Inhaltsverzeichnis
ZUM GELEIT: EINE FAST VERGESSENE MITTELALTERLICHE
FRAUENGEMEINSCHAFT - SPURENSUCHE 5
1. DIE BEGINENBEWEGUNG 8
1.0 Vorgeschichte und historischer Rahmen 8
1.0.1 Der Investiturstreit 8
1.0.2 Cluny - der Idealtyp eines „reichsfreien“ Klosters 11
1.0.3 Die Armutsbewegung des 12. und 13. Jahrhunderts 12
1.0.4 Das 4. Laterankonzil (1215) 14
1.1 Herkunft des Namens „Beginen“ 15
1.1.1 Die drei Stifterthesen 16
1.1.1.1 Erste Stifterthese: Königin Beatrix von Böhmen 16
1.1.1.2 Zweite Stifterthese: Heilige Begga 17
1.1.1.3 Dritte Stifterthese: Lambert le Bégue 17
1.1.2 Zahlreiche andere Thesen 18
Grafik 1: Die drei Stifterthesen 20
1.2 Entstehung der Beginenbewegung 21
1.2.1 Das Beginentum als Folge eines gesteigerten
Interesses an monastischer Lebensform
angesichts überfüllter Klöster 21
1.2.1.1 Die Zwitterstellung des Beginentums 23
1.2.2 Beginenhäuser als Versorgungsanstalten
alleinstehender Frauen 23
1.2.3 Feministische Erklärungsansätze 24
1.2.4 Beginengemeinschaften als genossenschaftliche
Organisationen der Selbsthilfe 25
1.2.5 Anmerkung zu den vier aufgezeigten
Entstehungsvarianten S. 27
2
1.2.6 Die Überinterpretation des Beginentums durch
die Unterlegung mit neuzeitlichem Gedankengut S. 27
Grafik 2: Die Entstehung der Beginenbewegung S. 29
2. DIE TÄTIGKEITEN DER BEGINEN S. 30
2.1 Die wirtschaftlichen Aktivitäten der Beginen S. 30
2.2 Die Bildungsarbeit der Beginen S. 31
2.3 Krankenpflege und Sorge um Sterbende und Tote S. 31
2.3.1 Die Krankenpflege S. 32
EXKURS: DAS MITTELALTERLICHE SPITAL UND DAS
SEELHAUS S. 33
2.3.2 Sorge um Sterbende und Dienste im Bereich
Bestattung S. 35
2.4 Die Armenpflege S. 35
Grafik 3: Die Tätigkeiten der Beginen S. 36
2.5 Das Wirken der Beginen als frühe Form christlich motivierter Sozialer Arbeit S. 37
3. DIE FINANZIELLE GRUNDLAGE DER
BEGINENKONVENTE S. 40
3.1 Das Eigenvermögen der Bewohnerinnen S. 40
3.2 Das Einkommen aus eigener Tätigkeit S. 41
3.3 Die Konvente als Stiftungen S. 41
Grafik 4: Die finanzielle Grundlage der Beginenkonvente S. 44
4. DIE LEBENSREGELN DER BEGINEN S. 45
4.1 Der Tagesablauf S. 45
4.2 Die Hierarchie S. 46
4.3 Das Gelübde S. 47
Grafik 5: Die Lebensregeln der Beginen S. 48
3
5. BEZIEHUNGEN DER BEGINEN ZU KIRCHLICHEN UND WELTLICHEN INSTITUTIONEN UND SOZIALEN GRUPPEN S. 49
5.1 Beziehungen zu Bischöfen und dem Pfarrklerus S. 49
Grafik 6: Historischer Abriss S. 52
5.2 Beziehungen zu Ordensgemeinschaften S. 53
5.3 Beziehungen zu Bürgerschaften und Stadträten S. 54
6. ZWEI BEISPIELHAFTE BEGINENVITEN S. 56
6.1 Maria von Oignies - Askese und Sorge um Arme
und Kranke S. 56
6.2 Marguerite Porète - Autorin und Predigerin S. 58
EXKURS: DIE MYSTIK DER BEGINEN S. 61
7. DIE WIEDERENTDECKUNG DES BEGINENTUMS IN DER GEGENWART S. 62
7.1 Die Kölner Beginen S. 62
7.2 Weitere Beispiele: Beginen in Rostock, Thüringen
und Tübingen S. 63
Vorläufiger Vergleich
Grafik 7: Beginen heute S. 66 Beginen heute S. 67 Fazit S. 68 Literaturverzeichnis S. 70
4
ZUM GELEIT:
EINE FAST VERGESSENE MITTELALTERLICHE
FRAUENGEMEINSCHAFT - SPURENSUCHE
Ich war nicht wenig überrascht, als ich in einem diakoniehistorischen Seminar im Sommersemester 2005 von der Gemeinschaft der Beginen erfuhr. Frau Dr. von Hauff führte uns in eine historische Welt ein, von der ich bislang nichts gehört hatte. Und das ist kein Zufall: Geschichtsbücher und historische Enzyklopädien schweigen sich zumeist aus über die Frauen, deren diakonisches Wirken für die Wohlfahrt des Mittelalters eine beachtliche Rolle spielte. Sogar in meiner Heimatstadt Worms hat es zwanzig Konvente gegeben und ich habe dennoch bis 2005 nie davon erfahren.
Beginentum ist jedoch kein Phänomen, das sich auf einzelne Regionen Deutschlands beschränkte. Reichstein zählt ca. 165 Orte in Baden-Württemberg, ca. 100 Orte in Rheinland-Pfalz, 86 in Nordrhein-Westfalen, 70 in Bayern, 66 in Bremen / Hamburg / Hessen, 17 in Berlin / Brandenburg, 13 in Mecklenburg-Vorpommern, 10 in Sachsen, 8 in Sachsen-Anhalt, 8 in Thüringen und 3 in Schleswig-Holstein auf, an denen es ein oder mehrere Beginenkonvente gab. 1 In Köln und Straßburg, den Hochburgen des Beginentums, ging die Anzahl zeitweise jeweils sogar auf fast 200 Konvente. 2 Es gab in Deutschland zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert also kaum jemanden, der nicht von den Beginen wusste oder sogar welche kannte!
Ich entschloss mich, dem Phänomen „Beginentum“ in meiner Diplomarbeit auf den Grund zu gehen und stellte dabei fest, dass es sogar in unserer Gegenwart „neue“ Konvente gibt. Da diese Arbeit in der theologischen Disziplin Diakoniewissenschaft / Diakonik verfasst
1 Reichstein, Frank - Michael: Das Beginenwesen in Deutschland, Berlin 2001, S. 207 - 209
2 Zu Köln vgl. Beginen e.V. Köln (Hg.): Beginenreader. Festschrift zum 10-jährigen Bestehen des Beginen e.V.
wird, liegt der Schwerpunkt auf dem diakonischen Wirken der Beginen. Andere wesentliche Aspekte werden jedoch am Rande gestreift (Exkurse).
Im ersten Kapitel gehe ich zuerst auf die Vorgeschichte und den historischen Rahmen ein (1.0), dann wende ich mich der Frage nach dem Ursprung der Beginenbewegung zu. Hier werden die drei wichtigsten Stifterthesen (1.1.1.1-1.1.1.3) besprochen. Anschließend werden vier Entstehungstheorien (1.2.1-1.2.4) dargestellt. Von zwei weiteren Ansätzen (1.2.6) distanziere ich mich ausdrücklich! Im zweiten Kapitel gehe ich auf die Tätigkeiten der Beginen ein und unterscheide zwischen wirtschaftlichen (2.1) und diakonischen (2.2-2.4) Aktivitäten. In Kapitel 2.5 wird das Wirken der Beginen schließlich als frühe Form christlich motivierter Sozialer Arbeit kategorisiert.
Kapitel 3 stellt die drei verschiedenen Formen finanzieller Grundlagen der Beginenkonvente vor: Eigenvermögen (3.1), Einkommen aus eigener Tätigkeit (3.2) und Stiftungsvermögen (3.3). Hier wird auch die Frage nach der möglichen Motivation der Stifter (heute würde man sagen Sponsoren) gestellt.
In Kapitel 4 geht es um die Lebensregeln der Beginen: Wie sah der Tagesablauf in einem Beginenkonvent aus? (4.1) Gab es ein hierarchisches Gefüge unter den Beginen? (4.2) Mussten die Beginen so etwas wie ein Gelübde ablegen? (4.3) Kapitel 5 stellt das Leben der Konvente in den Kontext der gesellschaftlichen Umwelt und beleuchtet den Umgang der Beginen mit Bischöfen und dem Pfarrklerus (5.1), den Ordensgemeinschaften (5.2) und die Beziehungen zu Bürgerschaften und Stadträten (5.3). Begleitend wird ein grober historischer Abriss des ambivalenten Umgangs dieser Gruppen mit den Beginenschwestern mit
6
Schwerpunkt auf den Geschehnissen in der Reichsstadt Frankfurt am Main, die damals zum Erzbistum Mainz gehörte, gegeben. Ziel ist nicht ein Erfassen der kompletten beginischen Geschichte - Ziel ist es vielmehr, den Leserinnen und Lesern eine Idee beginischer Geschichtsschreibung zu vermitteln. Es bleibt bei Konturen. In Kapitel 6 wird an zwei konkreten Lebensläufen verdeutlicht, welche wichtigen Akzente (Askese, Sorge um Arme und Kranke, Predigtdienst, theologische Schriftstellerei) beginischer Lebensform ihren unvergleichlichen Charakter verliehen. Die Viten von Maria von Oignies (6.1) und Marguerite Porète (6.2) sind bewusst ausgewählt, um durch ihre Verschiedenheit auf beginische Vielfalt hinzuweisen. In Kapitel 7 gehe ich auf gegenwärtige Beginengemeinschaften ein. Köln erhält dabei etwas mehr Raum, weil es mir im August 2005 vergönnt war, diesen Konvent zu besuchen und mich vor Ort über die Gemeinschaft zu informieren. Die vier beschriebenen Konvente können nur einen ersten Eindruck über unterschiedliche Schwerpunksetzungen geben. Die Gemeinschaft der „neuen“ Beginen ist von stetem Wachstum ergriffen und zum Zeitpunkt meiner Recherchen gab es bereits über 20 Konvente in verschiedenen deutschen Städten.
Das ganz besondere Highlight dieser Arbeit stellt das Interview mit der Begine Brita Lieb, der 2. Vorsitzenden des Dachverbandes deutscher Beginen, dar.
Im letzten Teil der Arbeit stelle ich die Frage nach Gemeinsamkeiten und Gegensätzen zwischen den Beginen des Mittelalters und den Beginen der Gegenwart.
7
1. DIE BEGINENBEWEGUNG
1.0 Vorgeschichte und historischer Rahmen der Beginenbewegung
1.0.1 Der Investiturstreit
Im 11. Jahrhundert war es nicht unüblich, dass ein Landesherr, der in finanziellen Nöten war, Bistümer, die sich in seinem Herrschaftsgebiet befanden, an den Meistbietenden versteigerte. Adelige hatten so die Möglichkeit, für Mitglieder ihrer Familien ein oder sogar mehrere Bischofswürden zu erwerben. Auch Prälaturen, Dekanate, Pfarreien und Klöster wurden zum Verkauf angeboten. Geistliche Würden verkamen so nicht selten zu wirtschaftlichen und politischen Gütern. Auch das Weitervererben von kirchlichen Ämtern und Gütern, die auf solche Weise erworben waren, an die Söhne der Geistlichen war keine Seltenheit. 3
Papst Leo IX. (Papst von 1048 bis 1054) widersetzte sich dem Zeitgeist und verurteilte Simonie (den Handel mit kirchlichen Ämtern) und Priesterehen aufs Schärfste. Damit löste er eine Bewegung aus, die sich für eine Erneuerung der Kirche und einen größeren Einfluss des Papsttums stark machte.
Humbert von Silva Candida verfasste ganz in diesem Sinne im Jahre 1058 die leidenschaftliche Kampfschrift Adversus Simoniacos. Er definierte diejenigen als Simonisten, die für ein geistliches Amt Geld nahmen oder ein solches mit ihrem Geld erwarben und verurteilte mit aller Härte die Praxis, dass Laien über die Besetzung kirchlicher Stellen mitbestimmten oder diese sogar eigenmächtig vergaben. Seine Forderung war eindeutig: die Kirche müsse von der Welt geschieden, von Macht und Einflussnahme der Laien befreit werden. Dabei befürwortete er eine eindeutige Subordination - kirchliche Gewalt müsse über weltlicher Gewalt stehen! Priester hätten sich ganz ihrer
3 Vgl. Moeller, Bernd : Geschichte des Christentums in Grundzügen. 6. Auflage, Göttingen 1996, S. 158
8
Braut, der ihr anvertrauten Gemeinde, zu widmen - eine Priesterehe sei deshalb in der Kirche Christi undenkbar! 4
Die römischen Lateransynoden in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts schlossen sich der Position Leos IX. und Humberts von Silva Candida an und verurteilten Nikolaitismus (die Eheschließung Geistlicher), Simonie (Handel mit kirchlichen Ämtern) und Laieninvestitur 5 (die Mitbestimmung von Laien bei der Vergabe kirchlicher Ämter).
Das Papstwahldekret aus dem Jahre 1059 zeigt deutlich, wie man sich innerkirchlich in Zukunft eine „freie“ Wahl vorstellte: ohne die direkte oder indirekte Mitwirkung von Laien. 6
Papst Gregor VII. (Papst von 1073-1085) führte die Gedanken seines Vorgängers weiter und nannte sich den Statthalter Gottes, der mit dem Apostel Petrus eine Einheit bilde und als einziger den göttlichen Willen kenne und erfülle. In seinem programmatischen Entwurf aus dem Jahre 1075, dem Dictatus Papae, definierte er die uneingeschränkte Oberherrschaft und Richtergewalt des Papstes in der Kirche und die Unmöglichkeit eines päpstlichen Irrtums in geistlichen Fragen. Doch sein Anspruch ging weit über den kirchlichen Herrschaftsbereich hinaus. Das Schreiben gipfelte in der Aussage, der Papst sei auch legitimiert, den Kaiser abzusetzen. Das Zeitalter des sog. Investiturstreits stand in voller Blüte! 7
König Heinrich IV., der seinen Vater Heinrich III. im Jahre 1065 als Regent beerbt hatte, nahm im Gegensatz zu seinem Vorgänger bei den Bischofsernennungen in der (weströmischen) Reichskirche keinerlei Rücksicht mehr auf päpstliche Wünsche und Belange. Dies führte dazu, dass ihm Papst Gregor VII. die Exkommunikation androhte. Heinrich IV. ließ sich diese Drohungen nicht gefallen und
4 Vgl. Moeller, Bernd : Geschichte des Christentums in Grundzügen. 6. Auflage, Göttingen 1996, S. 159 - 160;
vgl. Frank, Isnard Wilhelm: Kirchengeschichte des Mittelalters. 2. Auflage, Düsseldorf 2005, S. 79 - 81
5 Laien im Sinne der katholischen Kirche sind alle Nichtkleriker!
6 Vgl. Frank, Isnard Wilhelm: Kirchengeschichte des Mittelalters. 2. Auflage, Düsseldorf 2005, S. 81 - 82
7 Vgl. ebd., S. 83 - 87; vgl. Moeller, Bernd : Geschichte des Christentums in Grundzügen. 6. Auflage,
ließ auf der Synode zu Worms im Jahre 1076 durch eine Mehrheit der Reichsbischöfe das Papat Gregors für ungültig erklären, woraufhin Papst Gregor Heinrich exkommunizierte und alle Untertanen von der Königstreue entpflichtete. Dies führte zur Bildung einer Opposition von einigen Reichsfürsten gegen ihren König. Da Heinrich seine Herrschaft in Gefahr sah, bat er Papst Gregor beim berühmten „Canossagang“ durch öffentliche Buße zur Wiederaufnahme in die Kirche. Gregor war durch diesen Ritus gezwungen, die Exkommunikation aufzuheben. Heinrich besiegte die opponierenden Fürsten, setzte Gregor bei der Synode zu Brixen im Jahre 1080 erneut ab und setzte seinen eigenen Papstkandidaten Clemens III. (Gegenpapst 1084 -1100) durch, der ihn zum Dank 1084 zum römischen Kaiser krönte. 8 Der Investiturstreit dauerte an. 1086 wählten Kardinäle ihren eigenen Papst, Viktor III. (1086-1087) und setzten Clemens III. ab, der mit der Zeit in Vergessenheit geriet. Heinrich IV. gelang es nicht, einen Gegenpapst zu krönen, da ihn zwischenzeitig sein eigener Sohn zur Abdankung zwang. Auch unter Heinrich V. war eine Beilegung des Streites nicht in Sicht. Der Nachfolger von Clemens III., Paschalis II., hatte sogar drei aufeinanderfolgende Gegenpäpste: Theoderich (1100-1102), Albert (1102) und Silvester IV. (1105-1111). Gelasius II. (1118 -1119) hatte den Gegenpapst Gregor VIII. (1118-1121).
Erst der Bamberger Reichstag (1122) und das I. Laterankonzil (1123) brachten die Lösung: der deutsche König gestand der Kirche die „freie Wahl“ der Bischöfe zu und wurde als Gegenleistung zum Kaiser gekrönt. 9
Man muss sich vorstellen, welche Wirkung der Streit auf das Kirchenvolk gehabt hat: exkommunizierte Herrscher, denen die Kirche ihre herrschaftliche Legitimation absprachen, Päpste und Gegenpäpste, Adelige, die sich nach Belieben geistliche Ämter erwarben, Priester, die Kirchengüter ihren Nachkommen weitervererbten. Ich denke, die
8 Vgl. Frank, Isnard Wilhelm: Kirchengeschichte des Mittelalters. 2. Auflage, Düsseldorf 2005, S. 87 - 89
9 Vgl. ebd., S. 90-91
10
Laien und Untertanen waren in tiefster Weise verunsichert darüber, wer ihre Herren und Hirten waren. Und noch viel schlimmer: sie erlebten fast täglich eine macht- und besitzhungrige und korrupte Kirche.
1.0.2 Cluny - der Idealtyp eines „reichsfreien“ Klosters Im Jahre 910 verzichtete der Herzog Wilhelm von Aquitanien, tief verwurzelt in seinen Glauben, auf die Klosterherrschaft und entließ so das von ihm gestiftete Kloster im französischen Burgund in die monastische Freiheit. Unter dem ausdrücklichen Schutz des Papstes wurde ausgehend von Cluny ein weitverzweigter Klosterverband aufgebaut, der weltliche Einflussnahmen erfolgreich abwehrte. Äbte wurden durch ihre Vorgänger designiert und die Ämter des Ordens ordensintern vergeben.
In der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts kam es zur Übernahme cluniaziensischer Ideale durch weitere Klosterneugründungen. Diese Bewegung, das sogenannte Reformmönchtum, verband monastische Freiheit und päpstlichen Schutz und nahm nicht selten königs- und reichskirchenfeindliche Züge an. Teil dieser Bewegung sind der 1098 durch Robert von Molesme gegründete Zisterzienserorden, die Pämonstratenser und verschiedene andere Kanonikergemeinschaften. 10
Das Reformmöchtum war im Gegensatz zum älteren Mönchtum, das auch soziale und kirchliche Aufgaben übernahm, eher asketischeremitisch ausgerichtet. Das Ideal der Weltabkehr war besonders für Adelige attraktiv. Nicht nur, dass viele Mönche der neugegründeten Klöster dem Adel entstammten, auch die Stiftung von Klöstern war für Adelige eine gern getätigte Investition. Sie bewiesen so ihre Frömmigkeit und erlangten ihr eigenes Haus- und Familienkloster, das für die Anliegen ihrer Stifter betete und so für ihr Seelenheil sorgte.
10 Vgl. Frank, Isnard Wilhelm: Kirchengeschichte des Mittelalters. 2. Auflage, Düsseldorf 2005, S. 96 - 99
11
Es kam zur Übertragung größerer Güter und umfangreichen Landbesitzes an die monastischen Gemeinschaften - besonders in der Zeit der Kreuzzüge vermachten viele Ritter ihre Ländereien einem Kloster, bevor sie ins Heilige Land aufbrachen. Das Resultat war ein erheblicher materieller Reichtum der anfangs so asketischen Klostergemeinschaften. 11
1.0.3 Die Armutsbewegung des 12. und 13. Jahrhunderts 12 In den 30er-Jahren des 12. Jahrhunderts predigte der italienische Stiftsprior Arnold von Brescia (ca. 1100-1155) energisch gegen die Verweltlichung des Klerus, die Unordnung seiner Sitten und gegen seine Gier nach Macht und Reichtum. Er rief kirchliche Würdenträger dazu auf, auf weltliche Macht und Besitztümer zu verzichten und sich an die materielle Armut Jesu und seiner Jünger zu erinnern. Arnold sammelte gleichgesinnte Anhänger um sich und gründete die Gemeinschaft der Arnoldisten.
Auch die Gemeinschaft der Katharer, die in den 40er-Jahren des 12. Jahrhunderts vor allem in Frankreich, aber auch in anderen Teilen Westeuropas, aktiv war, forderte die Begründung einer neuen Kirche der Reinen, deren Gläubige sich von weltlichen Gütern und Machtinteressen fernhalten sollten und die in völliger Askese auf die Wiederkunft Christi wartete.
Auf dem Geisteshorizont der Katharer fußte auch die Sekte des Kaufmanns Valdes aus der französischen Stadt Lyon, der 1176 seine Bekehrung erlebte und in einer Vision von Jesus angewiesen wurde, seinen gesamten Besitz zu verschenken und von nun an als Prediger durch die Lande zu ziehen. Gemeinsam mit seiner Gefolgschaft, den Waldensern, setzte er sich dafür ein, dass Christen sich auf die eigentliche biblische Botschaft konzentrierten und eine Kirche der Armen errichteten. Die Waldenser verkündeten überall, dass die
11 Vgl. Frank, Isnard Wilhelm: Kirchengeschichte des Mittelalters. 2. Auflage, Düsseldorf 2005, S. 123 - 125
12 Vgl. Moeller, Bernd : Geschichte des Christentums in Grundzügen. 6. Auflage, Göttingen 1996, S. 193 - 199
12
Sakramente verweltlichter, also reicher und sündiger, Priester ungültig seien.
Die Kirche, die eine derart fundamentale Kritik und Abwendung von der eigentlichen römisch-päpstlichen Communio nicht dulden wollte, schritt zu harten Gegenmaßnahmen: so zog sie in einem Kreuzzug zu Beginn des 13. Jahrhunderts gegen Waldenser und Katharer in Frankreich und vernichtete große Teile beider Sekten mit Flamme und Schwert. Dennoch vermochten Papst und alte Kirche nicht, den Geist der neue Armutsbewegung ganz zu zerstören.
Innozenz III. (1130-1143) begriff, dass er mit Gewalt und Zerstörung allein nichts ausrichten konnte und begann, innerkirchliche Gemeinschaften, die über Ideale verfügten, die denen der beiden bekämpften Sekten ähnlich waren, zu fördern. So unterstützte er die planmäßige Gründung des Dominikanerordens im Jahr 1220, der sich die Augustinerregel gab. Der Orden wurde zur strikten Armut verpflichtet, sollte einzig Einkünfte aus seiner Betteltätigkeit erhalten und seine Angehörigen sollten als Wanderprediger durch die Lande ziehen.
Die Dominikaner begannen einen einzigartigen Siegeszug durch Europa und erlangten vielerorts große Beliebtheit. Es kam zu zahlreichen Klostergründungen - darunter viele Frauenklöster, die für gebildete Töchter des Adels und der Kaufleute äußerst attraktiv waren. Anders als der Dominikanerorden war die Gemeinschaft der Franziskaner keine geplante und ultramontan konstituierte Gemeinschaft. Franz von Assisi (1182-1226) war ein charismatischer und beim Volk äußerst beliebter Prediger, der sich von einem Leben als reicher Kaufmannssohn bewusst abgewandt hatte und gemeinsam mit seinen Gefährten die Wahrheit verkündete, dass die Kirche Jesu einzig die Aufgabe des Dienstes (am Nächsten) habe und jenseits jedes
13
weltlichen Machtstrebens zur Demut und zur selbstlosen Liebe gegenüber Menschen und allen anderen Geschöpfen verpflichtet sei. 13 Die historischen Quellen berichten von zwei Begegnungen von Franziskus mit dem Papst. Bei der ersten habe sich der Papst eher abweisend bis neutral verhalten, bei der zweiten, im Spätherbst 1215, habe er die evangelische Lebensregel der Franziskaner gebilligt. Die Gründe für diesen Schritt sind bis heute in der Forschung umstritten. 14 Franziskus wurde zum volkstümlichen Heiligen, obwohl er „unter anderer Konstellation auch wohl hätte Ketzer werden können.“ 15 Noch mehr als dem Dominikanerorden gelang es den Franziskanern, aufgrund der großen Beliebtheit ihres Gründers, die Ausbreitung der Sekten einzudämmen und die Armutsbewegung des 12. Jahrhunderts in die Kirche zurückzuleiten.
1.0.4 Das 4. Laterankonzil (1215)
Das 4. Laterankonzil ist deshalb für die Geschichte der Beginenbewegung von Bedeutung, weil es sich betont gegen die katharische Weltanschauung wendete. Um das Zustandekommen weiterer Gemeinschaften jenseits des „wahren“ römischen Glaubens zu verhindern, schrieb es fest, dass keine neuen Ordensgemeinschaften mehr gegründet werden sollten, es sei denn auf dem Fundament der Regeln des heiligen Benedikts oder des heiligen Augustinus. Auch hier liegt ein entscheidender Ursprung einer späteren Überfüllung bestehender Klöster und des Ausbleibens notwendiger Klosterneugründungen (vgl. 1.2.1). 16 „Wanderprediger, die an kein Kloster lebenslänglich gebunden waren und keinem Bischof unterstanden, passten nicht in die traditionelle Vorstellung kirchlicher Ordnung.“ 17 Einzige Ausnahme blieben die Franziskaner.
13 Vgl. Frank, Isnard Wilhelm: Franz von Assisi. Frage auf eine Antwort, Mainz 1992
14 Vgl. ebd., S. 41
15 Moeller, Bernd : Geschichte des Christentums in Grundzügen. 6. Auflage, Göttingen 1996, S. 199
16 Vgl. Schatz, Klaus: Allgemeine Konzilien - Brennpunkte der Kirchengeschichte, Paderborn / München /
Wien / Zürich 1997, S. 111
17 Schatz, Klaus: Der päpstliche Primat. Seine Geschichte von den Ursprüngen bis zur Gegenwart, Würzburg
1.1 Herkunft des Namens „Beginen“
Bereits ein unmittelbarer Zeitgenosse der „Gründungsphase“ der Beginenbewegung, der benediktinische Geschichtsschreiber Matthäus Paris (1200-1259), spricht von einer großen Gruppe von Frauen, die ähnlich den Ordensleuten lebten und sich durch eine bestimmte Kleidung und Lebensform auszeichneten. Er geht davon aus, dass diese Bewegung in Deutschland ihren Anfang genommen hat. Die Frage nach dem Ursprung des Namens „Beginen“ kann er jedoch nicht eindeutig beantworten. 18
Reichstein sieht hier die Suche nach dem Ursprung des Beginentums. Die Frage nach dem Namen, der Bedeutung und dem Gründer / der Gründerin der Beginen beschäftigt seither Kirchenhistoriker, andere Geisteswissenschaftler und Kleriker. Bei dieser Suche setzten sich drei Stifterthesen besonders durch. Es geht um die historischen Persönlichkeiten Königin Beatrix von Böhmen (1225-1290), die heilige Begga (Geburtsjahr unbekannt, 694 in Andennes gestorben) und Lambert le Bégue (Geburtsjahr unbekannt, erstes öffentliches Auftreten um 1170; 1177 gestorben ). 19
18 Vgl. Ex Mathei Parisiensis operibus cronicis maioribus, MGH SS XXVIII, S. 417 : « Quedam mulieresin
19 Vgl. Reichstein, Frank - Michael: Das Beginenwesen in Deutschland, Berlin 2001, S. 11
15
Arbeit zitieren:
Master of Arts, Diplom-Diakoniewissenschaftler, Diplom-Religionspädagoge, Diplom-Sozialpädagoge Marco Schäfer, 2006, Diakonie in mittelalterlichen Beginengemeinschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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