Wandel der Sprachen liegt. Mit der Aufklärung würde dieser Wandel noch schneller vonstatten gehen, da durch das neue Wissen und die neu gewonnenen Erkenntnisse die Sprache neue Ausdrücke entwickeln kann. Auch gibt Diderot Auskunft über das Verfahren der Verweise: zur Typologie der Querverweise zählt er die so genannten "renvois satyriques", satirische Anspielungen, deren Zweck es sei, "das Lächerliche und das Schlechte" verdeckt bloßzustellen. 31 Er erwähnt in diesem Zusammenhang Pierre Bayle, der der Erfinder dieser Verweise war und es den Enzyklopädisten ermöglichte, ihre aufklärerischen und religionskritischen Ideen zu verbreiten, ohne die staatliche und kirchliche Autorität auf den Plan zu rufen. Diderots aufklärerische Idee wird im Artikel besonders deutlich, wenn er schreibt, dass es ihm und allen Mitarbeitern der Enzyklopädie darum geht, Allem auf den Grund zu gehen, und er vergisst nicht zu betonen, dass die Anordnungen der Themen nicht von Gott und auch nicht vom Gegenstand selbst ausgehen, sondern dass der Mensch mithilfe seines Verstandes, seiner Fähigkeiten und Erkenntnis dazu imstande ist, diese zu erschaffen. 32 Diderot betont am Ende des Artikels noch einmal, dass die Enzyklopädie allen Menschen zugänglich sein müsse, nicht nur den Franzosen. Die Verbreitung der Enzyklopädie diene damit der ganzen Menschheit und nicht nur dem Vaterland. Alles in allem ist dieser Artikel von Diderot sehr klar und sachlich geschrieben und durchzogen von aufklärerischen Ideen und Gedanken.
2.3. Gegner und Befürworter der Enzyklopädie
Indem die Enzyklopädisten in ihren Artikeln in versteckter Form Kritik gegenüber der Kirche übten, untergruben sie die kirchlichen Autoritäten. Auf das 17. Jahrhundert, in dem die prinzipiellen, von der Kirche bestimmten Glaubensgrundsätze und die irdische Machstellung der Kirche unanfechtbar war, folgte mit dem 18. Jahrhundert eine Zeit, in der der Glaube durch die Menschen in Frage gestellt wurde. Die Kirche und die Monarchie wurden heftig kritisiert. Die kritische Atmosphäre gegen staatliche und religiöse Institutionen, die zur Regierungszeit Ludwig XIV. aufkam, wurde während der Regierungszeit Ludwig XV.
Éd. Champion Électronique, Paris 2003. [Elektronische Ressource]
31 Robert Darnton: Eine kleine Geschichte der Encyclopédie und des enzyklopädischen Geistes, in Selg, Anette, S. 455: der Artikel „Eucharistie“ zeigt eine Abhandlung über die heilige Kommunion und am Ende des Artikels findet sich der Hinweis „siehe Menschenfresser“. Diese Vorgehensweise hat System. Dies wird am Ende des Artikels „Menschenfresser“ deutlich, denn dieser Artikel endet mit dem Hinweis „siehe auch Eucharistie, Kommunion, Altar, etc.“.
32 Mensching, S.30: D´Alembert hat diesen Gedanken von Diderot in einer ähnlichen Weise auch in seinem Discours préliminaire aufgegriffen und folgendermaßen weitergeführt: er ordnete die drei Haupteigenschaften des Menschen , Verstand, Gedächtnis und Phantasie, den drei vorausgehenden Epochen seiner Zeit zu. Die Renaissance war für ihn das Zeitalter der Gelehrsamkeit und somit ein Produkt des Gedächtnisses, das 17.Jahrhundert das der Dichtung, also ein Erzeugnis der Phantasie und das 18. Jahrhundert das des Verstandes, also der Philosophie.
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verstärkt. Die Kritik führte in zwei Richtungen: Einerseits war eine deutliche Auflehnung gegen die kirchliche Instanz zu erkennen und andererseits gegen die politische Macht. Man warf der Kirche vor, gesellschaftliche und wirtschaftliche Neuerungen zu behindern. Die kirchliche Macht versuchte, ihre Kritiker mit Hilfe von Parlament und Behörden durch die Erzwingung einer schärferen Zensur einzuschränken. Die Zensur gehörte zu den wesentlichen Ausgangsbedingungen der öffentlichen Kommunikation im Ancien Régime. 33 Ziel der Zensurmaßnahmen war es, die politischen, religiösen und sittlichen Fundamente der französischen Monarchie vor oppositionellen Angriffen zu schützen. 34 Seit dem Mittelalter hatten Kirche, Universitäten und der oberste Gerichtshof Druckgenehmigungen für Manuskripte erteilt, doch im 18.Jahrhundert war es dem König in Frankreich gelungen, die alleinige Kompetenz in diesen Belangen an sich zu ziehen. 35
Das königliche Organ der Zensur war die so genannte Direction de la Librairie, die oberste Zensurbehörde. Vor einer Buchveröffentlichung musste eine Genehmigung der Librairie eingeholt werden. Wenn die Zensurbehörde keine Einwände gegen den Druck eines Textes hatte, „erteilte sie ein gesiegeltes Privilège général, das dem Verleger oder Autor die alleinigen Verkaufs- und Druckrechte zusprach“. 36 Im Jahr 1751 erschien der erste Band der Enzyklopädie mit dem vom König erteilten Privileg in Paris, der zweite Band folgte kurze Zeit später. Die beiden Veröffentlichungen erhielten große Zustimmung und Anerkennung 37 - mit Ausnahme von der Seite der Kirche, welche heftige Kritik übte. Die anderen Gegner der Enzyklopädie, die seit dem Erscheinen des Prospekts zur Enzyklopädie im Jahr 1750 versucht hatten, die Veröffentlichung der Enzyklopädie zu verhindern, rückten nun energischer vor und erwirkten zeitweise das Verbot der ersten zwei Bände. Ihre Begründung war, dass die Enzyklopädie die „königliche Autorität zerstöre, den Geist der Unabhängigkeit und der Empörung stiften, sowie die Grundlagen des Irrtums und des Verfalls der Sitten, der
33
Büttner, Sabine: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/499/, Stand 21.08.08
34
Friedenthal, S.13: Die kirchliche Abwehr kam von zwei verschiedenen Seiten. Das
Journal de Trévoux
der Jesuiten und die Jansenisten mit
Nouvelles ecclésiatiques
trugen dazu bei, dass der König die Enzyklopädie verbot. Die Begründung hierfür war, dass das Werk die „Autorität
des Königs und der Kirche zerstöre sowie Unglaube und Sittenverwilderung Vorschub leiste.“
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Mensching, S. 54: Diderot machte die Willkür der Herrschenden dafür verantwortlich, dass die Enzyklopädie in den Großen des Ancien Régime ihre politischen Gegner hatte: „Ein
Monarch kann wohl mit einem einzigen Wort ein Schloß aus dem Rasen hervorzaubern; doch mit einer Gesellschaft von Schriftstellern verhält es sich nicht wie mit einer Schar von Handlangern. Eine Enzyklopädie lässt sich nicht befehlen.[…] Die literarischen Projekte der Großen gleichen Blätter , die im Frühling sprießen, im Herbst aber alle verdorren und unaufhörlich, eins nach dem anderen, auf den Boden der Wälder fallen, wo die Nahrung, die sie einigen unfruchtbaren Pflanzen liefern, der ganze Nutzeffekt ist, den man dabei bemerkt.“
(aus dem Artikel „Encyclopédie“)
36 http://www.historicum.net/themen/franzoesische-revolution/einfuehrung/politische-kultur/, Stand 21.08.08
37 Friedenthal, S. 72.ff: Nach einer Unterredung mit dem Kanzler der Zensurbehörde, d´Aguesseau, der als konservativ und kirchenfromm galt, bekam Diderot die Lizenz. Er sprach das Thema „Agrikultur“ an, über das bei Chambers nur einige Zeilen zu finden waren; Diderot wolle dieses Thema auf vierzehn Spalten behandeln und auch die neuesten landwirtschaftlichen Methoden berücksichtigen.
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Gottlosigkeit und des Unglaubens aufrichten“ 38 würde.
Besonders den Hauptgegnern der Enzyklopädie, den Jesuiten, kam dieses Verbot recht. Sie waren gegen die Ziele der Aufklärung wie Toleranz- und Fortschrittsglaube und allem aufgeklärten Denken gegenüber skeptisch eingestellt, insbesondere den
Naturwissenschaften und der historischen Forschung. Die Jesuiten forderten deren Unterwerfung unter die Lehre der katholischen Kirche. 39 Dem stellte Diderot sein Werk Pensées philosophiques entgegen. Er formuliert hier seine Erkenntnis, dass der Naturalismus, also die Verehrung Gottes in der Natur, die beste Religion sei. Dies stellte den eigentlichen Beginn des Konflikts zwischen Diderot und den Enzyklopädisten mit der katholischen Kirche dar. 40
Aber schon vor der Veröffentlichung des ersten Bandes der Enzyklopädie hatte Diderot in Lettre sur les aveugles (1749) die katholische Kirche angegriffen. Er schrieb, dass es möglich sei, dass Gott existiere und auch die Welt geschaffen habe, doch dass dies nicht zwingend notwendig sein müsse. 41 Dieser Brief über die Blinden brachte Diderot damals für 3 Monate ins Gefängnis. Da die Enzyklopädisten ihre Meinung nicht frei und offen formulieren konnten, benutzten sie das Verfahren der so genannten Verweise, um ihre Artikel an der Zensur vorbei zu retten. Im Artikel „Encyclopédie“ erläutert Diderot dieses Verfahren. Es bestand im Wesentlichen darin, einen inhaltlich unauffälligen Hauptartikel mit Nebenartikeln zu bestücken, die das dort Gesagte in Frage stellten. Neben den Jesuiten diagnostizierte auch die Sorbonne eine unchristliche Tendenz in den Artikeln der Enzyklopädie und erwirkte beim königlichen Kronrat ein Verbot. Da aber Madame de Pompadour, 42 die Geliebte von Ludwig XV., einige Minister und der Chefzensor Chretien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes 43 auf der Seite der Enzyklopädisten standen, konnten trotz des Verbots 1753-1756 vier weitere Bände erscheinen und waren trotz aller
38 Naumann, S.14.
39 von Dülmen, S.494.; Honigsheim, S.14ff.
40 v. Stackelberg, S.19: Pensées philosophiques, veröffentlicht 1746: beeinflusst von den deistischen Ideen des englischen Philosophen Shaftesbury widerspricht Diderot der „traditionellen christlichen Ablehnung und Unterdrückung der menschlichen Leidenschaften“. Diderot plädiert nicht offen für den Atheismus, doch er argumentiert auch nicht überzeugend genug dagegen. Die Folge dessen war, dass die Zensurbehörde die Schrift verurteilte.
41 siehe in Lettre sur aveugles, Diderot,Denis, Éd. Critique par Robert Niklaus, 1951: Diderot schreibt, ein Blinder habe kein Verständnis für das durch Nacktheit bedingte Schamgefühl, da Nacktheit gewöhnlich nur optisch wahrgenommen werden kann. Er behauptet, dass eine der christlichen Moralvorstellungen nur von relativer Bedeutung sei und weitet diesen Relativitätsbegriff auch auf das Gottesverständnis aus; von Stackelberg ergänzt dies, indem er schreibt, dass es Diderot nur darum geht, die Entstehung der Natur zu erfragen und sein Suchen ins Grundsätzliche zu führen, S.19. 42 Mensching, S. 13:Mme. Pompadour wollte mit der Zulassung der Enzyklopädie auch ihre jesuitischen Feinde treffen; vgl. Friedenthal, S.71: Mme. Pompadour ließ sich auf einem Portrait von La Tour mit dem Band IV der Enzyklopädie darstellen.
43 Friedenthal, S.82ff: Malesherbes, der Oberzensor des Buchhandels, sagte dazu: „Ein Mensch, der nur die Bücher gelesen hat, die mit ausdrücklicher Genehmigung der Regierung nach gesetzlichen Vorschriften publiziert sind, ist ein Jahrhundert hinter seiner Zeit zurück.“; dazu auch Schalk, S.106: „…une encyclopédie ne s´ordonne point…“.
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Anfeindungen ein Erfolg. 44 Doch der Artikel „Genève“ von d´Alembert im 7.Band der Enzyklopädie bot den Gegnern der Enzyklopädie erneut einen Anlass zum Angriff. D´Alembert kritisierte die Geistlichkeit in Genf und forderte die Stadt Genf auf, ein Theater bauen zu lassen, im Sinne von Voltaire, der schon ein Privattheater am Genfer See hatte:
„On ne souffre point à Genève de comédie ; ce n'est pas qu'on y desapprouve les spectacles en eux mêmes, mais on craint, dit-on, le goût de parure, de dissipation & de libertinage que les troupes de comédiens répandent parmi la jeunesse. Cependant ne seroit-il pas possible de remédier à cet inconvénient, par des lois séveres & bien exécutées sur la conduite des comédiens ?[…] Genève réuniroit à la sagesse de Lacédémone la politesse d'Athenes.“ 45
D´ Alembert lobte in diesem Artikel auch die republikanischen Institutionen und die religiösen Gepflogenheiten des protestantischen Klerus in Genf:
„ Le clergé de Genève a des moeurs exemplaires: les ministres vivent dans une grande union ; on ne les voit point, comme dans d'autres pays, disputer entr'eux avec aigreur sur des matieres inintelligibles, se persécuter mutuellement, s'accuser indécemment auprès des magistrats : il s'en faut cependant beaucoup qu'ils pensent tous de même sur les articles qu'on regarde ailleurs comme les plus importants à la Religion.“ 46
Der katholische Genfer Klerus wird im Gegenzug mit den Sozinianern verglichen: „ Pour tout dire en un mot, plusieurs pasteurs de Genève n'ont d'autre religion qu'un Socinianisme parfait, rejettant tout ce qu'on appelle mysteres, & s'imaginant que le premier principe d'une religion véritable, est de ne rien proposer à croire qui heurte la raison : aussi quand on les presse sur la nécessité de la révélation, ce dogme si essentiel du Christianisme, plusieurs y substituent le terme d'utilité, qui leur paroît plus doux : en cela s'ils ne sont pas orthodoxes, ils sont au-moins conséquens à leurs principes. “ 47
Der Sozinianismus ist eine religiöse Bewegung, die gegen die Dreieinigkeitslehre der christlichen Gemeinschaften kämpfte, indem sie alle christlichen Konfessionen zurückwies
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Friedenthal, S. 72: Diderot wurde vielfache Hilfe zuteil: Mme. Geoffrin, Frau eines reichen Spiegelfabrikanten, verwehrte ihm zwar, da er zu vulgär sei, den Zutritt zu ihrem Salon, unterstützte aber immerhin seine Arbeit mit 100.000 Ecus; vgl. in Mensching, S. 52: Von Friedrich II. von Preußen wie auch von der russischen Zarin Katharina II. wurde er eingeladen, sein Werk ungestört in Sanssouci bzw. St. Petersburg zu beenden.
45 vgl. Rosenkranz, S. 169ff: Rousseau nutzte die Gelegenheit und spitzte die Situation zu, in dem er 1758 im Lettre à d´Alembert d´Alemberts Vorhaben bezüglich des Theaterbaus in Genf kritisierte. In den darauf folgenden Jahren kündigte Rousseau sowohl Diderot als auch d´Alembert die Freundschaft; siehe auch in Enzyklopädie - Artikel „Genève“ in Band 7, S. 576. 46 Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences des arte et des métiers, Nouvelle Impression en facsimilé de la première édition de 1751 - 1780, Stuttgart 1966, Band 7, S.577. 47 Ebd. S.578.
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und für mehr Toleranz plädierte. 48 Dadurch fühlten die katholische Kirche und der König sich angegriffen, und Papst Clemens XIII. verdammte die Enzyklopädie in einer eigens für sie verfassten Bulle. 49 Zwar konnte die Enzyklopädie 1758 einem von Parlament von Paris ausgesprochenem Verkaufsverbot durch die Hilfe von Malesherbes entgehen, doch ein Jahr später wurde den Verlegern das Druckprivileg entzogen und der Verkauf untersagt. Diderot führte die Arbeit an der Enzyklopädie nach dem Druckverbot ohne d´Alembert fort, der darüber verärgert war, dass ausgerechnet ein Artikel von ihm die heftigsten Angriffe ihrer Gegner hervorrief. Zwischen ihm und Diderot hatten sich darüber hinaus unüberbrückbare philosophische Differenzen ergeben. 50 1762 begann Diderot damit, die politisch und religiös diejenigen Bände der Enzyklopädie herauszugeben, die keine politischen oder religiösen Artikel enthielten und den Stand der Künste und des Handwerks darstellen sollten. Von Seiten der staatlichen Behörden wurde die Veröffentlichung strengen Regeln unterworfen. Die Enzyklopädie musste als im Ausland gedruckt deklariert werden und durfte nur in den Provinzen und nicht in Paris verkauft werden. Diese Maßnahmen zeigen, welche Bedeutung der Enzyklopädie von staatlicher Seite beigemessen wurde. 51 Im selben Jahr schrieb Diderot in einem Brief: „Dieses Werk wird sicherlich mit der Zeit eine geistige Revolution hervorrufen und ich hoffe, dass die Tyrannen, die Unterdrücker, die Fanatiker und die Intoleranten sie nicht gewinnen werden. Wir werden der Menschheit gedient haben[…].“ 52 Hierin kommt deutlich zum Ausdruck, dass die Enzyklopädisten den Kampf gegen vielerlei Unterdrückung und Reglementierung seitens des Staates und der Kirche mit großem Selbstbewusstsein aufnahmen. 53
48 Störig, S. 257, S. 395ff. in „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“, Stuttgart 1999. 49 http://www.bautz.de: CLEMENS XIII. war ein Freund und Verteidiger des Jesuitenordens, Stand 21.08.08.
50 Winter, S. 18f: Grund waren Äußerungen von Diderot gegenüber d´Alembert in De l´interpretation de la nature: Diderot bestritt in diesem Werk den überheblichen Anspruch der Mathematik, die wichtigste Wissenschaft zu sein. Damit griff er auch indirekt d´Alembert an, der einer der
führenden Mathematiker seiner Zeit war. Anstelle der Mathematik setzte Diderot andere Wissenschaften wie Chemie, Biologie etc. 51 Rosenkranz, S. 214f.
52 v. Stackelberg, S.42: Brief von Diderot an Sophie Volland vom 26. September 1762: „Cet ouvrage produira sûrement avec le temps une révolution dans les esprits, et j´espère que les tyrans, les oppresseurs, les fanatiques et les intolérantes n´y gagneront pas. Nous aurons servi l´humanité;[…]; in diesem privaten Brief konnte Diderot seine Gedanken stärker politisch als moralisch akzentuieren, da dieser nicht der Zensur unterlag.
53 Selg, S. 473: Diderot in der Ankündigung der letzten Bände, 1765: „Unter allen Verfolgungen, wie sie zu allen Zeiten & bei allen Völkern jene erdulden mussten, die sich dem verlockenden, aber gefährlichen Wettstreit hingaben, ihre Namen in die Liste der Wohltäter der Menschheit einzutragen, gibt es kaum eine, die nicht gegen uns betrieben worden wäre.[…] Wer das Gute will, ist einer Begeisterung fähig, die der Böse nicht kennt.[…]Unser Hauptzweck bestand im Sammeln der Entdeckungen der vergangenen Jahrhunderte.[…]Man kann uns […] nicht abstreiten, dass unsere Arbeit auf der Höhe des Jahrhunderts steht, & das bedeutet immerhin etwas.“
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3. Hauptströmungen französischer Religionskritik
Religionskritik ist historisch gesehen ein komplexes Phänomen, wenn aber von der Religionskritik im Frankreich der Aufklärung die Rede ist, dann geht es immer um die Kritik an den Offenbarungsreligionen und um Antiklerikalismus. Stärker als die meisten englisch-und deutschsprachigen Aufklärer, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, strebten die französischen Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts nicht bloß die Überwindung konfessioneller Streitereien an. Ein wichtiger Grund, der zu einer abgeneigten Haltung der Philosophen des 18.Jahrhunderts jeglichen Autoritäten gegenüber und indirekt zu einer negativen Beurteilung der gesellschaftlichen Funktion der Religion beitrug, war, dass im Mittelalter der Autorität der Kirche, der Theologie und dem Papsttum eine große Bedeutung beigemessen wurde. Die Aufklärung verwarf das Lebensmodell des Mittelalters und griff die Kirche, die Religion und den Papst an. Das Denken der Enzyklopädisten in Frankreich beruhte auf der Abkehr von der religiösen Interpretation der Welt hin zu einer philosophischen Deutung. Zu diesen zählen Jean-Jacques Rousseau, Étienne Bonnot de Condillac, Charles de Secondat Baron de Montesquieu, Pierre-Jean-Georges Cabanis und viele andere. 54 Ihnen allen dienten der Mensch und die Wissenschaften für die Strukturierung des Wissens und nicht die Religion. Der Verstand hatte Vorrang vor dem Glauben. Die Denker der Aufklärung waren jedoch nicht immer einer Meinung. Es gab vielfach keine Übereinstimmung in der Frage ihrer Einstellung zu der Idee Gottes, zur Rolle und Funktion der Religion, wie auch zu gesellschaftlichen Fragen. Die Aufklärer hatten eine kritische Haltung gegenüber religiösen Fragen eingenommen und für viele unter den Enzyklopädisten stand die Kritik an der Religion der Offenbarung und der katholischen Kirche und dem monarchischen System im Vordergrund. 55
3.1. Deismus
Die Haltung unter den zahlreichen Autoren der Enzyklopädie schwankte zwischen Deismus und Materialismus. Beim Deismus handelt es sich um eine Glaubensrichtung, die sich in England gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte und nur die „natürlichen“ Gesetze der Vernunft, nicht aber religiöse Offenbarung gelten ließ. Der Deismus wurde als eine intellektuelle Einstellung in Bezug auf religiöse Fragen zur charakteristischen Haltung für die Philosophen der Aufklärung. 56 Voltaire, der die Grundsätze des „französischen Deismus“ festlegte, sagte: „Wir glauben an Gott, unterlassen es aber, über seine Wesensart und seine
54 Cislo, S.7.
55 Ebd., S. 135. 56 Ebd., S. 43f.
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Handlungsweisen zu reden„. 57 Diderot gab dem Deismus mit seinen philosophischen Ansichten zwar einen antireligiösen Charakter, doch seine Haltung gegenüber Gott lässt sich viel schwieriger einordnen als bei Voltaire, weil er durch seine Äußerungen in seinen Werken eine Wandlung vom Theismus über den Deismus zum Materialismus durchmacht, während er sich am Ende seines Schaffens wieder dem Deismus zuneigt. In der Forschung gibt es dazu verschiedene Meinungen, die ich in Punkt 3.2. der Arbeit näher ausführen werde. Zusammenfassend ist zu sagen, dass der französische Deismus besonders durch Voltaire eine stark antiklerikale Haltung eingenommen hat.
3.2. Materialismus in den Werken Diderots
Der Materialismus hat seine Ursprünge in der griechischen Naturphilosophie und sieht die Materie als eigentliche Realität und das alle anderen Phänomene Bestimmende an. Das intellektuelle Klima der Epoche und „das Bedürfnis einer neuen, intellektuellen, ökonomisch sehr starken Gesellschaftsschicht nach einer reineren Gottesvorstellung“, welche nach der Meinung von Arno Baruzzi durch die Kirche nicht beachtet wurde, begünstigte die Entwicklung und das Erstarken des Materialismus in Frankreich. 58 Die französischen Materialisten wie La Mettrie (1709-1751) und Baron Henry d´Holbach (1723-1789) griffen die Religion und den Glauben heftig an. Die französischen Materialisten verwischen die Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Die Vernunft ist das, was den Menschen auszeichnet, jedoch nicht mehr im Sinne eines wesentlichen Unterschiedes zu den Tieren. Sowohl La Mettrie als auch Diderot und d´Holbach sehen die Vernunft als ein „Resultat der körperlich-materiellen Organisation“. Sie sehen weder „Geist, Seele noch Vernunft als das Umfassende und über alles Waltende, sondern die Materie, aus der alles, was ist, besteht und geprägt ist“. 59
Innerhalb des Materialismus waren zwei Richtungen zu erkennen: der philosophische und der wissenschaftliche Materialismus. Zur Verbreitung des ersten trugen John Locke in England und Voltaire in Frankreich bei, wobei Locke sich selbst als Christ bezeichnete und Voltaire nach eigener Einschätzung niemals die Grenzen des Deismus zum Atheismus überschritten hat. 60
57 Cislo, S.31f.: Voltaire bekannte sich nicht zum Atheismus, sondern zum Deismus, weil er den Glauben an einen strafenden Gott als beste Basis für ein soziales Leben nach moralischen Grundsätzen hielt: „Wenn Gott nicht existiert, müsste man ihn erfinden.“ - siehe auch Artikel „Théiste“ im „Dictionnaire philosophique“: „Der Theist ist ein Mensch, der fest von der Existenz eines ebenso guten wie mächtigen Höheren Wesens, das alle Dinge gestaltet hat, überzeugt ist. […] Tue das Gute, das ist seine Religionsübung; sich Gott ergeben, […].“ , Zitat nach: P. Hazard, Europäischer Gedanke im 18.Jahrhundert, S.355
58 Baruzzi, Arno: Aufklärung und Materialismus in Frankreich, S.7. 59 Ebd., S.8.
60 Cislo, S.43f. : das Hauptwerk von John Locke ist das um 1670 entstandene Werk Ein Versuch über den menschlichen Verstand. Darin kam er zu der Feststellung, dass „jeder philosophischen
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Diderots Bedeutung als Enzyklopädist ist in der Forschung immer wieder herausgestellt worden, doch kaum seine Bedeutung als Materialist, weil seine wichtigsten materialistischen Abhandlungen erst nach seinem Tod erschienen sind und sich Diderot zu Lebzeiten immer wieder vom Materialismus distanzierte. 61 Viele Forscher sind der Meinung, dass man in Diderots Werken auf häufige Meinungswechsel und Widersprüche trifft und hieraus keine eindeutige Klassifizierung seiner Denkstrukturen ableiten kann. 62 Ivan Luppol ist der Meinung, dass der Grund hierfür darin zu suchen ist, dass Diderot in seinen anonymen Werken die Religion aufs schärfste kritisierte, während er in öffentlichen Werken, wie z.B. in den Artikeln der Enzyklopädie, sehr vorsichtig blieb. 63 Luppol betrachtet Diderots Schaffen in drei Etappen: Christentum, Deismus, Naturreligion. Karl Rosenkranz und Ernest Bersot vertreten eine ähnliche Meinung. 64 Ursula Winter negiert wiederum die in der Diderot-Forschung vertretene „Legende der tête langroise“ und stützt sich dabei auf die Publikation bisher unbekannter Texte und Manuskripte Diderots. Auf Grundlage der Pensées philosophiques ist Winter der Meinung, dass man die philosophische Haltung Diderots nicht eindeutig festlegen kann: weder als Atheismus, Deismus noch als Materialismus. Auch dass Diderot sich während seiner Arbeit an den Pensées philosophiques vom Materialismus hin zum deistischen Standpunkt zugewandt haben soll, sei fraglich. Wenn man von der Interpretation der von Diderot verfassten Artikel für die Enzyklopädie ausgeht, so lässt sich Diderots philosophische Haltung zur Naturphilosophie zuordnen. Diderots Naturphilosophie wird nach der Meinung Winters im Rêve d´Alembert (D´Alemberts Traum, 1769) deutlicher, da er sich darin mit naturwissenschaftlichen Problemen beschäftigt. Aber auch hier gibt es Stimmen, die die Wahl der Traumform im Werk kritisieren und Diderots ernsthafte Auseinandersetzung mit philosophischen und naturwissenschaftlichen Problemen bezweifeln. Doch Diderot macht sowohl im Rêve d´Alembert als auch in den Pensées sur l´interprétation de la nature (Gedanken über die Interpretation der Natur, 1753) deutlich, dass er seine Philosophie nicht auf einen „einzelnen Standort“ festlegen, sondern in „dynamischer Bemühung den immer neuen Perspektiven des Wirklichen sich nähern“
Betrachtung zunächst eine Untersuchung über das Vermögen des Verstandes und über die Objekte, welche in seiner Sphäre liegen bzw. nicht liegen, vorausgehen muss.“
61 Baruzzi, S.17: In seiner philosophischen Schrift „Lettre sur les aveugles à l'usage de ceux qui voient“ („Brief über die Blinden zum Gebrauch der Sehenden“) vertritt Diderot eine materialistische Betrachtungsweise. Auch in dem Dialog „Le rêve d´Alembert“ („Der Traum d´Alemberts“), die in ihrer philosophischen Grundtendenz auch atheistisch war, erläutert Diderot seine materialistischen Theorien.
62 Winter, S.8ff: sie geht davon aus, dass die bisherige Konzeption von den drei verschiedenen religiösen Stadien Diderots nicht mehr zutreffend ist und erkennt ein Schwanken des Philosophen zwischen deistischen und materialistischen Konzeptionen. In der in Diderots deistischer Phase verfassten Pensées philosophiques seien Grundgedanken seiner späteren materialistischen Periode enthalten, so dass ein „ununterbrochenes Interesse für naturwissenschaftliche und naturphilosophische Fragen und ein konsequentes Eintreten für eine materialistische Naturtheorie“ festgestellt werden kann. 63 Luppol, S.125. 64 Rosenkranz, S.145; Ernest Bersot, S.25.
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möchte. 65
3.3. Radikalität der französischen Religionskritik
Den Anstoß zu der intensiven Kritik an der Religion seitens der Enzyklopädisten gaben insbesondere Baron d´Holbach und der Pfarrer Jean Meslier. Jean Meslier war ein französischer katholischer Priester, der, ähnlich wie Diderot, einen materialistischatheistischen Standpunkt vertrat. Er schrieb unter dem Titel Testament eine Religionskritik. Sein zu Lebzeiten nicht veröffentlichtes Manuskript des Testaments zirkulierte heimlich und übte einen starken Einfluss auf die Enzyklopädisten aus. Darin greift der Autor Religion und Kirche aufs schärfste an und ruft zum offenen Aufstand auf, zu dem er selbst nicht bereit war. 66 Wie groß der Einfluss dieses Werkes auf die Enzyklopädisten war, bezeugen zwei Werke von Voltaire und d´Holbach. 67
D´Holbach war Atheist und Materialist. Seiner Meinung nach war das Universum nicht gottgemacht, sondern das Resultat von Ursache und Wirkung. Er bezeichnete die Religion als größten Feind der menschlichen Moral und richtete seine Kritik gegen Gottesbeweise jeglicher Art. Mit seinem Système de la nature (1770) schuf er ein grundlegendes Werk des Materialismus. D´Holbach kritisierte die christliche Offenbarung in direkter Verbindung mit der Existenz Gottes. Seiner Meinung nach müsse „der offenbarende Gott auf eine überzeugende Weise seine Existenz beweisen und die Menschen darüber belehren, wer Er ist und worauf sich Sein Wesen begründet“. Er fügt an, dass die Menschen, die mit „Hilfe ihres Verstandes ein richtiges Bild von Gott“ erhalten möchten, „nur eine neblige Erklärung“ bekommen würden, „dass Gott verborgen und seine Wege unerforscht seien[…] “. Bei der Erforschung der Offenbarung kommt d´Holbach zu dem Schluss, dass sie lediglich eine „Quelle negativer Eigenschaften für die Menschen, wie Ungerechtigkeit, Intoleranz, Grausamkeit“ sei, „die Anwendung gegenüber den Anhängern anderer Religionen finden, bei welchen die Offenbarungen nicht vorkamen.“ D´Holbach war der Meinung, dass die Religion auf dem Gebiet der Toleranz nur negative Folgen hat und bezeichnete die Religion als „Quelle der
65 Winter, S. 12ff: Jaques Proust führt diesen Gedanken in Diderot et l´Encyclopédie, Paris 1962, auf S.162ff. ausführlicher fort.
66 Jean Meslier: „Als Priester musste ich meine Amtspflichten verrichten, aber wie viel habe ich an mir selbst gelitten, wenn ich gezwungen war, euch fromme Lügen zu predigen, die ich im Herzen verabscheute. Wie sehr habe ich mein Amt gehasst und welche Gewissensbisse hat mir eure Leichtgläubigkeit verursacht. Tausendmal hatte ich die Absicht, euch die Augen zu öffnen, aber eine Furcht, die meine Kraft überwog, hielt mich zurück, bis zu meinem Tod zu schweigen.“, in Mensching: Das Testament von Abbé Meslier, S. 118.
67 Cislo, S. 48: d' Holbachs Werk Le bon sens du Curé Jean Meslier suivi de son testament“(1772) über Meslier und sein Testament. Voltaire veröffentlichte 1762 das Werk Extraits des sentiments de Jean Meslier, ohne sich als Herausgeber zu erkennen zu geben. Darin publizierte er Auszüge aus Mesliers Werk. Diese Passagen sind im Original so voller Kritik, dass Voltaire sie umschrieb und abmilderte, was ihren ursprünglichen Inhalt zum Teil entstellte.
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Grausamkeit gegen Menschen“. 68 Auf der Basis des Testaments von Jan Meslier und dem Système de la nature von d´Holbach formulierten die Enzyklopädisten ihren Angriff. Nach der Kritik an der Offenbarung gehen die Enzyklopädisten sogar soweit, die einzelnen Wesenszüge Gottes zu kritisieren und stützen sich dabei auf ihre Grundsätze kritischen Denkens. 69
68 Ebd., S. 50f. und S. 120f., siehe auch Holbach, Das System der Natur, S.347. 69 Ebd., S. 113: Die Kritik der Enzyklopädisten richtete sich gegen metaphysische, religiöse, politische oder gesellschaftliche Vorurteile; siehe auch Winter, S. 175: Nach Ansicht von Diderot gilt jeder Rückgriff auf den Gottesbegriff als ein „Eingeständnis der Unfähigkeit und Unwissenheit[…]“. Dabei betont Winter, dass es Diderot dabei nicht darum geht, die Existenz Gottes anzuzweifeln, sondern um die generelle „Ausschaltung des Gottes- und Seelenbegriffes aus der Naturforschung, […] mit der Begründung, dass sowohl die Natur als auch der Mensch aus sich selbst erklärt und als Einheit konzipiert werden“ muss. Proust bezeichnet Diderots Haltung in diesem Zusammenhang nicht als „antireligiös“ sondern als „areligiös“ (in Jacques Proust: Diderot et l’Encyclopédie, S. , Paris 1962). Diderot lehnt den dogmatischen Atheismus strikt ab, setzt Atheismus gleich mit dem Aberglauben, siehe Enzyklopädie - Artikel „Malabres“in Band 9, S. 921: „Il n´est pas étonnant qu´il y ait des athées partout où il y a des superstiieux: c´est un raisonnement qu´on fera partout où l´on racontera de la Divinité des choses absurdes. Au lieu de dire: Dieu n´est pas tel qu´on me le peint, on dira: Il n´y a point de Dieu.“ und schreibt weiter in Pensées philosophiques, dass der Atheismus und der Polytheismus „deux excès opposés“ seien .
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4. Religionskritik in der Enzyklopädie
Die französischen Enzyklopädisten stellten sich vehement gegen die Autorität von Kirche und Monarchie und wurden in ihrem „Kampf“ nur durch die Zensur eingeschränkt, die bei den Enzyklopädisten nur noch mehr Entschlossenheit hervorrief. Es kam zu einem beispiellosen Angriff auf die Position Gottes im Leben der Menschen, da seine Existenz nach Ansicht der Enzyklopädisten hinterfragt werden musste. Die Enzyklopädisten sahen die Bibel als eine Art „Gebrauchsanweisung für Intoleranz“ 70 und betonten, dass der Anspruch der Bibel auf absolute Wahrheit, Unfehlbarkeit, Fanatismus und Fundamentalismus begünstigen kann. Nicht umsonst schrieben die Enzyklopädisten Artikel zu diesen Begriffen in ihrem Werk. Die Enzyklopädie sollte anstatt der Bibel Ausgangspunkt der Bildung sein 71 und die einzige Autorität, der man darin folgte, war der menschliche Verstand: „si l'on bannit l'homme ou l'être pensant & contemplateur de dessus la surface de la terre ; ce spectacle pathétique & sublime de la nature n'est plus qu'une scène triste & muette. L'univers se taît; le silence & la nuit s'en emparent. Tout se change en une vaste solitude où les phénomènes inobservés se passent d'une manière obscure & sourde. C'est la présence de l'homme qui rend l'existance des êtres intéressants; que peut-on se proposer de mieux dans l'histoire de ces êtres, que de se soûmettre à cette considération? Pourquoi n'introduirons-nous pas l'homme dans notre ouvrage, comme il est placé dans l'univers? Pourquoi n'en ferons-nous pas un centre commun?“ 72
Die Kritik der Enzyklopädisten war nicht nur gegen die katholische Kirche gerichtet, sondern auch gegen andere Kirchen, die sie wegen Mangel an Toleranz und dem Führen der Menschen in den Aberglauben kritisierten. Viele Artikel wirkten wie ein Angriff auf den traditionellen Kirchenglauben, z.B. der Artikel „Cerf“ 73 , und führten zu großen Auseinandersetzungen zwischen Enzyklopädisten und der Kirche, die in den vorangehenden
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Zitat nach Cislo, S. 132f: d´ Holbach vertrat die Meinung, dass auf der Erde keine wirkliche Toleranz existiere,
„und das Fehlen dieser Toleranz ist auch dadurch verursacht, dass die Gründer der Religionen und die Priester vieles täten, […]. Infolge solcher Eingriffe bewirkt die Religion, dass sich das menschliche Herz den Bedürfnissen der Nächsten gegenüber verschließe und freundschaftliche Gefühle anderen gegenüber vernichten würde.“
; siehe auch in Holbach,
Der gesunde Menschenverstand,
S. 230ff., S. 264.
71 Zitat laut: G. Duby, R. Mandrou, Geschichte der französischen Kultur vom 10. Bis zum 20.Jahrhundert, S. 410.Diderot schrieb: „Der Mensch ist der einzige Punkt, von dem man ausgehen und auf welchen man alles zurückführen sollte.“ ( siehe auch Selg, S.78). Die Enzyklopädisten kamen zu dem Schluss, „dass die Theologie der Vergangenheit angehört, […]“, in Cislo, S.26. 72 Cislo, S. 27 ; siehe auch Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences des arte et des métiers, Nouvelle Impression en facsimilé de la première édition de 1751 - 1780, Stuttgart 1966, Artikel „Encyclopédie“ in Band 5, S. 635 - 649.
73 Auszug aus dem Artikel „Hirsch“: „Wenn der Hirsch erst das verständige Alter erreicht hat […]“ ( […] sur-tout lorsqu´ils ont atteint l´âge de raison […]; dies bedeutete für die Kirche, dass die Enzyklopädisten an einer der Hauptthesen der Orthodoxie zweifelten, nämlich dass der Mensch durch
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Punkten schon erwähnt wurden. Diderot verfasste für die Enzyklopädie schätzungsweise mehrere tausend Artikel, die mehr oder weniger umfangreich waren. Er schrieb über verschiedene Gebiete des menschlichen Wissens, doch seine bedeutendsten Artikel waren, wenn auch in diesen die Religionskritik kaum auftritt, „Autorité“, „Beau“, „Génie“, „Éclectisme“ und „Encyclopédie“.
Der Artikel „Beau“ drückt Diderots ästhetische Anschauungen, denen die Vorstellung eines geordneten Ganzen zugrunde liegt, sehr deutlich aus: „Schön ist alles, was im Verstand die Idee von Beziehungen („rapports“) innerhalb einer als Einheit begriffenen Mannigfaltigkeit zu wecken vermag“. 74 Der Mensch kann nach Diderots Meinung das Schöne nur empfinden, wenn er die Zusammenhänge zwischen Teil und Ganzem entdeckt. 75 Der „Genie“ - Artikel steht in engem Zusammenhang zum Artikel „Beau“, denn hier wird das Genie mit der Fähigkeit zu fühlen verbunden: „Genial ist der Mensch, dessen Seele die größte Weite hat, also von allen Dingen Empfindungen erfährt, Anteil an allem nimmt, was in der Natur existiert und deshalb keine Idee empfängt, ohne dass in der Seele ein Gefühl geweckt wird ###. 76 Im Artikel „Autorité“ schreibt Diderot: „Aucun homme n`a recu de la nature le droit de commander aux autres.“ 77 . Diderot bringt hier seine Überzeugung zum Ausdruck, dass „kein Mensch von der Natur das Recht erhalten habe, anderen zu befehlen.“ Weiterhin sagt Diderot im Artikel „Autorité“, dass die Freiheit die „Gabe des Himmels“ sei, welche jeder Mensch in Anspruch nehmen könne, der sich seines Verstandes zu bedienen wisse: „La liberté est un présent de ciel, et chaque individu de la même espèce a le droit d´en joui aussitôt qu´il jouit de la raison.“ 78 Des weiteren greift Diderot in diesem Zusammenhang im selben Artikel das Bildungsmonopol der Jesuiten an. Er war zwar selbst bei den Jesuiten zur Schule gegangen, doch „wenn eine Autorität sich auf Gewalt gründe, […], so sei damit zu rechnen, daß Gegengewalt ihr Joch abzuwerfen versuchen werde.“
Besonders deutlich wird die Religionskritik der Enzyklopädisten in den Artikeln „Priester“ und „Kapuze“. In Artikeln, die sich gegen verschiedene Formen des Aberglaubens richteten, wie z.B. „Wahrsagekunst“, „Fanatismus“ und „Pentakel“ 79 , äußerten sie ihre Kritik an der Religion
Gottes Willen grundsätzlich von der übrigen Schöpfung zu unterscheiden sei, in Friedenthal, S. 70. 74 Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences des arte et des métiers, Nouvelle Impression en facsimilé de la première édition de 1751 - 1780, Stuttgart 1966, Band 2, Artikel „Beau“, S.169-181: „[…] quand je dis qu´ins sont beaux; […] reveillent en moi le plus d´idées de rapports & le plus de certain rapports“.
75 http://www.bautz.de/bbkl/d/diderot_d.shtml, Stand 21.08.08.
76 siehe Artikel „Genie“ in Selg, Anette, S. 126 und im Enzyklopädie - Artikel „Génie“, Band 3, S. 890f: „L´ homme de génie est celui dont l´ame plus étendue Frappé par les sensations- de tous les êtres, intéressée à tout ce qui est dans la nature, ne recoit pas une idée qu´elle n´éveille un sentiment, tout l´anime & tout s´y conserve“. 77 Stackelberg, S.35.
78 Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences des arte et des métiers, Nouvelle Impression en facsimilé de la première édition de 1751 - 1780, Stuttgart 1966, Band 1, S.898 79 Naumann, S.281 zu „Pentacle“: „Diesen Namen gibt die Magie des Exorzismus einem Siegel,[…], das die Namen Gottes enthält […]“ und mit dessen Hilfe man böse Geister austreiben könne. „Diese Abgeschmacktheiten lesen wir in dem Encheiridion Leonis Papae, einem kläglichen Werk, das nur
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offen. Die Verweise, um an der Zensur vorbei ihre Artikel veröffentlichen zu können, kamen in den Artikeln „Atheismus“, „Gott“ und „Deisten“ 80 zur Verwendung, da insbesondere diese Artikel durch die Zensurbehörden überprüft wurden. Der Artikel „Deisten“ verweist z.B. auf die Artikel „Gott“, „Offenbarung“, „Mysterium“ und „Glaube“. Weitere Artikel wie etwa „Grausamkeit“ und „Inquisition“ erlaubten es den Enzyklopädisten, offen über die im Namen der Religion verübten Gräueltaten der katholischen Kirche zu schreiben. 81
dazu gedient hat, die leichtgläubigen Geister noch mehr zu verderben und zum Aberglauben zu verleiten.“(Jaucourt); siehe Selg, S.194f. zu „Capuchon“: „Die Kapuze gab einst den Anlaß zu einem großen Streit unter den Franziskanern.[…] Die einen wünschten sich eine enge Kapuze, die anderen eine weite[…] Doch ein Franziskaner könnte, wenn er von gesundem Verstand wäre, mit Recht zu den anderen sagen: „Mir scheint,[…], wir machen viel Lärm um nichts.[…] Wenn wir abwarteten, bis die vernünftige Philosophie, deren Licht sich überall verbreitet, etwas tiefer in unsere Klöster eingedrungen wäre[…]“.“ (Diderot); Selg, S. 327 zu „Prêtres“: „Nachdem der Aberglaube die Zeremonien der verschiedenen Kulte vermehrt hatte, bildeten die Personen, die sie zu erfüllen hatten, einen ganz besonderen Orden,[…]. Die Beschäftigungen des niederen Volkes schienen unter ihrer Würde zu sein[…]. Um ihre Herrschaft noch fester zu begründen, schilderten sie die Götter als grausam, rachsüchtig, unversöhnlich; sie führten Zeremonien […] ein, deren Schrecklichkeit in den Menschen jene düstere Melancholie zu nähren vermochte, die der Herrschaft des Fanatismus so günstig ist.[…] Der von seiner Macht verblendete Priester bestritt häufig die Rechte der Königsmacht: […] Fanatismus & Aberglaube zückten das Messer über dem Haupt der Monarchen […].“;Im Artikel „Fanatisme“ wird der Fanatismus als ein in die Tat umgesetzter Aberglaube bezeichnet und es werden 6 Quellen genannt, denen der Fanatismus zugrunde liegt, u.a. Dogmen in der Religion und Verruchtheit der Moral.; dazu auch Selg, S. 99 zu „Fanatisme“: „Das ist ein blinder, & leidenschaftlicher Eifer, der abergläubischen Anschauungen entspringt & dazu führt, daß man nicht nur ohne Scham & Reue,[…] lächerliche, ungerechte & grausame Handlungen begeht. Der Fanatismus ist also nichts weiter als ein in die Tat umgesetzter Aberglaube.“ (Deleyre). 80 Ebd., S. 110: „Die heutigen Deisten […]“ bekennen sich „zu keiner besonderen Religionsform oder Religionslehre […]“ und begnügen sich damit „die Existenz eines Gottes anzuerkennen, ohne ihn durch irgendeinen äußeren Kult oder Gottesdienst zu ehren.[…] Der Name Deisten wird vor allem jenen Personen gegeben, die weder Atheisten noch Christen und deshalb nicht ganz ohne Religion sind,[…], die aber jede Offenbarung als bloße Fiktion verwerfen und nur an das glauben, was sie aufgrund natürlicher Einsichten erkennen können und woran jede Religion glaubt, nämlich an einen Gott,[…].“ (Mallet)
81 Selg, S. 161f. zu „Cruauté“: „Dieses verabscheuungswürdige Laster entspringt der Feigheit, der Tyrannei, der Blutrünstigkeit des Naturells,[…]. Der verheerende Glaubenseifer führt vor allem zu Grausamkeit - einer Grausamkeit, die umso schrecklicher ist, als man sie seelenruhig aufgrund falscher Prinzipien verübt, die man für rechtmäßig hält.“ (Jaucourt); zu „Inquisition“ auf S. 180: „Die Inquisition ist ein Tribunal, das unter allen Regierungen zu verwerfen ist.[…] Es hat lediglich dazu gedient, den Papst um eine der schönsten Perlen seiner Krone -[…]- zu bringen […]. Dieses schändliche Tribunal, das erfunden wurde, um die Ketzerei auszurotten, ist geradezu das, was alle Protestanten am weitesten von der römischen Kirche entfernt; es ist für sie Gegenstand des Abscheus.[…]“ (Jaucourt).
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5. Resümee
Der Charakter der von den Enzyklopädisten hervorgebrachten Religionskritik lässt sich folgendermaßen bestimmen: die Enzyklopädisten sahen in der Religion lediglich das Böse, das sie ihrer Meinung nach im Leben der Menschen und der Gesellschaft verursachte und ließen dabei alle positiven Elemente außer Acht. Sie verneinten die Authentizität der Bibel, der Offenbarung und die Existenz Jesu. Die Bibel wurde als eines von vielen Werken des Altertums betrachtet, doch die Enzyklopädisten nahmen sich der Bibel und ihrer Kritik, losgelöst vom religiösen und historischen Kontext, an. Die Enzyklopädisten wollten vorrangig ihre Ideen popularisieren, in dem sie sowohl die geistliche als auch die weltliche Macht kritisierten und Missbräuche seitens der Kirche anprangerten sowie am Sinn der Existenz Gottes zweifelten. Dies Alles bewirkte, dass die Aufklärung in Frankreich als eine außerordentlich stark antireligiöse und kirchenfeindliche Bewegung gesehen werden kann. Doch die Kritik der Enzyklopädisten bewirkte auch positives. Eine positive Folge der Enzyklopädie war die größer werdende religiöse Toleranz. Des Weiteren machten die Enzyklopädisten auf die Lage der Pfarrer aufmerksam, die im Gegensatz zu den Bischöfen wie Bauern lebten. Die Enzyklopädisten störten sich nicht per se an der Kirche, sondern an vielen Elementen ihrer Struktur und ihrer Lehre. Zu einer solchermaßen radikalen Kritik führte u.a. dass sich die Kirche auf ihre Tradition stützte, während die Enzyklopädisten keinen Wert auf Institutionen legten, deren Wertschätzung auf der Vergangenheit aufgebaut waren. Die Kirche erkannte die Existenz einer höheren Instanz als der menschliche Verstand an, während sich die Enzyklopädisten hauptsächlich auf den Verstand beriefen. Auch die hierarchische Kirchenstruktur missfiel den Enzyklopädisten, die die Aufhebung jeglicher gesellschaftlicher Standesunterschiede anstrebten. Die Periode der Aufklärung erscheint vor dem Hintergrund dieser komplexen Schwierigkeiten als eine Zeit der Kritik, in der die Enzyklopädisten Jesus Christus lediglich als historische Figur ansahen, ohne dass der religiöse und geschichtliche Kontext miteinbezogen wurde. Es gelang den Enzyklopädisten einigermaßen, die Kirche ihrer übersinnlichen Elemente zu berauben und sie als eine Institution zu betrachten, die in ihren Lehren die Ziele der weltlichen Macht unterstützte. Der positive Aspekt der Kritik resultierte u.a. darin, dass das Christentum dazu inspiriert wurde, die Religion von ihren Anachronismen zu bereinigen und alles, was die Religion verfälschte, zu beseitigen.
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6. Bibliographie
Primärquellen:
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Encyclopédie ou dictionnaire universel raisonné des connoissances humanes. Nouvelle impression en facsimilé de la premièreédition de 1751 - 1780, Band 1 - 13, Stuttgart 1966 [Gedruckte Ausgabe]
Als Grundlage für ins Deutsche übersetzte Beiträge dient:
Selg, Anette/Wieland, Rainer (Hrsg.): Die Welt der Encyclopédie, Frankfurt a.M. 2001. Kursiv gesetzte Begriffe in Zitaten zu den Artikeln sind aus dem Original übernommen, sofern nicht anders gekennzeichnet.
Sekundärquellen:
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http://www.historicum.net/themen/franzoesische-revolution/einfuehrung/politische-kultur/
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Arbeit zitieren:
Keziban Karaaslan, 2007, Religionskritik in der "Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers" von Denis Diderot und Jean Le Rond d´Alembert, München, GRIN Verlag GmbH
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