Inhaltsverzeichnis
I. Vorwort 2
II. Die deutschen Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts 3
2.1. Der Forschungsstand 4
2.2. Der historische Kontext 5
2.3. Zur Vormachstellung von Lateinisch und Französisch 6
III. Übersicht der bedeutendsten deutschen Sprachgesellschaften 9
3.1. Die Fruchtbringende Gesellschaft (FG) 10
3.2. Die Deutschgesinnte Genossenschaft (DG) 13
3.3. Der Pegnesische Blumenorden (PBO) 15
3.4. Der Elbschwanenorden (ESO) 17
IV. Gesellschaftspersönlichkeiten:
Harsd örffer, Gryphius, Schottel und Zesen 18
V. Fazit 20
VI. Literaturverzeichnis 21
1
I. Vorwort
Die neuhochdeutsche Sprachentwicklung ist durch die unaufhörliche Auseinandersetzung mit fremdsprachlichen Einflüssen gekennzeichnet. Die Gestalt und Entwicklung der deutschen Sprache wurde von den Menschen in den verschiedenen Zeitepochen jeweils unterschiedlich empfunden, bewertet und auch diskutiert. Adäquate Reaktionen auf diese fremden Spracheinflüsse blieben oft aus und waren von einer Vielzahl von gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Kräften abhängig. Obwohl in der frühen Neuzeit die Literatur in vielen europäischen Ländern eine Blütezeit erlebte, wurde das Deutsche als eine barbarische Sprache angesehen. An den absolutistischen Fürstenhäusern sprach man Französisch, die Händler verständigten sich in Englisch oder Niederländisch und die geistige Elite sprach und dichtete in Lateinisch. Durch das Aufkommen von organisierten Gruppen, die sich der Arbeit an der Sprache verschrieben, existierten erstmals Mehrheiten in der absolutistischen Gesellschaft, die auf die Muttersprache und auf deren Erhaltung und Pflege achteten. So gründeten sich dann im 17. Jahrhundert auch in Deutschland Sprachgesellschaften, die zu den ersten größeren Zentren jener Spracharbeit 1 wurden und dadurch nicht ohne Grund als galante Poetinnen 2 gelten. Die Resultate ihrer Bemühungen liegen vielfach in Form von Poetiken, Grammatiken, Übersetzungen sowie dem ersten deutschen Wörterbuch vor.
Die folgende Arbeit befasst sich mit jenen barocken Sprachgesellschaften und wird in II. neben der Darstellung historisch-kultureller Faktoren auch einen Forschungsüberblick liefern. Im Anschluss werden unter III. Organisation, Aufbau und Struktur anhand der vier einflussreichsten Gesellschaften dargelegt. Da die Sprachgesellschaften keine ‚Gemeinschaftsarbeiten’ verfassten, beschäftigt sich der Punkt IV. mit den wichtigsten Protagonisten jener Zeit, die Einfluss auf die Sprachreinigung bzw. -entwicklung hatten.
Handelt es sich bei der Agitation der Gesellschaften um einen gezielten Kampf gegen das Fremdwort? Wie sahen die Maßnahmen gegen die vermeintliche ‚Verwelschung und Sprachmengerei’ aus?
1 Polenz, Peter von: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band II: 17. und 18. Jahrhundert. Berlin / New York 1994. , S. 107
2 Metzger, Erika A. (Hrsg.): Sprachgesellschaften - Galante Poetinnen. In: Daphnis 17 (Jahrgang 1988). , S. 419 ff.
2
II. Die deutschen Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts
Der Begriff Sprachgesellschaften wurde erst am Anfang des 19. Jahrhunderts geprägt. Durch die Auseinandersetzung mit den Bestrebungen der barocken Spracharbeiter erwachte zu jener Zeit ein neues Interesse am Wirken der Fruchtbringenden Gesellschaft oder etwa der Deutschgesinnten Genossenschaft 3 . Die Sprachgesellschaften galten lange Zeit als Ahnen des 1885 gegründeten Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, der sich in seinem Kampf gegen ‚Verwelschung und Ausländerei’ auf sie berief, sich in ihre vermeintlichen Traditionslinien stellte und ihnen fremdwortpuristische Gesinnungen andichtete. Auch die ältere Literaturgeschichte deutete die Sprachgesellschaften in ihren Zielen häufig falsch und unterstellte ihnen Nationalismus und pedantischen Fremdworthass 4 . Heute jedoch werden die überspitzten Darstellungen relativiert und entfernt von Staatsgesinnung oder Chauvinismus gesehen. So erklärt die Forschung den Begriff Sprachgesellschaften im engeren Sinn als Ausdruck für „[...] private Sozietäten, die in der Zeit von 1617 bis 1658 in deutschsprachigen Territorien gegründet worden sind und meist noch im 17. Jahrhundert zu bestehen aufgehört haben.“ 5 Peter von Polenz schlug darüber hinaus die Bezeichnung Sprachkultivierungsgesellschaften 6 vor, die sich wie andere nicht durchsetzte. Dass aber die Absichten der Gesellschaften in diesem Kultivierungsversuch der Muttersprache bestanden, indem die deutsche Kultur, Literatur und Sprache im Vergleich zu den anderen europäischen Sprachen gleichgestellt bzw. belebt werden sollte, gilt als gesichert. Zwar war der Sprachpurismus ein Teil ihrer Arbeiten, aber die Gesellschaften zielten nie auf das alleinige Bemühen „[...] um die Reinheit der mit Fremdwörtern mannigfacher Herkunft durchsetzten deutschen Sprache“ 7 ab. Die Hauptaufgabe bestand in der sogenannten Spracharbeit 8 , d.h. der gemeinsamen Anstrengung um die Erforschung und Förderung der eigenen Sprache und Literatur. Dazu gehörten „[...] Übersetzungen wichtiger fremdsprachiger Werke ins Deutsche ebenso wie eine grundsätzliche Besinnung auf Fragen des Wortschatzes, der Grammatik oder der
3 Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 2001. , S. 774
4 Kirkness, Alan: Zur Sprachreinigung im Deutschen 1789 - 1871. Eine historische Dokumentation (Band I). Tübingen 1975. , S. 1
5 Polenz, Peter von: Die Sprachgesellschaften und die Entstehung eines literarischen Standards in Deutschland. In: HSK (Band 18.1): Geschichte der Sprachwissenschaft. Berlin / New York 2000. , S. 827
6 Polenz, Peter von: Ebd. , S. 827
7 Stoll, Christoph: Sprachgesellschaften im Deutschland des 17. Jahrhunderts. München 1973. , S. 9
8 Stoll, Christoph: Ebd. , S. 9
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Poetik.“ 9 Neben den aufgegriffenen inter-lingualen Sprachvarianten richtete sich die Aufmerksamkeit auch auf intra-linguale Phänomene, wie „[...] anstößigen, zweideutigen, veralteten oder regionalen Wörtern und Wendungen, grammatikalischen Formen, Orthographien und Aussprachen“ 10 . So ist das Schaffen der Sprachgesellschaften in enger Beziehung zur Konsolidierung des Deutschen als ernstzunehmende Literatur- und Wissenschaftssprache zu interpretieren und steht im engen Zusammenhang mit den Normierungsversuchen des Deutschen.
2.1. Der Forschungsstand
„Die Erforschung der Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts ist nicht abgeschlossen“ 11 - so lautet der durchgängige Grundtenor der meisten Beiträge zu diesem Thema. Dass es nach den Publikationen von Christoph Stoll und Karl F. Otto 12 seit den 1970’er Jahren an einer linguistisch-geregelten Gesamtdarstellung der allerneuesten Forschungsergebnisse fehlt, erschwert die Analyse. Obwohl am Beginn der 1980’er Jahre ein umfangreiches Vorlesungsmanuskript durch den Gießener Germanisten Heinz Engels 13 erarbeitet wurde, fällt seine Aufarbeitung der eigentlichen Sprachgesellschaften im Vergleich zu den Grammatikern knapp aus. Viele Folgeschriften beschränkten sich größtenteils auf Einzelaspekte wie etwa die Sozietätsbewegung des 17. Jahrhunderts 14 oder einzelne berühmte Dichter und Grammatiker 15 .
Quellensammlungen mit Gründungsmanifesten und Briefwechseln der einzelnen Gesellschaftsmitglieder lieferten neben Christoph Stoll auch Hans Schultz 16 und Max Hermann Jellinek 17 , wobei hier immer großer Wert auf die Geschichte der Grammatik gelegt wurde. Dennoch ist die Mehrzahl von Briefsammlungen der Fruchtbringenden
9 Stoll, Christoph: Ebd. , S. 10
10 Polenz, Peter von: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band 2: 17. und 18. Jahrhundert. Berlin/ New York 1994. , S. 107
11 Stoll, Christoph: Ebd. , S. 149
12 Otto, Karl F.: Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Stuttgart 1972.
13 Engels, Heinz: Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Gießen 1983. [= Beiträge zur Deutschen Philologie Bd. 54].
14 Vgl. hierzu: Garber, K.: Sozietäten, Akademien, Sprachgesellschaften. In: Sandkühler, H. J. (Hrsg.) / in Zusammenarbeit mit dem Instituto Italiano Per Gli Studi Filosfici / Gegenbogen, A.: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Band 4. Hamburg 1990. , S. 366-384.
15 Vgl. hierzu: Hundt, Markus: „Spracharbeit“ im 17. Jahrhundert. Studien zu Georg Philipp Harsdörffer, Justus Georg Schottelius und Christian Gueintz. Berlin/ New York 2000.
16 Schultz, Hans: Die Bestrebungen der Sprachgesellschaften des XVII. Jahrhunderts für Reinigung der deutschen Sprache. Neudruck der Originalausgabe von 1888. Leipzig 1975.
17 Jellinek, Max Hermann: Geschichte der Neuhochdeutschen Grammatik - Von den Anfängen bis auf Adelung (2 Bände). Heidelberg 1913 u. 1914.
4
Gesellschaft, aber auch das Archiv des Pegnesischen Blumenordens lückenhaft aufgearbeitet worden. So liege es zum einen an dem vielfältigen und umfangreichen Material, aber auch zum anderen an der noch nicht salonfähigen Kärrnerarbeit durch die Forscher 18 , so Martin Bircher in einem Aufsatz über die Forschungserkenntnisse. Hinzu kommt, dass die Fruchtbringende Gesellschaft als bedeutendste Sprachgesellschaft in nahezu allen Publikationen ausführlich erörtert wird, wohingegen andere Sprachvereinigungen, wie z.B. die Aufrichtige
Tannengesellschaft, die Neunständige Hänseschaft oder das Poetische Kleeblatt 19 , kaum beschrieben werden. Natürlich ist bei den unbekannteren Gesellschaften die Quellenlage dürftiger, aber die Suche in den Archiven scheint immer noch viele Forscher abzuschrecken. In Zukunft wird sich die Erarbeitung der Fakten, die ein umfassendes Bild der Sprachgesellschaften zulassen, nur in der
fächerübergreifenden Beurteilung durch Germanisten, Linguisten, Historiker und Soziologen erschließen lassen 20 .
2.2. Der historische Kontext
Die Phase der Sprachgesellschaften und ihrer Tätigkeiten fiel in eine Zeit des Umsturzes und der Umwälzung in Europa. Was als lokale Revolte der überwiegend protestantischen Stände gegen das katholische Herrschergeschlecht der Habsburger in Böhmen begann, endete als Dreißigjähriger Krieg zwischen nahezu allen europäischen Staaten. Soldaten aus verschiedenen Ländern kämpften auf den Schlachtfeldern des deutschen Reiches und brachten so ihre jeweilige Muttersprache mit. So werden neben diesen massiven gesellschaftlichen Veränderungen, die sogenannten Mehrsprachigkeits- und Sprachmischungstendenzen 21 des beginnenden 17. Jahrhunderts als Begünstigung für die Bildung einer europäischen Sprachkultivierungsbewegung angesehen. Doch darf man diese Einschätzung nicht getrennt betrachten, denn Sprachgesellschaften - im Sinne der Kultivierungexistierten bereits im 15. Jahrhundert und waren z.B. in jeder bedeutenden Stadt
18 Bircher, Martin: Zur Quellen- und Forschungslage bei den Sprachgesellschaften. In: Bircher, Martin / van Ingen, Ferdinand (Hrsg.): Sprachgesellschaften. Sozietäten. Dichtergruppen. Arbeitsgespräch in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 28. bis 30. Juni 1977. Vorträge und Berichte (= Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung Band 7). Hamburg 1978. , S. 28
19 Otto, Karl F.: Ebd. , S. 57 ff.
20 Bircher, Martin: Ebd. , S. 28
21 Polenz, Peter von: Dt. Sprachgeschichte. , S. 107
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Christoph Hermes, 2005, Die deutschen Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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