INHALTSVERZEICHNIS:
Einleitung 3
0. Definitionen der Begriffe „Urbanisierung“ und „Orient“ 4
0.1 Der Begriff „Urbanisierung“ in der Literatur und dessen Festlegung im Bezug
auf die orientalische Stadt 4
0.2 Die Gebietsabgrenzung des „Orients“ und die dafür verwendeten Synonyme in
der Literatur 6
0.2.1 Die Untersuchungen von Krause (1993) 6
0.2.2 Die Gebietsabgrenzungen in der für die vorliegende Arbeit verwendeten
Literatur. 8
1. Die orientalische Stadt 9
1.0 Einführung 9
1.1 Die Entwicklung der orientalischen Stadt. 11
1.1.1 Die Stadt des Alten Orients 11
1.1.2 Die Phase der klassischen römisch - griechischen Antike 12
1.1.3 Die Phase des Islamischen Mittelalters. 12
1.1.4 Die Phase der neuzeitlichen Kolonialstädte 13
1.2 Die Funktionen der orientalischen Stadt 14
1.2.1 Die Funktionalität einzelner wichtiger Strukturen der orientalischen Stadt16
1.3 Das Leben in der „Schutzgemeinschaft“ 18
1.4 Die Struktur der modernen orientalischen Stadt 19
2.Urbanisierungsprozesse in der Orientalischen Stadt. 23
2.0 Einleitung. 23
2.1 Das Wachstum der Städte Kairo, Teheran und Istanbul seit dem 2. Weltkrieg24
2.1.1 Bevölkerungswachstum 24
2.1.2 Die Ausdehnung der Städte in die Fläche. 26
2.2 Der informelle Sektor 28
2.3 Die Probleme des Städtewachstums und deren Lösungsversuche 29
2.4 Die Sicht der Bevölkerung auf die Entwicklung. 32
2.5 Die Besonderheiten der beschriebenen Städte 33
3. Zusammenfassung. 35
Literaturverzeichnis : 36
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Einleitung
„Immer mehr Menschen auf immer weniger Land.“ Mit diesem Satz ist in der Ägyptenkunde von Büttner/Friedmann (1991) das einleitende Kapitel überschrieben. Damit ist sehr präzise zusammengefasst, mit welchen Problemen Ägypten bereits vor 15 Jahren zu kämpfen hatte: Ein großer Bevölkerungszuwachs auf engsten Raum (nur das Niltal ist für den Menschen nutzbar) führt zwangsläufig zu enormen Urbanisierungserscheinungen. Auch die Binnenwanderung zieht immer mehr Menschen in die Städte, so dass auch dadurch der Anteil der städtischen Bevölkerung steigt. Ähnliches berichtet Klíma (1988) aus dem Iran: „Neben kahlen Gebirgen, die himmelhoch ragen, Sümpfen und Salzwüsten gibt es anheimelnde und wohlbestellte Felder, Weiden, Wälder, Siedlungen mit Gärten und Hainenallerdings nur dort, wo Wasser, dieser Schöpfer und Bewahrer des Lebens, vorkommt.“ Auch im Iran ist also trotz seiner Größe das urbare Land sehr begrenzt.
Dass diese Phänomene nicht nur für Ägypten oder dem Iran gelten, sondern für den ganzen Orient symptomatisch sind, ist Inhalt der vorliegenden Arbeit. Anhand der Beispiele Teheran, Kairo und Istanbul werden die orientspezifischen Urbanisierungsprozesse beschrieben. Zunächst aber wird auf den Typus der orientalischen Stadt eingegangen. Dabei werden in einem geschichtlichen Abriss die funktionalen und sozialen Strukturen einer typischen orientalischen Stadt erklärt. Anschließend wird auf die Veränderung der orientalischen Stadt in der Moderne eingegangen. In einer vergleichenden Analyse wird dann versucht, den gemeinsamen Nenner der Urbanisierungstendenzen und -phänomene in den Städten Teheran, Kairo und Istanbul herauszuarbeiten. Auf die Besonderheiten und Unterschiede der drei Städte wird danach eingegangen. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst.
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0. Definitionen der Begriffe „Urbanisierung“ und „Orient“
Wegen der Vielzahl von Definitionen des Begriffs „Urbanisierung“ sowie wegen der unterschiedlichen Gebietsabgrenzungen des Orients, die in der Literatur zu finden sind, scheint es dem Verfasser dieser Arbeit notwendig, in einem Vorkapitel auf die vielen Begriffserklärungen einzugehen und die für den Orient geeignete festzulegen.
0.1 Der Begriff „Urbanisierung“ in der Literatur und dessen Festlegung im Bezug auf die orientalische Stadt
Hofmeister (1999) fasst in seinem Lehrbuch einige Definitionen zusammen. An den Anfang stellt er eine von einem gewissen Chabot 1970 veröffentlichte Definition, die sich zunächst auf den Begriff „Verstädterung“ bezieht: „Entstehung und Wachstum von Städten und Stadtbevölkerung; Gesamtheit von Veränderungen, die mit solcher Entwicklung verknüpft sind.“ Davon ausgehend stellt Hofmeister dar, dass sich ein gewisser Konsens in der Lehre entwickelt habe, der den Begriff „Verstädterung“ auf quantitative und den Begriff „Urbanisierung“ auf qualitative Prozesse beschränke. Trotzdem lässt Hofmeister auch Autoren zu Wort kommen, die die Begriffe synonymisch verwenden.
Paesler zum Beispiel definiert Urbanisierung als „Prozess der Diffusion [Ausbreitung] von Urbanität“, unter Urbanität versteht er wiederum die „Gesamtheit der Faktoren, die städtisches Wesen ausmachen“ (zitiert nach Hofmeister (1999)). Pachner definiert „Verstädterung“ als die „Ausbreitung städtischer Leitbilder im ländlichen Raum“ und beschränkt den Begriff „Urbanisierung“ auf Prozesse, die in der Stadt stattfinden.
Zuletzt beschreibt Hofmeister die Definitionen von Heineberg, der aber hier aus seinen neuesten Lehrbüchern direkt zitiert wird.
Grundsätzlich verwendet Heineberg (2000,2003) die Begriffe „Verstädterung“ und „Urbanisierung“ synonymisch, formuliert dafür aber zahlreiche Varianten. Nimmt man sein „Humangeographie“ - Lehrbuch (Heineberg (2003)) als Grundlage, findet man darin sechs verschiedene Arten der Urbanisierung beschrieben. Unter „demographischer Verstädterung“ versteht der Autor zum Beispiel das Steigen des Anteils der Städtischen Bevölkerung eines abgegrenzten Gebietes. Zu dieser Art von Verstädterung gehören Begriffe wie „Verstädterungsgrad“ und
„Verstädterungsquote“. Aber auch Begriffe wie „Metropolisierung“ und „Megapolisierung“ fallen darunter.
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Ein zweiter großer Erklärungsansatz ist bei Heineberg (2003) die „Verstädterung als Städteverdichtung“. Damit ist ganz allgemein die „Verdichtung des Siedlungs- und Städtesystem“ (Heineberg (2003)) gemeint. Als auslösende Faktoren sind etwa die Umwandlung ländlicher Siedlungen in Städte durch die Zunahme der Bevölkerung gemeint oder etwa die Verdichtung von Räumen durch Stadtneugründungen, was zur Umklassifizierung von ländlichen in städtische Räume nach sich ziehen kann. Die dritte Art der Urbanisierung, die Heineberg beschreibt, ist die „Physiognomische Verstädterung“, d.h. „Verstädterung durch Städtewachstum und -umstrukturierung“. Dieser Bereich befasst sich vor allem mit der Auswirkung des Wachstums auf die Städte selbst.
Die gegenläufige Entwicklung, also die Städteschrumpfung und deren Auswirkungen beschreibt Heineberg (2003) unter dem Begriff „Counterurbanization“ der den vierten Abschnitt bildet.
Unter den Begriff „soziale Verstädterung“, bei Heineberg (2003) die fünfte Form der Urbanisierung, fallen Veränderungen der städtischen Lebensformen durch das Wachstum. So findet in den Entwicklungsländern zum Beispiel eine Verländlichung der Städte statt.
Der letzte Erklärungsansatz, den Heineberg (2003) beschreibt, die „funktionale Verstädterung“ befasst sich mit den Auswirkungen der Urbanisierung auf die Grunddaseinsfunktionen.
Andere Autoren wie zum Beispiel Zehner (2001) hinterlassen den Eindruck, dass der Begriff „Urbanisierung“ Bestandteil einer Klassifizierung ist, die mit den Begriffen „Metropolisierung“ und „Megapolisierung“ fortgesetzt wird, also quantitativ nach oben begrenzt ist. Gaebe (2004) hingegen übernimmt die aus Hofmeister (1999) bekannte Definition von Paesler.
Um die vielfältigen Urbanisierungsphänomene der orientalischen Stadt zu beschreiben, scheinen weniger differenzierte, allgemeiner formulierte Definitionen wie die nach Hofmeister (1999) zitierten Begriffserklärungen von Chabot oder Paesler am besten geeignet. Schon der Begriff des „Informellen Sektors“, eine typische Handlungsweise in der orientalischen Stadt als Folgeerscheinung der endogen (durch hohe Geburtenrate) als auch exogen (durch Landflucht) verursachten Bevölkerungswachstums betrifft mehrere der bei Heineberg (2003) beschriebenen Teilbereiche (physiognomische Verstädterung, soziale Verstädterung, funktionale Verstädterung), so dass die Grenzen unter ihnen verschwimmen und
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somit eine Übertragung der Heinebergschen Gliederung auf die
Urbanisierungsprozesse der orientalischen Stadt nicht sinnvoll erscheint. Vielmehr sollten die einzelnen Aspekte der Urbanisierung (Verstädterungsgrad, Umklassifizierung der ländlichen Räume) zum jeweiligen Phänomen herausgegriffen werden. Aus den gleichen Gründen werden die Begriffe „Urbanisierung“ und „Verstädterung“ in dieser Arbeit synonymisch verwendet, da weder eine Einteilung in quantitative und qualitative Prozesse (Konsens nach Hofmeister (1999)) noch in Prozesse auf den Land und in der Stadt (Definition von Pachner zitiert nach Hofmeister 1999)) sich wirklich für die orientalische Stadt aufrechterhalten lassen.
0.2 Die Gebietsabgrenzung des „Orients“ und die dafür verwendeten Synonyme in der Literatur
0.2.1 Die Untersuchungen von Krause (1993)
Die zahlreichen, verschiedenen Bezeichnungen und Abgrenzungen, die für das in der vorliegenden Arbeit zu behandelnden Gebiets in der Literatur kursieren, hat Krause (1993) untersucht und zusammengefasst. Bereits im Vorspann zu seinem Artikel stellte er im Bezug auf einen gewissen Pearcy (1964, zitiert nach Krause (1993)) fest, dass es sich „um eine nicht definierbare Region handele“. Unter der Bedingung einer „präzisen Definition“ verwirft er anschließend sämtliche bekannten Begriffe (Mittlerer Osten, Naher Osten, Orient und deren französische und englische Entsprechungen), unternimmt aber den Versuch, eine eigene Definition für die Region zu formulieren.
Des weiteren führt Krause (1993) aus, dass auch Gebietsabgrenzungen wie „arabisch“ oder „islamisch“ kaum den „näheren Überprüfungen standhalten“. So lässt der Terminus „arabisch“ außer Acht, dass es sich bei wichtigen Staaten, die den Kulturraum „Orient“ ausmachen, eben nicht um arabische Staaten handelt. So sind weder der Iran noch die Türkei „arabische Staaten“. Ebenso fallen die islamischen GUS - Staaten (Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan) aus diesem Raster.
Die Bezeichnung „islamische Staaten“ wiederum bezieht Länder (zum Beispiel Indonesien oder Bangladesch) mit ein, die übereinstimmend nicht zum Gebiet des Orients gezählt werden.
Zwei grundlegende Konzepte hat Krause (1993) in der Literatur ausgemacht, durch die die Gebietsbezeichnung „Naher Osten“ bzw. „Mittlerer Osten“ definiert werden.
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Zum einen verweist er auf das Konzept der „Kulturerdteile“. Diesem Konzept liegen Kriterien aus der physischen und der Kulturgeographie zugrunde. Dies führt zwar zu einer gewissen geographischen Homogenität, die Probleme sind aber politischer Natur: Die Grenzen eines so definierten Raumes lassen sich in einigen Teilen nicht mit den heutigen Staatsgrenzen in Deckung bringen.
Das zweite Konzept ist jenes der „politischen Terminologie“, das sich vor allem auf historische und strategische Kriterien stützt. Von Großbritannien ausgehend, wurden die Länder, die vormals zum Osmanischen Reich gehörten, als „Near East“ bezeichnet, während „Middle East“ die für Britisch - Indien strategisch wichtigen Räume bezeichnete. Diese Trennung wurde im Lauf der Zeit aufgegeben und heute wird hauptsächlich von „Middle East“ für die ganze Region gesprochen. Die Literaturgeschichte zu beiden Ansätzen bespricht Krause (1993) sehr ausführlich, darauf soll aber an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Ein eigenes Kapitel widmet Krause (1993) dem Sprachgebrauch in Deutschland. Dort ist bis nach dem zweiten Weltkrieg vor allem der Begriff „Orient“ dominant gewesen. Erst allmählich haben sich auch die aus dem angelsächsischen Sprachraum stammenden Begriffe „Naher“ und „Mittlerer Osten“ durchgesetzt, wobei, anders als in Großbritannien, der Begriff „Naher Osten“ dominierte. Zuletzt geht Krause (1993) auf die Definition der Region aus politologischer Sicht ein. Als Grundlage dient ihm dazu das Werk von Bassam Tibi (1989, zitiert nach Krause (1993)). Dieser bezeichnet die Region als „interaktionelles Subsytem“, bestehend aus drei Subregionen (Maschrek, Golfregion, Maghreb), wodurch der „Nahe Osten“ eine eindeutige Begrenzung erhält (wohl gleichbedeutend mit dem Begriff „Middle East“ im angelsächsischen Raum). Die Zugehörigkeit eines einzelnen Staates zum Nahen Osten (oder Orient) hängt für Tibi nicht von historischen oder strategischen Parametern ab, sondern allein davon, ob ein Staat in das regionale Subsytem integriert ist oder nicht.
Anhand von damals aktuellen Ereignissen (2. Golfkrieg) zeigt Krause (1993) auf, dass es sich beim Nahen Osten um ein dynamisches System handelt. So hat sich die Türkei aus damaliger Sicht erst kürzlich integriert, während der Status der islamischen GUS - Staaten noch völlig offen war. Auf die Frage nach dem inneren Zusammenhalt des Systems schlägt Tibi die „Unna“, die Gemeinschaft aller Gläubigen und die zusammenhängende Lage der Länder als Antwort vor. Zuallerletzt stellt Krause (1993) fest, dass sich der Kulturerdteil „Orient“ mit dem von Tibi
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definierten regionalen Subsystem „Orient“, eine historisch - politisch Einheit, in Einklang bringen lässt.
0.2.2 Die Gebietsabgrenzungen in der für die vorliegende Arbeit verwendeten Literatur Der „Altlas of Middle East“ von der „National Geographic Society” (siehe Mehler (2003)) berücksichtigt nur den Raum zwischen Ägypten und dem Iran einschließlich der Türkei, aber ohne den Sudan, damit fällt zum Beispiel der ganze Maghreb weg. Eine ganz ähnliche Gebietseinteilung ist bei Gelvin (2005) zu finden. Anderson (2000) fügt einer ähnlichen Abgrenzung noch Libyen und den Sudan hinzu. Die größte Darstellung des darzustellenden Raumes in der verwendeten englischsprachigen Literatur findet sich bei Bonnine (1994). Dort wird zwischen einem Kernraum (Core Area) und einem Übergangsraum (Fringe Area) unterschieden. Der Kernraum reicht dabei von Marokko bis Afganistan und von der Türkei bis einschließlich Sudan. Die Übergangszone beinhaltet Spanien, den Balkan, den südlichen Teil der Ukraine, die islamischen GUS - Staaten, Pakistan, Indien, Ostafrika bis einschließlich Kenia sowie die Staaten der Sahel- und Sudanzone.
In der verwendeten deutschen Literatur ist bei Popp (2004 und 2005) übereinstimmend nicht von Orient, sondern von „Arabischer Welt“ die Rede. Vordergründig sind damit die Mitgliedsstaaten der „Arabischen Liga“ gemeint. Popp (2004) weißt aber darauf hin, dass hier Abweichungen etwa zur Grenze des arabischen Sprachraums existieren. Die für die vorliegende Arbeit relevante Abgrenzung nimmt E. Wirth in Mensching (1989) vor. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass die heute unabhängigen islamischen GUS - Staaten damals noch in die Sowjetunion integriert waren. Jedenfalls ist diese Abgrenzung deckungsgleich mit jener von Bonnine (1994) (siehe oben) mit dem Unterschied, dass der Sudan bei Wirth nicht zum Orient gezählt wird.
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1. Die orientalische Stadt
1.0 Einführung
Eine Annährung an die orientalische Stadt geben bereits Stadtgeographie -Lehrbücher, teils wird dort in Form vergleichender Rezensionen auch auf die einschlägige Literatur eingegangen. Hofmeister (1999) sieht in der klassischen orientalischen Stadt ein Zwittergebilde. So geht er von der Frage „orientalische oder islamische Stadt?“ aus, die er dahingehend beantwortet, dass wichtige Kennzeichen der orientalischen Stadt auf die Antike, also auf vorislamische, altorientalische Zeiten zurückzuführen sind. So ist der „Suq (Bazar)“ Nachfolger der römischen Kollonaden, die Karawanserei Nachfolger der antiken Basilika und das „Hamam“ Nachfolger der römischen Therme. Andererseits sind andere wichtige Elemente eindeutig islamischen Ursprungs: Die Freitagsmoschee bezeichnet Hofmeister (1999) als „zentralen Bezugspunkt und dominierendes Element des Städtebaus im Orient“. Drei Gründe zeigt Hofmeister (1999) für den in der orientalischen Stadt so typischen Sackgassengrundriss auf: Das „Nebeneinander von Sippenverbänden verschiedener Herkunft nach Ethnien, Sprach- und Religionszugehörigkeit“ mit dem Drang zur Ghettoisierung und „Abschottung gegen Feinde selbst im Stadtgebiet“; die Größe der Sackgassen war stark vom Lasttierverkehr beeinflusst der wenig Platz einnahm, schließlich war ihre Struktur von ihrer Rechtsqualität beeinflusst, die einzelne Sackgasse war Eigentum ihrer Anrainer und nicht öffentlicher Raum. Aber auch hier weist Hofmeister (1999) auf eine gewisse Widersprüchlichkeit hin: Neben den Sackgassen ist der Grundriss einer typischen orientalischen Stadt auch durch die auf die Stadttore zulaufenden Durchgangsstraßen geprägt. Einen Hinweis auf die Fraktionierung der islamisch - orientalischen Städte sieht Hofmeister (1999) in der peripheren Lage der Kabsah (Burg) gegenüber der Medina (Zentrum) als „strategische Doppellage“ (Richter (1990) zitiert nach Hofmeister (1999)) gegen äußere und innere Feinde.
Hofmeister (1999) beschreibt dann die verschiedenen Formen der Bazare als wirtschaftliches Zentrum der orientalischen Stadt. Da diese in der vorliegenden Arbeit später noch näher beschrieben werden, soll hier darauf nicht eingegangen werden. An dieser Stelle bereits wichtig sind aber die religiösen Stiftungen (waqf), die für die typische orientalische Stadt prägend sind: Diese von „Herrschern, Beamten oder Händlern für religiöse und wohltätige Zwecke“ (Hofmeister 1999)
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gegründeten Stiftungen sind Grundstücke oder Gebäude von Moscheen, Hammams, Schulen oder Krankenhäusern.
Heineberg zitiert für das Schema der klassischen orientalischen Stadt Dettmann (1969, zitiert nach Heineberg (2003)). Dieser kommt aber zu ähnlichen Ergebnissen wie Hofmeister (1999) und muss hier nicht extra aufgeführt werden. Als Ergänzung zu Hofmeister (1999) sei lediglich angemerkt, dass Heineberg (2003) im Kontext zum Sackgassengrundriss auch das „Innenhofhaus“ erwähnt. Die moderne orientalische Stadt ist hingegen vom Dualismus der oben beschriebenen Altstadt mit der westlich beeinflussten Neustadt geprägt. Bei Hofmeister wird die moderne orientalische Stadt anhand des Modells von Seger (1975, zitiert nach Hofmeister (1999)) erklärt, während Heineberg (2003) zwei weitere Erklärungsmuster anbietet.
Laut Heineberg (2003) zeigt dass Modell von Seger, dass „die neue orientalische Stadt zweipolig aufgebaut und durch eine klare Wohnsegregation der einzelnen Sozial- bzw. Einkommensschichten gekennzeichnet“ ist. Seger hat dieses Modell übrigens anhand des Beispiels von Teheran entwickelt. Einen eigenen überarbeiteten Entwurf des Seger - Modells hat Zehner (2001) in seinem Lehrbuch veröffentlicht.
Aufgrund dieser Vorlage hat Eckart Ehlers (1992, zitiert nach Heineberg (2003)) ein eigenes, wesentlich komplexeres Modell entwickelt. Ehlers berücksichtigt darin neben der sozialökonomischen, auch die baulich - formale und die funktionale Differenzierung und geht darüber hinaus auf Wechselbeziehungen zu den ruralen Räumen ein.
Als drittes Modell stellt Heineberg (2003) die Arbeit von Wirth (2001) vor. Da das „Opus“ von Wirth (2001) die Grundlage einer noch folgenden näheren Beschreibung in der vorliegenden Arbeit sein wird, soll an dieser Stelle noch nicht darauf eingegangen werden.
Nachfolgend werden anhand der Arbeit von Wirth (2001) die oben erwähnten Kennzeichen näher beschrieben. Anhand der neuesten Arbeit von Seger (1997) wird auf die Urbanisierungsprozesse in der orientalischen Stadt übergeleitet.
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1.1 Die Entwicklung der orientalischen Stadt
Die Entwicklung der orientalischen Stadt unterteilt Wirth (2001) in vier Phasen:
• Die Stadt des alten Orients
• Die Stadt in der römisch - griechischen Antike
• Die Stadt im islamischen Mittelalter
• Neuzeitliche Kolonialstädte
1.1.1 Die Stadt des Alten Orients
Zunächst ist für die früheste Phase der Städtebildung im alten Orient unklar, was eine Siedlung zu Eigen sein muss, um sie als Stadt zu definieren. Ein Merkmal, das Stadt im Alten Orient ausmacht und häufig genannt wird, sind die „mutmaßlichen Tempel“, also stattliche Gebäude in zentraler Lage. Aus schriftlichen Quellen lässt sich ebenfalls das Merkmal einer Stadt sowohl nach horizontalen als auch vertikalen sozialökonomischen Gliederungen der Bevölkerung ableiten, also sowohl nach sozialem Ansehen als auch nach funktionaler Lokalisierung. Dieses beschreibt bereits nach Wirth (2001) eine frühe Arbeitsteilung in die drei (nach Heineberg (2003) übrigens vier) klassischen Wirtschaftssektoren. Das letzte häufig genannte Kriterium ist die Einbettung der Städte in ein Umland (vgl. Wirth (2001)).
Im Übrigen stellt sich im Bezug auf die Morphologie der altorientalischen Städte die Frage nach der Existenz eines planvollen Konzeptes. Meinungen von Forschern, die diese Frage bisher eher verneinend beantwortet haben, zieht Wirth (2001) aufgrund der Ergebnisse einer Arbeit von Eichmann (1991, zitiert nach Wirth) in Zweifel. Drei Grundmuster lassen sich erkennen.
In Mesopotamien sind Siedlungen mit ovalem Grundmuster zu finden. Die repräsentativen Bauten (Tempel, Paläste) waren überwiegend in nordwestlichsüdöstlicher Achse ausgerichtet. Dabei war nicht die astronomische Himmelsrichtung maßgeblich, sondern der zur Zeit der Grundsteinlegung wehende Wind. Zwar ist die auf der erwähnten Achse liegende Windrichtung dort vorherrschend, doch wehte der Wind ja nicht immer genau aus derselben Richtung. Dies führt zu Abweichungen von bis zu 15 Winkelgraden, auch bei Gebäuden in der gleichen Stadt. In Ägypten hingegen waren die Städte, zumindest die Grabstätten, die Wirth (2001) explizit erwähnt, streng geometrisch angelegt und ausgesprochen exakt in die astronomischen Himmelsrichtungen ausgerichtet. So beträgt die Abweichung bei
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einigen Pyramiden nur fünf Winkelminuten von der Nordrichtung (der 12. Teil eines Grades).
Auch im Hochland von Iran wurden die Städte und Gebäude streng geometrisch angelegt. Hier galten sogar Grundmuster, die in mehreren Städten angewendet wurden.
1.1.2 Die Phase der klassischen römisch - griechischen Antike
Ebenfalls sehr geometrisch angelegt waren die Städte der griechisch - römischen Epoche. Das Stadtareal gliedert sich in so genannte Insulae (rechteckige Parzellen), die Straßen waren meist in Nord - Süd und West - Ost - Richtung angelegt. In der Stadtmitte und am Hafen waren einige Parzellen als Marktplatz von der Bebauung freigehalten, die meist von Heiligtümern gesäumt waren. Dieses Konzept geht auf den Architekturphilosophen Hippodamus zurück. In der römischen Kaiserzeit wurde diese Art der Stadtplanung zur Perfektion geführt. Cardes waren die in Nord - Süd -Richtung und die Decumani die in Ost - West Richtung angelegten Straßenachsen. Laut Reincke (2002) lag das Forum meist am Schnittpunkt der auf die Stadttore zulaufenden beiden Hauptstraßen („Decumanus Maximus“ und der „Cardo Maximus“). Das Forum wurde dabei vom so genannten „Kapitoltempel“ beherrscht, der den Göttern Jupiter, Juno und Minerva geweiht war. Am Forum lag auch die meist „Basilika“ genannte Markthalle. Für die Entwicklung der orientalischen Stadt nicht unwesentlich sind auch die zahlreichen Thermenanlagen, die in den Wohngebieten angelegt waren.
Neben vielen Ruinenstädten, die im Orient noch Zeugnis dieser Epoche ablegen (z.B. Sabrata und Leptis Magna in Libyen), ist dieser Stadtgrundriss auch in heute noch bestehenden Städten erkennbar. Wirth (2001) führt als Beispiele Damaskus, Aleppo und Tripoli / Libanon auf.
1.1.3 Die Phase des Islamischen Mittelalters
Neben den genannten Beispielen der Kontinuität setzte in anderen Städten im Orient, wie in Mitteleuropa auch, in der Spätantike und im frühen Mittelalter eine Phase der Degenerierung der strengen, antiken Stadtanlage ein. Ein anschauliches Beispiel für die Degenerierung des Grundrisses ist das Römerlager „Mons Claudianus“ in Ägypten. Im 1. Jahrhundert wurde es als Arbeitersiedlung für einen Steinbruch noch im strengen Kanon römischer Stadtplanung errichtet. Als der Steinbruch im 4. Jahrhundert aufgegeben wurde, war
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die Siedlung durch Degenerierung stark zersplittert und mit einem Sackgassengrundriss durchsetzt.
Allerdings zeigt Wirth (2001) an den Beispielen Aleppo und Damaskus, dass gerade die islamischen Gelehrten andererseits auch die römisch antike Tradition fortführten, während anderenorts die Degenerierung bereits in byzantinischer Zeit einsetzte. In beiden Städten ist der strenge antike Grundriss noch heute erkennbar. Dies schließt auch die vorrömische Tradition der Rundstädte in Mesopotamien mit ein: Islamische Neugründungen wie Bagdad wurden daran orientiert. Bei Neugründungen auf ehemals römischem Gebiet waren wenigstens die Hauptstraßen nach einem regelmäßigen Muster angelegt. Freilich wurde am Kreuz der beiden Hauptachsen, wo bei einer Römerstadt meist das Forum lag, statt eines Kapitoltempel die Freitagsmoschee und statt einer Basilika der Suq errichtet. Der Sackgassengrundriss täuscht auch über eine Tatsache hinweg: Dass es auch dort, wo die Städte ungeordnet erscheinen, nämlich in den Wohnquartieren, Planungsvorgaben gab. Diese werden in der orientalischen Stadt aber „nicht streng schematisch […], sondern flexibel, bedarfsangepasst und nutzungsgerecht“ (Wirth(2001)) gehandhabt. Am Beispiel von der Vorstadt von Aleppo zeigt Wirth (2001) einige der festgelegten Maße auf: Die Hauptstraßen waren 5,5 bis 6 Meter untergeordnete Erschließungsstraßen 3,5 bis 5,5 Meter breit angelegt. Auch bei den Sackgassen gab es zwei Typen: größere mit stärkerem Passantenverkehr lagen in ihrem Maß zwischen 2,6 und 3,5 Meter, während die sich auffächernden Enden zwischen 1,7 und 2,6 Meter lagen.
Neugründungen von Städten hat es laut Wirth (2001) im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit im Orient, wie in Mitteleuropa auch, nicht mehr gegeben. Gravierende Veränderung erfuhren die orientalischen Städte erst wieder in der Kolonialzeit und in der Moderne.
1.1.4 Die Phase der neuzeitlichen Kolonialstädte
Am Anfang und in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Phase, in der zunehmend westliche Planungskonzepte auf die orientalische Stadt Einfluss nahmen. Dabei müssen aber exogene Impulse, ausgelöst durch die Eroberung durch die Kolonialmächte Frankreich, Großbritannien und Russland, von den endogenen abgegrenzt werden. Letztere fanden vor allem im Gebiet des Osmanischen Reiches statt und liegen sowohl in der Verantwortung westlich orientierter Minderheiten als
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auch in der Modernisierung des Verkehrs und den Modernisierungsbestrebungen der jeweiligen Regierungen begründet.
Die Kolonialmächte ließen meist den alten orientalischen Kern unangetastet, während sie neben den Altstädten moderne Stadterweiterungen für die Bevölkerung der Kolonialmacht errichteten.
Kennzeichnend für die endogene Entwicklung, die vor allem im Osmanischen Reich aber auch im Iran vonstatten ging, sind Stadterweiterungen, in denen Westliche Infrastruktur zunächst übernommen wurde. Wirth (2001) zählt hier einige Beispiele auf: Gymnasien, Hochschulen, Krankenhäuser, Bahnhöfe, Post- und Telgrafiebüros, Hotels, Cafés Restaurants, Varietés, Justizpaläste, Opernhäuser, Provinz und Stadtverwaltungen, Polizeikasernen.
In Konkurenz zum Suq werden auch westlich orientierte Wirtschaftsgebäude errichtet: Wirth nennt hier Büro- und Kontorhäuser, Banken, Markthallen, Straßenbahndepots, Großhandelslager.
Dem modernen Verkehr (damals Kutschen und Straßenbahnen) zollen auch die breit angelegten Straßen in den Stadterweiterungsquartieren Tribut. Ebenfalls in die endogene Entwicklung reicht die Bildung modern westlicher Geschäftsviertel in Kairo, Beirut, Aleppo, Teheran, Tunis, die sich entlang von Ausfallstraßen entwickelt haben.
1.2 Die Funktionen der orientalischen Stadt
Ausgehend von den Grundfunktionen „Herrschaft“ (Zitadelle, Burg, Palast, Militärorganisation, Gerichtsbarkeit), „geistig religiöses Leben“ (Tempel, Kirche, Moschee, Wissen, Schule, Kunst) und „nicht - agrarische Wirtschaft“ (Markt, Umschlagsplatz des Verkehrs, gewerbliche Produktion, Finanzwesen) arbeitet Wirth (2001) in einer vergleichenden Analyse zunächst die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Grundfunktionen der Städte aus verschiedenen Kulturkreisen heraus, bevor er speziell auf die Funktionen der orientalischen Städte eingeht. In der Zusammenfassung kommt Wirth (2001) zum Schluss, dass, eine abstrakte Sichtweise vorausgesetzt, „auch die orientalische Stadt in erster Linie Stadt und allenfalls in zweiter Linie Stadt des Orients“ (Wirth (2001)) sei und folglich in ihren Funktionen „nicht grundsätzlich anders als die Städte des Abendlandes“ (Wirth (2001)) erscheine. Als Beispiel nennt Wirth (2001) die „geistig - religiöse Führung“ die im (mittelalterlichen) Abendland in Form der Kathedrale und im Orient in Form der Freitagsmoschee ihren Ausdruck findet.
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Gleichzeitig weist Wirth (2001) darauf hin, dass eine solche Schlussfolgerung einen hohen Abstraktionsgrad voraussetzt, und folglich en detail Verschiebungen zu erwarten sind.
Auch könnten städtische Funktionen „in sehr unterschiedliche Kontexte eingebunden sein oder sehr spezifische Ausprägungen zeigen“.
An verschiedenen Stellen nennt Wirth (2001) verschiedene Funktionen im Bezug auf die orientalische Stadt, die anschließend, einschließlich der genannten, noch einmal aufgelistet werden:
• Religiöse Funktion (Freitagsmoschee)
• Marktfunktion (Bazar oder Suq)
• Rechtswesen (Quadi)
• Bäder (Hammam)
• Politische und Verwaltungsfunktionen
• Militärische und Schutzfunktionen
• Bereich der Herrschaft
• Qaysariya (Tuchhalle)
• Bedesten (analog zu den mittelalterlichen Versammlungsräumen der Gilden)
Für die räumliche Verteilung der Funktionen sind zwei Sachverhalte bestimmend: ein in Phasen ablaufender historischer Prozess, der auch als „räumliche Projektion einer zeitlichen Abfolge“ (Wirth (2001)) verallgemeinert werden kann und die bewusste Planung die eine gezielte Anordnung der Funktionsträger bewirkt. In zentraler Lage werden dabei meist die repräsentativsten Bauten angeordnet. Im Gegensatz zu Städten anderer Kulturkreise erfolgte aber in der orientalischen Stadt nur in Ausnahmefällen die Anordnung des Herrschersitz diesem Schema, wie zum Beispiel in Teheran. Wohl aber die Freitagsmoschee, in deren Umkreis ist meist der Bazar angeordnet ist.
Der Herrschersitz hingegen ist in den meisten Fällen peripher angeordnet, um ihn auch gegen stadtinnere Feinde verteidigen zu können.
Die für die Einhaltung des Reinheitsgebots in vorindustriellen Zeiten besonders wichtigen öffentlichen Bäder, die Hammam, waren hingegen dezentral auf die Wohngebiete verteilt.
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1.2.1 Die Funktionalität einzelner wichtiger Strukturen der orientalischen Stadt Nachfolgend soll an Hand von wichtigen Strukturen der klassisch - orientalischen Stadt deren Funktionalität in einzelnen Teilaspekten beleuchtet werden. Folgende Teilaspekte werden dabei untersucht:
• Der Bazar (Suq)
• Die Freitagsmoschee
• Der Sackgassengrundriss
• Das Innenhofhaus
a) Der Bazar oder Suq
Laut Wirth (2001) ist die Bedeutung des Bazars weder mit dem persischen Wort „Bazar“, noch mit dem arabischen Wort „Suq“ und auch nicht mit dem türkischen Wort „çarşi“ hinreichend genau beschrieben, da alle drei Wörter lediglich eine Stätte zum Einkaufen ganz allgemein bezeichnen. Wirth (2001) hat aber selbst folgende, noch als „vorläufig“ bezeichnete Definition gefunden: „Bazar ist der meist im Zentrum gelegene, traditionelle Geschäftsbezirk der Städte Nordafrikas und Vorderasiens. Er hat einen festen, in erster Linie wirtschaftlichen Bedürfnissen dienenden Baubestand und wird (von Feiertagen abgesehen) täglich betrieben. Seine Struktur und Funktion sowie seine architektonische Gestaltung sind ein Charakteristikum des orientalischislamischen Kulturkreises; sie reichen in allen wesentlichen Prägungen in die Zeit vor dem 19. Jahrhundert zurück.“
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Bazar im Wirtschaftsgefüge der klassischen orientalischen Stadt eine ähnlich zentrale Rolle wie der CBD in der westlich orientierten Stadt spielt. Er ist meist überdacht und seine Gassen laufen durch Khane (zweistöckige Werkstätten) und Hallen. Er besitzt einzelne abschließende Bereiche oder ist auch als Ganzes abschließbar, so dass er außerhalb der „Geschäftszeiten“ nicht benutzbar ist und auch nicht benutzt (etwa zum flanieren in den Abendstunden) wird. Meistens sind die Branchen räumlich voneinander getrennt, aber dennoch in hoher Vielfalt vertreten.
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b) Die Funktion der Freitagsmoschee
Die Freitagsmoschee ist nicht nur religiöses Zentrum der klassischen orientalischen Stadt, sondern war in früheren Zeiten auch geistig - wissenschaftliches und kulturelles Zentrum. So gruppieren sich um die großen Moscheen meist auch Gebäude für Koranschulen oder auch Gelehrtenschulen für Medizin etc. Aber auch gesellschaftlich bildeten die Moscheen den Rückgrat für das Leben in der Stadt: Meist waren dort auch die Armenküchen und Karawansereien untergebracht. Im Umfeld der Moschee befanden sich meist auch die öffentlichen Toilettenanlagen, die gerade im Mittelalter in den Wohnquartieren von Bedeutung waren. Ebenfalls im Umfeld vieler Moscheen zum Beispiel in Istanbul befinden sich auch die Grablegen der Herrscher oder ganze Friedhöfe, wie dies in Eyüp der Fall ist. (vgl. Linde (1991)).
c) Die Funktion des Sackgassengrundrisses
Die Wohnviertel der klassisch orientalischen Stadt sind durch eine besonders ausgeprägte Privatsphäre geprägt. Wirth (2001) bezeichnet im Gegenzug die westlichen Städte als Hochburgen der Öffentlichkeit. Der Sackgassengrundriss ist Ausdruck dieser Privatsphäre. Er erklärt sich daraus, dass die Bevölkerung meist sehr heterogen zusammengefasst war und aus verschiedenen ethnischen Gruppierungen bestand, die sich gegenseitig oft sehr feindlich gesinnt waren. Daher wurde von Seiten der Herrscher auf eine strenge Isolierung geachtet, um gewaltsame Auseinandersetzungen einzudämmen. Oft sind die Wohngebiete in einzelne Quartiere eingeteilt, die häufig auch extra durch Quartierstore verschließbar waren, um sich von benachbarten Quartiergruppen abzugrenzen und zu schützten. Innerhalb der Quartiere, in denen die Gassen oft blind endeten, war aber schon der Ansatz von Nachbarschaft vorhanden, da die Leute meist derselben Sippe oder Ethnie angehörten.
Damit ist die klassisch orientalische Stadt nichts anderes als „die Summe relativ selbständiger Einheiten“, die ohne „Bindung nebeneinander stehen“ (Wirth (2001)). Oft hatten die Quartiere auch eigene Moscheen (bzw. je nach ethnischer Gruppe auch Synagogen oder Kirchen), Bazare oder Hammams bzw. Mikwe (rituelles Bad der Juden).
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d) Das Innenhofhaus
Sehr weit verbreitet, eine große Ausnahme bildet die Türkei, ist im islamisch -orientalischen Kulturraum das Innenhofhaus. Diese zeigen sich zur Straße hin abweisend und meist fensterlos, während sich alle Wohnräume um einen Innenhof herum gruppieren. Wirth (2001) macht dafür zwei Gründe geltend: Zum einen ist es der Wunsch nach privater Abgeschiedenheit, der allerdings nicht erklärt, warum auch gewerbliche Gebäude wie Khane und Karawansereien oftmals im Typus des Innenhofhauses erbaut wurden. Als zweiten Aspekt macht Wirth (2001) hier klimatische Einflüsse geltend, für die das Innenhofhaus auf Grund der Kühlung der praktikabelste Haustyp ist. Für den ersten Grund spricht allerdings, dass der Bau von Innenhofhäusern oftmals Gesetzen (z. B. der Hisba) und traditionell überlieferten Regeln unterworfen waren, die einen gewissen Sichtschutz vor dem Nachbarn garantierten. So durften Haustüren innerhalb einer Gasse nur versetzt angeordnet sein, dass der Blick von einer Haustür in die andere nicht möglich war. Auch durfte kein Haus die anderen innerhalb eines Quartiers überragen, um den Blick von oben zu vermeiden. Erweiterungen der Häuser wurden deshalb nur in der Fläche, niemals in die Höhe durchgeführt, notfalls wurden benachbarte Häuser erworben. Allerdings ist das Innenhofhaus weit vor der islamischen Zeit nachweisbar, dürfte also eher traditionellen als religiösen Ursprungs sein (vgl. Wirth (2001)).
1.3 Das Leben in der „Schutzgemeinschaft“
Wirth (2001) weist am Beispiel der Stadt Fes in Marokko nach, dass in der klassischen Orientalischen Stadt selbst Bereiche unter den Mantel der Privatheit fallen, die in der römisch - antiken Stadt einerseits als auch in der christlichabendländischen Stadt andererseits wie selbstverständlich dem Bereich der Öffentlichkeit zufallen.
Ganz ausgeprägt war diese Tendenz der Absonderung in der Altstadt. Für Fremde war es etwa bis ins 19. Jahrhundert zum Beispiel in Fes verboten, die Altstadt zu betreten. Auch darüber hinaus sind nur die Durchgangsstraßen und die Märkte öffentliches Terrain. In die Sackgassenquartiere verirrt sich auch heute kaum ein Tourist. Wie oben angedeutet, ist jedes einzelne von ihnen auch mit einem Tor verschließbar.
Diese Art der Absonderung hat sehr wohl positive Seiten, nämlich die nachbarliche Gemeinschaft, in der gegenseitigen Hilfsbereitschaft stark ausgeprägt ist. Die
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„Kehrseite der Medaille“ ist aber eine Atmosphäre der ständigen Kontrolle, wie wir sie ähnlich in den Gemeinschaften abgelegener Dörfer auch im Abendland finden. Das Maß an Privatsphäre war in der Vergangenheit so stark ausgeprägt, dass nicht einmal der Polizei und der Justiz das Eingreifen innerhalb der Quartiere erlaubt war. Wirth (2001) zitiert hierzu einen Erfahrungsbericht von C. Pfaffenbach: „Die Medina sieht alles und wirft alles zurück. Aufgrund des geschlossenen Baukörpers der Innenstadt und der offen gestalteten Räume der Wohnhäuser gibt es für die Menschen innerhalb der Stadtmauern kaum Rückzugsmöglichkeiten. Alle Handlungs- und Verhaltensweisen werden im Umfeld registriert und sanktioniert. Der Einzelne befindet sich permanent unter Kontrolle, was gerade junge Leute oftmals als unerträglich empfinden. Die Kehrseite davon wird aber überaus positiv aufgenommen. Sie beinhaltet eine unbedingte Nachbarschaftshilfe […].“ Da es kaum Autoverkehr gibt, „können die Eltern ihre Kinder allein auf der Straße lassen. […] Angst davor, ein fremder Mensch könnte den Kindern etwas antun, existiert in den Altstadtquartieren nicht.“
Aber vor allem Frauen, für die in der Vergangenheit die Öffentlichkeit tabu war, fliehen immer mehr in die offeneren Neustädte (vgl. Wirth (2001)). Zu ähnlichen Ergebnissen, sowohl was die Morphologie als auch das Leben in den Sackgassenquartieren betrifft, kommen auch Costa/Noble (1988).
1.4 Die Struktur der modernen orientalischen Stadt
In der deutschsprachigen Lehrbuchliteratur (z.B. Heineberg (2000, 2003), Zehner (2000)) finden sich vor allem die folgenden zwei Modelle, die die Struktur der modernen orientalischen Stadt beschreiben: das in Grundzügen im Jahre 1975 am Beispiel von Teheran entwickelte Modell von Seger, und das darauf aufbauende verallgemeinerte Stadtmodell von Ehlers aus dem Jahre 1993. Grundlage im Seger - Modell ist die Zweipoligkeit: Dem alten Kern mit Medina und Bazar steht ein westlich orientierter CBD gegenüber. Verbunden sind die beiden Zentren mit älteren Geschäftsstraßen (wohl aus der Zeit des 19. Jahrhunderts) und „überrollten“ älteren Villenbereichen. Direkt an den CBD schließt sich die Apartmenthausbebauung an, gefolgt von den Villenvororten und den Wohnvierteln des Mittelstands, während sich um die alte Medina herum der Stadtteil für die breiteren Schichten gruppiert. Daran schließt sich bei Seeger ein als „abgewerteter Rand“ bezeichneter Siedlungsraum der ärmeren Bevölkerung an. Die Industriegebiete befinden sich überwiegend am äußersten Stadtrand, und zwar
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ausschließlich dem abgewerteten Rand benachbart. Einzige Ausnahme ist das Gebiet zwischen den „besseren“ Wohngebieten, die sich dem CBD anschließen, und den anderen Wohngebieten. Auch hier befinden sich direkt von CBD ausgehende Industriegebiete, die vermutlich eine Art Pufferzone bilden (vgl. Heineberg (2003), Seeger (1997)).
Daraus entwickelte Ehlers (1993, zitiert nach Heineberg (2000, 2003)) ein verallgemeinertes Stadtmodell auf drei Ebenen: Auf der ersten Ebene berücksichtigt Ehlers vor allem sozioökonomische Kriterien, auf der zweiten Ebene geht er vor allem auf baulich - formale und auf der dritten Ebene auf funktionale Kriterien ein. Anders als Seger berücksichtigt Ehlers auch die Verkehrsachsen in Form der Ausfallstraßen und der Eisenbahn, allerdings nur schematisch angedeutet. In der ersten Ebene unterscheidet sich das Modell kaum von dem von Seger. Nur der CBD schließt sich bei Ehlers direkt an die Altstadt an. Vom einen Ende zum anderen der Stadt sind, grob betrachtet, folgende Gliederungseinheiten bei Ehlers vorhanden:
Ländlicher Raum - Städtische Peripherie - Altstadt / Medina - CBD / Neustadt -Städtische Peripherie /Ländlicher Raum. Ehlers grenzt allerdings die Gebiete in der Stadt nicht so stark voneinander ab, wie es im Seger -Modell der Fall ist. Auch trennt Ehlers die Apartmenthäuser und die „Gehobenen Wohnviertel“ vom CBD und setzt stattdessen in die unmittelbare Nachbarschaft die „Wohnquartiere des Mittelstandes“.
Die Industriegebiete sind dafür stärker differenziert und weisen als Subeinheiten „moderne Industrien“, „Leichtindustrien“, „traditionelle Industrien“ und
„Reparaturwerkstätten“ auf. Neben dem CBD und der Medina gibt es bei Ehlers noch ein „Einkaufsviertel“ in den gehobenen Wohnvierteln. Auf der zweiten Ebene geht Ehlers auf die Gebäudehöhen und die Grundstückspreise ein. Auch eine zentralörtliche Betrachtung ist darin enthalten: In der modernen Stadt bildet der CBD den zentralen Ort und nach außen hin fallen dessen Funktionen zur Peripherie hin ab (eigene Interpretation der Ehlerschen Grafik). Die Medina bildet mit ihrer traditionellen Struktur dabei ein zentralörtliches Subsystem. Die Grundstückspreise sind erwartungsgemäß in der Nähe des CBD am höchsten und fallen zum Rand hin ab.
In der dritten Ebene stellt Ehlers die vielfältigen geschäftlichen Verflechtungen der einzelnen Industriezweige mit dem Bazar und dem CBD und auch die
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hauswirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den Wohngebieten und dem Bazar, dem CBD und dem „Einkaufsviertel“ dar, wobei eine Zweiteilung in Einkommensschichten auffällt: Die höheren Einkommensschichten streben eher dem CBD und dem „Einkaufsviertel“ zu, während die niederen Schichten traditionell dem Bazar verbunden sind. Genau so gilt auch eine Differenzierung zwischen traditionellen und Leichtindustrien sowie den Reparaturwerkstätten einerseits und den modernen Industrien andererseits.
Das Modell von Seger ist unter Berücksichtung der örtlichen Verhältnisse auf Istanbul übertragbar: Das Modell der Zweipoligkeit muss hier allerdings durch ein Modell mit vier Zentren erweitert werden: Zum einen ist da der alte Bazarbezirk in der Altstadt zu nennen. Schon immer westlich geprägt war der Stadtteil Galata -Beyoğlu (früher Pera), der sich mit der Fußgängerzone „İstiklâl Caddesi“ (früher: Grand Rue de Pera) schon seit dem 19. Jahrhundert zum Geschäftsviertel entwickelt hat, so dass bis heute ein CBD westlicher Prägung entstand. Weitere zwei CBDs lassen sich in den asiatischen Stadtteilen finden: Zum einen hat sich aus dem alten Bazarbezirk von Üsküdar ein solches modernes Geschäftsviertel entwickelt, aber auch in der Nähe des Asiatischen Bahnhofes (Hayderapaşa, Beginn der berüchtigten „Bagdadbahn“) in Kadiköy war das der Fall. Ein neueres, fünftes Zentrum ist das erst vor wenigen Jahrzehnten entstandene Geschäftsviertel „Levent“. Um die Verteilung der Wohnbevölkerung von Istanbul mit dem Modell von Seger zu vergleichen, muss zunächst auf eine in Görgülü (2002) veröffentlichte kartographische Darstellung zurückgegriffen werden, die Istanbul in den 1960er Jahren zeigt. In Graphiken neueren Datums unterscheidet Görgülü leider nicht mehr zwischen „Wohngebiet“ und „Wohngebiet für die Gruppe mit hohem Einkommen“, so dass hiefür die Beschreibungen von Hütteroth (2002) als Grundlage dienen. Wie im Modell von Seger zeigt sich in der Karte von 1960 um die alten Zentren der Altstadt auf der europäischen, sowie Üksüdar und Kadiköy auf der asiatischen Seite das einfach als „Wohngebiet“ bezeichnete Gebiet der breiten Massen. Entlang des europäischen Ufers des Marmarameers erstreckt sich dieses bis zum damaligen Hafen von Ataköy, lediglich Unterbrochen vom Hafen von Zeytinbrunu. An den Hafen von Ataköy schlossen sich damals Gebiete der reicheren Bevölkerung an. Weitere solche als „Wohngebiete für die Gruppe mit hohem Einkommen“ bezeichnete Wohngegenden schließen sich direkt an Beyoğlu an und sind am Bosporus gelegen.
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Auf der asiatischen Seite stoßen die reicheren Gegenden, anders als im Modell von Seger unmittelbar an die normalen Wohngebiete an. Nördlich von Üksüdar und Südlich von Kadiköy. Ein weiterer Unterschied zum Modell von Seger ist auch, dass die Industriegebiete nicht ganz außen, sondern zwischen den „normalen“ Wohngebieten und den damals als Armenviertel zu bezeichnenden Gecekondŭ -Viertel (zu den Gecekonds später) liegt, zumindest auf Europäischer Seite. Ein solches Industriegebiet fehlte in den 60er Jahren bei Üksüdar als Puffer, dort geht das „normale“ Wohngebiet direkt in das Gecekond - Viertel über. Das einzige Industriegebiet, dass es in den 1960er Jahren auf asiatischer Seite gab, lag südlich der „Reichensiedlung“, die sich bei Kaniköy anschließt. Auch hier lag das Gecekond hinter dem Industriegebiet im Landesinneren (vgl. Görgülü (2003)). Heute sind im Zuge der Expansion der Stadt aus den Gecekond - Viertel „normale“ Wohngebiete geworden und die Gebiete der „Reichen“ haben sich ausgedehnt und verdichtet, die Industriegebiete liegen jetzt hinter den präsenten Gecekondŭs, ansonsten ist die Grundstruktur seit 1960 relativ persistent geblieben (vgl. Hütterot (2002)).
In Kairo befindet sich die Medina auf einer überschwemmungssicheren Schichtstufe des Niltals. Der Herrschaftssitz wurde auch hier auf einem Sporn am westlichen Rand der Altstadt errichtet. Anders als in den beiden Stadtmodellen von Ehlers und Seger beschrieben war sie ursprünglich der Wohnort der einkommensschwachen Bevölkerungsschichten, während die breiten Bevölkerungsschichten in Vierteln staatlichen Wohnungsbaus unterkamen. In der Folgezeit ist allerdings das Einkommensniveau der Bevölkerung in der Altstadt gewachsen, was zu einer Zunahme der Immobilienpreise und zum illegalen Bau von bis zu neunstöckigen Apartmenthäusern geführt hat. In der Kolonialzeit, Voraussetzung war die Regulierung des Nils, wurde im Westen der Altstadt bis zum Nilufer die erste Stadterweiterung planmäßig angelegt. Diese Kolonialstadt entwickelte sich bis heute zum CBD. Im Osten der Altstadt und an den CBD im Westen anschließend gibt es wenige, planmäßig angelegte Viertel des staatlichen Wohnungsbaus. Ansonsten ist Kairo vom Informellen Wohnungsbau geprägt. Hier zählen vor allem die informellen Siedlungen auf Bewässerungsland hinzu. Während in Ihnen noch relativ gut situierte Bevölkerungsschichten sich niedergelassen haben, wohnen die Ärmsten der Armen in so genannten „Squatter - Siedlungen“, d.h. auf besetztem Staatsbesitz.
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Ursprünglich wurden von der untersten Einkommensschicht sogar die Friedhöfe besiedelt, aber auch dort sind die Immobilienpreise gewachsen. Allerdings gibt es auch Neubaugebiete, die sich in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung befinden. Die Ende der 1970er Jahre in einem Kranz um Kairo herum errichteten Trabantenstädte, die mit einem Modell des „Mieteigentums“ auf die Mittelschicht abgestimmt waren, standen bis in die Mitte der 1990er Jahre aufgrund verfehlter Wohnungspolitik zu 2/3 leer, während die dazugehörenden Gewerbegebiete aufgrund hoher Subventionen florierten. Die Bevölkerung mit hohen Einkommen wohnt inzwischen in bewachten Wohnghettos, die neben Villen auch Apartmenthäuser aufweisen und privat geführt sind (vgl. Ibrahim (1996), Meissner / Müller- Mahn (2002), Meyer (2004a)).
2.Urbanisierungsprozesse in der Orientalischen Stadt
2.0 Einleitung
Eine ältere Arbeit, nach langen Recherchen des Verfassers auch die einzig auffindbare Monographie, stellt das Buch „Urbanization in the Middle East“ (Costello (1977)) dar. Trotz ihres Alters sind darin auch heute noch gültige Themen angesprochen: Etwa die Wanderungsbewegungen von ländlichen Gebieten in die Stadt, die durch „Pull“- und „Push“ - Faktoren begründet sind deren Probleme der sozialen Migration, sowie die daraus resultierenden Strukturprobleme der Stadt. Da Costellos Arbeit in einer Reihe namens „Urbanization in Developing Countries“ erschienen ist, erschien es dem Verfasser der vorliegenden Arbeit nicht falsch, auf Aufsätze zurückzugreifen, die die Urbanisierung in den Entwicklungsländern zum Thema haben, im Bewusstsein, dass Ägypten inzwischen zu den Schwellenländern und die Türkei zu den Industrienationen gezählt werden dürften, der Iran überdies Erdöl exportiert. Es sind dies die Aufsätze von Coy/Kraas (2003) und Keiner /Schmid (2003). Zahlenmaterial zur Urbanisierung im Orient findet sich überdies im „National Geographic Atlas of the Middle East“ (Mehler (2003)) und in verschiedenen Arbeiten an verschiedener Stelle.
Zunächst wird auch auf das enorme Wachstum der drei Beispielstädte seit dem 2. Weltkrieg eingegangen, sowohl im Bezug auf die Zunahme der Bevölkerungszahl als auch auf die Ausdehnung der Fläche. Dabei soll auch auf die Gründe des Städtewachstums eingegangen werden.
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Der darauf folgende Abschnitt beschreibt mit dem informellen Wirtschaftssektor ein im Orient recht verbreitetes Phänomen.
Im Anschluss daran wird die Schwierigkeit des Umgangs der Städte mit dem enormen Wachstum besprochen. Die Wahrnehmung der Bevölkerung wird danach beschrieben.
Den Abschluss des Kapitels bildet eine kurze Beschreibung der Besonderheiten der drei Beispielstädte.
2.1 Das Wachstum der Städte Kairo, Teheran und Istanbul seit dem 2. Weltkrieg
Die Urbanisierungstendenzen im Orient sind eingebunden in die globale Entwicklung: So weißen Keiner / Schmid (2003) darauf hin, dass die Weltbevölkerung von 1950 bis 2000 von 2,5 Milliarden auf 6 Milliarden sich mehr als verdoppelt hat. Bis 2030 ist eine Bevölkerungszahl zwischen 8 und 13 Milliarden Menschen zu erwarten. Zugleich stieg und steigt auch die Zahl der städtischen Bevölkerung, während der Anteil der ländlichen Bevölkerung sinkt. Dass davon die Entwicklungsländer um einiges stärker betroffen waren und sind, weisen sie in einer sehr anschaulichen Graphik nach. Coy / Kraas (2003) gehen in diesem Sinne davon aus, dass 2007 erstmals die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Nach Schätzungen lag der Verstädterungsgrad der Weltbevölkerung im Jahre 1950 gerade mal bei 29,8 %. Zwar ist die Urbanisierungsrate in den Entwicklungsländern mit 40 % wesentlich geringer als in den Industrienationen mit 75 %, doch wird dort gerade die städtische Bevölkerung stärker wachsen als in den Industrienationen. Für Kairo und Istanbul erwarten Coy / Kraas (2003), dass beide Städte bis zum Jahr 2015 eine Einwohnerzahl von 15 Millionen erreichen werden, und somit zu den Megastädten zählen. Andere Quellen weisen eine solche Einwohnerzahl bereits für heute aus.
2.1.1 Bevölkerungswachstum
Für das Jahr 1950 sind bei Mehler (2003) für Kairo 2,4, für Istanbul 1,1 und für Teheran etwas über 1 Million Einwohner verzeichnet. Bis zum Jahr 2000 hat sich die Bevölkerung in allen drei Städten nahezu verzehnfacht: So weist Mehler (2003) für Kairo 9,5, für Istanbul 9 und für Teheran immerhin noch 7 Millionen Einwohner aus. Andere Quellen weichen von diesen Angaben aber ab: Für Istanbul geht Görgülü (2002) im Jahre 2000 von 10 Millionen Einwohnern aus, während bei Hütterot (2002)
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bereits 1995 die 12 Millionen erreicht waren. Für Teheran bestätigen Momeni / Seger (2004) die Zahl der 7 Millionen auf der Grundlage von Zahlen für das Jahr 1996 zwar, sind aber der Meinung, dass die Zahlen für den Agglomerationsraum aussagekräftiger seien. Sie zählen dazu die Provinz Teheran mit 9 Millionen Einwohnern. Die Begründung dafür ist, dass die Stadt Teheran zwischen 1966 und 1996 nur um das 2,6 fache gewachsen ist, während die Bevölkerung in der Provinz 1996 siebenmal so groß war wie 1976. Ganz ähnlich zählt Ibrahim (1996) für Kairo nicht nur die Stadt sondern ebenfalls die Agglomeration und kommt dabei im Jahre 1994 auf annährend 12 Millionen Einwohner. Die Gründe für das Wachstum der Städte sind sowohl endogener (hohe Geburtenrate) als auch exogener (hohe Zuwanderungsrate der Landbevölkerung) Natur.
Die hohe Geburtenrate schlägt sich auch in der Bevölkerungszahl der gesamten Länder nieder, was wiederum Rückkoppelungseffekte auf das endogen verursachte Städtewachstum hat: So hatte nach Angaben von Ibrahim (1996) Ägypten im Jahre 1947 gerade einmal 19 Millionen Einwohner, im Jahr 1994 waren es schon 58 Millionen. Für das Jahr 2000 ist bei Mehler gar von 71 Millionen Menschen die Rede. Ähnliches ist auch im Iran erkennbar: So ist dort laut Momeni / Seger (2004) im Zeitraum von 1970 bis 2000 die Bevölkerung von 40 auf 70 Millionen Menschen angewachsen. Ähnliches lässt sich bei Hütterot (2002) für die Türkei ablesen: Lebten dort 1950 noch 20 Millionen Menschen, wurde 1997 die 60 Millionen - Marke überschritten, wenngleich sich das Wachstum seitdem verlangsamt hat. Auch heute noch ist die Wachstumsrate der Bevölkerung sehr hoch: Laut Heineberg (2003) liegen Ägypten und der Iran in der Klasse von 2 - 2,9 % Bevölkerungszuwachs pro Jahr und die Türkei noch in der Klasse von 1 - 1,9 %. (Im Vergleich: Deutschland 0 %). Dass dafür eine hohe Fertilität die Ursache ist, zeigt Mehler (2003) anhand der durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau: Ägypten 3,5, Iran und Türkei 2,5 Kinder pro Frau (Im Vergleich bekam in Deutschland laut Heineberg (2003) jede Frau nur 1,9 Kinder). Gleichzeitig wuchs in allen drei Ländern der Anteil der städtischen Bevölkerung an: In der Türkei und im Iran liegt dieser heute bei 66 % und in Ägypten immerhin noch bei 43 % (nach Mehler (2003)). Die Ursachen für die Binnenmigration ist in Pull- wie Push - Faktoren gleichermaßen zu suchen: So ist es bei wachsender Bevölkerungszahl für die Landbewohner zunehmend schwierig, von den immer weiniger werdenden Einkommen ihre Familie
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zu versorgen, während das Leben in der Stadt trotz anfänglicher Integrationsschwierigkeiten viele Chancen birgt, bzw. die Einkommenslage als vergleichsweise attraktiv erscheint (vgl. Costello (1977), Hütteroth (2002)).
2.1.2 Die Ausdehnung der Städte in die Fläche
Istanbul
Am Anfang des 19. Jahrhunderts umfassten die Siedlungsgebiete im Großraum Istanbul gerade mal die Altstadt, die Gegend um die Eyüp - Moschee, Galata -Beyoğlu und Üksüdar, von kleinen Fischerdörfern am Bosporus einmal abgesehen. Bis zum Jahre 1940 wuchs die Stadt dann im vergleichsweise bescheidenen Rahmen vor allem von Beyoğlu aus in nördliche Richtung bis zu den etwa 3 km weit entfernten Siedlungen isli und Beşiktaş, sowie von Üksüdar aus bis ins 10 km entfernte Ereköy. Ein weiterer Siedlungskern entstand in çirğan, mit etwa 2 km Länge. Die Altstadt wuchs bis dahin kaum. Bis 1975 wuchsen die Stadtteile nördlich von Galata - Beyoğlu bis auf einen Durchmesser (von Galata aus) von fünf Kilometern. Bis dahin hat die Agglomeration aber auch die Fischerdörfer am Bosporus erfasst, so dass hier ein Band von 20 km Länge entstand, analog am asiatischen Ufer. Auch die Altstadt wuchs aufs doppelte ihrer Länge Richtung Westen (und aufgrund der fächerförmigen Form der Halbinsel auf der sie liegt, auf das dreifache ihrer Fläche). Auch um Üksüdar hat sich die Siedlungsfläche zwischen 1940 und 1975 verdreifacht. Die heutige Siedlungsfläche dürfte das sechsfache der Fläche von 1975 betragen. Diese Zahl geht auf Schätzungen des Verfassers zurück, abgeleitet aus einer Karte bei Hütteroth (2002). Hat sich die Stadt bis 1975 vor allem entlang der Küsten ausgedehnt, wuchs sie danach auch ins Landesinnere (vgl. Görgülü (2002) und Hütteroth (2002)).
Kairo
Wie bereits erwähnt, liegt der alte Kern von Kairo auf einer Schichtstufe, so dass die alte Stadt vor dem jährlichen Nilhochwasser geschützt war. Als der Nil in der Neuzeit reguliert war, konnten die Kolonialherren die Stadt im 19. Jahrhundert bis zu den Ufern des Nils ausdehnen. Nach 1952 expandierte die Stadt vor allem nach Westen und Norden. Später entstanden in den sechziger und siebziger Jahren einige geplante neue Stadtviertel (z.B. „Stadt der Ingenieure“ westlich des Nils und „Nasser
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Stadt“ in der östlichen Wüste) mit mehrspurigen Hauptstraßen. Neben der legalen Bebauung, die nach einer bei Ibrahim (1996) zu findenden Karte, die den Stand von 1989 zeigt, allein schon das Doppelte der Bebauung von 1947 aufweist, ist die Ausdehnung der Stadt vor allem auf spontane Bebauung zurückzuführen, die etwa dazu führte, dass die Agglomeration im Westen bis kurz vor die Pyramiden von Gizeh heranreicht. Ist von dieser Art der Bebauung in der Karte bei Ibrahim (1996) nur ein relativ schmaler Rand zu sehen, der noch dazu von geplanten Baugebieten durchsetzt ist, macht der illegale Sektor in anderen Abbildungen fast die Hälfte der Agglomeration aus, wenn man die „Squatter - Siedlungen“ mit einbezieht, so z. B. bei Meyer (2004a), der seine Karte nach El Kadi modifiziert hat. Die Ausdehnungsfläche ist trotz alldem auf den ehemaligen Bewässerungsflächen sehr begrenzt, was eine unglaubliche Verdichtung nach sich zieht. So lag die Einwohnerdichte für einige Gegenden bei 100.000 Menschen pro qkm bei einer Belegungsquote von 2,4 Personen pro Zimmer (vgl. Ibrahim (1996), Meissner / Müller - Mahn(2002), Meyer (2004a), Wallert (2005)).
Teheran
Teheran, das 1786 Isfahan als Residenzstadt des persischen Reiches ablöste, dehnte sich bis 1870 kaum aus. Wie in anderen orientalischen Städten war die Altstadt vom Bazar und dem Sackgassengrundriss mit Innenhofhäusern geprägt. Ebenso wie in anderen orientalischen Städten war der Palastbezirk („Arkes“) zur Stadt hin durch eine eigene Mauer abgegrenzt und lag am Nordende der Stadt, um eine Fluchtmöglichkeit zu gewährleisten.
Nach einer in Pakzad (1983) wiedergegebenen Karte fand eine erste große Stadterweiterung während der ersten Herrschaft von Reza Pahlavi zwischen 1925 -1941 Richtung Nord - Westen statt, bei der das Stadtgebiet schätzungsweise verdoppelt wurde. Nach einer bei Seger (1997) zu findenden Karte kann man auch von einer Vervierfachung des Gebiets zwischen 1870 und 1950 ausgehen. Danach dehnte sich die Stadt in einem Sporn vor allem Richtung Norden aus. Hier weicht allerdings das bei Pakzad (1983) und Seger (1997) veröffentlichte Kartenmaterial stark voneinander ab. Nach der Karte bei Seger (1997) ist die Stadt bis 1970 nur gering in alle Richtungen gewachsen, während das Siedlungsgebiet bis 1990 fast verdoppelt wurde. Dabei lag der Hauptschwerpunkt des Wachstums im Westen,
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sowie in kleineren Spornen im Süden und Südwesten. Interessant ist die von Seger (1997) beschriebene Genese der Zweipoligkeit. Lag der CBD ursprünglich noch unmittelbar an der Altstadt, so ist er über mehrere Perioden bis 1970 immer weiter nach Norden gewandert (vgl. Pakzad (1983), Seger (1997)).
2.2 Der informelle Sektor
In der Literatur wird der informelle Sektor oft als das prägende Element in der modernen städtischen Ökonomie der orientalischen Stadt bzw. der Städte in Entwicklungsländern gebraucht. Mit diesem Phänomen befasste sich Gertel (1999) am Beispiel von Khartum im Sudan. Zur Erklärung des Phänomens greift er auf eine Definition des „International Labor Office“ zurück, wonach das Konzept „die städtische Ökonomie der Armen als einen eigenen Wirtschaftssektor,“ beschreibe, „der (vermeintlich) unorganisiert und weder statistisch noch juristisch oder fiskalisch erfasst“ (Gertel (1999)) sei. Gertel (1999) spart dabei nicht an Kritik. Er übt diese sowohl in konzeptioneller, als auch in entwicklungspraktischer und darüber hinaus in diskursanalytischer Hinsicht. Dabei hat das Konzept bezogen auf den illegalen Siedlungsbau sehr wohl eine Berechtigung.
Im bereits mehrfach zitierten Artikel von Meyer (2004a) werden die informellen Siedlungen von Kairo ausführlich beschrieben. Neben den bereits erwähnten „informellen Siedlungen auf Bewässerungsland“ und den „Squatter - Siedlungen“ auf Staatsland findet der informelle Häuserbau auch in den geplanten Siedlungen des staatlichen Wohnungsbaus und in der alten Medina statt. Dort werden inzwischen bis zu neunstöckige Häuser illegal errichtet. Waren die Bewohner ursprünglich sehr einkommensschwach, so dass die durch die Eigentümer eingenommenen Mieten nicht zum Erhalt der Häuser reichten, so sind in Zeiten des Wirtschaftsbooms und durch Gastarbeiter, die in Dubai beschäftigt sind, die Einkommen so stark gestiegen, dass seit den 80 er Jahren ein Bauboom ausgelöst wurde. Dabei werden die Häuser illegal aufgestockt und bis an den Rand von antiken Monumenten illegal Häuser errichtet. Auch die Wohnungen in den fünfstöckigen staatlichen Sozialblöcken werden manchmal auf skurrile Art illegal erweitert, um dem wachsenden Platzbedarf gerecht zu werden. Wegen der geringen Mietpreise und ihrer eigenen schwachen Einkommensstruktur ist es den meisten Bewohnern hier nicht möglich auszuziehen. Selbst vor Friedhöfen machte die illegale Bebauung nicht halt: Ursprünglich siedelten dort Personen, für die selbst die illegalen Siedlungen auf Bewässerungsland zu teuer wahren. Inzwischen sind dort aber die Mieten gestiegen, so dass die Grabbauten,
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die inzwischen oft schon über Elektrizität- und Wasseranschluss verfügen, nicht mehr von jedem in Not Geratenen bezahlt werden können. Die illegalen Siedlungen, zumal die äußerst dicht bebauten Gegenden in den Bewässerungsgebieten, haben sich zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt: Aus ihnen stammen sehr viele islamische Fundamentalisten (vgl. Meyer (2004a).
In Form der Gecekondŭ findet der informelle Wohnungsbau ebenso in der Türkei, speziell in Istanbul statt. Gecekondŭ heißt wörtlich übersetzt „über Nacht gebaut“, was in der Vergangenheit auch tatsächlich der Fall war. Weil nach islamischen Recht es eine Sünde ist, jemandem das Dach über dem Kopf wegzunehmen, konnten die Behörden nur während des Baus einschreiten, aber nicht bei Häusern, die plötzlich über Nacht dastanden. Dies war noch möglich, als die Gecekonds ebenerdige Gebäude waren. Inzwischen sind die Gecekondŭs mehrstöckige Häuser (vgl. Görgülü (2002), Hütteroth (2002)).
Dass der informelle Sektor auch außerhalb des Siedlungswesens eine Rolle spielt, zeigt sich in folgendem bemerkenswerten Umstand: In Kairo war in der Vergangenheit selbst die Müllabfuhr durch private Müllsammler im informellen Sektor organisiert.
Für Teheran ist in der Literatur im Bezug auf den informellen Sektor nichts zu finden.
2.3 Die Probleme des Städtewachstums und deren Lösungsversuche Istanbul
Der erste Versuch einer planvollen Stadtentwicklung in Istanbul stellt der so genannte „Prost - Plan“ dar, der in den Jahren 1937 bis 1951 entworfen wurde und Flächennutzungs- und Bebauungspläne nach westlichen Maßstäben beinhaltete. Da seine Entwicklung in Jahre der Bevölkerungsstagnation fiel, wurde er bald von der rasanten Entwicklung übertollt und obsolet. Der Bevölkerungszuwachs, der zwischen 1940 und 1950 noch 20 % betrug, stieg alsbald auf 80 % an. Daher begnügte sich der Staat damit, Gecekondŭ - Siedlungen zu legalisieren und nachträglich mit Infrastruktur, wie Erschließungsstraßen und Trinkwasserversorgung, zu versehen. Damit wurden ehemaligen Gecekonds zu regulärem Bauland und zum Spekulationsobjekt, was die einstigen Landbesitzer zu reichen Leuten machte, da diese reguläre Wohngebiete bauen konnten. Trotz zahlreicher
Flächennutzungspläne ist es in Istanbul bei einem ungehemmten Wachstum geblieben. Nur einzelne graduelle Verbesserungen wurden durchgeführt: Zum
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Beispiel wurden alte Industrien, die ihren Sitz an den Ufern des Bosporus und des Goldenen Horns hatten, ins Landesinnere verlegt und so die Lebensqualität verbessert.
Auch im Verkehrswesen hat sich Einiges getan: 1973 wurde die erste und 1988 die zweite Bosporusbrücke eröffnet. Auch mit Schienennahverkehrsmitteln versucht man die Straßen zu entlasten: So wurde eine Straßenbahn und eine Schnellbahn gebaut. Eine U - Bahn wurde 2000 eröffnet, die zurzeit in die Altstadt verlängert wird. Geplant ist auch ein Bahntunnel unter dem Bosporus (vgl. Görgülü (2002), Hütteroth (2002), Linde (1991), Urban Rail Net I).
Kairo
In Kairo hat sich die Situation bis heute spürbar verbessert: So lag laut Meyer (2004a) die Belegungsquote in den 1970er Jahren noch bei 2,6 Personen pro Zimmer, so ist diese heute nur halb so groß. Der Anteil der Gebäude, die über einen Wasser- und Stromanschluss verfügen, ist von schätzungsweise 65 % bis 77 % in den 1970er Jahren bis heute auf 100 % angewachsen. Tatsächlich setzte in den 70er Jahren ein Bauboom ein, so dass die Zuwachsrate an Wohnungen doppelt so hoch war wie die Wachstumsrate der Bevölkerung. In den planvoll angelegten Trabantenstädten war allerdings ein großer Leerstand zu verzeichnen. Dies war einem, noch auf Nasser zurückgehenden Gesetz geschuldet, welches die Mieten auf einem bestimmten Stand einfror; außerdem galt ein totaler gesetzlicher Kündigungsschutz. So waren die als „Mieteigentum“, d.h. der Eigentümer zahlte nur 15 % des Kaufpreises und stottert den Rest über eine höhere Miete ab, erworbenen Häuser nur wenig attraktiv zur Weitervermietung. Stattdessen warteten die meisten Eigentümer, bis die Wohnungen vollständig in ihrem Besitz waren, um die hohe Immobilienrendite von bis zu 800 % abzuschöpfen. Durch eine Mietrechtsreform wurde die Attraktivität der Trabantenstädte gesteigert, wie auch durch die verstärkte Bauaktivität des Privatsektors. Viele waren nach Ablauf einer Frist von zehn Jahren gezwungen zu bauen, andernfalls wäre das Grundstück wieder an den Staat zurückgefallen.
Die Infrastruktur der informellen Siedlungen im Bewässerungsland wurde verbessert, nachdem klar war, dass sie „Brutstätten des Terrorismus“ sind. So wurden etwa die Straßen asphaltiert und beleuchtet.
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Auch in Kairo versucht man mit einer U - Bahn den Verkehrproblemen Herr zu werden: Ende der 1980er wurde die erste Linie eröffnet, seitdem ist das Netz auf zwei Linien angewachsen und eine Dritte geplant (vgl. Meyer (2004a), Urban Rail Net II)
Teheran
In Teheran versucht die Regierung, die große Wohnungsnot mit Satellitenstädten zu bekämpfen. Thum / Shirazi (2005a, 2005b) beschreiben als gelungenes Beispiel die Trabantenstadt „Pardis“ im Nordwesten der Stadt. Diese Projekte wurden in Rückbesinnung eines unter Reza Palahvi und seinem Sohn Mohamed Reza aufgelegten Masterplans für die Stadt 1991 beschlossen. Nach der Revolution 1979 wurde der Masterplan nur sehr zögerlich umgesetzt. Dies hat gravierende Auswirkungen: Trotz der unter dem Shah gebauten vierspurigen Straßen versinkt die Stadt im Verkehr. Abhilfe verspricht sich die Stadt von zwei U - Bahn - Linien, die 2000 eröffnet wurden. Später soll das Netz auf sechs Linien erweitert werden. Die Trabantenstadt Pradis ist für 200.000 Menschen geplant, die Endstufe soll 2030 erreicht sein. Heute leben dort 15.000 Einwohner. 800 ha sind dabei für Erziehung und Forschung reserviert: Daraus soll später der „Pardis Technologie Park“ entstehen. Die Besonderheit in Pardis liegt auch in der Gestaltung: Durch ein ausgeklügeltes Wettbewerbsverfahren kommen auch junge Architekten zum Zuge. Dass jedes Architektenbüro nur fünf Aufträge in der Gegend erhalten darf, garantiert architektonische Vielfalt (Thum / Shirazi (2005a,2005b), Urban Rail Net III).
2.3.1 Wasserverknappung ein Problem aller drei Städte
Wasserverknappung ist ein Problem, das nahezu alle Länder des Orients betrifft. Während die Bevölkerung wächst, bleiben die Ressourcen begrenzt. Hatte 1960 in der Türkei noch jeder Einwohner 6.900 m³, im Iran 5.800 m³, und in Ägypten 2.300 m³ zur Verfügung, waren es 1995 in der Türkei nur noch 2.300 m³, im Iran 2.100 m³ und Ägypten 1.100 m³. Laut einer Prognose, die für die Türkei noch mit einem Fragezeichen versehen ist, werden es im Jahr 2025 im Iran nur noch 1.100 m³ und in Ägypten gar nur noch 600 m³ sein. Müller - Mahn (2004) nennt hier als Bedrohung zwischenstaatliche Verteilungskonflikte, die er vor allem für drei Gewässer
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ausmacht: Das Wasser des Nils bei seinen Anrainern, Grundwasser zwischen Jordanien und Saudi Arabien, das Wasser des Jordans. (vgl. Müller - Mahn (2004)).
2.4 Die Sicht der Bevölkerung auf die Entwicklung
Am Beispiel von Kairo zeigt Gertel (2002) auf, wie sich die Tendenzen der Globalisierung auf die städtische Bevölkerung auswirken. Er zeigt anhand der Veränderung der städtischen Struktur seit der Revolution von 1952, welche komplexe Raumstruktur heute herrscht: So zeigen sich postmoderne Häuser neben Altbauten, Slumgebiete neben spiegelverglasten Hochhäusern. Ein Tourist bezahlt für ein Hotelzimmer so viel wie eine ärmere Familie an Monatseinkommen zur Verfügung hat. Die Weltbank forciert seit 1991 Strukturanpassungen, die zum Beispiel den Abbau von Export-und Importbestimmungen, von
Wohnungssubventionen und die Privatisierung von staatlichen Einrichtungen zum Ziel haben. Dieses führt zu einer Globalisierungstendenz, die zum Beispiel die Schaffung von Fast Food Restaurants, aber auch vermehrte soziale Konflikte zur Folge hat.
Gertel (2002) zeigt nun an drei verschiedenen Images die Auswirkung der Globalisierung:
Body Shaping in Kairo:
Hier beschreibt Gertel (2002) neureiche Kairoer, die trotz des Ramadan sich im Fitnessstudio abquälen. Selbst das nachfolgende Fastenbrechen ist dem Fitnesswahn unterworfen. Hier wird die Globalisierung auf die Spitze getrieben: der Gegensatz zwischen aus dem Westen nachgeahmtem Fitnesskult und religiösen Traditionen wirkt geradezu grotesk.
Armut in Kairo:
Gertel (2002) lässt gleichzeitig an einem anderen Ort eine Familie auftreten, bestehend aus einem 70- jährigen mit seiner 35 - jährigen Frau und ihren drei Kindern zwischen drei und neun Jahren. Diese sitzen in einem dunklen Loch und verzehren die Almosen, die sie von der Moschee erhalten haben. Sicher ist in der Darstellung vieles klischeehaft (schon allein, wenn man das Alter des ältesten Kindes abzieht, ein 60 - jähriger eine 25 - Jährige geheiratet hat) aber besser kann man den Gegensatz zwischen Arm und Reich kaum darstellen.
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Als drittes Image, diesmal sehr ernsthaft, benennt Gertel (2002) das Touristenimage das Kairo aufzubauen versucht
Hier wird versucht, die Stadt als Vorbild gegenüber dem Ausland hinzustellen. Es ist vor allem ein Produkt der Tourismusindustrie, die auf Unsicherheiten sensibel reagiert. Es wird versucht, das Image der Innenstadt aufzupolieren und ganze Slumgebiete umzusiedeln, was auch eine willkommene Homogenisierung und Entflechtung der Bevölkerungsstruktur nach sich zieht.
Als letzten Punkt spricht Gertel (2002) unter dem Punkt „Privatisierung lokaler Nahrungssicherheit“ auf die Problematik beim Import von pflanzlichen Rohstoffen an: So ist der Empfang von Entwicklungshilfegeldern aus den USA mit der Auftragsvergabe an amerikanische Getreidekonzerne verbunden. So wird, wenn man Gertel (2002) glauben schenken mag, der Geschmack nach Amerikanischem Getreide angeregt, dass dann irgendwann nur noch kommerziell erworben werden kann, wenn die Entwicklungshilfe ausläuft.
Wesentlich positiver liest sich Stammels (2005) Teheraner Studie. Anhand eines ausgeklügelten Fragebogens untersucht er die Wahrnehmung des Wohlstandes aus Sicht einer „erweiterten Verwandtschaftsgruppe in Teheran“. Er kommt dabei zum Schluss, dass die Wahrnehmung von Wohlstand nicht unbedingt mit dem materiell messbaren Reichtum zusammenhängt. Obgleich er seine Frage dezidiert an den Aussagen antiker Philosophen orientiert, erhält er als Ergebnis, dass Wohlstand auch aus Dingen wie „Haben von Glauben an Gott“; „Geben von Liebe“ oder „Haben von Hoffnung“, „Haben von Selbstvertrauen“ etc. zusammenhängen kann (vgl. Stammel (2005)).
2.5 Die Besonderheiten der beschriebenen Städte Istanbul
Istanbul fällt insofern aus dem Rahmen, als es erst spät islamisch wurde, nämlich erst im Jahre 1453. Da Mehmet Fatih die Stadt sehr verfallen vorfand, har sich zwar beim Wiederaufbau der Sackgassengrundriss durchgesetzt, nicht aber das Innenhofhaus. Eine weiteres Bindeglied ist zum Westen ist die Gegend von Galata. Diese Stadt war seit byzantinischer Zeit in Obhut von Genueser Kaufleuten. Die osmanischen Sultane haben diese Besitzschaft weiter garantiert und Galata als
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Handelstor zum Abendland benutzt Später war Galata und das nördlich anschließende Pera der Sitz westlicher Diplomaten, diesen westlichen Charakter hat sich das jetzige Beyoğlu bis heute bewahrt (Hütteroth (2002), Linde (1991)).
Kairo
Die Besonderheit von Kairo liegt in der Geschichte begründet. Somit ist Kairo stets auch das Ziel von Tourismus. Gerade die Pyramiden von Gizeh ziehen, als ältestes und einzig verbliebenes der sieben Weltwunder die Menschen in Scharen an. Durch das immense Wachstum in der Vergangenheit schließt der Agglomerationsraum von Kairo direkt an das „Tal der Könige“ an. Aber auch Badeurlauber werden von neuen Angeboten angelockt, hier ist vor allem Sham el Sheich zu nennen. Mancherorts hat sich die Anzahl der Zimmer im Zeitraum von fünf Jahren nahezu verdoppelt.
Teheran
Teheran ist vor allem reich an Brüchen in seiner jüngeren Geschichte. So wurde 1941 der Shah wegen zu hoher „Deutschfreundlichkeit“ abgesetzt und das Land besetzt, Als in den 1950er Jahren der erst kurz unabhängige Iran unter Ministerpräsident Mosadeqh die Ölquellen verstaatlichen wollte, wurde der Shah von den Briten wieder eingesetzt. 1979 fand die islamische Revolution statt, die islamische Republik implementierte.
Was Teheran aus Stadtentwicklungsschicht Gelungenes schon zur Schah - Zeit hatte, waren vorausschauende Flächennutzungsplanungen. Nach der Revolution 1979 wurde diese Entwicklung zwar zunächst eingestellt, doch von Regime schließlich 1991 wieder aufgenommen.
Außerdem ist der Iran ein erdölexportierendes Land, auch das spielt eine große Rolle bei der Betrachtung der Teheraner Besonderheiten, da dadurch reichlich Geld für Infrastrukturmaßnahmen vorhanden ist (vgl. Seger (1997) Thum Shirazi (2005a, 2005b)).
Eine wirkliche Besonderheit aber ist, dass in Teheran noch heute religiöse Stiftungen gegründet werden, die möglicherweise den informellen Städtebau ersetzen. Reiche Bürger stiften ihr Vermögen, um daraus den Bau und Unterhalt von Moscheen, Krankenhäuser, Schulen und auch Wohngebieten zu finanzieren.
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Geleitet werden die Stiftungen von dafür eingesetzten Verwaltern. Zwar ist durch dieses Konstrukt eine gewisse Nachlässigkeit der Verwalter im Umgang mit den Gebäuden verbunden („sozialistisches Problem“: Was mir nicht gehört, dafür fühle ich mich nicht verantwortlich), aber auch eine gewisse Planung in der Anlage der Gebäude und Viertel (Zu den Stiftungen siehe Einleitung zum Kapitel „Orientalische Stadt“) (vgl. Ehlers / Momeni (2002), Momemi / Seger (2004)).
3. Zusammenfassung
Den Kern der orientalischen Stadt bildet die Medina oder Altstadt. In ihrem Zentrum befindet sich der Bazarbezirk mit der Freitagsmoschee und eben dem Bazar. Der Sitz des Herrschers liegt meist in der Nähe der Stadtmauer, um eine Fluchtmöglichkeit auch gegen innere Feinde gewährleisten zu können. In neuerer Zeit entstanden einige Neustädte nach westlichem Vorbild. Meistens schleißt sich jetzt ein CBD an die Medina an, so dass daraus ein dualistisches Stadtmodell entsteht. In diesen Neustädten lassen sich auch Industriegebiete und neuere Wohnviertel finden.
Die Urbanisierungsprozesse in der orientalisch1en Stadt sind vor allem durch ein rasantes Wachstum geprägt. So hat sich seit dem zweiten Weltkrieg die Bevölkerung in Teheran; Istanbul und Kairo nahezu verzehnfacht. Dadurch sind die Städte auch rasant in die Fläche gewachsen, was enorme Strukturprobleme mit sich brachte. So sind in allen Städten (mit Ausnahme von Teheran) die Wohnflächen durch den Informellen Sektor, sprich durch illegale Bebauung, geschaffen worden. Die Städte haben dabei völlig verschiedene Konzepte, dieser Struktur wieder Herr zu werden. Die Gegenden des informellen Sektors selbst ändern ebenfalls ihre Struktur, vor allem durch das Anwachsen der Einkommen ihrer Bewohner
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