2
Inhalt
A : Hausarbeit
1. Einleitung 3
2. Geistige Behinderung, Freizeit und Sport - Begriffsklärungen. 4
2.1 Verständnis von „geistiger Behinderung“ 4
2.2 Der Freizeitbegriff allgemein. 5
2.3 Freizeitsport (Bewegung, Spiel und Sport in der Freizeit) 6
3. Spielerische Förderung vs. Recht auf förderungsfreien Raum - Aspekte
von Freizeit für Menschen mit einer geistigen Behinderung. 7
3.1 Selbstbestimmte Freizeitgestaltung 7
3.2 Subjektives Verständnis von Freizeit 8
3.3 Entpädagogisierung der Freizeit 9
3.4 Zur Freizeitsituation von Menschen mit einer geistigen Behinderung. 10
4. Freizeitsport als entpädagogisierte Fördermöglichkeit? 11
4.1 Einführung 11
4.2 Gesundheitswissenschaftliche Aspekte von Bewegung 13
4.2 1 Physische Effekte. 13
4.2.2 Persönlichkeitsentwicklung: Selbstkonzept und Verhalten. 13
4.2.3 Freiheitskompetenz. 14
4.2.4 Selbstaktivierung 14
4.2.5 Zusammenfassung und Kritik. 15
4.3 Soziale Perspektiven von Sport und Spiel 15
4.3.1 Bewegung als Mitteilungsmöglichkeit 15
4.3.2 Das persönliche Selbstkonzept als Basis für Interaktionsprozesse. 16
4.3.3 Soziale Kontakte durch Spiel und Sport 16
4.3.4 Integration durch Sport 17
4.3.5 Zusammenfassung und Kritik. 17
5. Fazit und Ausblick. 18
6. Literaturverzeichnis 19
3
A: Hausarbeit
1. Einleitung
Der Freizeitbereich hat sich in den letzten Jahrzehnten und auch in der fortlaufenden Entwicklung als ein zunehmend großes Bedeutungsfeld herausgestellt. 1 Sportliche Aktivitäten (Bewegung, Spiel und Sport) haben sich dabei als beliebter sowie pädagogisch und medizinisch als förderlich empfohlener Sektor der Freizeitbetätigung erwiesen und erfreut sich eines großen Spektrums an aktiven Vertretern in allen Gesellschaftsgruppen - besonders auch bei Menschen mit geistiger Behinderung. 2
In der folgenden Arbeit möchte ich zu Beginn der Frage nachgehen, welche Bedeutung Freizeit an sich für Menschen mit einer geistigen Behinderung hat bzw. haben kann. Aus der hier vorweg genommenen Hypothese heraus, dass Freizeit ein förderungsfreies Feld sein sollte, soll anschließend die Untersuchung geführt werden, ob und wenn ja welche Wirkung ein nicht therapeutisch konzeptionierter Freizeitsport für Menschen mit einer geistigen Behinderung haben kann. Zum einen von der Voraussetzung auszugehen, dass Freizeit nicht pädagogisiert werden sollte, zum anderen jedoch die impliziten positiven Auswirkungen von Bewegung zu untersuchen, scheint hier zwar vorerst paradox; doch möchte ich damit veranschaulichen, dass Freizeitaktivitäten nicht immer ein pädagogisches Konzept haben müssen, um trotzdem aus der Motivation „Spaß“ heraus positive Wirkungen bei den Teilnehmern zu entfalten. Dabei muss allerdings von vorne herein klar sein, dass die Wirkung nicht im Vordergrund steht, sondern in einem bewusst förderungsfreien Raum als positiver Nebeneffekt gesehen werden muss.
Im weiteren Verlauf und der Inbezugsetzung von Freizeit und Sport werde ich nicht weiter auf die verschiedenen Rahmen eingehen, in denen Sport statt finden kann (Sportvereine, integrative Sportfeste etc.) oder verschiedene Sportarten spezifisch auf ihre Wirkung untersuchen; stattdessen werde ich mich an die Grundfrage halten, ob und wie Bewegung in Form von freizeitorientiertem Sport und Spiel sich auswirken kann.
1 Vgl. Cloerkes (2007), S. 314 u. 330
2 Vgl. Wegner (2001), S. 97; Vgl. Huber (1996), S. 93 ff.; Vgl. Sander-Beuermann (1985), S. 70
4
2. Geistige Behinderung, Freizeit und Sport - Begriffsklärungen
2.1 Verständnis von „geistiger Behinderung“
Die Definitionen von Behinderung variieren je nach Disziplin (Recht, Pädagogik, Medizin, etc.) teilweise sehr stark, da jede unterschiedliche Gesichtspunkte der Behinderung besonders ins Augenmerk nimmt. In der Folge werde ich lediglich die medizinische sowie die sozialwissenschaftliche Definition anführen, da durch ihre Abgrenzung voneinander die Besonderheit des sozialen Aspekts von Behinderung deutlich wird.
In der medizinischen Begriffsklärung liegt der Schwerpunkt auf der physikalisch vorliegenden, dauerhaften Beeinträchtigung der geistigen Funktion, über welche der Bezug zu der Beeinträchtigung von Aktivitäten und schließlich zu mangelnder Partizipation in der Gesellschaft hergestellt wird. 3 Es dominiert der Blick auf das Defizit, welches die Person im Vergleich mit Menschen ohne Behinderung hat. Anders in den Definitionen der Sozialwissenschaften; hier wird in erster Linie die Folge der medizinischen Schädigung in den Fokus genommen, welche sich behindernd auf die interaktionistische und soziale Ebene auswirkt. Der Schwerpunkt liegt damit auf der negativen Reaktion der Umgebung auf die funktionale Schädigung, nicht auf der beeinträchtigten geistigen Funktion der Person selbst. 4
Da durch Bewegung, Spiel und Sport immer auch physische und gesundheitliche Aspekte angesprochen werden, gleichzeitig aber der Freizeitbereich von Menschen mit Behinderung zu einem großen Teil von sozialen Einrichtungen gestaltet wird, werden in der Folge beide Definitionen zum grundlegenden Verständnis relevant sein.
Des weiteren werde ich keine Unterscheidung zwischen verschiedenen Formen und Graden der geistigen Behinderung treffen. Gleichwohl die Ausprägungen der medizinisch vorliegenden Funktionsbeeinträchtigung eine starke Auswirkung auf die Art und Möglichkeit der Lebensführung, Freizeitgestaltung und damit auch sportliche Betätigung haben, 5 soll es sich hier um eine generalisierte Diskussion von freizeitsportlichen und sozialpädagogischen Bezügen handeln, deren
3 Vgl. ICF (2005), S. 51 ff. , 97 ff.
4 Vgl. Cloerkes (2007), S. 5 ff.
5 Vgl. Ebert (2000), S. 38
5
Ergebnisse im Einzelfall immer differenziert betrachtet und auf die Person und ihre individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse bezogen werden müssen.
2.2 Der Freizeitbegriff allgemein
Wie bereits in der Einleitung erwähnt ist die Freizeit in ihrer Abgrenzung zur effektiven Arbeitszeit heutzutage ein wichtiger und viel Raum einnehmender Lebensbereich. 6 Wie genau Freizeit nun zu definieren ist, ob sie über die Arbeit bestimmt ist, ob sie als ein eigener Lebensbereich anzusehen ist oder ob sie durch ein komplexes Gemisch aus vielerlei Abgrenzungs- und Bezugsfaktoren zu definieren ist, darüber sind sich Fachpersonen uneinig. 7 Im Folgenden zwei Lehrmeinungen, um exemplarisch den Bedeutungsrahmen im Diskurs um die Freizeitdefinition zu verdeutlichen:
Opaschowski als einer der renommiertesten Freizeittheoretiker sieht Arbeit und Freizeit nicht mehr als voneinander abzugrenzende Komplexe, sondern teilt die gesamte Lebenszeit in drei Sektoren ein, die jeweils durch ihren unterschiedlichen Grad an Selbstbestimmung der Tätigkeit gekennzeichnet sind: Determinationszeit (fremdbestimmt), Obligationszeit (gebundene Zeit) und Dispositionszeit (selbstbestimmbar). 8 Letzt genannte „freie Zeit“ definiert er als „durch freie Wahlmöglichkeiten, bewusste Entscheidung und soziales Handeln
charakterisiert“. 9 Damit stellt Opaschowski den Freiheitsaspekt von Freizeit, der sich hier durch Selbstbestimmung und Interaktivität auszeichnet, in den Mittelpunkt.
Nach Habermas, der als Sozialphilosoph ebenfalls Beiträge zur Freizeittheorie verfasst hat, lässt sich Freizeit in zwei Kategorien einordnen: zum einen in die „bloße“ Freizeit, welche sich allein durch ihre Freiheit von Arbeit und anderen strukturellen Sektoren der Gesellschaft sowie ihre Möglichkeit der Individualdisponibilität auszeichnet. Und zum anderen in die „gestaltete“ Freizeit, in welcher die Freiheit zugunsten der Teilnahme an einer Beschäftigung wieder ein Stück weit aufgegeben bzw. gebunden wird. 10
6 Vgl. Opaschowski (1994), S. 15 ff.
7 Vgl. Cloerkes (2007), S. 310
8 Vgl. Markowetz (2007); In: Cloerkes (2007), S. 311
9 Opaschowski (1990), S. 85; In: Cloerkes (2007), S. 310
10 Vgl. Sander-Beuermann (1985), S. 81
6
Beiden Theorien ist gemein, dass sie - unabhängig von ihren unterschiedlichen Ansichten zur Einteilung von Lebenszeit in Arbeit und Freizeit - freie Zeit eng mit Freiheit zur Selbstbestimmung verknüpfen. Dieses zentrale Verständnis von Freizeit als frei zur eigenen Entfaltung bestimmbare Zeit zieht sich durch die gesamte Literatur zum Thema 11 und wird daher als Grundlage zur weiteren Diskussion in dieser Arbeit gelten.
2.3 Freizeitsport (Bewegung, Spiel und Sport in der Freizeit)
Der Freizeitsport grenzt sich in der sportwissenschaftlichen Literatur klar vom Leistungs- bzw. Wettkampfsport ab. Idealtypische Merkmale der Abgrenzung sind dabei in allen Bereichen gegeben; nachfolgend einige Beispiele: Ziel und Motivation sind im Freizeitsport die Suche nach Freude, Spaß, Kommunikation oder Gesundheit, während im Leistungssport das Streben nach Rekorden, (öffentlicher) Anerkennung und Geldverdienst im Vordergrund stehen. Gleichzeitig steht einer Leistungs-, Geschlechts- und Altersunabhängigkeit und der betonten Vielseitigkeit im Freizeitsport eine biologische Einschränkung kombiniert mit Leistungszwang und Einseitigkeit im Wettkampfsport entgegen. 12 Interessenslage, Voraussetzungen sowie nicht im Einzelnen aufgeführte Faktoren, wie z.B. Betriebsweise und Ausübung, haben im Freizeitsport also bestimmte, an den oben beschriebenen Kriterien der Freizeit orientierte, Attribute. Kurz und prägnant lässt sich Freizeitsport als freie Entfaltung von persönlichen Bewegungsbedürfnissen definieren, die ebenfalls dem Freizeitprinzip der Selbstbestimmtheit unterliegt.
Da Sport und die nicht immer klar abzugrenzende Form der Sportspiele letztendlich Ausübungsmöglichkeiten von Bewegung sind, werde ich die drei Begriffe „Bewegung, Spiel und Sport“ nicht voneinander abgrenzen, sondern aufgrund der Gleichrangigkeit in ihrer Bedeutung für die Freizeitgestaltung von Menschen mit Behinderung paritätisch verwenden.
11 Vgl. Markowetz (2007); In: Cloerkes (2007), S. 309
12 Vgl. Sander-Beuermann (1985), S. 107 ff.
7
3. Spielerische Förderung vs. Recht auf förderungsfreien Raum -
Aspekte von Freizeit für Menschen mit einer geistigen Behinderung
Nach einer groben Darstellung der Hauptbegrifflichkeiten in dieser Arbeit werden im Folgenden - vorerst ohne Bezug zum Sport - wichtige Aussagen, Blickpunkte, aktuelle Diskurse und Entwicklungen in der Freizeit von Menschen mit einer geistigen Behinderung an sich erläutert. Die Diskussion dieser Aspekte ist für das Verständnis von Freizeit und die weiteren Bezüge zur (nicht)intendierten Förderung im Freizeitsport unerlässlich.
3.1 Selbstbestimmte Freizeitgestaltung
Auf Basis der oben erzielten Feststellungen über Freizeit lässt sich die hohe Bedeutung von selbstbestimmter Freizeit besonders auf Menschen mit Behinderung übertragen. In der aktuellen Literatur wird festgestellt, dass ihnen in der Freizeit noch zu häufig fremdbestimmte sonderpädagogische Maßnahmen aufgedrängt werden, wo eigentlich die Zeit wäre, individuelle Interessen auszuloten, kennen zu lernen und zu verfolgen. 13 Dieses Verhalten ist in der Regel zum Besten des/der Betroffenen gedacht - nicht nur zum Förderzweck, sondern auch um die Entscheidung abzunehmen, wie die freie Zeit gestaltet werden kann oder weil man die Person mit der persönlichen Freizeitgestaltung schlichtweg überfordert sieht; allerdings wird dabei außer Acht gelassen, dass Freizeitperformanz erlernt werden kann und muss; dazu braucht es jedoch einen Lernprozess, der von außen durch die Eröffnung von Wahlmöglichkeiten der unterschiedlichsten Art sowie die Ermutigung zum Ausprobieren und Ausloten von Interessen begünstigt und gefördert werden kann und sollte. 14 Doch gerade weil Zeitsouveränität häufig erst erlernt werden muss, können Menschen mit einer geistigen Behinderung in der Selbstorganisation auch an Grenzen stoßen. Hier ist es wichtig, an diesen Grenzen von verantwortbarer Autonomie bewusst auch eine bedürfnisbezogene Abhängigkeit zulassen zu
13 Vgl. Ebert (2000), S. 9
14 Vgl. Ebert (2000), S. 14 u. 30
8
können. 15 Eine von außen mit bestimmte Freizeitgestaltung ist zwar nach den oben dargestellten Definitionsansätzen nicht mehr originär unter „Freizeit“ zu fassen, doch bei wirklicher Überforderung mit der Zeitsouveränität besser, als die überforderte Person mit der Organisation alleine zu lassen. Dennoch ist es Fakt, dass das Autonomieprinzip in der Freizeit zwar in den meisten Fällen durch die richtige Unterstützung erschlossen werden könnte, dass jedoch die Zeit, Geduld und häufig auch der Wille fehlen, der Person mit Behinderung die volle Entscheidungsfreiheit im Bezug auf die Freizeitgestaltung zu geben. 16
3.2 Subjektives Verständnis von Freizeit
Auch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Freizeit immer ein subjektiv ausgelegter Begriff ist; dieser Aspekt ist sehr treffend von Schmitz-Scherzer mit folgenden Worten beschrieben: „Letztendlich definiert jedes Individuum nämlich seine Freizeit für sich, es bestimmt subjektiv, was Freizeit für die eigene Persönlichkeit ist, und was nicht.“ 17 Dieser Gedanke beinhaltet die Schlussfolgerung, dass selbst die Teilnahme an Förderprogrammen für den Menschen mit Behinderung noch lange keinen Arbeitscharakter haben muss, sondern für ihn oder sie zur Freizeit zählt. Damit schließen sich Lernen bzw. Förderung und Freizeit also nicht aus; ausschlaggebend ist, wie die Tätigkeit vom Teilnehmer/der Teilnehmerin selbst bewertet wird. Dann kann die freiwillige Teilnahme beispielsweise an einem Bewegungskurs, dem ein gewisses Förderkonzept zugrunde liegt, nach Habermas zur „gestalteten Freizeit“ zählen, selbst wenn das Lernziel dem Spaßfaktor übergeordnet ist. Ebenso jedoch umgekehrt: Freizeitaktivitäten im allgemeinen Sinn können für den Einzelnen aufgrund von persönlichen Abneigungen Arbeitscharakter haben (Bsp. Bewegung/Sport). Ausschlaggebend ist dementsprechend nur, dass sich die Freizeit „durch einen hohen bis sehr hohen Grad an individueller Entscheidungs-und Handlungsfreiheit auszeichnet.“ 18
15 Vgl. Ebert (2000), S. 34
16 Vgl. Hahn (1989), S. 21
17 Schmitz-Scherzer (1974), In: Sander-Beuermann (1985), S. 84
18 Müller/Kramer/Ferrante (1997), In: Ebert (2000), S. 34
9
Die Bedeutung von Freizeit lässt sich jedoch noch viel weiter fassen als allein auf die Möglichkeit der selbständigen Gestaltung. Letztendlich ist diese Möglichkeit der Selbstbestimmung ein Charakteristikum von Lebensqualität und auf höchster Ebene ein Kriterium der Menschenwürde. 19
3.3 Entpädagogisierung der Freizeit
Eine in den letzten Jahren vor allem durch die Lebenshilfe propagierte Bewegung ist die „Entpädagogisierung der Freizeit“. Diese möchte Freizeit und in ihrem eigentlichen bereits oben ausgeführten Bedeutungshintergrund von häufig fälschlichen Vorstellungen einer Freizeitpädagogik bzw. -förderung abgrenzen, die klare Zielbereiche definiert, welche durch die jeweilige Freizeitbetätigung erreicht werden sollen. 20 So wurde noch in den 80er Jahren weitgehend einstimmig festgestellt, dass bei Menschen mit einer geistigen Behinderung „auch der Freizeitsport (...) therapeutische Anteile enthalten muss“, durch die bestimmte Ziele erreicht werden sollten. 21
Diese sonderpädagogischen Zielsetzungen innerhalb von Freizeitangeboten werden seit einigen Jahren in die Kritik genommen. Laut Vertretern der Lebenshilfe sollten reguläre Förderziele nicht in den Freizeitsektor gemischt werden und „gelungene“ Freizeitgestaltung im Sinne von sozialpädagogischer Förderung positiv von „nicht gestalteter Freizeit“ abzugrenzen. 22 Die verbreitete Akzeptanz dieser Zweckungebundenheit von Freizeit auch für Menschen mit einer geistigen Behinderung ist dabei Ziel und Mittelpunkt der Bewegung. Folgende Aussage der ‚Liga der Vereinigungen zugunsten geistig Behinderter‘ bestätigt dies: „Es sollte ihre Freizeit sein, nicht unsere; wir sollten herausfinden, was für sie wichtig ist und nicht, was uns bedeutend erscheint. (...) Programme sollten angeboten, aber nicht aufgezwungen werden.“ 23 Dieses Verständnis überschneidet sich mit dem oben erarbeiteten Grundsatz von Freizeit, nach dem diese nicht in erster Linie dazu da ist, Kompetenzen zu erwerben, sondern die persönlichen Bedürfnisse von Personen nach beliebigen
19 Vgl. Ebert (2000), S. 35
20 Vgl. Sander-Beuermann (1985), S. 91
21 Sander-Beuermann (1985), S. 119
22 Vgl. Ebert (2000), S. 43
23 Liga der Vereinigungen zugunsten geistig Behinderter In: Ebert (2000), S. 49
10
Tätigkeiten zu erfüllen, die auch beispielsweise Faulenzen oder Sonnenbaden beinhalten können. 24
Für die weiteren Ausführungen zur Bedeutung von Freizeitsport für Menschen mit einer geistigen Behinderung ist dieses Verständnis einer entpädagogisierten Freizeit grundlegend und bildet gleichzeitig den Grund für die Untersuchung, wie Sport auch ohne pädagogisches Konzept wirken kann.
3.4 Zur Freizeitsituation von Menschen mit einer geistigen Behinderung
Menschen mit einer geistigen Behinderung wurde viele Jahrzehnte lang eine „Fülle an ‚freier Zeit‘ aufgezwungen“ 25 , ohne eine Abgrenzung zu Arbeit oder die Möglichkeit, Gestaltungs- oder Förderhilfen in Anspruch zu nehmen. Nachdem infolge der Normalisierungsbewegung die Arbeit (und die schulische Ausbildung zu dieser) als Instrument des ‚sinnerfüllten Daseins‘ erkannt wurde, auf welches auch Menschen mit Behinderung ein Recht haben, reduzierte sich die Freizeit von Menschen mit Behinderung auf ein Minimum an förderungsfreiem Raum - es wurde sozusagen eine Umkehr ins Gegenteil vollzogen. Die sozial integrative und individuell gestaltungskreative Funktion von Freizeit zur persönlichen Entfaltung von Menschen mit geistiger Behinderung wurde damit sehr lange außer Acht gelassen. 26
Nun ist jedoch der Grundsatz der freien Disponibilität von Freizeit für Menschen mit geistiger Behinderung häufig nicht gegeben, teilweise wird ihnen sogar „die Fähigkeit abgesprochen, über diese Zeitspanne selbst verfügen zu können.“ 27 Stattdessen werden Freizeitaktivitäten von Betreuern oder Familienmitgliedern von außen gestaltet, während die Menschen mit Behinderung nur daran teil nehmen. Dadurch werden sowohl die Betroffenen selbst, wie auch die Angehörigen in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt. 28
24 Vgl. Ebert (2000), S. 53 ff.
25 Zielnoik (1983), In: Sander-Beuermann (1985), S. 80
26 Vgl. Sander-Beuermann (1985), S. 80
27 Sander-Beuermann (1985), S. 83
28 Vgl. Bös et al. (1989), S. 119
11
Es ist die Frage, wie es gerechtfertigt werden kann und darf, dass Nicht-Behinderte ihre Freizeit beliebig, auch „mit den verschiedensten, (teilweise lebensbedrohlichen) Aktivitäten und (sportlichen) Tätigkeiten auszufüllen“, 29 während Menschen mit Behinderung dieses Recht in vielerlei Weise verwehrt wird. Hier scheint es ein emanzipatorisches Muss zu sein, dass auch Menschen mit Behinderung offen gestellt wird, ob und wie sie (sportliche) Aktivitäten in ihrer Freizeitgestaltung als „Möglichkeiten der sozialen Integration und zur Förderung der psychischen und psychosozialen Gesundheit nutzen“. 30
4. Freizeitsport als entpädagogisierte Fördermöglichkeit?
4.1 Einführung
Bisher wurde herausgearbeitet, dass Freizeit in erster Linie die selbstbestimmte Gestaltungsfreiheit der Zeit bedeutet, was nicht ausschließt, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung in ihrer Freizeit freiwillig an einem pädagogischen Sportangebot teilnehmen, das gleichzeitig Förderziele hat. Da der Gedanke der Entpädagogisierung der Freizeit jedoch entgegen einer solchen Konzipierung von Freizeitsport steht, möchte ich im Folgenden untersuchen, welche Bedeutung Freizeitsport an sich, ohne Einbettung in ein sonderpädagogisches Förderkonzept oder therapeutisches
Rehabilitationsprogramm, für Menschen mit einer geistigen Behinderung hat bzw. haben kann. Aufgrund von entwicklungs- und sozialisationstheoretischen Überlegungen liegt die Hypothese nahe, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung durch ein freizeitorientiertes Sportprogramm in ihrem motorischen, psychischen und sozialen Verhalten profitieren können. 31 Um dies zu untersuchen werde ich die mögliche Wirkung von nicht pädagogisch oder therapeutisch konzeptionierter Bewegungsausübung beleuchten.
Wichtig ist dabei nicht davon auszugehen, dass die Ausübung von Freizeitsport in jedem Fall eine günstige Wirkung auf die TeilnehmerInnen haben sollte, sondern stattdessen die Motivation der Menschen in den Vordergrund zu stellen, welche
29 Innenmoser (1996), S. 248
30 Innenmoser (1996), S. 248
31 Vgl. Wegner (2001), S. 288
12
meistens Spaß ist, und die möglichen positive Effekte auf medizinischpsychologische und soziale Bereiche als glückliche Option zu sehen. Nicht außer Acht zu lassen ist der eben angesprochene Aspekt der Eigenmotivation. Im Freizeitsport muss klar sein, dass ausschließlich der persönliche Wille zu (oder die Ablehnung von) Aktivität Grund zur Teilnahme sein darf. Dies beinhaltet aber auch die Schwierigkeit für Außenstehende, Motivationsdefizite bei Menschen mit geistiger Behinderung akzeptieren lernen zu müssen und nicht in einem paternalistischen Hilfeansatz sportliche Aktivität zu erzwingen. 32
Die Wirkungsgebiete von Bewegung ziehen sich über vielfältige Lebensbereiche hinweg; generell werden in konzeptionierten Sportangeboten drei Zielbereiche unterschieden: der physiologische, der psychologische sowie der psycho-soziale. 33 Hier seien in erster Linie die psychologische sowie die psycho-soziale Wirkung von Bewegung untersucht, wobei wiederum die in der Definition von geistiger Behinderung genannten Verständnisse eine Rolle spielen. Sowohl die medizinische Bedeutung von Sport mit ihren Auswirkungen auf die Gesundheit sowie autopsychologische Konzepte als auch die soziale Dimension von Bewegung mit ihren interaktionistischen und gesellschaftsrelevanten Funktionen sollen in Folgenden betrachtet werden.
Für die folgenden Aussagen zu psychologischen sowie psycho-sozialen Effekten von Sport und Bewegung aus der wissenschaftlichen Literatur muss vorweg genommen werden, dass diese Auswirkungen keine wirklich messbaren Größen sind und die hier gesammelten Aussagen aus der Literatur immer auf Beobachtungen und Interpretationen beruhen. 34 Damit muss eine Variabilität (oder ein Ausbleiben) dieser Effekte je nach Person und Umständen immer mit einkalkuliert werden.
32 Vgl. Innenmoser (1996), S. 252
33 Vgl. Wegner (2001), S. 128
34 Vgl. Huber (1996), S. 96
13
4.2 Gesundheitswissenschaftliche Aspekte von Bewegung
4.2 1 Physische Effekte
Bereits sehr gut erforsch und bekannt sind die Auswirkungen von Bewegung auf (je nach Sportart) bestimmte Körperfunktionen, wie beispielsweise Koordinationsfähigkeit, Reaktionsfähigkeit, Ausdauer, physische Fitness etc. 35 Die damit erreichten positiven Effekte auf den medizinisch gesundheitlichen Zustand bilden erwiesenermaßen einen großen Beitrag zum Erlangen eines allgemeinen positiven Lebensgefühls - nicht nur im physischen, sondern auch im psychischen Sinn. 36 Im Folgenden sollen deshalb nicht die bereits bekannten körperorientierten Resultate von Sport untersucht werden, sondern der gesundheitswissenschaftlich als grundlegend wichtig angesehene Faktor für das allgemeine Wohlbefinden: die psychische Entwicklung hin zu
Persönlichkeitskompetenzen und einem positiven Selbstkonzept.
4.2.2 Persönlichkeitsentwicklung: Selbstkonzept und Verhalten Der Bewegung an sich - und damit auch den Ausübungsmöglichkeiten von Bewegung in Spiel und Sport - kommt in der gesamten
Persönlichkeitsentwicklung eine hohe Bedeutung zu. Aus Piagets entwicklungspsychologischen Theorien geht deutlich hervor, dass Handeln die Grundlage für den Erwerb der unserem Denken zugrunde liegenden Vorstellungen bildet. Daraus folgt, dass „die Internalisierung von Bewegungsmöglichkeiten und deren Repräsentanz im kognitiven Bereich“ 37 eine Schlüsselrolle im Vorstellungserwerb spielt und damit die Grundlage zum eigenverantwortlichen Treffen von Entscheidungen bildet. 38 Diese Ganzheitlichkeit (kognitiv, emotional und physisch) der Auseinandersetzung mit der Welt ermöglicht also, dass durch das Erfahren eigener Möglichkeiten und Grenzen mittels Bewegung Freiheitsräume erschlossen, Unabhängigkeit erprobt und Unterstützungsbedürfnisse erkannt werden können. Die „Tätigkeit“ (mit den Mitteln Bewegung, Spiel und Sport) als eine grundlegende Bedingung der
35 Vgl. Sander-Beuermann (1985), S. 39
36 Vgl. Wegner (2001), S. 109 ff; Huber (1996), S. 94
37 Hahn ( 1989), S. 23
38 Vgl. Sander-Beuermann (1985), S. 71
14
Möglichkeit Unabhängigkeit zu erleben, spielt damit eine zentrale Rolle in der Bildung eines eigenen Selbstkonzepts und Persönlichkeitsbildes. 39 Unter Anerkennung der wichtigen Bedeutung von Bewegung für die Entwicklung der Persönlichkeit und letztendlich das Verhalten können auch Rückschlüsse auf das Potenzial von Sport und Spiel für Persönlichkeits- und Verhaltensmodifikationen geschlossen werden. 40 Sportliche Betätigung bietet damit auch für erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung durch Erfahrungen von Selbstwirksamkeit noch die Möglichkeit einer
(Weiter)Entwicklung zu einem positiven Selbstkonzept.
4.2.3 Freiheitskompetenz
Auch der Zuwachs an Freiheit, den das Erlernen von motorischen Fähigkeiten letztendlich bedeutet, ist ein wichtiger Aspekt des Freizeitsports. Durch ein größeres Spektrum an Bewegungsmöglichkeiten ergibt sich ein Zuwachs an Verhaltens-und Selbstgestaltungsmöglichkeiten, welcher wiederum
Freiheitsräume und Unabhängigkeit erschließt und für Menschen mit geistiger Behinderung, denen häufig Unmündigkeit zugeschrieben wird und das Nutzen von Freiheit nicht zugetraut wird, von hoher Bedeutung ist. Somit kann Bewegung auch gleichzeitig das unter Punkt 3.1 angesprochene Erlernen von Freiheits- und Zeitsouveränität unterstützen und damit zur Selbstbestimmung beitragen. 41 Dieses Zulassen von Selbstverantwortung auch unter der Gefahr Misserfolge und Fehler zu riskieren, „ist eine Grundvoraussetzung, wenn wir die Fähigkeiten - und nicht die Defizite - (...) in den Mittelpunkt stellen.“ 42
4.2.4 Selbstaktivierung
Weiterhin ist der Aspekt der Leistung, auch wenn es hier um Freizeitsport geht, nicht zu vernachlässigen. Selbst in spielerischen Bewegungsabläufen ist es häufig üblich, dass sich die Teilnehmer miteinander messen wollen und sich persönlich damit Leistung abverlangen, um etwas zu erreichen. Diese Selbstaktivierung ist
39 Vgl. Speck (1993), S. 185 ff.; Sowa (2000), S. 24
40 Vgl. Sander-Beuermann (1985), S. 71
41 Vgl. Hahn (1989), S. 22
42 Vgl. Kleine-Schaars (2003), S. 33
15
wiederum positiv für das Selbstkonzept und kann dazu beitragen, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. 43
4.2.5 Zusammenfassung und Kritik
In Untersuchungen zu den Auswirkungen verschiedener freizeitsportlicher, nicht pädagogischer Aktivitäten bei Menschen mit einer geistigen Behinderung konnten mittels Beobachtungen bei mehreren Teilnehmern positive Effekte zu den hier genannten autopsychischen Prozesse verzeichnet werden. Eine wichtige Erkenntnis im Rahmen dieser Studien war auch die letztendlich positive Wirkung von Misserfolgen, welche bei einigen Teilnehmern im sportlichen setting gut verarbeitet und in ihr Selbstkonzept integriert werden konnten. Dennoch muss im Bezug auf die Gesamtauswertungen festgestellt werden, dass die Ergebnisse insgesamt eher herterogen waren; so konnten teilweise direkte Effekte, in manchen Fällen jedoch auch gar keine Wirkung festgestellt werden. 44 Die psychologische Wirkung von Bewegung darf also nicht generalisiert werden, sondern muss im Einzelfall betrachtet werden.
Dies lässt nocheinmal die wichtige Voraussetzung von Freizeitsport in den Mittelpunkt rücken, nach der eine Wirkung eintreten kann, jedoch nicht Ziel und Erwartungshaltung sein darf, da die psychisch-gesundheitliche Förderung nicht durch ein konzeptionell auf die Zielgruppe abgestimmtes Programm angestrebt wird.
4.3 Soziale Perspektiven von Sport und Spiel
4.3.1 Bewegung als Mitteilungsmöglichkeit
Bewegung wird als Form des „sich Verhaltens“ begriffen: Das sich bewegende Individuum verhält sich mittels seiner Bewegungen in einer bestimmten Weise zu seiner Umwelt und tritt mit ihr in Beziehung. Durch dieses „In-Beziehung-Treten“ kann sich eine eigene Dynamik, ein selbständiger Dialog entwickeln. 45 Bewegung ist damit eine Möglichkeit, sich mitzuteilen und besonders für Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung ein wichtiges Element der Kommunikation. Wo
43 Vgl. Wegner (2001), S. 109
44 Vgl. Wegner (2001), S. 290 ff.
45 Vgl. Sander-Beuermann (1985), S. 43 ff.
16
verbale Äußerung schwer fällt, ist der Ausdruck mittels Gesten und Bewegungselementen eine umso wichtigere Mitteilungsform. 46
4.3.2 Das persönliche Selbstkonzept als Basis für Interaktionsprozesse Diese Mitteilungsform wird wiederum von dem oben beschriebenen
Selbstwirksamkeitskonzept der Person bestimmt. Hier schafft Bewegung durch das in Gang setzten von inneren Prozessen, wie beispielsweise das Erleben von eigener Verantwortung, die Voraussetzung dazu in Beziehung nach außen zu treten und auf Basis der Erfahrung von Selbstwirksamkeit Ausdruck und Interaktion zu ermöglichen. 47 Damit bilden Effekte von Bewegungserleben und Handeln die Voraussetzung für das Hineinwachsen in menschliche Gemeinschaften, den Sozialisationsprozess. Denn über den Umgang mit Verantwortlichkeit im Kleinen können - auch bei Menschen mit geistiger Behinderung - Transferbezüge zu verantwortlichem Umgang im Großen statt finden. 48
4.3.3 Soziale Kontakte durch Spiel und Sport
Gemeinschaftliches Spiel und sportliche Aktivität fördern auch das Miteinander und die Gemeinschaft. Wegner als renommierter Sportwissenschaftler schreibt hierzu: „Durch die sportliche Aktivität können Kontakte mit der Umwelt neu belebt werden, die eine soziale Reintegration in die Gesellschaft erleichtern und beschleunigen.“ 49 Aussagen von Teilnehmern an sportlichen Aktivitäten zufolge ist die soziale Komponente, die Möglichkeit des Knüpfens von Kontakten und das Miteinander ein wesentliches Motiv der Teilnahme, gleichzeitig aber auch Wirkung des gemeinschaftlichen Spiels und Sports. Gemeinsame Aktivität kann eine niedrigschwellige Basis für Interaktionsprozesse bilden, aus denen bei regelmäßigen Kontakten unterstützende soziale Netzwerke erwachsen können. 50
46 Vgl. Wegner (2001), S. 109
47 Vgl. Huber (1996), S. 101
48 Vgl. Hahn (1989), S. 12
49 Wegner (2001), S. 109
50 Vgl. Huber (1996), S. 106
17
Diese genannten Wirkungen, welche die Fähigkeit zur Bewegung begünstigen können, bilden eine enge Relation zum obersten Leitziel von Menschen mit Behinderung: „Selbstverwirklichung in sozialer Integration“. 51
4.3.4 Integration durch Sport
Da es im Sinne der Entpädagogisierung und Normalisierung erwünscht ist, dass Menschen mit Behinderung an den im Umfeld bestehenden Sportangeboten teilnehmen anstatt eine „schadensspezifische Förderung in schadenshomogenen Gruppen“ 52 zu bekommen, ist der eben erwähnte integrative Aspekt von Freizeitsport gleichermaßen vertreten. Bei den Begegnungen, die im Rahmen von sportlicher Aktivität zwischen Menschen mit und ohne Behinderung statt finden, können Unterschiede aufgelöst und Gemeinsamkeiten, die durch die gemeinschaftliche sportliche Aktivität, die im Vordergrund steht, entdeckt werden. Dabei kann gesellschaftliche Integration auf einer ungezwungenen Ebene statt finden - wobei unter Integration das „sich aufeinander zu Bewegen“ von nicht Behinderten und Menschen mit Behinderung gleichermaßen gemeint ist. 53
4.3.5 Zusammenfassung und Kritik
Aufgrund der oben genannten wissenschaftlichen Theorien kann Sport also die Voraussetzungen für Interaktion und Integration schaffen und damit Sozialisationsprozesse begünstigen. Die hohe Erwartungshaltung, welche sich aufgrund der theoretischen Erkenntnisse über das soziale Entwicklungspotenzial von sportlicher Aktivität häufig einstellt ist an dieser Stelle jedoch als kritisch zu bewerten. Auch wenn festgestellt wurde, dass Sport und Spiel soziale Interaktion fördern können, so muss das nicht zwangsläufig geschehen, wie es von vielen Veranstaltern erwartet wird (siehe Punkt 4.1.1). Studien, die zu gegenteiligen Ergebnissen kommen, wie beispielsweise eine 1996 durch Wacker et al. durchgeführte Untersuchung, die eine geringe Annahme des geselligen Beisammenseins von Teilnehmern an sportlichen Aktivitäten belegt, 54 werden häufig nicht weiter beachtet oder unter dem Sprichwort „Ausnahmen betätigen die
51 Vgl. Sowa (2000), S. 25
52 Rheker (2000) In: Cloerkes (2007), S. 330
53 Vgl. Janke/Weidel (1989), S. 84
54 Vgl. Ebert (2000), S. 99
18
Regel“ verbucht. Hier muss aufgepasst werden, dass implizite Förderaspekte von Freizeitsport nicht besser dargestellt werden, als sie es wirklich sind, nur um einer Pädagogisierung der Freizeit entgegen zu wirken.
5. Fazit und Ausblick
Nachdem nun herausgestellt wurde, dass Bewegung durch Sport und Spiel bereits allein und ohne ein entsprechendes Förderkonzept durch Einflüsse auf autopsychische Konzepte und die Persönlichkeitsbildung positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben sowie Interaktions- und Integrationsprozesse begünstigen kann, bekommt eine Entpädagogisierung des Freizeitsports neue Argumente. Stimmen, die vor einer sog. „Naivität des einfachen Tuns“ 55 warnen und von Sport ohne eine bestimmte Zielsetzung oder Sinngebung abraten, da sich bei einem Mangel an Konzeption oder Struktur keine positiven Effekte einstellen können 56 , wird damit der Wind aus den Segeln genommen. Dies lässt darauf hoffen, dass in der Zukunft Menschen mit einer geistigen Behinderung mehr als bisher die Möglichkeit bekommen in einer echten Freizeitsouveränität an Sportangeboten nur noch aus eigenem Willen teilzunehmen. Dabei wird dann im besten Fall nach dem Gedanken der Entpädagogisierung der Freizeit nicht mehr eine unterschwellige Förderung im Vordergrund stehen, sondern die Motivation und die Tätigkeit an sich, bei der ohne Erwartungen die natürlichen Effekte, welche Bewegung haben kann, frei wirken können.
55 Vgl. Huber (1996), S. 97
56 Vgl. Huber (1996), S. 97 ff.
19
6. Literaturverzeichnis
Doll-Tepper, Gudrun / Lienert, Christoph e.al.: Sport von Menschen mit geistiger Behinderung. Situation und Trends. Lebenshilfe-Verlag, Marburg 1991
Ebert, Harald: Menschen mit geistiger Behinderung in der Freizeit. Verlag Justus Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2000
Hahn, Martin: Bewegung, Spiel, Sport und geistige Behinderung aus pädagogischer Sicht. In: Bös, Klaus / Doll-Tepper, Gudrun / Trosien, Gerhard e.al.: Geistig Behinderte in Bewegung, Spiel und Sport. Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V., Marburg 1989
Huber, Gerhard: Bewegung, Sport und Gesundheit - mögliche Zusammenhänge. In: Rieder, Hermann e.al.: Sport mit Sondergruppen. Ein Handbuch. Verlag Karl Hofmann, Schorndorf 1996, S. 91-111
ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit). Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), WHO-Kooperationszentrum für das System internationaler Klassifikationen, Genf 2005
Innenmoser, Jürgen: Sport, Spiel und Bewegung für Behinderte -Entwicklungen, Trends, Möglichkeiten und Probleme. In: Rieder, Herrmann et al.: Sport mit Sondergruppen.Verlag Karl Hofmann, Schorndorf 1996
Janke, Norbert und Weidel, Ludwig: Bewegung, Spiel, Sport mit geistig Behinderten in Wohnstätten und Heimenam beispiel des Eichenkreuz Bayern. In: Bös, Klaus / Doll-Tepper, Gudrun / Trosien, Gerhard e.al.: Geistig Behinderte in Bewegung, Spiel und Sport. Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V., Marburg 1989
20
Kleine Durch Gleichberechtigung zur Schaars, Willem:
Selbstbestimmung. Menschen mit gesitiger Behinderung im Alltag unterstützen. Beltz Verlag, Weinheim 2003
Markowetz, Reinhard: Freizeit behinderter Menschen. In: Cloerkes, Günther: Soziologie der Behinderten. Universitätsverlag Winter GmbH, Heidelberg 2007
Opaschowski, H. W.: Einführung in die Freizeitwissenschaften. Leske & Budrich Verlag, Opladen 1994
Sander-Beuermann, Christian: Sportbezogene Freizeitaktivitäten bei Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung, Deutschland 1985
Sowa, Martin: „Das reißt und vom Hocker!“ - Lernwelten in Bewegung. Verlag modernes Lernen, Dortmund 2000
Theiß, Denise: Selbstwahrgenommene Kompetenz und soziale Akzeptanz bei Personen mit geistiger Behinderung. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2005
Wegner, Manfred: Sport und Behinderung. Verlag Karl Hofmann, Schorndorf 2001
Weingärtner, Christian: Schwer geistig behindert und selbstbestimmt. Eine Orientierung für die Praxis. Lambertus-Verlag. Freiburg im Breisgau
2006
Arbeit zitieren:
Katrin Haberer, 2008, Freizeitsport mit Menschen mit geistiger Behinderung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Freizeit im Leben von Menschen mit geistiger Behinderung
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 22 Seiten
Aufgaben des Sports für die Gesundheit, das Sozial - und Freizeitverha...
Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung
Facharbeit (Schule), 35 Seiten
Was ist schon normal - Integration von Behinderten durch Sport
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 14 Seiten
Sport und Depression - Sporttherapie als Baustein eines Behandlungskon...
Wissenschaftlicher Aufsatz, 15 Seiten
Interviews mit Menschen mit einer geistigen Behinderung im Rahmen der ...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 15 Seiten
Salutogenese als Chance für Menschen mit Depressionen
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 25 Seiten
Körperliche Aktivität und deren Auswirkung auf Körper und Psyche des M...
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Tanzentwicklung von der Urgeschichte bis zur Neuzeit
Referat / Aufsatz (Schule), 7 Seiten
Unterrichtseinheit: Multiculturalism in Great Britain
Swapping point of view – four ...
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 28 Seiten
Schneiden? Aber sicher! - Kennenlernen von Schneidewerkzeugen (Schneid...
Unterrichtsentwurf, 14 Seiten
Sport für Menschen mit einer Behinderung unter besonderer Betrachtung ...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Examensarbeit, 122 Seiten
Die Konzeption einer Werkstatt für behinderte Menschen
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Zwischenprüfungsarbeit, 16 Seiten
Mehrdimensionalität in der Sporttherapie
Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung
Hausarbeit, 13 Seiten
Bewegungspädagogik mit geistig behinderten Erwachsenen
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Seminararbeit, 14 Seiten
Psychomotorik bei geistiger Behinderung unter Berücksichtigung der Bed...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Diplomarbeit, 164 Seiten
Zum Stand der Bewegungs- und Sporttherapie in psychiatrischen und such...
Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung
Diplomarbeit, 156 Seiten
Bedeutung und Möglichkeiten der Freizeit bei erwachsenen Menschen mit ...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Diplomarbeit, 138 Seiten
Gesundheitliche Effekte von Sport und Bewegung - psychische Effekte be...
Hausarbeit, 36 Seiten
Katrin Haberer hat den Text Freizeitsport mit Menschen mit geistiger Behinderung veröffentlicht
Katrin Haberer hat einen neuen Text hochgeladen
Institutionelle Förderungsprozesse von Menschen mit geistiger Behinder...
Manfred Gerspach, Dieter Mattner
Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung
Ein interdisziplinäres Handbuc...
Burkhard Stahl, Dieter Irblich
Mitwirkung von Menschen mit geistiger Behinderung
Schule, Arbeit, Wohnen
Werner Schlummer, Ute Schütte
Pflege von Menschen mit geistigen Behinderungen
Pflegedarfsanalyse, Planung, D...
Annelen Schulze Höing
Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung am Leben in der Kommun...
Klaudia Erhardt, Katrin Grüber
Soziale Probleme von Menschen mit geistiger Behinderung
Fremdbestimmung, Benachteiligu...
Ernst Wüllenweber
Berufliche Bildung von Menschen mit geistiger Behinderung
Neue Wege zur Teilhabe am Arbe...
Christian Lindmeier, Stephan Hirsch
Menschen mit geistiger Behinderung besser verstehen
Angeborene Syndrome verständli...
Marga Hogenboom, Eva Vogel
0 Kommentare