Montage in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz”
In seinem 1929 erschienen Roman „Berlin Alexanderplatz” beschreibt Alfred Döblin das Leben des Protagonisten Franz Biberkopf in Berlin, nachdem er aus der Strafanstalt Berlin- Tegel entlassen wurde. Um dessen Impressionen, Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen bedient sich Döblin der Erzähltechnik der so genannten literarischen Montage. Indem unterschiedliche, vorerst ohne Zusammenhang scheinende Bilder in den Roman eingebunden werden, wird so eine mosaikähnliche Textstruktur konstruiert, die dem Leser das Leben und die Hektik in Berlin eingehend verdeutlicht. Hierbei kann nach Sabina Becker zwischen zwei Varianten der Montage unterschieden werden: Der integrierenden und der demonstrativen Montage. 1
Die integrierte Montage wird durch die erlebte Rede sichtbar, als Zusammenstellung der Wahrnehmungen, Erinnerungen, Entscheidungen und Vorstellungen des Protagonisten. Diese stehen alle in einem assoziativen Zusammenhang zueinander. 2 Besonders deutlich wird die integrierte Montage an folgendem Beispiel: Der Schweiß auf seiner Stirn! Die Angst, wieder! Und plötzlich rutscht ihm der Kopf weg. Bumm, Glockenzeichen, Aufstehn, 5 Uhr 30, 6 Uhr Aufschluss, bumm bumm, rasch noch die Jacke bürsten, wenn der Alte revidiert, heute kommt er nicht. Ich wer bald entlassen. Pst du, heut nacht ist eener ausgekniffen, Klose, das Seil hängt noch draußen über die Mauer, sie gehen mit Polizeihunde. Er stöhnt, sein Kopf hebt sich, er sieht das Mädchen, ihr Kinn, ihren Hals. Wie komm ich bloß aus dem Gefängnis raus. Sie entlassen mir nich. Ick bin noch immer nich raus. [S. 36 3 ] Hier wird der zweite Besuch Biberkopfs bei einer Prostituierten beschrieben. Seine Gedanken schweifen auf Grund innerer Beklemmung („Die Angst wieder!”) von ihr ab und sind an Erinnerungen an das Gefängnis geprägt. Durch akustische Eindrücke („Bumm, Glockenzeichen...”), welche den Beginn des Tagesablaufes im Gefängnis darstellen, wird deutlich, wie sehr die Inhaftierung ihn beeinflusst haben muss. Obwohl Biberkopf entlassen ist, fühlt er sich nicht dementsprechend. Auffallend ist der plötzliche Wechsel in die erste Person Singular, welcher seine Verzweiflung überwiegend darlegt, insbesondere da er mit Berliner Dialekt einhergeht (der Erzähler, als Beobachter, distanziert sich vom Dialekt). Biberkopfs Gedanken und Wahrnehmungen scheinen durcheinander, während ihm die Gegenwart kurz bewusst wird („Er stöhnt...”), kommt ihm sofort die Vergangenheit, das Gefängnis, wieder in den Sinn. Durch dieses Mosaik aus vielen, schnell abfolgenden Impressionen, die
1 Vgl. Sabine Becker: Urbanität und Moderne: Studien zur Grostadtwahrnehmung in der deutschen
Literatur 1900- 1930, Röhrig 1993, S. 338
2 Vgl. ebd.
3 Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2006.
2
sowohl eine innere als auch äußere Perspektive aufzeigen, erschließt sich ein vielfältiges Bild des Protagonisten. Somit zeigt die Innenperspektive Biberkopfs Gefühle und Handlungsmotive auf, während die Außenperspektive eine objektive Beobachtung der Geschehnisse erlaubt.
Ein weiteres Beispiel der integrierenden Montage stellt unter anderem Biberkopfs Weg zu einem Lokal mit Lina Przyballa dar. In diese Szene, welche im zweiten Buch (S. 77) zu finden ist, wurde das Kleistsche Drama „Prinz Friedrich von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin” einmontiert:
Im Kriegsgebiet machte Lina, die herzige, schlampige, kleine, ungewaschene, verweinte, einen selbständigen Vorstoß à la Prinz von Homburg: Mein edler Oheim Friedrich von der Mark! Natalie! Laß, laß! O Gott der Welt, jetzt ists um ihn geschehn, gleichviel, gleichviel! [...] Er näherte sich als Reservearmee dem Zentrum der Kampfhandlung. Da lachte ihn schon vor der Destille von Ernst Kümmerlich die Heldin und Siegerin an, Fräulein Lina Przyballa, schlampig aber wonnevoll, kreischte: „Franz, der hats!”(S. 77)
Durch diese Collage aus beiden Werken, wird das Verhältnis zwischen Franz und Lina deutlich. Obwohl sie zuvor einen Streit hatten, gehen sie nun zu einem Lokal am Hackeschen Markt. Zwar scheint die Meinungsverschiedenheit noch nicht aus der Welt, doch wird durch die Nutzung Kleists Stück klar, dass es sich größtenteils um Missverständnisse gehandelt haben muss, so wie es im „Prinz Friedrich von Homburg” der Fall ist. Außerdem wird auf diese Art und Weise ein spielerischer Umgang der beiden miteinander dargelegt. Die Beschreibungen der „Kampfhandlung” wirken hierbei assoziativ, insbesondere deshalb, da Franz Lina beobachtet. Seine Assoziationen schlagen wieder um, als ihm die Realität bewusst wird („Das Weitere ging im Getöse des Straßenverkehrs verloren.” S.77). Sowohl er als auch sie beenden die „Kampfhandlung” und sind fröhlich, „wonnevoll”. Daraus lässt sich schließen, dass der Streit beigelegt wurde, was vergleichbar ist mit der Begnadigung des Prinzen von Homburg in Kleists Drama. Durchweg wirkt die integrierte Montage als Assoziation, so kann man überall im Buch Lieder („Wenn der Hund...” S. 33) , Bibelstellen (S. 285), Lautmalerei („Wumm Schlag,...” S. 423) oder sogar mathematische Formeln (S. 100) finden, die alle assoziativ zur Handlung stehen.
Im Gegensatz zur integrierenden Montage, beschreibt die demonstrative Montage Berlin als Metropole und wird vor allem in „Passagen, in denen der Autor als Wahrnehmender und Aufzeichnender des städtischen Treibens fungiert“ 4 deutlich.
4 Ebd., S. 338.
3
Arbeit zitieren:
Elisabeth Werdermann, 2007, Montage in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", München, GRIN Verlag GmbH
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