Gliederung:
1. Einleitung 4
2. Konstruktion der Kategorie „Geschlecht“ 6
2.1 Geschlechtsspezifische Zuschreibungen 7
2.2 Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität 8
2.2.1 Erste Lebensjahre 9
2.2.2 Grundschulalter 11
2.2.3 Jugend 12
2.2.4 Beruf 13
2.2.5 Sexualität 13
2.3 Historische Entstehung der Zweigeschlechtlichkeit 14
3. Dekonstruktion der Kategorie „Geschlecht“ 16
3.1 Dethematisierung von Geschlecht 17
3.2 Drei und mehr Geschlechter? 17
3.3 Stolpersteine des Zweigeschlechtersystems 18
3.3.1 Intersexualität 18
3.3.2 Transgenderismus 20
3.3.3 Transsexualität 21
3.3.4 Travestie/ Drag 22
3.3.5 Metrosexualität 24
3.3.6 Female Masculinities 25
3.3.7 Androgynität 25
4. Dekonstruktion in der Sozialarbeit -
Ans ätze von Konzepten und Methoden 27
4.1 Konzepte 28
4.1.1 Diversity im Kindergarten 29
4.1.2 Schulunterricht 30
4.1.3 Queere Sexualpädagogik 31
4.2 Methoden 33
4.2.1 Diskussionen über Geschlechterstereotypen 34
4.2.2 Schimpfwörter-ABC 35
4.2.3 Gesprächsrunde über Sexismus 35
4.2.4 Biographiekurve 35
4.2.5 Rollenspiel 36
4.2.6 Fragestunde 36
5. Schlusswort 37
Literaturverzeichnis 39
1. Einleitung
In unserer Gesellschaft existieren Frauen und Männer und beide Geschlechter werden deutlich voneinander unterschieden. Mit dieser Unterscheidbarkeit geht ihre spezifische Anordnung im Sozialsystem einher. Die Kategorie Geschlecht fungiert als Strukturierungs- und Ordnungssystem, das Männern und Frauen einen spezifischen Platz in der Gesellschaft zuweist und diese unter dem Geschlechteraspekt organisiert. Diese Zuweisungen und Organisationen beruhen auf Alltagstheorien und Grundannahmen der „natürlichen“ Zweigeschlechtlichkeit. Jeder wird geschlechtlich erfasst, niemand kann sich der strikt binären Klassifikation entziehen, dem rigorosen „Entweder-Oder“. Es gilt die Regel der Unvereinbarkeit und Unveränderbarkeit: Jeder muss jederzeit männlich oder weiblich sein (vgl. Gildemeister 1992: S. 160). Auskunft darüber, ob wir eine Frau oder einen Mann vor uns haben, können die leibliche Erscheinung, Gestalt und Bewegung, Gestik und Mienenspiel, Kleidung, Frisur, Schmuck, Stimme, Name, Beruf, Fähigkeiten, Eigenschaften oder sogar die Schrift geben (vgl. Gildemeister 1992: S. 162). Das Geschlecht eines Menschen ist „offensichtlich“ und diese Offensichtlichkeit ist ein guter Grund, daran zu glauben, dass alle Menschen dem einen oder anderen Geschlecht angehören (vgl. Hirschauer 1999: S. 25). Die Geschlechter gelten als eine Art „soziale Superstruktur“ (vgl. Gildemeister 1992: S. 160). Diese Konstruktion der Kategorie Geschlecht, also das vorherrschende Alltagsverständnis um Geschlechterstereotype, deren
Verinnerlichung (Geschlechtssozialisation) und die historische Entstehung des Systems der Zweigeschlechtlichkeit, stelle ich in Punkt 2 näher dar.
Wer nicht Frau ist, ist Mann. Wer nicht Mann ist, ist Frau. Oder? Warum bestimmt das biologische Geschlecht automatisch über das soziale? Wer hat das eigentlich festgelegt? Und wen stört das? Könnte man daran etwas ändern -.wollte man das überhaupt? In Punkt 3 versuche ich, Zugang zu diesen und weiteren Fragen zu finden. Nachdem es in Punkt 2 um die Konstruktion von Geschlecht ging, geht es in Punkt 3 um Dekonstruktion dieser Kategorie. Hier nähere ich mich dem Thema an, erläutere die Frage, ob die Einführung eines „Drittes Geschlechts“ sinnvoll wäre und stelle Lebensformen dar, die konträr zum System der Zweigeschlechtlichkeit stehen.
4
In Punkt 4 beschreibe ich Möglichkeiten, wie ein solch abstraktes Unterfangen wie Dekonstruktion in der Sozialpädagogik aufgegriffen werden kann. Hierzu stelle ich exemplarisch Konzepte unterschiedlicher Handlungsfelder sowie einzelne Methoden vor.
Als ich erstmalig auf Judith Butler stieß, dachte ich, sie wäre Feministin und ich wählte sie zum Lesen aus, nur weil mir ihr Name gut gefiel. Das war mein Einstieg in dekonstruktive Diskussionen und das Meiste, was ich las, was ich seither sah und was mir erzählt wurde, gibt meinen eigenen Gefühlen und Standpunkten erstmalig ein Forum. Riki Wilchins, Geschäftsführerin der Organisation Gender Public Advocacy Coalition (GenderPAC), beschreibt in der Einleitung ihres Buches Gender Theory (2006) ihre Zielgruppe wie folgt: „Wenn du also jemals mit den Normen Maskulinität und Femininität gekämpft hast, wenn du dich jemals gefragt hast, warum von dir erwartet wird, dort hineinzupassen, wenn du dich nicht immer wie ein „echter Mann“ oder eine „echte Frau“ fühlst […], wenn du jemals gehänselt wurdest, weil du „wie ein Mädchen wirfst“ oder „ein kleiner Wildfang“ bist […] - dann ist dieses Buch für dich. Dieses Buch ist aber auch für dich, wenn du dich jemals gefragt hast, ob es eine andere Form gibt, Mensch zu sein. Und falls du eine/r dieser seltenen LeserInnen bist, die sich niemals solche Fragen gestellt haben, keine Sorge. Nachdem du dieses Buch gelesen hast, wirst du es tun“ (Wilchins 2006: S. 14f). Jedoch möchte ich mich in dieser Hausarbeit keiner Ideologie unterwerfen. Trotzdem ich von der Grundidee überzeugt bin, habe ich auch Kritik und bleibe widersprüchlich. Hierauf komme ich in Punkt 5, meinem Schlusswort, zurück.
5
2. Konstruktion der Kategorie „Geschlecht“
Um in Punkt 3 von Dekonstruktion sprechen zu können, müssen wir zuerst die Konstruktion betrachten, also die alltagstheoretische Grundannahme, dass die Existenz von zwei und nur zwei Geschlechtern eine Naturtatsache ist. Dabei gilt dies als nicht weiter erklärungsbedürftig, Zweigeschlechtlichkeit wird als scheinbar objektive Tatsache durch die Biologie anerkannt. Selbst dort, wo das „Geschlecht“ als das Ergebnis von sozialer Prägung betrachtet wird, wird der Geschlechtsunterschied auf Grundlage des biologischen Unterschieds getroffen. Dabei wird ein Geschlecht gerade häufig nicht an den primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen festgemacht, sondern an anderen Informationen wie Gang, Stimme, Mimik, Körperhaltung und Ausstrahlung. Insbesondere Kleidung und Schmuck haben hier ein großes Sozialisationspotential. So tragen immer noch nur Frauen zum Beispiel Röcke und oder Perlenschmuck. Frauen und Männer sind also Natur und Kultur. In der wechselseitigen Wirkung beider werden Frauen und Männer als solche erst „hergestellt“ oder „geschaffen“. „Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit sind Ergebnisse sozialer, kultureller Prozesse auf der Grundlage symbolvermittelter sozialer Interaktion und kultureller und institutioneller Ablagerung und Verfestigung.“ (Frank 1997: Kapitel 1).
Das heißt, dass auch die vermeintlichen Folgen und Zuschreibungen von Zweigeschlechtlichkeit Ergebnisse sozialer Konstruktionen sind. "Geschlecht" und gegensätzliche Zweigeschlechtlichkeit wird also erst im alltäglichen sozialen Leben und im Dialog mit anderen konstruiert (vgl. Frank 1997: Kapitel 1).
Wir sprechen hier also von einem kulturellen, sozialen Geschlecht und einem biologischen, körperlichen. Ende der 60er Jahre wurde in der US-feministischen Debatte eine theoretische Konzeption von „sex“ als biologischem Geschlecht und „gender“ als kulturellem Geschlecht entwickelt. Gender bezeichnet die soziale Geschlechtsrolle (gender role), die sozialen Geschlechtsmerkmale, also alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird, wie zum Beispiel Verhalten, Kleidung und Beruf. Dieses System bildete die Gegenposition zu
6
der Annahme, dass das kulturelle Geschlecht mit all seinen Zuschreibungen aus einer natürlichen biologischen und grundlegenden Unterscheidung zwischen Mann und Frau hervorgeht. 1975 wurde das Sex/Gender-System von Gayle Rubin als Organisationsprinzip der Gesellschaft analysiert (vgl. Wartenpfuhl 2000: S. 18).
Wie der Sozialisationsprozess die eigene geschlechtliche Selbstwahrnehmung beeinflusst, soll im Folgenden erläutert werden:
2.1 Geschlechtsspezifische Zuschreibungen
Die konventionellen Vorstellungen dessen, wie ein „richtiger Mann“ und wie eine „richtige Frau“ zu sein hat, sind uns immer noch vertraut. Auch wenn sie einem historischen Wandel unterworfen sind, halten sie sich hartnäckig. Hosen indizieren heute keine besondere Männlichkeit mehr. Röcke, Spitzenunterwäsche, Seidenstrümpfe und hohe Absätze aber nach wie vor Weiblichkeit (vgl. Kotthoff 2001: S. 4).
Die gegenwärtigen sozialen Rollen definieren Männlichkeit und Weiblichkeit als geschlechtsspezifische Gegensätze: Das konventionelle männliche Ich gilt häufig immer noch als zäh, stark, unabhängig, realistisch, rational, selbstsicher, oberflächlich, unnahbar, herrschend, bestimmend und gefühllos. Das weibliche Ego dagegen gilt als weich, zärtlich, sanft, schwach, passiv, abhängig, intuitiv, empfindsam, emotional, redselig, fürsorglich und mütterlich (vgl. Frank 1997: Kapitel 1). „Der“ Mann lebt von seinem Tun, seiner Leistung. „Die“ Frau von ihrem Sein, ihrer Natur und nicht zuletzt ihrer Geschlechtsrolle. Traditionell wird Männern der öffentliche Bereich zugeschrieben sowie die Bereiche Markt, Konkurrenz, Macht, Arbeit, Politik und Anonymität.
„Die traditionelle Frau“ hingegen gehört nach diesem Ansatz in das Innere und Private einer Familie. Dabei wird ihre familiäre Rolle nicht als eigene ernst zunehmende Aktivität wertgeschätzt, sondern vor allem als aufopfernde, geduldig hinnehmende und natürliche Liebe gesehen. Sie ist für andere, für den Mann, für die Kinder da. Sie bestimmt als liebende Mutter die Familienatmosphäre und kompensiert die Anstrengungen des Mannes in der „äußeren“ Welt.
7
Nach traditionellen Maßstäben, die von Männern gesetzt wurden und werden (vgl. Mühlen Achs 1993: S. 33), ist es umso wünschenswerter, je maskuliner der Mann und je femininer die Frau ist. Eine Angepasstheit an diese Normen gilt unter dieser Wertvorstellung als Zeichen für Gesundheit und Einfügung, während zu große Abweichungen als Ausdruck von „Nicht-Normal-Sein“ oder gar als pathologisch betrachtet werden (vgl. Johnson/ Masters 1990: S. 211f). Zum Beispiel Männern, die sich weigern, mit anderen zu konkurrieren, und sich für größere emotionale Offenheit entscheiden, wird zudem oft auch eine homosexuelle Orientierung zugeschrieben. Genau wie einigen Frauen, die dominant auftreten und beruflich erfolgreich sind, gerade wenn dieser Beruf als für Frauen untypisch gilt. In der Tat ist für einige Lesben und Schwule Homosexualität nicht nur eine sexuelle Option, sondern eine klare Entscheidung, ein Leben nach einem weniger starken Reglement der Geschlechterrollen zu führen. Die Angst gerade von vielen Jungen und jungen Männern, als „schwul“ bezeichnet zu werden, reicht aus, um zu gewährleisten, dass sie feminine Züge, zumindest in der Öffentlichkeit, fest im Griff haben (vgl. Frank 1997: Kapitel 1).
Die traditionelle wissenschaftliche Forschung betrachtete Männlichkeit und Weiblichkeit als Gegensätze und nahm an, dass ein Mann, der über ein hohes Maß an der seinem Geschlecht zugeordneten Eigenschaften verfügt, umso weniger feminine Merkmale aufweisen müsste. Heute sehen Wissenschaftler in Weiblichkeit und Männlichkeit keine Antithesen mehr, sondern vielmehr als voneinander unabhängige Wesensmerkmale, die graduell verschieden in jedem Menschen vorhanden sind (vgl. Johnson/ Masters 1990: S. 211f).
2.2 Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität
Sozialisation meint den lebenslangen Prozess der stetigen Anpassung eines Individuums an die Normen und typischen Verhaltensweisen einer bestimmten Gesellschaft oder Gesellschaftsschicht, den Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit. Ziel der Sozialisation ist der Ersatz äußerer Anweisungen durch innere Kontrollen und so die Herausbildung einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit. Als Sozialisationsinstanzen werden alle
8
gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen wie Familie, peer-groups, Schule, Beruf und Massenmedien bezeichnet, die Sozialisationsprozesse in Gang setzen und beeinflussen und damit bestimmte Normen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen vermitteln (vgl. Schüler Duden Psychologie 1996: Sozialisation, S. 380f). Für die geschlechtsspezifische Sozialisation bedeutet dies, dass sich Mädchen und Jungen, Frauen und Männer in den einzelnen Entwicklungsstadien ihrer Ontogenese aktiv gesellschaftliche Produkte aneignen und so bevorzugt die ihrem Geschlecht zugesprochenen Fähigkeiten und Eigenschaften entwickeln (vgl. Scheu 1977: S. 116ff). Simone de Beauvoir hat nicht nur mit ihrem Ausspruch ,,Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es" (de Beauvoir 1986: S. 265) einen Denkanstoß für die frauenfeindliche Sozialisation im Patriarchat gegeben.
Die Frage, ob die Sozialisation oder die Biologie mehr zur Frau- bzw. Mann-Werdung beiträgt, ist nicht zu beantworten, da sich Biologie und Soziologie gegenseitig beeinflussen und miteinander verschmelzen (vgl. Krüll 1989: S. 19). Da weder Gene noch Hormone ihre Wirkung unabhängig von Umwelteinflüssen entfalten, ist die Frage, welcher Bestandteil des Verhaltens biologisch bedingt ist, nach dem momentanen Stand der Wissenschaft nicht beantwortbar. Hilge Landweer und Mechthild Rumpf behaupten dazu: ,,Alles ist Kultur - inklusive der Biologie." (Landweer/ Rumpf 1993: S. 19).
Von diesem Ansatz ausgehend zeige ich im Folgenden auf, wie Menschen von klein auf ihre geschlechtliche Rolle lernen.
Bereits vor der Geburt gibt es viele Spekulationen und Mutmaßungen, ob es nun ein Mädchen oder ein Junge wird. Und diese fallen oftmals zugunsten männlicher Nachkommen aus. In der Vorstellung, das ungeborene Kind würde ein Mädchen oder ein Junge, haben Menschen eine ungefähre Vorstellung davon, wie das Leben des Kindes verlaufen wird. Ein Junge würde das aufregendere Leben führen, ein sportlicher und unabhängiger Erfolgstyp sein. Ein Mädchen sollte schön, warmherzig und vielleicht künstlerisch sein als Voraussetzung für eine gute Heirat (vgl. Johnson/ Masters 1990: S. 211f).
9
Arbeit zitieren:
Xenia Bade, 2008, Dekonstruktion der Kategorie "Geschlecht" in der Sozialarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Queer Theory - Theoretische und politische Hintergründe
Frauenstudien / Gender-Forschung
Hausarbeit, 15 Seiten
"Gender/Queer/Feminist Studies" in Thomas Meineckes Roman &q...
Gelebte Theorien als Persönlic...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Obdachlosigkeit: Viele Begriffe - eine Bedeutung?
Versuch einer Differenzierung
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 11 Seiten
Xenia Bade's Text Dekonstruktion der Kategorie "Geschlecht" in der Sozialarbeit ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Xenia Bade hat den Text Dekonstruktion der Kategorie "Geschlecht" in der Sozialarbeit veröffentlicht
Xenia Bade hat einen neuen Text hochgeladen
Geschlecht als interdependente Kategorie
Intersektionalität, Interdepen...
Gabriele Dietze, Antje Hornscheidt, Daniela Hrzán, Kerstin Palm, Katharina Walgenbach
Zur Aktualität der Gender-Pers...
Margherita Zander, Luise Hartwig, Irma Jansen
Hat Strafrecht ein Geschlecht?
Zur Deutung und Bedeutung der ...
Gaby Temme, Christine Künzel
Nationalsozialismus und Geschlecht
Zur Politisierung und Ästhetis...
Elke Frietsch, Christina Herkommer
0 Kommentare